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»Aber wie ist sie gestorben?«, fragte er. Da weinte der Vater zum zweiten Mal.
Alle sind schrecklich aufgeregt. Das weiß er schon lange. Er hat versucht, die Miene des Vaters zu deuten. Schon, als sie aus Sandefjord nach Oslo zurückkamen, stimmte etwas nicht. Die Leichtathletikkämpfe zwischen USA und UdSSR. Der Vater hatte den Kopf geschüttelt. Und der Sohn hatte gefragt: »Was ist denn los, Vater?«
»Dass sie sich auf diese Weise gegenseitig aufstacheln. Nicht nur Raumfahrt und große Politik. Auch Sport. Wo soll das denn noch enden?«
Leichtathletik. Auf viermal hundert Metern stellt die Mannschaft der USA einen Weltrekord von 39,1 auf. Danach kommt der schwarze Weitspringer Ralph Boston und springt 8,28. Gott sei Dank setzt Valeri Brumel mit 2,24 einen neuen Rekord im Hochsprung für Herren und Jolanda Balas, die eigentlich aus Rumänien stammt, springt 1,90 für die Sowjetunion.
Vater liebt Leichtathletik. Er liebt Schlittschuhlauf. Er liebt den Sport, in dem einfache Arbeiter nach oben kommen und Ruhm und Ehre ernten können. Aber was hier vor sich geht, ist keine Leichtathletik. Schon seit Längerem kommen jeden Tag über tausend Flüchtlinge aus der DDR und anderen von der UdSSR kontrollierten Gebieten in die Durchgangslager in Westberlin. An einem einzigen Tag, dem 1. August, werden 1322 Flüchtlinge registriert. Etwas über eine Woche darauf sind es 1926 Personen. Die 53 000 Pendler, die jeden Tag von Ost- nach Westberlin strömen, werden strengen Kontrollen unterzogen und in vieler Weise behindert.
Aber während US-Außenminister Dean Rusk im Urlaubsort Cadenabbia in Italien sitzt und mit Bundeskanzler Konrad Adenauer überlegt, was zu tun sei, beschließt die Volkskammer in Ostberlin, zu außergewöhnlichen Mitteln zu greifen, um der Massenflucht vor dem kommunistischen Regime ein Ende zu setzen.
Zugleich kreist der sowjetische Kosmonaut German S. Titow nicht weniger als siebzehn Mal in seiner Wostok II um die Erde und hält sich länger als einen Tag im Weltraum auf, zur großen Verzweiflung der Amerikaner.
Die Volkspolizei der DDR und Abteilungen der Volksarmee beginnen, die Grenze zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Teil Berlins mit Stacheldraht abzusperren. Es ist die Nacht zum 13. August. Von nun an brauchen Ostberliner und Bürger der DDR eine Sondererlaubnis, um den von den Westalliierten kontrollierten Teil der Stadt zu besuchen. Das gilt auch umgekehrt. Die achtzig Grenzübergänge zwischen Ost und West werden auf zwölf reduziert.
Die Machthaber im Osten lassen dort, wo bisher Stacheldrahtzäune waren, Betonelemente anbringen. Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister von Berlin, unterstützt einen offiziellen Protest gegen die Sowjetunion, in dem daran erinnert wird, dass die neuen Maßnahmen gegen das Viermächteabkommen verstoßen. Großbritannien und Frankreich kündigen an, ihre Truppenpräsenz in der BRD verstärken zu wollen, aus den USA kommen Vizepräsident Johnson und General Clay zusammen mit 1500 Soldaten, die in augenblickliche Bereitschaft versetzt werden. Diese Soldaten werden begeistert empfangen. Im Norden der S-Bahnstation Staaken fahren Panzer auf, um die Stadtgrenze vor Übergriffen zu sichern. Aber der Osten hat kein Interesse daran, den Westen anzugreifen. Stattdessen wird eine Mauer gebaut. Dass vier Panzer der USA durch Friedrichstraße und Kochstraße rollen, kann das katastrophale Ergebnis nicht verändern. Berlin wird endgültig geteilt. Das passiert an dem Tag, an dem Vater so ernst ist. Die Mauer wird gebaut, DDR-Soldaten fliehen in letzter Minute in den Westen. Bald wird auf Flüchtlinge geschossen. In den kommenden Jahren wird es viele davon geben.
