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Der amerikanische Physiologe und Erforscher der Alkoholkrankheit Elvin Morton Jellinek hat eine Alkoholikertypologie entwickelt, in der er Trinker in fünf sogenannte „Trinkertypen“ einteilt.
Alpha – Trinker, auch Konflikt – oder Problemtrinker genannt, trinken Alkohol, um sich zu entspannen, um Angst und Verstimmungen zu beseitigen oder um Ärger herunterzuspülen.
Mit der eintretenden Beruhigung kommt auch die Kreativität für Problemlösungen zurück: man schreibt einen ergreifenden Liebesbrief, man hat eine berufliche Inspiration, man entscheidet sich für ein alternatives Behandlungsverfahren.
Die steigende Kreativität durch Alkoholkonsum bezieht sich übrigens nicht nur auf Problemlösungen, auch in alltäglichen Situationen tut der Alkohol seinen inspirierenden Dienst: Sitze ich im Sommer abends absichtslos im Garten („ich möchte einfach nur hier sitzen“, Loriot-Zitat aus dem Sketch „Szenen einer Ehe“), stehe ich spätestens nach der zweiten Flasche Bier auf, um dieses und jenes Gartenwerk zu verrichten. Ich gieße, schneide, pflanze um und zupfe Unkraut und merke dabei gar nicht, wie die Zeit vergeht, während ich mir noch ein Bier genehmige. Am nächsten Morgen wundere ich mich dann manchmal über das Werk vom Vorabend...
Im Winter muss das Haus dran glauben: die Deko wird gewechselt, der Kleiderschrank aufgeräumt, im ganzen Haus nach etwaigem Sperrmüll gesucht oder der Kellerbereich gesaugt.
Zurück zu den Problemtrinkern: Diese haben durchaus eine seelische Abhängigkeit zum Alkohol, aber sie haben auch noch die Freiheit, mit dem Trinken aufzuhören.
Das Problemtrinken ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen in Deutschland zur Flasche greifen. Und warum sie an der Flasche bleiben. Häufig verhält es sich nämlich so, dass die positive Erfahrung „mir geht es besser“, die mit dem Genuss alkoholischer Getränke verbunden ist, dazu führt, dass die Anlässe, warum man trinkt, immer nichtiger und damit immer häufiger werden. War es anfangs noch der Tod eines Angehörigen oder der Verlust des Jobs, reicht später bereits eine kleine Meinungsverschiedenheit mit dem Partner aus – Hauptsache, es gibt einen angenommenen Grund zu Trinken. Auch, wenn objektiv kaum ein Grund existiert. Das Problem Alkohol hat sich verselbstständigt. Man trinkt um des Trinkens willen und sollte sich dessen schleunigst bewusstwerden, solange man noch in der Lage, gegenzusteuern, um einer drohenden Abhängigkeit zu entgehen.
Die Freiheit, mit dem Trinken aufzuhören, hat ein weiterer Trinkertyp, der Beta – Trinker, auch Gelegenheitstrinker genannt, auch. Sein Trinkverhalten wird oft vom sozialen Umfeld mitbestimmt und auch Geselligkeitstrinken genannt.
In der heutigen Konsum- und Überflussgesellschaft geht beinahe jedwede Feier zwingend einher mit dem Genuss von Alkohol.
Sogar am Arbeitsplatz ist es zur Gewohnheit geworden, bereits am frühen Morgen mit Sekt auf Geburtstage anzustoßen.
Auch das „Abfeiern“ oder das gediegene „Essen-gehen“ am Wochenende ist meist gleichbedeutend damit, sich einen hinter die Binde zu kippen.
Anlässe für den Beta-Trinker, Alkohol zu konsumieren, sind Geburtstage, Familienfeiern ebenso wie Arbeitsjubiläen oder Verabredungen in Gaststätten. Mag einem auch nicht immer nach Bier, Wein und Schnaps sein – der Konsum alkoholischer Getränke gehört einfach zum Anlass dazu und wird deshalb auch kaum in Frage gestellt.
Das Trinken kann auf diese Weise zur Gewohnheit werden (33).
