- -
- 100%
- +
Das Update bleibt unverändert aus. Es fällt mir immer schwerer, an eine technische Störung zu glauben.
Ich sollte ein wenig schlafen und kann es nicht. Meine Gedanken kreisen wie wild, auf Bahnen, die beunruhigend sind. Mein Denken gerät außer Kontrolle.
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 08. Mai 2041. 10:48 Uhr
Ich habe mit Frank gesprochen, ohne ihn direkt zu fragen. Bereits der Verdacht, man sei kein #Comrade# mehr, ist schwerwiegend. Leute brechen den Kontakt bereits aus sehr viel geringeren Anlässen ab. Nähe kontaminiert. Er wirkt ebenfalls nervöser als sonst, aber das könnte ich mir selbstverständlich einbilden.
Ich weiß nicht, mit wem ich darüber reden könnte. Jüngere Leute habe ich nicht in meiner Bekanntschaft. Den Großteil dessen, was sie von sich geben, verstehe ich nicht. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Zudem ist der trübfischige Blick unangenehm.
Meine Vorräte werden knapp. Allzu häufig sollte man sich nicht beliefern lassen; die Logistikunternehmen und Bringdienste stehen unter argwöhnischer Beobachtung. Vieles wird durch Häufung umweltschädlich. Ich muss also vorsichtig sein. Es ist perfide: Ich traue mich nicht aus dem Haus. Die Gemeinschaft, die doch angeblich Geborgenheit schenkt, ist zur Bedrohung geworden. Meine Welt steht kopf.
Begegne auf dem Weg in den Keller einem Nachbarn. Wir wechseln kein einziges Wort.
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 09. Mai 2041. 10:27 Uhr
Bereits vier Tage!
Unverändert kein Update. Eine beängstigende Sicherheit macht sich in mir breit: Mein System wird nicht mehr unterstützt. Kann das sein? Das bedeutet, dass die Formulierungskomponente nicht auf dem neuesten Stand ist und das dauerhaft. Die Wortwahl unter Scissors 2.0, also den verbindlichen Vorgaben des CSC, des Center for Speech Control, wird in Echtzeit kontrolliert und bereits bei der Formulierung kritisiert.
Als unerwünscht erfasste Begriffe werden vom mLector, einem überaus komplexen Sprechalgorithmus, vor der Artikulation ausgebremst. Das funktioniert über eine neuronale Kopplung des CSC-Links zum Index im Gyrus temporalis medius. Im Sprechzentrum bauen Nanomaschinen eine Schnittstelle auf. Ich versuche, mir die Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen. Scissors 2.0 läuft bereits seit über zwanzig Jahren. Viele der Funktionen und Algorithmen habe ich vergessen. Die AGBs allemal. Ich frage mich, ob sie überhaupt jemand jemals durchgelesen und verstanden hat.
Meine Unzulänglichkeit hat dazu geführt, dass ich mich mehr mit dem System beschäftigt habe als jemals zuvor in meinem Leben. Es war immer da und es hat immer funktioniert
Das Problem ist, dass der mLector die Begriffe kommentiert, gleichgültig, ob ich rede oder nicht. Ich bin zunehmend unsicher und vermeide es, zu sprechen. Keine Speechcoms, keine direkten Anrufe. Ich beschränke mich auf schriftliche Kommunikation – wobei ich die Texte zum einen deutlich kürzer halte als sonst und sie zweitens etliche Male kontrolliere. Noch stärker lassen sich die Sätze nicht reduzieren, sonst lande ich bei ein oder zwei Worten. Als ob sich damit etwas Wesentliches sagen ließe. Es fühlt sich an, wie ein immaterieller Maulkorb; unangenehmerweise bin ich bei dieser Metapher der bissige Hund. So fühle ich mich ganz und gar nicht. Ich bin verängstigt und unsicher. Also spreche ich immer weniger.
Eine Mute-Taste fürs Denken; es schadet dem Selbstbewusstsein unglaublich.