»Was für eine Schande«, sagt Vater. Er legt sich mit leichenblassem Gesicht auf das Wohnzimmersofa.
Ich gehe zu Mutter, die in der Küche steht. »Was ist denn eigentlich los?«, frage ich.
»Vater ist vor Kummer am Boden zerstört«, sagt Mutter. Sie schüttelt den Kopf. Dann nimmt sie die Brotformen aus der untersten Schublade.
An der Straßenbahnhaltestelle Smestad haben Mads und ich viel zu besprechen.
Aber Mads ist nicht mehr so sicher, ob man gerade jetzt zur Sowjetunion halten sollte.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es passiert so schrecklich viel. Die Leute von Orientering sind nach den Parlamentswahlen sehr wichtig. Sie haben zwei Mandate geholt. Finn Gustavsen und Asbjørn Holm. Ich finde, Gustavsen sieht aus wie Reineke Fuchs. Vielleicht ist auch er ein Schlaukopf.
Auf General de Gaulle wird, als er von Paris nach Colombey les Deux Églises unterwegs ist, ein Attentat mit vier Kilo Plastiksprengstoff verübt. Zehn Tage darauf kommt der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld über Nord-Rhodesien bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
»Hier wird uns vieles verheimlicht«, sagt Mads, während die Blätter an den Bäumen gelb werden. Die Nachmittage füllen sich mit herbstlichen Sonnenuntergängen. Der Himmel über Ullernåsen steht in Flammen.
30
Es ist Sonntag. Später Herbst. Vater sagt, dass wir zur Hütte nach Vestmarka fahren. Ich stöhne. Ich habe versucht, tot im Bett zu liegen, aber das half nichts. Vater sieht, dass ich lebe. Und auch wenn ich länger aushalte, als ich es für möglich gehalten hätte, bin ich hilflos, als er anfängt mich zu kitzeln.
Der Bus nach Guriby. Die langen Hänge hoch nach Vensåsseter. Ich bin kurzatmig und erschöpft, und als der Waldweg endlich abflacht, ist es nur vorübergehend. Vater hat die Hütte für zehn Jahre gemietet, sie liegt oben am steilsten Hang.
Als sie aber dort sind, kann er sich keinen Ort denken, wo er lieber wäre. Vestmarka. Nicht weit von Kampen. Sie haben Aussicht auf den neuen Tryvannsturm, der noch nicht in Gebrauch genommen worden ist. Der Vater kümmert sich um das Plumpsklo. Das Brunnenwasser ist kalt und gut. In der Hütte ist es wie in alten Tagen. Rohe Holzstühle. Ein Tisch, von dem die Farbe abblättert. Ein Sofa, das eigentlich eine Holzbank mit Kissen ist. In der Ecke gibt es einen riesigen Kamin, den der Vater repariert hat. Er bewundert den Kamin, weil der so groß ist. Der Vater kann alles. Der Vater ist Ingenieur. Allein mit dem Vater und dem Bruder hat er keine Angst, dass sich die Eltern streiten und die Mutter mit den Türen knallt und in Tränen ausbricht. Der Vater ist streng, aber man kann mit ihm reden. Er hat die stärksten Hände auf der Welt, aber er schlägt nicht damit. Und beim Armdrücken merkt er immer, dass diese Hände groß sind und dass sie Geborgenheit und Wärme schenken.
Die Dämmerung setzt früh ein. Der Himmel ist rot. Sie haben zwei Dosen Rentierfrikadellen mitgenommen, die sie auf dem Primuskocher aufwärmen und zu dem grünen Sauerteigbrot essen wollen, das sie alle so lieben. Der Bruder darf den Primuskocher anwerfen, den der Vater einige Meter von der Hütte entfernt aufgestellt hat, wo es eine alte, von Steinen eingerahmte Feuerstätte gibt.
Er dagegen darf die Rentierfrikadellen in dem alten Blechtopf anwärmen. Es ist ein Freitagnachmittag im Oktober und mäuschenstill im Wald. Nur eine Krähe regt sich hoch oben in der riesigen Eiche.
»Jetzt hört mal zu«, sagt der Vater. »Wisst ihr noch, dass ich voriges Wochenende allein hier war?«
Sie nicken.
