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Nach dem Mittagessen, nachdem ich auf der Toilette gewesen war und den Finger in den Hals gesteckt hatte, setzten wir uns hin und sprachen darüber, was auf der Welt geschah. Alles, was sie in diese Lieder einbringen wollte, die Erfahrungen, die sie in Lateinamerika gemacht hatte. Aber wie sollte ich denn Lieder über ihre Erfahrungen schreiben können?
»Du kannst über die Chilenen schreiben, die hergekommen sind in den siebziger Jahren, vor allem nach Schweden. Waren die nicht auch in Norwegen?«
»Nicht so viele wie bei euch.«
»Viele von denen sind enorm stark. Wir merken, dass sie hier sind. Auf positive Weise. Sie wollen zurück in ihr Land und es wieder aufbauen, wenn diese Hölle von Diktatur ein Ende genommen hat.«
Ja, dachte ich, ich könnte über Canto Libre schreiben, das freie Lied. Das mit den Menschen weiterwanderte. Außerdem kam der Saxophonist und Flötenspieler Hector Bingert aus Lateinamerika. Für Lill war er vielleicht der wichtigste Musiker in dieser Band.
An diesem Nachmittag merkte ich, wie dringend Lill etwas über Politik sagen wollte, sich an der gesellschaftlichen Diskussion beteiligen, sich von der unverbindlichen Leere der Popstücke distanzieren.
»Denk doch nur, Mugabe ist an die Macht gekommen. Was denkt jetzt wohl eine Frau wie Doris Lessing?«
»Ja«, ich nickte. Das The Children of Violence-Quintett. Lessings großes Werk, das Mutter und dann auch mich so beschäftigt hatte. Lessings Erfahrungen. Im weißen Rhodesien aufzuwachsen. Jetzt hieß das Land plötzlich Zimbabwe. All die Erwartungen, die sich mit Robert Mugabe verbanden. Und gleichzeitig: die großen Krisen in der Welt, gerade jetzt. Josip Broz Titos Tod, der den gesamten Balkan den Atem anhalten ließ. Die misslungene Aktion der USA in der Wüste bei Teheran.
»Aber daraus kann ich keine Lieder machen«, sagte ich.
»Natürlich nicht«, sagte sie.
»Aber ich kann über die Zeitungsbotin schreiben, die mir jeden Morgen auf dem Frogner plass begegnet ist, Ende der sechziger Jahre. Sie hatte eine andere Tour und war oft früher da als ich, um ihre Zeitungen zu holen. Aber manchmal bin ich ihr begegnet. Und habe in ihre alternden Augen gestarrt.«
»Ja, schreib darüber.«
»Und alle Nachrichten, die sie den Menschen im Viertel gebracht hatte. Das ganze Grauen. Die Verzweiflung. Was ist jetzt mit dem Flüchtlingsstrom aus Kuba? Den über zehntausend Menschen, die sich in der peruanischen Botschaft in Havanna aufhalten? Castro, der viele von ihnen ausreisen lässt?«
»Aber darüber steht doch immer weniger in den Zeitungen!«
»Da steht etwas über den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau.«
»Ja, was meinst du dazu?«
»Ich finde, es ist seltsam, dass Norwegen, das immer für die USA mit dem Schwanz wedelt und das sogar im Norden an die Sowjetunion grenzt, diese Olympiade boykottiert, wenn ihr in Schweden und in den anderen nordischen Ländern das nicht tut. Und auch nicht Großbritannien, Italien, Spanien, Österreich.«
»Ihr tut das, weil die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert ist.«
»Und warum ist die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert?«
»Hatte deine Zeitungsbotin sich dazu nichts überlegt?«
»Vielleicht? Sowjetische Unterstützung für den Kampf der marxistischen Regierung für Bodenreformen, Frauenstimmrecht, Verbot von Zwangsverheiratungen, in einem Land mit einem Gewimmel von muslimischen Stämmen, die sich die Scharia wünschen. Aber wer wagt, darüber ein Lied zu machen?«
