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Die ursprüngliche Bepflanzung, die die Arkologie für ihre unterirdischen Bewohner einst freundlicher gestaltete, war hier längst eingegangen. Der Asphalt der Straße hatte sich schon vor Jahren zurückgeholt, was ihm gehörte. Die Hologramm-Reklametafeln – ein vergeblicher Versuch, die kärglichen und verhärmten Häuserfronten zu verbergen – zeigten Steiner den Weg zum Ming. Wahrscheinlich wurden sie mit illegal abgezweigtem Strom betrieben. Die Polizei unternahm jedoch nichts dagegen, denn für die Orientierung waren die leuchtenden Schilder unverzichtbar. Denn auch die ursprüngliche Straßenbeleuchtung funktionierte schon seit langem nicht mehr.
Im Gegensatz zu den restlichen Bewohnern der Arkologie war Steiner nicht auf die öffentliche Metropolbahn, das Fahrrad oder die eigenen Füße angewiesen. Denn als Polizeibeamter stand ihm ein Dienstfahrzeug auch für den privaten Gebrauch zur Verfügung. Motorisierte Fahrzeuge waren mit wenigen Ausnahmen nur für Notfalldienste wie Polizei, Erste-Hilfe-Dienste oder Feuerwehr zugelassen. Obwohl über vier Millionen Menschen auf dieser Ebene wohnten, die damit etwas weniger als ein Drittel der Gesamtbevölkerung New Hopes ausmachten, traf der Polizeibeamte nur auf wenige Seelen.
Schließlich erreichte Steiner den Block, in dessen Inneren sich das Ming befand. Ohne abzusteigen, rauschte er mit seiner Maschine verbotenerweise durch den Zentralkorridor der Wohnwabe. Über einen Aufzug gelangte er mitsamt Motorrad in den siebten Wabenstock. Dort angekommen, folgte er dem nur spärlich beleuchteten Gangsystem, vorbei an Pennern und Drogensüchtigen. Endlich gelangte er zu einer abgewrackten, in traditionell chinesischen Stil gehaltenen Gebäudefront, über der schief mehrere gelbe Buchstaben hingen, die das Wort »MING« bildeten. Die Schrift bestand richtig oldschool aus LED-Röhren, statt aus einem projizierten Hologramm. Aus energetischer Sicht war das natürlich ein Albtraum. Das war das Ming, das Abbild einer einstigen Hochkultur, die in den Resten ihrer Ruinen vegetierte.
Der Kommissar aktivierte die biometrische Verriegelung seines Fahrzeugs und ließ sein Motorrad neben den beiden Türstehern zurück. Per Sprachbefehl fuhr sich sein Trenchcoat wieder aus, dessen untere Hälfte während der Fahrt hochgefaltet gewesen war, um nicht in die Speichen zu geraten. Die verlebte, schlecht rasierte Gestalt von Süleyman Steiner war hier bestens bekannt, daher kam er ohne weitere Fragen in die Spelunke. Sofort stieg ihm der aschige Geruch von Zigaretten in die Nase. Es war kein Geheimnis, dass man im Ming den EF-Nichtraucherschutz offen missachtete wie so vieles andere auch. Das war auch einer der Gründe, warum Süleyman diesen Schuppen so gerne aufsuchte: Irgendwann hatte er Dienstende, dann war er kein Polizist mehr. Und das Ming war für ihn schlichtweg die Verkörperung des Dienstendes.
Zielstrebig setzte er sich an den Tresen unter den goldenen Plastikdrachen, der von der Decke hing, und bestellte einen Drink. Dann drehte er sich auf seinem Barhocker um, sodass er mit dem Rücken zur Bar saß, lehnte sich zurück und genoss den ersten Schluck, der seine Kehle hinunterrann. Von dort sah er den Leuten beim Glücksspiel zu, beim Saufen, Rauchen, Kiffen, sah ihnen dabei zu, wie sie eine Line nach der anderen zogen und sich mit den stets neuesten Pillen und Tickets in andere Realitäten bombten. Es war ihm egal.
