- -
- 100%
- +
Frisch starb am 4. April 1991.
»Einer davon bin ich«
Erinnerungen an Kindheit und Jugend (1911–1932)
Familienchronik
Max Rudolf Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren. »Unser Name ist nicht schweizerischen Ursprungs. Ein Großvater [Franz Frisch, 1838–1892], der als junger Sattler einwanderte, brachte ihn aus der österreichischen Nachbarschaft; in Zürich, wo es ihm anscheinend gefiel, heiratete er [1871] eine Hiesige, Naegeli mit Namen, Tochter einfacher Leute [Maria Luise Naegeli, 1850–1899, Glätterin aus Kilchberg]. Auch der mütterliche Stamm ist vermischt; dort war es ein Urgroßvater, der von Württemberg kam, namens [Gottlieb] Wildermuth [1836 in Zürich eingebürgert, Bäcker], und schon mit seinem Sohn, meinem Großvater also, fing es an: er nannte sich Maler, trug eine erhebliche Krawatte, weit kühner als seine Zeichnungen und Gemälde5 er heiratete dann eine Baslerin namens Schulthess, die nie ganz hat vergessen können, daß ihre Familie einmal eine eigene Droschke besessen hat, und leitete die Kunstgewerbeschule unserer Stadt. … Meine Mutter [Carolina Betty Wildermuth, 1875–1966], um einmal ins Weite zu kommen, arbeitete als Kinderfräulein im zaristischen Rußland, wovon sie uns öfter erzählt hat, und mein Vater [Franz Bruno, 1871–1932] war Architekt. Als Sattlerssohn hatte er sich keine Fachschule leisten können; die Kinder sollten es einmal besser haben.«6

Max Frischs Mutter, Carolina Betty Frisch, geb. Wildermuth. Foto Max-Frisch-Archiv.

Max Frischs Vater, Franz Bruno Frisch. Foto Max-Frisch-Archiv.
Max hatte zwei Geschwister: die zwölf Jahre ältere Halbschwester Emma Elisabeth aus des Vaters erster Ehe und den acht Jahre älteren Bruder Franz Bruno. Die Beziehung zu den beiden war unterschiedlich. 1975 vermerkte Frisch verwundert: »Im vergangenen Jahr ist meine Schwester gestorben. Ich bin betroffen gewesen, wie viel ich von ihr weiß; nichts davon habe ich geschrieben.«7 Der Bruder, promovierter Chemiker, wird im Werk des öftern als Beispiel des aufrechten Schweizers geschildert und war für den kleinen Max eine wichtige Bezugsperson: »Er wußte immer mehr, war immer diesen Sprung voraus, der stimulierend ist. Große Spannungen, glaube ich, gab es nicht … Er hat ein bißchen den Vater ersetzt.«8 – »Und Franz hatte für unsere Mutter zu sorgen.«9
Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Frisch überlieferte manchen Notstand: Es fehlt der »Groschen« fürs Gas – »Der grüne Gas-Automat hat mich gelehrt: Was wir uns nicht leisten können, das kommt uns auch nicht zu.«10 Man sammelte Fallobst und Bucheckern, um Kaffee zu brauen. »Der Vater, als Architekt arbeitslos, versuchte sich als kleiner Makler. Wir hatten Kartoffeln im Keller. Auch die braunen Briketts, die ich aus dem Keller holte, reichten vorerst, wenn man nur die Wohnstube heizte. Meine Mutter, die sich dabei entsetzlich schämte als Tochter einer Familie Schulthess von Basel, stand Schmiere, wenn ich über die Zäune kletterte, um Fallobst zu sammeln. Eicheln zu sammeln im Wald machte mir mehr Spaß als der Eichel-Kaffee.« Der Vater »versteht sich nicht aufs Sparen – so müssen wir es lernen«. Als er starb, hinterließ er Schulden. Der Bruder stotterte sie ab, »um der Mutter die Schande zu ersparen«.11
