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Was möglich ist, werden wir möglich machen, dafür verbürge ich mich. Ich möchte Sie aber jetzt nicht weiter aufhalten, Sie wollen sicher gleich an die Arbeit gehen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gespannt ich auf das Ergebnis bin. Es wird unsere Welt verändern!«
Das hatte er laut gesagt. Dann beugte er sich zu Nikita und flüsterte: »Die Medien sind im Haus. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich später für ein erstes Interview zur Verfügung stellen könnten. Wir werden mit der ganzen Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. Machen Sie sich auf einen gehörigen Rummel um Ihre Person gefasst. Sie werden als Heldin gefeiert werden.«
Er hatte gelacht und ihr auf die Schulter geklopft. Kurz darauf war er in einem der Aufzüge verschwunden und hatte eine Nikita zurückgelassen, die seine Begeisterung über den Medienrummel so gar nicht teilen konnte.
Professor Rhin war glücklich. Es hatte sich alles so gut gefügt. Nikita Ferrer war gesund und sogar sichtlich erholt aus der Alten Welt zurückgekehrt. Ausgeglichener, wie er fand ... und irgendwie strahlender. Alle Risiken hatten sich gelohnt. Jetzt besaß er einen wahren Schatz. Natürlich war ihm klar, dass er ihm nicht gehörte, nicht im üblichen Sinn des Wortes. Das Wertvolle für ihn war, dass er es sein würde, der diesen Schatz heben würde. Das Myon-Neutrino-Projekt, dieser Zauber, der die Energieprobleme für alle Zeiten lösen würde ... jetzt müsste man es nur noch realisieren. Anfangs hatte er, nach ersten flüchtigen Blicken auf die Zeichnungen, die Zahlen und die Textteile in lateinischer Sprache, auf Bögen, die in erstaunlich gutem Zustand waren, keinen Zweifel daran gehegt, dass sich die riskante Reise seiner jungen Mitarbeiterin gelohnt hatte. Noch in dem Firmenhelikopter, der sie nach Bushtown zurückgebracht hatte, hatte er seine Neugierde nicht zügeln können. So etwas hielt man nur einmal im Leben in Händen. Dass dadurch dem Unternehmen enormer Reichtum erwachsen würde, war für ihn zweitrangig.
Er kam mit seinem Gehalt bestens aus und außerdem brauchte er nicht viel. Sein Leben bestand aus seiner Arbeit.
Er hatte seiner jungen Mitarbeiterin Nikita Ferrer nach deren Ankunft zwei oder drei Tage freigeben wollen, nicht zuletzt um sich selbst zunächst in Ruhe einen genaueren Überblick verschaffen zu können. Sie sollte sich erst einmal ausruhen.
Aber sie hatte gemeint, sie hätte in dem U-Boot genügend Zeit zum Ausruhen gehabt und außerdem seien die letzten Tage wirklich alles andere als anstrengend gewesen. Genau wie auf der Hinfahrt sei sie dermaßen verwöhnt worden, dass sie sich wie eine Prinzessin vorgekommen sei, hatte sie dann noch lachend hinzugefügt. Nein, jetzt wolle sie auch möglichst schnell mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Sie würde ihre Eltern besuchen, eine Freundin treffen und nach ihrer Wohnung schauen. Danach wäre sie wieder voll einsatzbereit und selbstverständlich ebenfalls unendlich neugierig.
Natürlich hatte er nichts dagegen einzuwenden gehabt, er konnte einen klugen Kopf an seiner Seite immer gebrauchen, besonders jetzt. Vor allen Dingen war er auch an dem interessiert, was sie noch alles erlebt hatte. Die Kommunikation zwischen ihnen während Nikitas Reise war eher spärlich geblieben.
Sie hatte nur ab und zu das Nötigste gemeldet, aber ihm war inzwischen klar geworden, dass seine Mitarbeiterin wesentlich mehr erlebt hatte.
In den folgenden Stunden hatten die weiteren Sichtungen der Myon-Neutrino-Pläne noch mehr Anlass zur Hoffnung gegeben. Der ganze Aufwand schien sich gelohnt zu haben und seine anfänglichen Befürchtungen wegen des Vertragsbruches waren in den Hintergrund gerückt.
