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Trotz allem lauerte das Gefühl im Hintergrund, dass etwas falsch war, dass hier irgendetwas ganz furchtbar nicht stimmte. Wie ein ständiger, unsichtbarer Begleiter verfolgte es Audrey.
›Warum kann ich das jetzt nicht genießen?‹, ärgerte sie sich ›Wann erlebe ich sowas denn jemals wieder? Es ist so verdammt schwierig, an das Zeug heranzukommen …
Durchatmen, Audrey, durchatmen. Dir kann absolut nix passieren. Harald passt ja auf. Die Paranoia kannste dir sparen.‹
Aber die Ahnung, dass etwas sie verfolgte und sie heimlich beobachtete, verschwand nicht. Im Gegenteil, sie wurde stärker, je länger sie dem Mosaikpfad folgte. Wurden die Pflanzen tatsächlich immer bedrohlicher, oder bildete sie sich das ein? Verstohlen warf Audrey einen Blick über ihre Schulter, aber da war nichts. Erleichtert wandte sie sich ihrem eingeschlagenen Weg wieder zu. Ihr Atem stockte: Der Pfad hatte sich verändert! Gerade hatte er noch geradeaus geführt, nun bog er aber nach links ab.
›Das ist alles nicht echt‹, versuchte ihre rationale Hälfte sie zu überzeugen. Aber ihre emotionale Seite wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Zwangsjacke, in die sie ihre verantwortungsvolle Schwester wohlmeinend stecken wollte. Statt sich zu beruhigen, fühlte Audrey plötzlich einen Schmerz in ihrem Nacken, als ob sich etwas Glitschiges gewaltsam in sie hineinbohrte und sich von dort unter ihrer Haut durch den Körper schlängelte. Entsetzt griff sie sich mit ihren Händen an den Hals. Aber da war nichts.
Verunsichert rannte sie los.
›Wenn ich dem Weg folge, dann bringt er mich aus diesem Gewächshaus! Irgendwohin muss er führen. Dann bin ich endlich draußen!‹ Zumindest hoffte sie das inständig.
Audrey fing an, Harald zu hassen. ›Manchmal ist es ein bisschen gruselig!‹, äffte sie ihn panisch in Gedanken nach. Aber das hier war nicht ein bisschen gruselig, sondern beschissen furchteinflößend. Warum hatte der Arsch sie nicht vor dieser Scheiße gewarnt?
Äste schlugen ihr ins Gesicht, als sie sich entsetzt ihren Weg durch den zunehmend zugewachsenen Pfad bahnte. Die Pflanzen wurden immer größer und bedrohlicher, ihre Formen verwandelten sich in geradezu grotesk aussehende Monstrositäten, die von einem anderen Planeten aus einer fremden Dimension zu stammen schienen. Wo war sie hier nur gelandet? Die finstere Hand des Dschungels griff nach ihr. Audrey schrie laut auf.
Stille.
Die Angst war verschwunden. Erleichtert blickte sich die junge Frau um. Was auch immer sie noch vor einem Moment verfolgt hatte, es war verschwunden. Sogar die Flora leuchtete wieder hell und freundlich. Verschwunden waren die bizarren Formen der Organismen, die sie soeben noch gierig betrachtet hatten.
Ein gelöstes Lachen drang aus Audreys Kehle. Entschieden schob sie ein menschengroßes Farn beiseite, das ihren Weg versperrte.
Zu Audreys Verwunderung betrat sie einen Raum. Zumindest kam ihr der Ort wie ein Raum vor, denn bei genauer Betrachtung war dies kein Zimmer im herkömmlichen Sinn. Weder gab es Wände, noch war eine Decke vorhanden. Denn anstelle von Stein und Mörtel wurde der bunte Boden vor ihr von Büschen und Bäumen eingerahmt, und wo das Dach sein sollte, begrenzte der viktorianische Glashimmel diesen Ort nach oben. Dennoch wirkte der Platz auf Audrey wie ein Zimmer.
