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Danach bleibt die gesamte Zuhörerschar sitzen und trinkt weiter. Nur die einsame Frau erhebt sich und geht mit einem eiligen Danke hinaus in die Novembernacht. Als ich sie verschwinden sah, fragte ich mich: Habe ich etwas vermitteln können? Ist sie mir in dieser Stunde gefolgt? Kannte sie meine Musik bereits? Hatte sie einige von meinen Büchern gelesen? Habe ich ihre Erwartungen erfüllt?
Ich hatte keine Ahnung. Die liebenswürdige Hoteldirektorin setzte mich im Restaurant an einen Ecktisch. Die Rotweinflasche stand da. Das Menü war bereits festgelegt.
»Wo sind die Leute alle?«, fragte ich leicht verwirrt.
»Ach, die sitzen sicher zu Hause vor dem Fernseher. Heute Nacht wird doch Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt. Muss man sich mal vorstellen. Nichts wird mehr so sein wie bisher.«
»Wieso das denn?«
»Bildung allein reicht nicht, junger Mann. Man braucht auch Klasse. Hat Ihnen der Flügel gefallen? Toralv Maurstad hat darauf gespielt.«
»Der ist Schauspieler.«
»Ja, aber trotzdem.«
»Der Flügel hat geschlafen«, sage ich höflich. »Ich weiß nicht, ob es ihm recht war, von mir geweckt zu werden.«
»Sie haben fabelhaft gespielt, junger Mann. Das war eines der denkwürdigsten Konzerte in der Geschichte dieses Hotels.«
Ich nahm den Rest der Rotweinflasche mit aufs Zimmer. Zum Glück gab es dort Fernsehen und Radio. Später am Abend und bis in den frühen Morgen würde es Sondersendungen geben.
Magie zu wirken, Alchimist zu sein, aus Nichts Gold zu machen. Das schafften die Hoteldirektorin und Ronald Reagan. Die Begeisterung der Hoteldirektorin griff auf die Gäste über. Sie konnte mir fast einreden, dass ich ein gutes Konzert gegeben hatte.
Aber nun war Ronald Reagan an der Reihe. Nach all dem Rotwein konnte ich mich auf verblüffende Weise mit ihm vergleichen. Dieses Gefühl, das so viele von uns haben: Dass wir niemals wirklich ernstgenommen werden. Die seriösesten und zugleich aufgeblasensten politischen Journalisten trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, dass Reagan die Vorwahlen gewann. Aber Himmel? Ist das denn die Möglichkeit? Hat er wirklich …?! Sollte der denn …? Aber Himmel. Aber Himmelarsch!!!
Ja, er hatte. Und im Laufe dieser Nacht sollte er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden.
Damit war die Ähnlichkeit verschwunden. Reagan würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach ins Oval Office begeben. Ich dagegen im Kino von Sandvika einen Soloauftritt haben.
Und an allem waren diese neunzig Kommandosoldaten schuld. Wussten sie, als sie sich an jenem Tag im April, am Tag vor meinem 28. Geburtstag, in ihre Hubschrauber und Hercules-Flugzeuge setzten, dass das, was sie jetzt vorhatten, darüber entschied, wer in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus sitzen würde? Wenn es ihnen gelungen wäre, die Geiseln aus der Botschaft in Teheran zu befreien, hätte in dieser Nacht vermutlich Jimmy Carter den Sieg davongetragen. Was hätte das für die Welt bedeutet, für uns alle? Ich lag im Bett und dachte die großen apokalyptischen Gedanken. Die Übelkeit kam wie eine Mahnung. Natürlich. Ich hatte ja das Kotzen vergessen.
17.
In Ostnorwegen herrschen Kälte und Frost, aber als Anfang Dezember überraschend mildes Wetter einsetzt, fährt er nach Norden, um Menschen zu treffen und dringend nötiges Geld zu verdienen. Das hat er Paul Karlsen zu verdanken. Er wird Solokonzerte in Tromsø, Bodø und Finnsnes geben.
Und im Norden ist es kalt, eiskalt. In Tromsø türmt sich der Schnee in den Straßen. Er wird in der Gaststätte Prelaten spielen. Das kleine braune Klavier. Ohne einen tüchtigen Tontechniker wäre das unmöglich.
