- -
- 100%
- +
Damals wusste er nur nicht, wie nah er der Katastrophe war.
Einige Monate zuvor: Mehrere hundert Studenten stürmen die US-Botschaft in Teheran und nehmen siebzig Geiseln. Noch ehe Abolhassan Bani-Sadr zum ersten Präsidenten der Islamischen Republik Iran gewählt wird, fordern sie die Einführung der Scharia im Land. Sie haben bereits Ayatollah Ruhollah Khomeini als religiöses Oberhaupt. Schah Reza Pahlevis Premierminister Schapur Bachtiar ist zurückgetreten, und Mehdi Bazargan hat eine Regierung gebildet, in einer chaotischen Zeit, in der der revolutionäre Richter Chalchali die sofortige Hinrichtung von prominenten Befehlshabern der alten Sicherheitspolizei des Schahs sowie die von Generälen und Politikern anordnet, bis hinauf zum ehemaligen Premierminister Amir Abbas Hoveida. Es gibt Widerstand gegen Khomeini. Porträts des neuen Oberhauptes werden verbrannt, und Frauen gehen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die islamische Gesetzgebung zu protestieren, die ihre Freiheit einschränken wird. Aber es ist ein hoffnungsloser Kampf. Khomeinis islamischer Staat ist zur Tatsache geworden, und nun verlangen junge Muslime, den krebskranken und sterbenden ehemaligen Schah von Persien, König Olavs engen Freund, auszuliefern, damit er verurteilt und hingerichtet werden kann, ehe er irgendwo im Westen eines natürlichen Todes stirbt. Da sich der Schah in den USA aufhält, ist die US-Botschaft ihr Ziel. Nach einigen Wochen werden neunzehn Geiseln freigelassen. Die anderen bleiben in Gefangenschaft. Alle sind Staatsangehörige der USA.
Fünf Monate später, am 25. April 1980, starten acht amerikanische Sikorsky-Hubschrauber vom Flugzeugträger Nimitz, der am Rand des Persischen Golfes liegt, während zugleich sechs Hercules-Flugzeuge auf die im Süden der Provinz Tabas zwischen zwei Wüstengebieten gelegene Stadt Chorasan zuhalten. Präsident Jimmy Carter hat ein starkes Bedürfnis, einige Monate vor den Präsidentschaftswahlen in den USA außenpolitische Stärke zu zeigen. Inspiriert von dem erfolgreichen israelischen Einsatz im Flughafen von Entebbe in Uganda setzt er neunzig Kommandosoldaten ein, die im Nachhinein wie von James-Bond-Filmen inspiriert wirken. Könnte es möglich sein, dass diese Hercules-Flugzeuge unbemerkt in Wüstengebiet landen, um auf die acht Hubschrauber zu warten, die auftanken müssen, ehe sie sich auf den Weg nach Teheran machen? Dem Plan nach sollten die Hubschrauber an einem sicheren Ort in der Hauptstadt landen, von dem aus sich die Kommandosoldaten zu Fuß zur Botschaft begeben würden. Im Gepäck hatten sie Gift, um die Besetzer zu betäuben, sodass die Geiseln befreit werden könnten.
Aber drei Hubschrauber haben mit technischen Problemen zu kämpfen. Die Aktion wird in letzter Sekunde abgesagt, und in der Panik, die beim Rückzug aufkommt, kollidiert ein Hubschrauber mit einem Hercules-Flugzeug. Acht Besatzungsmitglieder kommen ums Leben, vier tragen schwere Verletzungen davon. Den Amerikanern bleibt nicht einmal Zeit genug, die Leichen mitzunehmen, die wie das zerstörte Flugzeug und der Hubschrauber auf der Rollbahn zurückgelassen werden.
Am nächsten Morgen muss Präsident Carter die Welt über den misslungenen Einsatz informieren. Er betont, dass es kein Angriff auf den Iran oder die iranische Bevölkerung war, sondern eine Mission von »humanitärem Charakter«. Während die Iraner zu Tausenden zur US-Botschaft in Teheran strömen, um das zu feiern, was ihnen als Sieg erscheint, verurteilt Breschnew die Aktion und bezeichnet den Plan als »an der Grenze zum Wahnsinn«. In der BRD herrscht große Irritation über die Eigenmächtigkeit der USA, während vor allem Großbritannien und Norwegen Verständnis für das Bedürfnis der USA zeigen, »Ordnung zu schaffen«.
