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Alkohol trinken, um Stress abzubauen, sich glücklich zu fühlen oder Sorgen zu verjagen – manche Menschen sind anfällig dafür, manche eher nicht.
Die Anlagen zur Sucht sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft abhängig von den Genen, der Sozialisation und der Psyche (47).
Zunächst zu den Genen: Es gibt kein 'Abhängigkeitsgen'. Aber Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Alkoholismus zum Teil genetisch bedingt ist und vererbt wird. Menschen mit bestimmten Genveränderungen trinken mehr und häufiger, berichteten Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN). Sie entschlüsselten zwei Gen-Varianten, durch die Trinkgewohnheiten beeinflusst werden. Betroffene betränken sich im Schnitt doppelt so häufig wie andere Menschen und tränken bei jedem Anlass im Schnitt auch wesentlich mehr. Beide jetzt entschlüsselten Varianten im CRHR1-Gen sind nach Angaben der Forscher in der Bevölkerung weit verbreitet. Etwa jeder Fünfte beziehungsweise jeder Zehnte weise diese Veränderung im Erbgut auf.
Neben den CHHR1-Varianten gibt es noch viele weitere Gene, die, zusammen mit äußeren Faktoren, das Trinkverhalten beeinflussen.
Alkoholsucht wird zu 50-60% vererbt. Das zeigten auch Untersuchungen an Kindern, deren leibliche Eltern Alkoholiker waren, die aber in Pflegefamilien ohne Alkoholmissbrauch aufgewachsen sind. „Das Risiko, dass diese Kinder Alkoholiker werden, ist drei- bis viermal erhöht“, so Prof. Gunter Schumann, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim tätig ist (48).
In anderen Studien hat man herausgefunden, dass das Gen, welches für die Dopamin-Rezeptoren verantwortlich ist, bei Vieltrinkern aus der Reihe tanzt. Menschen mit in Unordnung geratenem Dopaminhaushalt sind kontinuierlich unterbelohnt. Was sie auch leisten, wie erfolgreich sie auch sind, das adäquate Wohlgefühl bleibt mäßig. Mit Alkohol hoffen Sie, eben diesem auf die Sprünge helfen zu können.
Neben den Genen ist auch die Sozialisation maßgeblich für eine Veranlagung zur Sucht. Von klein auf beobachtet man wie die Familie, wie das Umfeld, wie Menschen auf der Straße trinken und wie sich all' diese Menschen durch den Alkohol verändern.
Wird der Papa nach Bier und Schnaps kuschelig oder aggressiv? Sind die angetrunkenen 'Jecken' im Karneval lustig oder laut?
Findet man die beobachtete Wirkung erstrebenswert, steigt die Gefahr, dass Trinkverhalten nachzuahmen. Wirkt das, was man registriert hat, eher abschreckend, wird man eher Vorsicht um Umgang mit dem Alkohol walten lassen.
Nicht zuletzt kann auch die Psyche eine Veranlagung zur Sucht determinieren. Die häufigsten psychischen Merkmale bei Trinkern lassen sich dabei in drei Typen untergliedern.
Typ 1 ist zu schwach und feige, seine Interessen zu vertreten. Er ist ängstlich und verlogen. Manchmal platzt er nach innen (Depression) oder außen (Aggression), dabei will er eigentlich nur Ruhe&Frieden.
Immer schlecht behandelt fühlt sich Typ 2. Er sieht sich zu klein und zu machtlos, um das zu werden, was er gerne wäre. Trinkt er, ist er groß und stark.
„Ich bin super, aber keiner honoriert es“ rumort es in Typ 3. Er weiß, wo es langgeht, aber immer stellt sich ihm etwas oder jemand in den Weg (49).
Eine weitere wesentliche Determinante, die in die Abhängigkeit führt, ist das gewohnheitsmäßige Trinken.