Ich stehe im Hausflur und schaue mich um. Auch das ist auffällig: Ich habe das unangenehme Gefühl, dass mich alle anderen beobachten. Bizarrerweise sogar dann, wenn niemand zugegen ist.
Manchmal stelle ich mich in die geöffnete Tür, wenn jemand nach Hause kommt. Viele Bewohner haben den eigenartig fischigen Blick. Es fällt mir erst jetzt auf, dass beinahe alle deutlich jünger sind als ich. Es ist unangenehm, so angeschaut zu werden. Das war es immer, aber erst jetzt beginne ich, darauf zu achten.
Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass ich mir selbst eine Paranoia attestiere. Netter Einfall! Funktioniert dummerweise nicht.
Derart isoliert zu sein ist bedrohlich. Ich schwitze häufig ohne Grund und dann rast mein Herz, wie nach einem Lauf. Ich bin sehr lange nicht mehr gelaufen. Die Jahre fordern ihren Tribut. Körperlich könnte ich es wohl, aber mir fehlt die Energie.
Dieser Wohnblock hat jetzt etwas von einem Gefängnis; nach über zwanzig Jahren, die ich hier lebe. Es ist ein wenig, als bewege man sich in einer labyrinthartigen Ansammlung übermannshoher Monolithe. Zu groß, um darüber hinwegschauen zu können, kein erkennbarer Horizont. Und obwohl es nur einzelne Steine sind, die eng beieinanderstehen, ist man allein zwischen ihnen und verloren. Man nimmt sonst niemanden wahr, gleichgültig, wie viele sich noch durch diesen Irrgarten bewegen.
Die Vereinzelung, die daraus resultiert, macht mir zu schaffen.
Die Desorientierung nimmt zu. Essen muss ich trotz allem. Dass Einkaufen einmal zur Mutprobe werden könnte, hätte ich niemals vermutet. Es ist längst nicht mehr nur der toxische Straßenname. Mein Hals wird eng.
Dort draußen muss man sprechen …
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 09. Mai 2041. 00:27 Uhr
Ich kann nicht einschlafen. Meine Gedanken schwirren wie wild durch meinen Kopf, ebenso wild kommentiert vom Compendium. Im Zustand des Dösens kann man Gedanken nicht im Zaum halten. Es ist erschreckend, wie unkorrekt man denkt, wenn die Schutzwälle des CSC in sich zusammenbrechen. Die ungezügelte, überkommene Natur meldet sich zu Wort – und diese Worte sind … böse!

Man sollte denken, wir hätten das überwunden. Aber dem ist nicht so.
Langsam frage ich mich, ob nicht bereits die Annahme, man könne die reale Natur – wie die Hirnfunktion etwa – überwinden, der eigentliche Fehler ist. Es klingt so … unsinnig. Kann man Hunger überwinden? Verdauung? Stoffwechsel? Sex? Das Atmen? Aber das ist Biologismus und damit unakzeptabel. Aber ist das nicht genau das, was wir sind, wenn man uns isoliert? Ich versuche mir vorzustellen, was bleibt, wenn man uns unsere Biologie wegnähme. Versuche erneut, einzuschlafen.
Morgen muss ich nach draußen …
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 07:58 Uhr
»He, Sie! Was fällt Ihnen ein?«
Die Frau zuckt zurück, als habe sie eine elektrische Leitung berührt. Es ist eng hier, im Feierabendverkehr ist die Magnetbahn komplett überfüllt. Seit den Tagen der Pandemie reagieren viele Menschen auf Nähe sehr extrem. Insofern ist der öffentliche Nahverkehr eine Art Kriegsgebiet. Ich zucke ebenfalls zurück. Eine instinktive, aber keine kluge Reaktion … eher ein Schuldeingeständnis. Ich vermute richtig.
