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Ich lebte ein Leben, in dem im Grunde die ganze Zeit die Sonne schien. Man könnte meinen: wie langweilig, wie klischeehaft! Aber soll ich euch etwas sagen? Mir war das egal. Ich wollte nicht in irgendeine verrückte oder außergewöhnliche Sache verstrickt werden. Es gab auf der Welt so viele Kriege, Ungerechtigkeiten, Verzweiflung, Trauer, Gewalt und Tod – da war ich über mein spießerhaftes Dasein einfach nur froh.
Ich setzte mich schlaftrunken auf und meine nackten Füße berührten den kühlen Marmorboden des Zimmers. Meine Nanny musste dringend aufräumen. Sie vernachlässigte definitiv ihre Pflichten. Ich würde Francesca demnächst darauf ansprechen, dachte ich mir und beobachtete dann kritisch die junge Frau im hohen Wandspiegel.
Einen Meter siebzig, rotbraune lange Haare, die mir bis auf den Rücken reichten, tiefblaue Augen, hohe schmale Wangenknochen und eine schlanke Figur. Ich war nie besonders sportlich gewesen, hatte jedoch das Glück mit einer schlanken Figur gesegnet zu sein.
Alles in allem war ich wohl geraten, doch was niemand wusste, war, dass ich eine kleine Behinderung hatte, von der niemand wusste. Jedenfalls nannte ich das selbst immer so. Ich konnte nämlich in die Köpfe anderer sehen. Ich konnte hören, was sie dachten. Ich konnte Gedankenlesen. Man könnte mich auch in der Fachsprache als Telepathin bezeichnen. Ich hatte diese Behinderung, oder auch Gabe, schon mein Leben lang.
Es war einerseits sehr praktisch, zu wissen, was mein Gegenüber dachte, denn so konnte mich niemand anlügen, da ich dies natürlich sofort bemerkte. Auch war ich für viele Jungs die perfekte Freundin gewesen, weil ich immer wusste, was sie mochten und was nicht. Ich konnte sie also stets zufriedenstellen. Natürlich hatte diese Gabe der Telepathie auch ihre Tücken. Ich las auch zwangsläufig Gedanken von Menschen, von denen ich es gar nicht wollte. Doch es fiel mir schwer, mich gegen hunderte oder tausende Gedanken abzuschotten. Manchmal klappt es, dass ich diesen unsichtbaren Schleier hochfahren konnte und mal die Ruhe und Stille genießen konnte. Wenn ich es jedoch nicht mehr schaffte, denn das erforderte sehr viel Kraft und Konzentration, fiel dieser Schleier oder die Barriere und auf mich strömte alles nur so ein. Des Öfteren bekam ich dadurch Kopfschmerzen oder, wenn es ganz schlimm wurde, sogar Migräneanfälle. Da halfen oft nur Kopfschmerztabletten und viele Stunden im Bett, abgeschottet von der Außenwelt. Allerdings gehörte dies einfach zu meinem Leben dazu und ich hatte mich daran gewöhnt. Jeder musste mit seinem Handicap leben, egal wie.
In Gedanken versunken sprang ich unter die große Regendusche im weißen Marmorbadezimmer und ölte danach meine Haut mit dem neuesten Körperöl ein: Kokos aus der Karibik. Danach kramte ich eine Weile in der Kommode herum mit meinen neuesten Kleidungsstücken, welche erst gestern vom letzten Reisetrip nach Paris geliefert wurden. Mode war mir sehr wichtig. Ich definierte mich sozusagen über meine Klamotten. Und schließlich war ich das It-Girl der Schule, die Trendsetterin. Jedes Mädchen wollte mit mir befreundet sein und jeder Junge wünschte sich, mit mir auszugehen. Da hatte man schon einen gewissen Ruf zu wahren.
Ich entschied mich für einen weißen kurzen Rock, ein dunkelblaues Top und weiße hohe Riemchensandalen. Meine Haare föhnte ich trocken und glatt. Perfekt. Ich zwinkerte mir selbst im Spiegel zu, schnappte mir daraufhin meine Tasche und lief die breite Marmortreppe hinunter in unsere Eingangshalle. Dort wartete schon meine Nanny:
»Guten Morgen, Miss Kimberly. Ihr Kaffee steht in der Küche und ein Pancake liegt auch dabei«, begrüßte sie mich freundlich.
