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Klinge ich denn wirklich so?, überlegt er.
Plötzlich kann er seinen Körper ein bisschen besser leiden.
33
Die Schule wird nun also umziehen. Er ist mit dem Rad zu dem neuen Gebäude gefahren, das im Gebüsch oben bei Hovseter liegt, und hat versucht, die Gründe für alle Veränderungen im Leben zu verstehen. Warum suchen wir sie, und was wollen wir damit? Auch Mads ist unsicher. Der Freund ist ein ebenso großer Zweifler wie sein Vater. Weil er Fragen stellt, untergräbt er das Bestehende. Er kann sich nicht am allgemeinen Jubel darüber beteiligen, dass Oberstleutnant John H. Glenn dreimal den Erdball umrundet und eine Höhe von 260 Kilometern über der Erdoberfläche erreicht hat. Wieso denn jubeln? German Titow ist das doch schon siebzehn Mal gelungen. Aber die Amerikaner schaffen es, aus Glenns Raumfahrt ein Ereignis zu machen, einfach weil er Amerikaner ist. In den Nachrichten ist es eine größere Sensation, dass ein Amerikaner es dreimal um die Erde schafft, als dass ein Russe viele Monate vorher siebzehn Mal um denselben Planeten geflogen ist.
»Wir müssen die USA weiterhin kritisch sehen«, sagt Mads, als wir das letzte Mal an der Straßenbahnhaltestelle Smestad stehen, ehe die Schule nach Hovseter verlegt wird und wir widerwillig unsere Arena für die Diskussionen weltpolitischer Gegebenheiten verlegen müssen.
»Warum?«, frage ich, während ich meinen Teil des frischgekauften Weißbrotes auskratze, ehe ich endlich in der Straßenbahn nach Hause die Zähne in die knusprige braune Kruste schlage.
»Die belügen uns«, sagt Mads. »Bei Laika hat Chruschtschow uns die Wahrheit gesagt. Wir haben erfahren, wie schrecklich das alles war. Sie werden für sie ein Denkmal aufstellen. Aber was haben die Amerikaner mit Enos und Ham gemacht? So getan, als wären das hochqualifizierte Generäle?«
Die Melancholie steigt langsam in ihm auf. Beim bloßen Gedanken an den Schimpansen Ham, das erste menschenähnliche Wesen, das ein Jahr zuvor ins All geschossen wurde. Bilder von Ham, wie er mit dem NASA-Helm auf dem Kopf auf dem kleinen Schleudersitz hockt. Die vielen Schläuche, die in seinen Körper hinein- und aus seinem Körper herausführen. Die Leitungen. Die Riemen. Vater war außer sich gewesen, Mutter noch mehr, als sie las, wie das kleine Tier abgerichtet worden war, um auf einfache Herausforderungen zu reagieren. Wenn Ham die Wünsche der Menschen erfüllte, bekam er Bananenpellets. Wenn er versagte, bekamen seine Füße kleine Elektroschocks verpasst. Monatelang waren sechs Schimpansen abgerichtet worden, um die Belastungen einer Raumfahrt zu ertragen. Dennoch wurde Ham bei seinem Flug 14,7 G ausgesetzt, 3 G mehr als geplant. Die Rakete beschleunigte zu stark und brachte das Mercury-Redstone-Fahrzeug auf eine Geschwindigkeit von 5857 Meilen in der Stunde, mehr als 1400 Meilen schneller als berechnet. Dort oben, allein im Weltraum, musste Ham einfache Operationen durchführen, die durch weiße und blaue Warnlämpchen angekündigt wurden. Er hatte das jetzt im Blut. Wenn er etwas falschmachte, kamen unweigerlich die Elektroschocks.
Aber Ham machte nichts falsch. Er kehrte auf die Erde zurück, er lag auf seinem Schleudersitz und drückte dem Kapitän des Bergungsschiffes die Hand. Dann wanderte er an Deck umher und begrüßte alle. Lächelte mit seinen liebenswürdigsten Grimassen. Dankte ihnen für alles, was sie für ihn getan hatten, dafür, dass er noch am Leben war. Er konnte ja nicht sprechen.