In der Mitte des Raums saß ein Mann auf einem Teppich, seine Beine im Schneidersitz verschlungen. Er rauchte aus einer kunstvoll geschwungenen Wasserpfeife. Seinen Kopf bedeckte ein Turban und ein weit ausladendes Gewand verhüllte seinen Körper. Hochgezogene Wangenknochen formten seine markanten dunkelhäutigen Gesichtszüge, die von einem sauber und kurz geschnittenen Backenbart eingerahmt wurden. Es war wie in 1001 Nacht. Sein stechender Blick musterte Audrey prüfend, ehe er zu ihr sprach:
»Mein Name ist Omar.« Er machte eine Kunstpause »Ich weiß, wer du bist. Du hast Fragen, mehr aus Neugier als aus echtem Interesse. Ich wünschte, ich könnte dir helfen, aber ich kann es nicht. Du bist nicht bereit für die Wahrheit. Nur wer bereit ist, die Hoffnung auf Glück und Zufriedenheit aufzugeben, kann die Wahrheit auch finden. Denn die Wahrheit nimmt keine Rücksicht auf den, der sie sucht. Sie ist auch dann wahr, wenn sie dem Suchenden nicht gefällt. Das ist etwas, das du nie begreifen wirst.«
Audrey wollte erwidern, dass er sich dieses herablassende Gelaber sparen könne, sie sei schließlich kein Kind mehr. Doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Trotz allem hattest du Glück: Du hast mich gefunden und darfst wieder gehen. Das können nicht alle von sich behaupten, die mich besucht haben.«
Omar nahm einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife. Dann atmete er eine Rauchwolke aus, die Audrey vollständig einnebelte. Das letzte, was sie von ihm sah, war ein bösartiges Lächeln, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Sie riss ihre Augen weit auf. Audrey wollte schreien, aber ihr Mund war zu ausgetrocknet, sodass nur ein krächzendes Husten herauskam.
»Na, wie war’s?«, meinte Harald abgelenkt. Er sah sich nicht nach ihr um, das Game fesselte ihn zu sehr. Eine überlebensgroße Kettensäge schredderte sich durch eine verschrumpelte Gestalt, die wohl einst menschlich war. Davon war aber nicht mehr viel zu erkennen, denn anstelle von Armen und Beinen besaß sie furchterregende Klauen. Aus dem verwesenden Mund des Zombies triefte grüner Geifer, der normalerweise die verbliebenen Kleidungsfetzen durchtränkt hätte, nun aber zusammen mit dem soeben abgetrennten Kopf durch die Luft wirbelte. Blut und Geifer spritzen über den gesamten Holobildschirm, den Harald auf die Größe der Wand der Wohnwabe maximiert hatte.
Er musste schon eine ganze Weile Merowinger’s Revenge III – The Return of the Space Zombies zocken, denn bis zum Level in der Raumstation hatte es Audrey selbst noch nicht geschafft. Harald wechselte von der Kettensäge zum Plasmaflammenwerfer, als eine größere Zombiehorde auf ihn zurannte. Mit einer lässigen Handbewegung erzeugte er einen blau aufleuchtenden Feuerstoß, der die gesamte Gruppe verbrutzelte. Seine Gegner wälzten sich brennend auf dem Boden. Undefinierbare Zombieschmerzenslaute erfüllten die Luft, ehe die verschrumpelten Gestalten zu Asche zerfielen. Der leuchtende Schriftzug ›ZOMBASSAKER!‹ ploppte für einen Augenblick über die gesamte Bildschirmbreite hinweg auf.
Audrey schäumte. ›Wie es gewesen war?‹ Sie hatte gerade einen stellenweise verdammt fiesen Trip erlebt und er schaffte es nicht einmal, sein blödes Game zu pausieren und sich zu ihr umzudrehen? (Und eigentlich war es ihr Spiel und wenn sie so darüber nachdachte, dann hatte der Wichser sicher ihren Spielstand benutzt und einfach von dort aus weitergespielt, ansonsten würde er jetzt noch irgendwo in der vergessenen sowjetischen Geheimbasis in der Tunguska herumgurken und wehe, er hatte ihren Spielstand überspeichert; Aber ganz sicher hatte er das, denn so angepisst, wie Audrey gerade war, war Harald – das größte Aas der Welt – sicher zu allem fähig, ansonsten hätte das Scheißloch sie auch nicht das Blue nehmen lassen …).