„Alc as usual“ verändert die Nervenzellen im Lust- und Erfahrungszentrum des Gehirns so nachhaltig, dass das zentrale Nervensystem die Alkoholzufuhr nach einer gewissen Zeit zum Funktionieren braucht. Im Fachjargon bezeichnet man diesen Umstand als Neuroadaption.
Wie leicht man einer Droge verfällt, variiert von Substanz zu Substanz. Zigaretten haben mit 31,9% der gelegentlichen Raucher von allen Drogen die höchste Abhängigkeitsrate, gelegentliche Trinker werden zu 15,4% abhängig.
Alkohol zeigt dabei allerdings die mit Abstand größten negativen Folgen, angefangen von gesundheitlichen Problemen über psychologische Erkrankungen bis hin zu sozialen und ökonomischen Konsequenzen (50).
Aus medizinischer Sicht ist Alkoholabhängigkeit nicht heilbar, sie kann allenfalls erfolgreich behandelt und zum Stillstand gebracht werden (51).
Alkohol muss konsequent gemieden werden, bei erneutem Verzehr – auch nach jahrelanger Abstinenz- bricht die Abhängigkeit wieder aus. Alkoholkranke müssen zudem darauf achten, keinen versteckten Alkohol -zum Beispiel in Lebensmitteln wie Desserts und Pralinen, in Arzneimitteln, aber auch in Kosmetika- zu sich zu nehmen.
Auch alkoholfreies Bier und Malzbier enthalten Restmengen von Alkohol, zudem kann der Geschmack das Verlangen nach Alkohol wieder auslösen (52).
Das Suchtgedächtnis in den Hirnzellen kann auch nach langer Zeit der Abstinenz durch geringe Mengen Alkohol wieder aktiviert werden. Ein Schluck, das kann schon der Rotwein in der Soße sein oder sogar nur der Duft des Alkohols, und der Alkoholabhängige trinkt wieder.
Ein Abhängiger wird nie wieder zum normalen Umgang mit Alkohol zurückfinden, er kann das zweite Glas nicht stehen lassen. Das ändert sich auch mit langer Abstinenz nicht, es gibt Fälle, in denen Abhängige nach über vielen Jahren Trockenheit wieder angefangen haben, zu trinken (53).
Das Gehirn eines Trinkers lernt, dass Alkohol die Lösung ist. Immer. Wenn Sie Angst haben, frustriert sind oder gestresst - das Gehirn signalisiert Ihnen „Alkohol ist die Lösung“, schließlich hat das ja in der Vergangenheit meist bestens funktioniert. Wiederholt man dieses Spielchen jahrelang, so brennt sich das 'Allheilmittel' tief ins Bewusstsein ein. Das Gehirn greift folgerichtig automatisch wieder auf diese Lösung zurück, wenn ein Negativgefühl auftaucht. Es versucht damit schlicht und ergreifend, das Problem seines Menschen zu lösen.
Sucht ist somit womöglich nur eine 'kognitive Adaptation', eine Anpassung an die Umwelt. Was nichts daran ändert, dass sie eine in unseren Neuronen verankerte Wirklichkeit ist. Alkohol ist vor allem deshalb so suchterregend, weil er das Gehirn beeinflusst, ja, förmlich abrichtet und zu seinem Gefolgsmann macht (54).
Der Alkoholabhängige kann mit seiner Sucht zufrieden abstinent oder auch diszipliniert trinkend leben, aber er wird sie nie los.
Allein der Gedanke an eine lebenslängliche Abstinenz jagt vielen Vieltrinkern -mir auch!!!- einen riesengroßen Schrecken ein. Dies kann dazu führen, dass sie vor lauter Verlustangst beschließen, ihr Alkoholproblem zu negieren oder kleinzureden.
Um diese drohende Selbsttäuschung zu vermeiden, ist es geboten, rechtzeitig nach einer Strategie zu suchen, um den Alkoholkonsum zu disziplinieren.
Der alkoholgefährdete Vieltrinker hat nur zwei Möglichkeiten: Er kann aufhören, also sein Leben lang komplett auf den Alkohol verzichten, oder aber, solange er noch nicht abhängig ist, lernen, bewusst und womöglich gesundheitsverträglich mit dem Alkohol umzugehen.
