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Wer im Frühling nach Kiel zieht und sich den ganzen Sommer über freut, nun endlich dort zu wohnen, wo andere Leute Urlaub machen, empfindet das Einsetzen des Herbstregens wie eine persönliche Beleidigung, doch wir, die wir hier aufgewachsen sind und natürlich die Ostsee niemals ein Meer nennen würden, registrieren lediglich mit stoischer Ernüchterung, dass es nun zu regnen begonnen hat, um einige Monate lang nicht mehr damit aufzuhören. Im Radio debattierten sie über die Notwendigkeit eines zweiten Lockdowns, ich kaufte ein weiteres Zehnerpack Masken in der Apotheke und fuhr durch eine Szenerie nach Hause (schräg fallender Dauerregen, Menschen mit Masken, fahles Licht, das anscheinend von unten kommt), die an verworren systemkritische, hypnotisch langatmige Ostblock-Science-Fiction-Filme aus den siebziger Jahren gemahnte. Das rhythmische Rucken des Scheibenwischers erinnerte mich an die kultische Bewegung, die in Vaters Geschichte motivisch eingesetzt wird, und diese Erinnerung an ein Wischen oder besser an ein Schaben oder vielmehr Kratzen (Eisflocken rieseln weiß wie Puderzucker und unter dem gewölbten Sichtfenster sieht man den Admiral im Kälteschlaf) ließ einen Plan keimen. Dieser wuchs in Windeseile und trug schließlich, ich parkte den Wagen gerade routiniert unter dem Holzdach des Carports, die Blüte eines Entschlusses, den ich schon viel früher hätte fassen müssen. Doch noch zögerte ich.
Am nächsten Tag meldete ich mich krank, verbrachte den Vormittag im Bett, las – von zwei erholsamen Nickerchen unterbrochen – zum wiederholten Mal meine Lieblingsnovelle von Gene Wolfe und fand sie ein weiteres Mal erheblich besser als bei der vorherigen Lektüre, hatte aber dieses Mal das kribbelnd-juckende, an eingegipste Extremitäten erinnernde Gefühl, der Text versuchte mir unter der pittoresken Oberfläche (»Und während dieser ganzen Zeit sprach der Tote am Steuerrad zu mir«) sowie jenseits der verzwickten Handlung etwas Dringliches mitzuteilen, das, verstünde ich es, mein Leben verändern würde. Gegen drei Uhr nahm ich ein Bad und kochte sodann mit Vergnügen einen Steckrübeneintopf.
Eine Hälfte davon löffelte ich im Sessel vor dem Fernseher (»Schulen und Kitas werden weiter geöffnet bleiben«), die andere Hälfte kam ins Eisfach.
Gegen fünf fuhr ich zur Wüstung Krompripp.
Von Kiel aus nahm ich die B 503, überquerte auf der Hochbrücke Holtenau den Nord-Ostsee-Kanal, kurvte vor mich hinsummend und -pfeifend durch den herbstlichen Dänischen Wohld, verließ die Schnellstraße auf Höhe von Surendorf und bog sogleich scharf links ab in Richtung Krusendorf, um mit andächtiger Ehrfurcht eine malerische Allee zu befahren, die Böcklin nicht hätte besser malen können – rechts von mir die Eckernförder Bucht bisweilen blau aufblitzend über dem Festland, links gepflügte Felder, Weiden mit Jungbullen und Schafen, an einem Tümpel ein Graureiher.
Ich parkte in der Nähe der alten Kirche, einem klobigen Gebäude aus Backstein, dessen Farbe fast identisch mit der Blätterpracht der Bäume auf dem Kirchhof war oder auch dem Pelz des Eichhörnchens, das mit antennengleich aufgerichteten Pinselohren meinen Weg kreuzte, als ich einige Meter die dörfliche Raiffeisen Straße entlangging, ehe von ihr ein namenloses Sträßlein abzweigte, das mich erst über eine kaum befahrene Schnellstraße zu mit niedrigen Zäunen eingefriedeten Äckern, dann durch unbebautes Niemandsland zum Gelände der Wüstung Krompripp führen würde, laut Google Maps einem winzigen Wäldchen zwischen den zur Gemeinde Schwedeneck gehörenden Örtchen Krusendorf und Birkenmoor.