Ich denke an das Lied Sara. An Daniels bok, Regent Street, Och människor ser igjen, das der Schallplatte schließlich den Titel gab. Texte, die durch Gespräche entstanden. Melodien, die zu schreiben ich von ihr indirekt gezwungen wurde. Sie wusste nicht, wie es um mich stand. Für Leve Patagonia hatten wir nur bei zwei Liedern zusammengearbeitet. Diesmal waren es elf. Jetzt, wo ich das hier schreibe, lasse ich diese 36 Jahre alte Produktion laufen und höre, wie begeistert Lill ist, mit welcher Glut sie singt, wie sie meine Melodielinien noch weiter ausdehnt, als ich das für möglich gehalten hätte. Wie sie ihnen überraschende Betonungen gibt und welche Punkte sie hervorhebt. Die Stimmung im Studio war engagiert und konzentriert. Der Wunsch, zusammen etwas zu erschaffen. Ich war so nervös gewesen, als ich in der Stockholmer Centralstation angekommen war. Am nächsten Tag wollten wir uns im Studio treffen. Alles, was ich noch nicht wusste. Ich hatte den ganzen Abend frei. Es war ein Maiabend mit plötzlicher Wärme. Nachdem ich im Diplomat eingecheckt hatte, drehte ich eine Runde durch die Stadt, merkte, dass mich meine Füße zu den Sexshops und den Kaschemmen in den Seitenstraßen trugen, alles war so anders als in Oslo, so unerwartet offen. Das überraschte mich. Ich hatte geglaubt, mich in einer der Hauptstädte des Feminismus zu befinden. Ich hatte nicht gewagt, das Lill gegenüber zu erwähnen. Es war vor allem Neugier. Ich ging vorbei. Musste vorbeigehen. Sagte mir, dass jeder anständige Mann an solchen Orten vorbeigeht. Natürlich. Ich ging hinüber auf die andere Seite der Bucht, vorbei am Grand Hotell, über die Brücke zum Schloss. Es war am Vortag plötzlich warm geworden. Junge verliebte Paare waren engumschlungen und leicht bekleidet unterwegs. Sie waren auf andere Weise hübsch als zu Hause, fand ich. Die Blonden waren noch blonder, die Dunklen noch dunkler, die Großen noch größer, und Durchschnittliche gab es fast nicht. Als bewegten sie sich alle auf einer Welle des Selbstbewusstseins. In Gamla Stan kam ich am Cattelin vorbei. Als ich mit der Anderen dort gewesen war, hatten wir Schafshirn gegessen. Ich kannte diese Stadt als eine Stadt, in der ich von mir selbst pausieren und neue Impulse holen konnte. Jetzt war ich hier mit elf Liedern, die die Schallplattenfirma Metronome von ihrer meistverkauften Künstlerin aufnehmen lassen wollte. Ich ging in Richtung von Den Gyldene Freden und suchte nach dem Selbstbewusstsein, von dem ich wusste, dass es irgendwo in meinem Kopf vorhanden sein musste, vielleicht kurz hinter dem linken Ohr, was wusste denn ich. Cool Water hatte Cornelis Vreeswijk gesungen. Das Lied darüber, im Gyldene Freden zu sitzen und langsam nüchtern zu werden. Ich sehnte mich immer ins Freden, wenn ich in Stockholm war. Vreeswijks Erschöpfung war nicht meine. Noch immer wollte ich in den Rausch, wollte dort sein, etwas verzehren. Wenn ich dann danach den Finger in den Hals steckte, hatte ich jedenfalls vorher zugelangt. Da sah ich das Lokal, unscheinbar von außen. Ich wollte nicht in die Kellerhallen, wo die Touristen saßen. Im ersten Stock hatte ich aber auch nichts zu suchen, wo jedes Jahr entschieden wurde, wem der Literaturnobelpreis zugesprochen werden sollte. Ich gehörte ins Erdgeschoss. Dort hatten Vreeswijk und Åkerström gesessen. Und Taube. »Spiel jetzt, Taube, zum Henker«, hatte wohl irgendwer gerufen, wann immer er ein Restaurant betrat, wo eine kleine Kapelle spielte. War es