- -
- 100%
- +
Dann war er an der Reihe.
Er kroch durch die Dunkelheit, während ihn die anderen draußen im Garten anfeuerten. Sein Herz hämmerte, und er war nicht so mutig, wie er erwartet hatte. Warum hatten die anderen alle so verängstigt ausgesehen, als sie wieder zum Vorschein gekommen waren? Was erwartete ihn am Ende des Tunnels?
Eine geschlossene Tür. Dahinter war die Kvikk Lunsj. Das bedeutete, dass er die Tür öffnen musste, obwohl er dahinter einige bedrohliche Geräusche hörte.
Das hier war das Kellerklo des Hauses. Er mochte Kellerklos nicht. Bei den Großeltern in Sarpsborg stand das Klo in einem kalten Raum, in dem es immer nach Schimmel roch. Außerdem hing der Spülkasten ganz oben an der Wand und er musste an einer Schnur ziehen. Scheußlich. Aber egal. Ihm war jedenfalls klar, dass er die Tür öffnen musste, wie alle anderen es auch getan hatten.
Aber als er die Klinke packt und die Tür aufmacht, sieht er dahinter eine erwachsene Person auf dem Klo sitzen. Es ist dieselbe widerliche Konstruktion wie in Sarpsborg, mit dem Spülkasten ganz oben an der Wand. Und das Monster auf dem Klositz ist rot angezogen. Es ist der gemeinste Weihnachtsmann, den er je gesehen hat. Und der sitzt da und bewacht die Kvikk Lunsj-Tafeln, die zwischen seinen Beinen liegen, und schreit, nein brüllt, als er ihn sieht. Ein Ungeheuer! Eine schrecklich beängstigende Person! Ein böses, grauenhaftes Lachen. Der widerliche Bart aus Stahlwolle. Nie im Leben wird er es wagen, die Hand auszustrecken und sich eine Kvikk Lunsj vom Boden zu nehmen. Er schwebt hier in Lebensgefahr. Er macht kehrt und stürzt davon.
Als er ins Licht entkommt, warten schon alle auf ihn. »Wo ist denn deine Kvikk Lunsj?«
Er kann keine Antwort geben. Fleht sie mit Blicken an, nicht zu lachen.
Aber sie lachen. Natürlich lachen sie, alle. »Bist du wirklich so ein Angsthase? Das ist doch bloß Willens Papa.«
Als ob er aus einem Traum aufwacht. Warum hat er daran gedacht? Noch sitzen Abel und Leah im Garten. Noch liegt der Arm der Mutter um seine Schultern. Noch scheint die Sonne. Noch zeichnet Tormod das Profil dieses Mädchens, das für sie beide fast wie eine Schwester ist. Ist er in sie verliebt? Warum nicht? Zwölfjährige haben offenbar starke Gefühle. Er sehnt sich nicht danach, älter zu werden. Er will da sein, wo er gerade jetzt im Leben steht. Auf den großen Flächen, die nur seine Arena sind. An den Orten, die er mit dem Rad erreichen kann, oben in Richtung Brunkollen. Das Gestrüpp, in dem er sich verstecken kann.
Und als er das gerade denkt, hört er den Hubschrauberlärm.
An einem Sonntag, staunt er. Ist das nicht der Ruhetag? Hubschrauber sind nichts für normale Menschen. Sie sind für Generäle und Soldaten. Hubschrauber fliegen fast nie über ihre Gegend. Sie sind böse, sie haben Bomben. Atombomben diesmal?
Seltsamerweise fürchten sich weder Leah noch Tormod. Sie sitzen da wie früher, in Positionen, die wie ein Bild sind, das er selbst von seinem Bruder malen könnte, während der Leah zeichnet. Abel schaut auf. Also kommt da nicht irgendein beliebiger Vogel angeflogen.
Schmeißfliegen.
Da ist wieder diese Assoziation. Er hat doch eben erst an sie gedacht. Ob das eine Vorahnung war? Seine Mutter hat dauernd Vorahnungen. Und sie verabscheut Requien in der Musik. Immer, wenn sie eins gehört hat, ob nun von Verdi oder von Mozart, stirbt gleich danach jemand, behauptet sie.
Nur, weil sie zugehört hat?
