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Jammernd begann sein Gegenüber nun erstmalig zu reden: „Nur am Kopf und Bein … aber Sie sind … Sie sind ein urgalanischer Kämpfer! Sie kommen um zu töten! Oder wollen Sie mich etwa zum Sklaven machen? Ich … ich … Lassen Sie mich gehen, bitte!“
Da war es wieder. Martin stand auf und knetete sich nachdenklich mit der linken Hand den Nacken. So funktionierte Gesellschaft hier: Einschüchterung, Angst, Beherrschung, Unterdrückung. Gerade eben hatte dieser Kerl noch über seine Mitmenschen und ihre Dummheit gespottet, sich so einen heißen Flitzer abjagen zu lassen, und zwei Minuten später lag er wimmernd auf der Straße und bettelte um Gnade. Zorn keimte in Martin auf – aber nicht auf den am Boden Liegenden, sondern irgendwie auf alles. Noch vor zwei Wochen hätte er diesem Kerl entweder seine Verachtung oder seine Überlegenheit demonstriert und ihn gefesselt als Beute vor sich hergetrieben, um ihn in Galdau jemandem gegen eine gute Mahlzeit und eine Jacke zu überlassen. Das Wissen darum, dass hierzulande so verfahren wurde, stieß ihm ebenso sauer auf wie die Tatsache, dass er als Uniformierter Teil dieses Systems gewesen war und genau dies einige Male getan hatte.
„Vergiss dein Licht niemals, besonders dann nicht, wenn Furcht, Scham, Wut oder Kummer ihren Tribut fordern.“ Amas Stimme hallte in seinem Geist wieder und erinnerte ihn daran, dass er jederzeit selbst entscheiden konnte, welchem Weg er folgen wollte. So richtete er seinen Blick nach innen. Ja, dort war es und darin herrschte Friede. Er brauchte ihn nur anzunehmen.
„Bursche, wenn ich etwas in dieser Art vorhätte, würde ich weder mein Sanpack an dich verschwenden, noch mir die Mühe machen, mit dir zu reden“, ließ Martin seine Stimme vernehmen. „Schluss mit dem Gejammere!“ Nachdem er sich sein Oberteil wieder übergestreift hatte, ergänzte er etwas sanfter: „Mein Auftrag ist ein vollkommen anderer. – Vielleicht sagst du mir erstmal deinen Namen.“
„Ich … ich bin Daniel“, stotterte der Junge verblüfft im Licht des Scheinwerferkegels. Außer der Platzwunde und dem verletzten Bein hatte er allerhand Abschürfungen und Schrammen, seine Kleidung war zerschunden. „Aber Sie, Sie sind doch …“
„Gut, Daniel. Ich würde dich gern um etwas bitten: Hör mit dem Gesieze auf. Wir sind hier in freier Wildbahn und müssen uns beide durchschlagen. Da passt das nicht.“
Daniels Verblüffung wurde immer größer. Warum war dieser bärenstarke Kerl mitten in der Nacht aus der Deckung gekommen, wenn er weder etwas aus dem Wagen klauen noch ihm schaden wollte? Und wenn er Soldat war, was faselte er da von einem „anderen Auftrag“ und „freier Wildbahn“? Wo waren seine Kameraden? Es gab keine einzeln durch die Lande ziehenden Kämpen in offizieller urgalanischer Uniform. Nun ja, offenbar wollte er ihm wirklich nichts tun. Und so begann er: „Wie heißen S… äh, wie heißt du denn?“
„Mein Name ist Martin“, erwiderte der Angesprochene ruhig. „Und ich möchte jetzt gern von dir wissen: Was ist vorhin passiert, wie viele Typen waren in deiner Meute und sind hier noch weitere von deiner Sorte?“
Daniel hatte immer noch etwas Angst und beruhigte sich nur langsam. Er wischte sich einmal vorsichtig über das großflächige Stirnpflaster, verzog schmerzhaft das Gesicht und begann dann zu berichten: „Wir nennen uns die Kachler und waren zu dritt in diesem Wagen, den wir vorhin den Brandhörnern abgenommen haben. Die brutzelten sich auf ihrem Hinterhof gerade irgendwas Gejagtes, als wir losrannten und damit davondüsen konnten. Das war ihre einzige Mühle, sie konnten uns also nicht folgen.“ Ein Grinsen huschte über Daniels zerkratztes Gesicht. „Es war das erste Mal in drei Monaten, dass wir ihnen eine Niederlage beibringen konnten. Die Gesichter hättest du sehen sollen, als …“
