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»Was wollt ihr den Frischvermählten denn schenken, Ketil?«, fragte Tante Svanhild, als Sherry, Moltebeerlikör und Eierlikör schon eine ganze Weile auf dem Tisch stehen.
Er hat von allem getrunken und antwortet, dass er sich noch nicht entschieden hat.
»Eine Badezimmerwaage kann nützlich sein«, sagt die Mutter.
»Nicht unbedingt romantisch, Alfhild«, sagt der Vater.
»Die Ehe ist nicht romantisch«, sagt die Mutter, dankt ihrem Gatten aber trotzdem mit einer Art Lächeln. Es ist versöhnlich und resigniert zugleich.
Er sieht diese Badezimmerwaage vor sich, mitten auf dem Gabentisch, zwischen edlem Cognac und der Encyclopedia Britannica, während er sich die gutgemeinten Vorschläge anhört, die von allen Seiten über ihn hereinbrechen. Die weltgewandten Kusinen empfehlen ihm Boutiquen, von denen er noch nie gehört hat. Designerläden für Fortgeschrittene, Buddhafiguren, indische Elefanten, Geschlechtsverkehrsskulpturen aus purem Jade, Wandlampen in venezianischem Stil und maurische Spiegel. Aber die Mutter bleibt bei der Badezimmerwaage.
»In der Ehe braucht man praktische Gegenstände. Eine Badezimmerwaage verankert dich im Alltag.«
»Aber du wiegst dich doch nie selbst, Mutter.«
»Spielt keine Rolle. Jedes Haus hat eine Badezimmerwaage.«
Die Mutter zuckt mit den Schultern, will sich deshalb mit niemandem streiten.
»Dann kauf eine feuerfeste Form«, sagt sie nach kurzem Überlegen. Für sie sind die eleganten Vorschläge der Kusinen wie exotische Romane, die sie niemals lesen wird.
»Eine feuerfeste Form, Mutter?« Er hört, dass die Kusinen jetzt lachen.
»Ja, etwas, das nicht platzt, nicht zerbricht. Etwas, aus dem man Kretins servieren kann.«
»Ich liebe Kretins«, sagt der Vater.
Der Sohn schaut sich um. Will niemand sie korrigieren? Nach all den Jahren?
Nein. Hier in diesem Haus heißt es weiterhin Kretin. Fischkretin. Als ob er auf taube Ohren gestoßen ist, wann immer er Gratin gesagt hat, in der Hoffnung, dass die Berichtigung diesmal registriert wird, ohne weitere Kommentare. Er macht noch einen Versuch.
»Ja, Fischgratin schmeckt gut«, sagt er.
»Mutter macht das beste Fischkretin der Welt«, erklärt der Vater, als sitze er eigentlich in einer entscheidenden Vorstandssitzung des Ingenieursverbands, wo jemand ein Misstrauensvotum eingebracht hat. Natürlich weiß er, dass es Gratin heißt. Aber er hat nicht vor, seine geliebte Frau zu korrigieren. Nicht jetzt. Nicht nach so vielen Jahren.