In kaum einem anderen Land finden sich so viele BETA-Trinker wie in Japan. Hier braucht man keinen Anlass für feuchtfröhliche Runden. In Japan gehört Alkohol einfach zu einem gelungenen Abend dazu. Auch bei einer Reise im Flugzeug, in der Bahn oder im Bus genehmigen sich Japaner schon in der Früh gern ein Bier oder auch zwei. Studenten treffen sich regelmäßig zu „Nomikai“, zu Trinkanlässen. Besonders ausgeprägt ist die Zecherei nach Dienstschluss: Das Feierabendbier ist in vielen Unternehmen fast schon ein Ritual. Ein guter Schluck hilft, mehr als nur den Arbeitsstress abzubauen: Beschwipst fällt das Plaudern leichter. Bei Bier, Wein oder Sake fallen mit den Hemmungen auch strikte soziale und hierarchische Schranken. Es gibt auch ein Wort für diese Art des geselligen Zusammenseins. Japaner umschreiben ihre regelmäßigen Trinkgelage mit „Nomunication“, das sich aus dem Begriffen „nomu“ (japanisch: trinken) sowie dem internationalen „Communication“ zusammensetzt und tatsächlich der innerbetrieblichen Kommunikation dient. Im mildernden Umstand der Trunkenheit erfahren die Chefs, was ihre Untergebenen am Führungsstil oder an Entscheidungen kritisieren. Bei alkoholisierten Scherzen können sie Fehler erkennen und auch zugeben, ohne ihre Autorität aufs Spiel zu setzen. Niemand wird sie irgendwann nüchtern darauf ansprechen. Es ist ein ungeschriebenes, aber bindendes Gesetz, am nächsten Tag zu „vergessen“, was alkoholumnebelt am Vorabend gesagt wurde.
Kaum irgendwo auf der Welt ist die Toleranz für Alkohol so groß: Wer über den Durst trinkt, vom Barhocker fällt oder auf der Tatami-Matte umkippt und einschläft, wird nicht getadelt. Kein Japaner nimmt Anstoß daran, wenn im Zug oder auf der Straße ein Angestellter im dunklen Anzug sturzbetrunken torkelt oder einfach herumliegt. Man setzt den Fremden einfach in ein Taxi oder geleitet ihn zur S-Bahn. Eine Umfrage des Forschungsinstituts Pew Global bestätigt diese legere Haltung auch statistisch.
Demnach sind Japaner spitze in Sachen Toleranz. Für 66% der Interviewten ist Alkoholkonsum „moralisch akzeptabel“, nur 6% sind entgegengesetzter Meinung. Mit großen Abständen folgen Tschechen, Deutsche und Briten: Bei den Tschechen finden es 47% okay, Alkohol zu trinken, bei den Deutschen 41% und den Briten 38%. „Japan ist ein Paradies für Trinker“, so „Japantoday“.
Ärzte verlangen seit Jahren mehr Aufklärung über die Folgen, über Sucht, Missbrauch und Behandlungen. Aber die Politik weigert sich, Alkoholismus als Krankheit anzuerkennen. Das Problem: Viele führende Politiker halten es wie ihre Landsleute, sie trinken gern, regeln bei einem Gläschen wichtige Deals und würdigen jene, die besonders viel vertragen. So wurde ein ehemaliger Präsident des Unternehmerverbandes auf seinem Grabstein mit der Inschrift „geehrt“: „Er war ein begnadeter Trinker“ (34).
Gelegenheitstrinker bekommen nicht selten Organschädigungen. Sie sind weder körperlich noch seelisch vom Alkohol abhängig, aber gefährdet.
Praktiziert man das Gelegenheitstrinken über einen längeren Zeitraum besteht die Gefahr, zum Gamma- oder Delta-Alkoholiker zu werden.