das Selbstbewusstsein, das Leute berühmt machte? Lag es an ihrer Frechheit, dass sie Erfolg hatten? Alf Cranner hatte mir die Anekdote erzählt, wie Taube um ein Lied zum Geburtstag von Albert Bonnier gebeten worden war. Taube verlangte ein reichliches Honorar, dazu vierzehn Tage Aufenthalt in einem Luxushotel in Südfrankreich. Als er nach Schweden zurückkam, hatte er keine einzige Note zu Papier gebracht. Dennoch sang er bei der Geburtstagsfeier. Er sang Fridtjof Andersons Paradmarsj. Der war genau wie früher. Er hatte nur einen Namen ausgetauscht: »Hier kommt Albert Bonnier, ja, hier komme ich.« Und damit kam er durch. Er war Taube. Er war genial. Aber er war nicht politisch. Nicht allen war es vergönnt, Boris Vian zu sein, Victor Jara, Wysotzki, Brecht/Weill. Aber dort im Freden, mit gesalzener Rinderbrust und einer Flasche Wein auf dem Tisch, dachte ich an sie und an die elf Lieder, die ich selbst geschrieben hatte. War ich weit genug gegangen? Lill hatte über ihre eigene Zeit singen wollen. Sie hatte keine Angst vor politischen Liedern. Das hatte ich auch nicht. Aber ich konnte nicht fortlaufend die Gesellschaft kommentieren, wie Ole es in der Paus-Post tat, und ich hatte auch keine Erfahrung damit, ein richtig politisches Lied zu schreiben, das sich über die Floskeln erheben könnte. Ich konnte solidarische Lieder schreiben. Mehr nicht. Aber jetzt war es ohnehin zu spät.
13.
Es war nach dem vierten Tag im Studio, als alles aufgenommen, aber noch nicht abgemischt war. Nun lud Lill mich zu einer Dragshow mit Christer Lindarw ein. Am Vorabend hatten wir in Anders Burmans großer Eckwohnung auf Söder gesessen, in dem exklusiven Haus, das eine Art Wahrzeichen war, mit Aussicht über die ganze Stadt. Wir waren aufgekratzt und glücklich über alles, was wir geschafft hatten. Wenn ich Lill ansah, dachte ich, etwas auszuüben, zu erschaffen, lasse Schönheit aus sich selbst entstehen, ja, selbst die hässlichste Erscheinung, wie Orson Welles oder Charles Laughton, könne Schönheit gewinnen durch die erbarmungslose Eigen-Wirklichkeit des Schauspielers. Ich hatte diese Schönheit am ersten Abend im Gesicht ihres Lebensgefährten gesehen, als wir alle im Theatergrill gegessen hatten. Brasse Brännström war die eine Hälfte von Magnus und Brasse, der ganze Norden liebte die beiden. Sie hatten ein Programm, das sie jeden Abend aufführten, aber gerade an diesem Abend hatte Brasse frei. Ich hatte mir längst etwas gemerkt, was Lill über ihn gesagt hatte: »Entweder feiert er, oder er fastet.« Ich musterte ihn, die großen Kontraste im Gesicht, die konstante Traurigkeit, die er ausstrahlte. Etwas an ihm erinnerte mich an Jack Lemmon. Das melancholisch Hilflose, das ihn seltsamerweise nur interessanter machte. Trond-Viggo hatte auch etwas davon. Sich selbst nicht so ganz aushalten zu können. Als wir in dem eleganten Restaurant hinter dem Theater Dramaten an unserem Vierpersonentisch saßen, tauchte plötzlich Magnus Härenstam auf. Ich begriff nicht richtig, weshalb. Ich saß an einem Tisch mit dreien der berühmtesten Menschen Schwedens, und dann war er gekommen, um mich kennenzulernen. Ich registrierte die Blicke von den anderen Tischen, die übertriebene Höflichkeit der Kellner und fühlte mich fehl am Platze. Diese Jetset-Stimmung war so weit entfernt von Sandøya. Ich hatte plötzlich das Gefühl, mich irgendwohin verlaufen zu haben, dass sie missverstanden hätten, wer ich war, dass ich aufstehen und sagen müsste: »Entschuldigung, hier liegt eine Verwechslung vor. Ich gehöre nicht hierher.