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In der Bäckerei erhalte ich eine Lektion fürs Leben.
»Wenn Sie wollen, dass Brot und Backwaren knusprig und frisch bleiben«, erklärt der Bäcker, »dürfen Sie sie nie in den Kühlschrank tun. Dort werden sie weich und geschmacklos. Tun Sie sie lieber ins Gefrierfach, solange sie frisch sind. Wenn Sie sie brauchen, werden Sie merken, dass sie schnell wieder aufgetaut und dann so frisch sind wie am Tag, an dem sie gebacken wurden.«
Woolworth, ein »Five-and-Dime«-Geschäft, in dem man so gut wie alles bekommt – vom Schnürsenkel bis zum Handkarren – und kleine Artikel nur einen Nickel, also fünf Cents, oder einen Dime, also zehn Cents, kosten, ist das Mekka der Neuankömmlinge. Wir kaufen einen Kamm, Nähgarn, Nadeln, Wolle zum Stricken, Zahnpasta, Schuhcreme, einen Handspiegel sowie ein kleines Näh-Set, das wir Tante Celia schenken wollen.
Beim Verlassen des Woolworth-Geschäfts erhält unsere gute Laune einen herben Rückschlag: Der Einkaufswagen, den wir draußen stehen gelassen haben und in dem all unsere Einkäufe waren, ist verschwunden! Wie ist das möglich? Vielleicht haben wir ihn im nächsten Hauseingang abgestellt. Dort ist er auch nicht. Vielleicht hat ihn jemand ins Geschäft gebracht. Wir laufen zum Filialleiter, um dort nachzufragen.
»Wo haben Sie den Einkaufswagen gelassen?«, fragt der Filialleiter ungläubig. »Vor dem Geschäft? Auf der Straße? Was haben Sie denn erwartet?«
Was wir erwartet haben? Na ja – ihn dort vorzufinden, wo er abgestellt wurde. Nicht erwartet haben wir, dass es in diesem reichen, offenherzigen Land gemeine Diebe gibt.
Aber anstatt sich am Abend über den Verlust aufzuregen, verwandelt Tante Celia die Niederlage mit ihrem Stegreif-Humor in eine Farce – und mildert damit unsere Zerknirschung.
»Darf ich vorstellen? Meine Familie aus Timbuktu!«, prustet sie los, als sie unsere traurige Geschichte hört. »Dies ist Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – auch für unfähige Diebe. Das habt ihr heute bewiesen. Ihr habt ein paar amateurhafte Diebe sehr glücklich gemacht!«
»Als Neuankömmling gibt es viel zu lernen«, sagt Onkel Martin versöhnlich. »Ihr habt soeben eure erste Lektion erhalten: Niemals die eigenen Sachen unbeaufsichtigt lassen, nicht einmal für eine Sekunde. Es tut mir leid, dass ihr das in dieser Form lernen musstet, aber betrachtet es einfach als Kursgebühr.«
Alle Nachbarn, die von unserem Erlebnis hören, zeigen genau wie mein Onkel Mitgefühl und geben uns denselben Rat wie er. Ein paar Hausbewohner sind erst vor kurzem eingewandert und versuchen uns zu trösten. Sie versichern uns, dass wir bald genug Geld verdienen, um den Schaden zu begleichen, und die Sache irgendwann vielleicht ganz vergessen.
»Bald denken Sie gar nicht mehr daran«, prophezeit ein Nachbar.
»Aber vergessen Sie nicht die Lektion, die Sie gelernt haben«, ergänzt ein anderer.
Für mich gibt es noch eine zweite Lektion, wobei die nichts mit materiellem Verlust zu tun hat. Hier geht es eher um den Verlust von Vertrauen – um einen Rückschlag, der tief in mir eine bestimmte Saite zum Schwingen bringt. Ich hatte nicht damit gerechnet, in Amerika betrogen zu werden, noch dazu in der Stadt aus Papas Träumen.
Vor dem Beginn der Pessach-Woche ruft Alex an, um uns schöne Feiertage zu wünschen. Seine Stimme mit der ihr eigenen Wärme sorgt dafür, dass ich mich wieder besser fühle.
Pessach ist eigentlich ein fröhliches Fest. Tante Celias Wohnung ist blitzblank, und der Esstisch strahlt mit einem neu gekauften Edelstahlbesteck und weißem Melamingeschirr. Von ihren Silbersachen ist nur der alte Kandelaber »noch von daheim«, ausgegraben aus dem Kellerboden, wo er während der Nazi-Zeit versteckt lag.
Der Tisch ist für sieben Personen gedeckt. Zwei Gäste gesellen sich am Seder-Abend zu Onkel Martin, Tante Celia, Mutter, Bubi und mir, nämlich Margit Fried und Miklos Benedict, zwei einsame Überlebende. Margit, Celias »Lager-Schwester«, und Miklos, ein Nachbar von »daheim«, kennen sich noch nicht, und meine Tante hat die beiden mit geheimen Absichten eingeladen.
»Zieh dein marineblaues Seidenkleid an«, rät sie Margit. Das mit dem weißen Kragen. Das steht dir extrem gut. Miklos ist zu haben – und er mag gutaussehende Frauen.«
Margit, deren Mann und Sohn auf verschiedenen Schlachtfeldern ums Leben kamen, hat das blaue Seidenkleid an und ein höfliches, schüchternes Lächeln im Gesicht, als sie über den Tisch hinweg zu Miklos sieht, dessen Frau und drei Kinder in der Gaskammer von Auschwitz erstickt sind und der, tipptopp herausgeputzt mit blütenweißem Hemd und karierter Krawatte, etwas ungeschickt mit seinem Besteck hantiert.
Wir alle tragen unsere schönsten Sachen, und die Männer sehen geradezu blendend aus in ihren neuen, weißen Hemden, die Mutter als Beitrag zu den Festtagsvorbereitungen auf einer geliehenen Singer-Maschine genäht hat. Mein Herz ist wie eines dieser neuen Kristallgläser, die bis obenhin mit perlend-rotem Tokajerwein gefüllt sind. Glücklich betrachte ich meinen Bruder, den ich so viele Jahre nicht gesehen habe. Stolz lausche ich seinem gelehrten Vortrag der Haggada, also der Pessach-Erzählung, und voller Dankbarkeit denke ich an die noch zarte, junge Freundschaft mit Alex. Wie schön es wäre, wenn er heute bei uns sein könnte!
Der herrliche Geruch von Hühnersuppe dringt vermischt mit dem Duft des Truthahnbratens aus der Küche zu uns herein. Tante Celia ist eine hervorragende Köchin, und in freudiger Erwartung eines Essens an ihrem Tisch singt unsere kleine Runde die Lieder der Pessach-Haggada mit besonderer Inbrunst.
Der Seder-Abend ist ein bittersüßes Ereignis. Wie feiern unsere Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei und denken gleichzeitig an unsere jüngste Sklaverei in Deutschland. Wir singen lauthals von den Wundern, die uns am Roten Meer und in der Wüste Sinai gerettet haben, und beweinen schweigend unsere schmerzhaften Verluste in Auschwitz, Dachau und den über ganz Europa verteilten Arbeitslagern. Als Margit und Miklos sich über den Tisch hinweg ansehen, kann ich erkennen, wie sich in der Wiederspiegelung der beidseitigen Trauer ein gemeinsamer Funke bildet. Und mein Herz klopft aus Dankbarkeit für das Wunder des Überlebens. Für das Wunder des Lebens.
Unser erster Seder-Abend in Amerika – er ist definitiv ein fröhliches Fest.
Er ist definitiv ein gutes Omen.
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