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»Wir haben hier«, ich zeigte übertrieben auf das gemalte Haus, »das Bezeichnete und hier«, ich zeigte noch übertriebener (einige lachten) auf das Wort »Haus«, »das Bezeichnende. Doch wie, frage ich mich und euch, ist die Beziehung zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden?«
Mehrere Arme schnellten in die Höhe, doch da ich keine Lust auf blödsinnige Mutmaßungen hatte, die vom Thema wegführten, sagte ich rasch: »Das war eine rhetorische Frage, Freunde« und knipste erneut den Autopilot an, der mir – diesmal mit Ferdinand de Saussure in einer Lightversion – mit stetiger Regelmäßigkeit das Konto füllte.
»Statt ›Haus‹ hätte ich auch ›maison‹ schreiben können«, ich tat es, »oder ›house‹«, ich tat auch dies, »oder – wer ist Lateiner? – ›domus‹ oder ›casa‹«, ich schrieb auch diese Wörter an die Tafel, »und so weiter und so fort.« Ich nahm am Pult Platz, lehnte mich zurück, streckte die Beine aus, ballte die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten. »Die Beziehung zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden ist also willkürlich. Außerdem ist die Beziehung zeitlicher Veränderung unterworfen. Früher war ›Dirne‹ ein junges Mädchen, heute ist das etwas, wo man sich – lassen wir das! Die Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem ist also erstens willkürlich, zweitens – schreibt ihr auch alle mit? – zeitlich veränderbar und sie ist drittens konventionell. Man einigt sich in einer Sprachgemeinschaft auf ein bestimmtes Wort für einen bestimmten Gegenstand. Wir könnten uns zum Beispiel jetzt darauf einigen, dass wir dieses Ding«, ich zeigte auf den Tafelständer – an dieser Stelle meiner Ausführungen ließ ich mir immer spontan ein Phantasiewort als Bezeichnung einfallen, das alle zum Lachen brachte, aber diesmal war es anders. Diesmal dachte ich mir kein Wort aus, sondern diesmal kam es mir jäh in den Sinn. Es tauchte ins Fassbare wie ein Unterseeboot aus sturmgepeitschter See, tauchte auf wie aus Tiefen, die selten befahren werden, tauchte auf und nahm gleichzeitig lautliche Gestalt an. »Dass wir dieses Ding«, wiederholte ich nun nicht mehr auf Autopilot, denn ich wurde gesteuert, war Marionette, Puppe, eine wehrlose Spielfigur, die man dazu zwang, das Wort auszusprechen, »›Krompribb‹ nennen wollen. Ich könnte also sagen: ›Robert, geh mal zum Krompribb!‹ oder ›Aus welchem Material ist denn der Krompribb?‹ oder ‹Mia, fass bitte mal den Krompribb an! Er beißt dich auch nicht.‹ Das alles wären sinnvolle Sätze, weil wir uns eben gemeinsam als Gruppe von Sprachverwendern darauf geeinigt haben, dass das«, ich zeigte auf den Tafelständer, »ein Krompribb ist.«
Krompribb? Ich war tief verstört und bekam einen Schweißausbruch.
Nach der Doppelstunde setzte ich wieder die Maske auf, ein blassblaues Modell aus der Apotheke, das ich abends in den Müll zu schmeißen pflegte, und ging zurück zum Lehrerzimmer. Viele Kollegen trugen Stoffmasken, die man nach Gebrauch waschen musste. Ich hingegen bevorzugte medizinische Wegwerfmasken, weil ich mich nicht mit der Seuche modisch gemein machen wollte, und noch war die Zeit für FFP2-Masken nicht gekommen. Krompripp. Mich irritierte sehr, dass mir dieses Wort bekannt vorkam, vertraut, obwohl ich hätte schwören können, es nie zuvor gehört oder gelesen zu haben. Außerdem unterschied sich das Wort grundsätzlich von den ulkigen Begriffen, die ich mir ansonsten ausdachte, um auf die Konventionalität symbolischer Zeichen aufmerksam zu machen. Denn zum einen war »Krompribb« nicht ernsthaft komisch und zum anderen schien es mir, was meinen Puls in die Höhe trieb, nicht ausgedacht zu sein, sondern war wie eine Botschaft, ein fernes Echo, in meinen Geist getreten. Als wollte es mir etwas sagen, mich zu etwas auffordern. Ganz so, als wäre der Umstand, dass dieses Wort nun wie eine Erscheinung, die trauernde Gläubige an einem Berghang heimsucht, in mein Leben getreten war, ein Rätsel, das gelöst werden musste, obwohl es vermutlich keine Lösung gab.