« Ich hätte geradewegs zur Toilette gehen und den Finger in den Hals stecken müssen, ehe ich mich aus dem Restaurant und zu einer elenden Kneipe weit weg von Östermalm schlich. Aber das wagte ich nicht. Es war zu spät. Wir nahmen gerade eine LP auf. Drei Lieder befanden sich schon auf großen 24-Spur-Bändern. Ich lauschte auf die Gespräche um mich herum. Versuchte, die Rolle des jungen, in sich gekehrten, geheimnisvollen Künstlers zu spielen. »Wohin fährst du im Sommer?«, fragte Lill. »Nach Mallis«, antwortete Magnus. »Was ist Mallis?«, fragte ich. »Mallorca«, antwortete Magnus. Ich musste lachen. Es klang so blödsinnig. Mallis, also echt. Klar, dieses Herrenvolk hier sagte auch Dagis zu Kindergarten und Fritids zu Freizeit. Dennoch war es komisch. Ich lachte immer weiter. Sie lachten auch, aber nicht über sich selbst. Sie lachten über mich, weil ich Norweger war, weil ich es seltsam fand, dass ich noch nie von Mallis gehört hatte, dass ich so wenig Schwedisch konnte. Ich merkte, dass ich rot wurde. Ich lachte zu lange. Das hatte ich auf diese Weise noch nie getan. So außerhalb aller Kontrolle. Jetzt war ich der Knabe aus dem Nachbarland, dem armen Land, dem Kätnerland, dem Hurzel-Purzel-Land. Ich sagte es. »Entschuldigung. So benimmt man sich, wenn man aus einer ehemaligen Strafkolonie kommt. Wir tragen noch immer Frieswämse und schlafen im Heu.« Sie lachten pflichtschuldig. Sie fanden das nicht witzig. Sie waren professionelle Komiker. Sie waren vielfache Millionäre geworden, weil sie andere dazu bringen konnten, vor Lachen zu heulen und zu kreischen. Sie hatten eigentlich keine Verwendung für Amateure wie mich. »Aber ihr habt ja das Öl«, sagte Brasse freundlich. »Wir werden ohnehin nicht reich, jedenfalls nicht so wie ihr«, sagte ich. »Wir kriegen nur einen Haufen Geld.« – »Schön gesagt«, sagte Lill. Aber ich merkte, dass ich mich ausgesperrt hatte, und darüber sprach ich nun, in Anders Burmans Wohnung, drei Tage später. Ich gestand, wie sehr ich mich ausgeschlossen gefühlt hatte. Ich erzählte nicht, dass ich nach dem Fischgericht gekotzt hatte. Ich erzählte auch nicht, dass ich Brasse um ein Haar gefragt hätte, ob auch er jeden Tag den Finger in den Hals steckte. Es reichte, zu erzählen, wie sehr ich mich ausgeschlossen gefühlt hatte. Aber sowie ich es gesagt hatte, merkte ich, wie ichbezogen ich war. Diese freundlichen, berühmten Menschen hatten mir freie Hand gelassen, hatten mir alle Möglichkeiten gegeben, und hier saß ich nun und beklagte mich, weil ich nicht ganz dazugehörte. Gab es denn keine Grenzen, wenn man aus Norwegen kam? Aber auch diesen ichbezogenen Ergüssen lauschten sie höflich, und sie brachten ihre eigenen Anekdoten über andere Leute, Schweden sogar, denen es genauso gegangen war. Aber wie konnte man denn auf einer Bühne stehen und sich selbst dennoch als dysfunktional erleben? Oder in einem Studio? Ich hatte die Streicher dirigiert. Alles hatte geklappt wie am Schnürchen, obwohl ich glaubte, ziemlich komplizierte Arrangements geschrieben zu haben, vor allem bei Regent Street. Triolen, die klingen sollten wie ein Kaffeehausmusiker im Delirium. Und wenn ich in der Musik war, ob auf der Bühne oder im Studio, repräsentierte ich einen anderen als mich selbst. Dann war ich entweder meine eigene Vergangenheit, der Pianist, der jeden Tag acht Stunden geübt hatte, oder der, der die Musik geschrieben hatte. Dann stand ich dort und nahm mit Fug