»Nehmen Sie Ihre Griffel weg!«
Ich beiße mir auf die Lippen. Bereits das ist ein körpersprachlicher Fehler, ich weiß. Bloß nichts sagen. Auf keinen Fall.
Habe ich sie etwa berührt? Ich erinnere mich nicht daran, etwas gespürt zu haben, aber auf meine Einschätzung kommt es nicht an. Außerdem bin ich übermüdet, wie ich es nie zuvor war. Alles in mir ist in Alarmbereitschaft, ich fühle mich fiebrig. Es war ein Fehler, aus dem Haus zu gehen, das war mir bereits nach den ersten Minuten klar. Aber ich musste ja den Helden spielen.
Mit denen nimmt es üblicherweise ein böses Ende.
Die Frau starrt mich an, als sei ich ein Insekt. Natürlich stehe ich als weißer Mann bereits grundsätzlich unter Verdacht, aber daran hatte ich mich gewöhnt – zumindest ging ich bisher davon aus. Dazu kommt, dass ich nicht mehr jung bin. Ein Euphemismus.
Die fette Frau [Warnung! Keine Gewichtsdiskriminierung.] gluckst unangenehm und die ersten Leute um sie herum wenden ihre Blicke mir zu. Das Framing funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. [Rassismuswarnung! Keine nationale Zuschreibung.]
Ohne Vorwarnung stehe ich unter Strom. Ich kenne die Reaktionsabläufe. Jeder tut das, heutzutage. Der Vorwurf wird als Faktum betrachtet. Die Panik in mir löst die letzten begrifflichen Hemmungen. Die Zicke ist auf Krawall gebürstet!
[Sexismuswarnung! Gruppenorientierte Feindseligkeit gegen Frauen. Wird eine Handlung/Äußerung als sexistisch empfunden, ist sie es per definitionem auch. Bereits die Infragestellung des Sachverhalts erfüllt ihn.]
Wenn der mLector derart ausführlich kommentiert, wird es unangenehm. Die Unschuldsvermutung ist längst still verstorben. Bisher fand ich das positiv. Am Zwinkern ihrer Augen sehe ich, dass sie etwas postet. Sie ist voll im Trend und über einen GawkPin in der Hornhaut vernetzt. Ihr Kopf wackelt empört hin und her. Wenn ich Glück habe, ist das gepostete Bild unscharf, obwohl die Autokorrekturen das üblicherweise verhindern.
»Kein gutes Zeichen …«, denke ich.
Wird ein solcher Vorwurf viral, hat man verloren. Die Schnelligkeit der Polyposts verhindert Nachdenken, Abwägen oder ähnlich fruchtlose Tätigkeiten. Die Sorgfalt ist nicht still verstorben, sie wurde mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Es reagiert das unmittelbare Gefühl. Nietzsche sagte einmal, dass sich die Reife eines Geistes an der Dauer der Verzögerung der Reaktion zeigt. Wann habe ich das gelesen?
[Anmerkung: Der Gedanke kann zu mentalem Extremismus führen. Nietzsche ist als toxische Quelle belastet und nicht zitierungsfähig. Streichen.]
Die Frau ist empört und scheint sich in ihren Zustand hineinzusteigern. Der dicke Kopf mit den Pausbacken ist puterrot. Sie wedelt wie verrückt mit den Händen. Sie schwitzt. Ich ebenfalls.
Immerhin kann ich die Gedanken noch selbst fassen. Der SC-2.0 unterdrückt lediglich die Äußerung und kommentiert. Würde ich all das aussprechen, was mir durch den Kopf geht, wäre ich verloren.
Wir fahren in die Station »Dittmanswiesen« ein. Ich sehe zu, dass ich den Waggon verlasse, ohne weiter aufzufallen. Das Gedränge der Menschenmenge hat ihre Vorteile.