Er checkt im SAS-Hotel ein. In Tromsø ist jetzt alles so schön und neu. Die Universität lockt junge Leute an. Ihm graust davor, vor denen zu spielen. Weiß nicht, was er zu bieten hat. Fünf Uhr nachmittags. Draußen ist es dunkel. Er hofft, vielleicht später an diesem Abend am Himmel das Nordlicht zu sehen. Er legt sich ins Bett, lässt die Dunkelheit hereinsickern. Er schläft fast ein.
Im Dakota-Gebäude in der Upper Westside von New York steht die Fotografin Annie Leibovitz in der Wohnung von Yoko Ono und John Lennon und arbeitet an einem Porträt für das Cover der einflussreichen Zeitschrift Rolling Stone. Zu Lennon hat sie gesagt, sie hätte gern ein Porträt von ihm allein, aber er hat darauf bestanden, dass Ono dabei sein soll. Es ist viele Jahre her, dass die beiden sich in ein Bett gelegt haben, im Namen des Friedens, und die Weltpresse zu Besuch kommen durfte.
Lennon ist schon morgens früh aufgestanden. Ehe er zu einem Friseur im Viertel ging, um sich die Haare im Stil der fünfziger Jahre schneiden zu lassen, hatte er im La Fortuna in der 71. Straße gefrühstückt.
Leibovitz bittet Ono, sich auf den Boden zu legen und ihre langen schwarzen Haare wie einen Pfauenschweif um ihr Gesicht auszubreiten. Gleichzeitig zieht Lennon alle Kleidungsstücke aus und legt sich in Embryostellung neben sie, legt die Arme um Onos Kopf und küsst sie auf die linke Wange. Gegen halb vier Ortszeit sind sie fertig mit Fotografieren. Lennon hat bereits vorher dem RKO Radio Network ein Interview gegeben. Jetzt geht das Ehepaar zusammen mit den Radioleuten zu seiner wartenden Limousine. Ono und Lennon wollten zu Record Plant, um das von Ono geschriebene Walking On Thin Ice abzumischen. Vor drei Wochen haben sie das gemeinsame Album Double Fantasy veröffentlicht, wobei Lennons Woman und Beautiful Boy bereits große Aufmerksamkeit erregt haben.
Wie üblich wartet unten eine Handvoll Autogrammjäger. Einer davon ist der 25 Jahre alte ehemalige Wachmann Mark David Chapman aus Fort Worth, Texas. Einige Wochen zuvor ist er nach New York gekommen, um Lennon zu ermorden, hat sich die Sache dann aber anders überlegt. Er möchte Kapitel 27 in J. D. Salingers Roman The Catcher in the Rye mit Lennons Blut neu schreiben. Das Buch ist bereits einer der weltweit meistgelesenen Romane. Die Hauptperson heißt Holden Caulfield, ein ruheloser Junge mit destruktiven Neigungen, der von der Schule Pencey Prep verwiesen worden ist. Wie Chapman fährt er nach New York. Chapman fühlt sich bereits seit Jahren als Versager und hat mehrere Selbstmordversuche geplant. Er hat als Sicherheitswache gearbeitet und einen einwöchigen Kurs gemacht, um als bewaffneter Wächter arbeiten zu dürfen. Auf Hawaii versank er in einer ziemlich tiefen Depression und versuchte, Selbstmord zu begehen, indem er einen Schlauch an das Auspuffrohr eines Autos anschloss, aber der Schlauch schmolz. Später reiste er in sechs Wochen um die Welt, inspiriert von In achtzig Tagen um die Erde, und heiratete eine Angestellte eines Reisebüros, ehe er Arbeit als Nachtwächter in einem Krankenhaus fand und begann, heftig zu trinken.
Er hatte John Lennon früher sehr bewundert, doch seit er zum gläubigen Christen geworden war, kritisierte er Lennon wegen dessen Aussage, er sei »beliebter als Jesus«. In Chapmans Gebetsgruppe wurden Witze über Imagine gerissen. »Imagine if John Lennon was dead.« Chapman zeigte zudem deutlichen Zorn darüber, dass Lennon über Love & Peace reden konnte, wo er Millionen von Dollars auf der Bank, Lustyachten, Landsitze und Grundstücke besaß. Er sah rot, als Lennon dann behauptete, weder an Jesus noch an die Beatles zu glauben: »Wer ist dieser Mann, der sich so respektlos über Gott und den Himmel und die Beatles äußert?« Er entwickelte einen tiefen Hass auf Menschen, die berühmt waren und seine moralischen und religiösen Maßstäbe nicht erfüllten, unter anderem Marlon Brando, Jackie Kennedy, Elizabeth Taylor und Walter Cronkite. Aber Lennon war doch der Schlimmste.