Viele Schweizer Familien waren damals arm. Das war nichts Besonderes. Daß Armut als »Schande« empfunden wurde, verweist auf das geistige Klima in der Familie. Politisch dachte man konservativ. Der Vater hatte im Ersten Weltkrieg sein Auskommen als Architekt verloren und sah sich vom sozialen Abstieg bedroht. Im Generalstreik 1918 wetterte er »gegen den roten Mob, der damals auf die Straße ging, ja, sogar auf den Paradeplatz in Zürich: unbewaffnet«.12 Je drohender der eigene Abstieg, desto rigider die Abgrenzung nach unten. In Kreisen der Schweizer Baumeister galten Streiks als Aktionen von »ein paar brutalen, gewissenlosen, allen Verantwortlichkeitsgefühls barer Individuen«. Zum Generalstreik 1918 schrieb zum Beispiel die Schweizerische Arbeitgeber Zeitung, »daß wir in Zürich einen ausgewachsenen Großstadtpöbel besitzen, der nur durch Maschinengewehre und Handgranaten im Zaume zu halten ist«13 . Die Mutter, aus besserem Haus, vermittelte dem Sohn ein idealisiertes Bild des vorrevolutionären Rußland. »Rußland war für mich immer das Märchenland. Wie sie von den Wölfen erzählt hat! Wenn man krank war, durfte man das russische Album anschauen. So war Rußland: Mütterchen Rußland!«14
Die Beziehung des jungen Max zu den Eltern war ungleich. »Zum Vater eine schwache, eigentlich eine Nicht-Beziehung. Ich rede auch nie von meinem Vater. Dabei ist nicht etwa irgend etwas Fürchterliches zu überdecken. Es ist von meiner Seite eine Gefühlslücke.«15 Der Vater hatte sich wenig um den jüngsten Sohn gekümmert und war ihm auch keine Vorbildfigur.16 Stärker war die Bindung an die Mutter. Frisch hat bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr bei ihr gewohnt und für ihren Lebensunterhalt mitgesorgt. »Die Mutter war zentral. Aber ich glaube nicht, daß es eine Ödipus-Situation war.«17 – »Das Bild, das ich von meiner Mutter habe, ist eine Art Ikone«.18 Wie eine Ikone behandelte Frisch denn auch sein Leben lang ein oval gerahmtes Jugendfoto der Mutter. Er trug es von Wohnung zu Wohnung und hängte es jeweils an einen Ehrenplatz. In späteren Jahren war Caroline Frisch »eine sehr schwerfällige, dicke Frau, eine sehr gute Hausfrau, die wunderbar kochen konnte und backen, aber ein sehr einfaches Gemüt, sensibel und sehr ehrlich und konnte fabelhaft stricken.« Sie hatte offene Beine, die bestrahlt werden mußten, was teuer war und Frisch, der sie jeweils zur Therapie begleitete, viel Geld und Zeit kostete.19
Soweit die Familienchronik, wie Frisch sie überliefert hat. In seinem Bewußtsein sah Frisch sich als Sproß typisch kleinbürgerlicher Verhältnisse, Verhältnisse, an denen er litt und die ihm zugleich Fundus waren für seine Literatur.

Der einjährige Max Frisch. Foto Ph. & E. Link, Zürich. Max-Frisch-Archiv/Stiftung für die Photographie Zürich.
Kleinbürgerliche Verhältnisse
Frischs Vorfahren waren als Handwerker Kleinbürger im soziologischen Sinn. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 emigrierten viele davon in die Schweiz, wo, im Unterschied zu Deutschland und Österreich, das liberal-fortschrittliche Bürgertum gesiegt und sich eine demokratisch-föderalistische Verfassung gegeben hatte. Die Einwanderer integrierten sich in das einheimische Kleinbürgertum und strebten nach oben. Gleichzeitig waren sie besonders abstieggefährdet, denn sie besaßen weder den Sippenrückhalt der Alteingesessenen noch die ökonomische Basis des Bürgertums. Ihre Kinder erlebten stürmische Zeiten. Die Kindheit der Eltern Frischs fällt in den Wirtschaftsboom der Gründerjahre. Der rasche Aufschwung von Industrie, Handel und Banken mit den damit verbundenen Krisen und konjunkturellen Einbrüchen erschütterte das traditionell bäuerliche Sozialgefüge der Schweiz bis in die Fundamente.
