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Sverre wirkte geheimnisvoll. Das tat er immer, wenn er eine neue Idee hatte. Ich fragte ihn, woran er dachte.
»Dass wir uns an die russische Botschaft wenden sollten«, sagte er. »Die russische …?«
»Oder die amerikanische. Aber die Russen werden dieses Wettrennen gewinnen, und ich will auf der Gewinnerseite stehen. Du nicht auch?«
Ich zögerte ein bisschen, ehe ich antwortete. Vielleicht, weil ich Gewinner noch nie hatte leiden können. Ich mochte doch die Verlierer, konsequent und jederzeit. Ich mochte Nixon, ich mochte Shepard, der nach Gagarin hochgeschossen worden und der nicht einmal richtig im Weltraum gewesen war. Ich mochte den fetten Sänger, der sich in der Oper bei Mutter blamiert hatte, als er beim höchsten Ton gepatzt hatte und von allen ausgelacht worden war. Ich mochte mich selbst, wenn ich beim Völkerball ausscheiden musste. Gewinner waren anbiedernde und selbstsüchtige Fanatiker, die sich in den meisten Fällen ihren Sieg erschwindelt hatten. Kennedy, zum Beispiel. Mit der Familie stimmte doch etwas nicht. Sie waren zu schön, zu heldenhaft. Sie schwitzten nicht vor laufender Fernsehkamera. Aber jetzt begriff ich doch, dass Sverre Visionen hatte, und einen Menschen mit Visionen durfte man nicht aufhalten, ehe die Visionen sich der Wirklichkeit hatten stellen können.
Als ich nicht sofort antwortete, redete Sverre einfach weiter. »Diese Mäuse sind Raumfahrtmäuse, Ketil. Deshalb haben wir sie ja. Jetzt sitzen ziemlich viele von ihnen in einer dunklen Schublade. Sie bereiten sich auf die große Fahrt vor. Und sie werden diese Fahrt auch überleben. Sie werden nicht auf grausame Weise in den Tod geschickt werden. Ist Norwegen nicht Mitglied der NATO?«
»OTAN«, sage ich. »Auf Französisch heißt das OTAN.«
»Dann sagen wir OTAN-NATO«, entscheidet Sverre. Er hat keine Lust, sich von Spitzfindigkeiten aufhalten zu lassen. »OTAN-NATO klingt irgendwie wie ohne NATO«, sage ich.
»NATO-OTAN«, sagt Sverre, leicht genervt.
»Vater ist dagegen«, sage ich.
Sverre verschluckt sich fast. »Kann man gegen die NATO-OTAN sein?«
Ich zuckte mit den Schultern. Leicht verlegen. Genau wie damals, als ich mit dem Plakat der Freien Wählergruppen vor dem Wahllokal in Huseby stand und der konservative Politiker Stranger, mit dem ich später auf Lesereise gehen sollte, zu uns kam und zu Vater sagte: »Jetzt kommt es darauf an! Überlegen Sie es sich gut, ehe Sie Ihre Kinder zu derart mieser Propaganda missbrauchen!«
Stranger verlor die Wahl, aber die Freien Wählergruppen hatten auch nicht viel Glück. Ich fing an, Stranger zu mögen, weil er ebenfalls ein Verlierer war. Er wurde von dem Sozialdemokraten Brynjulf Bull geschlagen, der mit dem Slogan »Wachstum und Wohlstand in Straße und Dorf« in den Wahlkampf gezogen war. Aber da auch die Freien Wählergruppen verloren hatten, mochte ich Vater noch viel mehr.
Sverre hat derweil den Blick zur internationalen Großpolitik gehoben. »Ist doch egal, was dein Vater meint«, sagt er fast wütend. »Hier geht es darum, norwegische weiße Mäuse in den Weltraum zu schicken. Verstehst du? Begreifst du überhaupt, wie wichtig es für Oslo vor neun Jahren war, die Olympischen Winterspiele auszurichten? Dann kannst du dir auch vorstellen, welche Wirkung es haben muss, wenn die Russen diese weißen Mäuse aus dem freundlich gesinnten kleinen Nachbarland Norwegen in den Weltraum schießen und dann unversehrt zurück auf die Erde holen?«
Ich nicke. Er hat ja nicht unrecht.