Gamma – Alkoholiker sind suchtkrank und können ihren Alkoholkonsum nicht mehr steuern. Sie erleiden einen Kontrollverlust, das eigentliche Merkmal der Alkoholkrankheit, sie können ihren Alkoholkonsum nicht mehr kontrollieren, ihn mengenmäßig nicht mehr steuern. Gamma-Trinker müssen trinken, weil ihr Körper den Alkohol verlangt. Zwischendurch haben sie bisweilen völlig alkoholfreie Perioden, manchmal sogar über längere Zeiten bis zu mehreren Monaten.
Insbesondere vormalige „Problemtrinker“ neigen dazu, sich zu Gamma-Alkoholikern zu entwickeln.
Delta – Alkoholiker werden auch Spiegeltrinker genannt, weil sie einen andauernden, ständigen Blutalkoholspiegel aufrechterhalten müssen. So wird aus einem angedachten „Frühschoppen“ oft ein „Tagesschoppen“. Das Bier schmeckt schon lange nicht mehr, der Bauch bläht und der stetige Harndrang treibt einen wieder und wieder auf die Toilette – trotzdem ist ein „Schluss-für-heute“ vor dem Zubettgehen keine Option. Einmal Alkohol im Blut ist das Verlangen, diesen Zustand aufrecht zu erhalten, einfach zu groß.
Fehlt die Zufuhr von Alkohol, kommt es bisweilen zu starken Entzugserscheinungen. Die Spiegeltrinker sind nicht abstinenzfähig, die Entzugserscheinungen sorgen für ein ständiges Weitertrinken.
Auch, weil Spiegeltrinker oftmals eine sogenannte Alkoholtoleranz entwickeln. Das bedeutet, dass sie, um die gleiche Wirkung zu erzielen, mehr Alkohol trinken müssen (35).
Spiegeltrinker entwickeln sich oft aus Beta-Trinkern, aus Gelegenheitstrinkern. Sie sind krank.
Epsilon – Alkoholiker schließlich werden im Volksmund auch schlicht und einfach „Quartalsäufer“ genannt. Sie verspüren in zeitlichen Abständen einen unwiderstehlichen Drang nach Alkohol, der sich oft Tage zuvor durch Ruhelosigkeit und Reizbarkeit ankündigt. Sie veranstalten dann regelrechte Sauf – Exzesse, die einige Zeit andauern können, und leben dann oft tagelang in einem Rauschzustand.
Während dieser Trinkphase haben sie den Kontrollverlust. Sie trinken hemmungslos und haben Erinnerungslücken („Filmrisse“).
Zwischen den einzelnen Trinkphasen leben die Kranken oft wochenlang ohne Alkohol und haben nicht einmal das Bedürfnis, Alkohol zu trinken, bis wieder eine Rauschphase beginnt. Die Epsilon- Alkoholiker sind im Sinne der Reichsversicherungsordnung (RVO) ebenfalls krank (36).
Soweit die Trinkertypologie nach Jellinek. Ich möchte diese im Folgenden gern noch um vier weitere Trinkertypen erweitern, die ich für wesentlich im Hinblick auf die Frage „warum trinken wir Alkohol?“ halte, den „Selbstwerttrinker“, den „Schöntrinker“, den „Belohnungstrinker“ und den „Gewohnheitstrinker“.
Beginnen wir mit dem „Belohnungstrinker“.
Anfangen kann der Weg in die Sucht oft mit „harmlosem“ Belohnungstrinken.
Der Belohnungstrinker konsumiert alkoholische Getränke immer dann, wenn er glaubt, etwas Besonderes erreicht, etwas geschafft zu haben. Beruflicher Erfolg, die Bewältigung einer unangenehmen Situation im Privatleben, eine sportliche Höchstleistung – und schon heißt es „darauf trinke ich mir einen“.
In der Werbung findet der Belohnungstrinker vielfach die Bestätigung seines Verhaltens.
"das habe ich mir verdient“, „man gönnt sich ja sonst nichts“, „wenn einem so viel Gutes widerfährt, dann ist das einen … wert“, „darauf einen...“. - pfiffige Marketingspezialisten sprechen dem Alkohol eine Erlöserqualität zu, die er nicht hat.