Das konnte Enos auch nicht, als er mit der Mercury-Atlas 5 in eine Umlaufbahn geschossen wurde, nur wenige Wochen vor Glenns Triumphzug. Ich hatte nachts von ihnen geträumt, war in diesen Raumkapseln, als die Trägerrakete gezündet wurde. Die gewaltige Flamme, die unter den Motoren hochschoss. Die Erschütterung auf dem Weg in den Weltraum. Die total Stille dort oben. Den Menschen auf diese Weise ausgeliefert zu sein. Nicht sprechen, seine Gefühle nicht äußern zu können.
»Uns ausgeliefert«, sagte Mads.
Die Bilder von Glenn, auf denen er im offenen Wagen zum Capitol in Washington fährt, während die Menschen am Straßenrand jubeln und winken. Das Siegeserlebnis. Das Gefühl der Überlegenheit. Aus einem zweiten einen ersten Platz zu machen. So zu tun, als führten die USA im Wettlauf um das All. Gottes auserwähltes Volk.
Ich glaube, ich kann Abel lachen hören, wie er da auf unserem Sofa sitzt und sich mit Schokolade vollstopft.
Ich dagegen spiele noch immer den Rechtshänder.
Es ist der letzte Besuch bei Fräulein Ätschbätsch. Wenn die Schule am 26. März umzieht, kann niemand von mir verlangen, mit der Straßenbahn zum Haus im Wald zu fahren. Niemand weiß, was sie nun machen wird. Sie haben in dem neuen großzügigen Gebäude offenbar nicht einmal eine kleine Kammer für sie reserviert.
Das versetzt mir einen Stich. Werde ich sie denn wirklich vermissen? All die idiotischen Versuche, aus mir einen besseren Menschen zu machen. Ihre verfehlten pädagogischen Methoden, die trotzdem dazu geführt haben, dass ich ihre Hände liebgewonnen habe, wenn sie mich festhielten. Ihre Wärme. Ihre Milde und ihr unbeschreibliches Alter. Sie war nicht mehr meine Lehrerin. Ich war ihr Schüler, und ich fühle mich bei diesem letzten Mal verantwortlich dafür, ihr ein Gefühl von Erfolg zu geben, ein Gefühl, dass das Leben einen Sinn hat, sogar mitten in allem Unsinn. Sie steht in der Tür und wartet schon auf mich. Umarmt mich, als wäre ich ihr Sohn.
»Sind wir wirklich am Ende des Weges angekommen?«, fragt sie mit einem müden Lächeln.
»Das sind wir wohl«, sage ich.
»Dann schreib für mich«, sagt sie. »Du bist der beste Schüler, den ich jemals hatte.«
Zum letzten Mal in meinem Leben schreibe ich mit der rechten Hand. Ich schreibe so schön, wie ich nur kann. Es ist, als ob sich in mir etwas umstülpt bei jedem einzelnen Buchstaben. Aber ich schreibe. Ich schreibe. Und ich weiß, wenn ich mich entscheiden müsste, entweder mit der rechten Hand zu schreiben oder gar nicht, dann würde ich Letzteres wählen. Denn das Gefühl dabei ist so entsetzlich, dass ich es nur damit vergleichen könnte, durch den Mund zu scheißen und mit dem Hintern Würstchen zu essen. Aber ich mache weder das eine noch das andere, und mit der rechten Hand will ich auch nicht schreiben. So sehr hasse ich es. Mir stehen Tränen in den Augen, aber Fräulein Ätschbätsch sieht es nicht, denn sie weint ebenfalls. Aber es sind Freudentränen.
»Dass du das wirklich geschafft hast, mein Junge!«
Ja, dass ich das wirklich geschafft habe, denke ich, ohne begriffen zu haben, dass dieses Gefühl keine einzigartige Erfahrung ist. Es wird sich wieder und wieder einstellen, später im Leben. Es wird die Lüge nach einem misslungenen Konzert sein, einem vergeudeten Arbeitstag, einer Eroberung, zu der ich kein Recht hatte.
Sich tüchtig zu lügen.
Ja, gerade da, beim letzten Mal im Haus im Wald, war ich der tüchtigste Junge der Klasse. Da schrieb ich mit der rechten Hand. Da gab ich vor, alle Aufgaben zu meistern. Sie hatte es sich so sehr gewünscht, zwei lange Jahre hindurch.