Obwohl der Mai sehr warm ist, fühlt es sich kalt an, als ich nach draußen trete. Es ist, als gefrören die Schweißtropfen auf meiner Haut zu Eis. Ich bin ein Nervenbündel; sich selbst krampfhaft beruhigen zu wollen, klappt selbstverständlich nicht. Ich hatte das niemals nötig. Mein linkes Augenlid zuckt hektisch und es hört einfach nicht auf.
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 08:17 Uhr
Ich schalte den Einkaufswagen über die Shopapp frei. Wenn man am liebsten unsichtbar wäre, bemerkt man erst, wie sehr man im Netz hängt. Gleichgültig, was man tut, man ist auf dem Schirm.
Jetzt bin ich sicher: Sie beobachten mich. Der Eindruck trügt nicht – es sind die jungen Menschen, die den trüben Blick zeigen. Nun ist »junger Mensch« aus meiner Perspektive sehr relativ. Ich bin mittlerweile ein alter Sack. Nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, ist zwar nicht strafbar, aber man verliert viele Vorteile. Für die meisten ist das ein weiterer, guter Grund, sprachlich nicht aufzufallen. Ich bin da keine Ausnahme.
Das Fairsell-Lebensmittelzentrum ist geöffnet. Meine Befürchtungen waren unnötig. Ich schäme mich meiner Angst. Was Einbildung alles auslösen kann.
Ich belüge mich selbst und versuche mir einzureden, dass das nächste Update sicher bald kommen wird.
Ich kaufe mehr ein, als ich ursprünglich vorhatte. Ich kompensiere, das ist mir klar, aber der Drang ist überwältigend. Immerhin muss ich mir hier keine Gedanken um die Qualität der Produkte machen. Fairsell garantiert höchste ethische Standards. Dennoch könnte die schiere Menge Anstoß erregen. Konsumismus gilt als überholt, ja überwunden. Unser Land ist progressiv, gleichgültig, ob man Schritt halten kann.
Der Zweifel wächst, es fühlt sich nicht fortschrittlich an, sondern einengend. Mir wird übel. Hoffentlich kotze ich dem Fairsell nicht vor die Tür. Derart unsoziales Verhalten bedeutet heftigen Punktabzug im LifeAccount. Das kann ich in meiner Situation ganz und gar nicht brauchen.
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 08:26 Uhr
Es ist eine Tortur. Ich höre die anderen sprechen. Da dies mein bevorzugtes Fairsell ist, kennen mich viele. Ich versuche krampfhaft, allen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Der mLector arbeitet ohne Unterlass, denn die Neigung, auf Fragen oder direkte Ansprache zu antworten, ist stark. Es ist so anstrengend, still zu bleiben. Mein Kopf droht zu platzen. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte.
Die jungen Fischaugen reagieren kaum, das bin ich gewohnt. Ich beeile mich so gut ich kann und alles ähnelt sehr einer Flucht.
Das ist es letztendlich auch. Ich will zurück in meine Zelle.
SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 08:55 Uhr
Kaum habe ich das Fairsell verlassen, werde ich angehalten. Die beiden androgynen Gestalten packen mich und schieben mich nachdrücklich in einen Wagen, der ebenso nichtssagend aussieht, wie sie selbst. Unauffälligkeit scheint sich als gesellschaftliches Optimum endgültig durchgesetzt zu haben. Ich erinnere mich daran, dass es früher anders war. Ebenfalls erinnere ich mich daran, dass mich vor endlosen Jahren jemand fragte, wie ein Kollektiv, das schließlich nach simpelster Gruppendynamik funktioniert, also grundsätzlich primitiv ist, jemals progressiv sein könne. War das Paul? Die Frage kam mir damals ziemlich ketzerisch vor, fragwürdig. Was für ein Widerspruch. Die Ironie ist kaum auszuhalten.
An die Antwort erinnere ich mich nicht mehr. Ich habe zu lange korrekt gedacht … Damals, in den ersten Tagen von Scissors war die Gesellschaft noch ein korrekt-inkorrekter Flickenteppich.
Ich frage, wohin sie mich bringen.
Eine Antwort erhalte ich nicht.