»Du Schwanz, warum hast du mich nicht vor dem gewarnt, was mich da drinnen erwartet?«, fuhr sie ihn an. Harald zuckte vor Schreck zusammen. Ein schwerer Fehler, denn diesen kurzen Moment der Unachtsamkeit nutzte einer der größeren Zombiekreaturen sofort aus. Eine unförmige Pranke packte Haralds Spielfigur. Schon zoomte die Kamera aus dem Geschehen heraus, um einen besseren Blick darauf zu ermöglichen, wie der Zombie Haralds alter Ego (einen generischen, muskelbepackten Soldaten, der in einem Exoskelett steckte, das mehr an eine Ritterrüstung als an modernes militärisches Kampfgerät erinnerte, augenscheinlich der namensgebende Merowinger) in die Luft riss. Dann zoomte die Kamera wieder heran, um in Nahaufnahme zu zeigen, wie der Zombiekloss spektakulär den Kopf von Haralds Figur abbiss. Eine unrealistisch große Blutfontäne schoss aus dem Rumpf und verwandelte die Wabenwand in ein rotes Jackson-Pollock-Gemälde.
»Was ist denn dir in die Vagina gefahren?«, fauchte er sie an »Ich habe dir doch gesagt, dass es beim ersten Mal n’bisschen strange ist.«
»Aber doch nicht so!«, empörte sich Audrey heftig.
»Das AlbinoBlue wirkt bei jedem anders, sorry. Aber du warst es doch, die es unbedingt ausprobieren wollte.«
»Ja, aber nur weil du und deine Kumpels ständig davon geschwärmt habt.« Audrey fing sich wieder, nachdem sie ihre erste Wut losgeworden war. Ihr Tonfall klang fast entschuldigend.
»Ist ja auch der krasseste Shit, den du kriegen kannst«, meinte Harald, nun seinerseits wieder versöhnlich »Das erklärt auch, warum du zwischendurch wie eine bescheuerte Schlafwandlerin durchs Zimmer geirrt bist«.
»Es war absolut oberkrass. Der Trip hat sich so echt angefühlt. Alles war so klar, als ob ich gar nichts eingeworfen hätte.«
»Was hast du denn erlebt?«, wollte er grinsend wissen.
»Ich war in einem gigantisch großen Tropenhaus. Alles voller Pflanzen, die sahen total abgefahren aus. Wie so Sachen, die du im Traum siehst und dann wieder vergisst, wenn du aufwachst. Aber dann hat mich irgendetwas verfolgt …«
Harald wurde hellhörig: »Hast du gesehen, was da hinter dir her war?«
»Ne, habe ich nicht. Es war mehr ein Gefühl, als eine Sache, glaub’ ich mal. War dann auch plötzlich weg. Aber ich hatte echt kurz Schiss wegen des ›Fluch des Pharaos‹, von dem alle reden.«
»Echt jetzt?«, Harald lachte zu laut »Das mit dem Fluch ist nur so’n Scheiß, den sich die Leute erzählen, um kleinen Kindern Angst zu machen.«
»Aber in den Nachrichten reden sie doch überall von diesen Morden.«
»Ach, die haben doch nichts mit dem Blue zu tun. Das ist alles Panikmache«, meinte er achselzuckend »Die suchen nur einen Sündenbock, weil sie bis jetzt noch niemanden geschnappt haben.«
»Hm …« Audrey klang nicht sehr überzeugt. In ihrer Hand hielt sie die Verpackung, in der das AlbinoBlue gewesen war. Dein Weg zur Erleuchtung stand darauf.
»Wie war es denn bei dir?«, wollte sie von ihm wissen.
