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Der Schmied hob sein Glas, trank es in einem Zug aus und nickte Effel lachend zu.
Der leerte sein Glas ebenfalls. Seiner Erinnerung nach hatte Soko noch nie so viel an einem Stück geredet.
»Ich freue mich für euch«, sagte er, nachdem Soko nachgeschenkt hatte, »ihr habt es beide verdient und es gibt wohl niemanden hier, der euch euer Glück neidet.«
»Und ich hatte schon gedacht, dass ich mein Lebtag alleine bleiben werde. Dass ich das noch erleben darf, ist wirklich ein großes Wunder. Und weißt du was? Sie liebt Tiere. Ist das nicht großartig? Und wie du siehst, fühlen sich ihre Katzen hier auch schon zu Hause.«
»Ich habe immer darauf vertraut, dass eines Tages die Richtige kommt und dich aus deinem Einsiedlerdasein, oder sollte ich besser sagen Dornröschenschlaf, herausholt«, sagte Effel lächelnd, »aber dass sie bereits so nah war … wer hätte das gedacht? Nun, das bestätigt mal wieder, was Mindevol mehr als einmal gesagt hat: Warum denn in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Das stimmt ganz offensichtlich – von wenigen Ausnahmen abgesehen«, ergänzte er und ein Hauch von Wehmut huschte über sein Gesicht. Dann aber fuhr er gut gelaunt fort: »Jetzt weiß ich auch, warum du einen solch großen Tisch hier hast. Es passen noch ein paar Kinder dran.«
»Nun mach aber mal halblang, gut Ding will schließlich Weile haben. Erst genießen wir mal die Zeit zu zweit. Für Kinder ist dann immer noch Zeit. Agatha ist noch jung.«
Effel gefiel es, wie sein Freund abermals rot geworden war.
»Hast du etwas von Saskia gehört? Weißt du, wie es ihr geht?«, fragte der Schmied jetzt und schalt sich sogleich innerlich dafür, in dieses Fettnäpfchen, wie er glaubte, getreten zu sein.
Aber Effel schien ihm die Frage nicht übel zu nehmen.
»Ich weiß zwar nicht, wie du gerade jetzt auf Saskia kommst … nein, Soko du brauchst keine schlechtes Gewissen zu haben«, meinte Effel, dem die Mimik seines Freundes nicht entgangen war.
»Ihna ist gerade mit Brigit bei ihr in Haldergrond zu Besuch. Das hat mir ihre Mutter erzählt. Sie wird mir später bestimmt berichten, wie es Saskia geht ... und zwar in allen Details«, lächelte er und fuhr fort. »Wenn du mich fragst, es war die richtige Entscheidung von ihr, nach Haldergrond zu gehen. Da gehört sie einfach hin ... es war schon ihr Kindheitstraum.
Sie hat so viele Talente und wie du weißt, hat sie sich seit Langem der Heilkunst verschrieben gehabt. Sie konnte gar nicht erwarten, ihren Schulabschluss zu machen, damit sie mit ihrer Ausbildung beginnen konnte. Mira sagte mir neulich erst, dass sie nie eine begabtere Schülerin gehabt hätte, und Petrov weint sich heute noch die Augen aus, weil sie nicht bei ihm Musik studiert. In Haldergrond hat sie jetzt beides, Heilkunst und Musik. Für unsere Ehe hätte sie diesen Traum geopfert und ich glaube, dass ich immer ein Schuldgefühl gehabt hätte. Wirklich eine tolle Voraussetzung für eine dauerhafte Ehe ... nein, es ist schon alles richtig, so wie es gekommen ist, glaub es mir. Aber ich werde mich ja sehr bald persönlich überzeugen können.«
»Persönlich?«
»Ja, ich werde zum Tag der offenen Tür hinfahren. Sie veranstalten zweimal im Jahr nach den Prüfungen solch einen Tag, mit verschiedenen Konzerten, einem Markt und Vorträgen. Wusstest du das nicht? Fährst du mit? Wir können die Räder nehmen. Kannst dein neues Fahrrad gleich einweihen. Du warst auch noch nie dort, stimmts?«
»Nein, ich war noch nie in Haldergrond, aber ich werde nicht mitfahren können. Neugierig bin ich schon, besonders weil Saskia dort ist. Aber ich habe sehr viel zu tun, nicht nur in der Schmiede. Ich werde mir wohl demnächst einen Mitarbeiter suchen. Agatha hat schon angedeutet, dass sie mehr Zeit mit mir verbringen möchte.«
»Was ich sehr gut verstehen kann.«
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Sam hatte schon vor kurzer Zeit den Kopf gehoben und die Ohren gespitzt, sich dann aber wieder entspannt niedergelegt.
