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Gemessen an Beethoven verblasst das meiste andere. Aber die zeitgenössische Kunstmusik hat sich in die Enge manövriert. Die serielle Orthodoxie kommuniziert nur mit denen, die sie ausüben. Deshalb entscheidet er sich für die Popmusik, ganz bewusst. Er will zur Melodie, will zu Rhythmen und Harmonie. Er schreibt Svart fortid. Der Text ist inspiriert von seinen Erlebnissen an Orten wie dem Montagsklub oder Smuget, wo man immer in Erfahrung bringen kann, wer mit wem schläft, wenn man das will, aber wo die Wenigsten Klatsch verbreiten. Er findet später den Text auffällig moralisch, ein Wunsch, als klug und weitsichtig dazustehen, ein Mensch, der über alle Arten von Sündenfällen erhaben ist. Im Laufe der letzten Jahre ist die Sexualität so sichtbar geworden. Sogar der Vokuhila der Jungen erinnert an Schamhaare. Die Frauen schminken sich grell, die Röcke sind kurz. Sexy zu sein ist eine Qualifikation an sich. Wenn ein Mund glänzt und an Schamlippen erinnert, ist das nur von Vorteil. Dann signalisiert man, was man will. Jayne Mansfield und Burt Reynolds sind von der Kinoleinwand gestiegen und leben in verräucherten Lokalen im Zentrum von Oslo. Ja, sogar im Kino- und Tanzsaal Gatsby am innersten Tvedestrandsfjord kann man die neue Brunst wahrnehmen wie einen Spritzer Naturparfüm zwischen den vielen Kaufdüften. Es ist schon viele Jahre her, dass Disco in die Welt kam, in die USA und nach Europa, nach Singapur, Tokio und nach Pattaya in Thailand. Das harte Hämmern der Basstrommeln. Wenn der Tontechniker gute Arbeit geleistet hat, gehen diese Frequenzen direkt in den Schritt von Frau und Mann. Musik, von der man geil werden soll. Er schreibt sein moralisches Gegenstück an dem fast discofreien Ort Vestre Sandøy draußen am Meer. Er hört sich Steely Dans Aja an und versucht, die Melodie ebenso inhaltsreich und zugleich so distinguiert zu machen, wie es diesen Herren immer gelingt, Musik, die Champagner und Satin verlangt, wenn man in der richtigen Stimmung ist.
Der NRK fragt, ob er eine Vorstellung davon hat, wer singen soll. Könnte zum Beispiel Inger Lise Rypdal passen? Er zuckt zurück mit dem Telefonhörer in der Hand, worauf das Telefon zu Boden fällt und die Verbindung abreißt. Was passiert denn gerade in seinem Leben? Aus dem tiefsten Missmut wurde er geholt, um für zwei der größten Gesangsstars in Nordeuropa Text und Musik zu schreiben. Hat er das verdient? Er ist sich absolut nicht sicher. Er betrachtet sich selbst mit größerer Skepsis denn je. Wieder sieht er das schöne Gesicht von Toril Moi vor sich, die gemeint hat, er sauge die Frau aus wie einen Schwamm. Ein widerliches Bild. Dass er selbst trocken ist. Und die Frau nass. Dass er saugt. Sie bestiehlt. Zu einem Meer wird, auf ihre Kosten. Aber er nimmt den Kontakt zum NRK wieder auf und hört, dass Georg Keller, Trond-Viggos guter Freund, für das Arrangement steht. Will er nach Oslo kommen und bei den Proben zuhören, beim norwegischen Finale zugegen sein, das gar kein Finale ist? Außer den Komponisten ist ja niemand eingeladen.