»Was meinst du?«
»Den Trip meine ich.«
»Ich war in keinem Gewächshaus, das kannst du mir definitiv glauben. Ich bin nicht so der Pflanzentyp.«
»Das meine ich nicht. Bist du auch verfolgt worden?«
Verlegen sah Harald an die Decke. Er schwieg einen Augenblick, ehe er antwortete: »Das erleben alle das erste Mal. Aber du kannst mir glauben, das kommt nicht wieder. Ist wahrscheinlich eine Nebenwirkung, weil sich dein Körper erst einmal an das Blue gewöhnen muss. Bekommt man halt Verfolgungswahn. Ab jetzt wirst du nur noch cooles Zeug erleben, dafür lohnt sich die Paranoia.«
Audrey antwortete nicht. Anscheinend hatte sie der Trip mehr mitgenommen, als er angenommen hatte. Harald überlegte, wie er sie wieder auf andere Gedanken bringen konnte. Schließlich meinte er unvermittelt:
»Woll’n wir noch n’bisschen Mero III zocken? Ich bin kurz vor dem Endboss, kann echt nicht mehr lange dauern. Danach könnten wir doch den Multiplayer ausprobieren«
Sie nickte. Während Harald sich daran machte, die nächste Zombiehorde zu plätten, ging sie zum einzigen Fenster der Wabe und öffnete es. Der Lärm der Straße drang zu ihr hinauf. Immerhin hatte ihre Wohnung den Luxus eines Fensters.
Unter ihr flog eine Drohne am Wohnblock vorbei. Sie projizierte ein Hologramm des New Hoper Bürgermeisters Desmond Giordano. Dazu ertönte eine Lautsprecherdurchsage mit der Stimme des Stadtoberhaupts, die auf schizophrene Weise zugleich sowohl vor der allgegenwärtigen Terrorgefahr warnte, als auch garantierte, dass kein Grund zur Besorgnis bestehe.
Audrey hörte die Stimme nicht. Stattdessen musste sie an die Worte des Mannes denken, den sie während ihres Rausches getroffen hatte: ›Trotz allem hattest du Glück: Du hast mich gefunden und darfst wieder gehen. Das können nicht alle von sich behaupten, die mich besucht haben.‹
Ihre Gedanken schweiften ab zu dem neuesten Mumienmord, der sich laut den Nachrichten am Vormittag ereignet hatte.
Böses Erwachen – eine Stadt sucht einen Mörder
The shitstorms are coming!
Graffiti, Künstler unbekannt
*
The shitstorms are coming! Die Warnung starrte Steiner von der Wand des versifften Aufzugs an, der ihn und sein Motorrad aus dem Wabenblock beförderte. Sie kam wieder einmal zu spät, denn ein Shitstorm der ganz besonderen Art wütete bereits in seinem Schädel. Er wusste nicht mehr, was er gestern Abend alles in sich hineingeschüttet hatte, aber den Schmerzen nach zu urteilen, mussten es sich Madame Ming und er ziemlich dreckig gegeben haben.
Wenigstens hatte er schon einen Kaffee intus – mitsamt dem obligatorischen Tablettenmix aus Aspirin, einer Antialkpille und seiner täglichen Anti-Aging-Dosis. Sich zu duschen war leider nicht drin gewesen, Madame Ming brauchte ihre tägliche Wasserration für sich selbst. Ein gewaschenes Gesicht und Deo unter den Achseln mussten gegen den Alkoholgestank vorerst ausreichen. Die einzige, die sich daran stören würde, wäre ohnehin Irina. Aber er war es gewohnt, mit ihren feindseligen Blicken zu leben. Die sollte sich nicht so aufführen, schließlich machte er den Job schon eine halbe Ewigkeit. Auch ihr Idealismus würde mit der Zeit verschleißen. Ein Gedanke, den Steiner als äußerst tröstend empfand.
Auf der Fahrt durch die belebten Straßen New Hopes, in denen er sich hauptsächlich gegen militante Radfahrer durchsetzen musste, machte er einen kurzen Halt an einem Bäckereiautomaten. Er wählte aus den vielen der vegetarisch belegten und in Diätmajo ertränkten Brötchen eines aus, um es während der Fahrt hinunterzuwürgen. Das entsprach zwar nicht den Verkehrsregeln, aber wer hielt sich schon daran? Außer Fußgängern und Passagieren der Metropolbahn waren die meisten Verkehrsteilnehmer schließlich Radfahrer. Und das waren die selbstgerechtesten Verkehrsfaschisten überhaupt, wenn es nach Steiner ging. Die fuhren ja mit dem Rad und taten damit der Natur und ihrer Gesundheit etwas Gutes. Da durften sie schon erwarten, dass die Welt ihnen applaudierte, wenn sie Fußgänger zur Seite drängten oder die Metropolbahn blockierten, weil sie dringend noch über die Schienen mussten. Damit musste man doch Einsehen haben.