Einen möglichen Weg, dies zu erreichen, möchte ich in meinem Buch aufzeigen.
06 - Die Phantomsucht
„Ich sage zum Alkohol immer nein. Aber er will mir einfach nicht zuhören“
Als Tabu bezeichnet man ein Thema, über das nicht gesprochen wird, über das nicht gesprochen werden darf. Ein heikles Sujet, bei dem man Gefahr läuft, sich den Mund zu verbrennen, wenn man es verbalisiert.
Tummelfeld solcher Tabus sind die Gesellschaft oder auch das praktische Leben selbst, der Alltag.
Die Selbsterkenntnis, ein Problem mit dem Konsum von Alkohol zu haben, ist in diesem unserem Lande einer der letzten Tabus. Darüber spricht man nicht, allerhöchstens tuschelt man ein wenig.
Und so ist die Alkoholsucht als solche ein Mysterium, eine Fata Morgana, eine Schimäre, ein Phantom.
Man kriegt sie nicht gepackt, man kriegt sie nicht zu fassen. Sie versteckt sich, sie tarnt sich, sie gibt Rätsel auf, sich anfangs allenfalls undeutlich zu erkennen und sie kann oft nicht eindeutig identifiziert oder definiert werden.
Ein 'Outing' in diesem Bereich gibt es immer noch nur in Einzelfällen. Die überwiegende Mehrheit trinkt weiter – und schweigt.
Übermäßiger Alkoholkonsum wird gerne verharmlost und oft totgeschwiegen. Selbst den engsten Vertrauten gegenüber. Ich habe mich während meines ersten und einzigen mehrwöchigen Totalabsturzes im Jahr 2003 weder meinen Eltern noch den engsten Freunden gegenüber offenbart.
Lediglich eine gute Freundin wusste Bescheid, ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen ist. Ich glaube, sie hatte mich damals spontan besucht und so von meinem bemitleidenswerten Zustand erfahren.
Offensichtlich ist es so, dass unterschiedliche Süchte in unserer Gesellschaft auch unterschiedlich bewertet werden. Weil sie mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Bildern verknüpft sind.
Bekennt jemand, dass er computerspielsüchtig ist, wird dies sogar bisweilen mit einem Lächeln abgetan und kaum ernst genommen
Über den überfüllten Aschenbecher im Büro sieht man hinweg, über den Kollegen, der unablässig Schokolade in sich hineinstopft und ob dessen kaum mehr in seinen Bürostahl passt auch, sogar der Bekannte, der einen am Ende des Monats um Geld bittet, weil er sein Salär für diesen Monat bereits am Automaten verspielt hat, wird mit Wohlwollen bedacht– nur, wer ein offensichtliches Alkoholproblem hat, wird geächtet.
Diese Ungleichbehandlung setzt sich auch dann fort, wenn der Suchtkranke versucht, seiner Sucht Herr zu werden.
Während Menschen, die ihre Nikotinsucht besiegt haben, Menschen, die ihrer Fresssucht Herr geworden sind und einen Zentner abgenommen haben, Menschen, die sich nicht länger die Nächte in Spielhallen um die Ohren schlagen bewundert werden, rümpft die Gesellschaft bei Menschen, die aufhören zu trinken oder ihren Alkoholkonsum reduzieren, die Nase.
Selbst der Konsum harter Drogen wird komfortabler behandelt als der Alkoholkonsum.
Kommt jemand von Koks oder Heroin weg wird er gefeiert, beim Alkohol sieht man die Bemühungen, den Konsum einzuschränken, eher kritisch.
Der Alkohol ist das einzige Suchtmittel, bei dem dies so ist. Nur, wer dem Alkohol verfallen ist, hat einen Makel und erntet Missbilligung von all' denen, die dieses Schicksal nicht, in vielen Fällen noch nicht, ereilt hat. Und auch von denen, die sich in der gleichen Situation befinden, sich dies aber noch nicht eingestehen wollen oder können.