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind, Er hält in den Armen das ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Müh’ und Not, in seinen Armen das Kind war tot.
Ich schrieb Goethes gesamten Erlkönig auf Deutsch ab. Dieser entsetzliche Todesritt. Der Vater, der das, was sein Sohn sieht und hört, nicht sehen und hören kann, während er das kranke Kind auf dem Weg zum Schloss in den Armen hält. Die Unwissenheit des Vaters. Die Ohnmacht. Die starken Arme, die ihm keine Hilfe sind. Er hält den Sohn in den Armen, kann aber dessen Gedanken nicht aufhalten. Seine Sinne. Seine Gefühle. Als das Kind endlich tot war, stand ich auf und zeigte Fräulein Ätschbätsch mein Werk. Sie schlug die Hände zusammen, überwältigt von der Schönschrift, ausgeführt mit den passenden Derwent-Buntstiften. Jeder einzelne Buchstabe hatte seine Farbe bekommen, nicht die von Fräulein Ätschbätsch, sondern meine eigenen. Das meeresblaue A. Das braune B. Das weiße C. Das gelbe D. Das E, noch weißer. Das graubraune F und das stahlblaue G. Das rote A. Das kupferfarbene H. Erlkönig.
»Das ist ja prachtvoll«, sagte sie.
»Ja, es ist ganz hübsch geworden«, gab ich zu.
Alles, was sie nicht wusste. Ich würde jetzt ihre Welt verlassen. Aber anders als das kranke Kind in Goethes Gedicht würde ich weiterleben. Nur alles, was sie mir so energisch beigebracht hatte in diesen beiden Jahren würde ich begraben.
Der Stolz in ihren Augen. »Ja, du warst ein ungewöhnlich tüchtiger Schüler«, sagt sie. »Möge es dir im Leben gut ergehen.« Jetzt wein nicht wieder, denke ich. Wein jetzt bloß nicht. Du hast doch eben erst geweint.
Aber wir weinen nicht, weder sie noch ich. Stattdessen umarmen wir einander. Sie ist so alt und müde. Einen Moment lang denke ich, dass ich im Schatten des Todes stehe.
Dann verlasse ich das Haus im Wald. Sie steht in der Tür und ist die Hexe aus dem Märchen. Erst jetzt, da ich weiß, dass ich sie niemals wiedersehen werde, geht mir auf, dass sie unersetzlich ist. Denn wo gibt es ein Märchen ohne Hexe? Wo gibt es ein Leben ohne Widerstand oder Gegenpole? Wo gibt es eine Gesellschaft ohne Personen, die lehren und helfen wollen? Und wo gibt es Menschen, die sich nicht nach etwas oder jemandem sehnen, um sich davon zu befreien?
34
Ulfs Dachboden. Ich stehle mir eine Scheibe von dem, was »normales Brot« genannt wird. Dazu gute Butter und Salami. Tubenmayonnaise, die auf der Zunge zergeht. Die beiden Freunde und Aktivisten studieren den ersten großen Aufruf gegen den Gemeinsamen Markt. Insgesamt haben 143 Frauen und Männer unterschrieben. Und unter diesen Menschen finden wir die Schriftsteller Johan Borgen, Finn Carling, Tarjei Vesaas und Aksel Sandemose. Außerdem den NRK-Journalisten Rolf Kirkvaag und den Juristen Torstein Eckhoff.
»Natürlich haben sie recht«, sagt Ulf und grinst, während er ein Glas Milch trinkt. »Sie verweisen auf 1814, 1905 und 1940. Ein Volk hat sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Die Entscheidungen wurden uns nicht aufgezwungen wie in alten Feudalzeiten. Sie kamen vom Volk selbst. Natürlich können wir nur, wenn wir unsere politische Freiheit bewahren, die demokratischen Ideen in unserem Bereich sichern und dazu beitragen, dass diese Ideale sich in der Welt durchsetzen. Der Gemeinsame Markt ist eine Totgeburt, so lange er undemokratisch ist und von oben her gelenkt wird.«
»Aber bist du dir da sicher, Ulf?«, fragt Vater. »Geht es nicht auch darum, auf europäischem Boden dauerhaften Frieden zu sichern?« Ulf schüttelt den Kopf. »Aber begreifst du nicht, dass es absolut nicht darum geht, Per? Jedenfalls nicht um Frieden. Es geht um Geld.«
Ach, Vater, denke ich.