»Nicht viel los heute, hm?«, meinte er schließlich zu Pete, die heute eine Frau war und hinter der Bar die Drinks ausgab »Du, Pete, wo ist Madame Ming? Ich kann sie nirgendwo sehen.«
»Madame kommt heute später. Ich weiß aber nicht, wann«, versuchte Pete mit weiblicher Stimme zu antworten, was sich allerdings ziemlich absurd anhörte, da ihr Stimmmodulator schon etwas in die Jahre gekommen war. So war es mehr ein burschikoser Bass, ein extremer Widerspruch zur zierlichen Gestalt der gender-fluiden Person.
»Das macht nichts, dann warte ich. Noch einen White Russian, bitte.«
»Schon das erste Glas geleert? Du siehst ziemlich müde aus, Süleyman. Harten Tag gehabt?«
Süleyman rieb sich die linke Schläfe, während er in wenigen Zügen die Reste seines ersten Drinks leerte und sich zu Pete umwandte:
»Ich habe schon viel krankes Zeug erlebt; im Krieg, als Polizist … Und dabei denkt man immer wieder, dass man schon alles gesehen hätte. Vielleicht hat man das auch, aber trotzdem kommt ständig krankes Zeug dazu, das einen erneut fertigmacht. Ja …«, er besah sich sein leeres Glas und hatte das Gefühl, dass er noch nicht genug getrunken hatte, um dieses Gespräch zu führen. Süleyman war kein gesprächiger Mensch und so war der äußerst dankbar, als ihm die über und über tätowierte Pete seinen zweiten Drink rüberschob. Er rieb sich nachdenklich sein schlecht rasiertes Kinn.
»Zum Beispiel hatten wir heute wieder einen dieser Mumienmorde. Man sieht noch in die leeren Augen eines dieser ausgebluteten Opfer, dann zerfallen sie auch schon zu Staub. Aber das ist es nicht, was mich fertigmacht, nicht heute. Es ist unser Verdächtiger. Stranger Typ, ist zu 100 Prozent transhuman. Sogar sein Gehirn! Wie kann man sein Gehirn ersetzen? Das ist man doch nicht mehr man selbst.«
»Man kann sein Hirn auch Stück für Stück durch TransTech austauschen. Dann ist es ein fließender Übergang, bis am Ende die Persönlichkeit vollkommen in die Technik übergegangen ist. Das hat doch vor kurzem auch dieser eine brasilianische Geschäftsmann gemacht. Dieser Philanthrop mit dem letzten Stück Regenwald, glaube ich. Mit fällt sein Name gerade nicht ein …«
Pete war die Person mit dem umfangreichsten Halbwissen, die Steiner je kennengelernt hatte. Die Gender-Fluide war wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog, was man ihm erzählte. Den restlichen Abend sagte Steiner nichts mehr. Für eine tiefergehende Diskussion fehlten ihm schlicht Kraft und Wille. Irgendwann fand Pete an der Stelle, an der der Kommissar gesessen hatte, das Geld für die Drinks. Er zahlte nie per App, ziemlich altertümlich, aber im Ming machten das viele so. Nachdem ein Virus vor Jahrzehnten das internationale Finanzsystem gecracht hatte, hatte das gute alte Papiergeld eine wahre Renaissance erlebt, die bis heute anhielt.
Das Trinkgeld war zwar nicht gerade üppig, aber in Ordnung. Auch wenn sie damit ihrem neuen Stimmmodulator nicht viel näher kam, half es Pete dabei, über die Runden zu kommen. Dass sie Steiner nirgendwo mehr entdecken konnte, sprach dafür, dass Madame Ming zurückgekehrt war.
*
Aggression. Die unbändige Lust, die Visagen vorbeilaufender Passanten einzuschlagen, tobte ihn ihm. Das Dröhnen von Presslufthammern, das den Sound des Songs Iss dein Selbst der Band Plattenbaubeben bestimmte, wummerte in seinem Kopf. Er spielte den Song direkt in seinem Gehirn, sodass nur er ihn hörte.
