- -
- 100%
- +
Die Machtphantasien werden immer stärker, und als ich an Larvik vorüberfahre, bin ich bereits zum Oberkommandanten aller Streitkräfte geworden. Ich sitze an einem geheimen Ort in Akershus, wo niemand mich sehen kann. Im hintersten Raum steht ein gewaltiger Steinway-Flügel. Während alle glauben, dass ich verteidigungsstrategische Angriffspläne gegen Breschnew in der Sowjetunion schmiede und mit Svein Sørensen von der Heimvolkshochschule Svanvik in Pasvik telefoniere, meinem Verbündeten, übe ich stattdessen das B-Dur-Konzert von Brahms. Das soll mein Dank an Bækkelund sein. Meine Art, ihn zu überraschen. Vielleicht freut er sich gar nicht. Vielleicht ärgert er sich, weil ich gerade in diesem Moment so viel besser spiele als er. Aber so sind die Folgen der Freigebigkeit. Man bekommt nicht das, was man verdient. Jetzt bin ich es, der Adventsfeste veranstaltet und andere anruft.
Erst als ich mich Drammen nähere, lande ich auf der Rollbahn der Wirklichkeit und merke, dass ich die Geschwindigkeitsbegrenzung um dreißig Kilometer überschritten habe. Ich bremse verdrossen, es gefällt mir nicht, wie ich ihm immer gehorche. Was soll ich eigentlich zurückzahlen? Was kostet ein Superlativ? Meine Gedanken waren noch immer düster, nach dem tristen Silvesterabend, an dem ich mich im Schnee erbrochen und mich selbst von außen gesehen hatte. Die Kontrolle, die ich in den letzten Jahren gehabt hatte, war verschwunden. Ich wusste nicht mehr, wo ich mit dem Schreiben und der Musik hinwollte. Ich wusste nur, dass ich dünner werden wollte. Noch dünner. Dass es von mir noch weniger geben sollte. Erst dann würde ich die Kontrolle haben.
Ich war einer geworden, der Angst davor hatte, etwas zu verpassen. So war es früher nie gewesen. Da hatte ich vor überhaupt nichts Angst. Jetzt hatte ich Angst vor allem. Angst, dass mir das Leben zwischen den Fingern zerrinnen würde.
Im Frognervei kamen sie aus dem Wohnzimmer gelaufen, sowie ich den Schlüssel ins Schloss steckte.
»Ketil!«
Jedes Mal, wenn Mutter meinen Namen rief, kam ich mir vor wie sechs Jahre alt. Und wenn Vater rief, war ich noch jünger.
»Ich bleibe nur bis morgen. Bækkelund will mit mir sprechen.«
»Bækkelund?«, wiederholt Vater beeindruckt, auch wenn ich die Enttäuschung in seiner Stimme höre. Er möchte so gern mit mir reden wie in alten Tagen. Bis spätabends am Küchentisch sitzen und über Politik diskutieren. Ich spüre mein schlechtes Gewissen. Sie hatten gedacht, ich würde häufiger von Sandøya herüberkommen, da ich trotz allem die Miete für die relativ teure Wohnung im ersten Stock bezahle. Stattdessen lasse ich mich immer seltener blicken.
»Aber ich komme bald wieder«, sage ich. »Und dann bleibe ich einige Tage.«
Ach, diese frommen Lügen, die gebrochenen Versprechen. Hatte ich wirklich für irgendjemanden einen Wert? Bedeutete ich etwas für andere Menschen? Der Gedanke kam plötzlich und war durchaus nicht angenehm. Ich hatte noch nie so gedacht. Es waren die anderen, die etwas bedeuteten. Mutter, Vater, Tormod, Aimée, Ida, Ole, Rotkäppchen, die Andere. Ich war es, der sie brauchte, nicht umgekehrt. So sollte es sein. So musste es sein.