„Das interessiert mich nicht“, fuhr Martin ihn an, um dann etwas ruhiger weiterzusprechen: „Nur ab dem Moment, bevor es hier geknallt hat.“
Daniel zuckte zusammen. „In Ordnung … also, wenn wir uns mal ein Auto ziehen können, hämmern wir damit immer volle Möhre über die alte Bahn hier, bevor wir es gegen ordentlich was zu mampfen oder so eintauschen. Daher haben wir ja auch unseren Namen. Sowas macht tierisch Bock. Na ja, und Frank hat’s dann halt ein bisschen übertrieben. Ich hing grad aus dem Fenster hinten, als die Karre ’nen Mordssatz machte. Hab direkt gecheckt, das geht nicht gut, aber da war’s schon zu spät, ich flog durch die Luft und bin hier aufgeschlagen. Den Rest kennst du.“
„Kenne ich nicht“, sagte Martin. „Wo sind denn dieser Frank und dein anderer Kumpel hin, wenn ihr eine Bande seid?“
Daniel sah mit einem Mal sehr resigniert aus. Nach einer Pause antwortete er leise: „Die sind vermutlich abgehauen …“
„Tolle Meutenfreunde“, meinte Martin, drehte sich zum Wagen und ging darauf zu. Ihm war nämlich eingefallen, dass Autos normalerweise einen Verbandskasten mit sich führten, der sich entweder unter einem Sitz oder im Kofferraum befand. Wenn er schon sein Sanpack angebrochen hatte, konnte er es daraus vielleicht wieder auffüllen oder den Kasten gleich ganz mitnehmen. Nachdem er durch die aufgebogene Fahrzeugtür unter die Vordersitze des halb auf der Seite liegenden Wracks geschaut und nichts gefunden hatte, versuchte er, die stark verzogene Kofferraumklappe zu öffnen. Als ihm dies auf herkömmlichem Wege nicht gelang, packte er ein hervorstehendes Teil mit beiden Händen und riss mit einem gewaltigen Ruck das verbeulte Stück Blech zur Seite. Aus dem Kofferraum heraus polterten zwei Teile: ein leerer Blechkanister, der nur geringfügig eingedellt war, und der ersehnte kleine Verbandskasten aus Kunststoff. Seine Hülle war zwar an einigen Stellen gebrochen, aber der Inhalt schien noch vollständig intakt zu sein.
Mit den Teilen in den Händen kehrte Martin zum nunmehr bewundernd dreinblickenden Daniel zurück. Dieser hatte sich zum Sitz aufgerichtet und stammelte: „Donnerwetter! Schade, dass du ein Soldat bist … solche Kräfte könnten wir gut gebrauchen …“
„Wir? Wen meinst du mit ‚wir‘? Etwa deine Kumpel, die dich hier verrecken lassen hätten? Bursche, wach auf, das Thema hat sich erledigt! Kein Rumgeheize mehr mit fremden Karren, du bist auf dich gestellt und wirst hoffentlich nicht mehr so ausgesprochen dämlich sein, deine Ressourcen so zu verschwenden!“ Nun war Martin doch aufgebracht und musste sich wieder etwas zügeln. „Sag mir lieber, ob ihr noch mehr brauchbares Zeug an Bord hattet.“
„Im Handschuhfach könnten noch ein paar Dosen liegen“, hauchte Daniel eingeschüchtert mit gesenktem Blick.
„Okay, ich seh mal nach“, erwiderte Martin ruhiger. Und tatsächlich, nach einer Weile kehrte er mit vier Dosen zurück. „Ist da auch ein Öffner dabei?“
Zum ersten Mal zeigte Daniels Gesicht ein richtiges Lächeln. „Manchmal ist es gut, der Depp zu sein, der meist nicht fahren darf, aber alles reparieren können soll“, sagte er und wollte etwas aus seiner Hosentasche herausholen. Mit einem Aufschrei fiel er wieder zurück auf den Boden. Diese Bewegung war offensichtlich sehr schmerzhaft für ihn gewesen. Martin ging zu ihm und zog vorsichtig ein zusammengeklapptes Mehrfachwerkzeug aus seiner Tasche. Seine Augen begannen zu leuchten. Dieses Ding war nicht mit Gold aufzuwiegen, wenn man sich ohne Ausrüstung durch ein gesetzloses Land schlagen musste!
