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Der Bürgermeister bedankt sich, gibt aber zu bedenken: „Ich fürchte, dass dann diejenigen, die jetzt 3000 Euro verdienen, protestieren werden, denn sie wären dann in Zukunft schlechter gestellt, als diejenigen, die jetzt 2000 Euro verdienen, denn diese werden ja in Zukunft 4000 Euro haben.“
Daraufhin seufzt der Milliardär: „Ich sehe schon, wenn ich Ihnen etwas Gutes tun will, muss ich die Einkommen aller Ihrer Einwohner verdoppeln. Was soll´s, ich habe genug Geld, ich werde es so machen, alle werden das Doppelte erhalten.“
Die Freude im Dorf ist riesig. Der einzige Anhänger der Linken im Dorf versucht jedoch, die Augen der Mitbürger zu öffnen, dass es sich ja nur um eine Augenwischerei eines Kapitalisten handelt, mit der er die Menschen betrügen wolle. Er rechnet vor: „Das durchschnittliche Monatseinkommen werde nunmehr 5700 Euro betragen, und somit würde die Armutsgrenze (also 60 Prozent davon) bei 3420 Euro liegen. Somit seien unverändert 20% der Einwohner arm.“
Der Pastor weigert sich jedoch, den Mann seine Sicht der Dinge im Kirchenblatt veröffentlichen zu lassen, und so tut er sich in dieser Not mit den drei AfD-Anhängern des Dorfes zusammen, und sie bezahlen eine Anzeige in der Lokalzeitung, in der sie die Rechnung veröffentlichen, mit der sie zweifelsfrei nachweisen, dass die Armut keineswegs abgenommen habe, wobei sie noch darauf hinweisen, dass die „Mainstreammedien“ (damit meinen sie das Kirchenblatt) diese Tatsache verschweigen.
Aber die Euphorie über das geschenkte Geld ist so groß, dass die Menschen nichts davon wissen wollen; stattdessen bestellen sie bereits Waren auf Kredit. Da sie Angst haben, der Milliardär könnte über die Anzeige der vier Nörgler verärgert sein und seine Spenden einstellen, veröffentlichen sie ihrerseits eine Anzeige, in der sie ihre tiefe Dankbarkeit ausdrücken, den Milliardär zu Besuch einladen und ihm die Ehrenbürgerschaft antragen. Einige Bürger taten sich sogar zusammen, besuchten die vier Nörgler und beschworen sie, still zu halten, damit der Milliardär auch weiterhin seine Spenden beibehalte.
Der Besuch des Milliardärs in dem Dorf ist ein voller Erfolg, und durch die Sympathie der Menschen, die Ehrenbürgerverleihung, die Blumenüberreichung und die damit verbundenen Umarmungen durch drei Kinder sowie ein Konzert in der Kirche zu seinen Ehren ist der Milliardär tief berührt, und einige Wochen später kündigt er an, das riesige historische Pfarrhaus, in dem zur Zeit kein Pfarrer mehr wohnt und welchem der Verfall droht, aufzukaufen und zu restaurieren. Er werde in einem Teil ein kostenloses Bücher- und Medienzentrum für das Dorf einrichten, und Bürgermeister und Kirche könnten die Räume im Erdgeschoss kostenlos für die Belange der Gemeinde nutzen.
Der Milliardär selbst würde das Obergeschoss bewohnen. Er ist alleinstehend, lebt relativ bescheiden, verpflichtet aber eine Frau aus dem Dorf, die ihm der Bürgermeister auf seine Bitte hin als zuverlässig empfiehlt, für ein großzügiges Gehalt als Haushälterin.
Als jedoch die nächsten Kommunalwahlen herannahen, gründen die vier Nörgler eine eigene Partei, die BfuD (Bürger für unser Dorf). Sie prangern die große Armut in ihrem Dorf an.
