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Ketil Bjørnstad
Die achtziger Jahre
Roman
Aus dem Norwegischen von
Andreas Brunstermann, Gabriele Haefs,
Kerstin Reimers
und Nils Hinnerk Schulz

Titel der norwegischen Originalausgabe:
VERDEN SOM VAR MIN.
Band III. Ảttitallet
© Ketil Bjørnstad
First published by H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS, 2017
Published in agreement with Oslo Literary Agency.
Die Arbeit der Übersetzer/Übersetzerinnen wurde im Rahmen des
Programms »NEUSTART KULTUR« aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Der Verlag dankt NORLA, Norwegian Literature Abroad, für die großzügige Förderung der Übersetzung.

Erste Auflage 2022
© Osburg Verlag Hamburg 2022
www.osburgverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Ulrich Steinmetzger, Halle (Saale)
Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
ISBN 978-3-95510-273-9
eISBN 978-3-95510-282-1
Inhalt
1980
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
1981
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
1982
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
1983
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
1984
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
1985
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
1986
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
1987
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
1988
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
1989
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Zitatnachweis
1980
1.
Er sitzt in dem kleinen Arbeitszimmer im ersten Stock am Arbeitstisch vor der Schreibmaschine und starrt über die Baumwipfel. Das Meer liegt blaugrau auf der Außenseite der Insel. Ein Dienstag im Januar. Der Schnee auf dem Boden wird unter den schweren Wolken dunkel. Obwohl er erst am Vortag über Bäume, Felskuppen und Ackerflächen gefallen ist, wirkt er bereits schmutzig. Zwischen dem Nachbarhaus und dem Haus, in dem er zusammen mit der Anderen wohnt, entdeckt er einen riesigen zerzausten Brocken von rotem Kater. Das ist Adonis, der Schrecken von Sandøya, das Herzenskind von Hans Petter auf Hauketangen. Nun weiß er, dass die Nachbarskatze Kajsa läufig ist. Er sieht sie aus einem Spalt unter dem Haus von Tore und dessen Freundin hervorkommen. Die schwarzweiße Katze wird jetzt alt, sie wittert in allen Gerüchen, die der Wind mit sich bringt, fährt zusammen beim Anblick ihres langjährigen Liebhabers, mit dem sie mehrere Kinder hat. Er ist gerührt vom erschöpften Zug in ihrem Gesicht.
Er öffnet das Fenster, denkt, er könne irgendetwas hinauswerfen, wenn es da unten auf dem Hof zu einer gar zu argen Rauferei käme. Adonis und Kajsa knurren beide warnend, starren zur Seite, als seien sie mit etwas ganz anderem beschäftigt als dem Gegenüber. Aber die Zeit ist knapp. Jetzt kann er das Geheul aller anderen Kater hören, die zwischen Sträuchern und Unterholz hervorkommen und die Adonis bisher in respektvoller Nähe gefolgt sind. Bewahre, das sind wirklich viele. Ganz vorn sieht er Movitz, den Kater aus seinem eigenen Haus, schon seit Jahren sein Bettgesell, seit das Tier den großen Sprung von der Kiefer auf den Schlafzimmerbalkon gelernt hat. Ein Krach, jede einzelne Nacht, in der Regel genau dann, wenn er sich in den tiefsten Träumen aufhielt. Im Laufe der Zeit ist es fast zu einem lieben Ritual geworden. Im Halbschlaf aufstehen, die Balkontür öffnen und den Kater hereinlassen, die Pfoten spüren, die die Decke plattdrücken, sowie er sich wieder hingelegt hat. Movitz, der auf seinem Bauch herumtritt und dabei vor Freude schnurrt, ehe er sich mitten ins Bett legt und sich die Spuren der nächtlichen Eskapaden ableckt.
