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Eigentlich müsste er angewidert sein. Dennoch war er es nicht. Irgendwie ließen ihn die Ereignisse des gestrigen Abends erstaunlich kalt. Klar, er war mit einem Kerl in der Kiste gelandet, aber dieses sexuelle Experiment war letztendlich nichts weiter als eine neue Erfahrung gewesen, von der er noch nicht ganz wusste, wie er sie einordnen sollte. Das hatte ihn selbst etwas überrascht. Homophobe nahmen ihr Anliegen eindeutig zu wichtig.
Rational betrachtet war er, Rivera, ein Psychopath, darüber machte er sich keine Illusionen. Sein Gefühlsleben entsprach nicht dem des Durchschnitts. Er empfand nichts für seine Mitmenschen, genau genommen nahm er sie mehr als Dinge, denn als Lebewesen wahr. Die naheliegendste Erklärung für ihn war wohl die, dass er schon als Psychopath geboren worden war. Warum die Ärzte das damals trotz des amtlich vorgeschriebenen postnatalen Gehirnscanns nicht erkannt hatten, würde wohl für immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht gab es tatsächlich keine neurologischen Ursachen, vielleicht hatte ihn irgendetwas so werden lassen. Irgendein furchtbares Erlebnis, an das er sich nicht mehr erinnerte. Dabei waren seine Eltern stets liebevoll zu ihm gewesen. Auch hatte er nie ein Trauma erlebt, zumindest keines, das seine jetzigen Neigungen rechtfertigen würde.
Warum auch immer er war, wie er war, er war ein begnadeter Serienkiller. Aber nicht irgendein gewöhnlicher Serienkiller, oh nein. Rivera verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und grinste ein zufriedenes, selbstsicheres Haifischgrinsen. Im Gegensatz zum gemeinen Serienmörder, der ein spezielles Opferprofil bevorzugte, war Rivera geradezu universell: Für ihn war die gesamte Menschheit Beute. Selbst bei der Todesart ließ er sich nicht festlegen, das wäre eine absolut unnötige Einschränkung seiner Kreativität gewesen. So hatte er allen Spaß der Welt, während die Polizei unmöglich in der Lage war, seine einzelnen Morde miteinander in Beziehung zu setzen.
Wenn er so darüber nachdachte, dann war die Erklärung für seinen gestrigen Ausrutscher eigentlich recht einfach: Psychopathen liebten Macht. Er war ein Psychopath. Ergo liebte er Macht. Nach seiner Ohnmacht gegenüber diesem Kafkaliebhaber hatte er sich seine Macht zurückerobert, indem er ihn gefickt hatte. Dieser pseudopsychologische Ansatz überzeugte Rivera. Natürlich entsprach diese Denkweise einem überkommenen Männlichkeitsbild, wie er aus dem Sozialkundeunterricht wusste. Damals, als ihn sein Lehrer in der Schule über den Unterschied zwischen den Kategorien Gender und Sex aufgeklärt hatte. Rivera hatte das nie ernst genommen.
›Bin ich wirklich so einfach gestrickt?‹ Sein Grinsen wich einem nachdenklichen Blick. Er sah zu dem jungen Mann hinüber, der seinen nackten ausgemergelten Körper in eine Decke gehüllt hatte und auf dem Boden saß, von wo aus er den Wandbildschirm anstarrte.
›Vor allem, was mache jetzt mit ihm?‹ Rivera hatte nicht das Gefühl, dass ihn jetzt noch irgendetwas davon abhielt, diesen Typen zu killen. Da sein synthetischer Körper keine DNA-Spuren hinterließ und er die Kameras vor seiner Wohnung manipuliert hatte, würden wie immer keine Rückschlüsse auf ihn möglich sein. Doch sollte er ihn wirklich hier töten?
Einen Mord in einer auf ihn registrierten Wabe hatte Rivera noch nie begangen. Privates und Vergnügen hatte er bisher immer getrennt gehalten. Es gab also noch keinen Präzedenzfall, an dem er sich orientieren konnte. Er drehte sich zur Seite und ging die ganze Angelegenheit sachlich in Gedanken durch.