Die 100 Alt-Einwohner des Dorfes haben im Schnitt wie bereits früher berechnet 5700 Euro verdient, nur die Haushälterin erhält mit satten 10.000 Euro deutlich mehr als zuvor und ein Bauer, der dem Milliardär frische Produkte liefert, hat daran einige Hundert Euro verdient. Der Milliardär verdient hingegen mit seinem Großunternehmen 100 Millionen im Monat. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt, wie rechnerisch einwandfrei nachgewiesen werden kann, nunmehr bei rund 996.000 Euro. 60% davon sind 597.000 Euro, so dass alle Bürger dieses Dorfes mit Ausnahme des Milliardärs weit unter dieser Armutsschwelle liegen und als bitterarm gelten müssen.
Die neue Partei fordert eine gerechtere Verteilung des Geldes und gewinnt fünf neue Mitglieder.
Als Nächstes prangern die Kritiker die Tatsache an, wie der Bürgermeister der Haushälterin den lukrativen Job bei dem Milliardär verschafft habe. Anstatt die Stelle öffentlich auszuschreiben, so dass jeder sich hätte bewerben können, habe der Bürgermeister eine Frau empfohlen, die früher seine Schulfreundin gewesen sei, eine unerträgliche Kungelei und Vetternwirtschaft, man forderte den Rücktritt des Bürgermeisters.
Schließlich prangerte man noch an, dass ausdrücklich eine Frau angefragt war; damit sei das Gebot der Geschlechtergerechtigkeit verletzt worden, da Männer von vornherein ausgeschlossen gewesen waren. Alle Männer, so forderte man, müssen eine Entschädigung gezahlt bekommen.
Die Partei bekam Auftrieb und stellte fest, dass der Milliardär mehrfach in der Türkei und in anderen islamischen Ländern Urlaub gemacht habe. Dazu passte es, dass man bemerkte, dass in dem Medienzentrum auch ein Koran zu finden war. Vergeblich wies der Pastor darauf hin, dass es dort auch drei Bibeln, das Kapital von Marx und ein Buch über Zarathustra gebe. Viele Bürger bekamen Angst, dass der Milliardär heimlich eine islamische Unterwanderung des Ortes plane, und so geschah es, dass die BfuD die Wahl gewann und den neuen Bürgermeister stellte.
Dem Milliardär gefiel das nicht. Er verlegte seinen Hauptwohnsitz nach Monaco, entließ die Haushälterin und stellte seine Spenden ein. Damit verdienten alle Bürger wieder dasselbe wie früher. Sie hatten zwar in den vergangenen Monaten ihren Besitz durch viele Anschaffungen vergrößern können und verfügten nun über neue Boote, Fernseher usw., aber viele hatten sich an das viele Geld und das großzügige Ausgeben gewöhnt und oft auch auf Kredit größere Anschaffungen gemacht und hatten nun Schwierigkeiten, wieder mit der Hälfte des Einkommens auszukommen.
Die PfuD konnte hingegen nach einem Jahr eine positive Bilanz ihrer Arbeit veröffentlichen: „Armut in unserem Dorf bereits um 80% gesunken. Nur noch 20% liegen unterhalb der Armutsgrenze.“
Diese Geschichte ist sicherlich ein drastisches und daher satirisch anmutendes Beispiel, aber es wirft ein bezeichnendes Licht darauf, wie irreführend solche Statistiken sein können, wenn bestimmte Leute sie für ihre Zwecke benutzen, und wie unsinnig manche Methoden zur Berechnung der Armut sind. So kann es nach solchen Berechnungen in einem reichen württembergischen Dorf, in dem die Menschen zwischen 5000 und 20.000 Euro verdienen, mehr Arme geben als in einem abgelegenen armen pommerschen oder brandenburger Dorf, in dem die Menschen 1500 bis 2500 Euro verdienen.
Welches ist der Bezugsraum zur Berechnung der Armutsstatistik?