Er an seiner Schreibmaschine schafft es nicht, weiterzuschreiben. Er muss beobachten, was draußen passiert. Movitz ist wie immer hinter Adonis Nummer 2 in der Warteschlange. Aber während Movitz sich bisher in respektvoller Distanz gehalten hat, bohrt er diesmal seine Nase fast in den Schritt des furchterregenden Rivalen. Hinter Movitz steht der lächerliche Kater von Sannasvingen, der immer anfängt zu humpeln, wenn er merkt, dass er von Menschen beobachtet wird. Und hinter ihm kommt ein seltsamer Bursche, der von Østergården oder aus der Nähe stammen muss. Ein gerissener Knabe mit Schildpattmuster. Er ist so geil, dass er sich auf dem Boden wälzt. Es gehören noch drei weitere Kater zu diesem brünstigen Aufzug, aber das sind Verlierer oder Stümper, die hier bestenfalls den einen oder anderen Trick lernen können. In seiner Vorstellung war Adonis lange Zeit Sonny Liston, und Movitz war Floyd Patterson. Keiner von ihnen besitzt die Leichtigkeit Muhammad Alis. Diejenigen, die sich allen Ernstes eine Chance einräumen, es mit Kajsa zu treiben, sind bereit, sich gegenseitig die Eier abzubeißen. Und nun wird das Signal gegeben! Adonis hat es geschafft, Blickkontakt zu Kajsa aufzunehmen, aber just in dem Moment, als er sich aufbläst und einen schrillen Schrei ausstößt, springt Movitz von hinten auf ihn. Die beiden Körper verwandeln sich in einen knurrenden Ball, der den Hang hinab auf Tores Schreinerei zurollt. Sofort wittert der Hinkefuß Morgenluft und macht sich ohne Zögern über Kajsa her. Doch die erfahrene Katze windet sich aus seinem Griff und schlägt ihm die Krallen in die Visage. Der kleine Schurke jagt auf den Wald zu. Jetzt versucht der gerissene Knabe von Østergården sein Glück, aber Kajsa bleibt einfach ruhig sitzen und ignoriert ihn, wendet den Kopf den beiden zu, die unten vor der Schreinerei auf Leben und Tod kämpfen. Er, der an seiner Schreibmaschine sitzt und zuschaut, denkt voller Entsetzen an Movitzens bereits zerfressenen Kopf, an Wunden aus früheren Kämpfen, die nicht ganz verheilen wollen. Er war noch kein Jahr alt, als er von einem Fuchs gebissen wurde. Die Wunde begann zu eitern, und nach einigen Tagen fiel Movitz auf einer Seite das Fell aus. Dennoch stand er an der Tür, quengelte und wollte los zu neuen Abenteuern. Später bohrten sich die Krallen anderer Kater in seine Stirn, er hatte tiefe Bisswunden im Schritt. Er schien sich aus allem nichts zu machen. Als ob er den beiden Menschen im Haus an jedem einzelnen Tag dafür dankte, dass er nicht kastriert worden war.
Die Kater sind jetzt unter der Schreinerei verschwunden. Nun ertönt ein so herzzerreißendes Geheul, dass ein Mensch eingreifen muss. Er springt auf, stürzt die Treppe hinunter und hinaus auf den Hof. Dort sieht er Adonis, der in gestrecktem Galopp auf die Straße zujagt. Movitz bleibt verwirrt zurück und wirft seinem Futtermeister einen unschlüssigen Blick zu. Dann scheint der Kater begriffen zu haben, dass er gewonnen hat. Dass er jetzt die Nummer 1 ist. Mit ruhigen Schritten, aber mit einem vor Brunst bebenden Körper geht Movitz langsam den Hang hoch auf die eigene Mutter zu. Sie hat sich auf dem Weg zwischen den beiden Häusern in den Schnee gelegt. Sie erwartet ihren Sohn.
Der Diener des Katers zieht sich langsam zu seiner Haustür zurück. Wieder rieseln große Schneeflocken zu Boden. Bald werden auch die Taten und Untaten dieses Tages vergessen und verborgen sein.
Er bleibt auf der Treppe zum Arbeitszimmer stehen. Das war also die Welt der Katzen. In der Welt der Menschen ging es oft noch brutaler zu. Für Einzelne spielte es nicht einmal eine Rolle, ob das Gegenüber beim Sex lebendig oder tot war. Selbst mit einer Leiche zu vögeln, konnte seinen Zweck erfüllen.