Zusätzlich waren diese Lahmärsche seinem Motorrad im Weg. Nachdem der Kommissar wieder einmal von einem dieser Idioten geschnitten wurde, der ohne Handzeichen und Schulterblick in Steiners Fahrbahn eingebrochen war, stellte er seine Sirene an und drängte den Flachwichser zurück in seine Spur. Rücksichtlos heizte er an den eingeschüchterten Radfahrern vorbei, bis er endlich das Polizeihauptrevier der Undercity erreichte. Das Sirenengeheul war zwar Gift für seinen Schädel, aber der wummernde Schmerz, den es auslöste, war allemal besser, als sich dieses Verkehrshickhack weiterhin bieten zu lassen.
Irina Dvorac war eine Frau von beinahe zwei Metern Größe und kräftigem Körperbau, so der Typ Terminator. Ihr Gesicht war im Gegensatz dazu das Sinnbild von vollendeter weiblicher Schönheit. Ihre Reaktion auf sein nur mühsam kaschiertes Saufgelage des Vorabends war so vorhersehbar wie vernichtend:
»Süleyman, wenn du dich schon mit deinem kriminellen chinesischen Flittchen volllaufen lässt, dann sei wenigstens keine Pussy und komm am nächsten Tag pünktlich zur Arbeit. Und zieh keine solch mitleidserregende Fresse, das ist echt ekelerregend!«
»Eigentlich ist sie Franko-Kanadierin«, brummte Steiner in sich hinein »Ihr asiatisches Aussehen kommt von ihrem Großvater mütterlicherseits. Der kam aus Myanmar, als das Land noch so hieß …« Zumindest hatte sie ihm das erzählt. Was an den Geschichten dieser Frau stimmte und was nicht, konnte er nie so genau sagen. Die Wahrheit war ihm aber auch schlicht egal.
»Dann ist sie eben ein franko-kanadisches Flittchen mit burmesischen Wurzeln, tut das irgendwas zur Sache?«, fauchte sie gereizt.
Oh je, heute war sie aber so etwas von scheiße drauf. Irina hatte zu seinem Leidweisen ein sehr ausgeprägtes Temperament. Steiner fragte sich, ob das daher kam, dass sie aus einem der zahlreichen semiautonomen und autokratischen Staaten des Wahren Pakts für Europa (WPE) stammte, die alle in der Einflusssphäre des Russischen Imperiums lagen.
An seinem Schreibtisch angekommen, ließ er sich in seinen ergonomisch geschwungenen Sitz fallen. Während er sich mit seinem Smartpod ins Polizeinetz einloggte, fragte er seine Kollegin:
»Hat sich seit gestern irgendetwas Neues im Mordfall am Erasmus ergeben?«
Irina, mit der er sich ein Abteil des Großraumbüros teilte, das von über 20 Kommissaren und Kommissarinnen benutzt wurde, saß ihm gegenüber. Sie minimierte den Holodesktop auf ihrem Schreibtisch mit einer herabwischenden Handbewegung, um ihn besser zu sehen.
»Wir haben keine neuen Spuren am Tatort entdeckt, falls es das ist, was du meinst. Allerdings bin ich auf Unstimmigkeiten gestoßen, als ich mit unseren biometrischen Suchprogrammen die Kameraaufzeichnungen des Erasmus-von-Rotterdam-Platzes überprüft habe: Unser Verdächtiger ist auf keiner der Aufnahmen zu sehen. Auch sonst habe ich in unseren Datenbanken so gut wie nichts über ihn gefunden.« Sie sah ihrem Kollegen verschwörerisch in die Augen.
»Ist denn der gesamte Platz komplett mit Kameras abgedeckt?«, meinte Steiner abgelenkt, der seinerseits seinen Bildschirm zwischen ihnen erscheinen ließ und ihn soweit vergrößerte, sodass er Irina verdeckte. Mit gespielt konzentriertem Blick rief er die neuesten Informationen der Mordkommission AlbinoBlue auf.