»Guten Morgen. Kaffee ja, Pancake nein. Lieber ein Müsli oder nur einen Obstsalat«, rief ich ihr zu, rauschte an ihr vorbei in die Küche und griff nach der Kaffeetasse.
»Miss Kimberly, Sie müssen essen. Sie sind noch im Wachstum und ohnehin schon sehr dünn«, belehrte sie mich jeden Tag aufs Neue.
»Ja, ja, ich weiß. Sie werden auch nicht von jedem hier in der Gegend beobachtet und akribisch beäugt, was Sie tragen, wie dick oder dünn Sie sind oder auch was Sie sich beim nächsten Bäcker um die Ecke zu essen kaufen. Mein Leben ist nicht so einfach wie Ihres, Francesca«, meinte ich gelangweilt und rollte mit den Augen.
»Oh ja, Miss Kimberly, Ihr Leben ist so anstrengend. Ich fange schon bald an sie zu bemitleiden«, meinte meine Nanny süffisant und schüttelte den Kopf.
»Ich muss los, wir sehen uns heute Abend. Wird wahrscheinlich spät werden, da die Schulabschlussparty am Strand stattfindet«, rief ich und wollte gerade gehen, als mich Francesca zurückhielt.
»Stopp! Was haben wir immer gesagt? Woran sollen Sie sich halten?«
»Keine Drogen, kein Alkohol, keine komischen Rituale mitmachen und kein Sex on the Beach«, lachte ich, nachdem ich dies aufgezählt hatte, und winkte ihr über die Schulter zu.
Sekunden später befand ich mich schon vor der Haustür und lief auf mein Auto zu. Mein Auto: ein schneeweißes Mercedes Benz Cabrio. Zu meinem sechzehnten Geburtstag hatte ich es von meinen Eltern bekommen und seitdem hütete ich den Wagen wie meinen Augapfel. Ich ließ den Motor an und rollte von unserer Auffahrt herunter, ehe ich nach rechts auf die Hauptstraße abbog. In der Nähe des Joslyn Parks war unser Treffpunkt und als ich ankam, waren alle schon da. Die ganze Clique. Kaum stieg ich aus meinem Auto, war ich auch schon der Mittelpunkt.
»Hey, Kimberly, da bist du ja!«, meinte meine Freundin Candice mit ihren langen und lockigen roten Haaren laut.
»Hey, Cool-Girl, alles klar?«, fragte eine andere Stimme und ich wurde von jedem geherzt und gedrückt.
Sekunden später saßen wir in einem feinen Restaurant und aßen Lachs, Kaviar, Baguette und tranken dazu alkoholfreien Champagner. Wir unterhielten uns über die Party heute Abend: Wer mit wem kam, wer was anzog ... Und immer wieder tauschte ich verliebte Blicke und Küsse mit Justin aus. Ich war im siebten Himmel. Manchmal fühlte es sich so an, als würde ich unter einer wohl behüteten Käseglocke leben, von welcher alles Böse dieser Welt abgeschottet wurde.
Als es kurz vor zwölf Uhr war, ging ich in Begleitung meines Freundes zum Auto. Er küsste mich zärtlich auf die Lippen und ich blickte in seine stahlblauen Augen. Eine leichte Brise wehte durch sein strohblondes Haar.
»Sehen wir uns heute Abend, mein Engel?«, fragte er mich sanft.
»Ja. Ich lass mich jetzt nur für dich schön machen«, sagte ich freudig wie ein Kind im Süßigkeitenladen.
»Du bist immer schön. Egal, was du mit dir machen lässt. Ciao, Baby«, antwortete Justin und half mir dann galant in den Wagen.
Sekunden später fuhr ich zum Beautysalon Richtung Downtown. Dort blätterte ich in der neusten Klatschzeitschrift herum, während eine Dame unter mir an meinen Füßen arbeitete. Eine Stunde später bekam ich frisch manikürte Fingernägel, weitere zwei Stunden später ließ ich mir die Haare zu einer schicken Frisur hochstecken. Es war später Nachmittag, als ich mit meinem Wagen wieder nachhause fuhr.