Ohnehin müsste als erstes definiert werden, welches der Bezugsbereich bei der Berechnung der Armut und der 60% sein soll. In der Geschichte von dem Hotelier und den zwanzig Eingeborenen war es eine Insel. Wenn die Insel abgelegen und abgeschieden ist, ist das ja eigentlich sinnvoll. Würde man stattdessen den gesamten Staat als Bezugsbereich zur Ermittlung der 60% vom Durchschnittseinkommen betrachten, hätten wir eine weitere absurde Situation für die Inselbewohner: Liegt sie in der Karibik und gehört zu Haiti oder Kuba, wären die Bewohner mit 100 oder 200 Euro monatlich keineswegs arm. Gehörte sie jedoch zu Frankreich oder England als kleiner Rest aus dem ehemaligen Kolonialreich, müsste man die Bewohner als bitterarm ansehen, obgleich sie genauso leben würden wie als Haitianer oder Kubaner. Sollten England oder Frankreich die Insel eines Tages an ein nahebei gelegenes Land übergeben, wie es mit Honkong geschehen ist, würden alle Bewohner plötzlich reich sein, obwohl sich de facto das Leben für sie keineswegs verbessert hätte. Würde Argentinien die Falklandinseln erobern, wie sie es bereits im Falklandkrieg gegen England versucht haben, könnten sich die Bewohner ebenfalls glücklich schätzen, denn sie wären zunächst einmal alle reich, da sie mehr verdienen als die Argentinier. Also ist es viel zu pauschal, den ganzen Staat zum Vergleich heranzuziehen.
In der letzten Geschichte war der Bezugsraum dagegen das Dorf. Der Bürgermeister hätte die Kritik des BfuD leicht durch Anwendung eines anderen Bezugsraumes kontern können, indem er z.B. das durchschnittliche Einkommen in Schleswig-Holstein zur Grundlage genommen hätte. Im Landesvergleich hätten dann die Bewohner seines Dorfes alle recht gut abgeschnitten. Das Gleiche gälte, wenn man den Bereich für die Statistik der Armut auf ganz Deutschland ausgeweitet hätte.
Noch besser hätte das Dorf abgeschnitten, wenn man als Bezug die Europäische Union oder gar die ganze Welt zugrunde gelegt hätte. Im letzteren Falle würden alle Dörfler zu den reichsten 10% der Weltbevölkerung zählen, also zu den Superreichen.
Welches ist dann aber eine angemessene Bezugsgröße zur Berechnung der Armut?
Was ist die angemessene Bezugsgröße zur Berechnung der Armut?
In unserer Geschichte im vorigen Kapitel wurde als Bezugsgröße das Dorf gewählt. Häufig liegen arme Dörfer aber direkt neben reichen Dörfern oder Städten. Wenn jemand als angestellter Lehrer 3000 Euro verdient, aber in so einem reichen Ort wohnt, dass er statistisch als arm gilt, bräuchte er nur in einen armen Nachbarort ziehen, und schon wäre er wie durch Zauberhand reich.
Nimmt man hingegen radikal die ganze Welt als Bezug, wären alle Deutschen steinreich, selbst wenn sie mit 500 Euro im Monat auskommen müssten.
Man muss aber dann natürlich sehen, dass die Lebenshaltungskosten in Deutschland hoch sind, so dass man mit 500 Euro nicht weit kommen kann, während etwa in Kuba viele Dinge billig sind und jemand mit 500 Euro im Monat Rente dort als reicher Ausländer leben könnte.
Sollte man dann als Kompromiss das Land zur Bezugsgröße wählen? Zunächst einmal wäre die Frage: Was ist das Land? Das Bundesland oder der Staat?
Innerhalb eines Staates und sogar eines Bundeslandes kann das Einkommen aber sehr variieren. In Brasilien, zum Beispiel, gibt es sehr arme Gegenden, in denen man mit 300 Euro Monatseinkommen bequem leben kann. Auf der anderen Seite gibt es die Hauptstadt Brasilia, in der alle Gehälter vielfach höher als anderswo sind, aber auch die Mieten an europäische Großstädte erinnern, so dass man selbst mit 1000 Euro nicht weit kommt. Würde man das ganze Land Brasilien zur Bemessungsgröße machen, wären fast alle Einwohner Brasilias reich, selbst wenn manche kaum über die Runden kommen. Wer in Brasilia arm ist, könnte in den anderen Landesteilen als reich gelten, sofern er dort dasselbe Einkommen erzielen würde.
Solche Unterschiede gibt es sogar auch innerhalb einer einzigen Stadt. Viele Städte haben luxuriöse Viertel für Reiche und Slums für Arme. Selbst in Deutschland gibt es arme und reiche Stadtviertel.