»Ich wollte den Kamin fertigmauern und den Abzug überprüfen. Kaum hatte ich meinen Rucksack abgestellt, habe ich losgelegt. Das Wichtigste war, den Zugbegrenzer so zu justieren, dass er genau in die Öffnung passte.«
»Ja?«
»Ich schob den Arm hinein, machte ihn krumm und tastete dann nach der schweren Klappe. Aber als ich sie gefunden hatte, löste sich etwas aus seiner Befestigung, fiel auf meinen Unterarm und presste auf mein Handgelenk. Weil ich den Arm angewinkelt hatte, steckte ich fest. Ich konnte den anderen Arm nicht hineinschieben und spürte, wie mein Blut an der Stelle hämmerte, wo der Zugbegrenzer auf die Adern drückte.«
»Was hast du da gedacht, Vater?«, fragt der Bruder mit großen, ängstlichen Augen.
»Ich dachte, dass Freitag war, dass ich ganz allein war und dass mich vor Sonntagabend niemand vermissen würde.«
»Und dann?«
»Dann habe ich mit langsamen Bewegungen versucht, den Arm zu befreien. Zwei Stunden lang habe ich eine Position gesucht, um mit dem Daumen die Klappe hochschieben zu können, auch wenn ich riskierte, den Daumen zu brechen.«
»Und das hast du geschafft?«
»Ja.«
»Und nichts gebrochen?«
»Nein.«
»Warum erzählst du uns das?«
»Weil ich euch daran erinnern will, dass es immer, fast immer, Möglichkeiten gibt, an die man anfangs nicht gedacht hat. Auch, wenn die Lage hoffnungslos wirkt.«
»Gilt das auch für Mutter und dich?«, fragt er. »Wie meinst du das?«
»Dass es die Möglichkeit gibt, dass ihr eines Tages aufhört, euch zu streiten?«
Der Vater weiß nicht, was er antworten soll. »Mutter und ich, wir lieben uns«, sagt er ernst. Er zieht seinen älteren Sohn an sich. Zwischen den beiden gibt es eine besondere Beziehung, denkt der andere.
»Warum kommt sie nie mit nach hier oben?«
»Mutter hat anderes zu tun. Und sie ist nicht gern da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, meint sie.«
»Aber sie mag doch Hasen und Füchse und alle Arten von Tieren?«
»Sie braucht ein bisschen Zeit für sich.«
»Aber was macht sie in dieser Zeit?«
Vater rührt im Frikadellentopf, wo die Soße langsam ins Kochen kommt. »Ich weiß nicht«, antwortet er zerstreut, wie oft, wenn er an etwas anderes denkt.
In diesem Moment verliert der Blechtopf das Gleichgewicht. Die kleinen Rentierfrikadellen aus der Dose und die ganze Soße kippen über in alte Asche und alles verwandelt sich im Handumdrehen zu einer ungenießbaren Masse. Der Vater flucht laut.
Nicht weinen, denkt der jüngere Sohn. Nicht noch mal weinen, wie damals im Gebirge.
Aber der Vater weint nicht. Er sieht nur traurig aus. Und müde. Als ob er die ganze Welt auf den Schultern trüge. Vielleicht tut er das ja. »Nicht traurig sein, Vater«, sagt Tormod. »Wir haben Graubrot, Zwiebeln und Butter. Außerdem wird es jetzt kalt. Haben wir nicht auch Milchschokolade? Wollen wir reingehen?«
31
Am letzten Oktobertag wird der Sarg von Josef Stalin, der seit dessen Tod vor mehr als acht Jahren neben Lenin gestanden hat, aus dem Mausoleum und über den Roten Platz in Moskau geschoben. Chruschtschow hat sich abermals öffentlich von Stalin distanziert und dessen Massenmorde einige Jahrzehnte zuvor ans Licht geholt.