Meine Nanny war nicht zuhause, doch sie hatte mir einen gemischten Salat hingestellt. Zumindest dachte sie nun an meine Figur. Ich ging in mein Zimmer und sah mir im Schrank eine Auswahl der Garderobe an. Nach langem Überlegen, mein Fußboden war mittlerweile übersät mit Kleidungsstücken, welche ich aus dem Schrank gepfeffert hatte, entschied ich mich für ein knielanges Cocktailkleid mit Spaghettiträgern, bestickt mit blau-weißen Blumen.
Gerade als ich mein neustes Parfüm auftrug, klingelte es an der Haustür. Ich lief eilig hinunter und öffnete sie ein wenig außer Atem. Es war Justin, der in einer schönen, eleganten Jeans, mit Hemd und seiner goldenen Rolex am Handgelenk vor mir stand. In der Auffahrt parkte sein roter Lamborghini. Meine Güte, ich hatte solches Glück mit diesem Mann. Meine innere Göttin zwinkerte mir vielsagend zu.
»Wow, Kimberly«, staunte Justin und zog mich sofort in seine Arme.
»Vorsicht, ruinier nicht meine Frisur und das Make-up«, wehrte ich ihn liebevoll ab: »Danke, dass du mich abholst.«
»Frauen ... Hast du alles, Darling?«, fragte er, bevor ich die Tür hinter mir schloss.
»Jup, alles dabei. Kann losgehen«, antwortete ich und stieg dann neben ihm in den Wagen.
Als wir losfuhren, spürte ich auf einmal etwas Seltsames in der Magengegend. Ein Schauer lief mir über den Rücken, was keineswegs angenehm war. Ein Gefühl von Angst, als ob bald etwas passieren würde. Etwas, das mein Leben bald mit einem Schlag ändern würde und nichts würde mehr so sein, wie es mal war. Ich versuchte, mich von diesem Gedanken zu befreien, und atmete tief ein und aus. Ich lenkte meinen Blick auf den Santa Monica Beach und meine Augen wanderten über den weiten, unendlich riesigen Ozean.
Ich hatte in der letzten Zeit öfter Albträume bekommen, die ich jedoch niemandem erzählte. Sonst würde man mich noch für verrückt halten. Ständig lief ich durch dunkle, mir unbekannte Wälder und seltsame Gegenden. Ich wurde verfolgt. Beobachtet von giftgrünen Augen. Dann rannte ich urplötzlich in eine Person, welche in Flammen stand. Eine andere wiederum erstrahlte in hellem Licht und auf einmal hörte ich Schreie. Unendliche Schreie von überall her.
Schweißgebadet wachte ich jedes Mal in meinem Bett auf und diese Visionen wiederholten sich, wurden von Mal zu Mal intensiver.
Die Abendsonne tauchte den Himmel in ein rötliches Tuch, jedoch war es noch angenehm warm: achtundzwanzig Grad. Wir fuhren auf einen breiten Parkplatz und konnten bereits die dröhnende Musik und viele bunte Luftballons und helle Lichter erkennen. Massen von Jugendlichen strömten in Richtung The Bungalow. Dies war ein erstklassiges Restaurant mit direktem Sitz am Pier und man konnte von dort aus zu den Strandbars gehen. Eine Band spielte auf einer großen Bühne, wo schon kräftig gefeiert wurde.
»Ich dachte, wir wären die Ersten«, meinte ich und ließ mich von Justin an der Hand durch die Mengen schleifen.
»Was? Quatsch! Die Ersten sind schon seit heute Nachmittag hier. Komm, ich habe uns eine Lounge gemietet, gleich in der Nähe der Caribbean Bar«, sagte Justin.
»Gott sei Dank – eine Lounge. Ich möchte nicht inmitten von allen stehen oder sitzen«, bedankte ich mich und schlenderte um einen am Boden liegenden betrunkenen Typen herum.