Die Sauerei könnte er auf die Küche oder das Bad beschränken, da wäre es einfach sauberzumachen. Der Abtransport der Leiche wäre da schon eher das Problem. Wenn er mit einem großen Sack auf dem Rücken durch New Hope laufen würde, wäre das wahrscheinlich ein wenig zu auffällig. In seiner Not müsste er den Junkie womöglich zerkleinern und ihn über mehrere Tage hinweg in der Stadt verteilen. Das Zerkleinern würde er wohl am besten in der Duschkabine erledigen, die Körperteile dann in Ökoplastik abpacken und vorerst im Tiefkühlfach seines Kühlschrankes lagern. Doch das Fach war kaum groß genug, um den gesamten Junkie aufzunehmen.
Rivera erhob sich, begab sich in die Küchenecke seiner Wohnwabe und öffnete seinen Kühlschrank. Er warf noch einmal einen Blick auf Rien. Nein, das Tiefkühlfach reichte definitiv nicht aus. Den Rest müsste er wohl im Kühlschrank lagern und schnellstmöglich paketweise entsorgen, wenn er verhindern wollte, in seiner Wohnung am Leichengestank zu ersticken. Wobei er die Geruchssensoren seines Körpers nach unten regulieren könnte, das Problem wäre nicht sein eigenes Befinden. Die Gefahr läge vielmehr in der Entdeckung durch die Nachbarn, denen der bestialische Gestank vermodernden Fleisches auffallen würde. Was für ein Stress! Warum musste das nur so kompliziert sein, dabei wollte er doch nur dieses bedeutungslose Mitglied der Gesellschaft loswerden, um den sich wirklich niemand scherte … Ach, hätte er es doch in dem Augenblick getan, in dem er ihm begegnet war, dann hätte er nun kein Entsorgungsproblem. Aber da Rien nun einmal hier war …
Forschend öffnete Rivera die Schublade mit dem Besteck. Die Messer durchtrennten problemlos Fleisch, kämen aber ganz sicher nicht durch die Knochen. Nun, die konnte er mit seinen modifizierten Händen durchbrechen. Recyclingsäcke? Hatte er zum Glück erst vor kurzem wieder vom städtischen Service Center geholt. Zielstrebig steuerte er auf sein Opfer zu.
» …wodurch Großbritannien auf den Stand einer amerikanischen Kolonie herabsank. Doch die Annexion sollte nicht von Dauer sein: Die Einführung des flächendeckenden Waffenrechts für alle führte zu heftigen Widerständen seitens der britischen Bevölkerung und löste eine Welle antiamerikanischer Proteste aus, die in mehreren Anschlägen gipfelten, die den britischen Unabhängigkeitskrieg auslösten …«
Rivera ignorierte die Dokumentation. Mit einem unbarmherzigen Griff packte er Rien an den Haaren und zerrte ihn ins Bad, wo er dessen Kopf an der Kante des Duschkabinenrandes zertrümmerte. Riens Körper erschlaffte schon beim zweiten Aufprall. Es war für Rivera ein leichtes, den Körper in die Kabine zu hieven. Ganz offensichtlich war der junge Mann nur kurz bewusstlos gewesen, denn als Rivera begann, ihn in Scheiben zu schneiden, versuchte er sich zu wehren. Mit einem Schlag brach er ihm den Unterkiefer, um das einsetzende Geschrei zu unterdrücken. Entsetzen starrte Rivera aus dem zermanschten Gesicht entgegen. Oh ja, das tat so gut. Belebender als jeder Orgasmus.
Gerade kugelte er Riens Arm aus, als ihn ein Klingeln an seiner Haustür aus seinen Tagträumen riss.
Sofort schaltete Rivera in seinem Kopf auf die Kamera, die über seiner Wabentüre angebracht war. Es war dieser Bulle, der ihn gestern verhört hatte. Mist, den konnte er nicht warten lassen. Gereizt blickte Rivera zu Rien, der immer noch seelenruhig und unversehrt auf den wandfüllenden Holobildschirm starrte.