Rechts vom freisinnig-liberalen Bürgertum, das in langen Jahren der Macht korrupt geworden war, wuchs eine breit gefächerte konservative Opposition. Links vom Freisinn entstand mit der Industrialisierung die sozialdemokratische Bewegung. 1890 stellte die Sozialdemokratie ihren ersten Nationalrat. Auch diese politische Polarisierung destabilisierte die Schweiz. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges drohte das Land entlang der Sprachgrenzen auseinanderzubrechen: die deutsche Schweiz stand zum Deutschen Reich, die französische zu Frankreich.
Zu den innenpolitischen Spannungen traten außenpolitische. Seit der deutschen Reichsgründung war die Schweiz ein strategisch sensibel gelegener Kleinstaat, der wirtschaftlich von den umliegenden Großmächten abhing. Sie lavierte zwischen den aggressiven Blöcken, wobei die politische Moral des öftern auf der Strecke blieb.
Umbruchzeiten sind Zeiten der Angst. Besonders für kleinbürgerliche Schichten wird die Gefahr des Absturzes ins Proletariat zum Trauma. Fleiß und Leistungswille einerseits, Existenzangst und Versagensangst anderseits, Minderwertigkeitsgefühle nach oben, auf Distanz erpichter Blick nach unten, Autoritätshörigkeit und autoritäres Gehabe, all die typischen Merkmale des gespaltenen kleinbürgerlichen Sozialcharakters werden manifest. Frisch hat sie in seiner Jugend stark empfunden und später immer wieder exemplarisch beschrieben. Er fühlte sich selber davon tief geprägt. Seine lebenslangen Existenzängste, philosophisch mit Kierkegaard und Heidegger gedeutet, dürften ebenso im Grundstrom kleinbürgerlichen Denkens und Fühlens wurzeln wie seine Körperscham, seine Sexualnot, seine »Versagensängste«, seine »Hysterie«, seine »Unsicherheit, die aggressiv macht«, sein Bedürfnis nach »Selbstbezichtigungen«, seine »krankhafte Empfindlichkeit als Kehrseite der Selbstbezichtigung, die eine Kehrseite der Selbstherrlichkeit ist«. Die Liste dieser negativen Werte, die Frisch sich in der späten Erzählung Montauk zuschrieb, ließe sich beliebig verlängern. Und wenn auch Montauk ein Kunstwerk und kein Protokoll ist, so ist diese Selbstcharakterisierung, wie Zeitzeugen bestätigen, zugleich weitgehend authentisch.20
Kindheit und Jugend
Als Max zur Welt kam, wohnte die Familie an der Heliosstraße 31 in Zürich-Hottingen, einem von kleinen Leuten bewohnten Quartier am Fuß des großbürgerlichen Zürichbergs. Max fing beim Metzger Fliegen für den Laubfrosch, bestand Mutproben in der Kanalisation, um zur Bubenbande zu gehören,21 und spielte mit den Kriegskindern aus Wien, was nicht gerne gesehen wurde.22 Er sei, berichtete Frisch, kein großer Stubenhocker und Bücherwurm gewesen. Außer Onkel Toms Hütte und Don Quichote habe er damals kaum etwas gelesen. Er träumte von einer großen Karriere; allerdings nicht als Schriftsteller, sondern als Torwart. »Was mich unersättlicher begeisterte, war Fußball.«23 Diese Körperbetonung ist mit Vorbehalt zu lesen. Frisch war klein gewachsen, rundlich, und seine schlechteste Maturanote erhielt er im Turnen. »Sobald ihm sein Körper bewußt wurde, wurde er zum Clown«, erinnerte sich Peter Bichsel.24