„Hab ich mir doch gleich gedacht, dass du auch nur ein Dieb bist“, erklang es gedämpft von unten.
Statt darauf einzugehen, legte Martin seine Hände unter Daniels Kopf und Rücken und richtete ihn vorsichtig wieder zum Sitz auf. Dann sah er ihm direkt in seine nun wieder furchtsamen Augen und sprach sanft: „Mein Junge, es tut mir leid, dass du so etwas denkst. Ich verstehe dich, du hast nichts anderes kennengelernt. Dafür wird es jetzt langsam Zeit.“
Daniel glaubte, er habe sich verhört. Redete so ein Krieger der Königlichen Urgalanischen Armee, selbst wenn er offensichtlich allein durch die Lande streifte? Er selbst war ein Atalane, sein Leben war für einen Urgalanen keinen Pfifferling wert. Dieser Kerl jedoch behandelte ihn, als wäre er sein Onkel oder sowas … Jetzt hielt er ihm auch noch eine von den Dosen hin!
„Wünsche ein angenehmes Nachtmahl … oder Frühstück“, fuhr Martin nun fort. Recht hatte er, denn im Osten zeigte sich allmählich der Silberstreif des ersten Tageslichts. „Bevor wir hier aber zu schmausen beginnen, sollten wir vielleicht von der Straße heruntergehen. Vielleicht kommen ja doch noch ein paar von diesen Brandhörnern vorbei, um euch zu jagen. Kannst du aufstehen?“
Nein, das konnte Daniel nicht. Also ergriff Martin ihn unter Schultern und Knien und hob ihn hoch.
Daniel schrie auf, Pein raste von seinem Bein aus durch seinen Körper und auch die pochenden Kopfschmerzen wurden wieder stärker. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er alle Kräfte dafür benötigte, weitere Schmerzensschreie zu unterdrücken, wurde er schließlich auf dem Boden unter einem Obstbaum abgelegt und fiel keuchend in sich zusammen. Nichtsdestoweniger musste er noch ertragen, dass ihm Martin etwas später im Halbdunkel den Verband wechselte.
Auf ins Ungewisse
Gemächlich zockelte das Gespann über die schmale Straße, die von der Küste aus ins Landesinnere führte. Sus saß mit traurigem Blick auf dem neu gezimmerten Kutschbock und hielt die Zügel des kleinen, aber kräftigen Lasttieres, welches ihnen der Bauer für die Habseligkeiten gegeben hatte, die sie ansonsten hätten zurücklassen müssen. Schade, dass niemand in der alten Hütte wohnen wollte. Sie lag aber einfach zu nah am Küstenwald für jemand, der nichts von den Zusammenhängen verstand, und Pinienreiter konnte es nun einmal nicht geben. Betrübt schaute Sus auf den Weg, den das Gefährt mit knarrenden Rädern und quietschender Deichsel entlangrollte. Es war schon schwierig gewesen, sich von den zahmen Ogons und dem Osled zu verabschieden, die ihnen so lange treu gedient hatten. Na, so hatten sie bei dem Bauern wenigstens ein neues Zuhause, und Ogons als Transporthilfen hatte wahrlich nicht jeder.