Es schneit jetzt nicht mehr. Der Bürgersteig ist glatt. Ich rutsche zum Olav Kyrres plass hinunter. In der Bygdøy allé sind Eisbuckel. Ich habe es eilig. Es ist zehn vor sieben. Da sehe ich die alte Dame auf der anderen Straßenseite. Ach, diese dickköpfigen alten Hexen, die niemals aufhören, sich auf ihr Lebensrecht zu berufen. Die durch die Straßen schwanken, fast schwerelos mit ihren alten, klapprigen Skeletten und mit löchrigen Strümpfen. Für wen, um alles in der Welt, halten die sich? Für die zu früh geborenen Kinder der Ewigkeit? Werden sie denn niemals sagen, genug ist genug, sich auf stille, höfliche Weise zurückziehen, wie jeder normale Mensch es tun würde, sich von ihrem Stuhl erheben, langsam zur Garderobe gehen, nach Hut und Mantel greifen, die Gamaschen überstreifen und in der Nacht verschwinden, sich in ein Grab legen, während der Schnee rieselt, und zu Erde werden, ja, zu Erde, Gedärm und Eingeweide den Maden überlassen, diese absolut notwendige Verwesung, die Munch und Hamsun so schön beschreiben, und durch die Platz für andere geschaffen wird. Ich bin unterwegs zu Bækkelund. Er wartet auf mich, aber die alte Dame rutscht weiter über den Bürgersteig, ohne zu begreifen, dass das Projekt, auf das sie sich an diesem Abend eingelassen hat, einer Besteigung des Mount Everest gleichkommt.
Ich versuche, sie nicht anzusehen. Noch hält sie sich auf den Beinen. Jetzt gibt es nur uns beide. Sie auf der einen Seite. Ich auf der anderen. Zwischen uns liegt das Leben. Oder ist es der Tod? Wenn sie oder ich die Straße betreten, wird ein Auto kommen, und sie oder ich werden sterben. Wofür leben wir? Ich lebe, um eine wichtige Verabredung mit Kjell Bækkelund einzuhalten. Aber was in aller Welt hat sie vor?
Ich gehe schneller, damit ich an ihr vorbei bin, wenn sie stürzt. Es ist ja nur eine Frage der Zeit. Wenn ich an ihr vorüber bin, bin ich die Verantwortung für sie los. Aber gerade jetzt stürzt sie, gleich vor dem teuren Küchenladen. Mein Herz wird schwer. Sie liegt auf der anderen Straßenseite und strampelt. Beine und Arme in alle Richtungen.
»Ich komme!«, rufe ich. »Bleiben Sie ganz still liegen! Versuchen Sie nicht, aufzustehen, gnädige Frau! Dann stürzen Sie nur wieder!«
Ich finde eine Lücke zwischen den vielen Autos und Bussen, die gerade jetzt wie eine Flutwelle aus Lärm, Bewegung und Auspuffgasen hereinbrechen. Wird dieses gemeine Geschehnis meine Zukunft ruinieren? Ist es der humanistische Roboter in mir, der meine Beine über die Straße zwingt? Warum musste sie gerade heute Abend auf diese lebensgefährliche Straße hinausgehen, denke ich wütend. Sie hätte so viele andere Abende gehabt. Dies ist der Abend, an dem ich zu Kjell Bækkelund bestellt bin. Er hat Pläne mit mir. Große Pläne. Er hat mich von Sandøya herkommen lassen. Das sind zwischen drei und vier Stunden Fahrt. Niemand kann erwarten, dass jemand einer solchen Aufforderung nachkommt, wenn nichts angeboten wird. Bækkelund hat etwas mit mir vor. In seiner Nähe gibt es nur Prominente. Aber nun liegt diese Elendsgestalt da und zappelt zwischen den Eisbuckeln. Großer Gott, auch ein Mensch, denke ich, als ich mich nähere. Und als ich mich Sekunden später über sie beuge, um zu hören, ob sie sich verletzt hat, sehe ich zu meinem Entsetzen, dass dort Tante Svanhild liegt.
»Aber meine Güte, Tante Svanhild!«, rufe ich.
Sie schaut aus ihren schönen, traurigen Augen zu mir hoch. »Ich wollte das nicht«, sagt sie, fast unter Tränen.
»Was wolltest du nicht?«
»Fallen natürlich.«
»Natürlich nicht. Aber hast du dich verletzt? Hast du dir etwas gebrochen?«
Sie lächelt ihr unwiderstehliches Lächeln. »Nein, ich nehme doch Kalziumtabletten«, sagt sie. »Das hab ich von Alfhild gelernt.«
Der Vorname meiner Mutter. Es ist immer so seltsam, wenn ihn jemand nennt. Meine Mutter, wie eine Elfe. Ein Wesen aus einer anderen Welt. Kein normaler Mensch.