Nun steht Chapman wieder vor dem Dakota-Building. Er hält Lennon sein Exemplar von Double Fantasy hin. Lennon signiert und fragt: »Is this all you want?«
Chapman lächelt und nickt.
Danach fahren Ono und Lennon zum Record Plant-Studio in der West 44. Straße, zwischen der 8. und der 9. Avenue. Ein legendäres Studio, wo Jimi Hendrix Electric Ladyland eingespielt hatte, The Eagles Hotel California, Fleetwood Mac Rumours und Bruce Springsteen Born to Run. Lennon hatte in diesem Studio, das zudem mehr als neun Jahre zuvor die Verantwortung für die Live-Aufnahme des Concert for Bangla Desh im Madison Square Garden getragen hatte, Imagine und Double Fantasy aufgenommen. Sie mischen Onos Walking on Thin Ice ab, auf dem Lennon Gitarre spielt. Später an diesem Nachmittag ruft er seine Tante Mimi in England an, während David Geffen mit Lennon im Studio telefoniert und erzählt, dass Double Fantasy nach nur zwei Wochen in den Charts schon eine goldene Schallplatte geholt hat.
Nach 22 Uhr beschließt Lennon, sich nicht direkt zum Promi-Restaurant Stage Deli in der Nähe der Carnegie Hall zu begeben, weil er zuerst seinem Sohn zu Hause im Dakota-Gebäude gute Nacht sagen will. Das Ehepaar tritt hinaus auf die Straße und merkt, dass es für Dezember überraschend warm ist. Die beiden beschließen, einige Straßen vor dem Dakota-Gebäude aus der Limousine auszusteigen und das letzte Stück zu Fuß zurückzulegen. Als sie das Gebäude erreichen, geht Lennon einige Schritte hinter Yoko Ono. Er hat das Tonband mit der letzten Abmischung unter dem Arm. Es ist 10.52 p. m. Chapman tritt aus den Schatten und nimmt Kampfhaltung an. Er gibt mit seinem Charter Arms 38 Spezialrevolver fünf Schüsse ab. Eine Kugel fliegt über Lennons Kopf in ein Fenster im Dakota-Gebäude. Die anderen treffen, und alle sind tödlich. Zwei dringen in die linke Seite des Rückens ein, die beiden anderen durchschlagen die linke Schulter. Mindestens einer dieser Schüsse trifft Lennons Hauptschlagader, während dieser die sechs Treppenstufen zur Rezeption hochsteigt, ehe er das Tonband loslässt, das nun über den Boden rollt. Lennon ruft: »Ich bin verletzt!« Ein Taxifahrer mit Fahrgast und ein Fahrstuhlfahrer beobachten, was geschieht. Der Portier des Gebäudes, Jay Hastings, aktiviert den Polizeialarm, ehe er Lennon mit seiner blauen Dakota-Uniform bedeckt und ihm die Brille abnimmt. Yoko Ono stürzt herbei und nimmt Lennons Kopf zwischen die Hände, während er flüstert: »Hilf mir.« Hastings hockt neben ihr. Er sagt: »Ist schon gut, John. Das schaffst du.« Vor dem Gebäude entreißt der Türsteher José Perdomo Chapman die Waffe und schleudert sie ins Gebüsch. »Weißt du, was du getan hast?«, schreit er Chapman an. »Ja, ich habe soeben John Lennon erschossen«, antwortet der, zieht Mantel und Mütze aus und fängt an, in seinem Exemplar von The Catcher in the Rye zu lesen, während er auf die Polizei wartet. Ins Buch hat er geschrieben: »To Holden Caulfield from Holden Caulfield. This is my statement.«
Beim Eintreffen der Polizei lebt Lennon noch. Sie sehen, dass er zu schwer verletzt ist, um auf den Rettungswagen zu warten. Sie heben ihn in ihr Auto und fahren ihn zum St. Luke’s-Roosevelt Hospital. Lennon liegt auf der Rückbank, und der Polizist James Moran fragt ihn: »Sind Sie John Lennon?« – »Ja«, flüstert Lennon und versucht, etwas zu sagen, aber es quillt zu viel Blut aus seinem Mund. Die Polizisten hören ein gurgelndes Geräusch. Dann verliert Lennon das Bewusstsein.
