Bengston Energy Healing - Heilen aus dem Nichts

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Ben sollte von Karlis Osis getestet werden, dem damaligen Direktor des ASPR. Als ich den Termin mit Osis vereinbarte, klärte ich ihn über Bens wichtigste Bedingung auf: dass er lediglich anhand eines Gegenstands mit einer gut dokumentierten „Geschichte“ getestet werden wollte. Da Reproduzierbarkeit eines der wichtigsten Probleme bei der ASW-Forschung ist, beeindruckte Osis die Nachdrücklichkeit, mit der ich behauptete, dass Ben unter allen Umständen immer zu 100 Prozent richtig lag. Zweifellos hatte er zuvor schon Hunderte solcher Behauptungen gehört, die sich unter Testbedingungen dann doch als falsch erwiesen.
Die Fragen, die Osis Ben stellte, während dieser von einem technischen Assistenten an das EEG-Gerät angeschlossen wurde, waren eher höflich desinteressiert und machten deutlich, dass auch er auf einem Gebiet, das mehr als jedes andere zur Skepsis einlud, allmählich zum Skeptiker wurde. Dann gab er Ben einen braunen Kasten, der etwa 30 mal 30 Zentimeter maß und keinerlei Hinweis auf den darin enthaltenen Gegenstand gab.
Ben blickte auf die mir mittlerweile vertraute Weise ins Leere und erklärte: „Dies ist ein Geschenk, das bereits durch viele Hände gegangen ist. Ich sehe Berge und ein kleines Dorf in Südamerika. In Peru. Der Gegenstand wurde von einem etwa 30 Jahre alten Mann gekauft. Er schenkte ihn einer jüngeren Frau mit braunen Haaren und braunen Augen. Sie wiederum verschenkte ihn an einen älteren Mann, um ihm für einen Gefallen zu danken. Es ging um ein Empfehlungsschreiben.“ Ben sah Osis an. „Dieser ältere Mann waren Sie, aber der Gegenstand bedeutet Ihnen nicht sonderlich viel. Ich wette, Sie wissen rein gar nichts darüber.“
Osis war ziemlich verdattert. „Wüssten Sie gerne, um was für einen Gegenstand es sich handelt?“, fragte er. Ben seufzte: „Das spielt keine Rolle.“ Für mich allerdings tat es dies schon und ich war erfreut, als Osis die Kiste öffnete und sagte: „Es handelt sich um einen Brieföffner und es stimmt, ich bekam ihn von einer Frau als Dank für eine Empfehlung geschenkt. Ich glaube allerdings nicht, dass Sie mit Südamerika richtig liegen. Trotzdem, ein vielversprechender Anfang!“
Ben warf Osis einen finsteren Blick zu: „Sie wissen also wirklich nichts über die Geschichte des Gegenstands?“ – „Nein, aber wenn das mit Südamerika stimmen würde, dann wüsste ich es.“ Als Osis seine Aufmerksamkeit dem EEG-Techniker zuwendete, nahm ich den Brieföffner verstohlen in die Hand und entdeckte die Aufschrift „Made in Peru“!
Der Techniker schien Probleme mit Bens EEG zu haben. „Keine Ahnung, was da passiert ist“, sagte er zu Osis. „Ein paar Sekunden, nachdem Sie Ben den Kasten gegeben haben, stieg seine Beta-Aktivität eher an, als dass sie abnahm. Dann begann ein Teil seines Hinterhauptslappens mit der Produktion von Theta-Wellen, was eigentlich völlig unmöglich ist.“
Osis stimmte ihm zu: „Bei Theta handelt es sich um eine sehr eingeschränkte Gehirnaktivität. Man kann nicht zugleich einen aktiven Beta- und einen passiven Theta-Zustand haben.“ Der Techniker meinte, dass wohl irgendetwas mit dem Gerät nicht stimme. Osis nickte nur und blickte auf seine Uhr: „Es tut mir leid, aber ich muss zum nächsten Termin. Ich habe mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Herr Mayrick.“
Immer noch perplex testete der Techniker das EEG-Gerät an sich selbst. Es funktionierte tadellos. Wir überredeten Ben dazu, ein weiteres Reading vorzunehmen und sich noch einmal an das Gerät anschließen zu lassen. Wieder erzeugte er Beta- und Theta-Wellen gleichzeitig. Der technische Assistent probierte das Gerät erneut an sich selbst aus, wieder funktionierte es tadellos. Bei Ben hingegen zeigte es stur Beta- und Theta-Wellen. Schließlich kam der Techniker endgültig zu dem Schluss, dass das Gerät nicht in Ordnung sein könne. Erst Jahre später sollte ich herausfinden, dass einige indische Yogis und buddhistische Mönche meditieren, indem sie ihre Gehirnaktivität erhöhen, statt sie zu verlangsamen, und so zuvor unbekannte Gamma-Zustände erreichen, in denen schnelle und langsame Gehirnwellen gleichzeitig hervorgerufen werden.