»Feuerfeste Form ist eine gute Idee«, meint schließlich der Bjørnstad-Junge. Er liebt seine Eltern nach solchen Episoden nur noch mehr, als seien es die Schwächen, seine und die der anderen, die die Person ausmachen. Als könne man die Fehler eines Menschen mehr lieben als seine Vorzüge, als erzeuge diese Art von Unbeholfenheit dauerhaftere Gefühle, die man, während die Jahre vergehen, fast nicht mehr korrigieren möchte, so wie er wünscht, dass der alte Eisenwarenhändler in Tvedestand bis zu seinem Tod weiterhin »zum Bleistift« sagt, statt im Alter von achtzig noch lernen zu müssen, dass es zum Beispiel heißt. »Wer weiß, ob nicht alle Dialekte als Sprachfehler angefangen haben?«, wie einer seiner arrogantesten Freunde von Holmenkollåsen gern sagte, entzückt von seinem eigenen Witz. Als er an diesem letzten Januartag des Jahres 1980 hier im Wohnzimmer sitzt, denkt er jedenfalls, dass ihm etwas fehlen würde, wenn diese winzigen Abweichungen von der Normalität aufhörten. Was weiß er von seinen eigenen Abweichungen und Fehlleistungen? Wann lachen sie hinter seinem Rücken? Im Traum macht er immer Fehler, versagt, schafft es nicht. Und es ist fast wie einer seiner ärgsten Versagensträume, als er am nächsten Tag sein Versprechen an die Andere erfüllt, das hier allein zu schaffen, damit sie sich mit ihrer Freundin treffen kann, während er zu Steen & Strøm geht und sieht, welche enormen Entscheidungsmöglichkeiten er wirklich hat, Daunendecken, Wolldecken, Kerzenleuchter aus Silber, Gold und Doublé, Servierlöffel, Gabeln, Kaffeemaschinen. Er spürt, wie ihm der Schweiß ausbricht, das erinnert ihn an seinen Zustand vor großen Konzerten, und er denkt, dass es trotz allem nur um eine Hochzeit geht, aber dass das Geschenk mehr hermachen muss als eine Badezimmerwaage oder eine feuerfeste Form. Es darf zudem nicht zu billig sein. Auch wenn seine Mutter der am wenigsten geizige Mensch ist, den er kennt, ist sie automatisch Gegnerin von teuren Gegenständen. Doch hier bei Steen & Strøm ist einfach alles exklusiv. Ole Paus müsste hier sein, nicht er. Aber er schaut sich um und erregt die Aufmerksamkeit des Verkaufspersonals. Später sollte er an die Filme von Vibeke Løkkeberg denken, den genialen Verrat und den ebenso genialen Die Offenbarung, den schleimigen Vertreter, gespielt von Klaus Hagerup, an dessen seltene Fähigkeit, diese Figur zeitlos, hilflos, unendlich trist zu gestalten, dieselbe Tristesse, die ihn überkommt, wenn er das Wort Kretin hört, der Mensch in seiner ganzen Verletzlichkeit, verstärkt von Marie Tavkam in Die Offenbarung, die herzzerreißenden Szenen, wenn sie versucht, in dem Geschäft, wo sie arbeitet, etwas zu verkaufen. Er lässt sich von seinen eigenen Gedanken ablenken, dem Auffälligen daran, dass die Regisseurin Løkkeberg diese miteinander verwandten Rollen mit einem Schriftsteller und einer Schriftstellerin besetzt hat. Hagerup war zwar auch professioneller Schauspieler, aber beide dichteten, sie war älter, er jünger, aber sie kamen aus demselben linken Milieu, lehnten den Kapitalismus ab. Zeigten sie deshalb, wie ihre Personen in ihrem Netz gefangen waren, in den Dingen, die sie zu verkaufen versuchten, ohne an deren Verkaufswert zu glauben. Sie glaubten ja selbst nicht, dass Lux die beste Seife ist oder dass Omo weißer wäscht. In diesen Filmen sind sie in hilflose Bedienstete des Großkapitals verwandelt. Er wandert an diesem ersten Tag im Februar durch Steen & Strøm, es schneit ein wenig, und die Stadt ist noch immer in Weihnachtsstimmung, obwohl alle Waren auf halben Preis gesetzt sind. Alle hier, die ihm etwas zu verkaufen versuchen, kommen ihm vor wie Rollenfiguren aus Filmen, die er noch nicht gesehen hat. Millionen von ihnen, die um ihre Existenz und Würde kämpfen, dort draußen im Geschäftsgewimmel, genau wie er in seiner kleinen Schöpferwelt, wo es im Grunde auch darum geht, etwas zu verkaufen. Und als in der Küchenabteilung eine reizende ältere Frau auf ihn zukommt, sicher eine mit erwachsenen Kindern, eine, die ihr Leben lang Hausfrau war, die jetzt aber ein Bedürfnis nach selbstständiger Arbeit verspürt, und ihn fragt, ob er etwas Bestimmtes sucht, antwortet er: »Zum Bleistift eine feuerfeste Form!« Ja, er ruft es fast, wie um die Teufel in seiner säkularisierten, infizierten Seele zu besiegen. Die wollen ihn ins tiefe Wasser locken, wo die Gegenstände, die er zu kaufen versucht, aus Gold und Porzellan sind und mehr als zehntausend Kronen kosten, während die Kreditkarten schon in seiner Brieftasche klappern.