Im Krankenhaus wartet Dr. Stephen Lynn, der soeben einen dreizehn Stunden langen Dienst beendet hat. Er kann bei Lennon weder Atem noch Puls feststellen. Zusammen mit zwei weiteren Ärzten, einer Krankenschwester und zwei Hilfskräften versucht Lynn fünfzehn Minuten lang, ihn ins Leben zurückzuholen. Als ihnen das nicht gelingt, sägen sie Lennons Brustkasten auf, um eine manuelle Herzmassage vorzunehmen, sehen aber sofort, dass er so viel Blut verloren hat, dass sie ihn nicht mehr retten können. Wenige Minuten später wird Lennon für tot erklärt. Zeugen berichten, dass augenblicklich All My Loving aus den Lautsprechern des Krankenhauses strömt. Yoko Ono liegt auf dem Gang, schlägt mehrmals den Kopf auf den Boden und sagt: »Oh no, no, no, no … tell me it’s not true!« Eine Krankenschwester bringt ihr Lennons Trauring. Ono bittet das Krankenhaus, mit diesen Ereignissen nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, ehe sie mit dem fünf Jahre alten gemeinsamen Sohn Sean sprechen konnte. »Ich will nicht, dass er durch die Fernsehnachrichten vom Tod seines Vaters erfährt.«
David Geffen führt sie aus dem Gebäude.
Die Polizei nimmt Chapman fest und entdeckt, dass er sich für den nächsten Tag eine Eintrittskarte für The Elephant Man auf dem Broadway gekauft hat, in dem David Bowie die Hauptrolle spielt. Bowie wird später behaupten, der Nächste auf Chapmans Liste gewesen zu sein. Ono/Lennon waren zur betreffenden Vorstellung eingeladen.
Drei Plätze blieben leer.
Ich löse mich langsam im SAS-Hotel in Tromsø aus einem Traum. Sehe auf die Uhr. Erst in einigen Stunden werde ich die Twin Otter-Maschine nach Bardufoss nehmen. Was hatte ich da noch geträumt? Meine Träume waren in der letzten Zeit oft überwältigend, stärker als das Leben selbst. Ich war an einem Badestrand irgendwo am Mittelmeer. Ich erwachte aus einem Traum im Traum. Lag plötzlich da und hob den Kopf, begriff, dass ich die ganze Nacht geschlafen hatte, dass es Morgen war, dass ich nur eine Unterhose trug, fast nackt war, ganz anders als sonst. Dann sah ich plötzlich, wie dünn ich war, genauso, wie ich sein wollte. Ich wollte gerade aufstehen, als ein Schatten über mich fiel, der eines anderen Menschen. Ich hatte das Gefühl, sie zu kennen, dass sie früher einmal eine Freundin gewesen war, aber ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, ich spürte nur einen kalten Windhauch, wie von der Morra aus dem Mumintal, etwas Unheimliches, von einem wunden Punkt in meinem Leben.
»Da liegst du also?«, fragte sie.
»Ja.« Ich hielt verzweifelt Ausschau nach meinen Kleidern. Wie war ich hier gelandet? Ich konnte mich an nichts erinnern. Sie sorgte dafür, dass ich mich schuldig fühlte.
»Ich gehe schon«, sagte ich beschämt.
»Nicht mit diesem Körper«, sagte sie.
»Aber das ist doch mein Körper«, sagte ich. »Ich habe nur abgenommen.«
»Das ist nicht dein Körper«, sagte sie ruhig.
Ich fühlte mich noch immer beschämt, als ich in den Frühstücksraum nach unten ging. So konnte das nicht weitergehen. Ich wurde nicht dünner davon, dass ich den Finger in den Hals steckte. Ich konnte nicht einmal mein Gewicht halten. Mein Körper war die ganze Zeit nervös und im Ungleichgewicht. In den vergangenen Nächten hatte ich mehrmals geträumt, dass ich mich erbrach, dass ich alles erbrach, bis mir am Ende nur Gesicht und Augen blieben.