Nein, denkt er. Oslo macht ihm Angst. Fürs Erste kein Nachtleben mehr. Alkohol. Essen. Die vielen Toiletten, auf denen er den Finger in den Hals gesteckt hat. Und dennoch. Er spürt es so deutlich. Etwas passiert dort drinnen, zwischen den Menschen, in den Läden, in den Restaurants und Nightclubs. Neue Kleidermarken kommen dazu: Poco Loco, In Wear, Marco Polo. Frauen und Männer tragen jetzt lockige Haare. Ja, Schamlocken. Es ist nicht die Sexualität der Hippiezeit, Frauen, die ihre großen Brüste wogen lassen und Männer mit ungewaschenen Bärten, die tranig mit einer Gitarre dasitzen und nach Cannabis riechen. Das hier ist die scharfe Wollust, die nur durch Design und Kokain ausgelöst werden kann. Eine wache Sexualität, genau wie bei den Katzen. Hier darf man sich keine einzige Gelegenheit entgehen lassen.
Deshalb jetzt nicht Oslo. Sowie er dem NRK gesagt hat, dass er nicht zum Grand-Prix-Finale kommen wird, nimmt er die Vierkornmischung von Helios aus dem Schrank und bäckt zwei Graubrote. Er ist kein guter Bäcker. Er weiß nicht einmal, wie man einen Waffelteig anrührt. Aber er steht gern hier in der Küche mit Blick auf Nachbarn und Meer. Er knetet gern. Der Prozess gefällt ihm. Mehl, Wasser, Salz, Hefe. Ihm gefällt die Wartezeit, wenn der Teig geht. Es gefällt ihm, dass sich das Brot wieder zusammenzieht, wenn es im Ofen ist. Dass es schwer, saftig und warm wird. Mit Butter und Ziegenkäse schmeckt es besser als alles andere auf der Welt. Besser als die Entenleber von Hroar Dege. Besser als Hummer.
Er isst ein Stück Brot. Vielleicht zwei. Er hat kein Bedürfnis danach, sich übersatt zu fressen. Deshalb weiß er, dass er die Kontrolle hat. Aber er kann nicht so viel Brot, Butter und Ziegenkäse essen und gleichzeitig abnehmen. Dann geht er zu der Stelle im Wald, hinter den Büschen, wo er ganz allein sein kann. Zur Kotzstelle. Der Geruch an sich macht das Kotzen leichter. Manchmal muss er nicht einmal den Finger in den Hals stecken.
Der norwegische Grand Prix rückt näher. Am Samstag lädt er einige Nachbarn und Zugezogene zu einem lockeren Fernsehabend ein. Als hätte er mit der ganzen Sache gar nichts zu tun. Die Zeitungen haben wie üblich auf das Ereignis hingeschrieben. Alte Idole wie Nora Brockstedt und Arne Bendiksen werden hervorgeholt. Die Presseleute haben wenig Erfahrung mit diesen relativ »seriösen« Komponisten. Die meisten kommen aus der Liedermacherszene, aus Jazz und Rock. Hier hat auch nicht die norwegische Bevölkerung zu bestimmen. Stattdessen sitzt eine Fachjury bereit, um ihr Urteil abzugeben, von eins bis zehn. Obwohl er versucht, sich zu distanzieren, spürt er es bis in den Bauch. Und er bereut, die Freunde eingeladen zu haben. Was in aller Welt war das für eine Idee? Er würde lieber allein mit der Anderen ohne fremde Einmischung dieses seltsame Finale sehen. Würstchen mit Senf und Ketchup essen, vielleicht sogar ein Bier trinken, als Abwechslung vom vielen Wein. Aber sie kommen, allesamt. Er liest es an ihren Gesichtern, dass niemand damit rechnet, dass er gewinnen könnte. Natürlich gewinnt er nicht, wo doch Åge Aleksandersen am Finale teilnimmt. Bjørnen sover ist der große Favorit. Es ist noch einmal die Sowjetunion. Die Bedrohung aus dem Osten. Abgesehen von den Menschen in Finnmark werden alle in dieses Lied einstimmen. Und bald sind Olympische Spiele in Moskau.
Aber was, wenn er doch gewinnt, denkt er trotzdem, plötzlich, mit einem akuten Drang, wieder kotzen zu müssen. Es wäre nicht das erste Mal. Inger Lise ist beliebt. Wie auch der geniale Jazzmusiker, der ihr Ehemann ist. Eine junge sexy Popsängerin mit langen Locken, die über alte Schweine singt. Wäre das jetzt nicht etwas? Fru Johnsen umgekehrt. Holt die Altherrensexualität ans Licht! Gebt ihr ein Gesicht! Gebt ihr einen Text und eine Melodie! Die Geständnisse des Bürgermeisters!