»Jetzt lass uns mal klaren Kopf behalten, Ketil. Wenn du gut auf die Mäuse in der Schublade aufpasst, haben wir einen Stamm von kleinen potenziellen Raumfahrern, die Eindruck auf die Russen machen werden. Gib der Sache eine Woche, dann haben viele sich wieder vermehrt. Dann ist die Zeit reif für einen Ausflug in den Drammensvei.«
»Was passiert im Drammensvei?«
»Da ist doch die russische Botschaft. Hast du denn überhaupt keine Ahnung?«
Ich nicke wieder. Sverre hat diese Fähigkeit, auf lange Sicht zu denken. Während ich hier mit ihm rede, merke ich, dass der Erwartungsdruck zu groß für mich wird. Mir muss etwas gelingen. Aber ich will nicht, dass mir etwas gelingt! Ich will im Verborgenen leben. Ich will vom Lehrer übersehen werden, von Fräulein Ätschbätsch, von Tormod, wenn er anstrengende Sportspiele mit mir betreiben will, von Vater, wenn er mit uns in die Hütte oben in Vestmarka gehen will. In Aftenposten habe ich gerade erst gelesen, dass es im Herzen des Hurrikans vollkommen windstill ist. Da will ich sein! Das Leben an sich ist der Hurrikan. Alle Menschen, die jeden Morgen zur Straßenbahn losstürzen. Mutter und Vater, die einander missverstehen und sich streiten. Der Krach in der Klasse. Die Lehrer, die mit der Hand aufs Pult schlagen, sodass ihre Handknochen Risse werfen. Fräulein Ätschbätsch, die mir ihre Rechtehand-Monotonie einhämmert. Ich will nicht monoton sein! Ich will kein Hurrikan sein! Ich will ganz still in der Mitte sitzen und zusehen, wie die anderen durch ihre Tage und Nächte schwirren.
»Abgemacht?«, fragt Sverre und streckt die Hand aus.
»Abgemacht«, antworte ich und versuche zu lächeln. Mit mir hat die Feigheit ein Gesicht bekommen. Ich werde ein wenig rot.
Als Mutter und Vater nach Hause kommen und auch Tormod wieder da ist, schleiche ich durch das Haus und registriere jedes einzelne Detail. Im Hauptkäfig im Wohnzimmer lebt die erste Mäusegeneration ihr normales Leben, unabhängig davon, was mit der Nachkommenschaft in der Küche passiert. Ich setze mich vor den Käfig und lasse mir nichts anmerken.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragt Mutter besorgt. Sie kennt mich besser als jeder andere.
»Sicher. Warum fragst du?«, antworte ich. »Wollte ich nur wissen.«
Ich sehe, dass sie heute gut gelaunt ist. Manchmal kommt sie aus der Stadt und ist nur wütend. Dann wieder ist sie butterweich und liebevoll wie die Katzen hinten am Grinidam.
»Vielleicht kann ich heute Abend Brot backen«, sagt sie.
Dieses eine Mal bin ich froh über meinen Haarschnitt, denn meine Haare haben sich sofort gesträubt.
Wie soll ich verhindern, dass sie die Brotschublade aufzieht? Die Brotformen habe ich unter meinem Bett versteckt. Ich nehme doch an, dass sie so schnell nicht putzen will.
»Ach, können wir nicht lieber Musik hören?«, frage ich. Sie freut sich immer, wenn ich darum bitte.
»Möchtest du das?«, entgegnet sie überrascht. »Vielleicht auch ein bisschen Klavier spielen?«
»Egal«, sage ich.
»Das hört sich gut an«, sagt sie und lächelt.
Sie weiß nicht, dass sie in ihrer Küchenschublade eine ungeheure Anzahl an weißen Mäusen beherbergt. Worauf um alles in der Welt habe ich mich da eingelassen? Ich sitze neben ihr, als sie Christian Sindings Frühlingsrauschen spielt. Das geht so schnell. Ihre leichten, geschmeidigen Finger auf den Tasten. So ist es richtig! Niemand spielt besser Klavier als Mutter, obwohl sie nie übt.
»Bravo«, sage ich.
»Versuch es auch mal«, sagt sie.
»Du machst Witze«, sage ich. Aber ich versuche es. Es klingt nicht gut.
