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Seht euch 1980 näher an. Als diese Begegnung mit Tore Olsen stattfand, hatte Norwegens staatliche Filmkontrolle soeben Life of Brian wegen des blasphemischen Inhalts verboten. Alfred Hitchcock stirbt. Barbra Streisand singt Woman in Love und Kate Bush singt Babooshka.
Jemanden herausnehmen. Jemanden hereinholen. Das war die Aufgabe der Kritiker. Ich schrieb nicht mehr so viele Rezensionen wie vorher. Außerdem machte ich einen Bogen um norwegische Musiker, mit wenigen Ausnahmen. Die eigentliche Schlussfolgerung war mir unbehaglich. Warum soll gerade die den Kritikern vorbehalten sein, wenn alle anderen Glieder in der Kette, Schriftsteller, Musiker, Produzent, Verleger wissen, dass kein Urteil über ein Kunstwerk absolut sein kann? Das Fragezeichen liegt immer näher an der Wahrheit als das Ausrufezeichen. Außerdem hat das Fragezeichen Ähnlichkeit mit einem F-Schlüssel.
Eines Tages werde ich mich zwingen, noch einmal alle meine alten Rezensionen zu lesen. Ich weiß, dass es mir furchtbar peinlich sein wird. Ich bin früheren Kritikern begegnet, die sich nicht einmal mehr daran erinnern können, was sie geschrieben haben. Wir kommen alle nicht ungeschoren davon. Ich weiß, dass ich oft bereuen werde, was ich in der Zeitung geschrieben habe. Öfter, als ich das bereuen werde, was ich in Romanen geschrieben habe. Ich werde nicht immer stolz sein, auch wenn ich nie die Schlachterschürze vorgebunden habe.
Jemanden hereinholen. Jemanden herausnehmen. Das klingt fast militärisch. Aber darauf basieren die heutigen Reality-Serien. Jemand muss entfernt werden. Verschwinden. Am Ende ist nur eine einzige Person übrig. Der Sieger oder die Siegerin. Jemanden verschwinden zu lassen bedeutet auf gut Norwegisch eigentlich: jemanden umbringen. Aber nichts ist eindeutig. In Libyen haben norwegische Jagdflieger viele Wochen lang Menschen verschwinden lassen, ohne auch nur zu wissen, was sie bombardierten. Das heißt, sie ließen sie nicht verschwinden, sie ließen sie einfach in einer Blutlache in der Wüste liegen, während sie ihr Tempo steigerten, hoch oben am Himmel, und zum nächsten Ort weiterflogen, wo sich jemand bewegte. Aber nach der Bombe im Regierungsviertel und dem Massaker auf Utøya sprachen wir nur über Gemeinschaft, darüber, dass jedes Leben unersetzlich ist. »Ist es nicht an der Zeit, dass wir anfangen, uns wie Menschen zu benehmen?«, fragte der Philosoph Arne Næss, als er sich anschickte, die Organisation Fremtiden i våre hender zu gründen. Nun zitierten wir Nordahl Grieg: »Still bewegt sich das glitzernde Band der Granaten. Haltet ihren Zug in den Tod an, haltet ihn mit Geist auf.« Musik ist Geist. Das hätten auf jeden Fall meine alten Lehrer an der Waldorfschule gesagt. Als uns die Ausmaße der Katastrophe aufzugehen begannen, und als die Zahlen der Toten von Utøya bekanntgegeben wurden, brachte der NRK die ganze Zeit Musik.
Musik ist immer die Rettung, wenn wir anfangen, über die Wörter zu stolpern.
9.
Movitz liegt mit riesigen Wunden im Sessel von Hødnebø. Immer wieder leckt er sich die offenen roten Fleischflächen. Wir haben es aufgegeben, ihn zum Tierarzt zu schaffen. Nicht einmal ein Trichter um den Hals hindert ihn daran, seine Freiheit zurückzuerobern. Seine Methode ist: beißen, kratzen, reißen, kämpfen und danach lammfromm werden. An diesen Winterabenden nehme ich ihn oft auf den Schoß und denke, dass er es geschafft hat, seine Mutter zu schwängern, dass er das vielleicht noch mehrere Male tun wird, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Er wird zwischen meinen Händen auf meinem Schoß zu einem Kätzchen. Er schaut aus zusammengekniffenen Augen zu mir hoch, vertrauensvoll wie ein Kind. Weiß er, wie sehr ich über ihn bestimmen kann? Dass ich mit ihm zum Tierarzt gehen und um eine Giftspritze bitten kann? Aber das wollen wir doch nicht. Wir wollen ihn so lange wie möglich behalten. Viele der Liebkosungen, die wir einander geben, gehen über ihn. Wenn wir Movitz streicheln, streicheln wir uns gegenseitig und streicheln zugleich das Haus, in dem wir wohnen, das uns beschützt und einen Rahmen um unsere Leben zieht.