So kann ein junger Rechtsanwalt während der Ausbildung und am Anfang seiner Karriere vielleicht nur in einer Sozialwohnung in einer preisgünstigen Wohngegend seiner Stadt wohnen. Mit der Zeit verbessert sich sein Einkommen, und er gehört bald zu den Reichen in seinem Stadtteil. Eines Tages sterben seine Eltern, angesehene Richter, und der Mann erbt die elterliche Villa in einer vornehmen Wohngegend. Wie groß ist aber seine Enttäuschung, als er feststellen muss, dass die Villen in seiner Straße und Gegend fast alle von Unternehmern bewohnt werden, die weitaus mehr verdienen als er, so dass er sich nun wohl als arm ansehen muss.
Ohnehin müsste man auch definieren, ob die Meldeadresse oder der tatsächliche Aufenthalt zur Berechnung der Armut gelten soll. Wenn jemand in einem relativ armen brandenburger Dorf gemeldet ist, aber zwecks Studiums in Berlin wohnt und 2000 Euro monatlich zur Verfügung hat, ist er dann arm oder reich oder beides zugleich?
Man sieht, egal ob man eine Straße, ein Stadtviertel, eine Stadt, das Bundesland, den Staat oder die ganze Welt zur Bemessungsgrundlage macht, immer kann es zu Ergebnissen kommen, die der wahren Situation nicht entsprechen und Armut oder Reichtum nur vortäuschen.
Das Beispiel Monaco
Wenn man an Monaco denkt, denkt man an reiche und schöne Leute, an Luxus usw. Wer aber dächte, dass die Armut in Monaco nach den Berechnungen gewisser Leuten besonders schlimm ist?
Monaco ist eines der kleinsten Länder der Welt mit unter 40.000 Einwohnern. Die meisten Menschen verdienen in Monaco viel mehr als im benachbarten Frankreich und auch als in Deutschland. Lehrer, Kellner, Handwerker oder Hotelangestellte verdienen teilweise sogar das Doppelte. Aber das Durchschnittseinkommen liegt in Monaco bei über 12.000 Euro im Monat, da ein Drittel der Bevölkerung Millionäre sind und auch einige Milliardäre dort leben. Die mit 60% davon definierte Armutsgrenze liegt also bei 7200 oder 7300 Euro, das gilt wohlgemerkt pro Kopf. Verdient ein alleinstehender Lehrer 7400 Euro, liegt er knapp über der Grenze, hat er aber ein Kind, das noch nichts verdient, haben sie pro Kopf 3700 Euro, sind also weit unter der Armutsgrenze. Man kann also sagen, dass die Armut und besonders die Kinderarmut in Monaco weit verbreitet sind. Es gibt wesentlich mehr Armut in Monaco als in Deutschland, rund die Hälfte aller monegassischen Kinder gelten als arm. Sie leben zwar mit allem Komfort und ihre Eltern haben teure Autos, aber sie gelten als arm.
Eigene Berechnung
Wenn man solche Geschichten hört, muss man sich natürlich fragen, ob es wirklich angemessen ist, dass der Wohnsitz darüber entscheidet, ob jemand arm oder reich ist. Andererseits kann man auch nicht alle Bürger der ganzen Welt miteinander vergleichen, denn in manchen Gegenden ist es unmöglich, mit 300 Euro im Monat zu überleben, in anderen schon. In sehr kalten Gegenden muss viel Geld in Heizung und solides Wohnen gesteckt werden, während in immerwarmen Gegenden ein Häuschen im Stile eines gepflegten deutschen Kleingartens bereits vielen vollkommen genügt.
Man muss also differenzieren, aber nicht nach Wohnort, sondern danach, ob eine Person mit der ihr zur Verfügung stehenden Geldmenge ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.
Dazu muss dann aber natürlich zunächst definiert werden, was zum Lebensunterhalt gehört. Unbestritten natürlich die Ernährung. Aber dürfen es nur Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln und einfaches Brot sein, oder kann auch ein Mensch als arm betrachtet werden, der sich teure Fertigprodukte kauft oder sein Essen beim Döner oder MacDonald holt, oder aber hochwertige Bioprodukte kauft?