»Jetzt fasse ich dich unter den Armen, und dann richten wir uns langsam auf, liebe Tante.«
»Nicht wir sagen, junger Mann. Ich muss mich allein aufrichten.«
»Darüber streiten wir uns nicht. Wir müssen sehen, ob du auf deinen Beinen stehen kannst.«
»Natürlich kann ich auf meinen Beinen stehen, Ketil.«
Sie richtet sich auf. Ich halte sie fest. Merke, wie dünn sie geworden ist. Die Arme. Fast nur Knochen. Sie muss krank sein. Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen, und meine Eltern haben nichts gesagt.
»Du kannst dich da drüben auf die Treppe setzen, und dann gehe ich zum Taxistand am Thomas Heftyes plass und hole uns einen Wagen.«
»Nein«, sagt sie energisch. »Ich bin doch fast zu Hause. Und du hast sicher eine Verabredung.«
»Natürlich bringe ich dich nach Hause.«
»Ich kenne dich zu gut. Du bist ein vielbeschäftigter Mann. Mit wem bist du verabredet?«
»Kjell Bækkelund.«
»Meine Güte. Wann sollst du da sein?«
»Vor zehn Minuten. Nein, in einer Stunde, meine ich.«
Sie mustert mich mit scharfem Blick. »Du meinst um sieben, nicht wahr? Vor zehn Minuten. Ich bin zwar alt, aber ich bin trotzdem nicht schwachsinnig.«
»Ach, Tante!«
»Ich geh allein.«
»Das tust du nicht.«
Es ist das letzte Mal, dass ich mit ihr durch eine Straße gehe. Sie hat sich bei mir eingehakt wie früher, wenn wir viel zu selten zusammen spazieren waren. Meistens saß sie mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel, entweder in ihrer Wohnung oder bei uns. Sie war immer die Eleganteste, die mit dem feinsten Duft. Von ihr habe ich meine Vorliebe für französische Filme. Sie war die Erste, die Fernsehen hatte. Ich habe sie geliebt. Und ich habe sie einmal zutiefst verletzt. An dem fatalen Silvesterabend 1959, als ich ihr gesagt hatte, dass meine Eltern sie eigentlich gar nicht zu Besuch haben wollten.
»Wo warst du denn?«, frage ich.
»Beim Nähkränzchen. Wir fangen früher an, jetzt, wo wir älter sind.«
»Natürlich«, sage ich.
»Wir waren sechs«, sagt sie mit einem traurigen Lächeln. »Jetzt sind wir nur noch zwei. Aber wir können nicht aufhören, es ein Kränzchen zu nennen.«
Ich gehe neben ihr her und höre zu. Auch ihre Stimme ist schwächer geworden.
»Du musst besser auf dich aufpassen«, sage ich.
»Ich habe immer auf mich aufgepasst«, sagt sie.
Ja, denke ich. Sie hat immer allein gelebt.
»Du?«, fragt Bækkelund, als er die Tür einen Spaltbreit öffnet und demonstrativ auf die Uhr schaut. Er trägt ein weißes Hemd und eine Wollweste, wie sie nur Zeitungsredakteure oder Dorftrottel tragen. Das Design der Macht. Als ob man die allerreichsten Amerikaner mit rosakarierten Jacken die allerfeinsten Restaurants betreten sieht.
»Meine Tante ist gestürzt. Meine Lieblingstante.«
»Erzähl mir bitte nichts über deine Tante. Wen wird sie wohl wählen, wenn sie hier in der Gegend wohnt? Die Konservativen natürlich. Meinen alten Freund Albert Nordengen. Aber es gibt für alles eine Grenze. Wenn die Sozialdemokraten im Osloer Rathaus die Macht hätten, gäbe es jedenfalls Verstand genug, um auf den Bürgersteigen zu streuen. Ich gehe davon aus, dass sie sich auch diesmal nichts gebrochen hat. Komm rein.«
Ich denke, das hier ist ein Meilenstein, etwas, woran ich mich den Rest meines Lebens erinnere. Ein privater Besuch bei Kjell Bækkelund. Zum ersten Mal betrete ich die Patriziervilla am Olaf Kyrres plass, die für mich Macht bedeutet. Große politische und kulturelle Macht. Durch diese Tür ist erst vor Kurzem die gesamte norwegische Regierung geschritten. Jetzt komme ich als einziger Gast.