Roland Barthes geht in Paris hinaus auf die Straße und wird von einem Lieferwagen überfahren. So einfach kann es also sein. Ein Mann, der sein Leben lang nach einem System für das Denken gesucht hat, nach Regeln für das Schreiben und nicht zuletzt für die Literaturkritik. Sein Leben sollte also als Folge eines Verstoßes gegen die Verkehrsregeln enden. Wer trug die Schuld? Barthes oder der Fahrer des Lieferwagens? Er sitzt zu Hause auf Sandøya im Esszimmer und liest die Zeitungsnotiz über den Tod des französischen Literaturkritikers nach einem Monat im Krankenhaus. Er wusste nicht viel über Barthes, außer dem, was er in Zeitungartikeln und Zeitschriften aufgeschnappt hatte, die er bisher nur mit starkem Unwillen lesen konnte, vielleicht, weil diese systemverhaftete Art des Denkens ihn immer müde, unsicher und übellaunig machte. Das war begründet in der Sprache selbst, in den Begriffen, den Wörtern, die gewählt wurden. Der akademische Imperativ. Die scheinbare Selbstsicherheit dieser Art von Menschen, die so oft im Gegensatz stand zu der konstanten Unsicherheit der schöpferischen Menschen. Mozarts Lebenslauf hatte ihn beeindruckt. Wie hatte der von der Hand in den Mund gelebt! Wie sehr war der Gedanke ans Überleben immer dabei gewesen, wenn er etwas geschaffen hatte. Aber Barthes? Hatte der überhaupt finanzielle Probleme gehabt? Ja, er kam aus armen Verhältnissen, musste er zugeben, nachdem er sich kundig gemacht hatte. Dennoch erlangte er hohe Positionen an der Universität. An den Ausbildungsstätten. Es war so unwirklich für ihn gewesen, zu sehen, dass so viele der Musiker, die er kannte, plötzlich unterwegs zu Professuren an Musikhochschulen waren. Eigene große Büros mit den besten Instrumenten erhielten. Ging es den Literaturwissenschaftlern nicht ebenso gut? Hatten die jemals finanzielle Sorgen? Oft dachte er, dass er vielleicht einen Komplex habe, weil er nur die Hauptschule beendet hatte. Dennoch wusste er, dass Barthes der Theoretiker war, der Philosoph, der zur Entwicklung der Semiologie beigetragen hatte, zu einer Art Erkenntnis, dass auch das Visuelle, ein Bild zum Beispiel, eine Form von Sprache war. Diese Vorstellung gefiel ihm. Er dachte an Leonard Rickhard, dem er inzwischen eine so große Bewunderung entgegenbrachte, dass er fast Versagensangst verspürte, wenn sie sich privat trafen. Und das geschah oft. Er hatte gesehen, wie Leo eins von seinen Bildern anstarrte, das jetzt zu Hause auf Sandøya im Wohnzimmer hing. Er hatte begriffen, dass der Maler viel lieber, als mit guten Freunden beim Essen zu sitzen, aufspringen wollte, die Pinsel hervorziehen und an dem Bild weitermalen! Niemals fertig! Eine dermaßen unendliche Selbstkritik überfiel ihn, dass er nach solchen Begegnungen nachts oft wach lag und seine eigenen Methoden hinterfragte. Und dort kam vielleicht Barthes ins Spiel, ganz unbewusst. Barthes, der den Eigenwert des Textes vertreten hatte, skeptisch gegenüber der Art Literaturkritik, der es niemals gelang, Autor und Werk zu unterscheiden, die den Text politisch, biografisch, ethnisch und psychologisch verortete. Das Wenige, was er über Barthes gelesen hatte im Essay La mort de l’auteur war ihm eine Vorwarnung für eine akademische Texthörigkeit, die nach und nach auch auf die Autoren übergreifen würde. Große Romane würden verfasst werden, in denen die Hauptperson der Text selbst wäre, eine Huldigung an die Schrift, die Sprache, die den Nährboden schuf für eine ganz neue Ära intellektueller Literatur, die ihm zugleich neue Leser bescherte. Für ihn persönlich war es in dieser Lebensphase faszinierend zu sehen, wie unbescheiden diese akademischen Denker waren, wenn es um sie selbst ging. Der Autor reduziert zu einem notwendigen Zwischenglied. Die Analyse an sich breitete ihre Schwingen aus wie ein Adler, ein Raubvogel. Und er versuchte nicht selten, sich den hart arbeitenden Mozart in einer solchen Landschaft aus Vernunft und Argumentation vorzustellen, der vermutlich in Gelächter ausgebrochen wäre und die Edlen daran erinnert hätte, dass er nicht nur Musiker war, sondern auch Mussikant, dass die Kunst, gesehen aus seiner bescheidenen Perspektive, immer in Bezug zu einem Menschen stand, zu dessen Visionen, dessen Leidenschaften, dessen finanzieller Situation, dessen Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Der Tod des Autors. Als liege im Titel dieses Essays eine Sehnsucht, als sei der Autor für das akademische Denken nur ein notwendiges Übel, als werde die Zeit des Romans bald ein Ende nehmen, als würden von nun an Essay und Literaturkritik übernehmen. Jacques Derridas Dekonstruktionen. Barthes’ Rahmendenken und Definitionshysterie, die in den kommenden Jahren das Studium an den Universitäten prägen sollten.