»Wir haben feuerfeste Formen im Angebot«, sagt die Frau freudestrahlend. Trügt ihn seine Erinnerung, oder hat sie wirklich seinen Arm gepackt und ihn in die richtige Ecke geführt? Jedenfalls steht er da und sieht sich die letzten sensationellen Produkte von Pillivuyt und Rosenthal an, auf lächerliche Preise herabgesetzt, 39,50 oder noch weniger. Aber das Hochzeitsgeschenk für zwei der besten Freunde kauft man doch nicht im Sonderangebot, denkt er, während die Dame freundlich, leise und pädagogisch auf ihn einredet, dass er jetzt wirklich etwas unwahrscheinlich Günstiges kaufen kann, und sie kann es einpacken und mit einer Schleife versehen und überhaupt. Er redet jetzt schon so lange mit ihr, dass er unbedingt etwas kaufen muss, aber er ist trotzdem noch zurechnungsfähig genug, um zu denken, dass er nicht das Teuerste kaufen will, denn diese weiße feuerfeste Form wird er Kristin und Trond-Viggo auf keinen Fall schenken, auch wenn sie Pillivuyt heißt und französisches Qualitätsporzellan seit 1818 ist, wie es in der Broschüre heißt, die die Frau ihm überreicht. »Ja«, sagt er, nur um hier wegzukommen. »Ich nehme die Kleinste, die mit nur 30 Zentimeter Durchmesser.« Die Frau sieht ihn unsicher an, und ihm geht auf, dass in diesem Moment vielleicht erkannt worden ist, dass hier der Pianist oder Autor, den sie einmal im Fernsehen gesehen hat, im Laden steht und nicht weiß, was sich gehört. »Ist das alles?«, fragt sie ein wenig verkniffen. Und er hört, was sie eigentlich sagt: »Sind Sie wirklich so geizig?« In ihm krampft sich alles zusammen, aber er kann nicht erklären, dass er diese feuerfeste Form sowieso nicht als Hochzeitsgeschenk nehmen kann. Er will noch weiter nach oben im Haus und das Allerschönste suchen. Kronleuchter! Spiegel! Spargelkochtöpfe! Seidenlaken!
Aber als er das Warenhaus verlässt, hat er noch immer nichts anderes gefunden. Diese kleine feuerfeste Form ist das Resultat aller Anstrengungen. Ist das wirklich möglich? Soll dieses Billiggeschenk aus dem Ausverkauf am nächsten Tag in Gabelshus auf dem Gabentisch liegen? Was wird die Andere sagen? Und Kristin und Trond-Viggo? Er geht in Richtung Parlament und fragt sich, ob er vielleicht doch eine Badezimmerwaage kaufen sollte.
Am nächsten Montag ist er wieder in Oslo. Jetzt ist Tidevann angesagt. Die unbehaglichen Texte. Die beim letzten Mal durchgekommen sind. Die übrig blieben. Die Stimmen, die mit dem Nachtwind verschwanden. Ibsen irgendwo in der kühlen Brise. Unruhe, Misstrauen und Eifersucht. Alex und Ole, die sangen. Die Loyalität der beiden. Als ob sie die Texte auf dieselbe Weise lesen könnten, wie er sich das vorgestellt hat, als er sie schrieb. Das meiste liegt doch im Ungesagten.
»Damit kenne ich mich doch aus«, sagt Ole.
Er selbst erleidet einen Schock, als er begreift, wie sehr die Polygram sich engagiert. Für das, was so privat war, dass es fast nicht veröffentlicht werden dürfte. Jetzt bringen sie überall Plakate an. Er sieht sich in natürlicher Größe im Narvesen-Kiosk an der Ecke beim Hotel Continental. Sie wollen ihn auf der Bestsellerliste von VG haben. Aber das Foto wurde vor zwei Monaten gemacht. Da war er zwei Kilo schwerer. Er bringt es nicht über sich, es anzusehen. Ein dicklicher, skeptischer Mann, ohne deutliche Botschaft. Ein Verräter und Lügner.
Und dennoch ist er begeistert davon, was Musiker und Sänger aus diesem Doppelalbum gemacht haben.
Anne Lise von der Polygram, Auduns rechte Hand, wartet in der Suite im Hotel Ambassadør. Sie ist groß und schön. Sie umarmen einander, als wäre es ihre erste Begegnung nach dem nur mit Mühe und Not überlebten Schiffbruch.
Aber es war kein Schiffbruch. Es war nur Erwartung.