Center for Speech Control. Sprechwart G. Herlinger: Bericht über SCS-Abonnent 85.396.448, Eigenname Schlesinger, Rudolf
Der ehemalige Abonnent sitzt im Warteraum und ist sichtlich verwirrt. Das ist naheliegend und immer so. Wie all die anderen Altabonnenten hat er die Beendigung der Unterstützung für Scissors 2.0 nicht gut verkraftet. Die gemessenen medizinischen Werte zeigen den typischen erhöhten Adrenalinpegel, ausgelöst durch die Unsicherheit.
Bei vielen kam es zu nervösen Beschwerden aller Art, sogar zu ausgeprägten Neurosen. Im Gegensatz dazu hält er sich dann wieder gut. Er zeigte keine aggressiven Ausbrüche. Nicht nach außen, nicht gegen sich selbst. Ganz im Gegenteil zieht er sich wohl immer mehr in sich zurück. Dadurch ist er gut handhabbar.
Scissors 2.0 ist überholt. Aber es hat gedauert, bis die Implementierung der Version 4.0 eine gewisse Abdeckung erreicht hatte. Die Jungen haben wir im Griff. Scissors 4.0 greift zu einem viel früheren Zeitpunkt in die neuronalen Prozesse ein. Die alte Version korrigierte die Formulierungen und die Wortwahl direkt vor der Artikulation. Die Nutzer denken frei, werden dann aber auf den rechten, sprachlichen Pfad gebracht. Das wirkte häufig unbeholfen und der Sprachfluss zeigte Unterbrechungen und Verzögerungen. Die Chinesen haben bei der Entwicklung gute Vorarbeit geleistet.
Der Abonnent, der auf den Namen Schlesinger, Rudolf hört, legt den Kopf auf die Hände und Unterarme, auf die Tischplatte. Er ist erschöpft. Die Alten sind auf die Version 4.0 nicht mehr upgradefähig. Sie denken, obwohl sich vieles abgeschliffen hat im Laufe der Jahre, im Wesentlichen noch selbstständig. Das ist zur Konzeption von Scissors 4.0 nicht kompatibel. Eine nachträgliche Kontrolle von Formulierung und Wortschatz ist nicht mehr nötig, aber die beiden Hardwaretypen sind nicht kombinierbar. Scissors 2.0 ist ein Auslaufmodell.
Der Charakter, das Bewusstsein, entsteht neben den normalen, biologisch vorgegebenen Dispositionen und Determinanten, aus jeder einzelnen, und sei sie noch so kleinen Erfahrung. Das ist per se nicht kontrollierbar, also setzen wir früher an.
Bei der unmittelbar postnatalen Implementierung von Scissors 4.0 werden die synthetischen Neuronalverbindungen direkt in den Gyrus temporalis medius eingearbeitet. Dort findet die wortsemantische Verarbeitung statt und die Bedeutung der einzelnen Wörter wird geregelt. Die Verschaltung mit den anderen Sprachzentren, wie dem Broca-Areal oder den Wernicke-Zentren war ein schwer zu lösendes Problem, das in den Tagen der Entwicklung dazu führte, dass bei vielen Probanden kein taugliches Welt- und Körperbild entstand. Sie liegen noch heute im Wachkoma; wo gehobelt wird, fallen Späne. Erst seit Scissors 4.0 ist es möglich, die Schnittstellen dauerhaft online zu halten, ohne dass es negative Auswirkungen auf die Probanden hatte.
Scissors 3.0 war ein Fehlschlag, aus dem wir gelernt haben. Aber diese Schwierigkeiten sind überwunden. Scissors 4.0 interveniert bereits vor und während der Wortfindung und verhindert falsche Begriffe. Die Aktualisierung des Compendiums findet auf andere Weise statt als beim älteren Modell. Da nun die nötige Durchdringung der Bevölkerung erreicht ist, waren die 2.0-Upgrades unnötiger Aufwand. Deshalb wurde die Unterstützung eingestellt. Eine simple Kosten-Nutzen-Analyse gab den Ausschlag.