Dort, vor seiner Kaffeetasse im Esszimmer auf Sandøya, dachte er an die Ironie, dass nicht einmal Barthes darauf verzichtet hatte, eine Autobiografie zu schreiben. Er, der nicht hatte wissen wollen, was ein Autor »uns wirklich sagen will«, fragt sich selbst als Text aus. Und zugleich: Alles Persönliche, das dabei zur Sprache kam, dass sein Vater bereits im Ersten Weltkrieg verstorben war, dass Barthes selbst gesagt hatte, er habe keinen Vater gehabt, den er töten könnte, keine Familie, die er hassen könnte, kein Milieu, mit dem er sich überworfen hatte, die großen ödipalen Frustrationen. Ja, dachte er da draußen auf der Insel, Barthes wurde als Mensch und Privatperson sichtbarer als viele weltberühmte Autoren. Bald wussten alle Literatur Studierenden auf der ganzen Welt, dass er homosexuell gewesen war, dass er bis 1977, drei Jahre vor seinem Tod, mit seiner Mutter zusammengelebt hatte. Dass er versucht hatte, protestantische Moral mit Sündhaftigkeit zu verbinden. Dass er tunesische Bordelle und Pariser Schwulenbars frequentiert hatte. Dass er etwas Scheinheiliges an sich gehabt hatte, während er zugleich anderen gegenüber so freundlich und rücksichtsvoll war, dass er Vorworte zu Büchern schrieb, die er nicht einmal gelesen hatte.
Er, der da vor seiner Kaffeetasse auf Sandøya sitzt, erkennt sich darin wieder. Anderen gefällig sein. Weil in ihm eine tiefe Unsicherheit steckte? Auch Barthes hatte Musik geliebt. Er hatte offenbar auch eine schöne Singstimme besessen.
Ein Lieferwagen, der in hohem Tempo durch Paris fuhr, hatte allem ein Ende gesetzt. Oder war Barthes einfach in einem Moment der Unaufmerksamkeit bei Rot über die Straße gegangen?