»Wie geht’s dir denn da unten auf Sandøya?«, fragt sie.
»Gut.«
»Angelst du? Wirklich?«
»Es kommt vor, dass ich die Angelrute auswerfe.«
»Fängst du etwas?«
»Ab und zu.«
»Was machst du dann? Schneidest du ihnen die Kehle durch?«
»Ich schlage ihnen zuerst auf den Kopf.«
»Hast du nie ein schlechtes Gewissen? Denkst du nie daran, dass du ein Mörder bist?«
Bald wird die Presse anrücken.
»Du hast einen sexy Hintern«, sagt sie neckend und holt Mineralwasser für sie beide.
7.
Robert Mugabe kehrt nach fünfjährigem Exil nach Rhodesien zurück. Ich sitze zusammen mit Tore Olsen im Frognervei. Im großen Wohnzimmer im ersten Stock. Tore kommt von nirgendwo und wird in viel zu wenigen Jahren in dieselbe Richtung verschwinden, auf einer kurvenreichen Winterstraße zwischen Schweden und Norwegen. Alle haben ihn geliebt. Er ist ein sogenannter Loner unter den Musikjournalisten. Deshalb scharen die sich um ihn. Er ist Redakteur der Musikzeitschrift Puls. Dort schreiben die Leute mit den jungen, starken Meinungen. Für kurze Zeit glaubte ich, einer von ihnen zu sein, aber ich stand zu sehr auf der anderen Seite. Ich war nicht der, der zuhörte. Ich war der, der spielte. Dennoch wurden wir aufeinander zugetrieben, als sich die Zeitungen für Rock und Pop öffneten. Ich schrieb für Aftenposten. Tore wollte für Blikk schreiben, die neue Zeitung von Trygve Hegnar. Er wollte mich mit ins Boot holen. Ich zögerte. Ich wollte eigentlich nicht schreiben. Nicht so. Als Pionier. Für den neuen, unabhängigen Musikjournalismus kämpfen. Wie kann man unter Trygve Hegnar unabhängig sein. Bei Puls ist das anders. Alle neuen Generationen entwickeln ein dichtes Netz von mehr oder weniger Intellektuellen, die die Prämissen setzen. So war es zu Hans Jægers Zeit, zu Johan Borgens Zeit, zur Zeit der Studentenbewegung. Diese selbstsicheren jungen Journalisten machten eine Musikzeitschrift, wie sie in Norwegen bisher noch niemand gesehen hatte. Bisher hatten wir Melody Maker, Down Beat und New Musical Express gelesen. Jetzt lasen wir Puls und die fähige Konkurrentin Nye Takter. Die Botschaft von beiden war klar: Don’t bore us. Come to the chorus. Für mich, der sich mit Klavierkonzerten und Symphonien beschäftigt hatte, die niemals weniger als dreißig Minuten dauerten, war es noch immer seltsam, eine Welt zu betreten, in der jedes Lied nach höchstens vier Minuten zu Ende war. Ich hatte die Methode für Leve Patagonia und Och människor ser igjen und teilweise auch bei Tidevann angewandt. Strophe und Refrain. Strophe und Refrain. Aber das war nicht genug. Was zählte, war der Inhalt. Diese jungen und begabten Journalisten wussten, wie die Musik zu klingen hatte, was gut war und was schlecht. Das Arroganzniveau war so hoch und oft so erschreckend, dass es mir unvorstellbar erschien, jemals mit einer dieser Meinungstrompeten gemeinsame Sache zu machen, ja, sie sogar in den neunziger Jahren heiraten zu sollen. Diese Mischung aus Faye Dunaway, Kim Novak, Jane Fonda und Catherine Deneuve. Die Allererste, die genauso war wie eben sie. Die blonde Bombe an sich, C., die ich später Cruella de Vil nennen sollte, das war in scherzender Stimmung, zugleich aber kam ich mir vor wie ein ängstlicher, schwanzwedelnder Dalmatiner. Bewunderung und Ehrfurcht. Denn ich hatte schon angefangen, um diese Menschen herumzuscharwenzeln, versuchte, mich