Da die Weigerung des Technikers, Bens Messergebnisse ernst zu nehmen, mich ärgerte, schlug ich vor, eine andere Art von Gerät auszuprobieren – und zwar dasjenige, mit dem die Fähigkeit der Versuchsperson getestet wurde, den Zerfall einer radioaktiven Substanz zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Ben willigte widerstrebend ein. Nachdem er die Funktionstüchtigkeit der Maschine untersucht hatte, fordert der Techniker Ben auf, sich einfach nur darauf zu konzentrieren, das radioaktive Material schneller zerfallen zu lassen. Amüsiert antwortete Ben, dass dies kein Problem sei.
Während Ben dasaß, ohne die Apparatur auch nur anzusehen, entfuhr dem Techniker ein Laut des Erstaunens. „Da stimmt etwas nicht! Das Ding hier sagt, dass der Zerfall schneller stattfindet, als ich das für möglich halte.“ „Na gut“, sagte Ben, wie wenn er damit spielte, „dann verlangsame ich den Zerfall jetzt eben.“ Kurz darauf murmelte der Techniker, dass der Zerfall sich nun nahezu auf die Hälfte der normalen Geschwindigkeit verlangsamt habe. Er schaltete das Gerät ab. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Auch mit diesem Gerät scheint etwas nicht zu stimmen.“
Auf der Fahrt nach Hause ließ Ben seinem angestauten Ärger freien Lauf. „Na, was habe ich dir gesagt? Diese Typen fürchten sich genauso vor allem, was nicht in ihr Schema passt, wie alle anderen auch!“ Ich fragte ihn, wie er das radioaktive Material beeinflusst habe. Er lebte sichtlich auf: „Das war einfach. Um den Zerfall zu beschleunigen, stellte ich mir eine Wolke vor, die ich dann auflöste. Und für den umgekehrten Prozess einen gefrorenen Stein.“
Ben gab mir noch eine weitere Chance, ihm zu beweisen, dass parapsychologische Tests nützlich sein könnten. Diesmal fuhren wir zum Traumlabor des Maimonides Medical Center in Brooklyn. Wieder erklärte ich vorab, dass Ben nur anhand eines Gegenstands mit bekannter Historie getestet werden wollte. Und wieder sollte er von einem erfahrenen Parapsychologie-Forscher überwacht werden, diesmal Charles Honorton, der für seine ASW-Studien bekannt war.
Nach ein paar einfachen Fragen gab Honorton Ben einen Schal. Sobald Ben ihn berührte, geriet er in helle Aufregung. Er sprang auf und schrie: „Panik, Panik! Überall sind Tiere – Tiger, Elefanten und Giraffen! Ich versteh‘ das nicht!“ Er war kreidebleich und bekam kaum Luft.
„Ein sehr interessantes Reading“, sagte Honorton gelassen. „Der Schal gehört einem Mädchen, von dem wir glauben, dass es entführt wurde. Das letzte Mal wurde sie in der Bronx im Zoo gesehen. Der Polizei fehlen jegliche Anhaltspunkte, daher fragten sie an, ob einer unserer hellsichtigen Probanden vielleicht helfen könnte.“ – Ben warf Honorton den Schal vor die Füße. „Ich werde da nicht mehr mitmachen.“
Den ganzen Nachhauseweg über schimpfte er, und das war völlig in Ordnung; ich war mindestens ebenso aufgebracht wie er selbst. Ben hatte nur eine einzige Bedingung für das Reading gestellt – dass der Tester die Geschichte des Gegenstands kennen müsse – und in beiden Fällen war diese Vereinbarung gebrochen worden. Ich hatte diesen Forschern sozusagen den Heiligen Gral gebracht – einen Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten, der noch nie mit einer Aussage danebengelegen hatte –, aber sie waren zu sehr mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, um das zu bemerken.