An der Straßenbahnhaltestelle Smestad erzählt mir Mads, dass Chruschtschow bei Stalins letzter Mahlzeit zugegen war. Mads liest keine Jugendbücher mehr, sondern Lexika und die Zeitschrift Farmand. Er findet den Kommunismus einfach wahnsinnig komisch. Stalins Tod zum Beispiel. Da saßen also im März 1953 die künftigen Regierungschefs Malenkow, Bulganin und Chruschtschow zusammen mit Stalin und Innenminister Beria und aßen mit ihrem Chef. Danach trennten sich ihre Wege. Als Stalin am nächsten Morgen nicht zur üblichen Zeit aufstand, wurden die Wächter nervös. Aber Stalin hatte streng befohlen, niemals früh am Tag gestört zu werden, deshalb wurde er erst am Abend in seinem Zimmer gefunden, wo er eine starke Gehirnblutung erlitten hatte. Chruschtschow sollte später erzählen, dass Beria sofort »seinen Hass ausgespien und seinen Führer verspottet« hatte, doch als Stalin noch einmal zu Bewusstsein kam, kniete der Innenminister nieder und küsste ihm die Hand. Dann versank Stalin abermals in Bewusstlosigkeit. Beria erhob sich und verspottete ihn ein weiteres Mal. Später sollten amerikanische und russische Historiker zu dem Schluss kommen, dass Stalin an einer Dosis Warfarin gestorben war. Rattengift. Es verdünnt das Blut und kann deshalb auch bei Patienten mit Vorhofflimmern angewandt werden, auch wenn das Risiko einer Gehirnblutung steigt. Warfarin schmeckt nach nichts. Es ist ein perfekter Zusatzstoff in fester und flüssiger Nahrung, wenn man jemanden umbringen möchte.
In der Schule bereiten wir uns auf die Weihnachtsfeier vor, als Mitte November der bundesdeutsche Verteidigungsminister Franz Josef Strauß nach Norwegen kommt. Wir kochen Vogelbeergelee und basteln Laternen aus Pappe. Außerdem soll die dritte Klasse das Paradiesspiel aufführen, während die fünfte das Weihnachtsspiel einübt, die Geschichte von Jesus und Maria. Strauß wird von heftigen Protesten empfangen. Er gilt allgemein als Vertreter des aggressiven Teils der westdeutschen Atompolitik. Dass ein Land, das vor weniger als zwanzig Jahren Millionen von Juden ermordet hat, das Recht für sich in Anspruch nimmt, auf den Atomknopf zu drücken, wird als abscheulich empfunden. Vater ist oft oben bei Ulf in der Bygdøy allé. Die politische Unruhe ist groß, in all diesen Wochen, als ich oben vor der Tafel stehe und versuche, Gott Vater darzustellen. Ist das ein Trostpflaster für die entsetzlichen Wanderungen über den Schulhof zum Haus im Wald? Die gehen ja weiter. Die hören nicht auf. Ich muss mit der rechten Hand schreiben. Aber dann stehe ich plötzlich hier als Gott Vater, während Verteidigungsminister Strauß, der noch dicker ist als ich, dem eifrigen NRK-Journalisten Per Øivind Heradstveit erzählt, er nehme diese Demonstranten nicht ernst, denn sie seien »junge bezahlte Menschen, die von den Kommunisten aufgepeitscht werden, wie Moskau das eben so macht«.
Die Lage in Europa ist äußerst angespannt, vor allem im Norden, weil Finnland jetzt von Chruschtschow & Co hart unter Druck gesetzt wird. Werden sie mit ihrer Neutralitätspolitik weitermachen oder nicht? Präsident Kekkonen balanciert auf Messers Schneide zwischen der Sowjetunion und dem Westen. Mit der langen Grenze zu Russland ist die Lage dieser Nation, die Vater so sehr liebt, dass er ab und an zu Mutters großem Ärger eine echte finnische Freundin anbringt, strategisch noch schwieriger als die Norwegens. Kekkonen tobt, weil Norwegen gerade jetzt auf die Idee gekommen ist, Strauß zu einem Besuch einzuladen. Damit erweist man Finnland einen Bärendienst, sagt er, während ich in einer alten Deutschenbaracke am Smestaddam in Oslo stehe und Adam und Eva aus dem Paradies vertreibe. Mir ist das ein bisschen peinlich. Ich bin nicht Chruschtschow. Ich werde nicht mit dem Schuh auf den Tisch hauen. Ich bin auch nicht Kennedy. Außerdem sind die, die Adam und Eva spielen, die Schönsten in der Klasse. Im wirklichen Leben gibt es nicht viel, was ich mir ihnen gegenüber herausnehmen würde. Aber hier, in diesem Schauspiel, stehe ich da mit meinem Stab und spiele Diktator, während Mads und Bryn in den Kulissen kichern.