Je mehr er in diesen Bahnen denkt, umso mehr denkt er, dass er eine Chance hat. Aber in der nächsten Sekunde denkt er, dass er nur einer von diesen lächerlichen Verlierern ist oder einer von den tapferen Optimisten mit Lebenssehnsucht, die die Hoffnung bis zum letzten Augenblick behalten, ja, die glauben, dass sie leben werden, selbst wenn tödliche Diagnosen um sie herum donnern wie Stahlplatten. Den Grand Prix gewinnen? Das würde ihn doch lächerlich machen! Er würde die Tür für Klatschzeitungen wie Se og Hør öffnen müssen. Er würde auf den schwachsinnigen Geburtstagsfesten von Audun Tylden erscheinen müssen, dem Mann, dem er fast alles zu verdanken hat, und der nicht einmal einen 33. Geburtstag im Freundeskreis auslässt, wenn er es ein bisschen krachen lassen kann. Er würde zum festen Einschlag in Smuget und im Montagsklub werden. Er würde lockige Schamhaare auf dem Kopf tragen. Er würde die Hemdenknöpfe öffnen und die Haare auf seiner Brust zeigen, die dort von einer erfahrenen jungen und hübschen Friseuse im Spaghetti im Bogstadvei angeklebt worden sind. Er würde die letzte Hose von Poco Loco kaufen. Er würde noch mehr abnehmen müssen, so viel kotzen, dass er es vielleicht auf 70 Kilo bringt, 24 Kilo unter seiner Größe von 1,94. Damals waren solche Gleichungen die einzigen, die er vielleicht in seinem Leben bisher begriffen hatte. Er hatte vergessen, dass er einmal in Mathe durchgefallen war.
Åse Kleveland zeigt sich auf dem Bildschirm in ihrer ganzen Pracht. Sie ist schön, stolz und voller Autorität. Eigentlich müsste sie Ministerpräsidentin sein, denkt er. Das Internationale an ihr, von dem er nicht sicher ist, dass Odvar Nordli es besitzt. Er sitzt vor dem Fernseher und denkt, dass er sich an einem Ort im Kulturleben befindet, wo er vorher noch nie gewesen ist. Er wandelt in den Fußspuren von Anne-Karine Strøm. Sie war vor ihm dort, mit Å for et spill und Mata Hari. Sie hat dort gestanden, auf der Bühne, und für die Musik gekämpft, für die Platzierung. Es kommt ihm ein wenig unwirklich vor, dass er selbst plötzlich so nervös ist, wo er doch hier sitzt, in dem kleinen Fernsehraum neben dem Wohnzimmer, in den sich die Freunde zusammen mit ihm gequetscht haben. Er zieht den Geruch von Zigarettenrauch und Würstchen in sich hinein, den scharfen Geruch des Rotweins von Fuhr, den er aus dem großen Fass im Keller geholt hat. Wie sie alle da sitzen und träge den Fernseher anglotzen, scheinen sie vergessen zu haben, dass er an diesem Wettbewerb teilnimmt. Aber das ist ihm nur recht. Er sitzt mäuschenstill da und sagt nichts. Er gleitet in eine Art Trance, als ob seine ganze Kindheit ihn umschwebt, Erinnerungen aus einer Geborgenheit, mit Samstagabenden, Grand-Prix-Entscheidungen und Erik Bye. Die alten Schlager erklingen in einer Echokammer in seinem Kopf. Eine Linie zieht sich von der Elisabeth-Serenade, die seines Wissens nie bei einem Grand Prix vertreten war, über L’amour est bleu, Poupée de cire, poupée de son, Puppet on a string bis zu Karusell. Der