Immerhin ist der Abend gerettet. Musik am Klavier. Musik aus dem Radio. Jetzt kommt die Nacht.
Obwohl es keinen Grund dazu gibt, gehe ich auf Zehenspitzen, als ich im Badezimmer gewesen bin, mich gewaschen und mir die Zähne geputzt habe.
Tormod steht im Gang und sieht mich an. »Warum gehst du auf Zehenspitzen?«, fragt er fröhlich. Ihm ist klar, dass ich etwas im Schilde führe.
»Ich habe Pilze unter dem Fuß«, antworte ich mürrisch.
Aber Mutter hat gute Ohren. »Per!«, ruft sie Vater zu. »Ketil hat Pilze. Schmierst du ihn mit der Schwefelmischung ein, ehe er ins Bett geht?«
Ach verdammt, denke ich. Eins von Vaters Hilfsmitteln. Etwas, das er und Abel im Schokoladenrausch zusammengekocht haben. »Komm zurück ins Badezimmer«, ruft Vater. »Dann schau ich auch mal in deinem Po nach. Aber du hast keine Würmer mehr, oder vielleicht doch?«
Kindheit. Als ob sie nicht begreifen, dass wir erwachsene Menschen sind, trotz aller Dummheiten, die wir sagen. Jetzt kommt die fiese Schwefelmischung. In einem kleinen, altmodischen Gefäß.
»An sowas kann man sterben«, sage ich. »Denk an Chessman, Vater.« Ich weiß, dass er immer weich wird, wenn ich diesen Namen nenne. Aber diesmal beißt er nicht an.
»Chessman ist mit Zyanid getötet worden«, sagt er kurz. »Lass mal sehen.« Ich zeige meine Fußsohlen. »Aber du hast ja gar keinen Pilz«, sagt er beleidigt. Er gibt mir zu verstehen, dass er mitten in einem wichtigen Artikel in Orientering gestört worden ist.
»Entschuldigung«, sage ich. »Es hat gejuckt. Ich dachte, das wären Pilze.«
»Aber du hast Lakritz zwischen den Zehen. Wasch dich, Junge!«
Tormod steht in der Türöffnung und sieht zu. Sein belustigtes Lächeln. Ab und zu sind große Brüder das Nervigste, was es auf der Welt gibt.
Noch sind es zwei Stunden bis zum Schrei.
Ich habe versucht, eine Weile allein in der Küche zu sein, aber das ging nicht. Vater sitzt da mit Dagbladet und hat angefangen, seine schrecklichen Furzbrote zu essen. Graubrot, Butter, rohe Zwiebeln und Ziegenkäse. Es gibt kein besseres Essen auf der Welt, aber nach einer halben Stunde verwandelt man sich wegen der Darmgase in einen Raumfahrer. Der Weg zur Schwerelosigkeit ist ungeheuer kurz. Da sitzt er und liest über das Treffen des NATO-Ministerrates, das gerade in Oslo stattgefunden hat.
Wenn er nur wüsste!
Aber irgendwann gehen mir die Gründe aus, warum ich noch immer nicht ins Bett will. Ich umarme Vater, der kaum von seinem Artikel aufschaut, mir aber trotzdem einen feuchten Schmatz auf die Wange pflanzt. Danach Mutter, die im Wohnzimmer sitzt und Bilder retuschiert. Porträts der vielen müden Menschen, die sie so schön macht, wie sie kann. »Gute Nacht, mein Schatz«, sagt sie und drückt mich an sich.
»Wir zwei und der Mond«, sage ich. Aber sie begreift nicht, was ich meine.
Ich gehe in mein Zimmer. Ich sehe Mitzi Gaynor an. Versuche, mich auf das Gesicht zu konzentrieren, statt auf den riesigen Busen. Sie ist doch so schön. Die wohlgeformten Lippen. Die funkelnden Augen. Die hohen Wangenknochen. Die flaumweiche Haut. Fast so schön wie Mutter. Aber da verläuft die Grenze.