Nun kommen also, nur weil er an Schmeißfliegen gedacht hat, Hubschrauber am Himmel angeflogen?
Dieses schreckliche monotone Dröhnen. Das langsame Crescendo. Und jetzt sieht er sie. Ungefähr über Fossumbakkene. Es sind drei. Eine Formation. Sein Magen krampft sich zusammen, seine Mutter merkt es und drückt ihn fester an sich.
»Keine Angst, Ketil. Das sind doch nur Hubschrauber.«
»Die werden genau über uns wegfliegen. Die nehmen uns mit, Mama!«
Mama?, denkt er, sowie er das gesagt hat. Er sagt doch immer Mutter. »Aber Ketil, die sind nicht gefährlich.«
Er hört die Stimme des Vaters. Aber der Lärm der Hubschrauber ist jetzt ohrenbetäubend. Nichts, wo man sich verstecken kann. Die Mutter und die Großmutter im Krieg. Sie liefen über ein Feld. Hatten nichts, wo sie sich verstecken konnten. Die deutschen Jagdflieger kamen im Tiefflug und schossen auf sie. Deshalb hasst sie die Deutschen noch heute. Die Mutter ist nachtragend. Auch wenn sie der liebste Mensch auf der Welt ist. Sie vergisst nicht so schnell.
Er vergisst auch nicht, worüber der Vater mit Ulf gesprochen hat, oben auf dem Dachboden in der Bygdøy allé. Ein Tag wird kommen. Ja, genau das haben sie gesagt. Und vielleicht ist heute dieser Tag!
Er kann nicht mehr. Auch wenn er sie alle liebt und mit ihnen zusammen sterben will, will er auch leben. Noch ein bisschen jedenfalls. Er springt auf und rennt davon. Die Hubschrauber sind jetzt genau über dem Grinidam. Jetzt geht es um Sekunden.
Er reißt die Kellertür auf. Dort unten ist es unheimlich, aber jetzt lässt er es darauf ankommen. Es ist zu weit zum nächsten Luftschutzraum, oben bei der Haltestelle Røa. Er kann nur hoffen, dass die anderen hinterher kommen. Ohne die Mutter ist das Leben nicht lebenswert. Die Mauern beben. Jetzt sind sie genau über ihm. Jetzt können sie schießen.
Er legt beschützend die Arme über den Kopf. Er kneift die Augen zusammen und denkt an Pilze. An den großen Pilz. Den Atompilz. Der allem das Leben nimmt.
Dann wird alles weiß.
27
Sommer bedeutet immer Wehmut. Es regnet und es blitzt. Dann scheint die Sonne durch die Bäume. Dann summen die Mücken. Dann haben Mutter und Vater zu viel Zeit füreinander. Aber sie sind nicht dazu geschaffen, in winzigkleinen Hütten, die der Vater gemietet hat, für Geld, das er nicht besitzt, das er aber angeblich bei der Bank geliehen hat, umeinander herumzuschleichen. Dann kann es zwischen den beiden leicht zum Streit kommen. Mir graust vor diesem Sommer. Ich glaube nicht an die Idylle. Es ist fast nicht zu begreifen, an dem Tag, an dem sich Chruschtschow und Kennedy in Wien treffen und die ganze Welt angrinsen, erzählt der Vater von der Hütte unten auf Østerøya bei Sandefjord. Wir können da offenbar eine ganze Woche wohnen. Wir fahren einige Tage später los.
Der Autor Ernest Miller Hemingway begeht in Ketchum, Idaho, Selbstmord. Es ist der zweite Tag im Juli. Hemingway ist so alt wie die eine Großmutter, noch keine 62. Sie sind im Abstand von einer Woche geboren. Vater hat schon viel über ihn geredet. Der alte Mann und das Meer. Will Vater gerade jetzt an die Küste, weil er das Buch gelesen hat? Der Traum, seinen eigenen Wittling zu fangen. Das hatte er als Kind gemacht. So, wie er über den Wittling sprach. So, wie er über Hemingway sprach.