Seitdem ihn seine Anwälte aus der Polizeiwache geholt hatten, brodelte es in ihm, seine Wut war kaum zu zügeln. Mühsam hielt er sich zurück, um nicht wahllos Löcher in Wände zu schlagen und laut loszubrüllen. Wer hätte auch gedacht, dass ihm so ein Ding zuvorkommen würde? Er hatte dieser aufgedonnerten Person mit ihren hochgesteckten, schreiend grünen Haaren schon die Hände um den Hals gelegt gehabt. Der Druck seiner Hände auf ihre Kehle hatte jeden Hilfeschrei erstickt. Sogar diese seltsame Zärtlichkeit für sein Opfer hatte Rivera bereits durchzuckt, die ihn immer elektrisierte, wenn er die Anstrengungen seiner Beute betrachtete, sich an ihr Leben zu klammern.
Doch dann war plötzlich dieses Ding gewesen, dieser Tentakel. Er war unerwartet hinter seinem Opfer hochgeschossen und hatte sich dessen Kopf geschnappt. Einfach so aus dem nichts! Zuerst hatte Rivera überhaupt nicht geschnallt, was da geschah. Erst als sich die Augen seines Ofers nach oben gedreht hatten, hatte er erschrocken den noch zuckenden Körper von sich gestoßen und aus sicherem Abstand beobachtet, was diese technische Abnormität mit seiner Beute anstellte.
Nachdem der erste Schreck von ihm gewichen war, hatte ihn jedoch beim Anblick dieser Kreatur eine gewisse Faszination überkommen. Diese erbarmungslose und unaufhaltsame Art des Tentakels hatte ihn schlicht verzückt. Nach weniger als einer Minute war das Ding schon wieder im Abfluss verschwunden, aus dem es gekommen war. Als ob es Rivera gar nicht bemerkt hätte.
Nur warum hatte er die Polizei gerufen? Es hatte absolut keine Notwendigkeit dazu bestanden. Alle Kameras, die ihn beim Betreten der Toilette gefilmt hatten, hatte er manipuliert, sogar die der kleinen Flugdrohne, die über dem Erasmus kreiste. Niemand hätte ihn mit diesem Mord in Verbindung gebracht, er hätte einfach nur den Ort verlassen müssen, als ob nichts gewesen wäre. Stattdessen war er nun der Hauptverdächtige! Und hätte er sich nicht einmal selbst zurücknehmen können, zumindest dem Kommissar gegenüber, der ihn verhört hatte? Einfach etwas freundlicher sein oder gar verängstigt wirken?
Rivera verfluchte seine Dummheit und Überheblichkeit, wegen der er nun den gesamten Tag damit verbracht hatte, Abstand zwischen sich und dem Ereignis am Erasmus zu bringen. Zuerst hatte er, der er normalerweise für die Augen der Kameras, den Augen der Stadt, unsichtbar war, seinen Weg zu seiner Alibi-Wohnwabe in der Undercity aufzeichnen lassen. Zumindest soweit sein Nachhauseweg das Blickfeld von Argus durchkreuzte. Die Polizisten würden ihn bestimmt überwachen. Weitere Unstimmigkeiten zu seiner Person brauchten ihnen nicht aufzufallen.
War es vielleicht der Schreck gewesen, dass dieses Ding auch ihn hätte erwischen können? Oder war es noch viel primitiver, und er konnte einfach nur keinen anderen Killer neben sich dulden? Wie dem auch war, nachdem er seine Wabe erreicht hatte, hatte Rivera sie den restlichen Tag über nicht mehr verlassen. Obwohl er die Hologramm-Umgebung seiner Wohnwabe in einen nächtlichen Dschungel verwandelt hatte, war es ihm unmöglich gewesen, sein Körpersystem in einen schlafähnlichen Zustand zu versetzen.
Normalerweise hätten ihn die Geräusche des Urwalds beruhigt, aber der unerfüllte Drang zu töten ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Eingesperrt in seiner Wabe, diesem winzigen Ort zugestandener Privatheit, hatte er nach langem hin und her schließlich die Freiheit des Netzes gesucht. Uninspiriert hatte er öffentliche und private Shareplattformen auf der Suche nach Interessantem durchforscht, aber die üblichen Verdächtigen boten auch nur die üblichen Inhalte. Aus purer Not loggte er sich in das Pornoportal Happy Together ein, doch von den empfohlenen Videos überzeugten ihn weder Tim&Collegegirls#Springbreak noch RoboboylovesSusanC oder 3BlackDicks1whiteslut und so landete er bei einem Lesbenporno.