»Versteck dich und bleib ruhig!«, schnauzte er ihn an »Lass ja das Licht aus, ich will nicht, dass man den Abzug hört!« fuhr er Rien an, als er ihn ins Bad zerrte und die Tür hinter ihm zuschlug. Der Polizist sollte ihn ganz sicher nicht mit der Person zusammen sehen, deren Teile entsetzte Passanten in den nächsten Wochen aus Recyclingeimern in ganz New Hope fischen würden.
Ein weiteres Klingeln trieb Rivera zur Eile an. Hastig versuchte er Ordnung in seine Wabe zu bringen, denn von der Tür aus war beinahe die gesamte in schlichtem Bauhausstil gehaltene Wohnung zu überblicken. Nichts sollte auf Rien hindeuten. Schnell warf er ihre vom Vorabend herumliegenden Klamotten unter das Bett, ehe er sich aus seinem Wandschrank eine schwarze Boxershorts und ein weißes T-Shirt angelte, die er beide sofort überzog. Es klingelte schon zum dritten Mal. Er hätte gerne im Spiegel überprüft, ob er genauso leger aussah, wie er sich das vorstellte, aber da der Spiegel im Bad hing, verließ er sich auf seine natürliche Ausstrahlung, versprühte noch Deo gegen den Männergeruch, und warf die Dose hektisch zu den Klamotten unter dem Bett. Kurz bevor er die Tür öffnete, streifte er sich noch eine Jeans über.
»Oh, Sie sind es, Herr Kommissar«, spielte er den Überraschten, als er die Türe öffnete »Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Womit kann ich Ihnen weiterhelfen? Hat sich der Verdacht gegen mich erhärtet, oder besuchen Sie mich nur zum Vergnügen?«
Rivera merkte dem Kommissar an, wie sehr diesen seine aufgesetzte Freundlichkeit abstieß. Das amüsierte ihn und tröstete ihn immerhin für den Moment darüber hinweg, die geplante Zerstückelung noch ein wenig aufzuschieben.
»Darf ich eintreten?«
»Wenn Sie so direkt fragen, dann möchte ich Ihnen genauso direkt antworten: Nein.« Er wollte wirklich nicht, dass der Bulle seine Wabe betrat. So wie er diesen Rien einschätzte, würde es nicht lange dauern, bis der sich auf die eine oder andere Weise bemerkbar machte. Wahrscheinlich rutschte der Junkie im Bad aus, schlug sich als Folge dessen vollkommen von allein den Kopf auf und er, Rivera, wäre schon wieder der Verdächtige in einem Todesfall, den er nicht verschuldet hatte.
»Sie wissen, dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt. Durch die Antiterrorgesetzgebung ist es der Polizei auch ohne Durchsuchungsbefehl erlaubt, fremde Wohnungen zu betreten«, entgegnete ihm der Beamte im Trenchcoat trocken. Sein künstliches, tief dunkelgrünes Auge funkelte Rivera bösartig an.
»Aber das können Sie nur, sofern Terrorverdacht besteht.«
»Es liegt vollkommen in meinem Ermessenspielraum, ob ich einen terroristischen Hintergrund vermute, unabhängig davon, ob sich dieser Verdacht im Nachhinein als gerechtfertigt herausstellt. Wenn Sie mir in diesem Fall Widerstand leisten, dann kann ich sie ohne weiteres festnehmen.
Also, darf ich reinkommen oder muss ich Sie erst als Terrorist verdächtigen?«
Gut gespielt. Unter anderen Umständen würde der Kommissar so etwas wohl nicht machen, aber jetzt kam die Retourkutsche für gestern.
»Es ist mir unangenehm, Sie sehen ja an meinem Casual Look, dass ich nicht auf Besuch vorbereitet bin. Meine Wohnung ist daher nicht gerade das, was man ordentlich nennen würde.«
»Damit habe ich kein Problem.«
»Dann treten sie ein«, entgegnete ihm Rivera mit einem scheinbar überlegenen Lächeln, von dem er wusste, dass es diesen Steiner ärgern musste »Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Oder Tee?« Er bekam keine Antwort.