Eine amerikanische Studie zeigt, dass der Alkoholgenuss auch stark vom Belohnungszentrum im Gehirn abhängt. Forscher gehen schon lange davon aus, dass Alkohol Endorphine im Gehirn freisetzt und so angenehme Gefühle hervorgerufen werden. Vermutlich verhält es sich so, dass bei Belohnungstrinkern das Belohnungszentrum im Gehirn besonders stark auf die Zufuhr von Alkohol reagiert.
„Offenbar ist ihr Gehirn irgendwie verändert, sodass sie im Gegensatz zu Normaltrinkern Alkoholkonsum als angenehmer empfinden und mehr wollen – und zwar unabhängig von der Menge der Endorphinfreisetzung oder -bindung“, glaubt Studienleiterin Jennifer Mitchell von der University of California (37).
Ein weiterer Trinkertyp ist der „Selbstwerttrinker“. Er konsumiert Alkohol, um auf diesem Wege sein Ego aufzupolieren, wohl wissend, dass die enthemmende, bisweilen gar euphorisierende Wirkung alkoholischer Getränke oft mit einer Steigerung des Selbstbewusstseins einhergeht.
Der Genuss von Alkohol zur Steigerung des Selbstbewusstseins oder, anders ausgedrückt, Trinken um „gut drauf zu sein“, ist weit verbreitet.
Ich erinnere mich an zwei Ereignisse im Kreise unserer Clique, damals alle Anfang 30.
Eine gute Freundin hat angekündigt, eine Bekannte auf ein Straßenfest mitzubringen. Ich hatte diese schon Wochen zuvor auf einem Geburtstag kennen gelernt und war zu der Ansicht gelangt, dass sie gut zu einem meiner besten Freunde, damals glücklich geschieden, passen würde. Wir sitzen in einem kleinen Zelt auf einer Biertischbank, mein Freund signalisiert mir unauffällig, dass er durchaus interessiert an dem Überraschungsgast ist. Nur sitzt er stocksteif auf der Bank, traut sich kaum einmal in Richtung des Objektes der Begierde zu schauen, vom Anbahnen einer Unterhaltung ganz zu schweigen.
Nach einer Weile steht mein Freund auf und verabschiedet sich, um „nur kurz eine Kleinigkeit essen“ zu gehen. Als er sich nach circa dreißig Minuten wieder zu uns gesellt, bietet sich uns ein ganz anderes Bild: breit grinsend, den von der Band zu Gehör gebrachten Musiktitel mitsingend, stolpert er fast über die Holzbank und quetscht sich geradezu in die kaum vorhandene Lücke zwischen meiner Freundin und derer Bekannter, um unmittelbar das Gespräch mit beiden aufzunehmen.
Die Vermutung liegt nahe, dass er statt einer „Kleinigkeit essen“ am nächsten Tresen verweilt und eher flüssige Nahrung zu sich genommen hat.
Dass der Versuch, die Auserwählte an diesem Abend nachhaltig zu beeindrucken, kläglich scheitert, bedarf nicht der Erwähnung...
Frisch verliebt nehme ich eines Abends meine neue Herzdame zu einer Geburtstagsparty mit, man trifft sich in einem bekannten Kölner Stimmungslokal.
Als wir in dem Lokal feiern, verändert sich die Stimmung meiner Begleiterin schlagartig: Sie redet kaum, schaut mehrmals betreten auf den Boden und sieht einfach nur unglücklich aus. In diesem Lokal, bei dieser Musik und unter völlig unbekannten Menschen fühlt sie sich offenbar nicht wohl.
„Ich bin mal 'ne halbe Stunde weg“, sagt sie auf einmal, ich denke mir nichts dabei. Vielleicht ein wenig frische Luft schnappen, vielleicht ein wichtiges Telefonat. Um die fünfundvierzig Minuten später steht ein anderer Mensch vor uns: hoch erhobenen Hauptes, dabei lächelnd und sich rhythmisch zur Musik bewegend scheint meine neue Freundin den Abend auf einmal zu genießen. Auch das Gespräch zu meinen Freunden sucht sie nunmehr.