Es nieselte leicht, ich setzte die Wollmütze auf, ein kühler Wind schlug mir von hinten in den Mantelkragen, kühl und beinahe süßlich nach Vanille duftend, die Ostsee. Auf einem Granitblock am Rand des Feldweges hockte ein Habicht und verfolgte mein zügiges Vorübergehen mit einem annähernd mechanischen Drehen des Kopfes. Plötzlich wurde der Weg wieder zur asphaltierten Straße und ich näherte mich einem offenbar militärischen Sperrbezirk: Das winzige Wäldchen, wo ich die Wüstung Krompripp vermutete, umschloss ein bemerkenswert hoher, mit Stacheldraht gekrönter Zaun. Ich verlangsamte den Schritt, sah, dass es kein normaler Stacheldraht war, was auch irritierend gewesen wäre, sondern sogenannter NATO-Klingendraht, was mir Angst einflößte, doch ich marschierte, obwohl ich am liebsten zum Auto zurückgegangen wäre, zielstrebig, denn was hätte ich ansonsten tun sollen, auf das geöffnete Tor zu, das zwei bewaffnete Gestalten versperrten.
Sie trugen braune Brustpanzer aus lederähnlichem Material und schwarze Helme aus Metall, die historisch wirkten. Die Visiere aus gelblichem oder mit den Jahren gelblich gewordenem Glas waren hochgeklappt.
Im Näherkommen fummelte ich die Maske aus der linken Gesäßtasche.
Die Soldaten salutierten und der Dicke sagte lachend: »Die brauchen sie nicht. Wir bilden nun wirklich eine Kohorte.«
Und der andere, der noch dicker war, salutierte erneut und echote: »Nein, die brauchen Sie nicht. Was ist das für ein herrlicher Tag!«
»Wie meinen Sie das?«, fragte ich, wobei ich die Maske wieder in die linke Gesäßtasche stopfte (links, denn rechts steckt der Geldbeutel).
»So, wie ich es gesagt habe«, sagte der Dickere.
»Sie reden aber nicht über das Wetter?«, vermutete ich.
»Kommen Sie mit!«, sagte der Dicke und seine Stimme bebte dabei, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. »Wir bringen Sie zum Schiff.«
Die beiden traten schwungvoll zur Seite, ließen mich passieren, schlossen sich mir an. »Es ist nicht weit«, sagte der Dickere freundlich, nachdem er das Tor hinter uns verschlossen und verriegelt hatte.
Ein geschotterter Weg führte erst durch morastiges Brachland, dann einen grasbewachsenen Wall hinauf, der an den Kraterrand eines Vulkans erinnerte. Von oben blickte man in eine Senke hinab, auf deren Grund ein spindelförmiges Raumschiff lag. Es war uralt. Die Außenhaut bestand aus rostigem dunklem Stahl und war narbig und verschrammt, als hätte das Schiff Jahrhunderte auf dem Buckel. An manchen Stellen war es mit kupferfarbenen Platten ausgebessert, die aufgrund ihrer Unversehrtheit wie aufgenietete Pflaster aus Metall aussahen.
»Da ist es!«, entfuhr es dem Dicken ehrfürchtig.
»Das sieht er doch selbst«, sagte der Dickere und sie führten mich an der anderen Seite des Walls eine behelfsmäßige Bohlentreppe hinab.
An der Hauptschleuse blieben Sie stehen.
»Und jetzt?«, fragte ich.
»Sie finden den Weg zur Brücke allein.«
»Wieso sollte ich den Weg finden können?«, fragte ich.
»Er kennt den Weg nicht!«
»Folgen Sie einfach den Stimmen, wenn Sie den Weg nicht mehr kennen!«
Und in der Tat fand ich den Weg zur Brücke mit traumwandlerischer Sicherheit, einem kreisrunden Raum, dessen Decke ein gigantisches, schartiges, nach oben gewölbtes Bullauge bildete, das ein mit mächtigen Nieten besetzter Stahlring umfasste. Unter der Kuppel des Bullauges saßen an einem runden Tisch aus tiefbraunem Holz vier sehr beleibte Männer. Sie trugen, was mir schockierend falsch vorkam – fast obszön zu diesen Zeiten, keine Masken. Vor jedem Sitzplatz war ein Halbrund aus der Tischplatte gefräst, damit sie bequem sitzen konnten. Ein Platz an der Tafel war noch frei. Auch hier gab es diese ausgefräste Stelle, aber ich würde sie noch nicht mit meinem Bauch füllen können, wusste aber, dass dies nur noch eine Frage der Zeit war.