»Wer mag das sein ... um diese Zeit?«, fragte der Schmied mehr sich selbst und erhob sich langsam.
»Na, das werden wahrscheinlich deine Frauen sein«, meinte Effel, »oder hast du die schon vergessen? Sam hat sie eben schon gehört.«
»Du Spaßvogel … die klopfen nicht an … nein, ich geh mal schauen. Es will hoffentlich niemand dringend ein Pferd beschlagen haben, ich habe schon zwei Gläser getrunken – oder waren es drei?«
»Es waren eher vier, mein Freund.«
Kurz darauf kam Soko mit einem sehr verzweifelt dreinblickenden Jussup im Schlepptau wieder herein. Schweißnasse Haarsträhnen hingen ihm über der Stirn, als er seine Mütze abnahm und in seinen Händen unbeholfen knetete. Mit traurigen Augen begrüßte er Effel.
Der sprang auf und hatte sofort eine böse Ahnung.
»Was ist passiert? Was treibt dich zu solch später Stunde hierher? Ist etwas mit ...«
»Ja,« wurde er von dem Mann unterbrochen, »Jelena ist plötzlich sehr schwach geworden, sie konnte nicht mehr aufstehen ... ich bin so schnell gefahren, wie ich konnte. Ich war schon bei Mindevol, aber der ist nicht da. Mira meinte, er sei für ein paar Tage nach Winsget. Sie packt nur schnell ein paar Sachen zusammen. Ich soll dich, Soko, fragen, ob du mitkommst. Sie könne jede Unterstützung brauchen, meinte sie.
Jelena weiß nicht, dass ich losgefahren bin. Sie sagte vor zwei Tagen noch, als es anfing schlechter zu werden, alles sei richtig so, wie es ist, wir sollten uns keine Sorgen machen ... ob wir denn annähmen, dass sie ewig leben würde ... na, ihr kennt sie ja.«
»Ich bin ebenfalls dabei ... wenn du noch Platz in deiner Kutsche hast …«, bot sich Effel gleich an. Er verehrte die Vorsitzende des Ältestenrates, und zwar nicht nur, weil er es auch ihr indirekt zu verdanken hatte, dass er Nikita kennengelernt hatte.
»Ja, Platz habe ich genug«, meinte Jussup jetzt, »weil es so eilig ist, habe ich den Vierspänner genommen, er steht oben am Weg. Es war die schnellste Fahrt meines Lebens, kann ich euch sagen. Lieber wären mir noch sechs Pferde gewesen, aber mein Schwager hat sich vorgestern die beiden Schimmel für eine große Hochzeit in Sardi ausgeliehen. Die einzige Tochter des berühmten Dirigenten Claudio Abbado … er kutschiert die Braut zur Zeremonie.«
»Ich wusste gar nicht, dass Abbado eine Tochter hat«, sagte Soko und wandte sich an Effel.
»Ist dir bekannt, dass die Abbados seit vielen Generationen immer Dirigenten in ihrer Familie hatten?«
»Nein ist es nicht, aber ich bin ja auch nicht so bewandert in klassischer Musik wie du und Saskia.«
»Jetzt tu aber nicht so«, lachte der Schmied und wandte sich wieder an Jussup, der inzwischen das große Wasserglas, das er ihm eingeschenkt hatte, in einem Zug geleert hatte.