„Ich war kurz draußen am Kiosk, nüchtern kann ich diesen Laden nicht ertragen“ flüstert sie mir ins Ohr.
Das Selbstwerttrinken mag in manchen Situationen durchaus ein probates Mittel sein, um sich selbstbewusster zu fühlen, sicherer aufzutreten, „cooler“ zu wirken.
Selbstwerttrinker neigen jedoch manchmal dazu, immer mehr Situationen auszumachen, in denen sie sich selbstsicherer fühlen möchten.
Das birgt die Gefahr, dass sich der Selbstwerttrinker langsam, aber sicher in Richtung Gewohnheitstrinker entwickelt.
Bei dem Begriff „Schöntrinken“ denkt man unweigerlich an Karneval, an Ballermann und andere Lokalitäten, die mit „Bagger-Image“ versehen sind, also im Ruf stehen, aufgrund Ihres Ambientes die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht zu fördern.
Der platte Männerspruch „die sauf' ich mir schön“, wenn es darum geht, der wahrgenommenen Attraktivität einer Vertreterin des anderen Geschlechts mit Alkohol auf die Sprünge zu helfen, ist allseits bekannt.
Das sprichwörtliche Schöntrinken gibt es nach Erkenntnissen britischer Wissenschaftler tatsächlich – und zwar nicht nur in Bezug auf die Attraktivität des jeweils anderen Geschlechts. Nach ein paar Gläschen fanden heterosexuelle Männer bei einer Versuchsreihe der Universität von Bristol sowohl Frauen als auch Vertreter des eigenen Geschlechts hübscher als vorher. Auch in den Augen von Frauen wurden Vertreter beider Geschlechter attraktiver (38).
Der Schöntrinker beeinflusst mittels Alkoholes dabei keinesfalls nur seine Wahrnehmung vom weiblichen Gegenüber, er merkt schnell, dass sein Prozedere auch in andern Lebenssituationen Erfolg verheißt und er sich vieles
schöntrinken kann, wenn nur der Pegel stimmt.
Eine Visite der nicht unbedingt heiß und innig geliebten Verwandtschaft wird infolge von Begrüßungssekt, Tischwein zum Essen und dem Schnäpschen danach durchaus erträglich.
Den Besuch einer Travestieshow, an der mich nun wirklich überhaupt nichts reizt, finde ich beinahe amüsant.
Sie sollten sich einmal nüchtern in die entsprechenden Situationen begeben. Ich habe es versucht. Nach dem Besuch der Verwandtschaft habe ich davon abgesehen, mich nüchtern dem heiteren Spott der Travestiekünstler auszuliefern...
Erst ohne den Einfluss von Alkohol erkennt man, was einem wirklich Freude bereitet und was eben nicht.
Ist der regelmäßige Alkoholkonsum zur Gewohnheit geworden, ist oftmals allein das schon Grund genug, weiter zu trinken, der Betroffene wird zum Gewohnheitstrinker.
Denn die Wirkung des Alkohols, in Maßen genossen, ist ja auch ohne die Probleme, die man mit selbigem bekämpfen will, eher angenehm als das sie uns stört. Und so vermisst man nach einer Zeit regelmäßigen Trinkens das wohlige Gefühl der Leichtigkeit des Seins, welches sich bereits nach recht geringen Mengen Alkohol einstellt.
Außerdem verbindet man gewisse Situationen des Alltags, beispielsweise das Abendessen oder das abendliche Fernsehen, unweigerlich mit dem Genuss von alkoholischen Getränken - oft fällt es schwer, diesen Gewohnheitszusammenhang aufzulösen.
Dazu kommt, dass manch' einer sich gar nicht bewusst ist, dass er viel beziehungsweise zu viel trinkt und dieser Gewohnheit weiter nachgeht, ohne überhaupt in irgendeiner Form darüber
nachzudenken.
Gerade Menschen, die ein durch Arbeit, Familie und Freizeitgestaltung ausgefülltes Leben führen, nehmen sich oft nicht die Zeit zur Selbstreflektion, sondern leben einfach in ihrem gewohnten Rhythmus weiter. Ist der Genuss alkoholischer Getränke erst einmal Bestandteil desselben, wird er, wie andere Bestandteile des täglichen Lebens auch, weiter fortgesetzt.