»Nein, aber der Zugang zu den Toiletten ist bis auf wenige minutenlange Unterbrechungen dauernd abgedeckt. Entweder hat unser Zeuge dort mindestens zweieinhalb Stunden verbracht oder ich kann mir nicht erklären, wie er unbemerkt dort hineingekommen ist.«
»Häh?«, Steiner war plötzlich ganz Ohr.
»Ich sagte …«,
»Ja, ich habe dich gehört … Aber wie ist das möglich?«
»Das sollten wir unseren Zeugen vielleicht selber fragen. Oder besser gesagt: Du. Ich habe hier nämlich noch zu tun und du hast ihn schließlich schon einmal vernommen. Wenn auch ziemlich dilettantisch.«
›Besorg’s dir doch selber‹, fluchte er gedanklich und minimierte seinen Bildschirm. Sein Smartpod unterbrach die Verbindung zum Polizeinetzwerk. Steiner legte seinen mobilen Rechner wieder auf sein Armgelenk, wo sich dieser an der Haut des Kommissars festsaugte. Der Halt war so bombenfest wie bequem. Warum konnte nicht alles im Leben so einfach und durchdacht wie dieses Stück Technik sein? Steiner stand seufzend auf.
Die »Mumienmorde«, so hatten die Medien die Reihe mysteriöser Todesfälle getauft, die die Stadt seit Monaten in Atem hielten. Weil die Opfer keinen Tropfen Flüssigkeit mehr enthielten und so ausgetrocknet waren wie Mumien aus der Zeit der Pharaonen. Nachdem es nun schon über vierzig dokumentierte Fälle gab und die Ermittlungen nach wie vor nicht vom Fleck gekommen waren, war eine EF-Taskforce gebildet worden. Sie bestand aus führenden Kriminalexperten aller Verwaltungsbezirke der Europäischen Föderation sowie aus Beamten der Polizei von New Hope. Zum Chefermittler der Taskforce war Georgios Venizelos ernannt worden, eine wahre Polizeilegende. Er hatte innerhalb von Kriminalistenkreisen erstmals größere Bekanntheit erlangt, als er im EF-Distrikt Ost-Mediterranien eine Mordserie an den Managern eines chinesisch-europäischen Konsortiums aufgeklärt hatte, die alle von ihren heimischen Servicerobotern umgebracht worden waren. Als Täter stellte sich eine Gruppe von vollkommen verarmten Firmentechnikern heraus, die von ihrem Unternehmen um ihre Rentenansprüche gebracht worden waren.
Steiner gehörte zu seinem Leidwesen ebenfalls dieser Taskforce an. Das hatte er seiner Juniorpartnerin Irina zu verdanken. Mit viel Engagement (und dem fast schon ans Verbrecherische angrenzenden Einfordern von Gefallen) hatte sie ihr Ermittlerduo in die Mordkommission AlbinoBlue geboxt. Diese Frau konnte Berge bewegen, da war sich der Kommissar ganz sicher. Denn bei Steiners Ruf grenzte Irinas Erfolg schon fast an ein Wunder. Sie machte ihm manchmal etwas Angst. Irina wollte unbedingt Karriere machen – aber nicht um der Karriere willen, sondern weil sie wirklich etwas verändern wollte. Jetzt ermittelte er mit ihr zusammen im Fall der Mumienmorde. Leider.
Die Dunkelziffer der Todesfälle lag wahrscheinlich deutlich über den bisher bekannten Opferzahlen. Denn aus irgendeinem noch unbekannten Grund zerfielen die ausgetrockneten Leichen nach wenigen Minuten zu Staub. Sicherlich war anfangs nicht jeder auffällige Staubhaufen mit dem Verschwinden eines Menschen in Verbindung gebracht worden.