Er hatte sich mehr als einmal gefragt, warum Wissenschaftler späterer Jahrhunderte auf der Suche nach Energieressourcen ihren Forschungen über die ungeladenen kleinen Partner der geladenen Leptonen den gleichen Namen gegeben hatten. Warum kam jemand bereits ein paar hundert Jahre davor genau auf diese Bezeichnung? Hatte dieser Jemand vielleicht eine Vision gehabt und diese mit seinen Ideen, der Energiegewinnung aus dem Äther, vermischt? Unbewusst natürlich. Solche Gedanken hatte sich der Professor nicht erst auf dem Rückflug von Southport gemacht.
Für dieses Projekt, das höchste Priorität besaß, hatte man ein neues Labor mit angrenzender Halle für den Bau der Maschine zur Verfügung gestellt. Abseits seiner anderen Räumlichkeiten und noch besser gesichert. Hier hatten zunächst nur er selbst, Nikita Ferrer und natürlich Mal Fisher Zutritt. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer quadratischer Tisch, auf dem die Pläne fein säuberlich ausgebreitet von durchsichtigen Klebestreifen gehalten wurden.
»Haben Sie davon gewusst, Herr Professor?«, hatte Nikita auf einmal gefragt und dabei nicht aufgeschaut. Sie waren alleine gewesen.
»Gewusst? Was soll ich oder ... wovon soll ich gewusst haben, Nikita?«
Er hatte zu der Stelle der Zeichnungen geschaut, die Nikita offensichtlich im Auge hatte. Aber darum ging es ihr nicht.
»Dass ich eine Walk In bin und dass ich mich erinnern würde.
«Sie hatte ihn fragend angeschaut.
»Nein, das habe ich nicht«, hatte er ihr geantwortet und sich aufgerichtet. Das Gespräch drohte, in gefährliches Wasser zu driften.
»Ähm ... zunächst wusste ich es wirklich nicht.«
Und damit hatte er die Wahrheit gesagt.
»Mir war zwar bekannt, dass es so etwas geben soll ... also Menschen, die sich an ihre früheren Leben erinnern können ... aber offen gestanden ... geglaubt habe ich das nicht. Ich hatte das im Bereich Märchen oder esoterischer Spinnereien abgelegt.
Bis ich dann eines Besseren belehrt worden bin. Als ich Ihnen den Auftrag erklärt hatte, wusste ich es ... aber so richtig überzeugt war ich selbst da noch nicht.«
Er hatte gesehen, dass Nikita fragend die Stirn gerunzelt hatte.
»Sagen Sie selbst, Nikita, hätten Sie es geglaubt, wenn ich Ihnen damals gesagt hätte, dass dies der wahre Grund gewesen ist, warum Sie ausgesucht worden sind?«
»Nein«, hatte Nikita ehrlicherweise zugegeben, »ich hätte es Ihnen nicht geglaubt ... nein, sicher nicht.«
»Sehen Sie, Nikita, genau deswegen musste ich mir eine andere Strategie ausdenken ... aber alles, was ich damals gesagt habe, habe ich auch so gemeint! Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse.«
»Nein, bin ich nicht, und ich glaube Ihnen, Herr Professor ... und wissen Sie was? Ich bin Ihnen sogar dankbar, dass Sie damals die richtigen Knöpfe bei mir gedrückt haben. Sie kennen mich wirklich gut. Das, was ich in der anderen Welt erleben durfte, hat mich reicher gemacht ... unendlich reich. Ich
erzähle es Ihnen, wenn es Sie interessiert.«
Uns alle hat Ihre Reise hoffentlich reicher gemacht, hatte Professor Rhin gedacht.
»Selbstverständlich interessiert es mich, Nikita, lassen Sie uns später in der Kantine essen gehen, dann können Sie in aller Ruhe erzählen … auch, in wen Sie sich dort drüben verliebt haben.«
Nikita war rot geworden, obwohl ihr natürlich klar war, dass sie einer Koryphäe in Verhaltenspsychologie nichts vormachen konnte. Er konnte Menschen lesen wie kein anderer.