Kurz darauf saßen wir in gemütlichen grauen Loungesesseln und hielten Cocktails mit Schirmchen in den Händen. Dazu gab es kleine Snacks und wir lauschten der Musik. Meine Freundin Candice tanzte ganz in der Nähe mit irgendeinem Typen aus unserer ehemaligen Parallelklasse. Meine Banknachbarin Amanda hatte sich an Jason Long herangeschmissen und knutschte wild mit ihm herum. Gerade als ich einen weiteren Schluck meines Cocktails nehmen und danach mit Justin auf die Tanzfläche wollte, erblickte ich aus dem Augenwinkel vier Gestalten, welche sich einen Weg durch die Menge bahnten und direkt auf mich zukamen. Als sie näher kamen, erkannte ich zwei uniformierte Polizisten vom L.A.P.D., daneben eine schmale Frau mit durchdringendem, ernstem Gesicht und meine Nanny. Francesca sah allerdings nicht aus wie sonst. Ihr Gesicht wirkte blass und ihre Augen waren rot. Sie sah verweint aus, hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Immer wieder griff sie nach dem Arm der anderen Frau, um sich zu stützen. Verwirrt stand ich auf und auch Justin erhob sich sofort.
»Was macht deine Nanny hier? Und warum ist die Polizei dabei?«, fragte er etwas lauter durch das Dröhnen der Musik und ergriff sofort meine Hand.
»Ich weiß es nicht. Ich habe aber so das Gefühl, dass das nichts Gutes bedeutet«, flüsterte ich und erneut überkam mich so ein eigenartiges Gefühl von aufsteigender Panik.
»Miss Berry? Kimberly Berry?«, erkundigte sich einer der Polizisten und nickte in meine Richtung.
»Ja, das bin ich«, meinte ich und sah zu meiner Nanny, die kurz davor war, in Tränen aufzubrechen.
»Wir müssen mit Ihnen reden. Können wir das bitte an einem geeigneteren Ort machen?«, wollte der andere Polizist wissen und schaute sich suchend um.
»Ja, am Lagerfeuer. Da dürfte jetzt noch nichts los sein«, meinte ich und nickte ihnen zu.
»Soll ich mitkommen?«, fragte Justin.
»Nein, Sie bleiben hier. Miss Berry, kommen Sie bitte«, sagte die dünne Frau neben meiner Nanny und wies in Richtung Strand.
Ich antwortete nicht. Ich wollte eigentlich widersprechen, doch mir fiel nichts ein. Irgendwie war alles, was hier lief, falsch, vollkommen falsch.
Wir gingen schweigend nebeneinander her und meine Nanny schluchzte immer wieder. Ich blickte sie an, aber sie wandte den Blick immer wieder ab. Ich versuchte, in ihren Kopf zu kommen, doch ich bekam nur bruchstückhaft mit, was sie dachte. Da ich selbst so verwirrt und innerlich aufgewühlt war, konnte ich in jenem Moment meine und ihre Gedanken nicht mehr richtig ordnen und hoffte nur, dass ich bald erfuhr, was hier eigentlich los war. Wenn ich stark verwirrt war oder zu viele Gefühle oder Gedanken auf mich einströmten, fiel es mir grundsätzlich schwer, meine Gabe anzuwenden.
Kurz darauf standen wir vor dem großen Lagerfeuer und ich hörte das Knacken der Holzscheite und das Rauschen des Meeres. Mein Herz klopfte mir dabei bis zum Hals und ich schluckte schwer. Meine Hände hatte ich zu Fäusten geballt, so angespannt war ich und sah mich verwirrt um.
»Was gibt es denn so Wichtiges und wer sind Sie?«, fragte ich die dünne Frau.
»Ich bin Miss Marshall vom Jugendamt«, sagte sie.
»Jugendamt? Ich hab doch eine Nanny und meine Eltern«, fiel ich ihr sofort ins Wort.
»Genau um Ihre Eltern geht es, Miss Berry«, brummte der Polizist und ich bemerkte, wie angespannt er war.
»Wir müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen, Miss Berry«, fing der andere Polizist an und Francesca brach in Tränen aus und hielt sich ein Taschentuch vor die Lippen.