Eines Morgens liegt ein Brief im Briefkasten. Ich erkenne die Handschrift. Es ist die von Lill Lindfors. Keine andere schreibt so schön und frei, mit großen, verführerischen Schlingen, die doch immer scharf und zielgerichtet sind. Eine Frau, die ihrer selbst sicher ist und weiß, was sie will. Wenn ich nur auch so wäre.
An diesem Abend sitze ich neben der Anderen vor dem Kamin und zeige ihr den Brief. Er ist so persönlich und vertrauensvoll. Eine ganze LP, nur mit meinen Texten und Melodien. Aufnahmen schon im Mai in Stockholm.
»Selbstverständlich musst du das tun«, sagt die Andere.
Nichts ist selbstverständlich, denke ich.
Der Brief kam in einer Zeit der kreativen Auflösung. Keine neuen Ideen. Kein Wille. Nur das übergeordnete Ziel: Noch mehr abnehmen. Straff werden. Hart. Stark.
Ich antworte ihr, zitternd und bewegt. Eine Ehre. Eine große Möglichkeit. Ich weiß nicht, wie ich danken soll. Das Vertrauen, das sie mir erweist.
Ich werde also wieder Lieder schreiben. Hatte gedacht, ich würde einen Roman schreiben, aber der kann warten. In Lake Placid gewinnt der Schlittschuhläufer Eric Heiden aus den USA bei den Olympischen Spielen über alle Herrendistanzen. Ich sitze abends mit Tore zusammen und sehe mir diese wahnwitzige Degradierung an, die Schlittschuhnorwegen in die Verzweiflung treibt, bis Bjørg-Eva Jensen auf 3000 Meter Gold holt. An jedem Tag denke ich an den Sänger, der besser Elvis singen konnte als der Meister selbst. Jetzt liegt er im Krankenhaus und stirbt. Anne Lise hatte ihn besucht, als Freundin und als Vertreterin der Plattenfirma.
»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, hatte sie gefragt.
»Nichts«, hatte er geantwortet. »Ich wünschte nur, ich könnte leben, bis die Olympischen Spiele zu Ende sind.«
Sowie Anne Lise mir von diesem Gespräch erzählt hatte, verspürte ich eine neue und fast beängstigende Traurigkeit. War das Todesangst? Bei jedem neuen Lauf, bei jedem neuen Gold, näherte sich der Elvis-Junge weiter seinem Ende. Was, wenn er bis zur Abschlussfeier lebte? Und bis zur Zeit danach? Die doppelte Leere. Alle Geschehnisse waren erledigt, bei den Olympischen Spielen und in seinem Leben. Per Hansson, Oles alter Freund, hatte zwei Jahre zuvor darüber geschrieben, in Den siste veien, über den 22 Jahre alten krebskranken Ola, der wusste, dass er sterben würde, dem aber eine letzte Auslandsreise geschenkt wurde. Der Schmerz, als er nach Hause kam. Der Tod, der wartete. Ola sagte: »Worauf kann ich mich denn jetzt noch freuen?«
Es ist der Abend, an dem die Bohrinsel Alexander Kielland in der Nordsee umkippt. Ein wilder Sturm tobt. Die Bohrinsel wurde von der französischen Werft CFEM als Bohrinsel gebaut, aber die Reederei Stavanger Drilling II AS benutzt sie schon seit langer Zeit zum Wohnen. Eine Rohrleitung zum Meeresgrund hat es unmöglich gemacht, alle zehn Verankerungsstreben einzusetzen, die die französische Werft für die Verwendung in einem sturmreichen Meeresgebiet voraussetzt. Nur acht sind in Gebrauch. Plötzlich knickt ein Bein ab. Zwischen den Beinen C und D gibt es keine Streben wie zwischen den anderen Beinen. Dort sollte Platz geschaffen werden für die Versorgungsschiffe. Aber das D-Bein bricht. Ohne Vorwarnung kippt die riesige Konstruktion zur Seite und nur Sekunden später liegen die Ölarbeiter im Meer, sind in den Wellen vollkommen hilflos. Ein Hubschrauber ist fünf Minuten entfernt, doch dem wird der Befehl zum Umkehren erteilt. Ein Freund von mir ist an Bord. Schichtwechsel. Einige sollten die Bohrinsel verlassen. Andere sollten dort abgesetzt werden. Aber jetzt ist die Bohrinsel umgekippt. Im eiskalten Wasser kämpfen viele um ihr Leben. 123 von diesen Menschen finden den Tod.