Auf die Fußballbegeisterung folgte diejenige für das Theater. Der Besuch einer Räuber-Aufführung habe sie ausgelöst: »Sie wirkte so, daß ich nicht begriff, wieso Menschen, Erwachsene, die genug Taschengeld haben und keine Schulaufgaben, nicht jeden Abend im Theater verbringen … Eine ziemliche Verwirrung verursachte das erste Stück, wo ich Leute in unseren alltäglichen Kleidern auf der Bühne sah; das hieß ja nicht mehr und nicht weniger, als daß man auch heutzutage Stücke schreiben könnte.«25
Dieser Text, geschrieben 1948, mag eine Selbststilisierung des inzwischen erfolgreichen Bühnenautors sein. Aber er hatte, wenn die Erinnerung stimmt, ein reales Fundament. Frisch berichtete, er habe in der Pubertät einige (verlorengegangene) Stücke geschrieben. Unter anderem eine Ehekomödie – »Ich hatte noch nie ein Mädchen geküßt!« –, eine »Farce über die Eroberung des Mondes« und ein Stück mit dem Titel Stahl. »Es spielte, nur soviel weiß ich noch, auf dem nächtlichen Dach eines Hochhauses, am Ende raucht es aus allen Fenstern der Großstadt, ein gelblicher Rauch wie aus Retorten, und der Held, nobel wie er war, hatte keinen anderen Ausweg als den Sprung in die Tiefe.«26

1919, mit seinem Bruder Franz Bruno. Foto Max-Frisch-Archiv.
Der sechzehnjährige Frisch schrieb das Stück auf einer »gemieteten Maschine droben im Estrich« und schickte es an Max Reinhard nach Berlin. Sieben Wochen später erhielt er einen »ausführlichen Bericht, den ich nicht begriff«, mitsamt »der Einladung, weitere Texte einzuschicken«.27 Als der Vater allerdings Wind von diesen literarischen Ambitionen bekam, mißbilligte er sie entschieden.28 Man darf diese Episode trotz der Empörung des jungen Max nicht zu schwer gewichten; welcher pubertierende Sohn fühlt sich nicht gekränkt, wenn der Vater die Bedeutung erster poetischer Ergüsse verkennt. Die Geschichte verweist jedoch auf Grundsätzliches. Im puritanisch-zwinglianischen Zürich hatte die Verachtung der Künste, insbesondere des Theaters, eine alte Tradition. Dem Ideal des strebsamen, frommen Bürgers, auf dessen Erfolg Gottes Segen ruhte, widersprach das anrüchige Tun der Komödianten. Bürgertugend und Theater schlossen sich aus. Frisch brauchte Jahrzehnte, um sich aus dieser Prägung zu lösen. Zerrissen zwischen Künstlerehrgeiz und Bürgersehnsucht und immer wieder heimgesucht von der Verzweiflung, sowohl als Künstler wie als Bürger zu versagen, fand er erst als reifer Mann ein selbstsicheres Verhältnis zu beiden Polen seiner Existenz. Wir werden seine Biographie bis in die Mitte der fünfziger Jahre immer wieder unter diesem Aspekt zu betrachten haben.
Drei Jahre vor dieser Stahl-Episode war Max ins kantonale Realgymnasium am Zürichberg eingetreten. Hier lernte er Werner Coninx, seinen wichtigsten Jugendfreund, kennen. Coninx war der Sohn einer sehr wohlhabenden Bürgerfamilie, die u.a. einen großen Verlag und die Zeitung Tages-Anzeiger besitzt. Werner und Max wanderten gemeinsam durchs Engadin, spielten Tennis, fuhren Ski – beides Upperclass-Sportarten zu jener Zeit. Werner öffnete Max auch geistige Welten; er kannte sich in Musik, Philosophie und Literatur aus. Doch nicht die künstlerische und geistige Avantgarde faszinierte ihn, Links-Hegelianer, Phänomenologen, Neutöner oder Surrealisten standen ihm fern. Coninx befaßte sich mit den Geistern, die im kultivierten Bürgertum damals bereits anerkannt waren, mit Spengler, Nietzsche, Schopenhauer, Bruckner, Mozart, Bach, mit Caspar David Friedrich, Corot, später mit Picasso und mit Hans Carossa, Gide, Strindberg.