Kälte schlägt mir entgegen. Bækkelund registriert, dass ich das spüre.
»Wir verschwenden nichts«, sagt er. »Es wäre Wahnsinn, im ganzen Haus zu heizen.«
»Natürlich«, sage ich. Wir bleiben in der Diele stehen. Aus dem ersten Stock höre ich eine Frauenstimme, die leise telefoniert. Ich weiß, wer das ist. Die Schauspielerin Ingerid Vardund. Die die Hauptrolle in Elskere gespielt hat. Die Zeitungen haben über sie und Bækkelund geschrieben. Mutter hat immer schon gesagt, Bækkelund steht auf schöne Damen.
»Ins Wohnzimmer?«
»Nein, in die Küche.«
Ich nehme den Geruch von Schweinerippe wahr. Ach ja, denke ich. So ist es richtig. Ein Festmahl mit Wein und brennenden Kerzen. Denkt er an die Wahlen im nächsten Jahr? An einen neuen Minister? Etwas Junges und Frisches. Weder Bratteli noch Nordli hatten Minister, die die Jugend begeistern konnten. Nach all dem Schönen, das er über mich geschrieben hat, muss er einen Plan haben. Bækkelund lässt sich zu keiner Begegnung mit jemandem herab, mit dem er keinen Plan hat.
»Hast du Hunger? Möchtest du Kekse?«
»Ja, gern.«
»Auch Kaffee?«
»Danke, ja.«
Ich verspüre ein plötzliches Unbehagen. Der Geruch nach Schweinerippe ist jetzt noch stärker. Der kleine Esstisch ist mit zwei Tellern und zwei Rotweingläsern gedeckt, aber er geht mit mir ins Wohnzimmer, wo die vielen Lithografien mit den Widmungen all seiner Freunde unter den Künstlern neben- und übereinander hängen.
»Also, was machst du denn so, Ketil?«
»Ich?«
»Ja. Dieses neue Album, das bald erscheinen wird. Tideverv?«
»Tidevann.«
»Ja, genau. Aber ist das eigentlich Jazz?«
»Nein«, sage ich. »Ich betrachte mich nicht als Jazzmusiker.«
Er nickt, zufrieden, fast erleichtert. »Hab ich mir’s doch gedacht«, sagt er.
Wir schweigen.
»Noch ein paar Kekse?«
»Nein, danke.«
»Ich kenne Friedrich Gulda«, sagt er plötzlich.
»Ein guter Pianist«, gebe ich zurück.
»Aber er spielt auch keinen Jazz«, sagte Bækkelund. »Er tut nur so.«
»Ja, das tun viele von uns«, sage ich.
Er nickt zufrieden. Ich habe ein Geständnis gemacht.
Ist das alles, was er von mir will? Ist das der Grund, warum er mich von Sandøya nach Oslo bestellt hat? Will er mich nicht fragen, ob ich mir vorstellen könnte, in die Sozialdemokratische Partei einzutreten? Hat er denn gar keine Verwendung für mich? Hat er einfach nur Angst, ich könnte etwas gelernt haben, das er selbst nicht beherrscht? Kein klassischer Pianist von Format kann Jazz spielen. Nicht einmal Friedrich Gulda. Bækkelund weiß das. Ich weiß das. Aber er scheint darauf zu warten, dass ich es schaffe. Würde ihn das dann ärgern? Ihn eifersüchtig machen?
Zehn Minuten darauf steht er in der Türöffnung und wünscht mir noch einen schönen Abend.
»Nett, dass du dir die Zeit genommen hast.«
»Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin.«
»Das spielt keine Rolle. Ich hatte ohnehin heute Abend nichts anderes vor.«
»Wie denkst du über Reagan?«, frage ich, mit dem plötzlichen Bedürfnis, mich wichtig zu fühlen. »Glaubst du, er wird es schaffen?«
»Natürlich wird er es niemals schaffen. Ein schnöder zweitrangiger Schauspieler. Keine Sorge, mein Junge. Wir haben die Sache im Griff. Ich mache mir größere Sorgen, ob unsere Partei im nächsten Jahr die Parlamentswahlen gewinnen wird. Willoch ist ein Schlaukopf.«
Er lächelt sein bekanntes Lächeln. Steht da mit seinem Bäuchlein. Seine graue Hose ist schon häufiger gewaschen worden. Diese lispelnde Selbstsicherheit. Die freundliche, aber bestimmte Weise, wie er mich vor die Tür setzt, während Ingerid Vardund noch immer telefoniert. Man weiß nicht, ob er eigentlich sarkastisch oder todernst ist.