Eine Nachbarin kommt weinend hereingestürzt.
»Die Alexander Kielland«, ruft sie. »Die ist umgekippt!«
Wir wissen, was das bedeutet. Unser Freund. Ist er nicht gerade dort draußen?
Wir schalten Radio und Fernseher ein. Lauschen auf beides. Draußen in der Nordsee scheint sich ein furchtbares Drama abzuspielen. Unser Freund. Kämpft er mit den Wellen? Ist er schon tot? Werden wir ihn niemals wiedersehen? Ich habe den Tod durch Ertrinken immer für den entsetzlichsten gehalten. Sich nicht über Wasser halten können. Aufgeben müssen. Der Schock, wenn man nicht mehr durchhalten kann, wenn der Körper sagt, dass man atmen muss. Der Augenblick, wenn man Waser schluckt, spürt, dass sich die Lunge füllt, dass diese Bewegung, die jeder Mensch ausführt, Tausende Male an einem Tag, jetzt die Vorankündigung des Todes ist. Wie lange arbeitet das Bewusstsein? Kann man noch begreifen, dass man ertrinkt? Gibt es keine Versöhnung? Nur den kalten, salzigen, düsteren Tod? Trond-Viggo hat mich auf ein Lehrbuch der Rechtsmedizin aufmerksam gemacht. Sowie er davon erzählt hatte, rief ich bei Norli in der Universitetsgate an und bestellte ein Exemplar. Als das Buch im Briefkasten lag, packte ich es mit zitternden Händen aus. Was würde ich darin finden?
Die Bilder waren schlimmer als alles, worauf ich vorbereitet war. Ich hatte bisher erst einmal einen toten Menschen gesehen, als einer der älteren Nachbarn auf dem Küchenboden zusammenbrach, nachdem er nach einer Beerdigung in der Kirche von Dypvåg, von der er soeben nach Hause gekommen war, die Flagge gehisst hatte. Wir hörten den Aufprall bis zu uns, mehrere hundert Meter weit weg. Als wie angerannt kamen, stand die Tür offen. In der Küche lag er auf dem Rücken, mit gläsernen Augen, die in die Ewigkeit starrten. Wir standen nur da und glotzten, unschlüssig, trauten uns nicht, ihn anzufassen, etwas zu tun. Aber eine andere Nachbarin, die in Bergen Narkoseschwester gewesen war, kam angestürzt und fiel neben ihm auf die Knie, öffnete seinen Mund und begann mit Wiederbelebungsversuchen, schickte ihren eigenen Atem in seine Lunge, presste ihm die Brust, tat alles, was in einer solchen Situation richtig ist, wozu wir jedoch nicht in der Lage waren. Wir standen nur da, sahen zu und schämten uns. Und als ich das Buch der Rechtsmedizin aufschlug, verspürte ich dasselbe Gefühl des Unbehagens. Was ich dort sah, war so entsetzlich. Menschen, die sich erhängt hatten, die mich anstarrten, mit hängender Zunge, Menschen, die sich den halben Kopf weggeschossen hatten. Aber das Schlimmste waren die Ertrunkenen, das offene Entsetzen, das noch immer ihre Gesichter prägte, die Schaumblasen um die Lippen. Die Überraschung im Blick, als ob der Todeskampf noch nicht zu Ende wäre. Es war einfach nicht zu ertragen.
Auch in dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Wo war unser Freund jetzt? Lag er auf dem Meeresgrund? Hatte er Schaum vor dem Mund? Würden die, die ihn vielleicht irgendwann herausholten, das Entsetzen in seinen Augen sehen? Ich wartete auf Movitz, hörte aber nicht den Aufprall auf der Veranda. Sicher war er wieder auf Mädchenjagd gezogen.