Leider musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass diese Art von „Tunnelblick“ in der gesamten wissenschaftlichen Welt eher die Norm war – und je näher etwas vor ihrer Nase lag, umso eher konnte man davon ausgehen, dass die Experten es übersahen.
3. Durchbruch und Wendepunkt
Die Weltanschauungen einer Epoche haben sich in der darauffolgenden Ära als Absurditäten erwiesen und die Dummheiten von gestern wurden zu den Weisheiten von morgen.
SIR WILLIAM OSLER (berühmter kanadischer Arzt am Johns Hopkins Hospital in Baltimore)
Auch nachdem ich im Januar 1972 mit meinem Magisterstudium in Soziologie an der St. John’s University in Queens begonnen hatte, putzte ich nebenbei weiterhin Häuser mit Ben, sodass wir uns nahezu täglich sahen. Zwar fand ich die Vorlesungen über verschiedene Theorien, Forschungsmethoden und Statistik durchaus interessant, aber mein wirkliches Interesse galt immer noch dem, was ich gemeinsam mit Ben erlebte. Ich ahnte, dass dem Auflösen von Wolken und „Aus-der-Luft-Greifen“ von Informationen ein Prinzip zugrunde lag, das meine Vorstellungskraft überstieg. Bevor ich an den Punkt kam, an dem das Ganze möglicherweise zur Routine und somit langweilig wurde, erlebte Ben einen Durchbruch, der den weiteren Verlauf seines und zu einem großen Teil auch meines Lebens bestimmen sollte.
Wir saßen mit ein paar Freunden in Bens Wohnung, als einer von ihnen Ben einen Brief von einer Cousine in Dallas in die Hand drückte und um ein Reading bat. „Erzähl‘ mir bloß nicht mehr“, warnte Ben. „Je weniger ich weiß, umso genauere Angaben kann ich machen.“ Nach wenigen Sekunden griff er sich an Kopf. „Keine Ahnung, was da los ist, aber ich bekomme plötzlich derart massive Kopfschmerzen, das könnt Ihr euch gar nicht vorstellen.“ Er legte den Brief aus der Hand und die Kopfschmerzen verschwanden. Dann nahm er ihn wieder auf und prompt schmerzte sein Kopf erneut. Er probierte dies mehrere Male aus.
Ich schlug ihm vor, den Brief lieber nicht anzufassen, aber Ben hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er die Schmerzen auflösen wolle. Er ging also in sein Schlafzimmer und legte sich hin, den Brief weiterhin in der Hand haltend. Etwa fünfzehn Minuten später kehrte er zu uns zurück – völlig erschöpft, aber mit triumphierendem Blick verkündete er stolz, dass er die Schmerzen habe verschwinden lassen.
Ben war mit diesem Ergebnis schon höchst zufrieden, und erst nachdem der Freund seine Cousine in Dallas angerufen und ihr von dem Reading berichtet hatte, sollte uns die Idee kommen, dass wir auf etwas völlig Neues gestoßen sein könnten: Denn offensichtlich litt die Cousine zu dem Zeitpunkt, als Ben ihren Brief in der Hand hielt, an einem Migräneanfall. Als die Schmerzen in Bens Kopf sich auflösten, geschah das Gleiche auch bei ihr. Dabei hatte Ben gar nicht die Absicht gehabt, sie zu heilen, sondern wollte lediglich die entsetzlichen Schmerzen in seinem eigenen Kopf loswerden.