Jahrzehnte später erlosch die Freundschaft ohne eigentlichen Bruch. Frischs Literatur verstörte und verärgerte Coninx. In Montauk erinnerte sich Frisch des Jugendfreunds über volle vierzehn Seiten: »Seine breiten Schultern; er ist sehr groß … In der Klasse war er immer der erste; kein Streber, er war intelligenter als die andern … Nach der Schule begleitete ich ihn nach Hause … Seine Eltern waren sehr reich. Das schien ihm aber unwichtig, kein Grund für Selbstbewußtsein … alles Oberflächliche war ihm zuwider. Er war ein philosophisches Temperament; ich staunte, was sein Hirn alles denken kann. Auch war er sehr musikalisch, was ich nicht bin … Ich schrieb für Zeitungen und war stolz, wenn die kleinen Sachen gedruckt wurden; mein Geltungsdrang, glaube ich, war das erste, was ihn an mir enttäuschte. Ich mußte Geld verdienen, das verstand er, doch was ich schrieb, das war ihm peinlich … Auch sein Urteil über bildende Kunst war ungewöhnlich, nicht bloß angelesen, es entsprang seiner eigenen Sensibilität. Ich träumte von W. Wenn ich ihn besuchte, kam das Dienstmädchen an die Türe, ließ mich höflich in der Halle warten, bis sie oben gefragt hatte, und dann hatte ich natürlich den Eindruck, daß ich störe, auch wenn W. mich nicht abwies … Er war ein herzlicher Freund, mein einziger Freund damals … Es gab nur eine Sache, für die ich nie dankbar war: seine Anzüge, die für mich eine Nummer zu groß waren. Meine Mutter konnte zwar die Ärmel kürzen, die Hosen auch, trotzdem paßten sie mir nicht. Ich trug sie halt, um W. nicht zu kränken … Es verdroß mich nicht, wenn er plötzlich mitten in einem Gespräch, seine Jacke wiedererkannte und feststellte, daß die englischen Stoffe sich eben tadellos halten … Ich litt nicht unter seiner Überlegenheit, solange wir unter vier Augen waren; sie war selbstverständlich … Was ohne W. aus mir geworden wäre, das ist schwer zu sagen. Vielleicht hätte ich mir mehr zugetraut, vermutlich zuviel … Ich begriff, daß W. meine Bücher nicht lesen konnte. Er hatte ein anderes Maß, dem ich nicht gewachsen sein konnte.«29 Abschließend urteilte Frisch: »Ich meine, daß die Freundschaft mit W. für mich ein fundamentales Unheil gewesen ist und daß W. nichts dafür kann. Hätte ich mich ihm weniger unterworfen, es wäre ergiebiger gewesen, auch für ihn«.30
Frisch schrieb diese Erinnerung als fünfundsechzigjähriger Mann, der inzwischen weltberühmt und ebenfalls wohlhabend geworden war. Dennoch spricht aus dem Text, durch alle ironischen Brechungen hindurch, noch immer die Faszination des sozialen Aufsteigers. Nicht nur die Anzüge, der ganze gesellschaftliche Habitus waren dem Kleinbürgersproß um Nummern zu groß. Die Perspektive – steil von unten nach oben – besagt mehr als die einzelne Aussage.31 Sie ist, bis weit in die vierziger Jahre hinein, Frischs Optik auf die bürgerliche Gesellschaft.