Barthes begleitet ihn nun. Wie dann, wenn er an Leo denkt. Der Imperativ der Konzentration. Einen Gedanken festhalten. Der Roman gibt dem Autor so viele Möglichkeiten. Eine Rahmenerzählung vermittelt zum Beispiel den Eindruck von Kontrolle. Dass der Autor seine eigene Idee im Griff hat. Dass die Autorin gesehen und verstanden hat. Der Text ist konstruiert und am Rand angebracht und arrangiert wie eine Erfahrung, wie etwas Durchdachtes. Der Autor stochert nicht mehr im Blinden. Er hat sich nicht in seine eigene Geschichte gestürzt, ohne zu wissen, wie das Ende aussehen soll. Er sagt nicht: »Diese Geschichte ist im Traum zu mir gekommen.« Die Rahmenerzählung ist das Bedürfnis des belletristischen Autors, sich aus dem eigentlichen Text zu erheben, vielleicht auch in einer Hoffnung, die Schwächen des Textes verbergen, ihn stärker machen zu können, einfach durch diesen schlichten Handgriff. Ja, so ein Prosaautor wird zu jeder Zeit Barthes, Derrida, Bourdieu oder Adorno in einen Text einbringen können in der Hoffnung, den Text damit interessanter zu machen. Die Rahmenerzählung ist Filmtrick und literarische Methode zugleich. Das Beste für diese Erzählung, Die Welt, die meine war, wäre es gewesen, wenn der Autor mit einer unklaren Krebsdiagnose in einer Rehaklinik läge oder nach einer aufreibenden Scheidung in einem Hotel in Asien oder Lateinamerika säße. Wenn er zu seiner eigenen Geschichte zurückfinden müsste, sich rückwärts kämpfen, Wort für Wort, den Leser und die Leserin daran erinnern, dass Leben und Erkenntnis Mühsal bedeuten. Freude, Enttäuschung und Erfahrung. Stattdessen benutzte er seine Mutter. Ihren Tod im Jahre 2010. Ihren Blick. Ihr Lächeln. Obwohl sie eiskalt war, wie sie da in der Kapelle des Pflegeheims Uranienborg lag, an jenem Apriltag. Aber das hier war der Anfang der sechziger Jahre. Wie kann er diese Erfahrung in der Schreibsituation für die achtziger Jahre verwenden, wo er im Roman eigentlich in einem Zug nach Stockholm sitzt und zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit die große Sängerin Lill Lindfors treffen wird? Er muss zurück zu Lügen, Unwissenheit und Erwartung. Er kann nicht auf Adorno verweisen, als er Arvika passiert. Er braucht nicht sterbenskrank in einem Hospital zu liegen, um seine Aufbruchsstimmung in diesem Frühjahr zu beschreiben. Jetzt nicht Barthes, Derrida und Bourdieu. Er ist neugierig auf alles und so sicher, dass er die Kontrolle hat. Barthes gibt es nicht, nicht in diesem Stadium des Lebens. Glücklicherweise. Der Zeigefinger der rechten Hand ist sein allerbester Freund. Geradewegs in den Hals, und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Es ist sicher so, wie Kokain zu sniffen oder viel zu trinken, ohne verkatert zu werden. Ja, sogar der Alkohol wird zum Freund, wenn man sich danach erbrechen kann.
12.
Zum ersten Treffen mit Lill war er mit dem Flugzeug gekommen. Diesmal muss er die Bahn nehmen. In Schweden wird heftig gestreikt. Alle Flüge sind gestrichen. In Radio und Fernsehen gibt es immer neue Nachrichten. Die Leute hamstern wie verrückt. Die Gewerkschaften hatten genug, als Ministerpräsident Fälldin dieselbe Art von Lohn- und Preisstopp einführen wollte wie in Norwegen. Der Streik ist so umfassend, dass es den von 1909 übertrifft. Er sitzt im Zug und denkt, dass die Schallplattenaufnahmen vielleicht auch abgesagt werden. Dass auch die Musikergewerkschaft den Streik ausruft. Diese Vorstellung ist eher beruhigend. Für einen Moment hofft er, dass es so weit kommen wird, denn Herausforderungen hat er noch nie gemocht. Er ist wie der Hund im Zirkus, der zum tausendsten Mal durch den Reifen springen soll. Er weiß nur zu genau, was er zu tun hat. Dennoch zögert er. Und er hat noch immer nicht begriffen, wozu das gut sein soll. Natürlich begreift der Bjørnstad-Junge, wozu diese Schallplattenaufnahme gut sein soll. Es ist zudem eine große Ehre. Aber muss er das wirklich tun? Den Erwartungen