Um Panikreaktionen der Betroffenen zu verhindern, sammeln wir sie ein und bringen sie geschützt und isoliert unter. Es betrifft im Wesentlichen die älteren Jahrgänge, und so wird sich das Problem früher oder später auf ganz natürliche Weise erledigen.
Nur wer korrekt denkt, spricht auch so. Sprache formt die Realität.
Bei Scissors 2.0 gab es zu Beginn den Vorwurf, wir zwängen den Menschen Gedanken auf. Von Nötigung war die Rede. Die neue Version macht den Vorwurf obsolet. Die Gedanken entstehen von selbst, das Gehirn kommt auf die richtige Lösung; mit etwas Hilfe, aber von selbst. In den Sprechzentren entstehen nur noch erwünschte Begriffe.
Das ist keine Manipulation, das ist Evolution, zielgerichtet und effizient. Damit haben wir den Kleinbürger endlich unter Kontrolle.
Zwei Sprechwarte betreten den Raum und bringen den ehemaligen Abonnenten weg.
SCS-Abonnent – (Status: gelöscht), Eigenname Schlesinger, Rudolf. Protokoll 31. Mai 2041. 09:15 Uhr
Ich kann die Begriffe wenigstens noch denken. Die Gedanken sind frei …
Es ist ein altes Volkslied. Eigentlich sollte es mir Mut machen, aber das ist nicht der Fall.
Die Unterhaltung mit dem Sprechwart war eigenartig. Er war sehr freundlich und er hat mir das neue System erklärt, so fortschrittlich, so elegant, so korrekt. Ich hatte nie zuvor von einer Version 4.0 gehört.
Dennoch hatte ich ab und an das Gefühl, dass er sich unwohl fühlte in seiner Rolle. Er unterliegt als Sprechwart dem Korrektiv nur bedingt.
Wie heißt es so treffend? Alle sind gleich, aber manche sind gleicher.
Eines habe ich außerdem begriffen. Der trübe Blick der folgenden Generation resultiert aus lebenslang betreutem Denken und Sprechen. Ihnen fehlen die Begriffe, aus denen man sich eine eigene Welt zusammenbauen könnte – sie kennen nur die Worthülsen und korrekten Phrasen.
Betreutes Denken.
Was für eine deprimierende Aussicht.
Es heißt, am Anfang sei das Wort gewesen. Der Logos. Auf verstehen angelegte Sprache, als Synonym für Vernunft.
Nicht Gott ist tot … die Vernunft ist es. Was übrig bleibt, sind Ameisen. Das perfekte Kollektiv.
Ich spreche nicht mehr. Nicht mit den Miteinsitzenden, die nur zu ihrem eigenen Besten hier sind; genau wie ich. Nicht mit den Sprechwarten, nicht einmal mit mir selbst. Die Stimme ist erloschen.
Meine Gedanken habe ich … noch!
Mit Scissors 4.0 hat man nicht einmal mehr sie.
Ganz herzlichen Dank an Michael Tinnefeld für die Einschätzung der psychologischen Reaktionen.
VOM SITZEN UNTERM HOLLERBUSCH
von Christopher Ecker
Aus Trotz, von der Schulleitung dazu verdonnert worden zu sein, die Rede zu halten, hatte ich vor, über das Thema »Heimweh« zu sprechen. Es war mir schleierhaft, wieso bei der sogenannten »Abiturentlassungsfeier« überhaupt ein Mitglied des »Lehrkörpers« sprechen musste. Ich jedenfalls wollte die Lehrerrede so halten (ernst, abwegig, düster), dass man mich nicht noch einmal dazu verdonnern würde. Heimweh hat man nicht nach einem Ort, überlegte ich beim Verlassen des Lehrerzimmers, sondern nach einem Zustand. Man sehnt sich, überlegte ich weiter und zupfte dabei an der Maske herum, so zu sein, wie man ehemals an einem gewissen Ort war. Erinnerungen spielen eine Rolle. Es geht um Kindheit. Es geht ums Reisen. Doch dann gibt es noch eine schwer greifbare Form des Heimwehs, die bei mir persönlich (aber das würde ich niemals öffentlich zugeben) durch Science-Fiction-Romane der fünfziger Jahre ausgelöst wird oder durch Science-Fiction-Filme der siebziger Jahre oder – wie kürzlich in der U-Bahn bei einer Klassenfahrt – durch ein bogenförmiges Stück rostigen Metalls mit runden Nieten, das an der gewölbten Wand eines düsteren Seitenschachtes angebracht war.