Sollte man zudem berücksichtigen, dass manche Menschen, zum Beispiel Diabetiker oder Allergiker, oft teurere Lebensmittel benötigen?
Also was braucht ein Mensch, um sich so zu ernähren, dass man nicht denken muss, er sei arm, wenn man seine Ernährungsgewohnheiten sieht? In Deutschland sind die Einkaufspreise überall fast gleich, jedenfalls die Preise in den Supermärkten sind in entlegenen Gegenden die Gleichen wie in den Großstädten. Wo läge die Armutsgrenze bei der Ernährung in Deutschland? Hundert Euro? 300 Euro? 600 Euro?
Natürlich braucht der Mensch auch ein Dach über dem Kopf. Und da schwanken die Mietpreise natürlich von Region zu Region sehr stark. Mancher hat auch einfach Glück und ergattert etwas Preiswertes oder hat eine eigene Wohnung.
Welche sonstigen Bedürfnisse muss man noch berücksichtigen? Schulgeld? Kann ein Mensch als arm gelten, wenn er sein Kind auf eine Privatschule schickt? Versicherungen? Welche Versicherungen kann oder sollte ein Mensch haben, der aber trotzdem noch als arm gelten soll?
Wieviel Geld kann bzw. sollte er für Vergnügungen zur Verfügung haben, also Kino, Theater, Konzerte, Fernsehen, Gesellschaftsspiele, Handy, Streaming, Reisen, Freizeitspaß, Restaurants, neue Bücher usw.
Schließt das auch Vergnügungen ein, die von vielen anderen Menschen abgelehnt werden wie zum Beispiel Rauchen, Bordellbesuche, Tätowierungen, gesundheitsschädigende Süßigkeiten, Computerspiele usw.? Kann ein Mensch als arm bezeichnet werden, wenn er Waschmaschine, Geschirrspüler, Fernseher, Computer, Handy und mehr besitzt, oder gilt er nur als arm, wenn er per Hand wäscht und lediglich ein einfaches Radio besitzt? Erst wenn alle diese Faktoren abgeklärt sind, kann man überhaupt eine Grenze ziehen, unterhalb derer jemand in den Augen eines anderen als arm gelten könnte.
Jeder Mensch hat andere Erfahrungen gemacht. Ich persönlich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass ein alleinstehender Mensch für Grundnahrungsmittel im Monat 50 Euro braucht. Ich persönlich komme sogar mit 30 Euro aus, allerdings werde ich oft von meinen Musikschülern zum Essen eingeladen, so dass ich bestimmt so vier bis fünf Mahlzeiten pro Woche spare.
Ich esse gerne Müsli, und zwar in großen Portionen von über 1000 kcal pro Mahlzeit. Dazu kaufe ich im Monat etwa 10 Packungen Haferflocken und 10 Liter Vollmilch. Das kostet alleine schon 13 Euro. Die Milch ist Vollmilch und kann daher mit Wasser 1 zu 1 verdünnt werden, so wie es das Kochbuch von Dr. Oetker ohnehin empfiehlt. Das schmeckt allerdings nur gut, finde ich, wenn Obst ins Müsli geschnitten wird, dann macht das Wasser den Geschmack frischer, ähnlich wie bei mit Wasser gemischtem Saft.
Obst kann man in Deutschland kostenlos bekommen, indem man zum Beispiel die frei herumstehenden Obstbäume nutzt und die Früchte einlagert. Allerdings gibt es Leute, die so gebrechlich sind, dass sie kein Obst selbst ernten können, oder die über keinen Ort verfügen, an denen sie das im Herbst geerntete Obst kühl genug lagern können. So sollte man sicherheitshalber jeden Tag zwei Stücke Obst kaufen können, das würde jedoch mit 15 Euro im Monat zu Buche schlagen, selbst wenn immer günstige Angebote genutzt würden. Dazu kommen etwa 7 Kilo Brot, normalerweise so 9 Euro. Davon alleine könnte man bereits satt werden, und die Ernährung wäre sogar vitaminreich und gesund, aber man würde sicherlich als arm gelten, wenn man sich so ernährte. Zwei Stücke Obst sind auch nicht gerade viel für eine gesunde Ernährung, auch wenn viele Menschen noch viel weniger Obst essen.