entsprechen? Beim vorigen Mal war er nervös, angespannt und außer Kontrolle geraten. Norweger rechnen nie damit, von Schweden ernstgenommen zu werden. Für die Schweden sind und bleiben sie Stallwichtel, eine unterhaltsame Zutat, eine jämmerliche Nation, die damals, 1905, in vollem Ernst aus der Union ausbrechen wollte. Es reichte nicht, einen eigenen Außenminister zu haben. Sie wollten alles. Deshalb wurden sie zu einem anstrengenden Nachbarn, der ein wenig zu sehr herumquengelte, zu einem Irritationsmoment, wie eine Mücke im Zimmer, eine Nation, die nun anfing, sich mit ihrem Öl großzutun. Niemand wusste besser als die Schweden, dass der Krieg damals zum Greifen nahe gewesen war. Die verrückten norwegischen Generäle, die tief in den Wäldern jenseits der Grenze standen mit ihren Säbeln, Schnurrbärten und Gewehren. Und irgendwann mussten sie es begriffen haben, die Norweger, dass sie ein anstrengender Nachbar waren. Als die Schweden es nicht über sich brachten, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, lagen die Norweger in Dickicht und Unterholz und suchten nach Zündhütchen. Aber dort, im Zug, fragte er sich zum ersten Mal, ob dieses etwas plumpe Selbstvertrauen, das den Norwegern immer angehaftet hatte, daran schuld war, dass sie sich niemals mit schwedischen Augen sehen konnten. Sie konnten nicht sehen, wie die Schweden sie zum Besten hielten. Das Lächeln, das die Schweden zu verbergen versuchten, wenn sie auf den schwedischen Campingplätzen in Värmland oder Bohuslän Norweger sahen. Wie jämmerlich diese Exemplare aus diesem unbeholfenen Nachbarland wirkten, wenn sie durch die Straßen von Stockholm gingen und die monumentalen Prachtbauten anglotzten. Norweger wussten nicht, dass der schwedische Adel, in vollem Ernst, noch immer darüber diskutierte, wer wirklich im Jahre 1792 hinter dem Mord an Gustav III. gestanden hatte. Sie wussten nicht, wie lächerlich die Schweden ihre Anwesenheit fanden, wenn sie in Restaurants wie Riche oder Operakällaren saßen. Sie merkten nicht, wie gut sie zu hören waren mit ihren lauten, kläffenden Stimmen. Wie Norweger nach dem Essen die Rechnung anstarren und staunen konnten, weil der Krabbencocktail wirklich so teuer war. Deshalb wusste er, dass es vielen Freunden von Lill Lindfors unbegreiflich vorkommen musste, dass sie jetzt mit einem jungen und komplett unbekannten Liederschreiber aus Norwegen liebäugelte. Ihr allein gehörte doch der Norden! Sie war die Einzige. Er wagte nicht einmal, daran zu denken, wie viele sexuelle Träume ihr von den Zuschauern übergestülpt worden waren, aus den Zimmern der Knaben und vielleicht sogar aus den Zimmern der Mädchen. Alle liebten sie doch, diese Finnlandschwedin mit der herrlichen tiefen Stimme, der perfekten Betonung und Phrasierung. Sie war nicht wie die sonstigen Glanzbilder von Sängerinnen. Sie stellte sich der Presse gegenüber nicht als unschuldiges Opfer dar. Keine hoffnungslosen Verliebtheiten oder Geständnisse. Keine Offenbarungen oder Selbstkritik, die die Schlagzeilen aktivierte. Alle wussten, dass sie geschieden war, dass sie eine Tochter hatte und nun mit Brasse Brännström zusammenlebte, dem Komiker und Schauspieler, den ganz Schweden liebte. Um diese Zeit hatte sie zudem bereits mit ihren feministischen Programmen begonnen, bei denen Mördartango der unbestrittene Favorit war. Sie ging immer in die entgegengesetzte Richtung von der erwarteten. Aber sie verspottete niemanden.
Was wollte sie von ihm, hatte er sich gefragt. Draußen auf Hauketangen war Hans Petter auf dem Steg zurückgezuckt, als er erzählt hatte, wohin er unterwegs war. »Lill Lindfors?« Ja, verdammt. Hans Petter starrte ihn mit vielsagendem Blick an. Den Film, der jetzt im Kopf des Freundes ablief, wollte er nicht sehen. »Wir machen nur eine LP«, sagte er lachend. »Ach, LP nennt man das heute«, sagte Hans Petter und verdrehte die Augen. »Du musst mir glauben«, flehte der Bjørnstad-Junge.