2.
In seiner allerersten Erinnerung steht er auf der Treppe zu Hause im Melumvei, gleich vor der Haustür. Später wird er denken, dass das in den ersten Monaten des Jahres 1955 gewesen sein muss.
Es ist Frühling.
Er erinnert sich an Staub, an die letzten Schneereste. Er erinnert sich daran, dass er zu sich selbst gesagt hat: Jetzt bin ich drei Jahre alt.
Er erinnert sich an den Zaun und das rote Haus auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich an die Angst vor den beiden Jungen, die dort wohnten, und vor deren schwarzem Hund. Aber vor allem erinnert er sich an das Loch in der Treppe daheim. Es war so groß, dass ein Erwachsener eine Faust hineinstecken konnte. Er konnte mit beiden Füßen hineintreten, wenn er die Schuhe auszog.
Es war so erschreckend groß.
Wie war das Loch entstanden?
Er wagte nie, seine Eltern danach zu fragen. War es ein Meteorit gewesen? Eine Atombombe? Ein vom Himmel gestürzter Engel? Oder hatten sich die Eltern gestritten und Vater oder Mutter hatte mit dem Fuß aufgestampft, wieder und wieder, in gewaltigem Zorn?
Oder war er es selbst gewesen?
Dieser letzte Gedanke ist der erschreckendste. Das Gefühl, dass mit ihm vielleicht etwas Schwerwiegendes nicht stimmt, dass Gott ein Zeichen auf die Treppe vor der Haustür gesetzt hat, damit ER in alle Ewigkeit daran denkt, dass hier einer wohnte, mit dem etwas ganz und gar nicht stimmte.
Bis ihm dieser Gedanke gekommen war, hatte er sich des Lebens freuen können, ehe er groß genug wurde, um sich sagen zu können, er sei jetzt drei Jahre alt, er müsse versuchen, sich für den Rest seines Lebens an diesen Augenblick zu erinnern.
Jetzt, da der letzte Gedanke gedacht ist, hofft er, diesen Augenblick vergessen zu können. Der Wind in den Bäumen, der Gesang der Vögel, das Hupen eines Autos in der Ferne. Die Straßenbahn nach Lijordet, die an der Haltestelle Røa vorfährt.
Sich liebevoll zu erinnern. An alle, die da waren. Die ganze Zeit. Die versuchten, sich um mich zu kümmern. Die tiefe Dankbarkeit. Dafür, dass ich wirklich die Möglichkeit erhielt, dieses Leben zu leben. Aber die Erinnerung hat ihre eigene Dramaturgie. Wir erinnern uns an das, woran wir uns erinnern wollen. Das, was wir vermissen, und das, was wir nicht verdrängen können. Deshalb werden diese Bücher über die Vergangenheit als Romane geschrieben. Genau wie das Leben hat der Roman oft ein Leitmotiv und mehrere Nebenmotive. Und wie im Leben sucht unser Gedächtnis aus, welche Erinnerungen wesentlich sind und in Erinnerung bleiben und welche vergessen werden sollen.
So entsteht eine Dramaturgie, die einem Roman zum Verwechseln ähneln kann.
Nicht das Drama an sich sorgt für die Dramaturgie. In Madame Bovary ist das Fehlen von Ereignissen ebenso wichtig wie die Ereignisse selbst. Die Langeweile an sich ist eine der Voraussetzungen dieses Buches.
Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich oft am besten an das Ereignislose: vor dem Haus im Melumvei in Røa auf einer Treppe zu sitzen.
Zumeist war ich glücklich und ahnungslos. Aber ich weiß auch noch, dass ich Unbehagen verspürte.
Meine erste bewusste Erinnerung: dass ich mich fürchtete, vor dem Leben und vor allem, was vor mir lag.
3.