Im Lehrerzimmer konnte ich mich nicht an meinen Stammplatz setzen, da an dem Tisch mehrere Kollegen ohne Maske saßen und Kaffee tranken und aßen und lachten, als wäre die Seuche etwas, das nur die anderen erwischt. Ich tat daher so, als läse ich die Bekanntmachungen an der Pinnwand, fühlte mich dabei wie ein Fremdkörper, ein Außerirdischer, den es in eine feindselige Welt verschlagen hat, in der er sich tarnen muss, um nicht aufzufallen. Bald wurde mir langweilig und ich ging auf die Toilette.
Als ich ins Lehrerzimmer zurückkam, saß nur noch ein Kollege an meinem Tisch, einer der netteren, und ich nahm ihm gegenüber Platz und sortierte die Kopien, die ich mir für die nächsten Stunden bereitgelegt hatte.
»Krompripp!«, murmelte ich leise. »Sagt Ihnen das etwas? Krompripp?«
»Sollte es das?«, fragte Herr Mählen (Philosophie, Deutsch) und sah von dem Buch auf, in dem er mit einem Textmarker Scheußliches anrichtete.
»Ich weiß nicht«, gestand ich.
»Sagt mir nichts. Aber sagt Ihnen das etwas: Atomsemiotik?«
»Nein«, meinte ich kopfschüttelnd und er erhob sich freudig glucksend, setzte sein Visier auf, während er den Tisch umrundete, nahm – »Darf ich?« – viel zu eng neben mir Platz und wandte mir das Gesicht zu.
Die Plastikscheibe trennte uns, als ständen wir beide am Fenster, einer im und einer vorm Haus.
»Atomsemiotik«, begann er zu dozieren (wir Lehrer neigen mit den Jahren immer mehr zum Monologisieren und scheren uns einen Scheiß darum, ob andere das interessiert, was wir enervierend kleinschrittig abspulen). »Man versucht mit Hilfe von Zeichen zukünftige Generationen vor den Gefahren des gelagerten Atommülls zu warnen. Das ist keine leichte Übung. Erstens muss das Zeichen von zukünftigen Generationen als Zeichen verstanden werden. Und zweitens muss das Zeichen als Warnung verstanden werden.« Er griff über den Tisch, angelte ein Blatt Papier von seinem Platz. »Erst nach 100.000 Jahren, schreibt hier ein Robert Gast irgendwo, das habe ich gestern aus dem Internet ausgedruckt, sinkt die Aktivität der eingelagerten Brennstäbe unter den Wert von Natur-Uran, das man zumindest für kurze Zeit mit den Händen anfassen kann.« Er ließ das Blatt sinken und rief aus: »100.000 Jahre! Vor 30.000 Jahren ist der Neandertaler in Europa herumgestolpert. Vor circa 2.000 Jahren gab es Runenschrift, und die kann heutzutage kaum noch jemand lesen. Und Atommüll muss eine Million Jahre sicher abgeschlossen lagern! Schilder sind demnach als Warnung untauglich. Text an sich sowieso. Architektonisches Klimbim – Pyramiden, Tempel oder Stonehenge-ähnliche Monolithen – da vermuten unsere eifrigen Nachfahren dann einen Schatz und fangen sofort mit der Buddelei an.«
Herr Aurel (Religion, Kunst, Darstellendes Spiel) mischte sich in das Gespräch ein, als hätte er urplötzlich hinter uns Gestalt angenommen: »Bleiben nur die Mythen«, sagte er leise lachend in seiner unangenehm flüsternden Sprechweise. Er war hochgewachsen, dürr und seine Maske saß zu tief. Großporig und fettig glänzend ging seine Nasenspitze mondgleich über dem Horizont des heruntergezogenen Maskenrandes auf, denn er, der geborene Verschwörungstheoretiker, nahm die Bedrohung durch den Virus noch weniger ernst als die übrigen Trottel. Er war sowieso wunderlich. Einmal hatte ich vom Fenster eines