ewige Trost der Schlagermusik, die Augenblicksstimmung, die den kleinen Schub im Alltag liefern konnte, ein Streuzucker der Gefühle, der für einige Sekunden Kraft und Ruhe gab, ehe das lebendige Leben wieder zupackte, auf dem Weg weiter zum Schultag, zur Lohntüte, zu den Raten, zu den Altersheimen. Und nun kündigt Kleveland Svart fortid an. Text und Musik von einem gewissen Herrn Bjørnstad. Dem Bjørnstad-Jungen. Wer hätte sich denn jemals vorstellen können, dass er es so weit bringen könnte. Und gleich darauf kommt Inger Lise Rypdal in all ihrer Pracht. Sie, die schon mit ihrem Ehemann Terje Rypdal Gigantisches vollbracht hat. Jedes Mal, wenn dieser Gitarrenmeister mit seinem ganzen Hof aus genialen Musikern, von Pål Thowsen bis zu Chrico und Sveinung Hovensjø in den Club 7 herniedersteigt, ist er immer, wenn der Meister ihn grüßt, aufs Neue verlegen und verdutzt. Nun sieht er im Fernsehen, dass die Frau des Meisters sein Lied vorträgt, und er denkt, die beiden seien doch das Superehepaar mit riesigem Haus und Pferd irgendwo auf Totenåsen. Der Ehemann, der um die Welt reist und auf den allergrößten Bühnen spielt, der intensiv melodische Musik komponiert, die er selbst in seinem Kopf zu erlösen versucht. »Du siehst es in allen weichenden, weichenden Augen«, singt Inger Lise. Zum ersten Mal hört er das Arrangement von Georg Keller. Es ist so elegant, mit Hintergrundsängerinnen und allem. Er hätte nie gedacht, dass er Musik schreiben könnte, bei der Hintergrundsängerinnen in den Refrain einstimmen, obwohl Ole das bei Lise Madsen, Moses og de andre verlangt hatte. Er ist begeistert von den Hintergrundsängerinnen, von der Erweiterung des Erwarteten. Stimmen, die sich übereinander legen oder einen Kontrapunkt erzeugen. Inger Lise Rypdal, die dort steht mit einem neckenden Blick und den Menschen, die vor den Bildschirmen sitzen, sagt, sie seien durchschaut, entlarvt, Lügner, Hurenböcke und Betrüger allesamt.
Was für ein unglaublich schlechter Ausgangspunkt, wenn man ein Grand-Prix-Finale gewinnen will, denkt er. Dann kann man sein Publikum doch nicht auf diese Weise verspotten? Vielleicht war er zu viel mit Ole Paus zusammen. Und nun erhält die Sängerin ein Feedback direkt ins Ohr. Professionell zieht sie die Hand mit dem Mikrofon weg von ihrem Gesicht. Niemand sieht, dass sich ihm die Haare sträuben. Es hätte dermaßen schiefgehen können, aber die professionellen Tontechniker oben im NRK-Studio eliminieren das Problem, und das Lied geht weiter. Er findet, es klingt verdammt gut. Das war das beste Lied bisher, denkt er. Der Applaus ist höflich, aber mehr nicht. Niemand in dem Zimmer auf Sandøya sagt etwas, nur die Andere. »Schön«, sagt sie und drückt seine Hand, wie sie da dicht nebeneinandersitzen. Aber dann steht Åge Aleksandersen auf der Bühne und singt Bjørnen sover, und er verliert etwas von dem Mut, den er eben noch hatte. Diesmal gibt es bedeutend mehr Applaus, auch in dem Zimmer auf Sandøya ist die Stimmung deutlich enthusiastischer. Eine der