Am 13. Januar 1980 landet das erste F-16-Jagdflugzeug der norwegischen Luftwaffe auf dem Flugplatz Rygge bei Moss. 71 weitere werden folgen. Sie sollen Norwegen gegen die Feinde im Osten verteidigen, gegen den großen Bären Sowjetunion. Sie sollen der Schild der NATO in der Luft sein, bereit, im Notfall ihre Bomben überall auf Europa abzuwerfen. Und später auch viel weiter weg, zum Beispiel über Afghanistan und Libyen.
Major Steinar Berg sitzt im Cockpit. Er ist 950 Stundenkilometer geflogen und hat für die Strecke von Amsterdam hierher siebzig Minuten gebraucht.
Verteidigungsminister Thorvald Stoltenberg ist noch besserer Laune als sonst.
Der Nebel legt sich über große Teile Südnorwegens, Dänemarks und Südschwedens. Auf Sandøya lauschen wir der Stille. Nichts ist so still wie Nebel. In Västra Götalands län, zwischen Tjörn und Stenungsund, ist der norwegische Massengutfrachter Star Clipper unterwegs zur Almöbro, der größten der drei Brücken, welche die Insel Tjörn mit dem Festland verbinden. Die Brücke ist im Nebel nicht zu sehen, aber auf dem Schiff erkennt man sie deutlich im Radar.
Dann zerbricht das Steuerruder des Schiffes.
Der Steuermann kann keinen richtigen Kurs mehr zu der Schrägkabelbrücke halten, die eine Segelhöhe von 43 Metern gestattet. Es geht auf halb zwei am 18. Januar 1980. Die Star Clipper hält genau auf den einen Brückenpfeiler zu. Bei dem Zusammenstoß brechen die tragenden Rohrbögen ein. Der Mittelteil der Brücke ist nicht mehr vorhanden. Große Mengen Beton und Armierung stürzen auf das Schiff, aber niemand von der Mannschaft kommt ums Leben. Nach und nach fahren aus beiden Richtungen bei dichtem Nebel Autos auf die Brücke. Sie können nicht sehen, dass die Mitte der Brücke nicht mehr existiert. Die Autos fallen über den Rand und verschwinden im eiskalten Wasser.
Die Mannschaft auf der in Liberia registrierten Star Clipper der Fred. Olsen-Reederei lässt Notraketen steigen, um die Autofahrer zu warnen, aber das hilft nichts.
Acht Menschen kommen ums Leben.
Erst drei Tage später werden die Wagen auf dem Meeresboden gefunden.
Nachts liegt er wach. Er denkt an die Autofahrer, was sie empfanden in den letzten Sekunden ihres Lebens, ehe der Tod plötzlich kam. Die banalste aller Fragen. Ja, was hast du empfunden? Die Meeresoberfläche, die sich näherte. Das Unbegreifliche an dem Sturz. Die Brücke, über die sie so oft gefahren waren und die plötzlich nicht mehr vorhanden war. Konnten sie noch denken, dass sie sterben würden? Und der liebe Onkel Odd, der ihnen allen so viel bedeutete. Wusste es der Onkel, als der Schlag kam? Bei der Beerdigung sah er im Gesicht des Vaters Trauer und Verzweiflung, wie er sie noch nie gesehen hatte. In all den Jahren danach hatte er versucht, dieses Weinen zu verdrängen. Er hatte sich gesagt, dass der Vater nur zweimal geweint hatte: einmal, nachdem er sich mit der Mutter gestritten hatte auf dem Weg zu einer Hütte bei Hallingskarvet, das andere Mal beim Tod der Mutter, viele Jahre später.
Aber während er schreibt, denkt er plötzlich: Nie hat der Vater so hilflos geweint wie nach Onkel Odds Tod. Hatte er das verdrängt, weil der Vater damit eine andere Seite seiner selbst gezeigt hatte? Im selben Moment erinnert er sich an andere Augenblicke, in denen der Vater geweint hatte. Was ging in seinem Kopf vor? Wie sortierte er die Erinnerungen? Wovor hatte er sich beschützen wollen?