Ich dachte daran, was Caryl Chessman geschrieben hatte, ehe er im Gefängnis von San Quentin mit Gas ermordet wurde: Dass der Tod zu groß war, um erfasst zu werden, dass ihm schwindlig wurde, wenn er nur daran dachte.
Die ganze Nation scheint getroffen worden zu sein. Das Öl ist unsere neue Identität. Diese Industrie war bisher von fast visionärem Optimismus geprägt. Während Landwirtschaft und Fischerei von Konflikten und internationalen Vorschriften, Zollschranken und Verordnungen geprägt sind, die wir nicht begreifen, die nicht einmal die begreifen, die mit am Verhandlungstisch sitzen, hat das Öl, mit Statoil und dem Inselnachbarn Arve Johnsen an der Spitze, die schlichte Botschaft verkünden können: Da unten auf dem Meeresgrund liegt schwarzes, gleißendes Gold. Es braucht nur hochgeholt zu werden. Wir alle werden an diesem neuen, unvorstellbaren Reichtum teilhaben, und die, die das Glück haben, dort draußen zu arbeiten, leben wie im Luxushotel. Von den Tauchern ist nie die Rede. Denen, die in unvorstellbare Tiefen versenkt werden und deren Leben zerstört wird. Nein, wir reden über die anderen. Die, die an sogenannten Elektronengehirnen sitzen und sich Zahlen und Kurven ansehen. Die, die Rohre zusammenstecken, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Die, die zum Frühstück frisch gebratene Schweinerippe bekommen, Räucherlachs und Rührei, Räucherlamm, Lutefisk, Kabeljau und Speck. Frisch aufgebrühten Kaffee, Cola und Sprite, Schokolade mit Sahne und Darjeelingtee. Der Wohlstand kennt keine Grenzen. Sie haben in der Lotterie gewonnen. Der Arbeitsplatz weit draußen im Meer war ein Kulturprodukt. Alexander Kielland. Einer der vier Großen. Der Garman und Worse geschrieben hat. Der den Literaturnobelpreis hätte bekommen können. Dass die riesigen Bohrinseln solche Namen erhalten, dass eine Ölgesellschaft sich Saga nennt, sagt nur, dass Selbstvertrauen und Abenteuer zu einem Teil der norwegischen Identität geworden sind.
Nun ist das Schlimmste passiert. Bei einem Flugzeugunglück tritt der Tod oft augenblicklich ein. Aber der bloße Gedanke an die vielen Menschen, die dort mit den riesigen Wellen gerungen haben, macht gewaltigen Eindruck. Ministerpräsident und König finden fast keine Worte. Die Trauerfeiern werden zu Ritualen der Ohnmacht, in denen die Wenigsten Trost finden. Das Mitgefühl der offiziellen Stellen erreicht uns nicht. Die hatten gesagt, das könne nicht passieren. Alles sei sicher. Jetzt war es passiert. Die Alexander Kielland schwimmt noch. Aber die Bohrinsel liegt kopfunter im Wasser.
Einige Tage später spreche ich mit unserem Freund. Er erzählt von dem Sturm, wie schrecklich das war, wie sie sich der Alexander Kielland genähert hatten, es waren nur noch fünf Minuten bis zur Landung, als der Pilot den Befehl zur Umkehr erhielt.
»Wir wussten nicht, was passiert war«, sagt er. »Wir haben eben kehrtgemacht. Ich hatte so viele Freunde dort draußen.«
10.
Er wird zur Teilnahme am Grand Prix eingeladen. Er weiß nicht, ob er sich geehrt oder beleidigt fühlen soll oder ob er etwas missverstanden hat. Aber der NRK will Komponisten herausfordern, die bisher nicht als Verfasser von Popstücken bekannt geworden sind. Als er sieht, wer gefragt wird, begreift er, dass es ernst gemeint ist. Ach was, na ja, dann vielleicht.