In das Negative hineingleiten, dachte ich, viele Jahre später. Zu wissen, dass man die falsche Entscheidung trifft, während man sie trifft. Die Beziehung zu Hadley, über die Hemingway spät in seinem Leben schrieb. Die jungen Jahre in Paris. A Moveable Feast. Alles, was noch nicht zerbrochen war. Der Betrug. Die andere. Die, die in The Garden of Eden beschrieben wird. Die Kriege, an denen er teilnahm. Die Invasion in der Normandie. Die Befreiung von Paris. Die vielen Notizbücher, die er später im Hotel Ritz finden sollte, und die er fast vergessen hatte. Zugleich: Der Autounfall 1945, als er sein Knie zerschlug und sich eine tiefe Kopfverletzung zuzog. Die ersten Depressionen, als Freunde wie William Butler Yeats, Ford Madox Ford, F. Scott Fitzgerald, Sherwood Anderson und James Joyce während der Kriegsjahre einer nach dem anderen starben. Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Gewichtsprobleme und Zucker. Das Trinken, das fast seine Leber zerstört hätte. Die vielen Manuskripte, die er nicht vollenden konnte. Die Trilogie The Land, The Sea, The Air. Die Arbeit an The Garden of Eden. Die Frau, die in eine neue und glückliche Beziehung eintritt. Sie, die alles zerstört, die er aber trotzdem heiratet, wieder und wieder. Eva im Garten des Paradieses. Danach die fast tödlichen Flugzeugabstürze in Afrika. Ein bisschen wie bei den Kennedys, denke ich später. Schöne, begabte Menschen, die anscheinend alles haben. Und dann geht es trotzdem total zum Teufel. Hemingway fuhr nach Venedig. Dort trank er noch mehr als zuvor. Er wollte die körperlichen Schmerzen betäuben. Zugleich kommt der Literaturnobelpreis. Er sagt der Presse, dass Tanja Blixen, Bernard Berenson und Carl Sandburg den ebenfalls verdient hätten, aber dass er das Geld dennoch dankend annimmt. Er hatte sich den Nobelpreis gewünscht, aber als er ihn erhielt, hatte er den Verdacht, dass die Jury ihn vielleicht für einen Sterbenden hielt. Er führte die Schmerzen nach den Unfällen in Afrika an, um nicht nach Stockholm reisen zu müssen, wo er zur Preisübergabe erwartet wurde. Stattdessen schrieb er eine Rede, in der er klarstellte, dass Schreiben bestenfalls »ein einsames Leben« sei. Er schrieb darüber, wie vergeblich es sei, Trost oder Gesellschaft zu suchen. Er schrieb darüber, dass ein Schriftsteller Tag für Tag seine Arbeit allein machen muss in der Gewissheit, dass das, was er geschrieben hat, entweder in die Ewigkeit eingehen oder gar nicht bemerkt werden wird.
Ketchum. Blaine County. An die 2000 Einwohner, am Fuße des Bald Mountain. Bergwerksstadt. 1784 Meter über dem Meer. Ein Ort für Angeln, Bergtouren, Tennis, teure Boutiquen, Kunstgalerien, Prominente, die sich fort von der Welt wünschen, aber doch nicht ganz.
Hemingway denkt an die Manuskripte, die in Havanna im Safe liegen. Er ist davon überzeugt, dass ihn das FBI überwacht, und zwar schon seit dem Zweiten Weltkrieg, dass es über ihn ein eigenes Dossier gibt. Als diese Paranoia zunimmt, raten Mary und Saviers ihm, sich in der Mayo-Klinik in Minnesota wegen seines hohen Blutdrucks behandeln zu lassen. Er lässt sich unter Saviers Namen einweisen. Alles geschieht unter tiefster Geheimhaltung. Er wird mit fünfzehn Elektroschocks behandelt und im Januar 1961 entlassen. Nun ist er klinisch deprimiert. Ein Freund beschreibt ihn als mental »vollständig zugrundegerichtet«. Als der Frühling kommt, findet Mary ihren Mann eines Morgens mit einem Schrotgewehr in der Küche. Sie fährt ihn zurück in die Mayo-Klinik, wo er mit weiteren Elektroschocks behandelt wird. Am 30. Juni kehrt er nach Ketchum zurück. Zwei Tage später, am frühen Morgen, schließt er den Verschlag im Keller auf und holt sein Lieblingsschrotgewehr heraus, das er früher zur Jagd benutzt hat. Er lädt es mit zwei Patronen. Dann geht er hinauf in die Diele, hält sich den Lauf in den Mund und bläst sich das Gehirn aus.