neu Zugezogenen aus Bergen beugt sich vor und schließt energisch die Hand um den Rotweinbecher. Sie und ihr Lebensgefährte wohnen seit einigen Monaten auf der Insel. Er ist Künstler, und sie hat eine Ausbildung als Lehrerin. Er hat sie bewundert, wegen ihrer Jugend und ihres Mutes. Sie haben immer viel Spaß gehabt, wenn sie sich getroffen haben. Ihr trockener Humor war ansteckend. Als sie sah, dass Rune Larsen in der Jury sitzt, hat sie alle damit unterhalten, welche Sorte Bücher er bei Beyer in Bergen gekauft hat, wo sie einen Sommerjob hatte. Er dachte an die vielen Male, wenn er selbst im Fernsehen gewesen war, an die Kommentare überall in Norwegen. Und er war froh, dass er sie nicht hören konnte. »Wirkt er nicht unglaublich albern? Sieht er nicht aus wie ein Mädchen mit den langen Haaren? Drückt er sich nicht ungeheuer altmodisch und dumm aus? Es ist ganz deutlich, dass er sich für sonst wen hält.« Aber er war niemand, an diesem Samstagabend im Fernsehzimmer auf Sandøya. Er war nicht einmal ein Teilnehmer am Wettbewerb des Abends. Svart fortid war bereits vergessen, war gesunken wie ein Stein in einem Hummerkorb und hatte sich tief unten im Meer des Vergessens abgelagert. Und nun stand plötzlich Sverre Kjelsberg auf der Bühne, zusammen mit einem in samischer Tracht. Sverre, der auf Oles Garman Bass gespielt hatte und der Musiker am Hålogaland Teater war, zusammen mit der Clique, die, trotz des AKP-Ernstes, der im Hintergrund herumspukte, aus einer Bande von Gauklern und Schauspielern bestand. Niemand war witziger als Klaus Hagerup. Niemand sonst konnte ihn dermaßen zum Lachen bringen. Einer der wichtigsten Gründe, Tromsø zu besuchen, zu allen Jahreszeiten, war, dass Sverre Kjelsberg und Klaus Hagerup dort oben waren. Deshalb empfand er nicht einmal einen Hauch von Neid, als er zum allerersten Mal Sámiid Ædnan hörte. Im Gegenteil. Er empfand Bewunderung. Er sah, dass Egil Monn-Iversen, der Pate über alle Paten, den Taktstock hob und sein schmachtendes Orchesterarrangement über 70 Millimeter Breitbild ausbreitete. Es klang wie die Filmmusik zu einer neuen Version der Geschichte der jungen Samin Laila. Es war Ut mot havet und Eg veit meg eit land in der gleichen Klangmalerei, aber zugleich war es ein gut inszeniertes Intro zu dem Joik, den Mattis Hætta nun vorführen würde: Å loile loile å loile lo’a … Monn-Iversen wusste alles über Dramaturgie. Ihm stand die Ehre für viele der Erfolge von Det Norske Teater zu. Er war dermaßen erfolgsumtost, dass er den Taktstock eher wie einen Zahnstocher benutzte. Ein wortkarger kleiner Mann mit aufmerksamen Augen, der immer nickte und ihn ab und zu anlächelte, wenn sie einander in der Kantine des NRK über den Weg liefen.
»Der gewinnt«, stellte die Lehrerin aus Bergen fest, noch ehe das Lied zu Ende war. Alle stimmten zu, nicht zuletzt er selbst, und er holte sogar die vergorensten Floskeln aus seiner eigenen Kellertiefe und sagte, man müsse zu jeder Zeit der samischen Kultur volle Unterstützung zukommen lassen.