Ama gesellte sich zu ihr. Offenbar war sie mit den Befestigungsarbeiten in der wieder aufgebauten Fahrhütte fertig geworden. Zu Beginn der Fahrt war doch einiges durcheinandergeflogen. Die Hütte war kleiner geworden, als sie es ursprünglich gewesen war, denn erstens hatten sie nicht so viel Material gehabt und zweitens hatte noch der Kutschbock Platz finden müssen, der ja beim Betrieb mit einem Motorfahrzeug nicht nötig gewesen war. „Soll ich dich ablösen, Schwester?“, fragte sie.[no image in epub file]
Sus schüttelte den Kopf. Sie waren ja seit ihrer Abreise am frühen Morgen gerade erst acht oder neun Langmaße gereist. Wenn sie also erschöpft aussah, dann aus dem Grund, dass ihr der Abschied so schwerfiel. So sehr hatte sie sich daran gewöhnt, als Einsiedlerin zu leben, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, regelmäßig fremden Leuten zu begegnen. „Sag mal … ist es eigentlich in Ordnung, wenn man Schwierigkeiten mit solchen Gefühlen hat?“, fragte sie unvermittelt.
Ama drehte sich zu ihr und bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. „Du glaubst doch nicht, dass mir das einfach so von der Hand geht, oder?“, fragte sie.
„Aber du wirkst so gefasst und zuversichtlich! Ich trage die ganze Zeit Kummer in mir, obwohl ich doch weiß, dass das gar nicht nötig ist, weil ich doch vertrauen darf!“, stieß Sus etwas gequält hervor.
Ama nahm ihr die Zügel aus der Hand und hielt mit einem lauten „Rrrm“ den Wagen an. Dies war wichtiger als voranzukommen. „Kommst du bitte kurz mit? Es ist schwierig, so etwas auf einem Kutschbock zu besprechen.“
Sus stieg mit Tränen in den Augen vom Fuhrwerk hinab und ließ sich von Ama einige Kurzmaße weit in den Graswald führen. Neben einem großen Elefantenfuß, der zwischen den Gräsern seine Wurzeln geschlagen hatte, nahm Ama sie in die Arme und sagte ihr sanft ins Ohr: „Du brauchst dich mit solchen Gedanken nicht zu belasten, Schwester. Wenn Vertrauen da ist, ist es da; wenn es mal fehlt, wird es zurückkommen. Niemand verlangt von dir oder sonst jemandem, seine Gefühle beherrschen zu können. Lass den Schmerz gewähren, so lange er sein möchte. Und glaube nicht, dass du allein Kummer trägst, nur weil ich gefasster wirke. Komm, lass es heraus … und dann sieh mich an.“
Sus spürte die Wärme ihrer älteren Freundin und begann zu schluchzen. Mehr und mehr Tränen ergossen sich aus ihren Augen über Amas Arm, um dann auf die Erde zu tropfen. Nach etwa einer Mittelzeit warf sie auf einmal den Kopf zurück und dann brüllte es aus ihr heraus: „Ich will hier nicht weg! Es war so schön alles! Ich weiß, dass es vielleicht besser wird und wir auch den Kontakt zu anderen Schwestern finden werden, aber es war einfach total schön!!“
Ama wartete eine Weile, bis das Schreien wieder in Schluchzen übergegangen war. Dann nahm sie Sus’ Hände in ihre, stellte sich kerzengerade mit geschlossenen Augen vor sie hin, führte ihre eigenen mit den Handflächen der jüngeren Bruka zusammen und flüsterte: „Nun schau.“
Allmählich entstand ein Gleißen zwischen ihren Handflächen, welches sich zu einem hellen Leuchten steigerte. Sus beruhigte sich zusehends und richtete sich ebenfalls auf. Einige Mittelzeiten lang verharrte sie verbunden mit ihrer Freundin. Als sie ihre verquollenen Augen wieder aufschlug, sah Ama sie bereits mit ihrem sanften, tröstenden Blick an.
„Du bist ja genauso traurig wie ich …“, flüsterte Sus. Der Kloß im Hals war zu groß, als dass sie richtig hätte sprechen können. Sie führte ihre Hand durch Amas Gesicht und strich ihr ebenfalls eine Träne von der Wange. „Danke für diese Schau der Dinge.“
„Es ist immer schön, das Erleben mit dir zu teilen, verehrte Schwester“, sagte Ama sichtlich ergriffen. „Noch etwas: wenn du es dir wirklich mit dem Herzen wünschst und es nicht nur ein Festhalten an Dingen ist, dann wirst du eines Tages zurückkehren.“
Die beiden Brukas umarmten sich noch eine Weile, bis sie gemeinsam Hand in Hand die kurze Strecke zum Weg zurückschlenderten. Sie bedankten sich bei ihrem Lasttier für seine Geduld mit einer Schale Wasser. Dann nahmen beide auf dem Kutschbock Platz und setzten ihre Reise mit Ama an den Zügeln fort. Nach ein paar weiteren Langmaßen bog das Gespann nach links auf eine schmale Straße ab, um gleich darauf rechts herum auf einen Feldweg einzuschwenken. Langsam stieg die Sonne am Himmel empor.