Seine Frau Mary wird von dem Schuss geweckt und ruft sofort das Sun Valley Hospital an. Der Arzt ist rasch vor Ort. Anfangs wird eine Pressemeldung versandt, nach der es sich um einen Unfall handelt. Erst fünf Jahre später gibt Mary Hemingway zu, dass ihr Mann Selbstmord begangen hat.
28
Alles wurde so traurig. Auch der Sommer wurde traurig. Die Hütte bei Sandefjord war schön. Aber auch dieses Plumpsklo war voll von alter Kacke. Es gab Fliegen und Bremsen. Und jeden Nachmittag, nach den üblichen Regenschauern, wenn alles nass war, bestand Vater darauf, zum Angeln hinauszurudern. Dann musste er sein Hörgerät an Land lassen. Normalerweise dachte ich nur selten daran, dass Vater nicht nur hinkte, sondern auch taub war, wenn er nicht sein großes Hilfsmittel benutzte, das Knäckebrot, wie wir das nannten, was er in der Brusttasche seines Hemdes befestigte. Dieses Hilfsmittel hatte eine Leitung zum Ohr hoch, die er auf allerlei Weisen zu verstecken versuchte, was aber nie gelang. Vater war ein tapferer Mann. Als ihm aufging, dass er taub und lahm war, war ihm auch klar, dass er sich einen Beruf suchen musste, der möglichst wenig Kommunikation mit anderen verlangte.
Chemieingenieur.
Aber dann bekam er das Hörgerät doch in den Griff und musste sich viel mehr anhören, als er sich je hatte träumen lassen. Und nun wurde er wieder aufgeschlossener anderen gegenüber, zu Mutters großer Erleichterung.
Aber noch immer kann ihn etwas von der alten Abwesenheit überkommen. Vor allem, wenn er vor sich hinrudert. Woran denkt er? An die Atombombe, die kommen und uns alle umbringen wird? Oder denkt er an seine Mutter, die gestorben ist und ihn und alle vier Kinder zurückließ, als er zwei Jahre alt war? Ab und zu holt er Bilder von ihr hervor und zeigt sie uns. Ob sie ihm wohl fehlt? Weint er um sie, wenn er glaubt, dass wir es nicht sehen? Wir haben ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns die Bilder seiner eigentlichen Mutter ansehen, während wir an die Großmutter denken, die also nicht die echte ist, aber doch so echt, dass sie ihn großgezogen hat. Es fällt uns schwer, uns Vater als Kind vorzustellen. Er ist doch so groß. Und Mutter sagt, dass er immer schon so war. Deshalb heißt er Bjørnstad. Mutter heißt eigentlich Martinsen. Aber sie ist doch nicht die Tochter von Martin, sondern von einem Mann, über den sie nie sprechen, obwohl er viele Jahre lang in Stummfilmen, die in den Kinos von Fredrikstad gezeigt wurden, Geige gespielt hat. Die Großmutter spielte dazu Klavier. Das alles sind Geschichten, die in einen undurchdringlichen Schleier aus Vergangenheit gehüllt sind. Ich kann sie dort nur mit Mühe erkennen, in einer Zeit, die mehr und mehr Licht verliert, während die Tage vergehen. Wer soll sich daran erinnern, wenn ich eines Tages anfange, sie zu vergessen? Und das denke ich, obwohl Mutters Mutter ja noch gar nicht tot ist. Sie kommt mir nur so alt vor, wie sie da in ihrer kleinen Wohnung in Gressvik sitzt, wenn wir zu Besuch kommen, und nach Luft schnappt, während sie alle zehn Minuten ein kleines Spray hervornimmt und sich den Mund damit duscht. »Asthma«, sagt Mutter.
Es ist der Sommer, in dem ich an einem Seil hinter dem Boot herschwimmen darf. Vater rudert und rudert. Tormod hält Ausschau nach Quallen. »Ein bisschen rechts! Ein bisschen links!«
Ich liege mitten im Kielwasser. Vater rudert mit rhythmischen Bewegungen. Die ganze Zeit trage ich den Schwimmgürtel. Warum ein Leben ohne Schwimmgürtel leben? Wenn alle Schwimmgürtel benutzten, würde niemand ertrinken. Ich habe Vater gegenüber diese Theorie erwähnt, und er versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen, während er nachdenklich nickte. Ich bin trotzdem nicht sicher, was er wirklich meint.