Ein einziger Satz verweist auf die politische Gesinnung des Freundes: »Er war gegen Hitler, aber auch skeptisch gegenüber einer Demokratie, wo jede Stimme gleich viel wiege.«32 Der Satz ist diskret, aber vielsagend, liest man ihn vor dem Hintergrund der antidemokratischen Bewegung, welche die bürgerlich-intellektuelle Schweiz der zwanziger und dreißiger Jahre erfaßt hatte. Einer der Großen in Sachen Elitedenken, Korporationsgeist und Wiederbelebung des Ancien régime, der Freiburger Publizist und Militärberater Gonzague de Reynold, formulierte bereits 1905 in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), dem späteren Hausblatt Frischs, das politische Credo der bürgerlichen Rechten, zu der auch Coninx zählte: »Die Demokratie hat ihre Versprechen nicht gehalten, ja sie konnte sie nicht halten. Sie ist in ihrem Ursprung selber, in der Französischen Revolution, ein Mißwuchs. Die künstliche Gleichheit, im Widerspruch zu den Erfordernissen und Regeln des Lebens selbst, mußte notwendigerweise zur Tyrannei der Zahl, zur Herrschaft der Mittelmäßigen, zur brutalen Zentralisation und zum Etatismus führen. Da die Demokratie aus Prinzip keine Superiorität anerkennen kann, ist sie allein dadurch die Gegnerin jeder Elite: sowohl der intellektuellen wie der moralischen Elite …«33
Student und Dichter
1930 beendete Frisch das Gymnasium mit der Matura. »Es ist der Ehrgeiz von Vater und Mutter, daß wir Akademiker werden, Studium nach eigener Wahl. So werde ich Student der Germanistik.«34 Im Wintersemester 1931/32 immatrikulierte er sich an der Universität Zürich. Er fand dort bemerkenswerte Lehrer. Unter anderem hörte er Psychologie bei Carl Gustav Jung, Kunstgeschichte bei Heinrich Wölfflin, deutsche Literatur bei Emil Ermatinger und Robert Faesi. Jung war der nationalsozialistischen Ideologie und dem antidemokratischen Elitedenken der Zeit in manchen Überzeugungen nicht abgeneigt, Wölfflin, der Schüler und Nachfolger des konservativen Jakob Burckhardt, galt als einer der besten und anregendsten Kulturdenker der Zeit – auch er war kein Demokrat. Ermatinger vertrat ständestaatliche Ideen und war Mitunterzeichner eines Huldigungstelegramms an Adolf Hitler anläßlich der Jubiläumsfeier der Goethe-Gesellschaft 1935. Frisch mochte ihn nicht sehr. Dafür schätzte er Robert Faesi, den »liebenswürdigen Professor«35 mit den weitreichenden Beziehungen zu den literarischen Größen der Zeit. Dieser elegante Professor war zugleich ein anerkannter Schriftsteller. Seine Novelle Füsilier Wipf wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg als großes Epos der geistigen Landesverteidigung verfilmt. Faesi war Frischs besonderer Förderer. Politisch stand er der antidemokratischen Rechten um Otto von Greyerz, Philippe Godet und Gonzague de Reynold nahe. Letzterer war nicht nur sein geistiger Anreger, sondern auch sein militärischer Vorgesetzter. Faesi empfahl den jungen Frisch an die Deutsche Verlags-Anstalt und an Eduard Korrodi, den Feuilletonchef der liberal-konservativen NZZ. Dieser wurde für Jahrzehnte Frischs literarischer Mentor.
Korrodi galt in der Zwischenkriegszeit als Zürcher Literaturpapst. Im Feuilleton der NZZ erließ er seine Enzykliken. Er förderte ebenso großzügig junge Talente, wie er nach eigener Laune und Gutdünken in deren Texte eingriff. »Ein ebenso kluger wie launenhafter Mensch«, urteilte Frisch. Politische Dichtung war ihm nicht anders als den meisten seiner Universitätskollegen ein Greuel. Dichtung hatte sich am Schönen, Erhabenen und Idealen zu orientieren. Die aus politischen oder »rassischen« Gründen emigrierten Literaten waren ihm suspekt. Ende Januar 1936 schoß er eine Breitseite gegen diese »Linksemigranten und Juden« in der Schweiz. Am 2. Februar antwortete ihm Thomas Mann in einem offenen Brief, worauf Korrodi eine waschechte Intrige gegen den in Zürich im Exil lebenden Schriftsteller anzettelte.36
An der Zürcher Universität freundete sich Frisch mit dem drei Jahre älteren Emil Staiger an. Auch Staiger, Schüler von Ermatinger, bis 1934 aktives Mitglied der profaschistischen »Nationalen Front«,37 Antisemit und ab 1943 Professor für deutsche Sprache und Literatur, bekämpfte als konservativer Hermeneutiker jede Art politisch engagierter Literatur. Die Freundschaft mit Frisch, die zeitweilig sehr eng war, ging erst 1966, beim spektakulären Zürcher Literaturstreit, in Brüche. Ein zeitkritisches Bewußtsein dürfte hingegen in den Lehrveranstaltungen von Walter Muschg geherrscht haben. Dieser legendäre Literaturprofessor von Basel, Halbbruder des späteren Frisch-Freundes und Schriftstellerkollegen Adolf Muschg, war zu jener Zeit allerdings erst Privatdozent in Zürich. Frisch besuchte seine Veranstaltungen mit Begeisterung.