„Weshalb fahren wir eine so schlechte Strecke?“, fragte Sus ihre Nachbarin. „So dauert es bestimmt doppelt so lange, bis wir wieder ein Dorf erreichen, oder?“
Ama antwortete mit einer Gegenfrage: „Hast du es denn eilig oder möchtest ein Dorf erreichen? Ich ziehe einsame Pfade in Baumwaldnähe vor, da wir auf diese Weise nicht so vielen Menschen und ganz sicher keinen Motorfahrzeugen mit Küstenbesuchern begegnen werden. Vielleicht treffen wir ein paar Reiter oder Trugkerle, dann müsste ich schon zur Genüge wieder ‚alte Frau‘ spielen. Außerdem ist in verlassenen Gegenden die Chance größer, dass wir unsereins begegnen.“
„Meinst du etwa, dass wir bereits hier weitere Schwestern treffen könnten?“, fragte Sus zweifelnd.
Ama schüttelte den Kopf. „Vermutlich nicht. Wir haben eher noch eine weite Reise vor uns, bis wir sie finden. Lass uns weiterhin schnurstracks nach Südwesten ziehen, bis wir in ein paar Tagen den Elvon überqueren und ins Mittelland kommen. Ich würde dafür gern die alte Fähre von Guldorf benutzen und die großen Brücken und Querungen lieber meiden. Falls wir den Elvon ein Stück weiter westlich oder östlich erreichen sollten, fahren wir ihn bis zur Fähre entlang.“
Sus nickte zufrieden. Das klang nach einem Plan, an dem sie sich ein wenig festhalten konnte. Wie schön, dass ihre liebe Freundin so gut vorausdenken konnte!
Die Sonne erreichte ihren höchsten Punkt und fing wieder an zu sinken. Durch Graswälder und Mooswiesen führte der Pfad südwestwärts über das flache Küstenland. Die Vögel des späten Sommers sangen ihre Lieder in den Feldern und wenigen Baumwäldern. Kornblumen und Krallmohn säumten den Weg. Manchmal, wenn deren Kelche sich über den Pfad neigten, stoppte der Wagen, damit die beiden Reisenden ihre Köpfe in die großen Blüten stecken und den intensiven Duft genießen konnten. Gleichmäßig zog das brave Lasttier das Fuhrwerk holpernd voran. Jeder Bachlauf wurde zum Saufen und zum Füllen der Trinkgefäße genutzt, auch Heu und Moos gab es reichlich überall zu fressen. Irgendwann stimmte Ama ein Kutschlied an, in welches Sus mit einfiel.
Als es später Nachmittag geworden war und die Sonne sich allmählich dem Horizont zuneigte, entschieden sich die beiden, einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen. „Falls wir nochmal durch einen kleinen Flecken kommen, sollten wir schauen, ob wir für ein paar Beutel unserer Kräuterteemischungen etwas zu essen bekommen können“, sagte Ama. „Und danach werden wir auf einer freien Fläche kampieren. Gut, dass wir mit dem Wetter Glück haben!“
Sus wollte gerade etwas erwidern, als sie plötzlich stutzte. Auch Ama reagierte sofort, zog die Zügel und machte „Rrrm“. Das Gespann hielt an, denn an dieser Stelle ging es nicht weiter. Zumindest im Moment nicht, weil quer auf dem Weg ein Hüne wie eine Vogelscheuche mit ausgebreiteten Armen stand. Er trug die einfache Kleidung eines Bauern, hatte den langen Griffstiel eines Pfluges in der Hand und maß in der Höhe in jedem Fall mehr als zwei Kurzmaße.