Wenn wir zur Angelschäre kommen, senken wir die Angelschnüre ins Wasser. Es dauert nie sehr lange, bis ein Fisch anbeißt. Aber meistens ist es die falsche Sorte. Streifenlippfisch. Hornhecht. Petermännchen.
Igitt! Spitze und giftige Flossen. Schleimige Haut. Und danach sollen wir einige von diesen armen Geschöpfen auch noch essen. Liegt es daran, dass ich Linkshänder bin, dass wir dauernd unnormale Fische an der Angel haben?
Nur ausnahmsweise kommt ein Seelachs oder Kabeljau, aber nie der Wittling, von dem Vater träumt, den er in seiner Jugend in Skjebergkilen gefangen hat. Das waren noch Zeiten. Da biss der Fisch nach zwei Sekunden!
Was hat der Sommer an sich, das mich so misstrauisch macht? Wenn ich hier hinter dem Ruderboot hertreibe, denke ich, dass sie einen Außenbordmotor haben könnten, und der würde stehenbleiben, ganz plötzlich, ich aber würde auf meinem Fett weiterschwimmen und mit dem Kopf gegen den Propeller knallen. Ich weiß nicht, dass der amerikanische Astronaut Virgil Grissom fast gleichzeitig vor Cape Canaveral fast im Meer ertrunken wäre. Ich weiß auch nicht, dass Grissom einige Jahre später in der Apollo I verbrennen wird. Feuer, Erde, Wasser, Luft. Manche haben Glück. Andere sind vom Pech verfolgt. Grissom, der am 21. Juli in die Höhe schoss, nachdem der Start zweimal verschoben worden war. Auch diesmal gibt es Probleme. Es stellt sich heraus, dass einer der Bolzen im Kapselverschluss der Mercury-Redstone 4 nicht richtig sitzt. Aber da es neunundsechzig solcher Bolzen gibt, beschließen die Ingenieure von McDonnel und NASA, trotzdem grünes Licht zu geben. Beim Start ist Grissom nervös. Die ersten Sekunden können fatal sein. Als Grissom merkt, dass die Rakete Tempo gewinnt, wird er ruhiger.
Grissom soll 187 Kilometer Höhe erreichen, ehe er wieder zur Erde zurückfällt. Er spürt die Vibrationen und spricht mit seinem Kollegen Shepard unten auf der Erde, der das alles schon erlebt hat. Das Raumschiff rotiert, aber später übernimmt Grissom manuell die Kontrolle über die Kapsel. Er sieht den Horizont der Erde. Er sieht den blauschwarzen Himmel. Er sagt zu Shepard, es sei schwer, sich zu konzentrieren. Das Universum sei so schön.
Sechzehn Minuten später landet die Kapsel vor Florida im Meer. Die Liberty Bell treibt im Meer und hat stark Schlagseite nach links.
Grissom hat das Gefühl, das Raumschiff schwimme auf dem Kopf. Große Hubschrauber, die das Landegebiet umkreist haben, nähern sich der Kapsel. Plötzlich löst sich eine Luke. Das Wasser strömt herein. Grissom kann im letzten Augenblick entkommen und fängt an, um sein Leben zu schwimmen. Er trägt ja nicht gerade eine leichte Badehose.
Ein Schwimmgürtel, denke ich, als ich später in Aftenposten über diese Aktion lese. Ein Schwimmgürtel wäre ihm eine große Hilfe gewesen.
Ich habe eine Theorie, so, wie Vater seine Theorien hat. Auch Mutter hat manchmal Theorien. Aber dann lese ich auch, dass Grissom, anders als vor ihm Shepard, nicht zu Kennedy ins Weiße Haus eingeladen wird. Kennedy kann Verlierer nicht leiden, denke ich. Natürlich hätte Nixon Präsident werden sollen.
Allein mit Tante Svanhild im Sommer-Oslo. Alle anderen sind noch in den Ferien. Tormod ist mit seinen Freunden zusammen. Vater und Mutter sind bei der Arbeit. Der Traum von Frogner. Tante Svanhild und ich könnten ein perfektes Paar sein. Wir sehen gern zusammen fern. Die vielen Nachrichten. Die nervöse Stimmung. Es ist so viel die Rede von UdSSR und USA.