und Recht Platz ein. Dann zögerte ich nicht. Im Konzertsaal konnte ich dem Publikum weniger und weniger ins Auge schauen. Auf irgendeine Weise bat ich immer um Entschuldigung dafür, dass ich dort stand und ihre Zeit stahl. Selbst, wenn ich wusste, dass ich etwas Gutes zu bieten hatte, etwas, das jedenfalls nicht schlechter war als das, was andere liefern konnten, glaubte ich nicht, Applaus verdient zu haben. Hatte ich deshalb das Publikum gebeten, nicht zu klatschen, als ich in den siebziger Jahren Poesie und Musik gemacht hatte? Aber ich rezitierte nicht mehr. Ich spielte. Und zu Hause auf der Insel schrieb ich Lieder und Romane. Schweden war das Land der Lieder. Die Liedermacher schrieben Texte, die oft die der Lyriker übertrafen. Schon zu Beginn der achtziger Jahre schien die Lyrik in der literarischen Landschaft an Boden zu verlieren. Axel Jensen würde zwar fünf Jahre später mit seinem Boot vor Aker Brygge vor Anker gehen und ein internationales Poesiefestival arrangieren, aber gerade jetzt, zu Beginn der achtziger Jahre, stahlen die Romane sehr viel Aufmerksamkeit. Es würde das Jahrzehnt von Jan Kjærstad werden. Das Jahrzehnt von Lars Saabye Christensen. Das Jahrzehnt von Herbjørg Wassmo. Das Jahrzehnt von Dag Solstad. Tove Nilsens Wolkenkratzerengel in Bøler. Und diese literarischen Dinge strömten plötzlich durch meinen Kopf, fast wie eine Vorwarnung vor späteren Traumata, während ich zugleich eingestand, wie gering mein Selbstbewusstsein war, was mich für diese phantastischen Menschen zur Belastung machte, für Lill und Anders, die diese Produktion ermöglicht hatten. In letzter Zeit erlebte ich mich mehr und mehr als jemanden mit großem Erfolg, für den aber trotzdem alles immer zum Teufel gehen würde. Warte nur ab, hätte ich gern gesagt, wann immer jemand mir ein Kompliment machte.
Lill ohne Brasse war so anders, sie kam mir fast vor wie bei einem Date, redete die ganze Zeit, eine Fähigkeit, anwesend zu sein, um die ich sie beneidete, weil ich selbst so zurückhaltend war. Ich merkte, dass sie erleichtert war. Dass sie glaubte, wir hätten etwas geschafft. Anders Burman verhielt sich ebenso. Er sagte, er freue sich auf das Abmischen. Ich hatte gedacht, er werde mit uns die Dragshow besuchen. »Nein, ihr zwei solltet allein gehen«, sagte er entschieden.
Sollte ich wirklich allein mit Lill losziehen zum absoluten Hotspot und After Dark sehen, die Dragshow mit der »schönsten Frau Schwedens«, Christer Lindarw, dem Sohn eines Speedwayfahrers? Seine Parodie auf Lill war der Höhepunkt in seiner raffinierten Show.
Als wir vor dem Theater aus dem Taxi steigen, geht es wie ein Rauschen durch die Menschenmenge. Lill Lindfors! Hier ist sie! Wirklich! Sie hakt sich bei mir ein, und ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll, wie ihr todkranker, Hilfe brauchender Vetter vierten Grades, den sie aus Kiruna oder Umeå hergeholt hat, um ihm etwas Gutes zu tun? Oder soll ich die norwegische Karte ausspielen? Den Stallwichtel? Den Hilfesuchenden? Sie, die Waisenkinder in aller Welt besucht, die in Afrika war, um den hungernden Müttern zu helfen, jetzt kommt sie mit diesem armen Norweger her, mit dem sie eine LP aufnimmt, nur um sein elendes Selbstbild zu retten. Ich gehe dicht neben ihr, merke, dass jemand mit Blitz fotografiert, versuche zu lächeln, während ich mich im Glanz sonne. Ja, ich habe schon einen Sonnenbrand. Meine Haut pellt sich. Lill lacht und lächelt mich an. Keine kann lächeln wie Lill Lindfors.