Mit einigen energischen Schritten durchmaß ich das Klassenzimmer, riss das Fenster auf, nahm die Maske ab, atmete tief ein und stopfte sie in die Gesäßtasche. Oberstufe. Ein besserer Kurs. »Wir wollen heute«, begann ich ohne Umschweife meine Standarddoppelstunde zur Sprachphilosophie, die ich so oft gehalten hatte, dass ich auf Autopilot schalten konnte, »über das Sprechen sprechen. Beim Sprechen oder beim Nachdenken über Sprache befinden wir uns in der paradoxen Situation, dass das Medium der Untersuchung identisch mit demjenigen ist, was es zu untersuchen gilt. Wir sprechen«, verdeutlichte ich den Gedanken und ließ meinen Blick über die Reihen schweifen, »mit Sprache über das Sprechen – und dass dies ein heikles Unterfangen ist«, ich lachte, »wird wohl jedem klar sein.«
Ich ließ einige Sekunden verstreichen und gab mich versöhnlich: »Aber wie sonst sollte man über Sprache sprechen als mit Sprache?« Nun dürfte jedem das Grundproblem klargeworden sein. Ich zog den Mantel aus, legte ihn über eine freie Bank und malte mit weißer Kreide ein kleines Haus an die Tafel: einstöckig, eintürig, einfenstrig, mit einem hexenhutförmigen Dach, auf das ich einen überdimensionierten Schornstein setzte, aus dem (einige lachten) eine absurde Menge Rauch in den Himmel von Tafelistan quoll. »Was ist das?«, fragte ich, indem ich die Kreide sinken ließ.
»Ein Haus!«, rief wie üblich einer der Übereifrigen.
»Nein«, sagte ich. »Das ist kein Haus.«
Es entstand die übliche Unruhe.
»Was ist das?«, fragte ich wieder und deutete mit der Kreide auf die Tafel.
Einige melden sich. Ich nahm Simon dran.
»Das ist«, sagte er, »das Bild eines Hauses.«
Einserschüler, dachte ich nicht zum ersten Mal, nickte ihm wohlwollend zu und fuhr fort: »Genau. Das ist das Abbild eines Hauses. Und damit niemand das Abbild eines Hauses, also ein gemaltes Haus für ein echtes Haus hält, setzen wir es lieber schleunigst in Anführungszeichen, damit keiner, der es nicht besser weiß, dort einzieht.« Höfliches oder – man weiß ja nie – unterwürfiges Gelächter im Auditorium. Eigentlich lachen sie immer, wenn man will, dass sie lachen. Dies ist das Fundament der Macht.
Ich ließ einige Sekunden verstreichen, setzte Anführungszeichen rechts und links des gemalten Hauses und schrieb daneben in Großbuchstaben und ebenfalls in Anführungszeichen: Haus. Nun wartete ich ab. Dieses Vorgehen nennen die Pädagogen, denen wir allesamt misstrauen sollten, »stummen Impuls«. Dieser glückt mal mehr, mal weniger. Diesmal passierte gar nichts. Auch das kann vorkommen. Gut, dass mich gerade niemand – und erst recht kein Pädagoge – bei meinem Tun beobachtete.