Steiners Kollegen gingen davon aus, dass ein Zusammenhang mit dieser neuen Droge namens AlbinoBlue bestand, die alle Opfer konsumiert hatten. Seit Monaten überschwemmte die Substanz die Straßen New Hopes. Steiner hatte einmal gewagt zu fragen, ob die Tode nicht einfach eine Folge der Droge selbst sein könnten, zum Beispiel als ungewöhnliches Ergebnis einer Überdosis. Seine Hoffnungen, dass dies keine Angelegenheit einer Mordkommission, sondern eine Sache des Drogendezernats sein könnte, zerschlugen sich jedoch schnell, als ihm Irina so effizient wie genervt die Fakten präsentierte:
Das AlbinoBlue war nicht tödlich, egal in welcher Dosierung. Das hatten alle Versuche an der neuesten Generation von Bio-Dummys gezeigt, die den menschlichen Organismus sogar in Echtzeit simulierten. Auch die Tests zu Wechselwirkungen mit anderen chemischen Elementen und Verbindungen hatten zu keinen nennenswerten Erkenntnissen geführt. Zwar bereitete die Formel des AlbinoBlues den Experten nach wie vor Kopfzerbrechen, da es sich dabei um ein völlig neuartiges und hochkomplexes Molekül handelte, dessen Struktur und Wirkungsweise selbst den hinzugezogenen Wissenschaftlern ein Rätsel war. Aber auch wenn die Experten der Polizei sich an AlbinoBlue die Zähne ausbissen, so sprach doch vieles für Mord. Denn bei allen Opfern hatten Forensiker vor dem Leichenzerfall eine kleine Einstichwunde an der Stirn entdeckt. Allerdings gab es nach wie vor keine einzige Videoaufnahme der vermuteten Morde, die von Argus‘ flächendeckender Überwachung aufgezeichnet worden wäre.
» … Es gibt also definitiv eine Verbindung zwischen den Toten und dem Blue. Wir wissen nur noch nicht, welche«, hatte Irina damals ihre Ausführungen beendet. Seitdem waren sie in ihren Nachforschungen keinen Schritt weiter gekommen. Selbst die Kollegen, die undercover im Drogenmilieu ermittelten, hatten nicht den Hauch einer Spur von den Hintermännern. Nur Websites, Spammails und Flyer, die das AlbinoBlue mal als bewusstseinserweiterndes Nonplusultra, mal als den heißesten Shit, den man unbedingt ausprobiert haben musste, anpriesen, fanden sie zuhauf.
In ihrer Ratlosigkeit hatte die New Hoper Polizei im Zusammenhang mit den Mumienmorden öffentlich vor dem Konsum von AlbinoBlue gewarnt. Die Medien stürzten sich begierig darauf: Der »Fluch des Pharao« war geboren. Die Droge, die dir den Trip deines Lebens verschafft – es sei denn du triffst den Pharao, der dich in eine Mumie verwandelt. Game over. Leider hatte die Polizeiwarnung für viele, die den Kick suchten, den Reiz erst erhöht. Seufzend stellte der Kommissar fest, dass er in einer Zeit der Ressourcenknappheit lebte: Da der Konsumgesellschaft die Güter ausgegangen waren, war das Sammeln von Erfahrungen als höchster Lebensinhalt geblieben. Synthetische Drogen florierten.
Steiner machte sich auf den Weg zu seinem Zeugen. Vielleicht war dieser Rivera ja tatsächlich der Pharao, der hinter all diesen Morden steckte. Steiner stieß ungewollt auf. Sein eigener vergammelter, nach Alkohol riechender Atem stieg ihm in die Nase,
›Memo an mich selbst: Ich muss mir unbedingt eine zweite Zahnbürste für Madame Ming oder die Arbeit zulegen. Mundwasser tut es vielleicht auch.‹
Beim Verlassen des Gebäudes machte Steiner an einem Snackautomaten halt. Eine Packung Kaugummi mit Minzgeschmack musste vorerst ausreichen.
*
Rivera lag nackt auf seinem Bett. Er starrte die Decke an. Aus dem Hintergrund hörte er den laustarken Protest des kanadischen Premierministers gegen die Annexion Kanadas durch die USA. Es war irgendeine Dokumentation auf History Facts – AllAlternativeChannel 5. Wenn dieser Junkie, den er sich eingefangen hatte, wenigstens die Lautstärke etwas drosseln würde … Er strich sich durch sein kurzes, schwarzes Haar und atmete mehrfach tief durch. Er atmete rein aus Gewohnheit, denn sein transhumaner Körper benötigte natürlich keinen Sauerstoff. Aber es wirkte entspannend, also tat er es trotzdem.