»Ich bin bereit, Jussup, eine Tasche ist für solche Fälle immer gepackt.«
»Mein Überfall zu solch später Stunde tut mir leid, Soko, ich wollte deine Mutter nicht erschrecken und hier mit Getöse vorfahren«, entschuldigte sich der Angesprochene. »Wie gesagt, Effel, du kannst auch gerne mitkommen. Jelena wird sich sicher freuen, dich zu sehen. Sie ist über dein Abenteuer immer informiert gewesen. Mein Gott, wir kommen hoffentlich nicht zu spät.«
»Dann werde ich schnell ein paar Sachen packen und Sam bei meinen Eltern abgeben ... wir treffen uns bei Mira, gib mir eine halbe Stunde ... höchstens! Länger brauche ich nicht«, erwiderte Effel und im Hinausgehen rief er noch: »Vielen Dank für alles, Soko, wir reden später weiter.«
Dann war er auch schon verschwunden und Sam sprang ihm hinterher.
»Komm, Jussup«, Soko machte eine einladende Geste, »setz dich, es ist noch Brot und Käse da … und ein Schluck Wein kann jetzt auch nicht schaden, was meinst du? Nur von Wasser kann der Mensch schließlich nicht leben. Ich mache dir auch gerne einen Kaffee oder einen Tee?«
»Vielen Dank, mach dir bitte keine Mühe«, Jussup rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, die Jacke hatte er anbehalten.
»Das ist sehr freundlich, ich nehme deine Einladung an. Das Wasser genügt mir und das Brot … hm …das riecht gut und sieht sehr gut aus, sicher selbst gebacken nicht wahr?«
»Ja, Agatha hat es gebacken«, sagte Soko stolz.
»Dann bin ich so frei und nehme mir eine Scheibe.«
»Warte, ich schneide dir noch etwas von dem Bergkäse ab und nimm auch von der Butter. Du musst hier kein trockenes Brot essen. Iss du mal in Ruhe, ich gehe schnell nach draußen und schaue nach deinen Pferden. Die dürften ebenfalls durstig und hungrig sein … die Pause wird ihnen guttun. Gib uns allen eine halbe Stunde. Fühl dich bitte wie zu Hause, Jussup.«
Mit diesen Worten verließ der Schmied die Stube, griff sich einen Wassereimer, der neben dem Eingang stand, und lief zum Brunnen. Bald darauf waren Jussups Pferde trocken gerieben und mit Hafer und Wasser versorgt. Soko hatte darauf geachtet, nicht zu viel zu geben, da Jussup sie auch auf der Rückreise sicher nicht schonen würde. Nachdem er die Tiere versorgt hatte, verstaute er seine Tasche im Inneren der Kutsche. Ein paar Minuten später saßen die beiden Männer auf dem Bock, Jussup nahm die Zügel in die Hand und ließ die Pferde zunächst in einem leichten Trab den Weg nach Seringat nehmen. Soko hatte noch einen Zettel geschrieben, ihn auf den Küchentisch gelegt und zum Schluss, fast schon im Gehen, ein kleines, ungelenk gemaltes Herz hinzugefügt.
***
Kapitel 5
Chalsea Cromway hatte Nikitas MFB aufgesetzt und betrachtete kopfschüttelnd und staunend die Bilder aus der Alten Welt.
»Der sieht aber toll aus!«, rief sie auf einmal begeistert.
»Ich glaube, ich lebe in der falschen Welt«, fuhr sie dann leiser fort, weil sich einige Gäste an den Nebentischen umgedreht hatten. Dann runzelte sie die Stirn und flüsterte: »Aber ... was um Himmels willen ... hat er da bloß an?«
»Das ist ein Wollpullover. Stell dir vor, ein Pullover aus echter Schafswolle! In der Alten Welt trägt jeder Kleidung aus natürlichen Stoffen. Vieles von dem wäre wahrscheinlich nicht ganz nach deinem Geschmack, einmal davon abgesehen, dass du allergisch reagieren und dir die Haut vom Leib kratzen würdest … wie die meisten hier.«
Nach einem kleinen Moment fügte sie hinzu: »Weißt du, es war wie eine ... Zeitreise in die Vergangenheit oder in ein anderes Universum ... und doch war es fast nebenan. Außerdem habe ich einen Traum bestätigt bekommen, den ich immer wieder gehabt hatte ... noch lange bevor ich wusste, dass ich diese Reise antreten würde.«
Chalsea nahm die Brille ab.