Ich bin schlecht gelaunt. Sverre macht zu große Pläne. Ich bin nicht dafür geschaffen. Ich kann niemals Einar Rose werden, der in regelmäßigen Abständen mit der Zigarre im Mund durch den Melumvei fährt. Im offenen Chevrolet. Oder ist das ein Cadillac? Ich kann ja nicht einmal einen Fiat von einem Saab unterscheiden. Ich weiß nur, dass er ein Revuekönig ist. Dass er zusammen mit der bildschönen Schauspielerin Wenche Foss, die vielleicht noch schöner ist als Mitzi Gaynor und die fast Tante Svanhild-Qualitäten besitzt, Geld für Grimebakken gesammelt hat. »Ein Musterheim für schwachsinnige Kinder«, wie in einer Illustrierten stand. Es liegt offenbar oben am Randsfjord, und ich hoffe, dass Fräulein Ätschbätsch dort eine Stellung finden kann und ihre Rechte-Hand-Unterweisungen an Kindern fortsetzt, die das dringender brauchen als ich. Ich komme doch zurecht, denke ich.
Aber stimmt das auch?
Ich liege in meinem Bett und schaue zur Decke hoch. Ich glaube nicht mehr jedesmal vor dem Einschlafen, dass ich jetzt sterben muss. Diese Zeit ist vorbei. Ich bin ein Kind mit den Qualitäten eines Erwachsenen, denke ich. Nicht einmal Mads oder Sverre sind klüger als ich. Dennoch will ich meinen Intellekt nicht überbewerten. Wenn ich daran denke, worauf ich mich eingelassen habe, bricht mir der Schweiß aus, genau wie Nixon und all den anderen Verlierern.
Die Vorwarnung zum Schrei kommt um zwei Minuten nach Mitternacht.
Eine kleine weiße Maus läuft über meine Bettdecke.
»Hallo, du kleiner Raumfahrer«, sage ich leise. »Bist du sicher, dass das so klug ist?« Ich schalte die Nachttischlampe ein. Nun sehe ich weitere Mäuse. Mindestens sieben. Sie sind aus der Küchenschublade entkommen. Die Situation ist also außer Kontrolle geraten. Und nun höre ich den Schrei. Aber es ist nicht Mutter. Es ist Tormod.
»Hier sind Mäuse!«, ruft er aus seinem Zimmer. Aber alle wissen ja, dass er zum Schlafwandeln neigt. Was er nachts sagt, wird meistens nicht so wichtig genommen.
»Schlaf weiter, mein Junge«, murmelt Mutter aus dem anderen Schlafzimmer. »Du träumst doch nur.«
»Ich träume nicht! Lebende Mäuse, Mutter! Weiße Mäuse auf meiner Bettdecke!«
Das Haus, das eben eingeschlafen war, wird wieder wach. Voller Angst stehe ich auf und sehe, dass sie überall sind. Das ist das Ende der Welt. Schlimmer als ein Atomkrieg!
»Nicht auf sie treten!«, schreie ich hysterisch. »Das sind Raumfahrer! Jedes einzelne Leben ist wichtig!«
Mutter und Vater haben das Deckenlicht angeknipst. »Eine ganze Heerschar«, ruft Vater. »Ganz ruhig jetzt! Nicht voreilig handeln!« Nun höre ich Mutters Stimme. »Ach, was sind die süß!« Sie sitzt im Bett. Beugt sich zum Boden hinunter. Nimmt eine Maus in die Hand. Hebt sie an ihr Gesicht. Redet beruhigend auf sie ein und streichelt sie mit dem Zeigefinger.
»Mutter?«, frage ich vorsichtig. »Bist du wirklich richtig bei Verstand?«
»Ich habe mir immer Tiere gewünscht«, sagt sie. »Viele Tiere. Aber ich bin doch allergisch. Und das sind vielleicht ein bisschen viele?« Sie niest heftig.
»Das glaube ich schon«, sagt Vater, seufzt und holt einen alten Schuhkarton.
Am nächsten Tag gibt es in der Waldorfschule eine Mäuseauktion. Aber niemand bietet. Unten im Tiergeschäft in der Akersgata sagt immerhin ein freundlicher Verkäufer, dass er alle Raumfahrer nehmen kann.
Sverre und ich verdienen jeder zwei Kronen.