hip und urban zu machen. Hatte angefangen, mich von den selbstgestrickten Pullovern zu verabschieden, war in meine erste Matinique-Boutique gegangen und hatte Hose und Hemd aus mercerisierter Baumwolle erstanden. Immer, wenn ich in Oslo war, wollte ich mit diesen Menschen zusammen sein, wollte ein Teil der guten Gesellschaft werden, der neuen Profilgruppe, diesmal in der Welt der Musik. Sie ließen das aber nicht einfach zu. Sie konnten einen Speichellecker schon auf meilenweite Entfernung entlarven. »Aal in einem Eimer voll Rotz«, wie einer von ihnen sagte. Sie standen nicht auf der Bühne. Sie saßen im Dunkeln und hörten zu. Wenn wir auf dem Podium standen, wussten wir nie, wo im Saal sie waren. Sie blieben für sich. Hatten ihren Geheimcode und waren auch keine Modelöwen der oberflächlichen Sorte. Wenn sie sich dazu herabließen, etwas zu kaufen von dem Geld, das sie vermutlich nicht hatten, dann etwas Teures. Sie waren eine eng verwobene, rauchende Clique mit Büro irgendwo in der Nähe von Bankplassen. Sie waren der neue Wein und die stinkenden Socken zugleich. Sie befanden sich irgendwo zwischen Sexbombe und Brillennerd, mit dem brutalen und zugleich so unwiderstehlichen Tore Olsen und seinem Freund Tom Stiklesæther, dem es gelang, Grünerløkka aussehen zu lassen wie die Lower East Side, wenn er nur durch die Thorvald Meyers gate ging. Mit dem filmstardunklen Jan Omdahl, der wie eine Kreuzung aus Elvis Presley und Robert de Niro wirkte. Wenn ich gewusst hätte, dass der Bluesprofessor Øyvind Pharo mein Verlagslektor werden sollte, hätte ich mich gefragt, ob mir jemand LSD untergeschoben hatte. Was sie miteinander verband, war die Liebe zur Musik. Die Verachtung des Mittelmäßigen, des Pompösen und des Lächerlichen. Alles, was ich nicht wusste, rettete mich. Deshalb sitzt Tore Olsen an einem Vormittag im Februar bei mir zu Hause und zögert. Er mochte nicht als einer von vielen ins Hotel Ambassadør kommen, zusammen mit verachtenswerten Publikationen wie Dagbladet und VG. Er musste trotz allem mit einem Minimum an Respekt behandelt werden, wie er mit einem Lächeln sagte. Dieser seltsame und melancholische Mann, der mich bisweilen an Humphrey Bogart erinnerte. Ich habe ihm soeben das Titelstück vorgespielt, Tidevann.
»Doch, das ist gut. Natürlich ist das gut.« Er zieht eine fast unsichtbare Grimasse. Als ob er sich darauf vorbereitet, eine faule Tomate runterzuschlucken.
»Ja, sind die Musiker nicht hervorragend? Die Begleitung durch Venaas und Thowsen? Riisnæs und Eberson, die sich gegenseitig hochspielen?«
Noch heute kann ich meine junge, naive Stimme hören. Die Teetassen auf dem weißen IKEA-Tisch. Tore, der ein Nicken andeutet, auch wenn er eigentlich den Kopf schüttelt.
»Das gefällt dir wirklich?«, fragt er freundlich. Ich bemerke den Spott nicht sofort. Ich tappe nichtsahnend in die Falle. Er ist genau wie Rowan Atkinson und Griff Rhys Jones in Not the Nine O’Clock News, wo dem armen Mel Smith, der ein Grammofon kaufen will, am Ende Ketchup ins Gesicht gespritzt wird.
»Als wir diese Spur gemischt haben, habe ich gedacht, alles andere hätte ungeschehen bleiben können«, sage ich und schlucke eilig. Ein sicheres Anzeichen für plötzliche Unsicherheit.
»Du bist nicht auf den Gedanken gekommen, es könnte zu gut sein?« Tore Olsen zieht wieder diese unheilverkündende Grimasse.