»Einen Traum? Du hast mir nie davon erzählt.«
»Weil ich weiß, wie du dazu stehst. Aber ich hatte mehr als einmal von dem Tor in dem Tal von Angkar Wat geträumt ... und es sah wirklich genauso aus wie in meinem Traum ... einfach unglaublich! Nur Effel Eltringham ist dort nie aufgetaucht. Mir ist er in der Realität auch lieber«, lächelte sie.
»Und wie ist er so ...«, Chalsea zögerte einen Moment.
»Im Bett ... wolltest du doch fragen«, lachte Nikita. »Ich kann dich beruhigen, auch da gibt es keinen Grund zur Klage. Mehr wirst du aus mir aber nicht herausbekommen.«
»Brauchst nix mehr zu sagen«, zwinkerte Chal ihr zu, »ich kann verstehen, dass es dir schwergefallen ist zurückzukehren.«
Sie winkte den Kellner heran.
»Was darf ich den Damen bringen? Nikita, schön Sie zu sehen, ich hatte Sie schon vermisst. Mrs. Cromway hatte mir schon erzählt, dass Sie in den Südstaaten waren.«
Er lächelte freundlich.
»Für mich einen Eisbecher mit Früchten und einen Café, schwarz bitte.«
»Danke, Paul. Bringe mir bitte einen Café Crème … ach, und eine Flasche Wasser.«
Paul tippte die Bestellungen in sein Tablet und ging zum nächsten Tisch.
»Du hast ihm was erzählt? Dass ich in den Südstaaten war?«
»Was sollte ich denn machen, ich wusste doch selbst nicht mehr und er hat ständig nach dir gefragt. Ich wollte schon gar nicht mehr herkommen, richtig nervig war das.«
Dann wandte sich Chalsea wieder den Fotografien zu. Sie betrachtete eingehend eines der letzten Bilder. Effel stand mit zwei Pferden an einem Waldrand und schien zu winken. Es war eine Nahaufnahme, obwohl Nikita zu diesem Zeitpunkt schon kurz davor gewesen war, das U-Boot zu besteigen. Es war ihr letzter Blick auf Effel gewesen.
»Was ist das denn?«, fragte Chalsea plötzlich.
»Was ist was?«
»Na das hier, gar nicht weit von deinem Freund … steht da nicht jemand? Da ist doch eine Frau zu sehen! Zwar nur schemenhaft, aber … schau selbst.«
Sie reichte Nikita die Brille.
Beide schwiegen einen Moment lang, während sich Nikita das Bild eingehend betrachtete.
»Hm«, meinte sie dann, »das war mir beim ersten Mal Anschauen gar nicht aufgefallen, aber ich glaube, du hast recht. Da ist noch jemand auf dem Bild. Eine Frau, glaube ich. So sieht es aus … oder es ist der Schatten eines Baumes. Das könnte sein. Merkwürdig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass uns niemand gefolgt war. Na ja, vielleicht waren wir auch nicht so aufmerksam … kannst dir ja denken, warum.«
Nikita konnte sich gut vorstellen, dass jemand vom Rat der Welten beauftragt worden war, ihre Abreise zu überwachen, wollte dies aber im Moment nicht weiter kommentieren. Chal hatte schon genug Merkwürdigkeiten zu verdauen. Sie reichte ihr die Brille zurück.
»Machst du dir keine Sorgen?«
»Worüber?«
»Na, dass ihm etwas passiert sein könnte.«
»Er kann sehr gut auf sich aufpassen, meine Liebe.«
»Deinen Optimismus hätte ich auch gerne. Hier, du kannst deine Brille wiederhaben. Da kommen jetzt nur noch Bilder von Bushtown und deiner Rückkehr. Unsere Stadt kenne ich schon.«
Chalsea gab Nikita die Brille. Dann umarmte sie ihre beste Freundin. »Ich bin so froh, dass du wieder hier bist. Du hast mir sehr gefehlt.«
»Hey, ist dir etwa langweilig geworden? Was ist mit Pete, ist das mit euch etwa schon vorbei?«, fragte Nikita mit gerunzelter Stirn, weil es ihr merkwürdig vorgekommen war, dass Chal ihren neuen Freund, von dem sie noch vor einigen Wochen gar nicht genug hatte schwärmen können, bisher mit keinem Wort erwähnt hatte.