»Warum nur diese Länder?«, frage ich. »Das sind die größten«, sagt sie.
»Was ist mit Afrika? Was ist mit China? Was ist mit Indien?«
Sie weiß keine Antwort. Aber ich sehe, dass sie überlegt. »Manchmal ist es einfach so«, sagt sie. »Die Sieger nehmen alles.« Aber sind sie Sieger?
Wir sehen eine Sendung über den sowjetischen Balletttänzer Rudolf Nurejew. Wir sehen uns sein Bild an. Er sieht russisch aus. Da ist irgendetwas mit seinem Aussehen. Er wird niemals amerikanische Steaks mit Ketchup essen oder Mitzi Gaynor in einer romantischen Musical-Szene küssen, denke ich. Die Zeiten sind nicht so. Obwohl Chruschtschow und Kennedy gelächelt hatten, bis sie fast einen Kieferkrampf bekamen, als sie sich in Wien trafen, kann ich an diese Jovialität nicht glauben. Das Fernsehen zeigt Bilder von einem Flugplatz. Der Kommentator erklärt, das sei Le Bourget bei Paris. Dort geschah das Drama. Der dünne Tatar, der in der Nähe von Irkutsk geboren worden war. Seine Kindheit in Armut, als das jüngste von vier Kindern, in der Stadt Ufa. Er musste ohne Schuhe zur Schule gehen, denn seine Eltern konnten ihm keine kaufen. Im Winter trug er die alte Jacke seiner großen Schwester. An dieser Stelle der Sendung fängt Tante Svanhild an zu weinen. »Armer Junge«, sagt sie wieder und wieder, während sie sich die Augen mit einem bestickten Taschentuch abtupft, das sie jedes Mal, wenn sie es benutzt hat, in eine Handtasche steckt. Ich bemerke, dass sie sich ein Glas Sherry extra einschenkt. Als ob dieser Nurejew in ihr einen Funken entzündet hätte. Als ob sie eigentlich gern etwas mit ihm hätte. Ein widerlicher Gedanke, aber er muss dennoch gedacht werden. Bilder von Nurejew, der in Paris französische Kollegen trifft. Danach wichtige Sowjetpolitiker in Hut und Mantel. Sie sehen besorgt aus. Das Kirow-Theater ist auf Tournee. Als Kennedy sagt, dass die Amerikaner den Wettlauf um das All gewinnen werden, müssen die Kommunisten im Osten mit dem antworten, was sie wirklich können: Ballett. Klassisches Ballett. Männer im Trikot, die Frauen mit bloßen Händen hochheben und herumwirbeln wie Pfannkuchen. Nurejew ist einer dieser Männer. Aber dort, auf dem Flugplatz, haben die Kommunisten Lunte gerochen. »Sie ahnten schon, dass Nurejew mit dem Gedanken spielte, abzuspringen«, sagt der Fernsehkommentator.
»Was bedeutet, abspringen?«, frage ich Tante Svanhild. Sie prustet los und läuft dann knallrot an. »Entschuldige«, sage ich.
»Nein, um Himmels willen«, sie lächelt. »Ich war nur mit meinen Gedanken woanders. Abspringen bedeutet einfach, dem furchtbaren kommunistischen Regime entkommen. Verstehst du das, mein Junge? Nur Steckrüben und gekochte Kartoffeln zum Essen. Hunde, die zu Tode gequält werden. Und das im Lande Tschaikowskis. Hast du dir das schon mal überlegt? Eugen Onegin. Bestimmt hat Alfhild dir diese Arie vorgesungen …«
Sie fängt an zu summen mit dieser seltsamen Stimme, die in einer Mansarde ganz oben in ihrem Kopf wohnt, und die ein Vibrato besitzt, das drei Etagen überspringt, und zwar mit einem wahnsinnigen Satz. Als spiele Onkel Bjørn mit seinem Lachen auf der Säge.
»Ja, die kenne ich«, sage ich leise und versuche gleichzeitig, mitzubekommen, was im Fernsehen passiert.