In diesem Jahr schien mein Selbstvertrauen verschwunden zu sein, der Spielraum war so klein zwischen den Kilos, zwischen Kontrolle und Chaos, zwischen Fiasko und etwas, das einigermaßen gelungen war. Die letzten Konzerte waren keine runde Sache gewesen. Während ich im Frühstücksraum des Hotels saß und ein Stück Knäckebrot verzehrte, dachte ich an das gestrige Konzert. Es war mäßig gewesen. Kein totales Fiasko, aber unkonzentriert, fahrlässig. Dieselben alten Tricks, die Übergänge, die auf einem so kleinen Klavier nicht so gut funktionierten. Der Techniker hatte mir geholfen, hatte hier und da ein paar schöne Klänge darüberlegt, und der Applaus war hörbar gewesen. Ich hatte zwischen den Nummern viel erzählt, wie um mich aus meiner Unsicherheit herauszureden. Sie hatten gelacht, als ich einen Witz von Trond-Viggo geklaut hatte: »Hier ist es aber dunkel, sagte der Knabe. Hier ist das Licht sicher schon vor langer Zeit ausgeknipst worden.« Sie hatten auch gelacht, als ich darüber gesprochen hatte, wie ungenau unsere Sprache jetzt wurde, die vielen Widersprüche, die häufige Verwendung der allernichtssagendsten Wörter, wie irgendwie und eigentlich. Meine Standardeinleitung zu einem Stück, das ich Irgendwie eigentlich ein Blues, hätte ich fast gesagt nannte. Aber danach fühlte ich mich unzufrieden mit mir, und seltsamerweise waren keine Bekannten im Saal, und die schöne Maj mit den langen schwarzen Haaren, die Künstlerbetreuerin, war zu Hause geblieben.
Maj, ja, dachte ich. Ich musste noch bei ihr im Büro vorbeischauen und mein Geld holen. Maj, die alle Künstler in ganz Norwegen kannte, unsere Launen und unsere Schwächen. Und alle liebten sie. Weil sie Maj war. Weil sie und die anderen im Büro wachsam waren und uns Auftritte verschafften.
Ich hatte mich noch immer nicht von dem scheußlichen Traum befreit, als ich eine halbe Stunde später aus dem Hotel auscheckte. Ich wollte schon früh zum Flughafen, um mich dort hinzusetzen und zu schreiben.
Tromsø im Dezember. Dunkelheit in den Straßen. Ich überquerte die Straße vor dem Hotel und ging das kurze Stück bis Prelaten und zum Büro, wo mich Maj erwartete, wie ich wusste. Über meine Schulter hing die graue Schultertasche. In der Hand trug ich den kleinen Rollkoffer, in den Wäsche für genau drei Tage passte.
Als ich an die offene Tür klopfe, sehe ich, dass sie am Schreibtisch sitzt und mit leerem Blick vor sich hinstarrt.
»Maj«, sage ich vorsichtig. »Stimmt was nicht?«
»John Lennon ist tot. Ein Wahnsinniger hat ihn erschossen, gleich vor seiner Wohnung in New York.«
»Ihn erschossen? Wieso denn?«
Sie erhebt sich, erwidert meinen Blick, zuckt mit den Schultern.
»Make love, not war«, sagt sie matt.
In diesem Moment sah ich die Bilder vor mir. John und Yoko, in dem Bett, wo sie ihr Bed-in gestartet hatten. Den Imperativ an Peter Watkins, nachdem er The War Game gedreht hatte, in dem er die Zerstörungen in der Gesellschaft nach einem Atomkrieg zeigt. Was John und Yoko dazu gebracht hatte, sich zu engagieren. John und Yoko. Imagine. Das Schöne zwischen ihnen, das für viele auch ans Lächerliche grenzte. Strawberry Fields Forever.
Das hier ist nicht lächerlich.
Wir stehen hier und haben die Arme umeinander gelegt, unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Ich starre auf das Geld, das mir zustehende Honorar, das auf dem Tisch bereit liegt. Die vielen Geldscheine.
»Was machen wir jetzt?«, fragt Maj endlich.
»Ja, was machen wir jetzt?«, erwidere ich.
1981
18.