Dann sollte die Sachverständigenjury ihre Stimmen abgeben. Nach und nach vergaben sie ihre Punkte, von eins bis zehn. Er versucht, den Ergebnissen zuvorzukommen. Jetzt ist er wieder mit im Wettbewerb, mit einer am weitesten entblößten Eitelkeit. Er will nicht gewinnen, absolut nicht, aber diesmal sehnt er sich auch nicht nach dem fünften Platz. Nummer drei, nach Aleksandersen und Kjelsberg/Hætta, das würde ihm ein wenig mehr Kraft geben, um noch einige Jahre in dieser Landschaft weiterzumachen, wo es nur darum ging, zu erschaffen, etwas aus dem Nichts zu holen und ihm Form und Inhalt zu geben. Und wenn er wirklich den Sieg davontrüge? Der Grand-Prix-Komponist? Den »Hüter der örtlichen Moral«, hatte Inger Lise in Fru Johnsen besungen, in der provozierenden Übersetzung von Terje Mosnes. Würde sie jetzt noch weiter gehen? Kontra geben? Dieser Gedanke war wild und wahnwitzig. Aber wie oft hatte er wohl schon solche Gedanken gehegt? Dass er das Konzert in B-Dur von Brahms mit der New Yorker Philharmonie spielte, mit Leonard Bernstein als Dirigent, dass er noch einmal Brigitte Bardot treffen und ihr zeigen dürfte, wie dünn er geworden ist. Ganz zu schweigen von Catherine Deneuve. Was, wenn sie einmal ins Studio käme, um seine Lieder zu singen. Bei Audun Tylden war alles möglich. Jetzt sollte er ein ganzes Album für keine Geringere als Lill Lindfors schreiben. Dann fehlten doch nur noch ein paar Telefongespräche, bis Deneuve die französische Version von Svart fortid aufnahm. Auch in ihrem Leben hat es ja einige Hurenböcke gegeben, dachte er. Roger Vadim, der Mann, der auch ein Verhältnis mit Brigitte Bardot und Jane Fonda gehabt hatte. In einem Traum sah er sich beim internationalen Grand-Prix-Finale, das dieses Jahr in Den Haag stattfinden würde, auf der Bühne stehen. Ja, für einen Moment schaltet er die ironischen Kommentare der Lehrerin aus Bergen aus und träumt sich bedingungslos in eine kurzfristige, aber dennoch unbestreitbare Siegersituation. Dort steht er auf der Bühne, zusammen mit Inger Lise Rypdal, und hat soeben das internationale Finale gewonnen. Er hat den Arm um sie gelegt. Sie ist schöner denn je, das Gesicht eingerahmt von den angesagten Achtziger-Jahre-Locken, und sie lächelt ihn triumphierend an, während der Moderator die Weltbevölkerung daran erinnert, dass der Grand Prix ein Wettbewerb für Texter und Komponisten ist. Er wollte die Aufmerksamkeit nicht von Inger Lise Rypdal ablenken, aber es ließe sich nicht vermeiden. Der Moderator fragt ihn, was er denkt und empfindet, und er antwortet, er sei glücklich, er sei ein schlichter, bescheidener Mensch, der auf einer Insel ohne Verbindung zum Festland wohnt, er angle am Wochenende Kabeljau, er habe schon allerlei harte Zeiten durchgemacht, die Elisabeth-Serenade sei der Grund, warum er hier stehe, und er wolle vor allem der Anderen für alle Hilfe und Unterstützung in seinem Leben danken. Er wünscht sich kein anderes Leben, er kann sich kein anderes vorstellen. Er hofft, dass Inger Lise Rypdal nun weltberühmt wird. Ihr Mann ist das doch schon. Aber wenn er doch einen winzigkleinen Wunsch äußern darf, dann, dass Catherine Deneuve eines Tages Svart fortid singt, weil sie in Die Regenschirme von Cherbourg so wunderschön gesungen hat, und außerdem, weil sie die perfekte Frau ist, die sich mit zu vielen Hurenböcken eingelassen hat. Höchste Zeit, denen eins auszuwischen.
Und durch den großen Kongresssaal, in dem die vielen wichtigen Persönlichkeiten versammelt waren, würde eine Welle aus Schock und Begeisterung strömen, und die Kameras würden das einfangen, und überall in Europa, ja vielleicht auf der ganzen Welt, würde zustimmend genickt werden. Wer war dieser begabte Bursche aus Norwegen, der es wagte, so offen über Untreue zu sprechen? Vielleicht würden sich einzelne unangenehme Szenen abspielen, Frauen würden ihre Männer fragen: »Wo warst du denn eigentlich am Donnerstag?« Und Catherine Deneuve würde leicht bekleidet zu Hause in ihrem kleinen Schloss bei Paris sitzen und sich fragen, wer dieser seltsame Junge aus Norwegen eigentlich war, und wie er sein Gewicht so gut im Griff haben konnte, fadendünn, wie er war. Sie beugte sich vor und nahm den Hörer ab … Aber in diesem Moment gab Rune Larsen dem Lied einen Punkt, das absolute Minimum der Möglichkeiten. Er saß zu Hause im Fernsehzimmer auf Sandøya und begriff sofort, dass der Traum ein Traum bleiben würde.