»Dann viel Glück mit dem Jazz, Ketil. Und geh vorsichtig.«
5.
Ich sitze im Norum. An einem Dienstagabend im Januar sind nur sehr wenige Gäste in der Bar und fast keine im Restaurant. Ich setze mich allein an den Fenstertisch, an dem ich immer mit Ole gesessen habe. Die Kellnerin erinnert mich an Ingerid Vardund. Ich bestelle einen Aperitif, eine Flasche Rotwein und ein Filet Mignon.
Ich habe das Gefühl, nach der vergangenen Nacht noch immer nicht richtig aufgestanden zu sein. Wach zu liegen. Während alle anderen schlafen.
Ich denke an Tante Svanhild. Ich denke an Kjell Bækkelund. Zwei ungeheuer verschiedene Welten. Und ich stehe dazwischen. Das Einzige, was wir alle gemeinsam haben, ist die Musik.
Eine gute Stunde später stehe ich in einer Toilettenkabine unten im Keller und übergebe mich. Die widerlichen Sekunden, ehe der Körper bereit ist. Die Verwirrung in meinen Innereien, als ich den Finger in den Hals stecke. Der Versuch des Körpers, das zu verweigern, was das Gehirn ihm befiehlt. Dann spüre ich die Welle. Das befreiende Gefühl, wenn alles Essen wieder heraufkommt. Die schockierende Kraft der Kotze. Den widerlichen, sauren Geschmack. Den unerträglichen Geruch.
Das kommt von mir, denke ich. Nur von mir.
Als ich am nächsten Morgen nach Sandøya fahre, höre ich im Autoradio, dass Präsident Jimmy Carter weiterhin mit einem Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau droht. Er verlangt den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan innerhalb von vier Wochen. Aber die Besatzer sind noch immer im Land. Der norwegische Nachrichtensprecher ist nüchtern und scheinbar neutral. In Mekka haben die saudi-arabischen Behörden 63 Personen enthaupten lassen. In Indien ist Indira Gandhi zur Premierministerin gewählt worden. Danach ist in der Sendung Nitimen Kjell Edlund zu hören. Nach Chanson d’Amour in Acker Bilks schrecklicher Klarinettenversion erkenne ich Pink Floyd. Den aggressiven und zugleich so befreienden Jugendchor aus The Wall. Etwas einreißen. Sich nichts vorschreiben lassen. We don’t need no education. We don’t need no thought control. Eine Mauer, die eingerissen werden soll. Das Symbol ist so klar. Die Mauern, die deutlich aufragen in unserem Leben. In der Welt draußen. Ich versuche, mitzusingen. Aber es klingt einfach albern. »Scheiße!«, rufe ich plötzlich, mit einer Aggression, von der ich nicht weiß, wozu ich sie benutzen soll. Dann drehe ich das Radio aus.
Auf Sandøya laufe ich bis hinaus nach Klåholmen und über den äußeren Weg zurück nach Hella. Draußen am Strand schnuppere ich im Südwestwind, der plötzlich milderes Wetter bringt. Es ist so schön, einfach nur hier zu stehen, ohne einen einzigen Plan oder eine Idee im Kopf. Keine Zukunft und fast keine Vergangenheit. Ich betaste unter dem Jogginganzug meine Rippen. Im Haus steige ich auf die Waage. Noch ein Kilo ist von meinem Körper verschwunden. Beim bloßen Gedanken ans Abendessen möchte ich mich schon übergeben.
Die Schallplattenfirma hat mir die Pretenders geschickt. Zum ersten Mal höre ich Chrissie Hynde. Die dunkle, fast maskuline Stimme. Das aggressive Klangbild, die souveränen Melodien. Am selben Nachmittag gehe ich mit der Platte zu Birthe und Eyvind in die alte Schule. Es ist so schön, dass die beiden von jetzt an auf der Insel sein werden. Dass auch sie wirklich hier wohnen wollen. Im Winter waren wir knapp 250 Menschen. Jetzt sind wir 252.