»Ich hatte mir Ihre Wohnung größer vorgestellt. Auch die Wohngegend überrascht mich. Was arbeiten Sie denn?«, meinte der Polizist, als er die Wabe betreten hatte und die Türe hinter sich schloss. Rivera fragte sich, warum ihn der Beamte das fragte. Hatte der Kommissar ihn denn nicht überprüft? Was für ein lausiger Polizist …
»Sie meinen, weil mein Körper sehr kostspielig gewesen sein muss? Mit nahezu unbezahlbarer Nanotechnologie und allen Extras im High-End-Bereich ausgestattet? Ich bin Privatier und lebe von dem Vermögen, das mir meine Eltern hinterlassen haben. Hier wohne ich übrigens nur während der Frühlings- und Sommermonate«, der letzte Satz klang blasiert, sollte auch so klingen und war blanker Unsinn.
»Sie leben hier alleine?«
Rivera wollte gerade verneinen, doch dann hielt er inne: Um ein Haar hätte ihn der Polizist erwischt. Wahrscheinlich konnte der Kommissar mit seinem Augenimplantat durch Wände sehen. Sein Zögern überspielte Rivera dadurch, dass er in der Küche die Kaffeemaschine neu befüllte und aktivierte. Möglicherweise hatte der Polizeibeamte beobachtet, wie er seinen Gast ins Bad gezerrt hatte. Glück gehabt! Hätte der Kommissar nur zehn Sekunden später geklingelt – es wäre wirklich schwierig geworden, eine mit dem Gesetz im Einklang stehende Erklärung dafür zu finden, warum er gerade Riens Schädel zertrümmert hatte.
»Die Wohnung ist auf mich angemeldet, aber es kann passieren, dass ich hin und wieder Gäste im Haus habe.«
»Haben Sie momentan Gäste?«
»Sie meinen welche, die ich einem unerwarteten Besuch vorstellen möchte?«
Seinen Gesprächspartner hatte Rivera damit überrumpelt. Er beschloss, dem Kommissar den Wind aus den Segeln zu nehmen:
»Ich bin bi«, log er »Aber ich will nicht, dass das bekannt wird. Meine Kontakte zu Männern behandele ich lieber diskret. Da bin ich etwas konservativ. Jetzt kennen Sie auch den tatsächlichen Grund, warum ich sie nicht in meiner Wohnung haben wollte«, fügte er mit einem guten Schuss Pathos hinzu.
Es war offensichtlich, dass der Kommissar unzufrieden mit seiner Antwort war, da er wohl gehofft hatte, ihn in diesem Punkt ins Schwitzen zu bringen oder ihn zumindest in einen Widerspruch zu verwickeln.
»Kann ich Ihren Besuch sehen?«, meinte Steiner mürrisch.
Das war keine rhetorische Frage, das war Rivera klar.
»Wollen Sie auch einen Kaffee?«, versuchte er vom Thema abzulenken, während er sich selbst eine Tasse einschenkte. Genießerisch roch er daran, ehe er einen Schluck daraus nahm. Bei Riveras hervorragenden Aussehen und seinem schauspielerischen Talent hätte er es mit den besten Werbemodels aufgenommen.
»Ich bin nicht hier, um mit Ihnen Kaffee zu trinken. Das Gespräch wird ab dem jetzigen Zeitpunkt übrigens aufgezeichnet«, entgegnete der Kommissar. Ohne weitere Erklärung legte er seinen Smartpod auf den Küchentisch:
»›Beweisaufnahme: Start.‹
Herr Ben Rivera, meine Kollegen und ich sind die Aufzeichnungen der Überwachungskameras am Erasmus-von-Rotterdam-Platz durchgegangen und haben dabei festgestellt, dass Sie in keiner einzigen Einstellung zu sehen sind.«
»Und?«
»Nach unserem bisherigen Wissensstand hätten Sie sich mindestens zweieinhalb Stunden in der Toilette aufhalten müssen, ohne von einer einzigen Kamera auf dem Platz gesehen zu werden. Ziemlich viel Zeit, wenn man bedenkt, dass Sie es ohnehin nicht nötig haben, eine öffentliche Toilette aufzusuchen. Dealen Sie mit Drogen?«
Rivera grinste sein höflichstes Raubtiergrinsen, während er zuckersüß entgegnete:
»Nein, das habe ich nicht nötig. Überprüfen Sie ruhig meine Finanzen, falls Sie mir nicht glauben. Gerne auch mit Verdacht auf terroristischen Hintergrund, sofern Ihnen das den Zugriff auf meine Konten erleichtert. Ansonsten können Sie mich und meine Wohnung jederzeit durchsuchen, Drogen werden Sie keine finden.