Später hatte Nikita ihre Eltern angerufen und ihnen versprochen, sie sehr bald zu besuchen. Dabei hatte sie erfahren, dass ihr Vater inzwischen über ihre Reise Bescheid wusste.
Präsident Wizeman hatte den Senat persönlich informiert.
Das war ihr nur recht gewesen und hatte ihr die einleuchtende Erklärung für das Interview, das sie bald führen sollte, geliefert.
Sie hatte sowieso nie geglaubt, dass ihr Vater ihr abgekauft hätte, sie sei in den Südstaaten gewesen, um dort bei einem internen Firmenprojekt zu helfen. Sie war noch nie gut im Lügen gewesen und ihrem Vater hatte sie noch nie etwas vormachen können.
Abends hatte sie dann endlich Zeit gehabt, ihre Eltern zu besuchen. Sie war ihnen in die Arme gefallen und Manu hatte daneben gestanden und vor Glück geweint. Dann hatten auch sie sich umarmt.
»Niki, es ist so wunderbar, dass du wieder hier bist … und wie gut du aussiehst!«, hatte Emanuela gestrahlt. »Du hast dich verliebt, nicht wahr?«
»Sieht man mir das so deutlich an?«
»Ich sehe so etwas, Nikita.«
»Ich werde dir später ein Soufflérezept geben, das mir seine Mutter zum Abschied geschenkt hat. Wenn du das kochst, wird dir mein Vater zu Füßen liegen, Manu. Erinnere mich daran.«
»Du musst uns alles haarklein berichten«, hatte ihr Vater zu ihr gesagt, als sie sich an den Tisch zum Abendessen gesetzt hatten, »du kannst dir gar nicht vorstellen, was in der Zeit deiner Abwesenheit hier alles passiert ist ... aber alles der Reihe nach. Erst bist du mal dran.«
Es war sehr spät geworden. Sie waren am Esstisch sitzen geblieben, auch nachdem Manu das Geschirr abgeräumt hatte.
Als Nikita alles erzählt hatte, war es an ihr gewesen, staunend den Schilderungen ihres Vaters zuzuhören. Nur manchmal hatte sie ihn unterbrochen.
»Will Manders hat sich dir anvertraut?«, hatte sie ungläubig gefragt. »Er wollte ebenfalls Nachforschungen anstellen? Mein Gott, wenn er sich da mal nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hat ... ich habe nach ihm gefragt, weil es mich überrascht hatte, ihn nicht im Labor anzutreffen, normalerweise wäre er der Erste gewesen, der ...«
»Und was hat man dir gesagt?«, hatte der Senator gefragt.
»Man wisse es nicht. Also, da stimmt etwas nicht.«
»Das ist nicht das Einzige, das nicht stimmt«, hatte ihr Vater ernst erwidert. »Die gesamte Mannschaft des U-Bootes, das dich rübergebracht hat, ist verunglückt. Es gibt keine Überlebenden. Ich rate dir, nicht weiter nachzufragen, Kind. Überlasse das jetzt mal deinem Vater.«
In ihrer Abteilung war sie mit großem Hallo von ihren Kollegen empfangen worden, die noch vor den Medien über den wahren Grund ihrer Reise informiert worden waren. Sie hatte sofort Will Manders vermisst, hatte es merkwürdig gefunden, dass er nicht unter den Ersten gewesen war, um sie zu begrüßen.
Sie wusste, dass Will ein besonderes Faible für sie hatte, und ihre Freundin Chal hatte ihr mehr als einmal empfohlen, ihm eine Chance zu geben. Hatte er etwa gespürt, dass sie inzwischen einen Mann getroffen hatte, der jetzt einen großen Platz in ihrem Leben einnahm? Oder war er eingeschnappt, weil man ihr für den großen Auftrag in den Südstaaten, so war die offizielle Verlautbarung gewesen, den Vorzug gegeben hatte? Nun, irgendetwas musste der Grund gewesen sein für Wills Nichterscheinen.
Als sie sich das erste Mal mit Chalsea auf dem Golfplatz getroffen hatte, hatte sie es ihrer Freundin erzählt.