Warum ist das so?
Warum löst der Satz „Ich trinke zu viel und versuche, es zu reduzieren“ Betroffenheit aus, und nicht etwa aufrichtige Bewunderung wie der ambitionierte Kampf gegen eine andere Sucht?
Warum geht man zu Menschen mit einem Alkoholproblem auf Distanz?
Vielleicht, weil das Wenige, was von einer Alkoholabhängigkeit sichtbar zu Tage tritt, eher abstoßend und unheimlich wirkt. Weil die Folgen des Trinkens oftmals offensichtlicher sind, als die anderer Süchte.
Der Clochard auf der Straße, der durch Alkohol bewirkte Kontrollverlust von Menschen im Umfeld, besoffene Eskapaden von Prominenten, die in den Medien breitgetreten werden.
So entsteht ein Image von Vieltrinkern, von dem sich die Gesellschaft abwendet.
Darüber hinaus glauben viele Menschen nach wie vor, dass ein problematischer Umgang mit dem Alkohol ein Ausdruck von Charakter- oder Willensschwäche, von mangelnder Disziplin oder Verwahrlosung ist. So wird gern ein Selbstverschulden unterstellt. „Wenn man wirklich will, dann kann man auch 'normal' trinken“.
Dabei ist der Alkohol vielleicht jenes Suchmittel, von dem die Entwöhnung am schwersten fällt.
Ich kann es nicht beurteilen, habe ich mit anderen Süchten doch nie zu tun gehabt, aber durchaus möglich, dass es so ist.
Die offen zur Schau gestellte Ablehnung erschwert den Umgang mit dem Alkoholproblem für den Vieltrinker immens und ist einer der Hauptgründe, warum es vielen Betroffenen so schwerfällt, sich und vor allen Dingen anderen gegenüber die Krankheit einzugestehen.
Der negative Nimbus der Alkoholsucht legt das Bagatellisieren derselben, legt ihr Negieren nah.
Auch, weil das Leugnen bei unsichtbaren Krankheiten leichter ist.
Genau deswegen gibt es anonyme Alkoholiker – meines Wissens existieren weder die „Inkognito-Kettenraucher“ noch die „nicht namentlich genannten Spielsüchtigen“.
07 - Sein statt Haben – die Alkoholkrankheit
„Alkohol ist das Schmerzmittel der Gebrochenen“
„...ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen was passieren in Platz. In diese Spiel es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!
Und, zum Ende hin ...“Ich bin müde jetzt Vater diese Spieler, eh, verteidige immer diese Spieler! Ich habe immer die Schulde über diese Spieler. Einer ist Mario, einer, ein anderer ist Mehmet! Strunz dagegen egal, hat nur gespielt 25 Prozent diese Spiel! Ich habe fertig!“ (55).
Herrlich, einfach nur herrlich! Nicht ich bin, nein, ich HABE fertig! Kann man über den verbalen Meilenstein der Sportgeschichte des ehemaligen Bayern-Trainers Giovanni Trappattoni auch immer wieder lachen, die Verwendung der unregelmäßigen Verben „Haben“ und „Sein“ ist ein elementares Element der deutschen Sprache.
Der Begriff „Haben“ bezeichnet das Besitzen, das sein eigen nennen, die Möglichkeit, über etwas verfügen zu können. Dies sowohl im materiellen („ich habe ein Auto“), als auch im emotionalen Bereich („ich habe Angst“). Das „Haben“ kann dabei auch vorübergehender Natur sein.
„Sein“ hingegen bedeutet bestehen, existieren, stammen aus und drückt dabei die Identität dessen, der „ist“, aus. Es handelt sich also um eher längerfristig oder gar unabänderlich auf ewig existierende Zustände.
Im vorangegangenen Kapitel haben wir gelernt, dass die Alkoholsucht im Gegensatz zu anderen Süchten nicht gesellschaftlich akzeptiert ist. Betrachtet man die Alkoholabhängigkeit im Kontext zu anderen Krankheiten, kommt man zum gleichen Ergebnis.