Auf der anderen Seite des Atlantik spricht Präsident Kennedy mit James E. Webb, dem Direktor der NASA. »Ich glaube, das Wichtigste, was wir tun können, ist, vor den Russen auf dem Mond zu landen. Ansonsten sollten wir nicht so viel Geld ausgeben, denn eigentlich interessiert mich der Weltraum nicht. Das Einzige, was diese Kosten rechtfertigen kann, ist die Hoffnung, sie zu schlagen, damit wir der Welt zeigen können, dass wir, statt im Weltraumwettlauf zurückzuliegen, sie überholen.«
Am 25. Mai stellt Kennedy dem US-Kongress das Apollo-Programm vor und sagt: »I believe this nation should commit itself to achieving the goal before this decade is out, landing a man on the Moon and returning him safely to the earth.«
Mads und ich sitzen im dunklen Saal des Palassteaters und sehen ihn an, als er seine gefühlsbetonte Rede hält und den Funken bei den Menschen entzündet, die er so oft Gottes auserwähltes Volk nennt. »So, God bless America!«, sagt er zu ohrenbetäubendem Jubel.
»Der hat doch eine Meise«, sage ich.
»Aber er ist die Zukunft«, sagt Mads.
26
Ich bewundere Präsident Kennedy inzwischen heimlich, vor allem wegen seiner Frau. Sie hat einwandfrei Audrey Hepburn-Qualitäten. Aber das sage ich niemandem. Verdammt. Er hat aber auch etwas an sich. Dieses verführerische Lächeln, das zu einem gewissen Punkt in Erinnerungen an Onkel Kjell übergeht. Und ich mag Onkel Kjell, den rauchenden Pianisten, der mit einem Orchester Rhapsody in Blue gespielt hat. Außerdem ist da etwas in seinem Blick, das mich an guten Tagen an unseren Lehrer denken lässt, an Sam Ledsaak. Der Blick ist so offen. So direkt. So freundlich und vertrauensvoll. Nicht alle Menschen haben so einen Blick. Ich weiß noch nicht, dass es Präsident Kennedy wirklich gelingen wird, die ersten Menschen auf den Mond zu bringen, ehe das Jahrzehnt, das wir beide die sechziger Jahre nennen, zu Ende geht. Aber das klappt nur haarscharf, mit einer Frist von fünf Monaten. Dann »weilt er nicht mehr unter uns«, wie Tante Svanhild sagen würde. Dann ist er schon seit sechs Jahren tot.
Aber jetzt schreiben wir 1961. Er lebt noch. Und hat Probleme in seinem eigenen Land. Gottes auserwähltes Volk. USA. Amerika. Die Vereinigten Staaten. Aber dort leben sehr unterschiedliche Volksgruppen. Die Schwarzen und die Weißen sind zwei davon. Welche von ihnen ist auserwählt?
Abel kommt auf dem Motorrad angesaust. Leah sitzt hinten. Sie ist gewachsen. Ist schlanker. Attraktiver. Das versetzt mir einen Stich. Sie trägt eine kurze Hose und ihre Oberschenkel sind braun. Ihre schwarzen Locken glänzen in der Maisonne. Sonntag in Røa. Sie starrt mich an mit diesem neckenden Blick, als wolle sie sagen: »Jetzt komm schon!« Ich werde sofort rot. Wir sitzen draußen im Garten und trinken Stachelbeersaft von Oma aus Sarpsborg, die eigentlich keine richtige Oma ist, sondern eine Stiefoma. Aber wir tun so, als wüssten wir das nicht, denn wir wollen sie nicht verletzen. Der Saft schmeckt gut, auch wenn nicht genug Zucker drin ist. Aber Zucker bekommen wir durch die Schokolade. Riesige Mengen. Abel ist bester Laune. Er hat am Vortag drei Filme im Kino gesehen und erzählt lebhaft von den schlimmsten Szenen, in denen Menschen Treppen hinunterfallen, ertrinken, aus Wolkenkratzern stürzen, mit dem Flugzeug verunglücken, als sie eigentlich auf dem Weg zur Beerdigung ihrer Mutter sind, oder von ihrem eigenen Vater ins Gesicht geschossen werden. Aber an diesem Tag erzählt er etwas Neues aus den USA und von »Gottes auserwähltem Volk«, wie er noch immer sagt. Und dabei lacht er herzlich. Denn die Juden halten sich doch auch für »Gottes auserwähltes Volk«. »Aber das ist ja alles nur