Uninteressiert hatte er jedoch mehr seinen Fischen im Aquarium zugesehen als den beiden Japanerinnen, die sich schreiend die Kimonos vom Leib rissen. Der Porno hatte sich dann auch zunehmend absurder entwickelt. Spätestens beim schlecht animierten Tentakelmonster war sein Interesse an dem Film endgültig erschöpft gewesen. Per Zufall fand er eine Dokumentationsreihe über Künstler der Renaissance und des Frühbarocks, die ihn zum Glück über den restlichen Tag brachte. Rivera wählte zuerst die Folge mit Caravaggio und beendete seinen Dokumentationsmarathon mit Leonardo da Vinci.
Aggression. Das Wummern von Plattenbaubeben im Kopf zusammen mit dem Kreischen der Kinder, die von ihrem Vater Kronos gefressen wurden. Er war wieder auf der Straße, in den vom dämmrigen Licht beschienenen kalten Betonröhren, die zu den Bezirken New Hopes führten, die nie offiziell in Betrieb genommen worden waren. Dort, wo die lebten, die nichts hatten und nirgendwo sonst hinkonnten. Illegale Einwanderer, Obdachlose, Leute auf der Flucht vor der Staatsgewalt ... All diesen Menschen bot der Bezirk World’s End mit seinen Betonruinen und provisorischen Kunststoffbauten ein schmutziges und menschenunwürdiges Zuhause.
Für Rivera jedoch viel wichtiger: Hier vermisste man niemanden, hier gab es genügend Beute. Hier waren Argus’ Augen blind.
Es fehlte zwar der prickelnde Reiz des Erwischtwerdens, so wie am Erasmus mit seinen Menschenmassen und der Polizeipräsenz. Aber den Kitzel konnte sich Rivera in nächster Zeit nicht leisten. Er trug daher auch nicht seinen weißen Anzug, so wie sonst üblich, sondern begnügte sich mit unauffälliger straßentauglicher Kleidung. Er verspürte brennende Wut, wenn er daran dachte, sich in den nächsten Monaten in seiner gewohnten Art des Jagens einzuschränken: belebte Gebiete zu meiden, absolut mittelmäßige Alltagskleidung zu tragen, und sich ausschließlich vom Abschaum der Gesellschaft zu nähren. Rivera fluchte innerlich auf äußerst obszöne Weise. Doch das Töten war ihm im Zweifelsfall wichtiger als das Wie.
In den dunklen Bauruinen unfertiger Blocks war es für ihn am einfachsten, sich unbemerkt mit seiner Beute zu vergnügen. Das war es, was Rivera jetzt brauchte; maximale Brutalität, möglichst lange auskostbar.
Ein Umgebungsscann zeigte ihm sämtliche technische Anwendungen in der Umgebung, darunter mehrere Smartpods, zwei Ghosts, aber keine Überwachungssysteme. Er wählte einen der abgeschiedenen Smartpods aus.
Mit beschleunigten Schritten steuerte Rivera das Ziel seiner Wahl an. Hier gab es keine Beleuchtung, aber das konnte ihm mit seinen Augen egal sein, die selbstverständlich über Nachtsicht verfügten.
Einer der beiden Ghosts, die er aufgespürt hatte, kam ihm wankend entgegen. Niemand wusste, woher diese roboterhaften Kreaturen kamen. Man munkelte, dass es sich bei ihnen um Menschen aus der Ära der ersten TransTech-Revolution handelte, die den Durchbruch technischer Implantate bedeutet hatte. In deren Folge waren die ersten Cyborgs entstanden. Doch manche dieser Technikbegeisterten hätten ihren Körper nach und nach vollkommen durch das damals verfügbare TransTech ausgetauscht, so hieß es. Zurückgeblieben seien diese stumpfen und auf wenig mehr als auf ihre grundlegenden Überlebensinstinkte reduzierten Kreaturen geblieben. Urban Myths. Andere behaupteten recht unspektakulär, dass es sich bei den Ghosts lediglich um die Resultate von Hobbybastlern oder um freigelassene Prototypen aus Forschungseinrichtungen handelte.