»Wie kann irgendwas zu gut sein?«
Er zögert. Schluckt ebenfalls. Bestimmt um ein spöttisches Lächeln zu verbergen, denke ich. Er ist der Kritiker, der seinen Standpunkt finden will. Den Kipp-Punkt. Er ist der Wiener Kritiker Eduard Hanslick, der fand, Tschaikowskis Violinkonzert stinke. Plötzlich begreife ich, worauf er hinauswill. Vielleicht habe ich es zum ersten Mal geschafft, sein umwerfendes Ego zu erkennen. Ich bin zwar selbst Kritiker, sehe mich aber nur als jemanden, der den Lesern den Weg weist. Tore Olsen will auch die Musiker beeinflussen. Aus diesem Gedanken ergibt sich die selbstverständliche Überzeugung, dass der Kritiker die Bedingungen vorgibt. Es ist die verdammte Pflicht der Musiker, sich danach zu richten. So hat sich die Kritik von Kunst, Musik und Literatur ohnehin immer schon verhalten, und jetzt mehr denn je. Aber die Besten, die Reflektiertesten und Präzisesten haben eine Botschaft. Sie werden respektiert, weil ihre Meinungen auch für die von Bedeutung sind, die kritisiert werden. Sie sind nicht wie ihre Kollegen, die Schlagzeilenlieferanten. Die Mobber. Die, an die ich denke, während ich im Flughafen von München schreibe, auf dem Heimweg zum Jubiläumskonzert eines lieben Freundes und Musikers. Der Kritiker, der es damals gewagt hat, ihm von sechs möglichen Punkten einen zu geben. Der, der nicht gut genug zugehört hatte. Torheit, verkleidet als Wissen. Wie das Geräusch eines Luftballons, wenn er seinen Inhalt aus sich herauszischt, in die Luft und hinein ins Rampenlicht jagt, um danach zu Boden zu fallen wie ein undefinierbares Häuflein.
»Das gefällt mir nicht«, sagt Tore Olsen, plötzlich ein bisschen verlegen.
»Aber hörst du nicht, dass Pete und Ebers die Dreigriff-Gitarristen, die du mit deinem verdammten Polizeikorps die ganze Zeit hochjubelst, in Grund und Boden spielen?«
»Doch, die sind natürlich tüchtig.«
»Tüchtig!? Und was ist mit Pål, Terje, Trond und Knut? Eine bessere Band findest du nirgendwo. Knut ist im Moment vielleicht einer der weltweit besten Saxophonisten. Pål macht Paul Motian zu einem Tanzkapellenmusiker, Terje lässt Jaco Pastorius lächerlich wirken, und Trond Villa ist ein Geschenk an die Menschheit.«
»Doch, die sind alle tüchtig. Auf ihrer Weise.« Tore rutscht im Sessel hin und her.
»Du wirst uns also eine zurückhaltende Kritik schreiben und stattdessen die Superlative für eine Drecksband aus Rakkestad aufsparen, wo der Drummer so angeknallt ist, dass er mit den Stöcken nie das Becken trifft?«
»Ich kann verstehen, dass du aufgebracht bist«, sagt Tore Olsen peinlich berührt. »Aber ich muss doch meine Meinung sagen. Das ist meine verdammte Pflicht. Dass etwas gut ist, rein technisch, bedeutet nicht, dass der Inhalt gut ist. Sieh dir nur die übelsten naturalistischen Maler an. Überdeutliche Metaphorik.«
»Du klingst jedenfalls mitfühlend«, sage ich tröstend, ohne zu wissen, wen ich hier überhaupt zu trösten versuche.
Er beunruhigt mich. Er ist Verbündeter und Widersacher zugleich. Und dennoch wird er nie zu meinem Freund. Nicht auf die tiefe, vertrauliche Weise. Egal, was Ole macht, ich werde sein Freund sein. Ich werde seine Entscheidungen akzeptieren, so unmöglich sie auch sein mögen. Ich werde durch dick und dünn mit ihm gehen. Er wird das auch für mich tun. In dieser Art Freundschaft gibt es keinen Platz für scharfe Kritik. Aber für Tore Olsen ist etwas anderes wichtiger. Die Wahrheit über die Musik, so wie er sie erlebt. Manchmal, wenn er den Kopf hebt und meinen Blick sucht, liegt dort etwas Suchendes, als erwarte er eine Kapitulation oder vielleicht ein Eingeständnis: »Ja, das ist wirklich schlecht. Ich weiß, dass du die Wahrheit sagst.« Und wenn ich etwas sage, huscht ein Hauch von Erstaunen über sein Gesicht. Etwas fast Verwirrtes. Als habe er allen Ernstes geglaubt, dass ich mich nach all diesen Monaten der Vorbereitungen und der Aufnahmen seinem Gedankensystem einordnen und sagen könnte: »Ja, sicher. Du hast recht. Das ist wirklich schlecht. Schade, dass wir das nicht schon im Studio begriffen haben. Jetzt werde ich die Polygram bitten, die ganze Kiste zurückzuziehen.«
Aber das sage ich nicht.