Klassenzimmers aus beobachtet, wie er einen Baum am Rande des Schulhofs erst tätschelte, um danach begütigend auf ihn einzureden. »Nehmen wir Frau Holle«, dozierte nun auch er munter drauflos und wippte dabei in der Hüfte vor und zurück wie ein mechanisches Püppchen. »Besagte Madame kennen Sie natürlich aus dem Märchen der Grimmbrüder. Ein Mädchen fällt oder springt in einen Brunnen und erwacht in Frau Holles Welt. Vorbild ist, und das wussten vermutlich auch die Grimms nicht, eine germanische Erd- und Himmelsgöttin namens Hulda oder Perchta. Der Holunder«, er hob einen krummen, gichtigen Zeigefinger, »ist ihre Pflanze. Ja, der Holunderkult geht bis auf Muttergöttinnen der Jungsteinzeit zurück. Im Mythos heißt es, durch den Holunder habe man Zugang zum Reich der Frau Holle. Das findet sich auch im Kinderlied wieder.« Herr Mählen sah mich vielsagend durch die Scheibe an, als Herr Aurel nicht so leise sang, wie es angemessen gewesen wäre (wenn es denn überhaupt angemessen ist, unter Erwachsenen plötzlich ein Kinderlied anzustimmen): »Ringel, Ringel, Reihe, / sind der Kinder dreie / sitzen unterm Hollerbusch, / machen alle husch, husch, husch. Das dreifache ›husch‹ zeigt deutlich, dass man sich, wenn man an Frau Holle glaubte, verstecken musste. Vor wem? Natürlich vor den römischen und später den christlichen Besatzern. Außerdem wird in dem Lied von einem kultischen Tanz gesprochen, die Dreiheit wird erwähnt und selbstredend der Holunder. Wenn man über die Kluft der Zeit zukünftige Suchende darauf hinweisen will, wie man ins Reich der Frau Holle gelangen kann, hilft allein der Mythos. Und den transportiert man am besten durch drastische Geschichten oder die rhythmische Magie von Versen, die von Generation zu Generation tradiert werden, weil sie Kinder und Erwachsene gleichermaßen betören und scheinbar keine Bedeutung haben. Frau Holle, Brunnen, Holunder …«
»Aha«, sagte Herr Mählen matt.
»Sagt Ihnen das Wort ›Krompripp‹ etwas?«, fragte ich Herrn Aurel.
»Nein«, antwortete er eine Spur zu schnell und, wie ich meinte, etwas zu übereifrig, aber da gongte es, und die Pause war zu Ende.

Doppelstunde Deutsch, Mittelstufe, Balladen, heute Herder. Einzelstunde Philosophie, Unterstufe, Freundschaft, heute Aristoteles. Vertretungsstunde Oberstufe: »Macht eure Hausaufgaben oder verhaltet euch still, damit ich keinen Ärger bekomme. Und das Fenster bleibt die ganze Zeit offen!«
Zu Hause zog ich die Thrombosestrümpfe aus, legte mich ins Bett und las vorm Einschlafen vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben das Märchen von Frau Holle, das sich als unerwartet kurz erwies. Herr Aurels Gerede mit im Mythos verborgenen Zugängen zum Reich der Frau Holle ließ mir keine Ruhe. Nach dem Mittagsschlaf recherchierte ich deshalb bei Wikipedia. Die Heimat des Märchens sei nicht eindeutig festzustellen, da es mehrere Regionen gebe, wo man behauptete, Frau Holle sei in einem der dortigen Hügel oder Berge zu Hause. Danach werden der Hohe Meißner, die Hörselberge sowie die Orte Hörselberg und Hollerich genannt. An solchen Orten müsste man dann wohl nach einem Brunnen Ausschau halten, dachte ich. Nach einem Brunnen in der Nähe eines Holunderbuschs? Plötzlich wusste ich, wo ich das Wort »Krompribb« zum ersten Mal gehört hatte, und erschrak.