Trotz der aufsteigenden Panik in mir, bemühte ich mich noch irgendwie klar zu denken. Mir schnürte es jedoch regelrecht die Kehle zu.
»Was ist denn passiert?«, stammelte ich und mir wurde heiß und kalt zugleich.
»Ihre Eltern waren auf dem Rückweg mit ihrer Privatmaschine von Kairo nach Los Angeles. Leider ist ein tragischer Unfall passiert«, begann die Frau vom Jugendamt und bei den letzten Worten sank ich zu Boden. Ich zitterte wie Espenlaub und mir wurde schlecht.
»Die Maschine Ihrer Eltern ist über dem Meer abgestürzt. Es tut mir leid, Miss Berry, aber Ihre Eltern sind ums Leben gekommen«, sagte der Polizist langsam und er betonte jedes einzelne Wort.
Eine Weile vernahm ich nichts mehr um mich herum. Ich hörte nichts mehr. Ich sah nichts mehr. Ich wiederholte die Worte in Gedanken, um sie zu begreifen.
»Meine Eltern ... tot ... ein Absturz ... im Meer.« Ich versuchte zu sprechen, doch die Worte verwirrten mich.
Ich schloss die Augen, spürte warme Tränen an meinen heißen Wangen herunterlaufen. Sie liefen und liefen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Eine Hand legte sich auf meine Schulter, welche sich dann um meinen ganzen Körper schloss, und versuchte, mich auf die Beine zu stellen. Es war Francesca, aber ich nahm sie gar nicht mehr wahr. Ich nahm überhaupt nichts mehr wahr um mich herum. Ich versuchte, mich mit zitternden Beinen zu erheben, klappte jedoch immer wieder ein, wie ein Klappmesser. Ich spürte Stiche. Tiefe, schneidende Stiche in meinem Herzen. Ich richtete mich erneut auf und bemühte mich, vorwärtszugehen. Immer wieder strauchelte ich und je mehr ich verstand, was da gerade geschehen war, desto häufiger fiel ich hin.
Als ich einen weiteren Fuß nach vorn setzte, stolperte ich, stürzte in den Sand und blieb dort liegen. Ich drehte mich auf die Seite, zog die Beine an und um mich herum wurde es plötzlich schwarz.
»Tod ..., der Tod ..., er hat sie eingeholt ... Mama ... Papa«, flüsterte ich mit einer mir völlig fremden Stimme.
Ich hielt mich mit aller Kraft an dem tauben Gefühl fest, das mich davor bewahren sollte, zu begreifen, was ich einfach nicht begreifen wollte. Die Dunkelheit umfing mich, hielt mich und zog mich in einen tiefen Strudel.
Das Leben, die Liebe – alles war vorbei.
Kapitel 3
Alles auf Anfang

Ich saß auf dem Rücksitz des Streifenwagens der Polizei und blickte auf die mir plötzlich völlig fremde Welt und Umgebung hinaus. Ich wurde nachhause gebracht und dort gab mir dann ein anwesender Arzt ein sehr starkes Beruhigungsmittel, von welchem ich fast zwei Tage durchschlief. Als ich erwachte, trank ich einige Schlucke Wasser, nahm die nächste Tablette und schlief einfach weiter. So gingen die ersten zwei Wochen vorüber, bis ich zu schwach war, um aufzustehen. Meine Nanny befürchtete, ich könnte tablettenabhängig werden, woraufhin ich drei Wochen lang in einer Klinik in Malibu Beach lag, um mich dort physisch wie psychisch wieder zu stabilisieren.
Die Farbe in meinem Leben war verschwunden. Alles war für mich schwarz und weiß. Es gab nicht mal mehr die Farbe Grau. Ich fühlte nichts mehr, nur noch innere Leere, Dunkelheit und ein tiefes Nichts.