»Ich wette, der ist eingeschnappt«, hatte Chal gemeint, »du weißt doch, wie ehrgeizig er ist, und er ist bestimmt enttäuscht, dass er diesen Auftrag nicht bekommen hat. Er ist doch schon viel länger im Unternehmen und in seinem Beruf scheint er ja echt gut zu sein ... hast du selbst immer gesagt.«
Dann hatte sie gekichert. »Stell dir ihn mal da drüben vor ... der hätte vielleicht Augen gemacht, wenn sie ihn geschickt hätten ... ich glaube nicht, dass er sich in der Alten Welt zurechtgefunden hätte.«
»Leise Chal, nicht dass dich jemand hört, mein Gott, ich glaube, ich bekomme noch eine Paranoia, überall wittere ich Agenten und Abhöranlagen, sogar hier in den Büschen des Golfplatzes.«
»Ja, aber stell dir Will doch mal da drüben vor«, hatte Chal nun geflüstert und immer noch leise gekichert, »ich glaube, er hätte nicht einen Tag überlebt, meinst du nicht auch?«
Sie hatte den nächsten Flight vorgelassen.
»Komm jetzt Chal, so ungeschickt ist er auch wieder nicht. Ich glaube, er ist intelligent genug, sich auf neue Situationen einzustellen. Ich denke, wir haben ihn immer ein wenig unterschätzt, weil er nur seine Karriere im Kopf hatte ... und dadurch irgendwie so lebensfremd schien.«
»Guten Tag, die Damen«, hatte einer der Spieler, ein hochgewachsener, gut aussehender Mann in rot karierten Golfhosen, herübergerufen, »im Clubhaus ist es doch viel gemütlicher für Ihre Unterhaltung, hahaha!«
»Sehr witzig, Tom«, hatte Chalsea gekontert, »konzentrieren Sie sich mal lieber auf Ihren Ball. Gleich kommt das Wasserhindernis, das Sie so lieben!«
»Blödmann«, hatte sie noch geraunt, als die Spieler außer Hörweite waren. Dann hatte sie den Gesprächsfaden wieder aufgenommen: »Ja, und Will hatte dich im Kopf ... Mensch, Nik, der ist doch zum Lachen in den Keller gegangen.«
»Mag ja sein, aber er hat für seinen Beruf gelebt ... und für seine Karriere. Weißt du was? Wenn er morgen auch nicht erscheint, rufe ich Matt an, der wird wissen wo er steckt.«
»Matt, du meinst diesen arroganten Nachrichtenfuzzi? Na, der wird dir sicher gerne Auskunft geben.«
»Warum denn nicht? Er ist sein bester Freund, Chal ... und«, jetzt hatte Nikita gelächelt, »gibt es hier nicht jemanden, der in der gleichen Branche arbeitet?«
»Ruf ihn an, ruf ihn ruhig an ... er wird nix sagen, denn wenn Will nicht möchte, dass du weißt, wo er ist oder was mit ihm los ist, wird er seinen besten Freund sicher eingeweiht haben. Der hält dicht. Da gebe ich dir Brief und Siegel.«
»Wir werden ja sehen. Und wer war das eben, dieser freundliche Herr in der karierten Hose? Irgendwoher kenne ich ihn, ich glaube, ich habe ihn einmal bei uns in der Firma gesehen. Da hatte er allerdings etwas anderes an.« Nikita grinste.
»Der? Das war Tom Glacy, Vorstand bei Sisko ESS. Die Firma, die den ICD herstellt.«
»Dass die den ICD herstellen, weiß ich. Bei der Entwicklung der Brille haben wir ja eng mit Sisko zusammengearbeitet.«
»Ich habe ihn im letzten Monat für unser neuestes Onlinemagazin fotografiert. Arrogantes Arschloch, wenn du mich fragst.«
Auch am folgenden Tag war Will nicht in der Firma erschienen und sehr seltsam wurde es dann, wie Nikita fand, als sie auch seinen Freund Matt nicht in der Redaktion erreichen konnte. Er sei in Urlaub, hatte es dort nur lapidar geheißen, und man wisse auch nicht, wo er sich aufhielte. Er habe seinen ganzen Jahresurlaub auf einmal genommen und man rechne in spätestens sechs bis acht Wochen mit seiner Rückkehr.