Als ob Vater sich immer den schwierigsten Weg aussucht. Den Zweifel. All die schwierigen Fragen.
Ich will mir die leichtesten nehmen.
Aber Vater ist eben so. Wenn er einen Gedanken gedacht hat, muss er zugleich einen anderen Gedanken denken. Später im Leben werde ich begreifen, dass das Dialektik genannt wird. Aber jetzt kommt es mir so vor, als nähme er den schweren grauen Rucksack auf sich, der seine Haltung ganz besonders krumm macht. In der Politik passiert alles so schnell und so langsam zugleich. Plötzlich steht in Dagbladet, als Ende März der Schnee schmilzt, dass in Algerien ein Waffenstillstand unterzeichnet worden ist nach einem Krieg, der sieben Jahre, vier Monate und achtzehn Tage gedauert hat. Zugleich reagiert die OAS mit einer Kriegserklärung an die FLN und startet eine grauenhafte Terrorwelle in Oran und Algier.
Hier können Vater und Ulf nichts ausrichten, denke ich, auch wenn sie auf dem Dachboden sitzen und neue Nein-zu-Atomwaffen-Demonstrationen planen und Pamphlete drucken, die Ulf auf der Straße verteilt oder in Briefkästen steckt. Es ist die Zeit der großen Kundgebungen, und der Gymnasiastenverband von Drammen lädt den Pastor Bjarne Eriksen und den Prediger Åge Samuelsen zu einer Diskussion mit dem Atheisten Arnulf Øverland ein. Vater liebt Øverland. Immer, wenn wir durch den Schlosspark gehen, kommen wir an der gelben Villa vorbei, der Künstlerwohnung, in der er seine großen Gedichte schreibt. »Du sollst das Unrecht, das dich selbst nicht trifft, nicht so wunderbar gut ertragen.« Vaters Lebensmotto. Und Mutter findet, man könnte alles übertreiben. Wie dann, wenn die Landfahrer durch den Melumvei ziehen und ihre Waren ausrufen. Dann holt Vater Butter und Knäckebrot, während Mutter ohnmächtig zusehen muss. Am liebsten würde er diese Leute ins Haus bitten, sie in unseren Betten schlafen lassen, während wir uns im Zelt im Garten zusammenkauern. »Nein«, sagt Mutter. »Nein!« Aber er scheint sie nicht zu hören. Plötzlich sitzen sie alle auf der Treppe, und Vater diskutiert mit ihnen über die großen Weltprobleme. Aber auf dem Podium in Drammen steht Arnulf Øverland vor einem vollbesetzten Saal, vor über tausend Menschen, und draußen vor großen Lautsprechern hören noch viele hundert mehr zu. Wieder hält der Große Dichter, König Olavs einziger Skalde und nächster Nachbar, seinen umfassenden Vortrag: Das Christentum, die zehnte Landplage, der ihm schon 1931 eine Anklage wegen Blasphemie eingebracht hat, doch er wurde freigesprochen, nachdem er sich vor Gericht selbst verteidigt hatte. Diesmal hält er seinen Vortrag begleitet von Halleluja-Rufen. Øverland weiß nicht, welchen Gegner er im Ekstatiker und Jubelprediger Samuelsen hat, der mit seiner ganzen Gemeinde in Drammen aufkreuzt. Halleluja! Während Øverland über den Gottesbegriff Gericht hält, diesen Mann mit »viel Haar, vor allem Bart«, er, der Nase und Mund und Darmkanal hat. Vielleicht auch Geschlechtsorgane? Øverland verbreitet sich über die heiligsten Rituale des Christentums, den Kinderglauben, der uns eingeprügelt wird. Das Abendmahl, zum Beispiel. Dass wir Gottes Leib essen und sein Blut trinken sollen. Øverland nennt das »widerliche, kannibalische Magie«, ein Ritual, das es möglich macht, sich so ungefähr jede Schandtat zu erlauben, wenn man danach zu Gott betet. Wenn man nur glaubt und getauft ist. Øverland steht auf dem Podium und speit seine Verachtung für diese Rituale und Zwangsvorstellungen aus. Seine Sprache ist reich an Konsonanten, schließlich ist er in Kristiansund und in Bergen aufgewachsen. Der alte tuberkulöse Kommunist, der sich nach Stalins Politik in den dreißiger Jahren neu orientieren musste, und der während des Krieges im Gestapo-Hauptquartier in der Møllergate sowie in Grini und Sachsenhausen gesessen hat. Für Øverland ist das Christentum Gefasel. Die Geistlichen können von ihm aus ihren Unfug treiben, aber was ist mit uns anderen? Øverland geht es darum, dass man bei den Gläubigen nicht an die Vernunft appellieren kann. Die Dummheit ist unsterblich. Er meint, dass religiöse Illusionen vor hundert Jahren auch bei ansonsten vernünftigen Menschen verbreitet waren. »Aber jetzt bestehen die Gemeinden vor allem aus verkorksten Eigenbrötlern und Trotteln«, faucht Øverland.