Trotz der wissenschaftlichen verbrieften Erkenntnis, dass es sich um eine Krankheit handelt. Die 'Alkoholkrankheit' wurde 1968 in den offiziellen Krankheitskatalog aufgenommen. Dadurch wurde dokumentiert, dass der problematische Umgang mit dem Alkohol keinesfalls als Charakterschwäche anzusehen ist, der allein mit Willenskraft begegnet werden kann.
Zu einem Umdenken geführt hat dies in der großen Schar der erhobenen Zeigefinger jedoch nicht.
Auffallend ist bereits, dass, im Gegensatz zu den meisten anderen Krankheiten („Ich habe Husten“, „Ich habe ein Magengeschwür“, „Ich habe AIDS“) zur Verbalisierung eines Alkoholmissbrauchs das unregelmäßige Verb „Sein“ zu Rate gezogen wird.
„Ich bin alkoholgefährdet“, „Du bist Alkoholiker“.
Die Krankheit und das Selbst werden dadurch schon sprachlich gleichgesetzt. Man HAT keine Abhängigkeit. Man IST abhängig.
Dem Genuss von Alkohol und seinen Folgen wird durch die Verwendung von bin, bist & Co. etwas Endgültiges, etwas Unabänderliches zugesprochen, er wird quasi als eine EIGENSCHAFT, ein PERSÖNLICHKEITSMERKMAL des Betroffenen angesehen.
Ich bin – empathisch, optimistisch, humorvoll und – alkoholgefährdet.
'Ich bin' ist gleichbedeutend mit zeitlebens, mit 'ich werde es immer bleiben'.
Das mag zwar in der Sache richtig sein, sagt man doch, wer einmal alkoholabhängig ist, der bleibt dies bis ans Ende seiner Tage. Allerdings kann eine Alkoholkrankheit, auch wenn sie nach heutigem Wissensstand nicht geheilt werden kann, durchaus zum Stillstand gebracht werden.
Die gängige Meinung jedoch ist eine andere: Ein Problem mit dem Alkohol ist ein unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal.
Und so wird der Trinkende oft auch behandelt. Viele Menschen wenden sich ab, sind distanziert demjenigen gegenüber, der eingesteht, (zu) viel zu trinken.
Weil die Alkoholkrankheit nach wie vor als persönlicher Makel, als charakterliches Defizit, als individuelle Schwäche ausgelegt wird. Unterschwellig wird sogar ein eigenes Verschulden suggeriert, schließlich hat der Betroffene sich die Alkoholika selbst beschafft oder bestellt und nicht zuletzt auch einverleibt.
Mit Menschen, die sich von einem Suchtmittel beherrschen lassen und nicht ausreichend Kraft und Moral besitzen, sich dessen Einflusses zu entziehen, will man nichts zu tun haben. Man vertraut Ihnen nicht. Und geht davon aus, dass jeder Versuch, der Alkoholabhängigkeit Herr zu werden, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Schließlich IST man ja Alkoholiker – und bleibt es bis ans Ende seiner Tage.
Dies führt im Umkehrschluss unweigerlich dazu, dass Menschen, die eine Schwäche für den Alkohol haben, dazu neigen, diese anderen gegenüber nicht einzugestehen.
Denn die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Alkoholabhängigkeit ist in unserem Land der Viel- und Zuvieltrinker nur marginal ausgeprägt.
Dies liegt wahrscheinlich darin begründet, dass Alkoholabhängigkeit eine eher latente Krankheit ist. Sie tritt in weitaus geringerem Maße offensichtlich zu Tage als andere Krankheiten und ist damit weniger spektakulär.
Einen Psychiater, einen Nervenarzt oder einen Vertreter der Traditionellen Chinesischen Medizin aufzusuchen, ist durchaus hoffähig.