Frau Doktor Bishorst: Nicht so schnell, bitte! Wir können gleich weiter über dieses merkwürdige Wort reden, das Sie heute über Gebühr beschäftigt, doch eigentlich hatten wir die Vereinbarung getroffen, in der heutigen Sitzung über Ihre Eltern zu sprechen, um die Erkenntnisse aus diesem Gespräch mit der Tatsache in Verbindung zu bringen, weshalb sie nie, Zitat, »Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten« gehabt haben.
Ich: Einverstanden. Ich bin, wie Sie wissen, anfangs bei meinem Vater aufgewachsen. Das war keine schöne Zeit. Entweder hat er mich ignoriert oder wie einen Sklaven behandelt. Meine Mutter? Fehlanzeige. Ich habe keine Erinnerungen an sie. Vater erzählte immer, sie sei kurz nach meiner Geburt verstorben, doch nach seinem Verschwinden fanden Beamte …
Frau Doktor Bishorst: Halten wir kurz inne! Sie haben kürzlich einmal gesagt, dass Ihre Kindheitserinnerungen erst sehr spät einsetzen.
Ich: Stimmt. Erst mit acht oder neun. Ich besuchte schon die Grundschule. Vorhin ist mir im Zusammenhang mit dem Wort »Krompribb« jedoch etwas eingefallen, das sich früher ereignet haben muss. Viel früher!
Frau Doktor Bishorst: Wir wollen gleich wieder auf dieses Wort zurückkommen. Ihre Mutter ist also kurz nach Ihrer Geburt gestorben?
Ich: Hat Vater zumindest behauptet.
Frau Doktor Bishorst: Und Ihr Vater ist wann verschwunden?
Ich: Als ich elf war. Bitteres Lachen. Eigentlich war er nicht weg oder blieb nicht verschwunden, weil ich ihm schon damals erschreckend zu ähneln begann. Sie müssen wissen, dass ich von ihm die großen Zähne und den Hang zur Korpulenz geerbt habe. Ohne das Tennis und die lästige Joggerei wäre ich so beleibt wie er. Mein Vater war so kolossal fett, dass er sich aus seiner Schreibtischplatte eine halbmondförmige Stelle herausfräsen lassen musste, damit er bequem sitzen konnte. Er arbeitete nicht nur am Schreibtisch, sondern aß auch da. Ich musste immer für uns kochen, was ein Euphemismus ist, denn damals war ich nur in der Lage, Fertiggerichte aufzuwärmen, die ich zu allem Verdruss auch noch einkaufen musste.
Frau Doktor Bishorst: Was genau fanden Beamte nach seinem Verschwinden heraus? Welche Beamten waren das überhaupt?
Ich: Sie fanden Papiere, die belegten, dass ich adoptiert war. Und zur zweiten Frage: Ich weiß nicht, um welche Beamten es sich handelte. Ich vermute, welche vom Jugendamt. Aber der Witz ist, was sich bald darauf herausstellte: Die Papiere waren allesamt falsch! Wieso sollte Vater gefälschte Adoptionspapiere aufbewahren? So – jetzt aber! Wissen Sie, was mir vorhin eingefallen ist? Ich muss etwas weiter ausholen. Mein Vater rief mich oft zu sich ins Arbeitszimmer, um mir eine Geschichte vorzulesen. Es war immer dieselbe Geschichte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn mit seiner dröhnenden Stimme meinen Namen rufen hörte und sofort nach oben ins Arbeitszimmer trabte, das ich ansonsten nicht betreten durfte. Dort erwartete er mich, hielt eine blaue Mappe in der Hand und las mir eine Geschichte vor. Eine Science-Fiction-Geschichte. Ich weiß nicht, ob er sie irgendwo abgetippt oder sie selbst geschrieben hat. Ich erinnere mich deutlich, dass es mir sehr wichtig schien, zuzuhören und nicht durch Zwischenfragen zu stören. Da dies das Einzige war, das Vater mit mir zusammen machte, zog ich sogar fast so etwas wie familiäre Normalität daraus. Ich saß auf einem Kissen ans Bücherregal gelehnt, versuchte ein interessiertes Gesicht zu machen und hörte ihm zu, bis er die Mappe zuklappte und in kränkender Beiläufigkeit sagte, während er sich wieder seiner Schreibmaschine zuwandte: »Du kannst jetzt gehen.«
Frau Doktor Bishorst: Und es war immer dieselbe Geschichte?