Zum Brot sollte auch Aufschnitt gehören, man bräuchte also einen Topf Margarine oder Butter sowie Aufschnitt. Das Billigste wären drei Packungen Frischkäse. Wir lägen jetzt schon bei 40 Euro, hätten also noch 10 Euro für Gemüse oder mal eine Abwechselung wie Fleisch, Honig, Fisch usw.
Wer lieber warmes Essen möchte, kann natürlich auch Kartoffeln, Nudeln oder Reis kaufen, aber dafür würde er weniger Brot und Haferflocken brauchen.
Die aufgelisteten Nahrungsmittel reichen für 3000 Kilokalorien pro Tag, viele Menschen brauchen sogar weitaus weniger.
Natürlich kann man sagen, dass ein Deutscher sich nicht so spartanisch ernähren muss. Zum Beispiel geht mein Beispiel davon aus, dass man Wasser trinkt, so dass keine Getränke gekauft werden müssen. In Deutschland hat das Leitungswasser in der Tat fast überall eine Qualität, die gleich oder höher als die von gekauften Mineralwassern ist, so dass der Kauf von Mineralwasser eigentlich Verschwendung ist, und natürlich erst Recht der Kauf von ungesunden Zuckerwassern wie Cola, Energiedrinks, sogenannten Fruchtsaftgetränken und anderen schädlichen Getränken. Aber vielleicht sollte auch ein armer Mensch gelegentlich mal eine Flasche Saft (oder wenn er es eben anders liebt, meinetwegen auch Cola oder Bier) trinken dürfen, oder wäre das schon ein Zeichen dafür, dass er eigentlich gar nicht arm ist und sein Geld für Überflüssiges ausgibt?
Das ist sicherlich Ansichtssache. Man sollte aber sicherlich nicht auf den 50 Euro beharren. Legen wir doch noch einen Hunderter drauf, dann kann die Person davon kaufen, was sie eben möchte. Zum Beispiel auch Tee oder Kaffee oder Zutaten, um gekochte Gerichte geschmacklich mit Soßen und Beilagen zu verfeinern. Damit wären wir bei 150 Euro.
Dazu kämen die Wohnungskosten. Im ungünstigsten Fall wohnt unser Beispiel alleine, also nicht mit einem Freund oder Lebenspartner. Dann muss er je nach Region in Deutschland 200 bis 1000 Euro Miete bezahlen. Aus einer so großen Spanne kann man unmöglich eine Regel ableiten, aber nehmen wir einmal der Einfachheit halber 700 Euro an.
Je nach familiärer oder beruflicher Situation wird er zudem Versicherungen brauchen; auch hier kann man kaum einen Wert schätzen, sagen wir also 100 Euro.
Eine Person, die so am unteren Rand der deutschen Einkommen lebt, hat sicherlich keinen oder zumindest keinen aufwendigen Beruf, der ein eigenes Auto erfordert; sofern die Person arbeitet, fallen aber mehr Fahrtkosten an als etwa bei einem Rentner, der lediglich für Arztfahrten, Besorgungen oder Besuche Transportmittel nutzt. Nicht immer kann man ja kostengünstig mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Rechnen wir vorsichtshalber 100 Euro für Fahrten ein.
Gerade bei Rentnern muss natürlich auch mit Kosten für Medikamente gerechnet werden. Es gibt natürlich Regeln, nach denen Personen mit geringem Einkommen nicht zuzahlen brauchen, aber auch das klappt nur ab einer gewissen Menge und auch dann nicht immer, zum Beispiel, wenn die Person ihr Einkommen nicht nachweisen kann. Auch die Befreiung von der Rundfunkgebühr ist nicht immer möglich, zum Beispiel dann nicht, wenn keine Sozialleistungen gewährt oder beantragt worden sind.