„Haaalt!“, rief er mit heiserer küstenländischer Stimme. „Ihr müsst umkehren. Fahrendes Volk ist in unserem Flecken nicht erwünscht!“
Neuer Kamerad
Martin kehrte noch einmal auf die Straße zurück. Mit einem Tritt löschte er den immer noch leuchtenden Scheinwerfer des Autowracks. Man konnte inzwischen auch ohne künstliches Licht etwas erkennen und musste ja möglichen Herumirrenden nicht länger als nötig anzeigen, dass noch jemand in der Gegend war. Gern hätte er die Batterie des Autos mitgenommen. Davon abgesehen aber, dass diese zu schwer gewesen wäre, konnte man sehen, dass der Wagen an der Frontpartie zu stark beschädigt war und man nicht an sie herankam. Vielleicht war ja noch Benzin im Tank? Ausgelaufen war bisher zumindest nichts. Leider lag der Wagen genau auf der Seite mit dem Tankeinlass und Martin verspürte keine Lust, ihn herumzurollen und dann zu versuchen, im Halbdunkel den leeren Kanister ohne Schlauch zu befüllen. Das musste bis zum Licht des Tages warten.
Also nahm Martin Verbandskasten und Kanister und schleppte sie zusammen mit den Dosen zu seinem neuen Begleiter. Dieser hatte es geschafft, trotz seiner Schmerzen einzuschlafen. Solchen Luxus konnte sich Martin nicht erlauben – erst musste er wissen, inwieweit man diesem Burschen vertrauen konnte. Daher beschloss er, die Nacht für sich zu beenden und sein Frühstück allein einzunehmen.
Ein paar Stunden später stand die Sonne bereits hoch am Himmel und die Obstbäume warfen ihre Schatten auf die ausgedörrte Erde. Martin hatte es geschafft, doch noch etwas Obst als Mittagbrot aufzutreiben. So brauchte er seinen Proviant in der Tasche aus Kippstadt nicht anzugreifen und konnte Daniel die zwei verbliebenen Dosen überlassen.
Dieser hatte sich im Schatten seines Baums bereits einige Male gedreht, sein Körper schien aber noch weitere Ruhe zu benötigen.
Bisher hatte sich ihnen niemand genähert und auch die Straße war genauso verlassen wie am vorigen Abend. Martin hatte ein gutes Gehör, ihm wären irgendwelche Besucher nicht entgangen. Er rechnete allerdings auch nicht damit, dass sich noch jemand in diese Gegend verirrte. Die Mitglieder der bestohlenen Bande aus Kippstadt waren die Einzigen, denen er es zutraute, ihrem Wagen die halbe Nacht hindurch hinterherzulaufen – offenbar wussten sie ja, wer die Diebe waren und es war offensichtlich bekannt, wohin diese gern mit gestohlenen Autos fuhren. „Kachler“, pah! Es war wirklich Zeit, dass etwas geschah. Er selbst trug ja auch noch die Verletzungen in sich, die für diese Zustände gesorgt hatten. Nur hatte er nun das Glück, seine Heilung zulassen zu können.
Ein Ächzen riss ihn aus seinen Gedanken. Offensichtlich war Daniel aufgewacht. Martin drehte sich herum und ging die paar Schritte zu ihm hin. „Guten Mittag“, sagte er. „Wie kann man bloß so lange schlafen, ohne Liegebeulen zu bekommen … Bist du gar nicht hungrig?“
Und ob Daniel das war! Nachdem er den Gruß erwidert hatte, verschlang er gierig den Inhalt der beiden Dosen aus dem Handschuhfach des Fahrzeugwracks. „Durstig bin ich auch … Wo bekommst du dein Wasser her?“
Die Frage war berechtigt. Bis hierher hatte der Inhalt seiner Flaschen gereicht, aber bis auf ein paar Schlucke war nichts mehr übrig. Martin dachte nach. Dies war eine ehemalige Obstplantage und die Bäume waren nicht verdorrt. Es musste also Grundwasser geben. Durchs Galdauer Land flossen aber auch einige kleine Flüsse – beim früheren Stand der Technologie Atalans hatte es sicher ein Bewässerungssystem gegeben. Die Pumpen mochten längst kaputt sein, aber wenn man alten Wasserrohren folgte … „Wir müssen Wasser suchen. Kannst du jetzt aufstehen?“, fragte Martin knapp.