Unsinn«, sagt er. Deshalb weiß ich, dass Abel ironisch ist. Aber oft ist er ernst. Diesmal geht es um die Freedom Rides, Aktionen von Bürgerrechtlern, die die Rassentrennung in Bussen nicht hinnehmen wollen. Darüber haben Vater und Abel in letzter Zeit oft gesprochen. Und Vater und Ulf auch. Ich habe Ausdrücke gehört wie »Ein Appell für die Menschenrechte«. Die Sit-ins legen das Fundament für die gewaltsamen Rassenunruhen in Alabamas Hauptstadt Montgomery, wo weiße Rassenfanatiker versuchen, eine Kirche zu stürmen, in der Pastor Martin Luther King predigen wird. Der Gouverneur verhängt den Ausnahmezustand. Während Kennedy verspricht, dass die Amerikaner innerhalb von zehn Jahren auf dem Mond landen werden, setzen sich schwarze Studenten in Mensen, in Parks, an Strände, in Bibliotheken, in Theater, Museen und andere öffentliche Orte, wo sie sich eigentlich nicht aufhalten dürfen. Ende Mai treffen sie in Jackson, Mississippi ein, benutzen den Wartesaal »nur für Weiße« und setzen sich an die Essenstische in den Kantinen. Ross Barnett, der Gouverneur von Mississippi, sagt, ein »Neger ist anders, weil Gott ihn anders gemacht hat, um ihn zu strafen.«
»Und in diesem Land ist Kennedy Präsident«, sagt Abel und beißt in die Milchschokolade.
Die Schwarzen werden ins Gefängnis gesteckt. Sie werden in kleine, verdreckte Zellen gepfercht. Sie werden zusammengeschlagen. Sie müssen in gleißendem Sonnenschein schuften. Das Gefängnis Mississippi State Penitentiary bei Parchman gehört zu den Schlimmsten. Das Essen für die Häftlinge wird zu stark gesalzen. Die Matratzen werden aus ihren Betten entfernt. Die Fenster werden an besonders heißen Tagen geschlossen, um den Häftlingen das Atmen zu erschweren.
Nicht sitzen dürfen, wo man will? Norwegen wird vielleicht eigene Räume für Linkshänder und Übergewichtige einrichten? Vielleicht müssen wir dann in besondere Straßenbahnwagen steigen? Vielleicht gibt es in Randklev dann einen Ladeneingang nur für uns?
Nicht einmal in der Schule kann man sich noch sicher fühlen. Irgendwann im nächsten Schuljahr wird die neue Schule in Hovseter fertig sein. Ich bin mit dem Rad hingefahren und habe mir oft die Gebäude angesehen. Die Hebekräne und die Bagger. Fräulein Ätschbätsch wird sicher ihre eigene Abteilung erhalten, und dann kommt Lindholm zurück, und auch wenn er uns Kinder gut behandelt, ist er nicht so lustig wie Ledsaak, der uns in den letzten Wochen von Reineke Fuchs und dessen vielen Streichen erzählt hat. Wir haben über die vielen Einfälle des Fuchses gelacht und wurden noch ungezogener, aber Ledsaak hat sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Noch ein Jahr wird er bei uns bleiben. Zum ersten Mal denke ich, dass ein Jahr schnell vergeht.
Die Gedanken fliegen, dort draußen im Garten. Leah zupft an einer Wundkruste herum. Sie ist so schön, wenn sie ernst ist. Die dunklen Locken. In diesem Licht schimmern sie plötzlich bläulich, als ob sich hundert Schmeißfliegen auf Leahs Kopfhaut versammelt hätten. Aber das ist ein widerlicher Gedanke. Tormod sitzt neben ihr und zeichnet ihr Profil. Niemand außer Mutter übertrifft Tormod, wenn es um solche Zeichnungen geht. Er hat dieses Talent von ihr geerbt. Mir kribbelt es im Bauch, wenn ich an die Rolle mit Kohlezeichnungen denke, die in ihrem Abstellschrank stehen. Es sind Examensaufgaben von der Kunstschule. Akt-Zeichnungen. Nackte Frauenkörper. Einer ist schwarz. Mutter sagt, an dem Tag hätten noch dreizehn andere im selben Raum gezeichnet. Alle zeichneten dieselben Körper. Die Modelle stellten sich eins nach dem anderen auf. »Warum tun sie sowas?«, habe ich einmal gefragt. »Sie brauchen Geld«, war Mutters Antwort.