Die Gewissheit des Todes. Er fragt sich, wie stark er wohl selbst sein wird an dem Tag oder in der Nacht, wenn es geschieht. Die 175 Menschen in der Stierkampfarena in Bogotà erhielten auch keine Vorwarnung. Die Tribüne unter ihnen brach einfach innerhalb weniger Sekunden zusammen.
Die Andere ist eingeschlafen. Movitz liegt an seinem Platz im Bett. Er schläft ebenfalls. Die Stille vor dem Haus dringt bis ins Schlafzimmer vor. Oft füllt sie das Haus mit noch mehr Stille. Und diese Stille drängt sich zwischen ihn und die Andere, nicht als etwas Unbehagliches, sondern als etwas Feierliches. Denn sie leben hier auf dieser Insel draußen am Meer wirklich ein stilles Leben. Es passiert nicht viel, es gibt nicht viel, was sie einander erzählen können, wenn sie sich an den Abendbrottisch setzen oder ihr Tagewerk erst zur Hälfte hinter sich gebracht haben. Sie versuchen, etwas zu erschaffen, alle beide. Sie webt, er schreibt an einem Buch oder spielt Klavier. Aber selbst die Flügeltöne können gegen die Stille nichts ausrichten. Die Stille ist keine Freundin. Aber sie ist auch keine Feindin. Sie steht einfach da, mitten im Raum, und sagt: Hier bin ich. Was habt ihr jetzt vor mit mir?
Er kann nicht antworten. Er denkt nur, dass er sich entscheiden muss. Entscheiden, welches Leben er leben will. Aber hat er sich nicht bereits entschieden?
Er lebt seit fast fünf Jahren auf dieser Insel.
4.
Das Telefon klingelt. Ich fahre jedes Mal zusammen. Wie haben sie es geschafft, die Leitung bis hierher ans Meer zu legen? Führt die Leitung über den Boden des Hagefjord zwischen Lippfisch, Kabeljau und Fischen, die als nicht essbar gelten? Riskieren sie nicht, dass Krebse oder Hummer die Leitung kappen?
»Morgen, du. Hier ist Kjell.«
»Welcher Kjell?«
»Es gibt ja wohl nur einen Kjell, mein Junge.«
»Ach, sicher«, sage ich, auch wenn ich noch zwei weitere kenne. Kjell aus meiner Klasse. Kjell vom Norsk Musikkforlag.
In der Leitung herrscht erwartungsvolle Stille. Fast wie in alten Zeiten, als die Telefonistin in Stangeland mithörte. Kjell Bækkelund ruft zwar nicht zum ersten Mal an, aber der letzte Anruf ist lange her, damals wohnte ich noch in Oslo. Bis hierher nach Vestre Sandøya vor Tvedestrand anzurufen ist weit, denke ich. Man ruft nicht so weit an, wenn man nicht etwas ganz Besonderes will. Die Frau in der Zentrale kratzt sich dabei im Gebührenzählerschritt, wie Trond-Viggo immer sagt.
»Wann kommst du nach Oslo?«
Er hat diese nasal lispelnde Stimme, die ganz Norwegen kennt. Nicht viele klassische Musiker sind so bekannt wie er. Bækkelund, Levin, Tellefsen, Knardahl. Das sind schon alle. Und Aase Nordmo Løvberg, natürlich. Ich setze mich automatisch gerader. »Ich komme, wenn du rufst«, sage ich.
»So gehört sich das, Junge«, sagt Bækkelund zufrieden. »Kommst du dann heute Abend? Um Punkt sieben?«
Ich schaue auf die Uhr. »Das kann ich schaffen«, sage ich. Wenn man auf Sandøya wohnt, kommt man, wenn jemand ruft. Wir, die wir uns Kulturarbeiter nennen, kommen, wenn die Mächtigen anrufen.
Bækkelund ist mächtig.