Inzwischen wusste Nikita mehr und sie wollte auf den Rat ihres Vaters hören, sich nicht weiter in diese Sache einzumischen.
Sie würde also keine Nachforschungen wegen Will Manders anstellen. Dafür hatte ihr Vater die besseren Kontakte.
»Komm, lass uns gehen«, schlug Chal gerade vor und riss sie damit aus ihrem Tagtraum, »ich habe im VAL ein Wahnsinnskleid gesehen, das muss ich dir zeigen. Es ist allerdings nicht aus Schafswolle, hahaha. Ich hoffe, du hast noch einen Blick für unsere Mode. Die Rechnung hier geht auf mich«, knuffte sie Nikita liebevoll in die Seite und rief den Kellner.
Sie waren gerade ein paar Schritte gegangen, als sie angesprochen wurden. Ein gut aussehender Officer, dessen Uniform ihn als Mitglied des Delice-Wachpersonals auswies, baute sich vor den beiden Frauen auf. Eine dunkle Locke fiel ihm keck in die Stirn. Die MFB hatte er locker über dem Schirm seiner Mütze sitzen.
Das wird seinem Chef nicht gefallen, dachte Nikita sofort, als sie von Richard Pease auch schon aus ihren Gedanken gerissen wurde. »Ich kenne Sie, Ma'am«, grinste er Nikita an und blickte dann verstohlen zu Chalsea, die mit einem betont gelangweilten Blick antwortete.
»So, woher denn, Officer ... Pease?«, fragte Nikita freundlich. Sie hatte das Namensschild auf seiner Brusttasche gelesen.
»Na, Sie haben mich doch damals auf Pete Johnson angesprochen ... wissen Sie noch ... den neuen Star unseres Baseballteams! Ich hatte ein Magazin in der Hand mit seinem Foto drauf und Sie haben mich angehalten und sich nach ihm erkundigt. Sie sagten noch, dass Sie ihn kennen. So was vergisst Richie nicht.«
Er deutete mit dem Finger auf Nikita und zeigte dabei ein gewinnbringendes Lächeln. Jetzt fiel ihm ein, dass sie ihm damals gar nicht ihren Namen gesagt hatte.
»Jetzt, ja sicher, ich erinnere mich ... und? Hat er Ihre Erwartungen erfüllt?«, fragte Nikita mit einem schelmischen Seitenblick auf Chalsea, die daraufhin leicht errötete.
»Erfüllt? Machen Sie Scherze? Er ist eine Granate, sag ich Ihnen. Die beste Investition der Tiger seit ewigen Zeiten ... ich könnte heute noch dem Management die Füße küssen! Und die Summe, die sie für ihn ausgegeben haben, die ja wirklich nicht von schlechten Eltern war, haben sie alleine durch Trikotverkauf in den ersten drei Monaten locker wieder reingeholt!«
Dann hielt er abrupt inne und zeigte mit dem Finger auf Chalsea.
»Mann, Mann, Mann, bin ich blind! Entschuldigen Sie vielmals Mrs. Cromway, aber Sie sehen viel hübscher aus als auf den Fotos ... deswegen habe ich Sie nicht gleich erkannt. Schade, dass Sie nicht mehr mit ihm zusammen sind ... ich habs vor ein paar Tagen gelesen ... aber sorry, das geht mich ja nichts an.«
»Ist schon gut«, meinte Chal und zupfte Nikita am Ärmel, »komm jetzt, wir müssen los ... einen guten Tag noch, Officer.«
Sie hatte keine Lust, mit einem Mann vom Sicherheitspersonal über ihren Beziehungsstatus zu reden.
»Auf Wiedersehen, Officer Pease«, rief Nikita freundlich und eilte ihrer Freundin hinterher.
»Den wünsche ich Ihnen auch, Ladys«, erwiderte Richard fröhlich, der gegen ein Wiedersehen nichts einzuwenden hatte.