Schon bei vorherigen Readings hatte Ben manchmal Informationen über körperliche Symptome bekommen, aber diesmal hatte er sie zum ersten Mal am eigenen Leib verspürt. Einmal, als er den Büchereiausweis eines besonders skeptischen Freundes von mir in der Hand hielt, legte Ben seine rechte Hand an seinen eigenen unteren Rücken: „Dein Freund Douglas hat sich etwa hier den Rücken verrenkt, und zwar erst vor Kurzem. Ich glaube, es ist passiert, als er etwas gehoben hat. Es ist nicht weiter schlimm, könnte aber chronisch werden, wenn er sich nicht darum kümmert. Außerdem sind seine Schultern verspannt, aber das ist nur nervöse Anspannung.“ Dann stellte Ben eine seiner seltenen Fragen: „Worüber macht sich dein Freund Sorgen?“
„Er heiratet bald.“
„Sag ihm, er soll es lieber sein lassen, zumindest wenn er die Anspannung loswerden will“, riet Ben. Dann wurde sein Blick wieder leer. „Und dann ist da eine Geschwulst hinter seinem linken Ohr. Das ist nichts Ernstes, auch wenn er sich Sorgen deswegen macht.“ Und nach einer Pause fügte er noch hinzu: „Ich glaube, es ist eine Talgzyste.“ Ich fragte ihn, was das sei, und er antwortete: „Keine Ahnung. Das kam mir einfach so in den Sinn.“
Da Ben sich nie danach erkundigte, ob er richtig gelegen hatte, erzählte ich ihm nicht, dass mein Freund sich einen Monat vorher beim Hochheben einer Kiste den Rücken verrenkt hatte. Als ich Douglas wenig später den Büchereiausweis zurückgab, bestätigte er die Anspannung in den Schultern. Die Geschwulst hinter seinem linken Ohr sah ich mit eigenen Augen und ein Arzt diagnostizierte wenig später eine harmlose Talgzyste …
Douglas‘ Reaktion auf Bens Diagnose war auch wieder „typisch“: Zwar erstaunte ihn die Genauigkeit von Bens Aussagen, aber er zeigte keinerlei Interesse an seinen Fähigkeiten – der „Douglas-Effekt“.

Der Brief der Cousine aus Dallas markierte den Beginn von Bens Arbeit als „Diagnostiker“. Und wie der Zufall es wollte, war ich die erste Person, die er wissentlich heilte.
Wir befanden uns in der Küche eines Kunden und legten gerade eine Putzpause ein. Da der Hausbesitzer Ben aufgefordert hatte, sich ruhig zu bedienen, lehnte er am Kühlschrank und trank einen Kaffee, während ich mit baumelnden Füßen auf der Arbeitsplatte saß und mir ein Mineralwasser gönnte. Die Geschichte mit dem Brief aus Dallas hatte sich erst am Abend zuvor zugetragen und ließ Ben immer noch nicht los: „Also, ich kriege ein Gefühl im Kopf, als habe mir jemand die obere Kopfhälfte weggepustet. Ich denke mir, dass dieser Schmerz etwas ist, was ich genauso auflösen kann wie eine Wolke, also tue ich das und es geht mir besser. Und dann höre ich, dass es der Frau mit der Migräne angeblich zur gleichen Zeit ebenfalls besser geht. Ist das was Besonderes oder lese ich da zu viel hinein?“
Ich war froh, das Wort „angeblich“ aus seinem Mund zu hören. „Man kann natürlich nicht ausschließen, dass es sich um einen reinen Zufall handelt“, antwortete ich und kam mir sehr weise vor. „Schmerzen kommen und gehen.“ Niemand wusste das besser als ich selbst: Seit rund fünf Jahren hatte ich so starke Schmerzen in meinem unteren Rücken, dass ich das Stipendium, das ich aufgrund meiner Fähigkeiten als Schwimmer bekommen hatte, aufgeben musste. Mittlerweile waren die Schmerzen chronisch geworden. Selbst längeres Stehen konnte sie auslösen. Verschiedenste Ärzte hatten meinen Rücken untersucht und weder an Knochen und Muskeln noch an den Nerven irgendetwas feststellen können. Wie vielen anderen Menschen blieb auch mir nichts anderes übrig, als mit den Schmerzen zu leben und sie durch Stretching-Übungen ein wenig zu lindern.
Während wir uns unterhielten, spürte ich, wie mein Rücken sich verkrampfte, und ich beugte mich unwillkürlich nach vorne. Ben lehnte mit seiner linken Schulter am Kühlschrank und gestikulierte mit der rechten Hand. Plötzlich zog er eine Grimasse, setzte die Kaffeetasse ab, fasste sich mit der linken Hand an den unteren Rücken und begann über Rückenschmerzen zu klagen.