Wir sitzen zusammen, den ganzen Abend. Wir reden über die Musikgruppe, die wir gründen wollen. Und über die Literaturgruppe. Den Filmclub. Die Filmvorführer von Norsk Bygdekino reisen durch das ganze Land. Warum können sie nicht auch nach Sandøya kommen? Doch, denke ich. Das hier ist doch die Welt. Unsere Welt. Mit dem Meer um uns herum, auf allen Seiten. Von hier aus können wir Amerika ins Schaukeln bringen. Der Abend wird lang. Es gibt so vieles, was wir einander vorspielen wollen. Wir sind doch nicht diesen weiten Weg gekommen, um uns voreinander zu verstecken.
Birthe und Eyvind tischen selbstgebackenes Brot, Butter, Käse und Rotwein auf. Ich kann es nicht lassen, die Butter dick zu schmieren.
Um ein Uhr nachts stehe ich vor dem Haus im Gebüsch und übergebe mich. Sie dürfen es nicht sehen. Es ist das zweite Mal an diesem Tag.
6.
Kristin und Trond-Viggo werden heiraten. Er und die Andere fahren zum Fest nach Oslo. Die Einladung auf Bütten und mit Tinte geschrieben. Nicht zur Trauung an sich, sondern zum großen Fest danach, im Gabelshus, wo die beiden vornehmen Familien mit ihrem Hintergrund von Holmenkollen, Montebello und Nordstrand in ihren Smokings und Ballkleidern zusammenströmen werden, mit fast ebenso großer Prachtentfaltung wie damals, als die Capulets und die Montagues in Veronas Palästen residierten. Und auch wenn ihre Freunde nicht Romeo und Julia sind, hat dieses verliebte junge Paar dieselbe blendende Heftigkeit und Entschlossenheit. »Stell dir vor, zu heiraten, nur wenige Monate nachdem sie sich kennengelernt haben!«, hatte Tante Svanhild gesagt, mit einem entzückten Gurren, an dem Abend, als er sie zu ihrer Wohnung in der Gabels gate begleitet hatte.
Es ist so schnell gegangen. Kristin und Trond-Viggo saßen im vorigen Sommer bei ihnen auf dem Balkon, frisch verliebt, schön, unwiderstehlich. Sie waren alle vier gleichermaßen miteinander befreundet, nicht die einen oder anderen untereinander und die beiden anderen als Lebensgefährtin oder Partner, sondern auf gleicher Ebene, wie unter Nachbarn, ein Quartett mit vier verschiedenen Stimmen. Das war neu und spannend. Alles ist neu und spannend, denkt er, auch wenn sich alles in ihm verkrampft, wenn er allein seine Touren nach Hauketangen zurücklegt oder in die andere Richtung und sich fragt, ob diese Heirat einen Erwartungsdruck aufbauen kann, in ihm selbst und überhaupt im Freundeskreis, ob es Grenzen dafür gibt, wie lange man in selbstgestrickten Wollpullovern und ausgewaschenen Jeans herumlaufen und ein sogenanntes freies Leben führen kann. Ob dieses ganze Zusammenleben rein prinzipiell ein Dreck ist, jedenfalls praktisch gesehen, dass alles schwieriger werden würde, falls sie Kinder bekämen. Aber sie bekommen ja keine Kinder, und da nutzt er lieber die tägliche Beängstigungszeit, um sich zu fragen, was in aller Welt sie den beiden schenken sollen. Zu der Anderen hat er gesagt, dass er sich darum kümmern wird, dass er in die Stadt will, nicht nach Arendal, sondern nach Oslo. Wenn so prominente Menschen heiraten, geht man nicht ins Kaufhaus Glassmagasinet in Arendal, sondern zu Steen & Strøm. Das hatte die Andere verstanden und ihm freie Wahl gelassen. Hatte er dabei ein schlecht verhohlenes Lächeln erspäht? Was wusste wohl er über Kerzenleuchter, chinesische Porzellanvasen, Tischdecken aus Damast oder Grafik von Weidemann? Diesmal musste es etwas Richtiges sein. Nicht diese Tobiasse-Drucke, die