»Ach«, winkte Chalsea schnell ab und machte einen Schmollmund, »der hatte nur seinen Sport im Kopf, das ist mir zu wenig gewesen. Ich brauche einen Mann, der sich ab und zu um mich kümmert.«
Also ständig, behielt Nikita für sich und grinste.
Dass Chalsea Cromway gerade dabei war, sich alle romantischen Ideen über Männer abzugewöhnen, sagte sie Nikita nicht. Sie unterließ das aus zwei Gründen. Sie wollte deren Romanze nicht zerstören, und außerdem hätte sie ihr wahrscheinlich ohnehin nicht geglaubt. Schließlich war sie selbst noch bis vor Kurzem der Teil ihres Duos gewesen, der an einem Romantizismus litt, der unheilbar zu sein schien.
Sie saßen in ihrem Lieblingscafé, das in einer der mittleren Etagen des Delice lag, dort, wo die meisten Restaurants der Mall zu finden waren. Am frühen Mittag war das Frozen, auf dessen Spezialität schon sein Name hinwies, wohl wegen des schlechten Herbstwetters nicht einmal halb voll. Da die Medien bisher noch nichts berichtet hatten – das würde erst in ein paar Stunden geschehen – hatte Nikita diesen Treffpunkt gewählt.
Chalsea hatte ihr Wasser und den Kaffee bekommen.
Nikita rührte in ihrer Tasse und sah zu, wie sich die helle Creme an der Oberschicht langsam auflöste. Sie überlegte, ob sie ihrer Freundin die nächste Frage zumuten konnte. Irgendwann war sie mit dem Umrühren fertig und legte den Löffel auf der Untertasse ab.
»Glaubst du eigentlich an Reinkarnation, Chal?«
»An was soll ich glauben? An Re…in…kar…nation?«, fragte Chalsea gedehnt und mit zusammengekniffenen Augen. »Habe ich dich richtig verstanden, du meinst wirklich Wiedergeburt?«
»Ja, genau das meine ich ... also, glaubst du daran?« Spätestens jetzt sollte Chalsea wissen, dass ihre Frage ernst gemeint war.
»Nein, natürlich nicht! Das ist absoluter Humbug, das müsstest du als Wissenschaftlerin doch besser wissen. Wir sterben … und aus ist es. Haben sie dir das etwa da drüben eingetrichtert? Wie kommst du denn jetzt auf so etwas?«, fragte sie vorsichtig.
Nikita konnte ihrer Freundin gar nicht böse sein. Vor einigen Monaten hätte sie auf diese Frage ähnlich entsetzt oder mit einem flotten Spruch reagiert. Und jetzt konnte sie sich sogar an all ihre früheren Leben erinnern, wenn sie das wollte.
Sie amüsierte sich in diesem Moment innerlich über die Vorstellung, was die Nachricht, dass sie beide in einem früheren Leben sogar schon einmal Mutter und Tochter gewesen waren ... und Effel der Vater, bei Chalsea wohl auslösen würde.
»Was gibts denn da zu kichern?«
»Ich kichere doch gar nicht.«
»Doch, du kicherst ... innerlich ... ich habs genau gesehen, ich kenne dich.«
»Also gut, du hast recht, aber ich kann dir beim besten Willen nicht sagen, worüber. Du würdest mich auf der Stelle für verrückt erklären«, lachte Nikita jetzt laut.