Aber die sind ja auch nur Engel.
Dezember 1961. In Toronto in Kanada knallt der Schwergewichtsboxer Floyd Patterson seinem Kollegen Tom McNeeley einen grausamen Haken ins Gesicht, McNeeley geht zu Boden und wird schon in der vierten Runde ausgezählt. Mads und ich sitzen im Palassteater, jeder mit einem kleinen Weihnachtsschwein aus Marzipan und Schokolade, und sehen die entsetzlichen Bilder. Zehn Tage später wird Adolf Eichmann in Jerusalem zum Tode verurteilt. Als wir wieder auf der Straße stehen, ist es schon dunkel. Die Schokoladenreklame am Egertorg blinkt uns entgegen, und an der Mauer des Hauses neben dem Odd-Fellow-Gebäude sinkt die Temperatur auf fast 15 Grad. Am 23. Dezember kommen 71 Italiener ums Leben, als ein Eisenbahnwagen bei Catanzaro in Süditalien in einen Abgrund stürzt. Und in Algerien sterben mindestens 44 Menschen bei Attentaten. Die Sowjetunion hat die diplomatischen Beziehungen zu Albanien an dem Tag abgebrochen, an dem Dag Hammarskjöld mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. »Wie traurig, einen so großen ehrenvollen Preis einer Leiche zu geben«, sagt Mads, als er da an der Straßenbahnhaltestelle steht und vor Kälte bibbert.
Es wird das kälteste Weihnachtsfest seit Menschengedenken.
1962
32
Ein Auto verfährt sich auf dem Weg nach London. Der Fahrer heißt Neil Aspinall. Im Auto sitzen außerdem vier junge Männer aus Liverpool, die von ihrem Manager Brian Epstein geschickt worden sind. Es ist Silvester 1961, und es ist kalt. Seit fast anderthalb Jahren tritt das Trio John Lennon, Paul McCartney und George Harrison an verschiedenen Orten in Hamburg auf. Ihr vierter Mann, der Bassist Stuart Sutcliffe, wollte irgendwann lieber sein Kunststudium fortsetzen. Aber zu Hause im Casbah Coffee Club hatte Harrison Pete Best entdeckt, den Sohn der Clubleiterin, Mona Best. Zusammen hat das Quartett das skandalumwitterte Stadtviertel St. Pauli in Hamburg erobert. Es ist eine von Seeleuten, Landratten, Prostituierten und Alkoholikern bevölkerte Gegend. Die vier, die sich The Beatles nennen, haben hinter der Bühne des Bambi Kinos geschlafen, und sind im Indra und im Kaiserkeller aufgetreten. Später auch im Top Ten Club auf der Reeperbahn 136. Harrison, der erst 17 war, als sie nach Hamburg gekommen sind, bezeichnete diese Stadt als »the naughtiest city in the world«. Paul McCartney, der nur wenig älter war, sagte, wenn man in Hamburg eine Freundin fände, dann aller Wahrscheinlichkeit nach eine Stripperin. Lennon und Gerry Marsden von Gerry & the Pacemakers hatten ein Bordell in der Herbertstraße besucht, und als sie bezahlt hatten, kam eine Frau, die so groß war wie ein Bus. Sie trug nur einen BH und machte ihnen furchtbare Angst. Die Auftritte dauerten oft vier Stunden, deshalb bekamen die Jungs Preludin und Dexedrin, um sich wachzuhalten.
Neil Aspinall braucht zehn Stunden, um in die Londoner Innenstadt zu finden, gerade rechtzeitig, um die vielen Betrunkenen zu sehen, die trotz der winterlichen Temperaturen in den Brunnen auf dem Trafalgar Square springen. Am nächsten Morgen finden sie sich im Studio von Decca Records in Broadhurst Gardens ein, wo der A&R-Mann Mike Smith schon auf sie wartet. Später wird er Hits für Georgie Fame, die Tremeloes, Marmalade, Love Affair und Brian Poole produzieren. Das Quartett ist während der Aufnahmen sichtlich nervös. Die Lieder werden mit einem zweispurigen Mono-Tonbandgerät eingespielt. A&R-Chef Dick Rowe hatte vor neunzehn Tagen Smith nach Liverpool geschickt, um sich diese neue Band anzuhören, für die der Manager Brian Epstein so heftig Reklame machte. Rowe sollte später die Rolling Stones, Van Morrisons Them, die Moody Blues, Tom Jones und John Mayall & the Bluesbreakers unter Vertrag nehmen. Jetzt sitzt der Assistent Mike Smith im Decca-Studio und hört, dass die Jungs im Studio nicht so gut sind wie auf der Bühne.