Drinnen gibt es Glamour und laute, intensive Musik. Nichts weist daraufhin, dass in Schweden gerade überall gestreikt wird. Wir landen in der Welt der Verkleidungen. Lindarw und seine Herren erschaffen eine Damenwelt, die selbst sabbernden Tattergreisen die Potenz zurückgeben kann. Ich sitze da mit großen Augen und offenem Mund und glotze. Kann das wirklich möglich sein? Diese Menschen zaubern doch mit ihren Körpern und mit Schminke und Haltung. Ihr Selbstvertrauen ist ansteckend. Sitze ich hier und denke, dass Lill und ich ein Album eingespielt haben, von dem wir Tausende Exemplare verkaufen werden? Sind wir schon dicht vor einem großen Hit? Etwas in der Größenordnung von Du är den ende? Was? Was? Reden wir jetzt über klingende Münze? Welcher Champagner erwartet uns nach der Show? Was wagen sie, uns nicht anzubieten? Sind schon Gerüchte über diese LP im Umlauf? Und da kommt Lill Lindfors! Die Frau, neben der ich in der dritten Reihe sitze. Aber sie kommt von der Bühne her. Sie ist strahlend schön in einer weißen Kreation, und sie zeigt die perfekten Beine, Haut und Seide, streicht wie eine selbstsichere Katze über die Bühne, während die Stimme der Lill, die im Saal sitzt, aus den Lautsprechern strömt. »Er geht wie ein Kerl / Er sieht aus wie ein Kerl / mit einem Körper wie ein Kerl / und küsst, wie ein Kerl das soll.« Gelächter wogt durch den Saal. Alle sehen ja, wie sehr er sich an ihr orientiert, wie er ihr zuzwinkert, wie sie da neben mir sitzt und höflich mitsingt, um klarzustellen, wie entzückt sie von der Parodie ist. Er geht fast ihre gesamte Hitliste durch, und als er bei Du är den ende ankommt, explodiert der Saal. Die Sinnlichkeit auf der Bühne ist so überwältigend, dass Lill losprustet. Für wenige Sekunden scheint Lindarw mehr Lill zu sein als Lill selbst. Es entsteht eine magische Kommunikation zwischen dem, der parodiert, und der, die parodiert wird, vielleicht, weil es gar keine Parodie ist, sondern eine Imitation, eine Widmung, ein Ausdruck der Bewunderung, Lindarws Version einer Frau, die er hätte sein können, die er vielleicht gern wäre, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. Als ob Lindarw als Lindfors besser wäre denn als Lindarw. Das Dach hebt sich vom Theater.
Ted Turner, der Medienmogul aus den USA, auf den ich zehn Jahre später gewaltig eifersüchtig sein werde, als er Jane Fonda heiratet, meine ewige Barbarella mit den sichtbaren Orgasmen, gründet Cable Network News, zusammen mit 25 anderen Investoren, die zusammen 20 Millionen Dollar in den neuen Fernsehsender schießen. CNN wird rund um die Uhr Nachrichten senden. Das ist bisher noch nicht dagewesen. CNN soll zudem zu einem globalen Fernsehprojekt werden, mit Büros in den USA, Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika.
Ich sitze draußen auf der riesigen Terrasse, die wir gebaut haben, und lese über dieses Projekt, verspüre einen Stich Sehnsucht nach Stadt, Kabeln, Satelliten, Rockmusik und Technologie. Ich lese, was Ted Turner in Verbindung mit der Einweihung von CNN gesagt hat: »Wir werden erst aus dem Äther verschwinden, wenn die Welt untergeht. Wir werden dabei sein, wir werden live berichten, und es wird unsere allerletzte Sendung sein. Wir werden einmal die Nationalhymne spielen, wenn wir am 1. Juni auf Sendung gehen, und das ist alles. Und wenn die Welt untergeht, werden wir Näher, mein Gott, zu dir spielen, ehe wir endgültig verstummen.«
Sofort ein eiskalter Wind. Wie bei einer Sonnenfinsternis.
Die Welt geht unter?
Das sagt ein steinreicher Philanthrop, der einen rund um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal eröffnen will?
Wie hat er das eigentlich gemeint? Weiß er mehr als wir?
Plötzlich ist die Angst der Kubakrise wieder da. Der neun Jahre alte Junge. Die Luftschutzräume.
Die kreideweißen Gesichter meiner Eltern.