Das Einteilen alkoholgefährdeter Menschen in „Trinkertypen“
kann wertvolle Unterstützung bieten, wenn es darum geht, den Ursachen für einen übermäßigen Alkoholkonsum auf den Grund zu gehen.
Basierend auf diesem Wissen ist es dann möglich, entsprechende Ansatzpunkte zur Bekämpfung der möglichen Alkoholsucht des Betroffenen zu erhalten.
Doch was ist das eigentlich genau – Sucht? Und wie kommt sie zustande? Damit befassen wir uns im nächsten Kapitel.
05 – Sucht und Alkoholismus
„Wer je den Durst mit Bier gelöscht, wird wieder danach streben“
Man könnte annehmen, dass das Wort „Sucht“ etymologisch mit dem Begriff „suchen“ zu tun hat – weit gefehlt. Es hat seinen Ursprung im Wort „siechen“, also an einer Krankheit leiden.
„Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums.", so Klaus Wanke, mittlerweile verstorbener, früherer Sprecher des Wissenschaftlichen Kuratoriums der Deutschen Hauptstelle zur Abwehr der Suchtgefahren (39).
Süchtiges Verhalten kann ein jeder von uns entwickeln, denn jeder wiederholt gern, was ihm Wohlgefallen bereitet. Substanzen wie Tabak, Coffein, bestimmte Beruhigungs- und Schlafmittel wie Benzodiazepine oder Barbiturate, flüchtige Lösungsmittel und illegale Drogen wie Cannabis, Ecstasy, LSD, Kokain und Heroin (Opioide), und eben auch Alkohol besitzen allesamt ein Suchtpotenzial. Das bedeutet, dass möglicherweise bereits ihr einmaliger, in jedem Fall aber ihr mehrmaliger Konsum der erste Schritt in eine Abhängigkeit sein kann.
Aber warum wird man nach diesen Substanzen süchtig?
Kurzfristig wird mit dem Konsum eines Suchtmittels eine positive Wirkung erzielt, die oft als unbefriedigend empfundene Ausgangssituation wird scheinbar gebessert. Die anschließende „Ernüchterung" lässt einen Teufelskreis entstehen, der Wunsch nach einem erneuten Rausch rückt für den Betroffenen immer mehr in den Lebensmittelpunkt.
Eine Suchterkrankung basiert auf einer Fehlsteuerung des Belohnungssystems im Gehirn. Suchtmittel aktivieren verschiedene Botenstoffe, die zum Beispiel Wohlbefinden oder Euphorie auslösen. Dadurch lernt das Gehirn relativ schnell, ein bestimmtes Suchtmittel als positiven Reiz wahrzunehmen. Fehlt dieser Reiz, empfindet es eine Art Belohnungsdefizit – mit der Folge, dass der unkontrollierte Wunsch nach dem Suchtmittel entsteht.
Fast jede Sucht entwickelt sich über die psychischen Prozesse Erfahrung und Wiederholung an die sich der physiologische Prozess der Gewöhnung oder biologischen Toleranz anschließt. Unter biologischer Toleranz versteht man die Abnahme der Drogenwirkung bei wiederholter Einnahme. Sucht-Patienten kompensieren diesen Wirkungsverlust mit immer höheren Dosen. Ein weiterer Aspekt bei Süchten ist das Eintreten einer Gewohnheit: Der Substanz-Konsum gewinnt immer mehr Bedeutung und Funktion in verschiedenen Lebenslagen und Gemütszuständen. Sucht ist also keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit, die im Gehirn nachgewiesen werden kann.
Neben den erwähnten stoff-gebundenen Süchten existieren auch „Nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten" wie Glücksspiel, Computerspiel- oder Internetsucht, aber auch Arbeitssucht oder Sexsucht. Krankhaftes Stehlen (Kleptomanie) oder Brandstiften (Pyromanie) werden medizinisch nicht zu den Suchterkrankungen gezählt. Diese Verhaltensauffälligkeiten werden als Störungen der Impulskontrolle zusammengefasst, der Patient kann seine Handlungen nicht bewusst steuern. Körperliche Abhängigkeitsanzeichen treten im Gegensatz zu den meisten Suchterkrankungen hier nicht auf (40).