Unter Umständen wird so eine Person auch eigenes Internet brauchen. Oft kommt man mit einem Handy aus, für das monatlich ab 8 Euro Verträge mit Internet inclusive angeboten werden, außerdem gibt es fast in allen Städten und größeren Orten Stellen, an denen man kostenloses Internet nutzen kann, aber wer einen Laptop oder Computer ans Internet anschließen muss, weil er beruflich oder ehrenamtlich damit arbeitet oder nur so privaten oder behördlichen Verpflichtungen nachkommen kann, muss mindestens 20 Euro im Monat berechnen, wobei oft noch zusätzlich ein Vertrag für das Handy abgeschlossen werden muss. Billiger wird es nur, wenn er sich das Internet mit Nachbarn teilen kann.
Rechnen wir also noch einmal für alle diese eventuell anfallenden Kosten ganz pauschal weitere 100 Euro ein.
Wir liegen somit bei 1150 Euro, und somit tatsächlich bereits über der weiter oben benannten Armutsgrenze von 1054 Euro. Wer also eine relativ hohe Miete von 700 Euro zahlen muss (wobei in manchen Gegenden nur wenige Wohnungen billiger sind und nicht jeder nur wegen der Miete seinen Wohnsitz ändern kann) und noch andere Nebenkosten hat, kommt mit 1150 Euro tatsächlich nur gerade so über die Runden, es bleibt kein Geld für Vergnügungen wie etwa Restaurant, Theater, Konzerte, Netflix, Bier, Zigaretten usw., oder es muss regelrecht „vom Munde abgespart“ werden.
Wer unabhängig von gesellschaftlichen, familiären oder sonstigen Verpflichtungen ist, hat natürlich mehr Möglichkeiten, sich einen finanziellen Spielraum zu verschaffen. Hierzu ein Beispiel:
Gerda hat mit ihrem Mann im Ausland gelebt und nicht gearbeitet. Als sie 55 ist, stirbt er. Sie beschließt, nach Deutschland zurückzukehren, um Sozialhilfe zu beantragen.
Da Gerda aber noch ein Sparkonto mit Hunderttausend Euro besitzt, erhält sie keine Sozialhilfe. Wenn sie 67 ist, erhielte sie eine kleine Rente, die dann auf Antrag gegebenenfalls von der Sozialhilfe aufgestockt würde. Da ihr Mann hauptsächlich im Ausland gearbeitet hat und dort nichts in die deutsche Rentenkasse eingezahlt wurde, erhält sie an Witwenrente nur 300 Euro.
Die 100.000 Euro bringen an Zinsen oder Kapitalerträgen nur 1 bis 3 Prozent im Jahr, also im Schnitt ganz grob weitere 200 im Monat. Wenn sie die Ersparnisse allmählich aufbrauchen wollte, würde sie monatlich weitere 200 Euro entnehmen können und würde auch bei durch die Kapitalentnahme schwindenden Zinseinnahmen und ggf. allmählich höheren Bedarf durch die Inflation noch etwa 25 bis 30 Jahre insgesamt 400 Euro zusätzlich zu ihrer Witwenrente ausgeben können.
Da sie aus den zurückliegenden Jahrzehnten keine Berufserfahrungen hat, kann sie sich höchstens für einen Nebenjob bewerben, aber dazu müsste sie in eine Gegend ziehen, in der Arbeitskräfte gesucht werden. Dann hätte sie aber höhere Mieten zu zahlen, Fahrtkosten und andere Nebenkosten. Daher beschließt sie, sich stattdessen in einer schönen aber wirtschaftlich unterentwickelten Gegend wie z.B. dem Emsland, Nordwestniedersachsen oder einige Gebiete in Ostdeutschland niederzulassen, wo sie für 300 Euro bereits eine schöne Wohnung mieten kann, mit Glück sogar noch billiger.
Dann hätte sie noch 400 Euro übrig, also fast ebenso viel, wie ein Sozialhilfeempfänger, aber da sie in einer schönen Umgebung wohnt, entfallen viele Kosten, mit denen sich etwa ein Sozialhilfeempfänger in einer Großstadt plagen muss. So könnte sie also durchaus mit 700 Euro über die Runden kommen, vielleicht sogar mit weniger?