14.
Der Sommer kommt immer als Überraschung. Man vergisst ihn jedes Jahr. In diesem Land sind alle Jahreszeiten so lang, dass man glaubt, sich in einem ewig währenden Zustand zu befinden, jedes Mal, wenn eine Jahreszeit lang genug war, um sich um uns zu schließen. Drei Monate Sommer, drei Monate Herbst, drei Monate Winter, drei Monate Frühling.
Jetzt ist wieder Sommer.
Alles, was in Stockholm geschehen ist, ist lange her.
Wenn Ole sich über mich lustig machen will, nennt er Sandøya Saltkrokan. »Wir auf Saltkrokan – zwanzig Jahre später«, sagt er. Es ist nicht freundlich gemeint. Zu viel Idyll. Zu viele Spitzengardinen und Kelims vor den Zusammenbrüchen, Scheidungen und existenziellen Schiffbrüchen. Bald wird uns auch der junge Autor Roy Jacobsen in der Zeitung verspotten. So kann man doch nicht wohnen, in kleinen idyllischen Holzhäusern. »Harmonie kann ebenso provozierend wirken wie eine gute Melodie«, sage ich zu Ingar Marcussen, der soeben mit seiner Familie auf die Insel gezogen ist. Er ist Architekt, seine Frau Architektin. Er hat eine Brille wie die deutschen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit. Er ist fast so groß wie ich und kann nie aufhören, sich über seine Arroganz lustig zu machen. Die kann aber auch reichlich abscheulich sein. Aber wenn sich sein Gesicht zu einem Lächeln öffnet, einer plötzlichen und unerwarteten Anerkennung oder sogar zu einem Eingeständnis, dann ist er unwiderstehlich. Mir ist noch nie ein Mensch mit einer solchen Ähnlichkeit mit Gustav Mahler begegnet, und als ich ihn dann besser kennenlerne, werde ich um ein Haar zum vollwertigen Anthroposophen und halte ihn für die Inkarnation von Mahler, mit derselben Schönheit, mit Himmel und Hölle in seinem Inneren. Er kann ebenso lärmend entsetzlich sein wie die meisten ersten Sätze in Mahlers Symphonien, wo die Wiegenlieder der Kindheit mit den kräftigsten Militärmärschen und für Skelette geschriebenen Walzern ringen, die Kastagnetten wurden ersetzt durch klappernde Särge, genau wie in den Scherzi. Aber außerdem ist in ihm Platz für die langsamen Sätze, die himmelstrebenden Themen, die nie ein Ende finden, Liebeserklärungen mit so viel existenziellem Schmerz, so tiefer Trauer, dass ich mich frage, woher er eigentlich kommt, auch wenn er behauptet, von der Akersborg terrasse. Den Namen Marcussen jedoch hat er von den Gutsbesitzern auf der Nachbarinsel Askerøya, einer Sippe mit viel Charme und keinem geringen Grad an Selbstbewusstsein. Es war Ingars Tante, die mich im Rathaus von Tvedestrand angeschrien hatte in den siebziger Jahren, als ich mit keiner Geringeren als Lillebil Ibsen auf der Bühne stand. »Leiser spielen, Bjørnstad!«, hatte sie gerufen. Ingar erinnert mich immer wieder an diese Episode. Er stammt aus einer Familie von starrköpfigen Menschen mit scharfen Ohren, Grundbesitz und fixen Ideen. Sein Verwandter Jens Marcussen wird seinen Platz in der neuen rechtspopulistischen FRP finden, Ingar dagegen gehört keiner Partei an. Er gehört nur sich selbst und der wunderbaren Familie, von der umgeben zu sein er das Glück hat. Ich habe schon in den sechziger Jahren von seiner Frau geträumt, viele Jahre ehe ich ihr zum ersten Mal begegnet bin.
Inzwischen sind wir so viele Zugezogene auf dieser Insel, dass wir angefangen haben, uns in Gruppen zu sammeln, Literaturgruppen und Musikgruppen, um uns daran zu erinnern, woher wir kommen, aus den Städten und der Urbanität, aus Konzerthäusern, Theatern und Rockclubs, aus Buchläden, Musikgeschäften und Kunstgalerien.