Mir hatte es die Luft zum Atmen genommen, es wurde mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Ich schottete mich von der Außenwelt ab und wollte auch niemanden mehr an mich heranlassen. Ich war in Trauer – in tiefer Trauer und das war meine Art und Weise, damit fertig zu werden. Zu meiner großen Bestürzung riefen mich meine Freunde und sogar Justin kein einziges Mal an. Seitdem ich mich von allen zurückgezogen hatte und nicht mehr der hippe, lustige und fröhliche Sonnenschein war, distanzierten sie sich immer mehr. Sollten das etwa die Freunde gewesen sein, welchen ich mein ganzes Leben lang vertraut und von denen ich gedacht hatte, man würde sich in guten wie in schlechten Zeiten beistehen?
In der Zwischenzeit hatte meine Nanny mit meinen letzten verbleibenden Verwandten in Europa telefoniert. Ich war noch nicht volljährig und da meine Nanny nicht das Sorgerecht für mich hatte, musste ich dorthin auswandern oder, um es mit meinen Worten zu sagen, ich wurde dorthin abgeschoben. Nicht, dass ich etwas gegen Europa hatte, aber ich war die Sonne und das turbulente, hektische Leben in L.A. nun mal gewöhnt.
Mein Onkel Archibald Harrison und meine Tante Philippa lebten in der kleinen schottischen Stadt Wick. Die Hafenstadt lag an der nordöstlichen Küste von Schottland, etwa 410 km nördlich von Edinburgh und rund 1060 km nördlich von London. Das 7155 Einwohner zählende Wick war die Hauptstadt der Grafschaft Caithness. Allein die Zahl der Einwohner schockierte mich. So viele Schüler hatte allein meine Highschool gehabt. In diesem Ort kannte jeder jeden. Egal, wohin man kam, immer wurde man angeglotzt und wenn du ein neues Kleid anhattest, wusste es am nächsten Tag die ganze Stadt. Es war mir einfach zu dörflich. Zu wenig Stadt. Zu wenig Anonymität.
Früher hatte ich Onkel und Tante öfter in den Ferien mit meinen Eltern zusammen besucht, denn meine Mum war die Schwester meines Onkels Archie. Meine Mutter stammte ebenfalls ursprünglich aus Wick. Das Haus, in dem mein Onkel wohnte, war deren Elternhaus. Das war eines der wenigen Dinge, worauf ich mich wirklich freute. Somit hatte ich zumindest ein etwas aus dem Leben meiner Mutter zurückbekommen. Aber das war auch schon alles.
Der Flug von Los Angeles nach London dauerte zehn Stunden. Danach ging es nochmal eineinhalb Stunden hinauf nach Aberdeen und weitere fünf Stunden mit einem Flughafenshuttle nach Wick, am äußersten Rand des Nirgendwos. Die kleine Weltreise machte mir nichts aus, denn so konnte ich ein wenig für mich sein und über vieles nachdenken. Auf die Ankunft freute ich mich nicht so wirklich. Ich wusste einfach nicht, wie es werden würde. Außerdem hasste ich Überraschungen.
Archie und Philippa hatten es sehr gut aufgenommen, dass sie von nun an auf ein siebzehnjähriges Mädchen aufpassen sollten. Sie hatten selbst keine Kinder – so viel ich wusste – und sich immer welche gewünscht. Woran es lag? Keine Ahnung. Jedenfalls versprachen sie mir bei den unzähligen Telefonaten, die wir seitdem geführt hatten, dieses und jenes. Irgendwann hatte ich aufgehört zuzuhören. Sie führten also meist einen Monolog, wenn wir uns unterhielten. Ich wusste einfach nicht, über was ich mit ihnen reden sollte. Hoffentlich waren es nicht so alteingesessene Spießer, die zigtausend Regeln hatten, an die ich mich zu halten hätte.
Was ich noch mehr vermissen würde, war das Autofahren. Ich fuhr seit einem Jahr meinen eigenen Wagen, was mir enorme Freiheiten gab. Hier in Schottland durfte man erst mit achtzehn ans Steuer und das auch noch mit Linksverkehr. Das hieß, ich musste noch einmal in die Fahrschule. Zumindest ein paar Stunden zum Umgewöhnen.
Mit all diesen Fakten sank meine Stimmung immer mehr und mehr auf den Nullpunkt und je näher ich der Hafenstadt Wick kam, desto tiefer drückte ich mich ausgelaugt, schlecht gelaunt und müde in meinen Sitz am Fenster.