»Halleluja«, ruft Samuelsen. »Halleluja«, stimmt seine Gemeinde ein.
Aber bis auf Weiteres lässt sich Øverland nicht aus dem Konzept bringen. Er bläst zur Attacke gegen die Pantheisten und alle, die »nicht an der christlichen Dogmatik festhalten und sich mit einer Art zusammengerührter Milchsuppe als Privatreligion begnügen, bei der Gott zu einem abstrakten, vagen philosophischen Prinzip degradiert ist, einem flüssigen Gelee, das das gesamte Universum füllt (Gott ist alles!). Aber das hilft den Kindern doch nicht. Die gehen in die Schule, lernen biblische Geschichte und Choräle und Katechismus, und das ruiniert ihren Verstand.« Øverland hat sich jetzt in Rage geredet. Er steht auf dem Podium in Drammen und predigt seinen Atheismus zu fast rhythmischen Hallelujarufen: »Neulich fiel mir ein Vers ein, eine Art Poesie, die ich vor 35 Jahren gelernt habe. Ich erinnere mich seit 35 Jahren daran! Es geht so: ›Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.‹«
Øverland hebt die Hand. »Das habe ich in der Schule gelernt. Mit diesem Wissen sollte ich für das Leben gewappnet sein.«
»Halleluja«, ruft Samuelsen.
»Nein, hört!«, fährt Øverland fort. »Die christliche Vernunft ist in der Entwicklung stehengeblieben, und die natürliche Wissbegierde wurde ermordet. Hand in Hand mit verblendeter Autoritätshörigkeit gehen ein unüberwindlicher Abscheu vor Erkenntnis, eine wahre Angst vor Tatsachen und eine leidenschaftliche Vorliebe für das Vernunftwidrige.«
»Jesus! Jesus Christus!«
»Also reden wir jetzt über die christliche Sexualmoral!«, ruft Øverland. »So gut wie alle Kirchenväter haben erotische Gefühle als sündhaft bezeichnet. Schönheit und Anmut sind Blendwerk des Teufels, und die Frau ist das Einfallstor Satans …«
»Satan! Jesus! Halleluja!«
»Da ist es den perversen Kirchenvätern wirklich gelungen, die Liebe zu besudeln und die Menschen mit einer solchen Sexualangst zu vergiften, dass das Europa des Mittelalters wirkt wie ein gewaltiges Irrenhaus. Und bis in unsere Zeit hinein werden junge Menschen vor Angst halb verrückt, wenn sie ihren Geschlechtstrieb wahrnehmen. Ja, denkt an die jungen Menschen! Freud hat den neurotischen Charakter des Christentums schon längst nachgewiesen. Wir wissen, dass Kinder, die in einem modernen Kulturmilieu aufwachsen, ihre Jugend nicht hinter sich lassen, ohne eine mehr oder weniger neurotische Phase durchzumachen. Das liegt daran, dass das Kind viele Triebe hat, die es nicht ausleben darf und die es durch die Vernunft allein nicht eliminieren kann. Hört ihr!«
Aber das Publikum im Saal hat schon längst jegliche Vernunft über Bord geworfen. Samuelsen hat seine Gitarre hervorgeholt und angefangen zu singen. Der Gesang übertönt Øverland, der immer verbissener auf dem Podium steht und nicht aufgeben will.