»Noch Tee?«
»Nein, danke.«
Er steht auf. Wischt sich die Krümel der Rosinenbrötchen ab.
»Gute Rosinenbrötchen kannst du immerhin backen«, sagt er.
»Die habe ich bei Møllhausen gekauft«, sage ich.
»Die sind trotzdem gut«, sagt er.
8.
Vielleicht wird es in diesem Buch mehr um Kritik und Kritiker gehen als in den beiden vorigen. Denn der Kampf um das Überleben wurde gerade in diesem Jahrzehnt intensiver. Ich und einige der Musiker, mit denen ich nach und nach spielte, wie auch Schriftsteller, die ich kennenlernte – wir fühlten uns oft so getroffen, als stünden wir direkt am Rand des Abgrundes.
Ich kannte die Kritiker in zwei Welten. In der Musik und in der Literatur. Ich war selbst Kritiker. Aber ich hielt mich auch darüber auf dem Laufenden, was Theaterkritiker schrieben und die, die sich mit bildender Kunst beschäftigten. Ich erkannte die Methoden. Ich registrierte die unterschiedlichen Menschentypen. Die Annäherung. Mit jedem Jahr wurden sie deutlicher. Ich konnte die Ergebnisse beurteilen, mit den Verurteilten sprechen. Ich war Richter und Verurteilter zugleich.
Es war damals, in den besten Jahren, dass alles gleichzeitig passierte. Glücklich ist, wer auf solche Jahre zurückblicken kann. Man denkt an sie und träumt für den Rest des Lebens von ihnen. Es kann in den Teenagerjahren sein oder gleich nachdem man zwanzig geworden ist. Diese Periode ist die intensivste. Lebt man mit vierzig noch immer so intensiv, wird das Krise genannt, und bist du achtzig und hast noch ebenso große Visionen, wirst du als Trottel bezeichnet. Wenn du jung bist, darfst du. Manche jungen Leute aber haben mehr Glück als andere. Wir, die um 1950 geboren wurden, erlebten, dass die eigene persönliche Befreiung mit einer kulturellen Befreiung zusammenfiel, die sich in der gesamten westlichen Welt ausbreitete. Die Schöpfungsjahre des Rock. Der Durchbruch des Avantgardismus. Die Erneuerung des Jazz. Es ist nicht immer so. Nicht alles ist zu allen Zeiten immer gleich spannend. Das Energieniveau hebt und senkt sich im Rhythmus der Geschehnisse in Politik und Kulturleben. Die Bohèmiens der 1880er Jahre lebten intensiv, denn die Zeit war intensiv. Weil die Konflikte real waren. Weil jemand den Mut hatte, etwas zu sagen. Die Studentenbewegung 1968. Jugend auf den Barrikaden. Wer stand auf den Barrikaden in den acht Jahren, in denen Ronald Reagan regierte? Die Punks? Und in den Jahren von George Bush? Doch, ja, da kam der Hip-Hop. Aber die politische Opposition war schwächer. Das Gefühl, nützlich zu sein, etwas ausrichten zu können. Etwas zu erschaffen. Eine Stimme zu haben, die gehört wird. Bei den Ersten zu sein. Heute kannst du nicht das Radio einschalten, ohne ein junges Mädchen zu hören, das singt wie Joni Mitchell. Aber im Fernsehen sieht man bekannte Personen Dinge tun, von denen sie keine Ahnung haben. Doku-Soaps haben die Sendezeit übernommen, die früher den Kulturprogrammen zukam. Keine Fernsehspiele mehr. Keine großen Konzertübertragungen vom Jazzfestival in Molde. Die stundenlangen Konzerte auf der Lorelei. Im Jahre 2017 fragen wir: Wer soll raus? 1980 fragten wir: Wer soll rein? Es wurde gefragt: Wo ist das Neue? Wohin geht jetzt der Weg? Wer kommt mit? Hat irgendwer die neue LP von David Bowie schon gehört? Was macht der jetzt? Was hast du gesagt? Nile Rodgers?