Dann schaltete er die MFB ein. Er mochte dieses ungeliebte Teil nicht ... vielleicht auch einfach nur, weil der Chief befohlen hatte, sie zu tragen. Er richtete seinen Blick auf die beiden Freundinnen, die jetzt vor einem Schaufenster standen und Schuhe betrachteten. Er war neugierig und berührte einen Sensor an der Brille.
»Chalsea Chromway«, murmelte er leise und wartete ein paar Sekunden auf den Rest der Mitteilung. Fotoreporterin ... das weiß ich ja inzwischen, aber so hat sie Pete bestimmt kennengelernt ... 65. Straße 67, App. 2001 ... das ist nicht weit von hier ... die wäre doch was für unseren Richie. Und die andere? Wer ist das?
Er richtete die Kamera auf Nikita und berührte den Sensor erneut, dann noch einmal und dann, leise fluchend, ein drittes Mal. Er nahm die MFB ab und betrachtete sie kopfschüttelnd von allen Seiten.
Scheißding, wieder mal defekt, dachte er und machte sich auf den Weg zurück in sein Office, denn in einer halben Stunde würde er ohnehin seine Schicht beenden, die mit einer defekten MFB keinen Sinn machte. Er würde eine gepfefferte Schadensmeldung loslassen und nach einem schnellen Imbiss zum öffentlichen Training der Tiger gehen. Die hatten am Wochenende ein wichtiges Heimspiel und konnten seine Unterstützung sicherlich gebrauchen. Da zählte jeder Fan.
Als der Morgen graute, lag Nikita immer noch mit offenen Augen auf ihrem Bett und fand keinen Schlaf, obwohl sie hundemüde war. Die Pillen, die sie in solchen Fällen früher genommen hätte, kamen für sie nicht mehr infrage. Sie dachte an Effel und an die Menschen in Seringat, die sie so in ihr Herz geschlossen hatte. Wie gut hatte sie in seinem Haus schlafen können. Der monotone Ruf des Nachtvogels hatte sie in einen tiefen und erholsamen Schlaf begleitet. Sie würde am nächsten Morgen auch nicht von ihm oder Sam geweckt werden. Sie vermisste einfach alles.
Unter ihrem Apartment pulsierte das Nachtleben, das sich in seiner Lautstärke in nichts von der des Tages unterschied.
So weit oben kam dies lediglich als leises, ab- und anschwellendes Summen an, das sie an den Garten des Bienenfreundes Sendo erinnerte. Sie musste lächeln, als sie an den Korbmacher in Seringat dachte, der ihr so stolz seinen Garten gezeigt hatte. In diesem Moment kam ihr auch die Melodie wieder in den Sinn, die er gesummt hatte, als er mit seinen Bienen gesprochen hatte. Er hatte bei seiner Arbeit weder Netzhut noch Smoker gebraucht. Alleine sein Lied stimmte die Bienen ganz offensichtlich freundlich.
Sie war nach ihrem Treffen mit Chal – das Kleid hatte sie nicht gekauft – abends lange in der Firma geblieben. Sie wollte die Arbeiten unbedingt vorantreiben, wollte alles schnell zu Ende bringen. Nach dem Abschied von ihrer Freundin hatte sie zunächst bis in den späten Nachmittag an ihrem alten Arbeitsplatz verbracht und liegen gebliebene Dinge aufgearbeitet, bevor sie in die neuen Laborräume hinübergegangen war.
Als Professor Rhin in der Nacht alleine im Labor gewesen war, war er über etwas gestolpert, das ihm gehörig den Wind aus den Segeln genommen hatte. Er hatte Nikita erst einmal nichts davon erzählen wollen, hatte es dann aber doch getan.
Eine halbe Stunde später hatte er sie zu sich gerufen. Er hatte kopfschüttelnd und murmelnd über einem der Pläne gestanden, die fein säuberlich vor ihm auf dem Kartentisch ausgebreitet lagen.
»Herr Professor ... stimmt etwas nicht?«, hatte sie mit einem plötzlichen unguten Gefühl in der Magengegend gefragt. Ihr inneres Warnsystem war angesprungen.