»Oh Jesus, der alles in allen erfüllt. Singt mit! Preiset den Herrn! Jesus hat gesagt, dass er bald kommen wird!«
»Halleluja!«
»Er hat mich erlöst! Was kann die Welt denn ohne ihn ausrichten?« Øverland schaut sich verzweifelt um, während Gesang und Hallelujarufe an Stärke zunehmen. »Die neunte Landplage, die Gott über die Menschen geschickt hat, war eine tiefe Finsternis. Sie lag drei Tage über Ägypten. Die zehnte Landplage war eine Finsternis, die sich über ganz Europa und Amerika ausbreitete und nach 1900 Jahren noch immer vorhanden ist.«
»Halleluja!«, wird aus dem Saal zurückgerufen.
Die Kakophonie nimmt zu. Samuelsen steht mit der Gitarre da und fordert alle zum Mitsingen auf. Nun schüttelt Arnulf Øverland den Kopf, sucht seine Papiere zusammen und verlässt das Podium. Er geht mit rhythmischen Schritten zum Ausgang, während der Rest der Versammlung Gott und Jesus mit Erweckungsrufen und spontanen Gesangsausbrüchen preist. Die Klangwelle wächst zu einem gewaltigen Crescendo an.
35
Ohne die Mutter ist er nichts. Bevor sie abends nach einer langen Vorstellung in der Oper mit der Straßenbahn kommt, liegt er auf dem Sofa und behält die Uhr im Auge. Er kennt den Fahrplan auswendig. Wenn sie zu spät kommt, konzentriert er sich auf die nächste Bahn. Wenn sie auch darin nicht sitzt, steigen seine Katastrophenvorstellungen wie eine Flut. Er denkt an damals, als er einen Stein auf die Straßenbahnschienen gelegt hat, in der Hoffnung, die Bahn zum Entgleisen zu bringen. Der Straßenbahnfahrer stieg wortlos aus dem kleinen Raum ganz vorn im Wagen und nahm den Stein mit traurigem Gesicht weg. Er kam sich so dumm vor! Aber jetzt denkt er, dass es vielleicht noch andere Verrückte außer ihm gibt, denen es durchaus zuzutrauen ist, dass sie Steine auf die Straßenbahnschienen legen. Vielleicht wird eines schönen Tages die ganze Røa-Bahn entgleisen und umkippen, mitten auf der Husebybrücke, und dann auf den Boden knallen, während die Fahrgäste auf Feld und Wiese hinausgeschleudert werden, ohne dass die Generäle im Gardelager irgendetwas hören, weil sie gerade mit Kennedy in den USA telefonieren und den Atomkrieg vorbereiten, von dem alle wissen, dass er kommen wird. Die Mutter, sterbend im Gras. An ihrem eigenen Blut erstickt. Ihre Augen. Flehend. Sie bitten um Hilfe. Aber wie kann er helfen? Der Blick wird vage und leer. Er beschwört diesen Augenblick herauf, badet im großen Meer der Angst, das größer ist als der Stille Ozean, bis er dann aufstehen und zum Fenster gehen muss, zur Haltestelle hinüberstarren, sehen, dass die letzte Bahn aus der Stadt kommt. Ein kleines Schluchzen, wenn er ihre schöne Gestalt erblickt. Sie ist noch keine vierzig. Sie könnte sich ein Weißbrot in die Haare stecken. Aber sie hat Locken. Sie und Tante Svanhild sind seine engsten Vertrauten hier im Leben. Er fällt ihr um den Hals, als sie endlich in der Diele steht und kleine Pralinen mitgebracht hat, die ihr die dankbaren Sänger geschenkt haben.
Es ist doch ihre Aufgabe, auf die Sänger aufzupassen, ihnen den Text zuzuflüstern, wenn sie ihn vergessen. Die Mutter sitzt in dem kleinen schwarzen Soufflierkasten. Manchmal darf er im Saal sitzen und sie hören. Und dann würde er am liebsten in die Hände klatschen und bravo rufen.