Eines Abends, als er auf dem Weg ins Bett ist, bleibt er beim Flügel im Wohnzimmer stehen. Die Lampen sind bereits ausgeschaltet. Da steht er, in der Dunkelheit, kann noch immer die schwarzen und weißen Tasten erkennen. Er denkt an Amalie, seine ewige Klavierlehrerin. Manche sind wie Politiker und Wirtschaftskapitäne, sie platzen wie Trolle. Andere sind ein Leben lang Autoritäten. Es schmerzt ihn bis ins Mark, dass sie sich nie mehr treffen. Über Lindholm weiß er auch nichts. Die beiden, die seine Ersatzeltern waren, wohnen noch immer in dem Haus im Ruglandsvei. Sie machen weiter mit ihrem Leben, als wäre nichts geschehen. Ob sie sich an ihn erinnern? Erinnern sie sich an die Erwartungen, die sie ihm in den Rucksack gepackt hatten, ehe sie ihm alles Gute für die Reise wünschten?
Er erinnert sich jedenfalls an die beiden. Er erinnert sich daran, wie gut es war, dass über ihn entschieden wurde. Dass jemand den Weg ausgesucht hatte, ohne dass sie mit Wegweisern vor ihm standen und mit den Armen fuchtelten. Sie führten ihn behutsam, alle beide, wie einen Blinden. Ab und zu berührten sie seine Schultern. Andere Male versetzten sie ihm einen Stups in den Rücken, brachten ihn dazu, aufzuwachen, sich umzusehen. Der Bruch mit Lindholm war schicksalhafter als der mit Amalie. Lindholms Wünsche waren so konkret. Goetheanum. Anthroposophie. Geisteswissenschaft. Er lehnte dankend ab, so höflich er konnte, nachdem Lindholm seine ersten veröffentlichten Gedichte geradezu in Fetzen gerissen und an die Wand geworfen hatte, gleich neben dem Kamin. Bei Amalie war das nicht so. Er glitt von ihr fort, als befänden sie sich beide auf dem großen Strom, dem Strom des Lebens, dem Strom von Huckleberry Finn. Er stellte sich das oft so vor: Dass er von einer Strömung erfasst wurde, fortgeschwemmt, in die Mangrovenwälder, dass er im Dickicht unter den Zweigen verschwand, dass sie ihn nicht mehr sehen konnte. Sie rief nach ihm, von dem Floß aus, auf dem sie saß, mitten auf dem Strom. Aber er gab keine Antwort. Er saß mäuschenstill da und wusste, dass er von nun an allein zurechtkommen musste. Und das auch wollte, um jeden Preis.
Aber Popmusik? Eine Strophe samt Refrain? So weit entfernt von den Sonaten und Symphonien, die er im Rucksack mitgenommen hatte. Etwas vereinfacht, überdeutlich. Wann sah man diese Grenze selbst? Wann begriff der Schriftsteller, dass er überflüssige Sätze schrieb? Wann begriff der Komponist, dass seine Musik flach geworden war? Wann war man ein Genie und wann war man nur ein Tropf? Er stand dort am Flügel, in jenem Spätwinter, und dachte an Amalies tiefe Liebe zu Beethoven. Für sie war Beethoven der absolute Schwerpunkt der Musikgeschichte. Sie hatte Jahre ihres Lebens benutzt, um ein Buch über ihn zu schreiben. Sie teilte die Musik in »vor« und »nach Beethoven« ein. Ihr größter Wunsch war es, dass ihr Schüler, der Bjørnstad-Junge, die drei letzten Klaviersonaten spielte, Opus 109, 110 und 111, in ein und demselben Konzert. Er hatte angefangen zu üben. Er war weit gekommen, hatte die ersten beiden bewältigt, doch als er mit dem Üben von 111 anfing, lernte er Ole Paus kennen, und das Leben schlug eine ganz andere Richtung ein.
Plötzlich hat er Lust, wieder Beethoven zu spielen.
Um sich gegen die Popmusik zu wehren, die Amalie aus tiefstem Herzen gehasst hat?
Er weiß es nicht. Die klassische Musik ist so komplex, aber die sogenannte Populärmusik macht ihm ebenfalls sehr große Freude. Beethoven steht da, egal wie. In der Mitte der Musikgeschichte steht Beethoven. Er ist fast fünfzig, als er im Sommer 1819 eine Abmachung mit dem Musikverleger Moritz Schlesinger eingeht. Er soll neue Musik schreiben. Er bekommt 60 Dukaten für 25 neue Lieder, und 90 Dukaten für drei Klaviersonaten. Amalie vergaß niemals diese Perspektive, die in Mozarts Biografie noch deutlicher wurde. Der Kampf um das Dasein, um das Überleben. Damals war das schwieriger. Die Bourgeoisie bezahlte nicht mit Geld, sondern mit Gegenständen, gern mit Schnupftabakdosen. Die Verleger dagegen verhandelten mit den Komponisten. Beethoven bat um 120 Dukaten für diese drei Sonaten und wollte die Rechte für England und Schottland selbst behalten. Es endete also mit 90 Dukaten. Das war die Vorgeschichte von dreien der größten und sagenumwobensten Klaviersonaten der Musikliteratur.