Aber um zu Ihrem anderen Punkt zu kommen, dass ich mich zweieinhalb Stunden in der öffentlichen Toilette aufgehalten haben soll … Das kann schlicht nicht sein. Befragen Sie ruhig die anderen Personen, die in diesem Zeitraum dieselbe Örtlichkeit aufgesucht haben. Dank Ihrer Kameras dürfte es nicht schwierig werden, die dafür in Betracht kommenden Zeugen zu identifizieren. Mit meinem weißen Anzug hätten sie mich nur schwer übersehen. Falls Sie und Ihre Kollegen es nicht von sich aus tun sollten, dann werden es meine Anwälte in die Wege leiten, keine Sorge. Ich weiß, dass ich mich damit entlaste.
Aber haben Sie vielleicht einmal in Betracht gezogen, dass Sie die Aufzeichnungen von Argus vielleicht nicht sorgfältig genug durchgegangen sind?«
Er hatte beim Kommissar einen Nerv getroffen. Natürlich wusste Rivera nicht, dass sich Steiner fragte, ob Irina nicht doch ein Fehler unterlaufen sein könnte, der ihn nun in eine peinliche Situation brachte. Doch Rivera, der große Manipulator, erkannte am kurzen Zögern des Kommissars die Schwäche seines Gegners. Nachdem er Steiner schon am laufenden Band vorgeführt hatte, war dies die Chance, eine Verbrüderung vorzutäuschen.
»Sie wollen wirklich keinen Kaffee? Dieser Kaffee ist echt, kein fades, mit Geschmacksstoffen vollgestopftes Ersatzprodukt, so wie Sie es sonst überall erhalten. Kommen Sie, nehmen Sie auch einen«, und er befüllte eine zweite Tasse, die er liebenswürdig dem Polizisten reichte »Der wird Sie wieder auf Trab bringen. Sie sehen schon so müde aus, seitdem ich Sie an der Türe gesehen habe. Ich akzeptiere kein Nein als Antwort.«
Der Kommissar nahm den Kaffee tatsächlich an und trank einen Schluck.
»Wenn ich Sie richtig verstehe …«, begann der Beamte nach kurzem Zögern » … Sie zweifeln die Zuverlässigkeit der Videoaufzeichnungen an?«
»Oh, wie sage ich Ihnen das jetzt, ohne Sie zu verletzen? Ich zweifle nicht die Aufzeichnungen an – auch wenn sie natürlich manipuliert sein könnten. Ich zweifle eher die Sorgfältigkeit an, mit der Sie die Aufzeichnungen überprüft haben.«
»Meine Kollegin arbeitet sehr zuverlässig«, blaffte der Polizist zurück »Und das Polizeinetz ist absolut sicher. Wir haben eine erstklassige Firewall.«
»Alles ist hackbar.« Da war sie wieder, Riveras Arroganz. Herablassend wie ein Fallbeil enthaupteten seine Worte die positive Stimmung, die er zwischen sich und seinem Verhörer aufgebaut hatte »Wer nicht will, dass sensible Daten gestohlen oder manipuliert werden, darf sein System nicht ans Netz hängen. Das ist die einzige halbwegs sichere Lösung.«
Wenige Sekundenbruchteile später bereute Rivera seine Worte bereits. Den Polizisten auf die Fährte zu lotsen, dass die Aufnahmen manipuliert sein könnten, war genau das, was er tunlichst vermeiden sollte. Gönnerisch versuchte er von seinem Fauxpas abzulenken:
»Vielleicht überprüfen Sie einfach noch einmal eingehend Ihre Aufnahmen. Falls dann weiterhin Unstimmigkeiten bestehen sollten, dann komme ich auch gerne auf Ihr Revier und beantworte Ihnen alle Fragen dort. Das erspart Ihnen den Weg hierher und mir die Notwendigkeit, in einer derart unvorzeigbaren Aufmachung befragt zu werden.«
Steiner antwortete ihm nicht sogleich. Stattdessen schüttete er seinen Kaffee in einem Zug hinunter. Suchend sah er sich nach einer geeigneten Stelle um, um seine Tasse abzustellen. Rivera nahm sie ihm ab und stellte sie auf den Spültisch.