Immer, wenn in dem großen Saal der Oper das Licht ausgeht, schaut er zu dem riesigen runden Kronleuchter hoch. Im Halbdunkel ist er am schönsten. Die kleine Sekunde, in der alle Farben, die eben noch vorhanden waren, davonlaufen und sich in der Dunkelheit verstecken. Das ist sein Augenblick. Dann kommt der Dirigent, Arvid Fladmoe, der aussieht wie ein Freund von Chruschtschow. Die dunklen Haare. Irgendwie östlich. Eine andere Art von Freundlichkeit. Nicht die anbiedernde amerikanische. Und dann, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, kommt die Ouvertüre. Don Giovanni. Ihm wird innerlich eiskalt. Bald wird er einen Menschen sterben sehen. Der treulose, gemeine Don Giovanni betrügt Donna Elvira, Donna Anna und Zerlina. Der lustige Diener Leporello, der Buch über alle Eroberungen führt und feststellt, dass sein Herr allein in Spanien 1003 Damen verführt hat. Eintausendunddrei! Mille tre! Ingvar Wixell spielt den Schurken, und keine Geringere als Aase Nordmo Løvberg ist Donna Anna. Die Bauerstochter aus Målselv in Troms, die Tante Svanhild und seine Mutter lieben. Die Mutter spricht zudem in allen Pausen mit ihr. »Sie ist schon ein Weltstar«, sagt die Mutter. »Sie hat Wagner in Bayreuth gesungen!« Das klingt alles wunderbar. Aber die seltsamste Geschichte ist die aus dem Krieg, wie der norwegische Generalstab unter Führung von General Otto Ruge den Nordmohof in Troms erreicht, auf der Flucht vor den Deutschen, die von Süden her das Land besetzen. Die schreckliche Geschichte der Blücher, die bei Drøbak versenkt wurde. Die vielen Deutschen, die im eiskalten Aprilwasser um sich schlagen und wie Fliegen sterben. Der kleine Vorsprung, der König und Generälen die Flucht erlaubte, wenn sie sich nicht aus unterschiedlichen Gründen eine Kugel in den Mund schossen. Aber auf Nordmo weiß Hausmutter Sigrid, dass die Gäste dieser Nacht wichtigere Dinge zu tun haben als zu schlafen. Und als der Morgen kommt, bittet sie ihre Tochter Aase, die damals siebzehn ist, sich an die Hausorgel zu setzen. Während Aase die Pedale tritt, singt sie das Lied, von dem er weiß, dass auch seine Mutter es liebt: Die Bitte eines Sängers. Obwohl er noch keine zehn ist, kann er es auswendig: »Herr der Geister, du gebietest über die Schätze, die du mir gabst.« Generäle und Offiziere erwachen. Und obwohl sie nur an den Krieg denken, dringen diese Klänge »in ihre Seelen ein«, wie die Mutter sagt. Sie erzählt ihm diese Geschichte so gern. Wie eine der größten Sängerinnen aller Zeiten entdeckt wurde, da und dort, von Offizieren und Generälen und Kriegern. »Schicken Sie Ihre Tochter nach Oslo und lassen Sie ihr Gesangsunterricht geben«, sagte General Ruge zu Sigrid Nordmo. Und nun steht sie auf der Bühne der norwegischen Oper und singt Donna Annas phantastische Arien.
Danach lungern sein Bruder und er am Bühneneingang herum, der dem Publikumseingang gegenüberliegt. Don Giovanni ist ins Totenreich gestürzt, gleich unter der Bühne der norwegischen Oper. Von dem vielen Rauch, der dabei aufstieg, musste die Mutter niesen. Aber in der Regel kann sie sich zusammenreißen. Jetzt ist die Vorstellung vorüber. Er kann sehen, dass Kim Borg, der den Kommandanten gespielt hat, in einem dicken Wintermantel herauskommt. Seltsam, einen Mörder aus nächster Nähe zu sehen, denkt er. Und wie konnte Borg wie eine Statue dastehen, am Anfang und dann später in der Handlung?