Das Quartett fängt an mit seinem eigenen Like Dreamers Do, dann gehen sie über zu Gordy/Bradfords Money und Meredith Wilsons Till there was you. Sie spielen vierzehn Stücke, unter anderem Hello Little Girl, ehe sie mit Leiber & Strollers Searchin enden. Aber nicht alle Lieder werden aufgenommen. Decca hat am Ende eine Rohaufnahme von zehn Stücken. Die Jungs fahren nach Liverpool zurück und Smith setzt sich mit seinem neuen Chef, Dick Rowe, und Ex-Shadow Tony Meehan hin, um sich alles anzuhören.
Einige Tage später trifft bei den Beatles die Absage ein. Decca ist zu dem Schluss gekommen, dass die Gruppe in der Popwelt keine Chance hat. Decca kennt den Markt besser als alle anderen. »Guitar groups are on the way out.« Es wird zudem erklärt, dass die Beatles mit diesem Sound als Gitarrengruppe keine Chance haben. Decca nimmt deshalb Brian Poole und die Tremeloes unter Vertrag.
Brian Epstein beschließt, auf eigene Faust ein Album zu produzieren. Später kann er dann bei EMI und Parlophone einen Vertrag abschließen.
Es ist der Winter 1962. Leonard Bernstein veröffentlicht mit den New Yorker Philharmonikern bei der CBS seine erste Einspielung von Mahlers Dritter Symphonie.
Zu Hause im Melumvei starre ich die Schallplatten an. Vater kann sich weder Fernseher noch Waschmaschine oder Auto leisten, und auch der Kühlschrank war fast schon zu teuer. Aber links vom großen Wohnzimmerfenster stehen ein großes Radio, ein kleiner Plattenspieler und ein braunes Tonbandgerät Marke Tandberg. Es ärgert mich, dass wir nicht Grynet Molvigs Version von Ninon Ninette haben, die ich im Vorjahr bei Tante Svanhild in der Schlagerparade gehört habe. Aber es steht nicht einmal fest, dass es davon eine Schallplattenaufnahme gibt. Außerdem lehnt Mutter Popmusik ab. Sie sieht im Auftreten der 19-Jährigen nicht dieselben Qualitäten wie Tante Svanhild und ich. Wir haben noch immer einen geheimen Bund. Sie kennt die Sängerin Nora Brockstedt, die mit samischer Mütze beim Grand Prix das Lied Voi Voi sang und dabei mit den Händen fuchtelte, als das NRK-Fernsehen noch jung und frisch war. Wir mögen hübsche Mädchen. Hübsche Frauen. Für Tante Svanhild war Farah Dibas Besuch in Norwegen ein Höhepunkt. Das ist fast ein Jahr her, aber noch immer redet sie darüber, als sei es gestern gewesen. Die Fahrt nach Westnorwegen musste abgesagt werden, denn Farah Diba hatte Angst, der viele Regen könnte ihr die Frisur ruinieren. Jetzt stecken sich Mutters bildschöne Kusinen, die alle jünger sind als sie, Weißbrote in die Haare. Ich habe es selbst nicht gesehen, aber Tante Svanhild hat es mir mit geheimnisvollem Lächeln erzählt.
»Die haben wirklich ein Weißbrot in den Haaren, Ketil.«
»Ganz bestimmt?«
Sie zögert. »Naja, ein halbes.«
»Hast du auch Weißbrot in den Haaren?«
»Nein, meine Haare sind nicht lang genug. Und auch nicht füllig genug.« Sie sieht traurig aus. Zugleich ist sie so hübsch mit ihren Löckchen. Ich drücke ihre Hand. Wenn sie zurückdrückt, bekomme ich eine Gänsehaut.