Beim ersten Mal war alles so hart und fremd gewesen. Ich war schon einmal auf Arlanda gelandet, zusammen mit der Anderen. Aber damals war die Adresse Lord Nelson in Gamla Stan gewesen. Diesmal war es Hotel Diplomat im Strandväg. Vater hatte dieses Hotel oft erwähnt. Eine seiner großen Reisen nach Stockholm, vor vielen Jahren. Eine der Reisen ohne Mutter, die das Verreisen hasste. Vater errötete immer, wenn er von diesem Aufenthalt sprach. Und Mutter bekam schlechte Laune. »Was hattest du denn in Stockholm zu suchen?«, fragte sie dann. Und Vater verzog die Mundwinkel zu diesem bitteren Strich, der ihm so wenig stand. »Es ging um die Fachpresse, Alfhild! Das weißt du genau!« – »Aber du musstest sofort ins Bett, als du nach Hause gekommen bist.« – »Alfhild!«
Ich fühlte mich schuldig, als ich in diesem traditionsreichen Hotel in dem schönen Jugendstilgebäude eincheckte. Als wäre es ein Verrat an der, mit der ich zusammenlebte, dass ich es ohne sie tat. Zugleich, sagte ich mir, war es doch mein Beruf. Das, wovon wir leben mussten, alle beide.
Glaubte irgendwer, ich hätte eine Affäre mit Lill? Hatte Hans Petter deshalb die Augen verdreht? Niemand von uns wollte sich doch im Glanz bekannter Menschen sonnen. Ich am allerwenigsten. Die Andere verließ sich blind auf mich. »Gute Fahrt« hatte sie gesagt und mich umarmt. »Arbeite dich nicht kaputt. Versuch, dich auch ein bisschen zu amüsieren.«
Das leere Hotelzimmer. Es gelang mir nicht, dieses Zimmer zu füllen. War ich hier nicht in der Nähe des Hauses, in dem Wallenberg gewohnt hatte? War ich nicht umgeben von Grafen, Lords und Baronen? Ach, ich kam mir ja so durch und durch norwegisch vor. Lennart Hyland zeigte ein nachsichtiges Lächeln, wenn er Norweger interviewte. Man glaubte immer, dass er in einem unpassenden Augenblick lachen würde. Dieses verdammte schwedische Feixen. Das in Lills Brief nicht zu finden gewesen war. Ich weiß noch, wie ich den Umschlag aufgeschlitzt hatte. Es war, wie einen Brief von dem Playmate des Monats zu öffnen. Sophia Loren oder Simone de Beauvoir. Oder, warum nicht, von der Finnlandschwedin Edith Södergran, obwohl sie tot war. Lill war ja auch Finnlandschwedin. Hatte dieses Direkte und Ungekünstelte. Wenn sie auf der Bühne flirtete, lag immer Humor in ihrem Blick. Das Schlimmste waren doch die, die ohne Humor flirteten. Dass sie sich wirklich für attraktiv hielten. Dass sie glaubten, die Männer sabberten nach ihnen. Ich las den Brief und mir war klar, dass sie von mir vor allem Texte wollte, dass sie mich ganz bewusst als Karrieredowner ausgesucht hatte, um sich den Erwartungen an noch mehr Sinnlichkeit zu entziehen. Natürlich. Wie damals, als Bowie nach Berlin gereist war. Um etwas anderes zu machen. Einen Norweger zu bitten, eine ganze LP zu schreiben, wenn man die sexyste und beliebteste Künstlerin im ganzen Norden war, hätte ausgereicht, um sie in eine Irrenanstalt zu sperren. Und dann gab es ja auch noch diesen Aller, der sich um ihre Geschäfte kümmerte. Ich wusste nicht, was er eigentlich dachte. Ich wusste nur, dass ihm unmöglich zusagen konnte, was jetzt passierte. Dass ein Mann aus dem Hurzel-Purzel-Land herkommen und sich als Liederschreiber aufspielen sollte.
Beim ersten Mal war ich mit dem Taxi hinaus nach Täby gefahren. Obwohl das Haus im Svängveg nicht elegant im Hollywoodsinn war, mit Disney-Lösungen, Türmen und Fledermäusen in allen Ecken, hatte es Stil. Hier wohnte sie also, zusammen mit ihrem verführerischen Brasse, der, ebenso wie sie, alle hätte haben können, wenn er gewollt hätte. Sie waren noch immer jung. Lill war 39. Reif, aber nicht so reif, dass sie vom Ast gefallen wäre. Im Gegenteil, ihre Erfahrung schenkte ihr neue Vitalität. Dass sie sich traute. Dass sie den Lippenstift vergaß. Dass sie den Menschen in die Augen schaute.