Im großen und ganzen fand er an der Universität also Lehrer von solider fachlicher Qualität und konservativer bis reaktionärer Gesinnung. Zu den linksoppositionellen Schriftstellern um Rudolf Jakob Humm, die im »Rabenhaus« zusammenkamen und freundschaftlichen Umgang mit den Emigranten pflegten, hatte er keinen Zugang. Er begann seine literarische Karriere als überzeugter bürgerlicher und apolitischer Dichter. Und konservative Kreise förderten und bewunderten ihn.
Das Studium mißfiel Frisch. Die Welt in den Zürcher Hörsälen war ihm zu blaß, zu eng. Frisch wollte Dichter werden, nicht Schriftgelehrter. Dichten hieß für ihn: ausbrechen aus den Alltagszwängen und eintauchen in eine außergewöhnliche Welt tiefer Erlebnisse und intuitiver Selbstverwirklichung. Nicht der poeta doctus, sondern der geniale Vagant, der hinter die Horizonte blickt, war sein Vorbild (siehe Jürg Reinhart). Die Spannung zwischen Bürgerwelt und Künstlerwelt, zwischen bürgerlichem Normalmaß und schöpferischer Einmaligkeit wird für Jahrzehnte ein Grundzug in Frischs Schaffen. Er hat sie nicht nur in vielen Variationen beschrieben, er hat sie auch zu leben versucht.
Bevor sich Frisch jedoch als Dichter vorstellte, veröffentlichte er journalistische Texte. Der erste davon trug den Titel Mimische Partitur und erschien am 27. Mai 1931 in der Neuen Zürcher Zeitung. Frisch hatte ihn unaufgefordert eingeschickt. Sein Erscheinen überraschte ihn. »Das war tatsächlich enorm. Daß das wirklich Wort für Wort da war. Dann noch der Name gedruckt!«38 Mimische Partitur rezensierte eine Theaterkunst-Ausstellung, an der eine »mimische Partitur«, das heißt eine Notation für das schauspielerische Mienenspiel vorgestellt wurde. Frisch verwarf die Idee in Bausch und Bogen. Mimik sei die natürliche Folge seelischer Erlebnisse, daher könne eine mimische Nachahmung allenfalls eine »gymnastische« Mimik sein, Gesichtsgymnastik, statt Spiegel der Seele.
Frischs Argumentation ist konventionell. Auffällig ist nur die Arroganz, mit welcher der Zwanzigjährige ein Urteil über einen Vorgang fällte, den er damals überhaupt noch nicht kannte: über den unendlich komplexen Prozeß der Entstehung von künstlerischem Ausdruck auf Theaterproben.39 Volker Hage attestierte dem jungen Frisch »Mut zur eigenen Meinung«. Frisch selbst sah seine Anfänge kritischer. »Rezensionen, die ich als Student geschrieben habe, kann ich heute nicht ansehen, ohne zu erröten. Wobei es weniger Unkenntnis ist, was beschämt, sondern der Ton ganz allgemein, der sich für witzig hält, eine Mischung aus Dreistheit und Herablassung, und dabei, weiß ich, war ich voll von Minderwertigkeitsangst.«40 Als Grundfehler seiner frühen journalistischen Texte diagnostizierte er, »daß ich den Journalismus nicht als Journalismus betrieben habe, sondern als schlechte Literatur, was ja nicht Journalismus ist«.41