Von jetzt an sehe ich Frauen auf eine andere Weise. Spüre sie auch auf eine andere Weise. Vor allem sehe und spüre ich die mit dem Weißbrot in den Haaren. Die Frisur wird davon so hoch, so ägyptisch, wie Sam Ledsaak sagen würde. Wir zeichnen Pyramiden und Pharaonen in unsere Arbeitshefte. Wir haben die schönen Derwent-Farben, die für strahlende Sonnen, dunkelblauen Himmel und insgeheim für die schönsten Frauen geeignet sind.
Aber was machen sie danach mit dem Weißbrot? Essen sie es auf? Nichts schmeckt leckerer als Weißbrot, das man mit den Händen aus der Kruste puhlt. Aber das Weißbrot muss frisch sein. Man muss die Wärme des weißen Brotes spüren, eine letzte Erinnerung an die gute, warme Geborgenheit im Ofen, als alles aufquoll und seine Form fand. Ich quelle ebenfalls auf, habe aber deshalb nicht das Gefühl, meine Form gefunden zu haben.
Wird die Unruhe von Dauer sein? Ohne es selbst begriffen zu haben, fühlt er sich zu Menschen hingezogen, die älter sind als er. Wie durch ein Wunder wird er bei der Blaskapelle aufgenommen. Die nennt sich Gjallarhorn. Es gibt dort fast keine Mädchen, und das bedauert er. Die anderen in der Kapelle gehen in die fünfte und die siebte Klasse. Es ist umwerfend, dass er mit ihnen zusammensein kann, wo er doch nur in die dritte geht. Er ist stolz, aber auch ein wenig verwirrt. Liegt es nur daran, dass er der Bruder von Tormod ist, dass er neben Bjørn sitzen und Tenorhorn spielen darf? Bjørns Vater ist der Direktor von Det Norske Teatret. Später wird der junge Bjørnstad Theaterrepliken von sich geben. Aber vorläufig schweigt er und sieht zu, wie sein neuer Freund mit grünem Rotz in der Nase spielt. Solche kleinen Popeldinger gibt es auch in manchem Backwerk. Ist es nicht schwer, damit Luft zu holen, denkt er und presst die Lippen gegen das Mundstück. Aber Bjørn ist ein Held. Ein Damenheld mit schmutzigen Fingern, der ganz bestimmt bei Frauen mit Weißbrot in den Haaren Erfolg haben könnte. Er sieht immer aus, als käme er direkt aus dem Dschungel, ein Tarzan, der sich mithilfe von Lianen durch das Unterholz schwingt. Neben ihm zu sitzen ist fast, wie bereits in die sechste Klasse zu gehen. Sie sind dreiundzwanzig Jungen, und das Letzte, was sie in den alten Deutschenbaracken tun, ist, ein Konzert in tiefer Finsternis zu geben. Sie haben keinen Strom mehr, aber im Eurythmiesaal flackern die Kerzen in den viel zu großen Haltern. Ihr Dirigent heißt Anton. Allein dieser Name. Tante Svanhild würde von »volkstümlich« reden. Wenn er die Hände hebt, sollen wir Die Jungen kommen von William Farre spielen. Der Theaterdirektor hat ein feierliches Gedicht geschrieben: »Seht die Jungen kommen, in ihrer fröhlichen Uniform. Sie heben die Instrumente. Oh hört, bald bläst der Sturm …« Er fühlt sich unbehaglich mit der schwarzen Baskenmütze, dem weißen Hemd, der roten Fliege und der ebenso roten Schärpe, der grauen Hose und den blankgeputzten schwarzen Schuhen. Er kommt sich vor wie ein Angehöriger einer vergessenen Volksgruppe, die soeben irgendwo oben im Kaukasus entdeckt worden ist und die vielleicht einen drei Minuten langen Bericht in der Wochenschau verdient hat. Aber Anton, der selbst noch ein Teenager ist, kann die Gesangsstimme aus ihm vertreiben, und übrig bleibt dann nur ein seltsamer Furz, der innerhalb weniger Unterrichtsminuten zu einem mächtigen Ton wächst, zum Tenorhornton. Nicht mehr die traurigen Geräusche, die neue Abgase ankündigen. Sondern eine tiefe, füllige, sonore Stimme.