Anders als dem Trinker wird dem „Bekloppten“, dem „Neurotischen“ oder dem „Weggeflogenen“ nämlich kein Eigenverschulden unterstellt.
Wenn Sie sich mit einem Gipsbein, einem Kopfverband oder einer dicken Narbe unter die Leute wagen, sind sie die Attraktion auf jeder Party. Schließlich haben sie etwas zu erzählen, zudem zeugen deutlich sichtbare Zeichen davon, was sie durchmachen mussten.
„Schien- und Wadenbein sind gebrochen“ „die mussten mir den Kopf aufmachen“, „die OP hat sechs Stunden gedauert“.
Manifeste Krankheiten sind spektakulär und erzielen meist einen hohen Mitleidseffekt.
Latente Krankheiten wie die Alkoholabhängigkeit jedoch segregieren. Auch, weil der Schmerz, der hinter der Krankheit steckt, der Suchtdruck, von Nicht-Betroffenen nicht nachempfunden werden kann. So bewirkt Alkohol-abhängigkeit kaum einmal Mitleid, sondern führt eher zur Abkehr.
Andere latente Krankheiten kommen da deutlich besser weg.
Als meinen engsten Freundeskreis sehe ich sechs bis acht Personen samt deren Partnern an - möglicherweise bleibt mir ja nach der Veröffentlichung dieses Buches nur noch einer erhalten – jener, den ich in einer ähnlichen Situation wie der meinen weiß.
08 - Selbstreflektion schlägt Selbsttest – bin ich Alkoholiker?
„Haben Sie ein Problem mit dem Alkohol?“
„Nur, wenn gerade keiner in der Nähe ist“
Vor allem bei alten Menschen gehört es zur Legende. Das regelmäßige Gläschen Wein wird gern als das Geheimnis für langes Leben zitiert. Die englische Königsmutter wurde 101 Jahre alt – vielleicht gerade, weil sie gern einen oder auch mehrere Gins am Tag gebechert hat? Tatsächlich zeigen Statistiken, dass Menschen, die mäßig Alkohol konsumieren, eine höhere Lebenserwartung haben als jene, die gar keinen Alkohol trinken.
Und schon in den 20er Jahren war Pathologen aufgefallen, dass die Blutgefäße von starken Trinkern, die an Leberzirrhose gestorben waren, auffallend saubere Innenwände aufwiesen. Ein Indiz dafür, dass Alkohol das Blut besser fließen lässt.
Somit kann Alkohol, in Maßen genossen, einem Herzinfarkt vorbeugen (56).
Was aber bedeutet Maßhalten in Bezug auf den Alkoholkonsum konkret?
Experten sind sich nicht einig, welche Alkoholmenge denn als mäßig, als risikoarm gelten soll.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt eine Obergrenze von 30g täglich für Männer und 20g täglich für Frauen, die Deutsche Hauptstelle für Suchfragen hält diese Menge für zu hoch. Hier werden 20-24g (Männer) beziehungsweise 10-12g (Frauen) als Obergrenze angesehen.
Zehn Gramm Alkohol befinden sich in 0,125l Wein oder aber 0,25l Bier. Zudem sollten zusätzlich zwei alkoholfreie Tage pro Woche eingelegt werden (57).
DER anerkannte Richtwert für die Tagesration Alkohol, die allerhöchstens getrunken werden sollte, existiert nicht.
Von großer Bedeutung sind zudem auch genetische Faktoren. Es gibt Menschen, die ihr Leben lang übermäßig viel Alkohol trinken und trotzdem ein hohes Alter in guter gesundheitlicher Verfassung erreichen. Die Großmutter eines guten Freundes zum Beispiel war starke Alkoholikerin, doch als sie im hohen Alter starb und obduziert wurde, stellte der Pathologe fest, dass man ihre Leber bedenkenlos zur Transplantation hätte freigeben können – der jahrzehntelange Alkoholmissbrauch hatte ihr nichts anhaben können. Solche Fälle sind jedoch wohl eher zu den Ausnahmen zu zählen; jene, in denen der Alkohol beträchtliche Folgeschäden bis hin zum Tod zur Folge hatte, sind wesentlich häufiger.