Bækkelund hat etwas mit mir vor. Aber ich weiß nicht, was. Hat er mich für eine Rolle in seinem Ränkespiel ausgesucht? Er ist nicht nur einer unserer bedeutendsten Pianisten, reist um die Welt und spielt neue norwegische Komponisten, Musik, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten wird, die aber gerade jetzt von Botschaften und Konsulaten geschätzt wird zwischen Kanapees und Lobesreden. Er war immer schon großzügig, hat mir vorwärts geholfen, mit fast panegyrischen Artikeln in den Zeitungen und spannenden Projekten, von denen jeder Pianist begeistert gewesen wäre. Wie damals, als er sechs der bedeutendsten Pianisten einlud, während der Festspiele in Bergen im Konsertpalé Rachmaninow-Präludien zu spielen. Er wollte daraus eine Schallplatte bei der Deutschen Grammophon machen. Fast wäre es ihm gelungen.
Als ich dann im Mirafiori sitze, im Schneegestöber bei der Raststätte Cinderella und bei Søndeled, denke ich an die hervorragende Stellung, die er bei den Sozialdemokraten einnimmt. Wenn er zu seiner Adventsparty einlädt, kommen alle. Ministerpräsident Odvar Nordli, bestimmt das gesamte Kabinett, Knut Frydenlund, Inger Louise Valle, Per Kleppe und Bjartmar Gjerde. Sicher doch! Jens Evensen und Eivind Bolle. Gro Harlem Brundtland, die junge, frische und sportliche Umweltministerin, über die alle reden und die noch dazu Ärztin ist. Bestimmt finden sich einfach alle zu diesen Festen ein. Aber keine Pianisten. Nicht ich. Mir sollte die Ehre zuteilwerden, später zu kommen. An einem kalten Januarabend, an dem der Frostnebel an der Küste anzeigt, dass das Eis vielleicht liegenbleibt.
Denn das war etwas, das alle über Bækkelund wussten. Er hatte immer einen Auserwählten. Einen, mit dem er im Frognerpark spazieren ging. Einen, mit dem er an einem Zweiertisch im Theatercafé saß. Es konnte auch eine Auserwählte sein, eine Frau. Dann war es zumeist eine, die seine nächste Ehefrau oder Lebensgefährtin werden sollte. Aber es konnte auch ein Mann sein. Dann war es ein Kronprinz. Einer, der später Kirchen- und Bildungsminister werden würde oder vielleicht sogar Außenminister.
Ich schlingere die kurvigen Straßen durch Telemark hoch auf das Gewerbegebiet bei Brevik zu. Vor meinem inneren Auge tauchen einige unfassbare Bilder auf. Soll ich Politiker werden? Ich erröte, als ich mich plötzlich hinter dem Schreibtisch des Außenministers erblicke. Hier verschiebe ich die Ordner. Eine schöne Frau in einer grünen Wolljacke kommt herein und lächelt. Es ist meine Privatsekretärin. Die persönliche. Die weiß, dass ich immer im Schrank gleich hinter mir eine Flasche vom besten Whisky stehen habe. Jetzt teilt sie mit, dass es bald Zeit wird, sich nach Gardermoen zu begeben, da auf Fornebu keine Jumbojets landen können. Präsident Jimmy Carter wird in weniger als einer Stunde mit der Air Force One eintreffen. Da der norwegische Ministerpräsident plötzlich erkrankt ist, habe ich das Oberkommando. Mit einem kurzen Telefongespräch habe ich mich von meinem üblichen fünften Platz entfernt. Jetzt stehe ich plötzlich an zweiter Stelle, bin fast die Nummer 1. Oder will er von mir etwas anderes? Will er mich zum Chef der Universitätsbibliothek machen? Will er vielleicht, dass ich Landeskonservator werde? Bækkelund ist die eigentliche Spinne im Netz derjenigen, die etwas bedeuten. Er hat Macht über den Möbelhändler in Jessheim, über das gesamte norwegische Parlament, er könnte mit den Fingern schnippen und mich im Handumdrehen zum Rundfunkdirektor machen. Aber was sollte ich in diesem Fall der Anderen sagen? Sie will doch nur auf Sandøya wohnen!