Ich fragte ihn beiläufig, wo die Schmerzen denn sitzen würden. „Genau hier, unter meiner Hand. Mensch, das ist vielleicht merkwürdig. Der Schmerz kam ganz plötzlich, genau wie bei dem Brief.“ Er begann seine Taschen zu durchwühlen. Vielleicht trage ich ja irgendetwas von jemandem bei mir, der ein Rückenproblem hat.“ Er öffnete seine Brieftasche. „Hm, hier habe ich ein paar Schecks von anderen Leuten, aber ich glaube nicht, dass es das ist.“ Dann ging er aus der Küche, die Hand immer noch am Rücken: „Vielleicht ist es etwas in meiner Manteltasche.“
„Nein, du Dussel!“, rief ich ihm hinterher. „Komm zurück – ich bin das Problem!“ Trotz des unangenehmen Gefühls im Rücken war es mir heimlich eine Genugtuung, dass ich ihm diesmal zuvorgekommen war: „Und du bezeichnest dich selbst als Hellseher?!“
„Na toll“, sagte Ben. „Nun haben wir beide Rückenschmerzen. Hättest du deine Schmerzen nicht für dich behalten können?“ – „Ich weiß was viel Besseres“, sagte ich grinsend. „Warum heilst du uns nicht beide gleichzeitig?!“ – „Und wie soll das gehen?“ Ich ließ mich von der Arbeitsplatte gleiten und beugte mich über den Küchentisch. „Leg deine Hand hier auf meinen Rücken“, sagte ich. – „Warum, wozu soll das gut sein?“ – „Tu’s doch einfach!“
Also legte Ben seine Hand auf mein Kreuz. Die Stelle wurde sofort warm, dann heiß. Während die Wärme meine Wirbelsäule durchdrang, spürte ich, wie mein unterer Rücken in einem Bereich von rund 10 Zentimetern Durchmesser taub wurde, als hätte man mir ein Betäubungsmittel gespritzt. Bens Hand ruhte weiterhin auf meinem Kreuz und die Taubheit nahm langsam wieder ab, ausgehend vom äußeren Rand des Bereichs. Als Ben die Hand schließlich wegnahm, war der letzte Rest von Taubheit verschwunden. Der gesamte Vorgang hatte weniger als zehn Minuten in Anspruch genommen.
„Meine Rückenschmerzen sind weg!“, verkündete Ben. Ich stellte mich aufrecht hin, beugte mich nach vorne und nach hinten, drehte den Oberkörper zur Seite und berührte meine Zehen. „Was machst du da?“, fragte er mich. – „Ich versuche, den Schmerz zu finden.“ – „Also sind deine Rückenschmerzen auch verschwunden?“ – „Komplett!“
„Was du nicht sagst“, zog Ben mich auf, der offensichtlich zu seinem üblichen prahlerischen Auftreten zurückgefunden hatte. Wie so oft hatte im Widerstreit der gegensätzlichen Gefühle, mit denen er zu kämpfen hatte, sein selbst eingestandener Größenwahn kurzfristig die Oberhand gewonnen: Wenn überhaupt jemand heilen konnte, dann war es selbstverständlich er! – Ich fragte ihn, wie er diesmal vorgegangen sei.