Die Männer verstummten, kaum dass ich die Brücke betreten hatte, und erhoben sich langsam und ehrfürchtig.
Sie applaudieren zu hören, hätte mich nicht gewundert.
Zwei der vier erhoben Gläser mit dunkelrotem Inhalt.
Einer, dessen Gesicht etwas Nagetierhaftes hatte, sagte: »Kapitän!«
Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, als versuchte mir jemand, der hinter einer Milchglasscheibe steht, etwas Überlebenswichtiges mitzuteilen.
»Bitte?«, fragte ich, und da sprach der Navigator den Satz aus, der alles freisetzte, und es war, als würde die Welt flüssig werden und begänne zu strömen und mit dem schießenden Wasser packte mich eine Erinnerung. Ich saß im Arbeitszimmer. Ich war Vater. Ich hatte einen mächtigen Bauch, da Warten hungrig macht. Ich stand auf und ging nach unten in den Keller zu den Kühlkammern meiner Klone, wischte den gefrorenen Reif mal von dem einen, mal von dem anderen Sichtfenster und entschied mich schließlich für denjenigen Klon, der sich in den letzten Wochen als der Geeignetste erwiesen hatte. Sodann leitete ich den Weckprozess ein und ging zurück ins Arbeitszimmer. Nach einer guten halben Stunde rief ich ihn nach oben und las ihm die Geschichte mit dem Schüsselwort vor, einem Schlüsselloch für den im Bordbuch aufgezeichneten Schlüsselsatz, den auszusprechen traditionell dem Navigator oder dem Klon des Navigators oblag.
»Kapitän«, sagte der Erste Offizier in einer Sprache, die ich so lange nicht mehr gehört hatte, dass es war, als käme ich endlich nach Hause, und dann ergänzte er, wobei sich alle bedeutungsvoll ansahen, »wir sind flugbereit.«
»An Bord und Herr meiner Sinne«, entgegnete ich, indem ich ebenfalls aus der Sprache der hiesigen Eingeborenen in unsere Sprache wechselte, ein vertrautes und erhabenes Medium, dass mehr Handeln als Sprechen ist.
Alle lachten erleichtert, schlugen sich, soweit es ihre Körperfülle zuließ, auf die Schultern, und in das aufbrandende Gelächter hinein (die Formulierung, die ich verwendet hatte, nahm, nebenbei bemerkt, Bezug auf eine uralte Anekdote) sagte ich ebenfalls lachend (und dies war der Schlüsselsatz, den ich allein kannte, für das Schiff): »Wir nehmen uns das, was uns gebührt.«
Ein heiseres Summen kündigte ihr Erwachen an und ich setzte mich zur Mannschaft und nahm das mir gereichte Glas. »Da nun alle eingetroffen sind, sollten wir unverzüglich mit den Startvorbereitungen beginnen.«
Ich lasse den Füllfederhalter sinken. Und hier endet die Geschichte. Üblicherweise schreibe ich meine Texte zuerst von Hand als Rohentwurf, um sie danach abzutippen. Doch diesmal habe ich auf den handschriftlichen Entwurf verzichtet und gleich getippt. In einer Geschwindigkeit, als hätte ich mir nichts ausdenken müssen. Krompripp, Frau Holle, der Holunder, Krusendorf im Dänischen Wohld. Und hier beginnt die Geschichte.
Ich verlasse den Schreibtisch und stelle mich im Badezimmer vor den Spiegel. Es erfüllt mich mit nachsichtigem Staunen, nicht die großen Schneidezähne meines Helden zu besitzen. Krompripp, Frau Holle, der Holunder … Meine Augen weiten sich in plötzlichem Verstehen: Ich schreibe nun seit Jahrzehnten, aber nun weiß ich endlich, weshalb.
»Mutter!«, sagt mein Held in einer Sprache, die mir vertraut ist, obwohl ich sie bis heute nie zuvor gebraucht habe, und die Glocke aus Daten stülpt sich über sein Denken wie eine Qualle aus schierer Erkenntnis.
Die Reparaturen, weiß ich, sind erfolgreich durchgeführt und nach all den Jahrhunderten, dieser schmerzhaft zäh fließenden Zeit wie aus mit Asche bestäubtem flüssigem Harz, sind wir endlich wieder startbereit.

COMPUTER STREITEN NICHT
Von künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit
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