Die Haare dort unten. Ich habe in Wirklichkeit noch nie eine nackte Frau gesehen. In unserer Familie sind wir zurückhaltend. Wir schließen die Tür ab, wenn wir ins Badezimmer gehen. Wir stolzieren nicht nackt von einem Zimmer ins andere. Deshalb ist es so unerträglich, zappelnd über Vaters Knien zu liegen, wenn ich Würmer im Po habe.
Ich sehe Mutter an. Wo ist sie mit ihren Gedanken? Sie denkt die ganze Zeit. Legt den Arm um mich, wenn sie merkt, dass ich sie ansehe. Drückt mich an sich. Auch sie hat Locken. Aber ihre sind rot. Außerdem hat sie Sommersprossen. Millionen von Sommersprossen. Ich liebe jede einzelne. Als ich kleiner war, habe ich versucht, jeder einen Namen zu geben. Ich nannte sie Dulle und Krulle und Nipsi und Stipsi. Aber ich kam immer nur bis zur Nummer sieben, dann hatte ich den Namen der ersten schon wieder vergessen.
Eine Familie sein können, denkt er. Die schwarzen Gefangenen in den USA erinnern ihn an den Aufenthalt im Krankenhaus. An die unerträgliche Einsamkeit im Zimmer, wo er mit den anderen Jungen zusammen war. Seine Eltern, die so weit weg waren. Gerade jetzt, im Garten in Røa, denkt er, dass er glücklich ist. Er erinnert sich daran, dass er gerade neun geworden ist. Kein schlechtes Alter. Das Geburtstagsfest zu Hause im Melumvei liegt nur wenige Tage zurück. Sie hatten es gut gemeint, aber er hasst Geburtstagsfeste. Wiegenfest, wie sie sagen. Er ist unsicher, was die Gäste angeht, ob die ihn wirklich leiden mögen. Er hasst Ballons und Krepppapier. Die lächerlichen Hüte mit dem Gummi unterm Kinn. Er mag nicht einmal Kuchen. Was soll er mit Sahne, wenn es doch Butter gibt? Selbst Limonade kann ihn traurig stimmen. Das Allerschlimmste sind die Spiele. Wenn sich alle organisieren und nacheinander dasselbe machen müssen. Sechzigmeter läuft er aus purem Trotz. Die albernen runden Pappmedaillen, die die Mutter für diesen Tag gezeichnet hatte. So tief durfte sie doch nicht sinken. Geburtstagsfeste hatten etwas zutiefst Unheimliches. Nur zwei Wochen vorher hatte es ein Fest bei Willen unten im Fådvei gegeben. Zuerst hatte er sich gefreut, denn Willen war etwas Besonderes. Ledsaak hatte einmal Willen und ihn an die Tafel gerufen. Sie sollten ein Spiel üben, oder was das nun eigentlich sein sollte. Ledsaak hatte ihn aufgefordert, den Arm um sie zu legen. Aber er hatte noch nie den Arm um eine Gleichaltrige gelegt. Er wurde »weich in den Knien«, wie Tante Svanhild sagen würde. Es fiel ihm wirklich schwer, sich auf den Beinen zu halten. Sie stand so dicht neben ihm. War so zierlich. So schön. Das größte Wunder war, dass sie es ihm erlaubt hatte. Sie hatte ihn sogar angelächelt, ehe sie losgekichert hatte.
Unvergesslich.
Deshalb kam er mit dem Gefühl, fast ein Auserwählter zu sein, auf das Fest. Willen hatte ihn nie verspottet. Das hier würde gutgehen. Aber dann ging es einfach nur schief. Sie sollten Jagd nach einer verschwundenen Tafel Kvikk Lunsj machen. Die befand sich ganz hinten in einem langen Tunnel, den Willens kreative Eltern angelegt hatten, vom Garten in den Keller, und von dort weiter zur hinteren Toilette. Dorthin sollte man kriechen und die Schokolade dem wütenden Troll entreißen, der offenbar dort unten saß. Er stellte sich an der Warteschlange an und sah, wie die, die vor ihm an die Reihe kamen, im Tunnel verschwanden und wieder auftauchten, verängstigt und schreiend, aber mit einer Tafel Kvikk Lunsj in der Hand.