Es half nichts, dass Magni Wentzel zehn Punkte gab und ihn für den Besten hielt. Der Kampf tobte zwischen Bjørnen sover und Sámiid Ædnan. Alle im Fernsehzimmer hatten jetzt ihre Entscheidung getroffen. »Kjelsberg und Hætta!« »Åge! Åge!« Er sagte nichts. Die Andere drückte ihm die Hand. Sie hatten schon oft so gesessen und zugesehen, wie ihre Gäste sich gehen ließen. Jetzt freute er sich über ihre stumme Gemeinschaft. Darüber, dass sie nichts zu sagen brauchten, während alle anderen redeten.
Die junge Lehrerin, die er eigentlich so gern hat, scheint zufrieden zu sein, als am Ende Sámiid Ædnan den Sieg davonträgt.
»Das beste Lied hat gewonnen«, verkündet sie energisch.
Er verspürt einen plötzlichen Zorn, nicht, weil sie nicht recht hätte, sondern, weil sie so unhöflich ist. Sie hat einen Hang dazu, sich selbst zu zitieren. Und das findet er unerträglich. Leute, die sagen: »Wie ich zu sagen pflege …« Als ob es größeres Gewicht verliehe, sich selbst zu zitieren. Und dennoch ist sie in seinem Leben unentbehrlich als eine seiner liebsten Freundinnen. Deshalb fühlt er sich ganz besonders im Stich gelassen.
»Und was ist mit meinem Beitrag?«, fragt er.
»Du hättest Nummer 6 werden sollen«, sagt sie ohne zu zögern.
»Wie dumm«, sagt er.
»Wieso?«
»Ich hatte auf Nummer fünf gehofft.«
»Nummer fünf? Warum das denn?« Sie starrt ihn überrascht an.
»Das ist eine alte Geschichte«, murmelt er. Aber sie hört nicht einmal zu. Er denkt an das Absurde daran, die Leistungen von Freunden in eine Rangliste zu setzen. Sollte er sie ebenfalls einstufen, als Freundin? Wäre sie dann Nummer sieben oder Nummer siebzehn?
Er merkt, dass die Kleinlichkeit der Freundin ihn noch kleinlicher macht.
Und dennoch hatte sie nur die Wahrheit gesagt. Welchen Vorwurf hätte ihr ihr machen können?
An diesem Abend geht er nicht zum Kotzen ins Gebüsch, als alle Gäste aufgebrochen sind und Ruhe sich über das Haus senkt.
Aus Gründen, die er nicht verstehen kann, möchte er den ganzen Dreck in sich behalten. Er denkt an Céline, den er soeben gelesen hat, Reise ans Ende der Nacht. Der Todesritt nach Bardamu. Er selbst war Menschen begegnet, die ihn fast mit in den Sog gezogen hatten, auf dem Weg in den Untergang, und Ole hatte darüber in Gamle Haiens Vise geschrieben. Ehe er Dostojewski gelesen hatte, hatte er nicht gewusst, dass auch Literatur das konnte: sich an ihm festkleben, ein Stück seiner Seele brandmarken. Célines menschliche Hölle ließ ihn nicht los. Der Roman setzte sich in seinen Gedanken fest. Er dachte an die Unschuld, die viele vor dem Ersten Weltkrieg besessen hatten. Ravel, zum Beispiel, hatte das Trio in a-Moll im Rekordtempo komponiert, um rechtzeitig an der Front zu sein, wo er dann monatelang einen Lastwagen fahren sollte. Stefan Zweig schrieb auch darüber, wie viele aus seiner Generation sich in einem fast euphorischen Rausch als Kriegsfreiwillige gemeldet hatten. Sie hatten keine Ahnung, welche Hölle dieser Krieg werden würde. In Célines Fall ist der Weltkrieg nur der Anfang eines Albtraums, den er mitnimmt in den afrikanischen Dschungel, in die Automobilindustrie der USA und wieder zurück in ein Paris, wo menschliche Armut und Hässlichkeit jeden Gedanken an Hoffnung überschatten. Beim Lesen hatte er an Menschen gedacht, die ihm begegnet waren, die entweder vor existenziellen Schwierigkeiten standen oder über jede Vorstellungskraft mit sich selbst beschäftigt waren. Diese Menschen umgab ein Magnetfeld. Sie zogen Menschen wie ihn an, konnten ein Abhängigkeitsverhältnis aufbauen, durch das er sich dazu verpflichtet fühlte, sie auf ihrer Reise zu begleiten, auch wenn die zur Hölle ging. Er war solchen Menschen begegnet, in der Verlagswelt, in den Zeitungsredaktionen und unter Musikern. Im Nachhinein dachte er, sie wollten ihn nach unten ziehen. Wie dann, wenn der Alkoholiker, mit dem er im Restaurant sitzt, unmittelbar vor Schluss vier Cognac bestellt und ihn anfleht, wenigstens einen davon zu trinken, um einen guten Eindruck zu machen.