»Ich weiß es noch nicht«, hatte er gemurmelt, »es ist sehr kompliziert das alles … viel komplizierter, als ich dachte. Damit meine ich nicht die lateinische Sprache, obwohl ich mich gefragt habe, warum der Entwickler die Pläne nicht in seiner Muttersprache verfasst hat. Aber ihre Erklärung hat mir eingeleuchtet.« Er hatte sich am Kinn gekratzt.
»Kann ich denn helfen?«
Sie hatte sich vor einer halben Stunde in den Nebenraum zurückgezogen und ein Modell des Myon-Neutrino-Projektes auf ihren Bildschirm projiziert. Es war ihr erster grober Entwurf, den sie nach Francis Zeichnungen angefertigt hatte. So ungefähr stellte sie sich das Endprodukt vor. Mit den Berechnungen würde sie sich später gemeinsam mit dem Professor beschäftigen. Man würde es wesentlich kleiner bauen können, als Francis es sich damals, vor vielen hundert Jahren, ausgedacht hatte, das war ihr allerdings bereits klar geworden.
Es sah aus wie ein kleiner Satellit mit einer endlos langen Nabelschnur, die bis zur Erde in einen Transformator hineinreichen würde. Dieser Transformator würde nach ihren Schätzungen mindestens die Größe des Baseball-Stadions von Bushtown haben müssen. Dort würde dann die endgültige Umwandlung der Ätherenergie in brauchbare elektrische Energie stattfinden. Tausende Male effizienter als sämtliche Solaranlagen oder Wasserkraftwerke, die in den Wüsten und Gebirgen des Kontinents installiert worden waren.
Sie hatte in sich hineingelächelt bei dem Gedanken, was Effel für Augen machen würde, wenn er eines Tages dies hier würde sehen können. Gleich darauf hatte sie diesen Gedanken allerdings wieder verworfen – er würde seine geniale Erfindung nie sehen. Es würde ihn allerdings heute auch nicht sonderlich interessieren, wie sie wusste.
»Schauen Sie bitte mal hier, Nikita«, er hatte auf einen der Pläne und dort auf eine bestimmte Stelle in den Berechnungen gezeigt.
»Ich komme hiermit nicht weiter, er hat mitten im Text ein paar merkwürdige Sätze stehen, nicht vollständig und mit einem Hinweis versehen … es ist eine Verschlüsselung, vermute ich«, hatte der Professor mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme gesagt.
Nach einer kurzen Pause war er fortgefahren: »Hier, an der entscheidenden Stelle, bei der Umwandlung der Neuronen auf der Erde ... da ist ein, ich nenne es mal, Rätselcode eingebaut. Ich weiß nicht, was das soll. Es hat damals doch überhaupt keinen Sinn gemacht. Er muss eine Vorliebe für Rätsel gehabt haben. Wenn wir das nicht lösen, können wir das ganze Projekt vergessen ... und das wäre gar nicht auszudenken, es wäre einfach tragisch! Aber das muss ich Ihnen nicht erklären. Sie haben es offensichtlich noch nicht gesehen. Schauen Sie hier.« Er zeigte auf eine Stelle in dem Originaltext.
Quis sum? Hieme e nubibus nigris leniter venio atque super ardua tecta domorum tarde cado, ut cadens asperum TEGAM …(Reliquum et aenigma in Monastère Terre Sainte quaerens invenit.)
Professor Rhin blickte Nikita fragend an. »Sie haben das noch gar nicht gelesen, stimmts?«
»Nein, das sehe ich erst jetzt. Verstehe es aber nicht.«
»Nun, hier ist die Übersetzung.«
Er nahm das oberste Blatt von seinem Stapel handschriftlicher Unterlagen.
Im Winter komme ich aus dunklen Wolken und ich falle langsam auf die steilen Dächer der Häuser, sodass ich beim Fallen den schroffen Menschen bedecke … (den Rest und die Lösung findet der Suchende im Kloster zum Heiligen Grund)
»Das heißt, dass dieser lateinische Text nicht vollständig ist und wir das Rätsel nicht lösen können, wenn wir nicht dieses Kloster finden?«