Ich: Immer. Ich vermute heute, dass es sich um eine Geschichte aus dem sogenannten Goldenen Zeitalter der Science Fiction handelte. Sie hatte nämlich den hemdsärmelig-ruralen Charme, den man etwa von Eric Frank Russell kennt. Extrem vernünftige Fünfzigerjahre-Charaktere und eine in der Regel basale und immer rein männliche Raumschiffbesatzung: Captain, Erster Offizier, Zweiter Offizier, Cheffunker, Bordarzt, Schiffskoch und vielleicht noch der eine oder andere Naturwissenschaftler. Langweile ich Sie? Mir kommt es irgendwie falsch vor, dass wir hier ohne Masken sitzen?
Frau Doktor Bishorst: Das ist in Ordnung. Ich dachte, das hätten wir geklärt. Wir halten Abstand und das Fenster ist geöffnet. Sie haben doch sicher als Erwachsener nach dieser Geschichte Ausschau gehalten?
Ich: Natürlich! Aber ich habe sie nirgends gefunden. Weder bei Russell, noch bei Simak, noch bei van Vogt. Wahrscheinlich hat Vater sie wirklich selbst geschrieben. Aber weshalb? Es passt nicht zu ihm, dass er eine derartige Geschichte schreibt. Seinem Sohn überhaupt etwas vorzulesen, passt allerdings genauso wenig zu ihm. Tiefes Luftholen. Interplanetarische Schatzsucher sind auf der Suche nach einem schweren Kreuzer, der vor über 2.000 Erdjahren in einem wenig beflogenen Sektor am Rande des kartographierten Raums verlorenging. Der Kreuzer unter Befehl eines gefeierten Kriegshelden namens Holberg hatte Waren unfassbaren Wertes an Bord, die Aussteuer einer Seeprinzessin von Sirius etwa, und würde die Schatzsucher zu gemachten Männern machen. Buchstabierend: Ä-n-n-d-ä-w-w-e-r. So hätte ich als Kind den Namen des Raumschiffs geschrieben. Inzwischen weiß ich natürlich, dass das Schiff der Glückspiraten Endeavour hieß. Damals konnte ich ja noch kein Englisch! Sehen Sie, wie tief sich diese Geschichte in meine Gehirnwindungen gegraben hat? Unsere Schatzsucher landen auf einem unbekannten Planeten, wo die Bewohner, die beinahe menschenähnlich sind, eine Gottheit namens Ollback verehren. Als die Schatzsucher eine Statue dieses Gottes gezeigt bekommen, vor der ein eingeborener Hohepriester behutsame, wischende, fast kratzende Handbewegungen macht, platzt es aus dem Ersten Offizier heraus: »Jungs, haltet euch fest! Wir haben tatsächlich die Welt gefunden, auf der Admiral Holberg gestrandet ist. Seht her! Ihr Gott Ollback trägt einen Raumhelm, er hält einen Nadelstrahler in einer Hand und in der anderen einen antiken Kommunikator. Versteht ihr, was hier los ist? Holberg? Ollback? Der Knilch war ein As! Er hat uns eine Spur aus Brotkrumen gelegt. Wir müssen nur rausfinden, wo er sich mit seinem Raumschiff eingeigelt hat.«
Frau Doktor Bishorst: Was meinen Sie mit »eingeigelt«?
Ich: Der Erste Offizier geht davon aus, dass sich der havarierte Holberg, dessen Funkgerät offenbar beschädigt war, in die Kühlkammer seines Raumers gelegt hat, um auf zukünftige Retter zu warten. Und damit diese ihn finden, hat er eine unübersehbare Spur gelegt: eine ganze Religion. Ist das nicht genial? Manchmal habe ich das Gefühl, dass man mich nicht versteht. Nicht weil ich schlauer wäre als alle anderen, sondern weil ich, wie soll ich es ausdrücken, äh … weil ich … äh … andere Dinge weiß. Präastronautik. Cargokult. Eric Frank Russell. Sogleich machen sich unsere Schatzsucher daran, das zentrale Heiligtum des Ollback-Kults aufzuspüren, und in der Tat finden sie nach vielen aberwitzigen Abenteuern –
Frau Doktor Bishorst: Entschuldigen Sie die Zwischenfrage. Was hat das alles mit diesem Wort zu tun, das Sie über Gebühr beschäftigt?