»Wahrscheinlich wäre das das Beste«, murmelte Steiner. Dann sagte er etwas lauter: »›Beweisaufnahme: Ende.‹« Er nahm seinen Smartpod wieder auf und heftete ihn an sein Armgelenk.
»Bevor ich gehe, erfasse ich die Daten Ihrer Begleitperson.«
»Ist das wirklich nötig? Er ist wirklich nur eine flüchtige Bekanntschaft«, versuchte Rivera den Kommissar davon abzubringen. Dieser Kill wäre der alleinige Höhepunkt seines Tages, den durfte er sich nicht nehmen lassen! Doch Steiner beachtete ihn nicht weiter. Mittlerweile war er zur verschlossenen Badtüre gegangen, an die er bestimmt klopfte:
»Kommen Sie aus dem Bad. Hier ist die Polizei.«
Nach wenigen Augenblicken vollkommener Regungslosigkeit hörten Rivera und Steiner ein Klicken. Die Türe öffnete sich. Hervor trat Rien, immer noch lediglich mit einer Decke bekleidet.
»Ich bin Kommissar Steiner. Im Rahmen meiner Ermittlertätigkeit werde ich Ihre Daten aufnehmen.«
»Hi, ich bin Rien«, meinte Rien müde.
»Und Ihr Nachname?«
»Also, der ist ziemlich schwierig zu buchstabieren …«
»Können Sie sich ausweisen?«, seufzte der Beamte.
»Ne, meinen Personalausweis habe ich verloren. Oh, aber ich habe einen Studierendenausweis, geht das auch?«
»Zeigen Sie her.«
Rien ging in den Wohnbereich. Desorientiert blieb er in dessen Mitte stehen. Nachdem er dort eine halbe Minute tatenlos herumgestanden war, fragte ihn der Beamte:
»Was für Drogen haben Sie genommen?«
»Drogen? Ich? Puh, ich nehme doch keine … Oh, Sie können mit Ihrem Auge … hm, in meinen Körper sehen und so? Schon verstanden. Können wir darauf nachher zurückkommen? Momentan suche ich meine Hose, da ist nämlich auch mein Ausweis.«
»Hat er die Drogen von Ihnen?«, meinte der Polizist mit einem Seitenblick zu Rivera.
»Ich bin kein Kindermädchen. Was meine Sexualbekanntschaften in ihrer Freizeit machen, geht mich nichts an. Ehrlich.
Die Hose ist unter dem Bett!«
»Haben Sie keine Angst, sich da Krankheiten zu holen?«, fragte Steiner beiläufig, während sie beide Riens tollpatschigen Versuchen zusahen, seine Hose unter dem Bett hervorzuziehen.
»Wie sie bereits wissen, besteht mein Körper zu 100% aus TransTech. Viren, Bakterien, Pilze – ich bin gegen so ziemlich jede Geißel der Menschheit immun. Und sollte es irgendetwas geben, das meine Materialien tatsächlich befallen sollte, dann kümmert sich meine speziell programmierte Immunabwehr aus Nanorobotern darum.«
»Nur so aus Interesse, was hat Ihr Körper gekostet?«
Statt einer Antwort nahm Rivera einen weiteren Schluck Kaffee aus seiner Tasse. Rien hatte inzwischen seine Hose unter dem Bett hervorgekramt. Umständlich kramte er aus einer Hosentasche einen zerfledderten Geldbeutel heraus.
Die Dokumentation auf Channel 5 war inzwischen bei dem Zerfall der USA angekommen; eine animierte Landkarte veranschaulichte die Chronologie der Ereignisse: die Aufspaltung in Republikanische und Demokratische Staaten von Amerika, die Unabhängigkeitserklärung Kaliforniens gefolgt vom britischen Unabhängigkeitskrieg, das chinesische Protektorat über Hawaii, die Wiederherstellung der Grenzen Mexikos von 1823 (mit Ausnahme von Kalifornien), zuletzt die Gründung der Französischen Republik Quebec.