„Keine Ahnung. In den vergangenen Wochen hatte ich das Gefühl, dass sich irgendetwas veränderte, ohne jedoch genau zu wissen, was. Als du mich um Hilfe batest, hatte ich so eine Vorahnung, was wohl passieren würde. Sobald ich die Hand auf deinen Rücken legte, spürte ich, wie Energie meinen Arm hinunterpulsierte. Es lief ganz automatisch – als wäre es das Natürlichste von der Welt – und ich wusste, dass dies die nächste Station auf meinem Weg sein würde.“
„Du willst als Heiler arbeiten?“ Auch wenn sich in meinem Kopf tausend Fragen drehten, machte die seltsame Traurigkeit ins Bens Augen mir klar, dass diese Fragen auf einen besseren Zeitpunkt würden warten müssen. Im Stillen wunderte ich mich, wie die Fähigkeit zu heilen ein Grund für Melancholie sein konnte statt für Freude. Aber wie immer ahnte Ben bereits etwas, was ich auf die harte Tour würde lernen müssen. Er drückte es ungefähr so aus:
„Mit dieser ‚Heilungs‘-Geschichte öffne ich die Büchse der Pandora und ich bin mir nicht sicher, ob es das wert ist. Zwischen dem reinen Mitteilen von Informationen und dem Umgang mit der Gesundheit anderer Menschen besteht ja ein riesiger Unterschied. Stell dir einfach mal vor, du könntest Schmerzen auflösen oder heilen, oder wie auch immer du es nennen möchtest. Wenn nun Menschen mit schrecklichen Krankheiten zu dir kommen, wie könntest du sie dann ignorieren? Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, schlimmste Krankheiten zu durchleben – dabei möchte ich am liebsten völlig in Ruhe gelassen werden. In Wahrheit wollen nämlich viele Kranke gar nicht gesund werden, ganz gleich, wie sehr sie das Gegenteil behaupten mögen. Sie genießen entweder die Aufmerksamkeit, die ihr Kranksein ihnen verschafft, oder sie wollen vielleicht einfach nur keine Verantwortung übernehmen. Die Menschen, die ich erfolgreich behandle, werden es mir verübeln, die Ärzte werden mich verachten und ich werde als Freak gelten …“ Leider erwiesen sich Bens Vorhersagen in allen Punkten als korrekt.
Was meinen Rücken betrifft, so kann ich berichten, dass die Schmerzen in den vergangenen 35 Jahren kein einziges Mal zurückgekehrt sind, auch wenn ich damals zunächst dachte, die Besserung sei nur vorübergehend. Obwohl ich an Sportwettkämpfen teilnahm und schwere Lasten hob, habe ich nie wieder auch nur ein Ziehen oder Stechen im Rücken gespürt. Ich würde sogar wagen zu behaupten, dass mein Rücken außerordentlich belastbar ist. Wenn irgendwer nun die Behauptung aufstellen möchte, dass meine Beschwerden bestimmt „psychosomatisch“ gewesen seien, dann ist das völlig in Ordnung. Eine Heilung ist eine Heilung ist eine Heilung.
Sobald Ben bekannt machte, dass er als Heiler tätig sein würde, mangelte es ihm nicht an Klienten. Es begann mit kleinen Wehwehchen von Freunden und Nachbarn, die wiederum anderen davon erzählten, sodass ein nie versiegender Strom an „Kunden“ da war. Zwar waren dramatische Sofortheilungen wie die meinige selten, aber es zeigte sich bei verschiedensten Beschwerden zum ersten Mal überhaupt eine Besserung.
Auch wenn Bens neue berufliche Laufbahn mich faszinierte, waren diese Fälle von Heilung in meinen Augen sozusagen gnadenlos undurchsichtig, ja „schwammig“. Das war alles irgendwie mysteriös, nichts lief kontrolliert ab. Es wäre bequem und praktisch gewesen, diese Heilungen einfach zu glauben, aber ich war nun mal Empiriker – ich musste einfach wissen, wie die Methode wirkte.
Widerwillig erlaubte mir Ben, seine Diagnosen in einer Doppelblindstudie zu testen, die ich ganz formlos am Deepdale Hospital in Little Neck durchführte. Patienten, die sich im Krankenhaus anmeldeten, wurden gefragt, ob sie freiwillig eine Karteikarte unterschreiben würden, die die Krankenschwester anschließend in zwei verschiedene, blickdichte Umschläge steckte. Am Ende hatten wir acht Umschläge. Als ich Ben später die einzelnen Umschläge zur Diagnose in die Hand gab, wusste keiner von uns etwas über die jeweiligen Patienten, noch nicht einmal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Ben lag bei allen Diagnosen außer einer einzigen richtig. Später erfuhren wir, dass auch diese korrekt war, denn beim ersten Besuch des Patienten war eine falsche Diagnose gestellt worden, die bei seinem zweiten Besuch einen Monat später korrigiert wurde.