»Ja«, sagt Tante Svanhild triumphierend. »Da tanzt er doch den Schwanensee. Wieder Tschaikowski.« Sie summt weiter. Aber plötzlich sind wir wieder auf dem Flugplatz Le Bourget. Wir sehen ein sowjetisches Flugzeug mit Soldaten und anderen Wachen. Nurejew soll eigentlich mit dem Kirow-Ballett weiter nach London, um neue Triumphe zu feiern. Aber jetzt lächelt Chruschtschow nicht mehr. Nurejew soll zurück nach Moskau und damit basta. Die ganze Ballett-Truppe wird nach Hause befohlen.
Nurejew, umringt von sowjetischem Botschaftspersonal und Sicherheitswachen. Nun rennt er plötzlich auf eine Gruppe von französischen Polizisten zu und ruft: »Helft mir! Ich will frei sein!«
Nurejew ist in den Westen abgesprungen. In die große Enklave der Freiheit, zwischen Diktatoren, Folterknechte und Hundemörder. Ich sehe, dass Tante Svanhild bewegt ist, während Nurejew im Schutz von einem Dutzend französischer Gendarmen dasteht und winkt. Kusshände wirft. Er weiß nur zu gut, wie schön er ist, denke ich.
Ich schaue vorsichtig zu Tante Svanhild hoch. Warum ist sie so hingerissen? Hat sie noch nicht gesehen, dass Chruschtschow Ähnlichkeit mit Onkel Birger hat? Und jetzt ist Chruschtschow traurig.
29
Aber es kommt ein Tag. Es kommt immer ein Tag, aber dieser Tag ist doch anders als andere Tage, nach denen ein Tag kommt. Vater kommt früh von der Arbeit nach Hause. Er hat Dagbladet unter dem Arm, wie immer, aber er hat vergessen, Brot zu kaufen, er ist starr im Gesicht. Wütend, auf eine Weise, die er sich sonst nicht gestattet, nicht einmal, wenn er sich mit Mutter streitet. Es ist nicht die normale Wut. Er ist persönlich verletzt. Etwas, das er nicht für möglich gehalten hat, ist passiert.
Mutter ist zu Hause. An diesem Abend muss sie in der Fledermaus soufflieren. Als sie das Gesicht ihres Mannes sieht, begreifen Tormod und ich, dass die Lage ernst ist, auf eine ganze andere Weise als jemals zuvor.
»Kommt der Weltkrieg?«, frage ich. »Vielleicht«, sagt Vater.
Und dennoch weint er nicht. Der, der diese Geschichte schreibt, hat seinen Vater nur zweimal weinen sehen. Das eine Mal bei Hallingskarvet, als Vater mit Mutter gestritten hatte. Sie lief weit vor ihm her und war außer sich vor Zorn. Aus irgendeinem Grund ging damals Tormod neben Mutter. Sie gingen 200 Meter vor uns anderen. Er selbst blieb beim Vater, der einen schweren grauen Rucksack trug und schweißnass war. Sie waren unterwegs zu einer Hütte weit oben im Gebirge. Es gab dort keinen Strom, und Wasser musste aus einem See geholt werden. All diese armseligen Hütten in seiner Kindheit, auf die der Vater doch so stolz war, auch wenn er Kacke aus dem Plumpsklo schaufeln musste. Weshalb hatten sie sich diesmal gestritten? Jedenfalls nicht um ein Ingenieursessen, zu dem die Mutter nicht gehen wollte. Er ahnte, dass es um Wichtigeres ging. Gefährlicheres. Wo man wohnen sollte. Worauf man im Leben setzen sollte. Der Vater sprach oft davon, umzuziehen. »Aber wie sollen wir uns das leisten können?«, fragt die Mutter.
Die lange Wanderung durch das Gebirge. Der Vater, der nichts sagte, sondern weinte, bis er schluchzte. Weinte und weinte. Als sei sein Kummer bodenlos.
Das zweite Mal sah er seinen Vater weinen, als der, nachdem er aus China zurückgekommen war, erzählte, wie die Mutter gestorben war. Der Vater saß im vierten Stock im Pflegeheim. Die Mutter lag eiskalt unten in der Kapelle. Als er zum Vater nach oben kam, nachdem er sich von der Mutter verabschiedet hatte, setzte er sich zu ihm und sagte, die Mutter habe ausgesehen, als ob sie ihm zulächelte, obwohl sie doch tot war.