Er hatte eine gleich starke Beziehung zu allen dreien, aber am meisten geübt hatte er die Sonate in As-Dur. Sie wurde 1821 vollendet, verspätet aufgrund von Beethovens Gesundheitszustand. Beethoven war geschwächt durch Gelbsucht und hatte während des Winters mehrere rheumatische Anfälle erlitten, die ihm die Arbeit unmöglich machten. Amalie betonte immer wieder, dass Beethoven ein Nervenmensch gewesen sei, erfüllt von Besorgnis und Willen gleichermaßen.
Ja, er erinnert sich so gut an die Zeit, in der er an dieser Musik gearbeitet hat. Ihm war, als sei Beethoven in diesen Klaviersonaten tief in seine Traumata und Sehnsüchte eingetaucht. Er hatte an Per Sivles unvergessliches Gedicht Ljos gedacht. In dem der Dichter fast flehentlich um »Licht, Licht, mehr Licht« gebeten hatte, in der Hoffnung, dem unvermeidlichen Selbstmord doch noch entgehen zu können. Als er diese drei Sonaten geübt hatte, war ihm der Gedanke gekommen, dass im Ausdruck etwas fast Flehentliches lag, wie in Olav H. Hauges Gedicht. »Das ist der Traum …« Dass etwas geschehen wird. Geschehen muss. Später stellte er dann fest, dass sich auch Milan Kundera auf diese berühmten Beethoven-Sequenzen konzentrierte im Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Tomas, die Hauptperson, ist von Mitgefühl betroffen, aber er sieht das Mitgefühl als Bedrohung, die ihn lähmen und unfähig machen kann zu der Arbeit, die er ausführen möchte. Seine Bindung an eine Frau hindert ihn lange daran, eine andere zu erobern. Aber dann passiert es, und das Mitgefühl nach dem Verrat nimmt ihm die Freude an der Eroberung. In der berühmten Liebesbeziehung zwischen Tomas und Tereza bilden Beethovens Klaviersonaten und die letzten Quartette den Hintergrund für die fast existenzielle Liebesgeschichte, die sich gleichzeitig mit der sowjetischen Invasion in der Tschechoslowakei abspielte. Ein durchgängiges Thema in Beethovens Musik war die grundlegende Frage: Muss es sein? Und immer kommt die Antwort: Ja. Es muss sein! Kundera deutet Beethovens Kampf als die Erfahrung, dass das Belastende auch etwas Positives sein kann. Wie bei Munch, der immer Angst vor der Geisteskrankheit hatte, davor, wie seine Schwester Laura in eine Anstalt eingesperrt zu werden, und der dennoch dem Rat seiner Ärzte trotzte und sagte: »Nehmt mir diese Nerven nicht weg. Ich brauche sie für meine Kunst!« Aber Beethoven konnte mit seinem Schicksal nicht flirten. Schon mit dreißig Jahren spürte er, dass sein Gehör geschwächt war. Solange es ging, hoffte er, dass es sich um eine vorübergehende Krankheit handelte. Aber die Krankheit war von Dauer. Beethoven schrieb: »ich habe schon oft den schöpfer und mein daseyn verflucht, Plutarch hat mich zu der Resignation geführt, ich will wenn’s anders möglich ist, meinem schicksaal trozen, obschon es Augenblicke meines Lebens geben wird, wo ich das unglücklichste Geschöpf gottes seyn werde.«
Achtzehn Jahre lang, ehe er vollständig ertaubt die Sonate in As-Dur komponierte, war sein Gehör bereits stark geschwächt. Er schrieb in einem berühmten Brief an seine Brüder Karl und Johann Beethoven, den der Bjørnstad-Junge oft in Musikkens Verden gelesen hatte, einem Lexikon, aus dem er und Amalie immer wieder zitierten: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht tut ihr mir! Ihr wisst nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet.
Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens.
Selbst grosse Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt; aber bedenket nur, dass seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert.
Von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern wird oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen, lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen.
Wollte ich auch zuweilen, mich einmal über alles das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte traurige Erfahrung meines Gehörs dann zurückgestossen, und doch wars mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub.
Ach, wie wär es mir möglich, dass ich die Schwäche eines Sinnes zugeben sollte, der bei mir in einem vollkommenern Grade als bei andern sein sollte, einen Sinn, den ich einst in der grössten Vollkommenheit besass, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige, von meinem Fache gewiss noch gehabt haben. – O, ich kann es nicht. Drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte. Doppelt wehe tut mir mein Unglück (indem ich dabei verkannt werden muss). Für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergiessungen nicht statthaben.
Ganz allein fast, nur soviel, als es die höchste Notwenigkeit fordert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen.
Wie ein Verkannter muss ich leben; nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heisse Ängstlichkeit, indem ich befürchte, in Gefahr gesetzt zu werden, meinen Zustand merken zu lassen.«
Er dachte, immer wenn er das las, dass es ein bewegender Brief sei. Ein Abschiedsbrief an zwei geliebte Brüder. Beethoven war sicher, dass er bald sterben würde. Er saß in Heiligenstadt, am 6. Oktober 1802, und wusste nicht, dass er noch 25 Jahre leben würde. Er schreibt: »Empfehlt Euren Kindern Tugend: sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld; ich spreche aus Erfahrung. Sie war es, die mich selbst im Elende gehoben; ihr danke ich nebst meiner Kunst, dass ich durch keinen Selbstmord mein Leben endigte.«
Und doch war er noch nicht an dem Punkt in seinem Leben angelangt, wo er wirklich erfasste, was die Taubheit ihm raubte. Denn es waren ja nicht nur Taubheit und Einsamkeit, in die er nun eintrat. Es war auch die Erniedrigung im öffentlichen Raum. In diesen Jahren glaubte er noch immer, Klavier spielen zu können. Als er an der Aufführung seines Trios in B-Dur teilnahm, konnte Ludwig Spohr kommentieren, es sei »von der früher so bewunderten Virtuosität des Künstlers infolge seiner Taubheit fast gar nichts übriggeblieben! Im Forte schlug der arme Taube so darauf, daß die Saiten klirrten, und im Piano spielte er wieder so zart, daß ganze Tongruppen ausblieben.« Zu allem Überfluss war das Instrument nicht gestimmt. Beethoven focht das nicht an. Er konnte es ja nicht hören. Während er die drei letzten Klaviersonaten schrieb, so unvorhersagbar und erfüllt von Auflehnung und Schmerz, erschien er dem Publikum, das ihn bisher geliebt hatte, mehr und mehr als ein Wahnsinniger. Da er noch immer die Schwingungen eines großen Orchesters wahrnehmen konnte, versuchte er zu dirigieren, solange das noch möglich war. Aber die Musiker wussten, dass er sie nicht mehr führen konnte. Beethoven setzte Gefühle und Mimik ein, um die Kontrolle über den musikalischen Verlauf zu gewinnen, aber da er nicht hören und kaum noch sprechen konnte, kam es zu grotesken Übertreibungen und wilden Gesten. Zum Beispiel markierte er ein Diminuendo, indem er sich immer kleiner machte. Wenn das Orchester pianissimo spielen sollte, verkroch er sich unter dem Dirigentenpult. Aber wenn ein Crescendo kam, tat er das Gegenteil. Dann richtete er sich auf, machte sich so groß wie möglich, stellte sich auf Zehenspitzen und sah vollkommen lächerlich aus. Erst in dem Jahr nachdem er die Sonate in As-Dur geschrieben hatte, ging ihm die Wahrheit auf. Er dirigierte seine Oper Fidelio und begriff, dass er nicht länger als Dirigent auftreten konnte, nach dem Chaos, das im Orchestergraben und auf der Bühne ausgebrochen war. Sein Freund Schindler schob ihm offenbar einen Zettel zu, auf dem er ihn anflehte, nicht weiterzumachen, sondern nach Hause zu fahren. Beethoven sprang auf und rief: »Fort! Fort von hier!« Er sprang über die Orchesterbalustrade, stürzte aus dem Saal und ließ sich nicht wieder blicken.