»Wenn du so weitermachst, tue ich das auch«, lachte jetzt auch Chalsea, »hast du nicht einmal Physik und Psychologie studiert? Müsstest du nicht am besten wissen, wie diese Welt funktioniert?«
»Ja, das habe ich«, sagte Nikita und fuhr fort, »und schon da habe ich gelernt, dass man in diesem Universum nichts vernichten kann ... nur verändern. Schau mal«, sie zeigte auf das Glas Wasser, das neben ihrem Kaffee stand, »auch Wasser kann man nicht so einfach verschwinden lassen. Wenn du es kälter werden lässt, gefriert es irgendwann, und wenn du es genügend erhitzt, verdampft es. Aber in beiden Fällen ist es nicht weg ... es existiert nach wie vor, nur in einem anderen Aggregatzustand.«
»Du meinst also allen Ernstes, dass wir ... verdampfen, wenn es uns in dieser Form«, sie berührte ihren eigenen Arm, »nicht mehr gibt? ... Das ist jetzt nicht dein Ernst! Bitte sag mir, dass du das nicht so meinst.«
»Doch, so ungefähr meine ich das, nur dass der Dampf aus meinem Wasser-Beispiel unser Geist oder unsere Seele ist«, lächelte Nikita, »aber lassen wir das jetzt und freuen uns darüber, dass ich wieder hier bin … in dieser Form.«
Sie hielt es für besser, das Thema erst einmal ruhen zu lassen. Sie hatte ihrer Freundin schon genug zugemutet, indem sie sie ins Vertrauen gezogen hatte, was den Grund und das Ziel ihrer Reise anging. Sie konnte sich vorstellen, was passieren würde, wenn herauskam, dass sie Chalsea eingeweiht hatte, bevor alles von BOSST freigegeben und dann offiziell von den Medien ausgestrahlt wurde. Aber es ging nicht anders, sie brauchte jemanden ihres Vertrauens. Sie konnte das alles unmöglich für sich behalten.
Für dieses Gespräch hatten sie sich ganz bewusst ein öffentliches Café ausgesucht. Ihre eigenen Wohnungen waren Nikita zu unsicher vorgekommen. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass sie dort in jedem Fall überwacht würde. Deswegen hatten sie sich vor zwei Tagen auch auf dem Golfplatz getroffen und eine halbe Runde gespielt, wobei das Spiel deutlich in den Hintergrund getreten gewesen war. Sie waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, dass sie sicherlich drei Flights hatten durchspielen lassen und sich jede Menge Kommentare hatten anhören müssen.
»Also ehrlich, Nik, ich finde dass Freude anders aussieht. Kann es sein, dass du zwar körperlich hier bist, der Rest aber noch ganz woanders ist?«, nahm Chalsea den Faden wieder auf.» Mag sein, nein ... es ist sicher so«, erhielt sie zur Antwort, »ich weiß, dass ich dir nichts vormachen kann.«
Nikita lächelte schwach. Sie fühlte sich innerlich so zerrissen.
Hier war ihre Arbeit an einem der größten Projekte der Menschheit und dort, in der anderen Welt, waren ihr Herz und das Leben, das sie wollte. Sie hatte sich noch nie so vollkommen wohl gefühlt wie in Seringat.
Das Delice war eine der größten Malls der Stadt im unteren Teil des Donald-Crusst-Towers und Nikita bewohnte ein paar hundert Yard weiter oben, im 80. Stockwerk, ein kleines Apartment, von dem aus man einen großartigen Blick auf die Stadt hatte, sofern die Wolken einem nicht gerade die Sicht versperrten. Sie war damals so stolz gewesen, als ihr die kleine Wohnung mit all den neuesten Errungenschaften von ihrer Firma angeboten worden war und sie diese ihren Eltern zeigen konnte. Gegen ihre Studentenbude war das der reinste Luxus.
Im Crusst-Tower wohnen zu dürfen, war ein Privileg, das ansonsten nur bereits verdienten Mitarbeitern der Firma zuteil wurde. Dass sie die Wohnung bekommen hatte, hatte sie anfänglich dem Umstand zugeschrieben, dass ihr Vater Senator war. Später allerdings war ihr klar geworden, dass dies bereits ein Köder für den Auftrag gewesen war, den sie gerade so erfolgreich erledigt hatte.