Ich: Mit »Krompripp«? Nicht anders heißt der Planet in der Geschichte. Krompripp. Der Name wird unentwegt erwähnt. Nach vielen Abenteuern, mit denen ich Sie hier nicht langweilen will, obwohl sie mich als Kind begeisterten – und wenn ich ehrlich bin, tun sie es noch heute –, stoßen sie im Dschungel auf das zentrale Heiligtum des Kultes und dort finden sie unter einer romanischen Kuppel aus poliertem Holz den verschollenen Kreuzer, einen spindelförmigen Raumer mit arg zerschrammter Außenhaut, moosüberwuchert und mit bunten Tüchern geschmückt. Nun ja … Am Ende der Geschichte erreichen die Helden die Kühlkammer, wo auf einem Podest altargleich eine einzige Tiefschlaftruhe steht, und darin liegt Admiral Holberg höchstpersönlich, wie der Bordarzt mit einem Aufschrei des Entzückens feststellt, nachdem er – wie Generationen von Priestern des Ollback-Kultes vor ihm – auf Kopfhöhe das Eis vom Sichtfenster gewischt hat …
Die maskierten Menschen auf den Bürgersteigen, an den Fahrbahnübergängen, den Bushaltestellen, bildeten einen schmerzhaft verstörenden Kontrast zur Farbenpracht des Oktobertages. Noch trugen die meisten Bäume ihr Kleid, kaum buntes Laub bedeckte den Boden, und die Stadt überwölbte ein aus sich selbst heraus strahlender hellblauer Kinderbuchhimmel. Auf der Heimfahrt von der Sitzung kam mir ein naheliegender Gedanke und zu Hause setzte ich mich gleich an den Rechner, gab – wieso war ich nicht vorher darauf gekommen? – Krompripp ein und wurde tatsächlich fündig. Und zwar, was mich nur gelinde erstaunte, auf der Homepage eines Heimatforschers, der in erbsenzählerischer Manier Wüstungen in Schleswig-Holstein auflistete und mit Erklärungen versah: Ollerloh, Wüstenfelde, Bunebutle, Ekenhorst und, mir stockte der Atem, Krompripp. Ehe ich den Eintrag zu Krompripp las, recherchierte ich erst einmal, was genau ich unter Wüstungen zu verstehen hatte, und fand heraus, dass es sich bei einer Wüstung um eine ehemalige Siedlung oder Nutzfläche (Weide, Feld, Acker) handelt, an die nur noch »Urkunden, Flurnamen, Relikte im Boden, sichtbare Ruinen oder örtliche mündliche Überlieferungen erinnern«. Ich klickte zurück auf die Seite des Heimatforschers, wohl einem Oberstudienrat im Ruhestand, und las halblaut, denn nun war ich doch aufgeregt: Krompripp ist eine spätmittelalterliche Ortswüstung im Dänischen Wohld, der früh besiedelten fruchtbaren Halbinsel zwischen der Eckernförder Bucht und der Kieler Förde. Der Ort Krompripp befand sich wenige hundert Meter südlich des heutigen Krusendorf (Schwedeneck). Der Ortsname deutet auf eine sehr frühe, vermutlich vorslawische Entstehung hin. 1231 ist erstmals bezeugt, dass der Ort Krompripp als dem verrufenen Kirchenspiel Flidarhöh zugehörig betrachtet wird. Plötzlich und wie üblich ohne Vorwarnung kündigte sich eine meiner üblichen Unpässlichkeiten an (Taubheitsgefühle in Finger- und Zehenspitzen) und ehe ich mir eine Kanne Kräutertee kochte, recherchierte ich noch, einem vagen Impuls folgend, zu Frau Holle (Taubheitsgefühle in Händen und Füßen) und stieß auf Hel, eine altnordische Göttin, die Herrscherin der Unterwelt, Helheim genannt … hell (englisch) … Hölle (deutsch) … taube Arme … Holle … taube Beine … Holunder … Kanne Tee, heißes Schaumbad, Weinkrampf, Bett.