Manchmal, wenn Movitz auf seinen Knien liegt, mit scheußlichen Bissen nach nächtlichen Kämpfen mit anderen Katern und doch so friedlich, denkt er, dass sich vielleicht alle wilden Tiere danach sehnen, zahm zu werden. Er dachte an die Enten, die angelaufen kamen, wenn er sie im Frognerpark mit Brot fütterte. Wollten sie eigentlich mit ihm nach Hause kommen? Neben ihm auf dem Sofa liegen und sich streicheln lassen, ein bisschen quaken und dann sicher und geborgen schlafen in einem warmen Zimmer, nachts?
Diese Vorstellung konnte ihn in ihrem existenziellen Ernst überwältigen. Er lag oft im Halbschlaf da und dachte an Tiere. Wie einsam sie sein mussten, draußen in der Wildnis, im ewigen Kampf, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Wie groß war die Freude für eine Möwe, wenn sie über den Fjord flog? Oder dachte sie nur daran, dass sie Nahrung finden musste?
Und was war mit den zahmen Tieren? Sehnten die sich danach, wieder wild zu werden? Nach der Freiheit in der Unabhängigkeit? Der Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die in den Abgrund führten?
Die USA ersuchen Norwegen um die Erlaubnis, auf norwegischem Boden Atomwaffen zu stationieren. Die amtierende Regierung, ja, die große Mehrheit im Parlament, ist einverstanden. Elf Abgeordnete aber sehen das anders.
Was aber nichts hilft.
Die Mehrheit, die das Spektrum von den Sozialdemokraten bis zu den Konservativen abdeckt, sieht keine Probleme darin, dass unsere nächsten NATO-Verbündeten ein an die Sowjetunion grenzendes Land als Depot nutzen, das im Falle eines Krieges von Nutzen sein kann. Die Angst vor der Aggression des Nachbarlandes wächst. An Evensens Vision einer atomwaffenfreien Zone im Norden zu glauben kann uns teuer zu stehen kommen.
»Wir sind wieder bei 1960 angelangt«, sagt Vater. »Damals, beim U-2-Skandal, erfuhr nicht einmal der norwegische Ministerpräsident, was die Amerikaner mit dem Flugplatz in Bodø vorhatten. Und was wissen wir jetzt darüber, welche grauenhaften Zerstörungswaffen da oben im Norden bei nichtsahnenden Bauern und Fischern platziert werden sollen?«
»Oder in Kolsåstoppen«, sage ich.
Es ist der Tag vor Ronald Reagans Amtseinführung als Präsident der Vereinigten Staaten. Ungefähr gleichzeitig werden endlich die amerikanischen Geiseln im Iran freigelassen, nach heftigen diplomatischen Aktivitäten, durch die einige der Milliarden des Schahs, über die die USA verfügen, dem neuen islamischen Regime im Iran zufallen sollen. Die USA versprechen, sich nicht in interne iranische Angelegenheiten einzumischen. Die Geiselaffäre ist für die Amerikaner inzwischen fast von existenzieller Bedeutung. Sie haben an Häusern und Bäumen gelbe Bänder aufgehängt, um ihre Solidarität mit ihren Landsleuten zu bekunden.
Ministerpräsident Odvar Nordli erzählt der norwegischen Bevölkerung, dass seine Gesundheit nachlässt. Er kann die große Verantwortung nicht länger tragen. Es ist offenbar etwas mit seinen Augen. Wenn ich ihn im Fernsehen sehe, denke ich oft an einen treuen Hund. Einen, der niemals aufgeben würde. Ich weiß nicht, wie lange die Sozialdemokraten in aller Heimlichkeit daran gearbeitet haben, eine neue Ministerpräsidentin einzusetzen, die junge Ärztin Gro Harlem Brundtland, die bisher nur Umweltministerin war. Einer der Drahtzieher, Ingjald Ørbeck Sørheim, wird mir diese Geschichte später erzählen. Alles kam so ganz anders, als er erwartet hatte. Aber jetzt, zu Beginn der achtziger Jahre, ist die Begeisterung der Bygdøy-Clique noch groß. Ich wüsste gern, wie viel Kjell Bækkelund mit allem zu tun hat. Und der Möbelhändler aus Jessheim.
Gro Harlem Brundtland.