Sie öffnete die Tür, barfuß, als Geste der Erinnerung an unsere letzte Begegnung, als sie im Talent Studio in Oslo die Sandalen abgestreift und die Oda-Lieder aus Leve Patagonia aufgenommen hatte. Die braunen Locken fielen ihr auf die Schultern. In diesem Moment war sie atemberaubend schön. Wir umarmten einander, verlegen, als hätten sie oder ich bereits zu viel gesagt. Aber wir hatten noch gar nichts gesagt.
»Komm rein«, sagte sie.
»Danke«, sagte ich.
»Stimmt was nicht?«
»Ich war einer Ikone noch nie so nahe.«
Sie schnaubte. »Für solchen Blödsinn haben wir keine Zeit, Ketil. Außerdem warst du genauso nah, als wir Leve Patagonia aufgenommen haben.«
»Ja, aber da habe ich nicht einmal gewagt, daran zu denken, was du für eine große Künstlerin bist. Jetzt versuche ich nur, dir zu erzählen, dass ich Versagensangst habe.«
Sie streichelte rasch meine Wange.
Ich war zum Mittagessen eingeladen. Später würden wir die Melodien und Texte durchgehen, die ich bisher geschrieben hatte.
Ein großes schwarzes Kaninchen lief frei im Haus herum. Ab und zu redete sie mit ihm wie mit einem Menschen. Lill war ein Mensch, wie ich selbst so gern einer gewesen wäre. Eine, die in sich ruhte, die nicht herumquengelte, um zu verstehen oder verstanden zu werden, die von ihrer Karriere offenbar nicht zerstört worden war, von dem Ruhm, den ihr die gewaltigen Verkaufserfolge und die Revuen mit den größten Komikern und Bühnenpersönlichkeiten Schwedens gebracht hatten. Sie strahlte eine Ruhe aus, die ich selbst niemals besessen hatte. Sie suchte nicht nach Kontrolle, denn sie hatte sie, war vorbereitet auf das, was kommen würde, selbst wenn sie nicht wusste, was es war. Ich dachte daran, dass sie eine Scheidung hinter sich hatte, dass sie ein Kind hatte. Aber sie hatte keine Angst vor ihrer eigenen Vergangenheit, konnte offen darüber sprechen, vor allem, als die Rede auf die Lieder kam, die ich schreiben wollte.
Als ich mit der Bahn durch das vom Streik getroffene Värmland fahre, wird diese Begegnung, die einige Wochen zurückliegt, für mich lebendig. Der Frühling ohne Jean-Paul Sartre, ohne Alfred Hitchcock. Erich Fromm war ebenfalls gestorben. Mutter hatte eine besondere Beziehung zu Die Kunst des Liebens gehabt. Was hatte sie daran so stark berührt? Zu Hause hatte immer Vater die Rolle des Intellektuellen gespielt, aber es war Mutter, die Beauvoir und Friedan ins Haus brachte. Und Jung und Fromm. Mit Sartre konnte sie dagegen nichts anfangen. »Dieser versoffene Chauvi und Hurenbock«, sagte sie nur. Bei Lill zu Hause im Wohnzimmer standen die Bücher von allen. Sie hatte auch Bücher mit Widmung von einigen der bedeutendsten Autoren Schwedens. Von mir wollte sie Texte, die von etwas handelten, so wie Leve Patagonia von Bohème, Liebe und Utopien gehandelt hatte. Aber nach all diesen Jahren mit Ole wusste ich, dass Liedertexte das Schwierigste waren, schwieriger als Gedichte, schwieriger als Romane. Ein Liedtext bestand immer aus Strophe und Refrain. Ich dachte an Ole, der seine Lieder immer schnell schrieb, der sie auf Servietten kritzelte, in Flughäfen, Hotelzimmern, Zügen, in Garderoben. Ich selbst zögerte, saß allein in dem Zimmer, das mir die Schule ganz hinten im Internat zugewiesen hatte, hörte die Geräusche der Schüler, die in ihren Zimmern saßen und miteinander redeten. Die Geräusche eines Kassettenrekorders, ein plötzliches lautes Lachen. Was war es doch für ein Glücksspiel, Popstücke schreiben zu sollen, wenn man damit Geld verdienen musste. Ich wusste, dass Lill nicht an Geld dachte. Dann