Die Geschichte Amerikas seit der Jahrtausendwende war eine sehr bewegte.
Hätte einer der drei Protagonisten in diesem Augenblick auf die Dokumentation geachtet, so hätte ihn die Darstellung der Landkarten und die Menge des gesprochenen Texts zutiefst irritiert. So viel Sachlichkeit war ungewöhnlich für eine Dokumentation ihrer Zeit. Wo waren die nachgestellten fiktiven Spielszenen, wo die eingeschobenen Meinungen der Celebrities? Stattdessen erzählten die Fakten, Zahlen und Karten nüchtern vom Leben all der Individuen, die diese stürmischen Zeiten miterlebt hatten. Die Lebenszeit von Millionen zusammengefasst in den Sekunden weniger Sätze. Wie vergänglich und überschaubar menschliches Handeln und Streben doch war. Doch während diese epochemachenden Ereignisse nüchtern an ihnen vorbeizogen, löste eine andere Entwicklung große Emotionen aus:
»Hier ist er!«, triumphierte Rien in demselben Moment, in dem ihm die Decke herunterrutschte. Nackt und scheinbar ungeniert hielt er dem Polizisten seinen Studierendenausweis unter die Nase. Steiner nahm den Ausweis entgegen und musterte ihn skeptisch. Rien zog währenddessen seine Hose an.
»Dieser Ausweis ist nicht mehr aktuell. Sind Sie noch Student der Adenauer-de Gaulle-Universität New Hope City?«
»Nein.«
»Was machen Sie momentan beruflich?«
»Nichts.«
»Und wo wohnen Sie?«
»Meine letzte Wohnung musste ich vor zwei Tagen verlassen. Heute Nacht habe ich hier geschlafen.«
Steiner hielt einen Augenblick für einen tiefen und deutlich hörbaren Atemzug inne, ehe er fortfuhr:
»Wie kann man Sie erreichen? Haben Sie wenigstens einen Smartpod?«
»Ja, aber ich kann mir meine aktuelle Virtuelle Identifikationsnummer nicht merken. Warten Sie, sie ist in meinem Pod gespeichert. Ich kann nachschauen. Er müsste hier eigentlich irgendwo herumliegen …«
»Er liegt auch unter dem Bett«, meinte Steiner stoisch, der das Gerät schon längst entdeckt hatte. Genauso stoisch ließ er sich von Rien die Buchstaben- und Zahlenkombination diktieren, überprüfte sie und verabschiedete sich schließlich genauso wortkarg wie er gekommen war. Er ging und hinterließ eine große Angepisstheit, von der er nicht ansatzweise etwas ahnte.
Rien war an den Kühlschrank gegangen. Wahrscheinlich um nach etwas Essbarem zu suchen. Rivera kam es wie eine Verhöhnung durch die Schicksalsgöttin Fortuna vor, dass sich ausgerechnet die Person an seinem Kühlschrank zu schaffen machte, die er vor nicht einmal einer Viertelstunde darin hatte lagern wollen. War auf den ersten Blick alles gut gelaufen – er war den Polizisten losgeworden, hatte sich bei keinem Mord erwischen lassen, außerdem würde die Zeugenüberprüfung die Polizei ablenken und sie vielleicht sogar von seiner, in diesem Fall tatsächlichen Unschuld überzeugen – so lernte Rivera nun eine vollkommen neue Lektion: Auch Unsichtbarkeit hinterließ Spuren. Denn er war nicht nur auf keiner der Aufnahmen vom Erasmus zu sehen, sondern auch auf keiner der Aufnahmen von so ziemlich jeder Kamera des städtischen Videoüberwachungssystems!
Er war praktisch ein Geist. Dafür hatte er gesorgt, als er sich vor Jahren in das Polizeinetz gehackt hatte, um dort verdeckt seine Manipulationssoftware einzuspielen. Zwar überprüfte er regelmäßig, ob sein kleines Programm inzwischen entdeckt worden war, aber bisher vollkommen ohne Notwendigkeit. Die besten Hacker arbeiteten in der Wirtschaft, nicht für die Polizei. Aber nun wandte sich sein Genie gegen ihn. Angepisst setzte sich Rivera auf sein Bett.