Wie dem auch war, da sie niemandem etwas taten und sich in weitgehend unbewohnte Gegenden und Schrottplätze zurückzogen, wurde von amtlicher Seite nichts gegen sie unternommen. In den Fokus der Öffentlichkeit gerieten sie hauptsächlich durch PR-wirksame Aktionen von Pro-Ghost-Aktivisten, die auf die gelegentliche Zerstörung von Ghosts durch Rowdys aufmerksam machten.
Rivera war stehengeblieben und betrachtete die Metallkonstruktion, während sie an ihm vorbeischlurfte. Sie war einem gebückten menschlichen Skelett nicht unähnlich, dem mehrerer Metallstangen aus dem Rücken ragten. Gewissermaßen war dieser Ghost genauso künstlich wie er selbst. Nur dass er, Rivera, ein Bewusstsein hatte, das diesen Namen auch verdiente. Einmal hatte er sich in einen Ghost gehackt und sich selbst mit den Augen eines solchen Wesens betrachtet. Die Erinnerung daran, in ein anderes Bewusstsein einzudringen, wie einfach gestrickt es auch war, war sehr … befremdlich gewesen.
Ben Rivera war einer der wenigen Menschen, die überhaupt dazu in der Lage waren, eine solche Erfahrung zu machen. Denn entgegen den Prophezeiungen der Vergangenheit war die breite Masse nie in den Genuss gekommen, sich mit dem eigenen Geist in das Internet einzuloggen. Es sei denn, man gehörte zu dem erlesenen Kreis von Zeitgenossen der Netwalker, die illegal mit dem Risiko des Cyberspace spielten.
Schweigend ließ Rivera den schwankenden Haufen Technik an sich vorübergehen. Dann wandte er sich wieder dem ursprünglichen Grund zu, weswegen er überhaupt erst in diese deprimierende Gegend aus Ruinen und zusammengezimmerten Slumwohnungen gekommen war. Das Signal eines einsamen Smartpods zeigte ihm nach wie vor die Position seiner Beute an. Rivera verspürte schon die innere Befriedigung, die ihm die Vorstellung seines baldigen Zerstörungswerks verschaffte. Seine Beute befand sich in der Eingangshalle des gegenüberliegenden Wabenblockes. Der Killer hätte auf die Daten des Smartpods zugreifen und somit etwas über sein Opfer herausfinden können, doch er bevorzugte die Überraschung. In freudiger Erwartung neigte er seinen Kopf zur Seite und ließ sein Genick knacken. Es konnte losgehen. Endlich.
Die Luft in der Halle war dumpf und abgestanden. Graffitis an den Wänden zeugten von der überschaubaren Kreativität selbsternannter Straßenkünstler, während haufenweise Müll auf dem Boden der Beweis dafür war, dass hier in der Vergangenheit schon mehrere Menschen gehaust hatten. Rivera kam sich beinahe wie ein Archäologe vor, der als erster Mensch seit Jahrtausenden eine Höhle der Steinzeit betrat. Mit dem Unterschied, dass er den letzten Höhlenmenschen töten würde. Das mochte archäologisch zwar höchst unsensibel sein, aber letztendlich war es auch nur ein netter Vergleich gewesen, der ihm gerade in den Sinn gekommen war.
Wo war er denn nun, sein Neandertaler? Er musste sich wegbewegt haben. Ein weiterer Scann verriet Rivera, dass sich der Träger des Smartpods im Stockwerk über ihm befand. Entkommen konnte er ihm nicht mehr. Vor lauter Vorfreude fiel sämtlicher Stress von ihm ab und er hüpfte begeistert wie ein kleiner Junge die Treppe hinauf.
Da war es auch schon, sein Opfer. Es lehnte zusammengekauert an einen Betonpfeiler, die Arme verschränkt, den Kopf in der Kapuze seines Pullovers versteckt. Wahrscheinlich hatte es sich gerade erst zum Schlafen gelegt. Gemächlich schritt der Tod darauf zu, jetzt brauchte er keine Eile mehr an den Tag zu legen. Doch dann blickten ihn zwei müde Augen durch die Dunkelheit an, und eine junge, brüchige Männerstimme fragte ihn unvermittelt:
»Kennst du Kafka? Franz Kafka? Hast du schon einmal etwas von ihm gelesen?«
Rivera stutze einen Augenblick, doch dann fand er die Idee ganz reizvoll, mit seiner Beute noch ein wenig zu plaudern. Er blieb vor dem jungen Mann stehen.