hätte sie sich nicht an mich gewandt. Aber die LP würde von Anders Burman produziert werden, damals einer der angesehensten und wichtigsten Produzenten Nordeuropas. Die Vorstellung machte mir Angst, Burman zu treffen, der mit Cornelis Vreeswijk, Fred Åkerström, Lill Lindfors, Alice Babs, Agnetha Fältskog, Bernt Staf und Pugh Rogefeldt im Studio gewesen war, obwohl ich mich auch gewaltig darauf freute, meine Lieder in dem früheren Metronome-Studio aufzunehmen, in dem auch der ABBA-Techniker Michael B. Tretow gearbeitet hatte. Ich würde für ein Streichorchester schreiben, und Marie Bergman war als Chorsängerin angeheuert worden. Das waren für mich wahnsinnig starke Namen. Ola Brunkert. Er war der feste Schlagzeuger von ABBA, hatte an all ihren Schallplatten mitgewirkt und war soeben von der dritten großen Welttournee zurückgekehrt. Auf welchen Bühnen hatte er nicht gestanden? Arenen, Fußballstadien, Madison Square Garden. Jetzt würde er eine Woche im Studio verbringen, zusammen mit vier Musikern, Lill Lindfors und einem vollkommen unbekannten Norweger, der noch dazu alle Lieder geschrieben hatte. Also nicht Mamma Mia und Dancing Queen, sondern Finnes du noensteds i kveld und Canto Libre. Jetzt bloß nicht zum lächerlichen Norweger werden. Nicht zum Stallwichtel. Nicht zu glauben, dass ich diese Produktion machen kann, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Künstlerin sonst Tausende von Platten verkauft, dass Metronome, die soeben von Warner aufgekauft worden waren, erwarteten, dass ihre fixe Idee mit diesem Norweger die Kassen zum Klingeln bringen würde. Hoch oben in Hallingdal hatte soeben der Frühling begonnen. An den Hängen lagen Schneereste, das gefrorene Laub des Vorjahres bedeckte den Boden und taute nun langsam auf. Der Staub der winterlichen Spikesreifen auf dem Asphalt. Hier hätte ich auch wohnen können. Ich hätte mich nicht versteckt, sondern mich gefunden, mich nicht von den Erwartungen anderer ablenken lassen. Es waren so wenige Akkorde nötig für einen Hit, der um die ganze Welt ging. F-Dur, G-Dur, C-Dur. Vielleicht ein a-Moll zur Abwechslung. ABBA hatten das immer wieder geschafft. Warum ging Lill nicht zu Benny Andersson und Björn Ulvaeus? Hitproduktion war für Fortgeschrittene, für Aktienmakler und Zyniker. Aber nun stand ich bei Lill in der Küche und starrte sie an, während sie in ihrem lila Baumwollrock und der weißen Bluse Eier mit Speck für uns briet, sich Zeit ließ, den krossen Speck auf Küchenpapier legte, damit das Fett abfließen könnte, während die Frühlingssonne vor den riesigen Küchenfenstern schien und ich dachte, sie nähere sich vielleicht der Midlifecrisis, bei der alle aus ihrem Leben ausbrechen und sich für etwas ganz anderes entscheiden können, etwas absolut Falsches. Ich durfte nicht zum Symbol für diesen Fehlgriff werden, dachte ich, ohne zu wissen, dass ich so dachte wie zweifellos der Sportpsychologe Willi Railo, als er sein Buch Besser sein wenn’s zählt schrieb, das später in den achtziger Jahren erscheinen sollte. Aber noch hatten die Selbsthilfebücher die Gesellschaft nicht mit amerikanischen Slogans überschwemmt. Ich hatte keine andere Methode, um Konzentration und Selbstkontrolle zu erlangen, als Vaters alten Rat, tief und lange in den Bauch zu atmen. Das hatte ich schon seit vielen Jahren gemacht, vor allem, als ich auf dem Podium gesessen hatte vor komplizierten klassischen Klavierstücken. Dann atmete und atmete ich bis zur Lächerlichkeit, und das Publikum fragte sich schließlich, was denn mit mir los sei.