Als ich am Abend ankam, regnete es natürlich wie aus Eimern. Mit wackeligen Beinen stieg ich aus dem kleinen Bus, zog mir meine Kapuze tief ins Gesicht und begab mich mit meinem Koffer auf den kleinen Bahnhofsvorplatz. Ich blickte mich suchend nach zwei mir bekannten Gestalten um. Aaus dem Augenwinkel sah ich einen dunkelgrauen Range Rover vorfahren. Die Lichter blendeten mich und die Scheibenwischer schlugen wild hin und her. Die Luft roch nach Regen und frischem Gras. Ein leichter Wind fegte über den Bahnhofsvorplatz. Es war eine friedliche Stille und das Gerede anderer Passanten um mich herum blendete ich einfach aus. Ihre Gedanken hörte ich ebenfalls nicht mehr, seit mich mein Schicksalsschlag getroffen hatte. Vielleicht war dadurch endlich der Spuk vorbei und ich konnte diese Behinderung abhaken.
Ich sammelte nun meine ganze Kraft und Konzentration, um die Ankunft meiner neuen Zieheltern so gut wie möglich zu überstehen. Als der Wagen vor mir hielt, atmete ich tief ein und aus. Eine hochgewachsene Frau mit blondem Haar, das zu einem strengen Knoten im Nacken zusammengebunden war, und ein etwas korpulenter Mann mit silbergrauem Haar und wachsamen blauen Augen stiegen aus und kamen durch den Regen unter das Bahnhofsvordach auf mich zu. Auch in ihren Gesichtern konnte ich Anspannung lesen, doch sie sahen mich freundlich an.
»Schön dich zu sehen, Kimberly«, sagte Philippa lächelnd, während Onkel Archie an meine Seite kam und mir den Arm um die Schulter legte.
»Wir freuen uns sehr, dass du endlich bei uns bist. Willkommen in Wick, welches sich gerade heute nicht von seiner schönsten Seite präsentiert«, meinte Onkel Archie und drückte mich daraufhin sachte, aber herzlich an sich.
Ich presste die Lippen aufeinander, um nicht zu weinen. Ich hatte schon zu viele Tränen in den letzten Wochen vergossen, doch jetzt wollte ich die Zeit der Trauer endlich hinter mir lassen. Zumindest wollte ich es versuchen.
»Ich freue mich auch, bei euch zu sein«, stammelte ich und sah verlegen zu Boden.
»Komm rasch ins Auto. Wir können uns zuhause weiter unterhalten, wenn du das möchtest«, sagte Philippa und wir hievten gemeinsam meine drei schweren Koffer ins Auto.
Ich setzte mich nach hinten, legte den Gurt an und lehnte mich zurück. Wir drei fuhren schweigend vom Bahnhof Richtung Küstenstreifen. Ich blickte aus dem Fenster und betrachtete die kleinen Lichter der Stadt. Es waren noch einige Menschen auf den Straßen unterwegs. Alle mit Regenmänteln in quietschgelb oder mit Regenschirmen. Den Bewohnern von Wick schien dieses scheußliche Wetter nichts auszumachen.
»Kimberly? Wir wissen, dass du in Amerika Auto fahren durftest. Wie du weißt, geht das hier leider nicht. Jedoch haben wir für dich ein neues Fahrrad gekauft, mit dem du dich fortbewegen kannst. Natürlich ist es auch möglich zu Fuß zu gehen. Das College ist nur fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Sobald du achtzehn bist, kaufen wir dir ein eigenes Auto – versprochen«, räusperte sich Archie und zwinkerte mir im Rückspiegel zu.
»Das ist lieb von euch, danke«, antwortete ich und bemühte mich krampfhaft, zu lächeln.
Wir wechselten noch ein paar Sätze über das ständige Regenwetter und über das, was sich hier in der kleinen Stadt so alles verändert hatte. Das war es dann auch schon. Obwohl wir in einer Kleinstadt waren, erschien alles so ländlich zu sein. So grün. So unverbraucht. Ich kam mir vor wie in einem Rosamunde Pilcher-Film. Wie in einem für mich völlig falschen Film.