»Es ist absolut grässlich, Kafka zu lesen«, fuhr die müde Stimme seines Opfers fort »Es ist als ob man sich in einem Albtraum befindet oder in einem Fiebertraum. Man schläft dabei jedoch nicht wirklich, sondern befindet sich in einem seltsamen Zustand des Halbwachseins. Es ist ein Zustand, der durchsetzt ist von Momenten der Klarheit, die immer wieder auftauchen und einem Hoffnung geben, diesen Zustand des Halluzinierens, diesen Zustand der Fiebrigkeit zu entkommen. Aber diese Hoffnung ist eine Täuschung, denn aus diesem Traum gibt es kein Entrinnen. Nein, die gibt es nicht. Man glaubt zwar, dass man kurz davor steht, jetzt endlich aus dem Gefängnis auszubrechen, endlich den Gordischen Knoten zu zerschlagen, man denkt, man ist ganz kurz davor, doch dann zieht es einen wieder rein und man ist von Neuem im Albtraum gefangen. Und so geht es ständig weiter. Das ist Kafka, da gibt es keine Gnade.
Mit Drogen, da ist es genauso. Nie entkommt man vollkommen einer Realität, stets bleibt man in einer Wirklichkeit gefangen, die so grundlegend ist, dass man sie nicht überwinden kann. Realität, das ist wie Kafka«, meinte er ermattet und fügte nach einer kurzen Pause hinzu »Willst du mich töten?«
Konsterniert starrte Rivera seine Beute an.
»Bitte töte mich, dafür bist du doch gekommen, oder? Du siehst nämlich so aus, als ob du mich töten wolltest«, dann lachte der junge Mann. »Das wäre nämlich ganz gut so, denn Catherine und Jaques haben mich rausgeschmissen. Nun habe ich keinen Platz mehr in dieser Welt. Außer diesen Betonplatten hier vielleicht. Man hat mich auch aus meiner alten Wohnung vertrieben und ich bin selbst schuld daran. Alles habe ich mir kaputtgemacht, hahaha … Nein, ganz so schlimm ist es nicht, wahrscheinlich verschwindet mein Weltschmerz wieder. Aber wenn du mich nicht tötest, dann werden es die Drogen tun. Ich bin übrigens Rien.«
Rivera blickte auf eine zum Gruß ausgestreckte Hand. Er konnte sich weder dazu entschließen, diese Hand zu ergreifen, noch dazu, die jämmerliche Gestalt zu seinen Füßen zu zertreten. Jegliches Verlangen, jede Vorfreude war aus ihm gewichen. Er fühlte sich schrecklich impotent. Heute war einfach nicht sein Tag. Wortlos drehte er sich um und ließ den Junkie hinter sich. Er ging gerade die Treppe hinunter, da hörte er Rien noch einmal rufen:
»He, du! Wenn du mich schon nicht tötest, kann ich dann wenigstens bei dir pennen? Es ist echt kalt hier draußen.«
Um darauf zu antworten, fühlte sich Rivera schon zu besiegt. So besiegt, dass er nichts dagegen unternahm, als ihm der junge Mann nach Hause folgte. Und während zur selben Zeit Kommissar Steiner erschöpft neben Madame Ming eingeschlafen war, die an einem Martini nippte und ihm dabei zart über den Kopf streichelte, hatte Rivera das erste Mal Sex mit einem Mann. Vier einsame Seelen, die ihren Weg in der Metropole des Architekten Ernst Stern suchten, in New Hope, dem Versuch einer Antwort auf die verlorenen Hoffnungen der Menschheit. Sie ahnten nichts von den dunklen Geheimnissen, die im finsteren Herzen dieser Stadt auf sie alle warten sollten.
Interludium 1: Das Fenster zu einer anderen Welt
Als Audrey nach oben schaute, erblickte sie weit über sich das gläserne Dach eines riesigen Gewächshauses. Eine Dachluke war geöffnet und das Licht der Sonne fiel auf ihr Gesicht. Die Strahlen strichen verspielt über ihre ungläubigen Züge.