Soviel zu Sucht und Abhängigkeit als solchen. Wie steht es aber nun um den Alkoholismus, eine spezielle Form der Sucht?
Alkoholsucht, also die Abhängigkeit von der psychotropen Substanz Ethanol, gilt weltweit als eine behandlungs-bedürftige Krankheit, weil der Abhängige sich meist nicht selbst aus der Abhängigkeit befreien kann (41).
Nach der Definition im ICD-10, das von der Weltgesund-heitsorganisation (WHO) herausgegebenen wird, sollte die Diagnose Abhängigkeit, gleichbedeutend mit Sucht, nur gestellt werden, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres vorhanden waren:
Starkes oder zwanghaftes Verlangen, Alkohol zu konsumieren (Fachterminus: Craving)
Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich der Menge, des Beginns oder Ende des Konsums. Es wird regelmäßig mehr oder über einen längeren Zeitraum konsumiert als geplant oder es bestehen der anhaltende Wunsch und Versuche, den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren, ohne dass dies nachhaltig gelingt.
Körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp oder
Konsumreduktion
Nachweis einer Toleranz, um die gewünschte Wirkung hervorzurufen, sind zunehmend größere Mengen an Alkohol erforderlich
Einengung des Denkens auf Alkohol, eine Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums
Anhaltender Substanzkonsum trotz gesundheitlicher und sozialer Folgeschäden für den Konsumenten, obwohl der Betroffene sich über die Art und das Ausmaß des Schadens bewusst ist oder bewusst sein könnte. Beispiele hierfür sind Leberkrankheiten wie Leberzirrhose, eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen, der Verlust des Führerscheins oder Arbeitsplatzes, die Trennung des Lebenspartners oder der Rückzug des Bekannten- und Freundeskreises (42).
Von psychischer Abhängigkeit spricht man, wenn der Alkohol vom Betroffenen zur Steigerung des seelischen Wohlbefindens eingesetzt wird. Er fungiert gezielt als Problemlöser. Es geht nicht mehr um das Genießen eines Gläschens Wein in geselliger Runde, sondern um die Wirkung des Getränks auf den Körper (43).
Die psychische Abhängigkeit birgt die Gefahr, dass der Betroffene es sich zur Gewohnheit macht, immer häufiger zur Flasche zu greifen, dass er immer mehr Anlässe findet, die es, seiner subjektiven Empfindung entsprechend, wert sind, mit Alkohol bekämpft zu werden.
Auf die psychische Abhängigkeit folgt meist die körperliche.
Nimmt man eine chemische Substanz wie den Alkohol über längere Zeit hinweg zu sich, gewöhnt sich der Körper daran, es kommt zur Toleranzerhöhung: Um die gleiche Wirkung im Körper zu spüren, muss mehr Alkohol getrunken werden (44).
Wird die Alkoholmenge stetig gesteigert, kommt irgendwann der Punkt, an dem der Körper den Alkohol nicht mehr abbauen kann. Fortan behandelt er ihn so, als wäre er eine körpereigene Substanz und baut ihn in seine chemischen Prozesse ein. Ein Absinken des Alkoholspiegels im Körper führt nun dazu, dass die chemischen Prozesse des Körpers aus dem Gleichgewicht geraten, eine Störung, die der Alkoholabhängige als intensives Verlangen nach Alkohol erlebt. Er spürt Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Ängste und Schweißausbrüche und bekämpft diese erneut mit dem Konsum von Alkohol (45).
So ist aus einem nur psychisch abhängigen Problemtrinker ein nun auch körperlich abhängiger Alkoholabhängiger geworden.
Wie schnell die Entwicklung von der einen zur anderen Abhängigkeit voranschreitet, ist individuell verschieden und die Übergänge sind meist fließend (46).