Nach ihrer Rückkehr vor drei Tagen war ihr das Apartment, auf das sie einmal so stolz gewesen war, wie ein Gefängnis vorgekommen. Ein Vogel in einem Luxuskäfig, war ihr durch den Kopf gegangen, als sie es das erste Mal wieder betreten hatte.
Sie war mit großem Bahnhof empfangen worden. Professor Rhin hatte mit einem riesigen Blumenstrauß am Pier gestanden. Er hatte sie lange umarmt, eine für ihn äußerst ungewöhnliche Geste, und ihr ständig Dinge ins Ohr geschrien wie: »Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf Sie bin … Sie werden in die Geschichte der Wissenschaft eingehen!«
Sechs weitere Personen, von denen Nikita allerdings nur zwei kannte, hatten ihn begleitet. Alma, seine Sekretärin, und der Leiter der Sicherheitsabteilung von BOSST. Später hatte sie erfahren, dass es sich bei den übrigen ebenfalls um Sicherheitsleute der Firma gehandelt hatte. Ihre ganz persönlichen Bodyguards sozusagen.
Dann waren sie in einem der Firmenhelikopter direkt nach Bushtown zum Firmensitz geflogen worden. Noch während des Flugs hatte Professor Rhin einen ersten Blick in die Pläne werfen wollen. Sie konnte das verstehen, ihr wäre es im umgekehrten Fall nicht anders gegangen.
»Erstaunlich, wie gut sie erhalten sind, wirklich sehr erstaunlich«, war sein erster verblüffter Kommentar gewesen.
Er hatte Nikita die Pläne hingehalten.
»Können Sie sich erklären, warum der Text fast ausschließlich in Latein geschrieben wurde? Sagten Sie nicht, dass der Erfinder in Frankreich gelebt hatte?«
»Ja, das stimmt, bevor er hatte fliehen müssen. Ich hatte im Boot die Gelegenheit gehabt, kurz hineinzuschauen. Latein wurde damals von nur sehr wenigen Menschen verstanden, vielleicht war das der Grund.«
Sie hatte ihm noch gesagt, dass sie sich zunächst auch über den guten Zustand der Pläne gewundert hatte. Das hatte natürlich nur für den ersten Moment gegolten, an dem sie diese aus einer der Truhen der Gewölbe der Burg Gisor entnommen hatte. Später hatte sie ja dann eine Erklärung dafür bekommen.
Sie hatte allerdings bezweifelt, ob ihr Chef in dem Moment etwas damit hätte anzufangen gewusst, und so hatte sie für sich behalten, dass die Krulls dafür verantwortlich gewesen waren. Vielleicht würde sich ja später die Gelegenheit ergeben, mit ihm ausführlicher darüber zu reden. In der Empfangshalle der Firma war dann Mal Fisher, ihr oberster Boss, mit großem Begleiterstab und ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen.
»Sehr verehrte Frau Ferrer, ich heiße Sie herzlich ... zu Hause willkommen. Wir sind alle dermaßen begeistert von Ihrem Mut und Ihrem Einsatz, dass man dies in Worten kaum ausdrücken kann. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben und der Menschheit unter Einsatz Ihres Lebens einen großen Dienst erwiesen. Wir sind Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet und wir sind uns bewusst, wie ehrenvoll es ist, Sie in unseren Reihen zu haben.«
Dabei hatte er Nikitas Hand gehalten, als wolle er sie nie mehr loslassen, und ein Kamerateam der PR-Abteilung hatte alles gefilmt. Für einen kurzen Moment hatte Nikita überlegt, ob sie bei Mal Fischers Worten zu Hause nicht ein spöttisches Zucken in seinen Mundwinkeln gesehen hatte und ob sie nicht gleich einen Eimer brauchen würde, um den ganzen Schmalz auffangen zu können, der aus den Worten und Gesten ihres Chefs getroffen war. Jedenfalls hatte er es sich später nicht nehmen lassen, ihr persönlich die extra für dieses Projekt neu eingerichteten Räumlichkeiten zu präsentieren.
»Hier können Sie schalten und walten, Frau Ferrer. Sie haben alle Freiheiten, wenn Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich bitte direkt an mich. Kosten spielen da keine Rolle.