Was für ein irres Gefühl, Audrey hatte noch nie die Sonne auf ihrer Haut gespürt. Wie auch, ihr gesamtes Leben spielte sich im Bottom ab. Wenn Harald sie nur sehen könnte! Die junge Frau war sich sicher – hätte sie jetzt jemand gesehen, so würde sich dieser Jemand ganz gewiss fragen, wie man nur so bescheuert über das ganze Gesicht grinsen konnte. Es fühlte sich alles so verdammt echt an. Und dieses geschwungene Dach weit über ihr, das von einem Gerüst stählerner Arabesken getragen wurde, als sei es zu Zeiten der legendären Queen Victoria erbaut worden, das war ja voll der Hammer! In das 19. Jahrhundert hatte Audrey sich schon gewünscht, als sie in ihrer Jugend die Welt des Steampunks für sich entdeckt hatte. Eine fiktive Welt, in der die Dynamik von Dampfmaschinen und Erfindergeist auf den vormodernen Kosmos von Adel und Tradition prallte.
Sie befand sich wahrscheinlich in einem botanischen Garten oder einem Tropenhaus, vermutete Audrey. Das würde den Dschungel voll exotischer Pflanzen erklären, in dessen Mitte sie noch immer regungslos stand.
Den Wald umspielte eine Aura des Geheimnisvollen. Das ging weit über die Pflanzen hinaus, deren Aussehen so fremdartig war, dass Audrey nicht einmal im Netz etwas Vergleichbares entdeckt hätte, hätte sie danach gesucht. Der Dschungel wirkte auf sie, als wäre er den Bildern des französischen Malers Henry Rousseau entsprungen.
In den Ästen über ihr zeigten Paradiesvögel und Papageien ihre farbenfrohe Gefiederpracht. Die junge Frau erhaschte durch das Geäst den einen oder anderen Blick auf die Vögel, aber die gefiederten Tiere gaben keinen Laut von sich. Die Stille war seltsam, geradezu unheimlich. Bis auf das unheilvolle Insektenzirpen, dieses Sirren, das die Luft zum Vibrieren brachte, war es absolut ruhig. Kein Vogelgesang erreichte ihre Ohren, nicht einmal die Blätter der Bäume oder Farne raschelten.
Harald hatte ihr ja gesagt, dass es am Anfang etwas beängstigend wirken könnte. Das beruhigte ihre aufkommende Furcht. Es fühlte sich einfach alles so unglaublich real an. Sogar die drückende Luftfeuchtigkeit spürte sie. Probehalber fasste Audrey ein Blatt an, das zu einer Pflanze gehörte, deren gezackte rote Blüte bis zu ihrer Hüfte reichte. Es war erschreckend, wie wirklich sich die raue Oberfläche des Gewächses anfühlte. Sie zerrieb es zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger. Ein ätherischer Duft stieg ihr in die Nase. Hätte man die junge Frau gefragt, sie hätte nicht sagen können, dass dies hier nicht die Wirklichkeit war. Sie spürte zu gleichen Teilen Faszination und Unbehagen in sich aufsteigen, doch die Faszination überwog eindeutig.
Okay, sie befand sich in einem Dschungel inmitten eines endlosen, kunstvollen Tropenhaues des viktorianischen Zeitalters. Was nun? Noch ehe Audrey einen Entschluss gefasst hatte, tauchte vor ihr ein Pfad auf, der sich durch den Urwald schlängelte. Sein Boden bestand aus einem Mosaik glänzender bunter Steine, die sanft das Licht der Sonne reflektierten.
›Das ist doch mal’n Zeichen!‹, dachte sich Audrey. Beim Betreten des Weges spürte sie die erfrischende Kühle der bunten Steine an ihren Füßen. Da erst fiel ihr auf, dass sie keine Schuhe trug. Mit dem Enthusiasmus eines kolonialen Tropenforschers machte sich Audrey auf Entdecktertour. Schnell verlor sie jegliches Zeitgefühl. Der Pfad führte sie an scheinbar unzähligen Orten vorbei, jeder schöner und majestätischer als der davor. Es waren Traumlandschaften, die in ihre Wirklichkeit einbrachen.