Unsere erste Ministerpräsidentin. Das ist wichtig, vielleicht das Wichtigste von allem, wenn man die politische Geschichte betrachtet, die sich von den Eidsvollmännern bis in unsere Gegenwart zieht. Aber es ist auch wichtig, dass sie jung ist. Wir hatten so viele alternde Ministerpräsidenten. Gro ist direkt. Man hört es ihrer Stimme an, dass sie sich nicht dieselbe Redeweise zugelegt hat wie ihre Vorgänger, die Parlamentarier, die grauen Arbeitstiere des Storting. Außerdem hat sie Ähnlichkeit mit Mutter, denke ich. Eine offenkundige Ähnlichkeit, durch ihre Locken und das runde und doch energische Gesicht. Ich traue mich nicht, das zu sagen, wenn ich mit Mutter telefoniere. Aber ich merke, wie begeistert sie ist. Nach all diesen Jahren im Schattenland des Feminismus. Endlich eine Frau am Steuerruder! »Das wurde aber wirklich Zeit!«, sagt sie zu mir. Dennoch ist Gro nicht die Freundin aller jungen Leute. Die ehemalige Umweltministerin wird die, die die Verantwortung dafür trägt, dass sich die vielen Alta-Demonstranten oben in Finnmark aneinanderketten und schließlich fortgeschleppt werden bei ihrem letzten verzweifelten Versuch, den Ausbau der Wasserkraft zu verhindern, der schon wenige Jahre darauf als vollkommen überflüssig eingestuft werden wird.
Das wichtigste samische Territorium.
600 Polizisten im Einsatz gegen die Demonstranten.
Ja, es liegt wie eine Düsternis über diesem Winter, so, wie eine Düsternis auf dem ganzen Jahrzehnt lasten wird. Ein Satz bleibt haften: Mit den Erwartungen brechen.
Die sechziger Jahre: das Jahrzehnt der Befreiung. Die siebziger Jahre: das Jahrzehnt der Freiheit. Die achtziger Jahre stehen noch am Anfang. Das Jahrzehnt der Inszenierung. Aber sucht ein Dramaturg der neuen Schule nach einer Hauptlinie, dann wäre es wohl diese: dass so viele mit den Erwartungen brechen.
Meine eigenen Erwartungen?
Physisch bin ich ganz unten, fühle mich aber obenauf. Ich bin ja immer noch dünn. Wenn ich das Bedürfnis danach verspürte, könnte ich ins Noble Dancer im Drammensvei gehen und wen immer ich will zu Champagner einladen.
So gesehen, ist es weit bis Hadeland.
Dort oben gibt es eine Brücke. Sie befindet sich zwischen Leirsjøen und Avalssjøen, oberhalb von Lunner. Samstag, 22. Februar. Ich bin wieder mit Ole auf Tournee. Wir waren überall in Rogaland bis hinauf nach Stord. Am folgenden Tag werden wir in Voss spielen, aber wir haben einen freien Tag in Bergen, im Hotell Norge. Ich denke, dass es eins der letzten Male ist, dass ich so eine landesweite Tournee mit Ole mache. Er ist jetzt so groß durch die Paus-Post und die vielen Revuen. Dennoch hat er zugesagt. Als wir im Grill sitzen und reden, denke ich, dass es vieles gibt, das wir einander nicht erzählen. Sein Leben, ein Wirbelwind aus Verabredungen. Mein Leben, dasselbe, nur nicht dermaßen in der Öffentlichkeit. Am nächsten Tag kommt die Nachricht, dass zwei junge Männer von 19 und 23 Jahren auf einer Brücke in Nannestadskogen erschossen worden sind. Die beiden Täter wissen nicht, dass die Polizei sie bereits umzingelt hat, denn einer der Ermordeten war bereits vernommen worden und hatte geplaudert. Die Morde geschehen, damit nicht bekannt wird, was wirklich vor sich geht in Norwegens Germanischer Armee, bei der Heimwehrjugend und bei der regulären Heimwehr. Fünf Jungen. Einer von ihnen nicht anwesend bei der Hinrichtung auf der kleinen Brücke. Dennoch wird er verurteilt. Die Toten waren an einem Diebstahl aus den Waffenlagern der Heimwehr beteiligt. Der Abwesende, möglicherweise das Gehirn hinter den Morden, hatte Angst, die beiden Jungen könnten zur Polizei gehen.