Die nächsten Tage hatte ich mit diversen Problemen zu kämpfen (einige körperlich, andere psychisch) und es begann windig zu werden und die Temperaturen sanken und die Bäume warfen ihre Blätter ab und die plötzlich kahlen Äste verrenkten sich in bedrohlicher Nacktheit vor einem Licht, das schon die tiefe Klarheit des Winters ahnen ließ. Ich schlief viel. Manchmal legte ich mich nach der Schule zu einem Mittagsschlaf hin und stand erst am nächsten Tag wieder auf. Einmal bettete ich mich in einer Freistunde zu einem Nickerchen im Kartenraum der Geographen und erwachte erst am folgenden Tag vom Gong der Großen Pause.
Ich: Er hat mir das Wort »Krompripp« regelrecht eingeimpft.
Frau Doktor Bishorst: Das scheint so. Durch diese Geschichte, die er Ihnen immerzu vorlas. Haben Sie sich deshalb vor einigen Wochen als, ich zitiere Ihre eigenen Worte, »Automaten meines Vaters« bezeichnet?
Ich: Das müssen Sie bitte als Metapher verstehen. Ich musste einkaufen, kochen, die Hausarbeit verrichten, wie einen Sklaven hat er mich behandelt, einen Sklaven, dem er, wenn er seinen Zorn auf alle Welt zügeln konnte, immer wieder die ein und dieselbe Geschichte vorlas. Das bedrückt mich natürlich. Und mich bedrückt, wenn wir gerade dabei sind, der derzeitige Zustand der Welt, dieses Kulissenhafte, das plötzlich überall Einzug hält. Einem Kollegen habe ich gestern gesagt, Schulbetrieb zu Pandemiezeiten sei, als würden die Monty Pythons Camus’ Pest verfilmen, aber er, mein Kollege, kannte die Monty Pythons nicht. Und Camus, so wie der Kollege mich ansah, auch nicht. Im Mythos von Sisyphos heißt es, ich zitiere aus dem Gedächtnis: Alle großen Taten und alle großen Gedanken haben einen lächerlichen Anfang. Ich stehe, was dieses Zitat von Camus mehr als nur perfekt bebildert, im Unterricht, denke mir ein Wort aus, denke mir nur scheinbar ein Wort aus, denn ich kenne es seit meiner Kindheit, kenne es nämlich aus einer Geschichte, mit der mich Vater malträtierte, das Wort, ich kenne es längst, denke es mir demnach nur scheinbar aus, in Wahrheit erinnere ich mich an ein Wort, das es gibt und das sich sogar googlen lässt, um sich als Name einer verschwundenen Siedlung nicht unweit von der Stadt zu erweisen, wo ich lebe. Ich habe im Waisenhaus oft an Krompripp gedacht. Das ist mir gestern in der Badewanne eingefallen. Nicht an das Wort, meine ich, sondern an den Planeten Krompripp, wo ich lieber atemberaubende Abenteuer erlebt hätte, als Nacht für Nacht –
Frau Doktor Bishorst: Sprechen Sie weiter!
Ich: Als Nacht für Nacht – einmal durchqueren die Schatzsucher in den Eingeweiden eines glasigen Schneckenwesens einen Ozean. Und einmal kocht der Schiffskoch Gulasch aus dem Fleisch eines mehrbeinigen Säugetiers und danach ist die ganze Mannschaft dieses Säugetier. »Gut«, sagt der Cheffunker erleichtert, sobald die Mahlzeit endlich verdaut und ausgeschieden ist, »dass ich nun wieder auf zwei Beinen gehen kann und Zweibeinererinnerungen habe und nicht unentwegt daran denken muss, ein sich blökend windendes Hohlstück in ein Gramploch zu zerren, um meine Eier hineinzulegen.« Verlegenes Lachen. Ja, ich kann große Teile der Geschichte auswendig. Darauf könnte ich stolz sein, bin es aber nicht. Mit Gefühlen ist das sowieso so eine Sache, aber darüber haben wir ja schon mehrmals geredet. Ich weiß, wie das Gefühl heißt, das ich haben sollte, kann es also benennen, aber die Fähigkeit, ein Gefühl benennen zu können, ist nun einmal kein echtes Fühlen. Und jetzt ist Schluss. Ich glaube, ich möchte die Behandlung abbrechen. Das führt zu nichts. Brechen wir hier bitte ab. Ich möchte ganz einfach wieder zurück nach Hause.