Zwischenzeitlich hatten wir ein Erlebnis, das jegliche Zweifel, die ich vielleicht noch gehabt haben mochte, endgültig ausräumte. Ben und ich saßen mit meiner Schwester Lynn und meiner Freundin zusammen, die versuchte, den Verschluss einer Getränkedose mit einem Messer zu öffnen. „Pass mit dem Messer auf!“, warnte Ben sie just in dem Moment, als sie sich in den rechten Zeigefinger stach und eine tiefe Wunde hinterließ. Ben sprang auf und nahm ihren Finger, aus dem nun das Blut quoll, in seine linke Hand.
„Hör auf, so zu drücken!“, protestierte sie. „Das tut weh!“ Aber Ben drückte keineswegs zu und ich konnte zwischen ihren und seinen Fingern deutlich einen kleinen Abstand erkennen. „Bleib einfach still sitzen, es heilt“, beharrte Ben und behielt den Finger in seiner Hand. Zwanzig Minuten später ließ er ihn los. Die Wunde war verheilt. Kein Schnitt, keine Narbe, kein Schorf – bis auf die Blutflecke war kein Anzeichen einer Verletzung mehr zu entdecken.
Jeder lässt sich von anderen Dingen beeindrucken. Vorher hatte ich ja schon erlebt, wie Ben meinen Rücken kuriert und andere spektakuläre Heilungen erzielt hatte, aber nichts bewegte mich so tief wie das hier: zu sehen, dass der Finger meiner Freundin vor meinen Augen heilte. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos, während sie mit kreidebleichem Gesicht immer wieder über die Stelle strich, an der die Wunde hätte sein müssen, und dabei murmelte: „Ach, du lieber Gott!“ Ich glaube, selbst Ben war das Ganze nicht geheuer, denn er verabschiedete sich an diesem Abend sehr bald von uns.
4. Bens spektakuläre Heilungen
Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.
AUGUSTINUS (Philosoph und Kirchenlehrer,
354–430 n. Chr.)
Rund ein Jahr nach meinem Einstieg als Bens Putzpartner hatte ich es geschafft, auch noch den letzten seiner Kunden zu vergraulen. Ben arbeitete damals bereits „in Vollzeit“ als Heiler. Während er Readings stets kostenlos gab, nahm er für seine Healings Geld: „Zahlen Sie, was und wann Sie möchten!“ Irgendwann bot ich ihm einmal im Scherz an, ein Schild zu basteln mit der Aufschrift „ANGEBOT DES TAGES! LEUKÄMIE HEUTE NUR 15 DOLLAR!“ Viele Menschen gaben ihm sogar noch weniger. Ben machte das nichts aus – seiner Frau allerdings schon.
Die Leute kamen in Scharen, aus allen Schichten und mit jedem nur erdenklichen Gebrechen. Damals wurde mir bewusst, dass es eine riesige verborgene Schicksalsgemeinschaft verzweifelter, schmerzgeplagter Menschen gab, die durch das Raster des Gesundheitssystems gefallen waren. Ich stellte auch fest, dass Ben es trotz seines ständigen Gejammers darüber, was alles von ihm erwartet wurde, durchaus genoss, im Mittelpunkt zu stehen.
Einer seiner ersten Klienten war ein Schüler namens Mark, der zusammen mit seinen Eltern an Krücken laufend bei uns ankam. „Ich kann meinen rechten Fuß nicht anheben“, sagte er zu Ben. Obwohl Ben nicht nach Einzelheiten fragte, fühlte sich Marks Mutter bemüßigt, uns diese mitzuteilen. Mark war eine Woche zuvor bei einem Football-Spiel bewusstlos geschlagen worden. Als er wieder zu sich kam, zuckte sein Fuß unkontrolliert. Da die Ärzte einen neurologischen Schaden vermuteten, hatten sie ihm ein Medikament für parkinsonähnliche Syndrome verschrieben. Dieses half zwar gegen die Krämpfe, aber Mark konnte trotzdem seinen Knöchel nicht bewegen: ein klassischer Fall von Fallfuß. [Anmerk. d. Übers.: Beim Fallfuß hängt die Fußspitze aufgrund einer Nervenlähmung und der Fußrücken kann nicht aktiv angehoben werden.]