Damen von Holmenkollen mit Davy Crockett-Mützen in der Stadt für billiges Geld aufkauften und mit denen sie dann später ihre Häuser tapezierten. Théo Tobiasse und Kelims waren der neue Trend. Oder der Provencekram von Anne-Ma Burum. Außerdem lieferte der Laden Flid & Uflid in Majorstuen seine exklusiven Missoni-Stoffe an die neue junge Bourgeoisie, die auf den allerletzten Treppenstufen vor dem »Yuppie-Zeit« genannten Wirtschaftsboom angefangen hatte. Er hat schon vergessen, was er Anne-Marie und Ole zur Hochzeit geschenkt hat. Vielleicht eine Vase? Eine Schüssel? Eine Keramikschale? Einen Spargelkochtopf? Er erinnert sich nur an den Cordanzug zwischen allen Ballkleidern und Smokings. Das soll sich nicht wiederholen. Großer Gott, er ist total fertig beim bloßen Gedanken an dieses Geschenk. Er liegt nachts wach und streichelt Movitz. Er weiß, dass er nur wegen dieses Geschenks nach Oslo fahren muss. Im Moment ist Trond-Viggo der beliebteste Mann in Norwegen, das verdankt er Liedern wie Hjalmar und Tenke sjæl, und bald kommt Kroppen im Fernsehen, die Serie über den menschlichen Körper, von der er ihnen so lebendig erzählt hat, wenn sie sich in letzter Zeit getroffen haben. Die Presse wird zugegen sein, ganz sicher und jedes einzelne Geschenk von Se & Hør fotografieren.
Das Ereignis wird zwei Tage nach dem 56. Geburtstag seiner Mutter stattfinden, da kommt es doch wie gerufen, sie zu feiern und dann, am Tag danach, das richtige Geschenk für die Frischverliebten aufzutun. Seine Mutter war nicht anspruchsvoll. Sie wusste, dass sie am letzten Tag der Abgabefrist für die Steuererklärung Geburtstag hatte, wenn die gestressten Steuerzahler mit krummem Rücken vor dem Finanzamt Schlange standen. An einem grauen Tag im Zeichen von Finanzen und Besorgnissen, weit entfernt vom grenzenlosen Wassermanngemüt der Mutter, wo Würstchen mit gebratenen Zwiebeln und Krabbensalat schon ein Festmahl bedeuten. Aber diesmal wird zu Hause im Frognervei gefeiert, fast wie in alten Zeiten. Tante Svanhild, bleicher als früher, aber mit einem neuen, verführerischen Parfüm. Sowie sie ihren Neffen erblickt, legt sie sich den Zeigefinger vor die Lippen. Natürlich, nickt er zurück. Er wird niemandem etwas von dem Sturz und ihrer Begegnung in der Bygdøy allé erzählen.
Es gibt Fischpudding in Krabbensoße, serviert in großen Muschelschalen aus Blätterteig, genau wie in alten Zeiten, und deutschen Rheinwein, der so süß ist, dass er ihn fast nicht hinunterbekommen hätte, wenn der Alkoholgehalt nicht wäre. Die schönen Kusinen der Mutter sind auch gekommen, mit einem Duft von Ausland und Bildung. Die sorgfältig ausgewählten Rattanmöbel der Mutter würden niemals in eine Botschafterresidenz passen. Aber alle sind begeistert von der Mutter, der lieben Alfhild, die einen Hang zu brennenden Stearinkerzen hat, auch wenn sie davon niesen muss. Billige Ziergegenstände, die weihnachtlichen Messingengel, die sich noch immer im Kreis drehen. Johan Svendsens Festpolonaise strömt aus den Tandberg-Lautsprechern im Esszimmer. Tormod ist mit seiner Familie aus Nesodden gekommen. Alles ist fast wie früher. Und er verspürt einen Stich Sehnsucht nach der Kindheit, die er nicht mehr hat, als ob er vor einer kleinen Spielhütte steht, für die er jetzt zu groß ist, obwohl er gern hineinkriechen würde. Außerdem war seine Kindheit nicht klein, sie war groß, größer als das, was jetzt ist, ohne dass sich das erklären ließe.