Daniel bewegte vorsichtig sein Bein und berührte das Pflaster an der Stirn. Die Heilung schien fortzuschreiten. Gut, dass der Urgalane diese Desinfektionstropfen dabeigehabt hatte. Aufstehen und langsames Gehen mochte gelingen, aber falls die Verletzung am Bein wieder aufreißen würde – nicht auszudenken. „Ich kann’s versuchen, aber wenn die Wunde wieder aufgeht …“
„Verstehe“, erwiderte Martin nickend. „Mein letztes Sterilo sollten wir vielleicht noch behalten. Gut, ich marschiere allein los. Sag mal, der Blechkanister, war da Sprit oder Wasser drin?“
„Keine Ahnung.“
Martin öffnete den Behälter und schnupperte. Das roch nach gar nichts. Offenbar war der Kanister ungebraucht, zumindest aber war niemals Benzin darin gewesen. „Okay, Bursche, was glaubst du ist wichtiger für uns, Benzin oder Wasser?“
„Wasser“, sagte Daniel wie aus der Pistole geschossen. „Wenn du die Straße weiterfährst, wird das Land hinter den alten Plantagen karger. Erst am Rand von Galdau wächst wieder etwas mehr. Mit mir im Schlepptau brauchst du mindestens zwei Tage dorthin, und hier ’ne funktionsfähige Karre zu finden – da kannst du auch gleich nach Gold suchen.“
Martin nickte zufrieden. Die Zeit in der Meute hatte den Verstand dieses Jungen nicht aus seinem Hirn getrieben. Dennoch runzelte er die Stirn und fragte: „Woher willst du eigentlich wissen, dass ich dich ‚ins Schlepptau nehme‘? Allein schaffe ich es bis heute Nacht dorthin!“
Daniel erschrak ein wenig, fasste sich aber schnell wieder. „Warum hättest du mir bis hierher geholfen, wenn du mich jetzt hierlassen wolltest?“
Nun war es an der Zeit für Martin, sich einzugestehen, dass er Daniel bereits gernhatte. Das aber war aufgrund seines bisherigen Lebens ziemlich schwierig für ihn. Kameraden und gute Beziehungen brauchte man, wenn man als Krieger mehr sein wollte als nur eine Maschine im Dienst des Königs. Aber – war er das überhaupt noch, ein Krieger? Und warum sollte ausgerechnet dieser Atalane wichtig für ihn sein? Etwas ratlos antwortete er schließlich: „Ich gehe die alten Wasserleitungen suchen und schaue mal nach, woraus sie sich speisen. Mit einem Kanister dabei habe ich zwar noch mehr zu schleppen, aber ohne müsste ich mich jetzt tatsächlich dafür entscheiden, dich hierzulassen.“ Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Bäumen.
Daniel lächelte ein schwaches Lächeln. Dieser grobschlächtige Kerl, er schien ein weiches Herz zu haben. Trotzdem war es komisch, dass er ausgerechnet ihm half – einem jungen, unerfahrenen Typen aus der Vorstadt ohne viel Kraft und Wissen … Was hatte er am Abend zuvor gesagt, sein Auftrag sei „ein ganz anderer“? Da war er aber mal gespannt, was ein einzelner Kämpe so Wichtiges vorhatte, dass er sich die Zeit nahm, das Leben von Unbekannten zu retten.
Nach etwa siebzig Metern war Martin bereits auf ein schwarzes Kunststoffrohr gestoßen, von welchem offensichtlich früher einmal Abzweigungen weggeführt hatten. Die Anschlüsse waren jedoch herausgerissen worden und verschwunden. „Sieht ganz nach einer Hauptleitung für die Bewässerung aus“, dachte er und begann dem Rohr zu folgen. Ein paar hundert Meter weiter mündete es in ein tankartiges Gebilde, aus welchem mehrere ähnliche Rohre wegführten. Ärgerlich blieb Martin stehen. Dies war mit Sicherheit ein Pumpenhaus, das seit Jahren außer Betrieb war. Vermutlich hatte es Grundwasser aus der Erde geholt und dann in die angeschlossenen Leitungen gedrückt. Wenn hier alle Leitungen erdgespeist waren, kam man ohne elektrischen Strom nicht an das Wasser heran.