Gefährdet oder bereits abhängig? Trinkt ein Mensch auffallend regelmäßig und viel Alkohol, kommen er oder seine Vertrauten irgendwann an den Punkt, sich zu fragen, ob das Trinkverhalten des Betroffenen noch „normal“ ist, oder ob er bereits ein Problem mit dem Alkoholkonsum hat.
Um diese Frage zu beantworten, gibt es im Internet zahlreiche „Alkohol-Selbsttests“.
Ein Testverfahren, welches häufig zur Bestimmung der Abhängigkeit von Vieltrinkern herangezogen wird, ist der vom Psychotherapeuten Dr. Rolf Merkle für den PAL-Verlag entwickelten „Alkohol-Sucht-Test“ (58).
Anhand von 54 Fragen, die der Trinkende beantwortet, wird sein Abhängigkeitsstatus bestimmt.
Wichtig ist natürlich, ehrlich und ohne jeglichen Selbstbetrug zu antworten, sich nichts schön zu reden, auch, wenn es bisweilen schwerfallen mag, sich gewisse Aspekte selbst einzugestehen.
Sie haben sich entschlossen, dieses Buch zu lesen, also wollen Sie eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie es um Ihre Alkoholabhängigkeit steht. Diese erhalten Sie jedoch nur dann, wenn Sie den Test wahrheitsgemäß und nach bestem Gewissen absolvieren.
Die Fragen 1 bis 54 beziehen sich auf die vier Phasen einer Abhängigkeitsentwicklung:
Alkohol ist für mich die beste Medizin
Wenn ich Alkohol trinke, fühle ich mich stark und leiste mehr
Wenn ich Alkohol trinke, bin ich zufrieden und fühle
mich erleichtert
Ich trinke auch, weil ich mich dadurch selbstsicherer
fühle
In Gesellschaft fühle ich mich unbefangener und wohler, wenn ich einige Gläser getrunken habe
Ich kann mit Alkohol viel besser aus mir herausgehen
Ich trinke, um Ärger und Schwierigkeiten vergessen zu
können
Wenn ich getrunken habe, fällt mir alles viel leichter
Wenn ich Hemmungen habe oder angespannt bin, dann geht es mir mit Alkohol viel besser
Wenn ich traurig bin, trinke ich Alkohol und fühle mich dann besser
Ich trinke, um mit schwierigen Angelegenheiten besser
fertig zu werden
Alkohol hilft mir, Ärger oder eine schlechte Laune zu beheben
Wenn ich getrunken habe fühle ich mich innerlich ruhig und kann schlafen
Damit die anderen nicht schlecht von mir denken, trinke ich oft heimlich
Ich denke unter Tag ziemlich oft an Alkohol
Vor einem Besuch oder einem Fest hebe ich erst mal
schnell einen, um in Stimmung zu kommen
In Gesellschaft trinke ich schon mal in der Küche, auf dem Gang, auf der Toilette oder woanders, damit die anderen nicht merken, wie viel ich trinke
Manchmal habe ich Schuldgefühle, weil ich so viel trinke
Wenn andere über Alkohol sprechen, ist mir das unangenehm
Mir ist aufgefallen, dass andere Leute anders trinken als ich
Ich habe mich schon gefragt, ob andere wegen meines Trinkens nichts mehr von mir wissen wollen
Wenn ich viel getrunken habe, weiß ich häufig danach nichts mehr oder kann mich nur noch schlecht erinnern
Ich verstecke alkoholische Getränke
Wenn ich die ersten Gläser getrunken habe, muss ich weitertrinken
Meist kann ich nicht mehr kontrollieren, wie viel ich trinke
Ich trinke heute mehr als früher, obwohl ich es gar nicht will
Wenn ich heute trinke, lösen sich meine Anspannungen nicht mehr. Früher war das anders