11.
In einem Zug in Deutschland von Bochum nach Berlin am 9. September 2016. An diesem Abend soll er in der Norwegischen Botschaft Mein Weg zu Mozart vorstellen. Unterwegs denkt er, dass er damals vor der Zeit der Diagnosen gelebt hat. In seiner Welt gab es weiterhin nur dünne Menschen und dicke Menschen, und obwohl seine Mutter so allergisch war, dass sie in einem dunklen Zimmer liegen und sich durch einen Sommer nach dem anderen hindurchniesen musste, gab es keine Speisekarten, auf denen Allergene aufgeführt waren. Es gab kein Internet und keine Blogger, die die Gesellschaft mit Berichten über Essstörungen überschütteten. Später fragte er sich oft, ob die Unwissenheit ihn gerettet hat. Ob Wissen an sich, das jedenfalls wichtig war, ihn auf den Boden einer Tatsachenhölle hätte ziehen können, wo Darstellungen und Beweise der Ursachen ihm die Möglichkeit zu einem glücklichen Leben genommen hätten. Er hätte als Diagnose leben müssen. Ihm gegenüber im Speisewagen sitzt eine ungeschminkte, schöne und rothaarige Deutsche mit Sommersprossen, liest ein Buch und trinkt dabei Cappuccino. Sie nahm dort Platz, zwei Minuten ehe das von ihm bestellte Hauptgericht gebracht wurde. Gesottenes Rindfleisch in Meerrettichsoße mit Salzkartoffeln. Seine ewige Sehnsucht nach Gerüchen und dem Geschmack seiner Kindheit. Spätburgunder vom Königschaffhauser Vulkanfelsen in Baden. Solche Dinge gibt es noch in deutschen Speisewagen. Aber es war ja keine Selbstverständlichkeit, dass er hier saß, nun wieder mit Speck um den Bauch, und dass er sich an einem Tisch für zwei Personen in diesem Wohlbefinden suhlte. Als er ungefähr die Hälfte verzehrt hat, trifft er die Kartoffel mit der Gabel auf eine Weise, dass die über den Tisch springt und auf der Papierserviette der Tischnachbarin landet. Blitzschnell packt er die Kartoffel, holt sie zurück auf seinen Teller, wischt sie mit der Papierserviette ab und bittet um Entschuldigung. Eine waschechte Peter-Sellers-Szene. Die Frau schaut von ihrem Buch auf und lächelt ihn an. Das macht ihr nichts aus. Aber für ihn sind Mahlzeit und Arbeitstag ruiniert. Obwohl er fünfzehn Minuten später wieder den Laptop auspackt, ist er nun eine leicht übergewichtige Person, die gegessen und herumgesaut hat und Wein trinkt, obwohl es noch nicht einmal zwei Uhr nachmittags ist. Aber das, denkt er, hat er doch auch getan, als er jung war. Einfach zugegriffen.




