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»Bravo! Bravo!« Fast ruft er. Auch sein Bruder ruft.
»Man dankt«, sagt Kim Borg auf Schwedisch und lächelt die beiden Jungen an, die dort auf ihre Mutter warten. Da kommen sie alle. Donna Elvira, Zerlina, Don Ottavio und endlich Donna Anna, Aase Nordmo Løvberg persönlich. Sie scherzt mit Don Giovanni, auf den sie erst vor einer Stunde so wütend war.
»Bravo!«, ruft er wieder und hält ihr sein Autogrammheft hin. Alle unterschreiben. Eines Tages werden diese Autogramme ihn zum Millionär machen. Und endlich kommt seine Mutter, auch sie lacht, während der Dirigent Arvid Fladmoe die Arme schwenkt und eine Geschichte aus Trondheim erzählt. Er steht da mit seinem Bruder und kann nicht glauben, dass das möglich ist, dass alle diese Menschen, die so um ihr Leben gekämpft und gespielt und gesungen haben, dass das Glas fast zersprungen ist, jetzt aus dem Allerheiligsten hervorkommen und scherzen und lachen. Er selbst hat noch immer eine Gänsehaut.
Die Welt der Mutter. Die Welt des Vaters. Im Melumvei treffen sich beide. Er weiß, dass die Eltern einander lieben. Er kann es daran sehen, wie sie sich berühren. Ein plötzlicher Kuss. Eine freundliche Bemerkung. Aber die Zeit ist kurz. Und wenn er oben in seinem Zimmer im Bett liegt, hört er die Stimmen, die auf und ab wogen und stärker werden, ehe alles still wird.
Zu still.
36
Kundgebung mitten in Oslo. Ulf ist zur Stelle. Tormod und ich ebenfalls. Seit drei Tagen wird im Parlament über § 93 diskutiert. Der neue Paragraph, der die Regierungsgewalt an internationale Organe übertragen kann, wenn drei Viertel der Abgeordneten das beschließen.
Die erste große Debatte über die EU. Die aber einstweilen Gemeinsamer Markt heißt. Und EWG.
Wir sehen die großen Transparente: »Für die UNO, gegen Blockbildung!«, »Ein unabhängiges Norwegen ist ein starkes Norwegen!«, »Kein Gemeinsamer Markt!«, »Fragt das Volk!«
Aber weder Vater noch Ulf stehen diesmal in der ersten Reihe. Sie stehen am Rand, während sie sich die vielen Reden anhören, die nacheinander gehalten werden. Dort steht Bürgermeister Lars Sulheim, der von den Bauern in Gudbrandsdalen grüßt. Dort steht Oskar Lindberget, der in so wichtigen Fragen eine Volksabstimmung fordert. Der Zimmermann Ragnar Kalheim, ein Gewerkschaftsmann, warnt vor der unwürdigen Blockbildung, die von Moskau, dem Gemeinsamen Markt und Washington angestrebt wird. »Sozialismus auf Norwegisch!«, wird zu seinem wichtigsten Schlagwort. Dann tritt Karl Evang auf. Der Gesundheitsminister. Ich habe heimlich über ihn gelesen. Er hat ein Buch geschrieben, von dem mehr als 120 000 Exemplare im Umlauf sind. Dort sagt er angeblich, Onanie sei gesund. Aber ich weiß nicht, was Onanie ist, und ich will es auch nicht wissen. Ich weiß nur, dass weder Mutter noch Tante Svanhild dieses Wort in den Mund nehmen würden. Evang ist ein Mann, den Vater bewundert, auch wenn er seltsam unsicher wirkt, als er ihm zuhört. Evang lobt die Demonstranten und sagt, sie hätten eine Volksbewegung ins Leben gerufen, die quer zu den alten Trennlinien agiert. Er dankt auch dem Lohn- und Preisminister Gunnar Bøe, dem grundsoliden Politiker aus Bergen, der viele Jahre später als Sowjetspion mit dem Decknamen Mono entlarvt werden wird. Aber noch weiß niemand, dass er zwei Jahre zuvor angeworben worden ist. Seine Hauptaufgabe ist es, über die Entwicklung der NATO-Verteidigungspläne im Westen zu berichten. Als Bezahlung für diese Informationen wird er zwischen Februar 1961 und Februar 1963 mehr als 110 000 norwegische Kronen erhalten. Er wird sich von diesem Geld ein Haus und ein Grundstück kaufen. Er wird in der Debatte über die EWG eine abweichende Meinung vertreten und die Regierung verlassen. Aber das weiß noch niemand an diesem Tag im März, als Vater und Ulf, vertieft in ein leises Gespräch, die Demonstration verlassen. Vater ist ausnahmsweise einmal nicht sicher, ob er auf der Seite der Demonstranten steht. Mehrmals hat er in letzter Zeit darüber gesprochen, dass der Gemeinsame Markt dazu beitragen kann, den Frieden in Europa zu sichern. Ich selbst habe keine Meinung. Das Wichtigste für mich ist im Moment, dass Ende des Monats die Waldorfschule in den neuen Palast in Hovseter ziehen wird.
Es schneit, wie immer Ende März, wenn die Krokusse glauben, der Frühling sei da. »Reingefallen«, sagt Gott und bläst seinen eiskalten Stahlatem über Ostnorwegen. Da stehen wir, die 23 handverlesenen Musikanten, Vertreter eines fernen, aussterbenden Volkes, mit Baskenmützen und roten Schärpen, aber dennoch stolz, als wir von der Straßenbahnhaltestelle in Hovseter losmarschieren zu rhythmischen Schlägen des Trommel-und-Becken-Battaillons. Anton ist bei uns. Seine leise Autorität wird tiefe Spuren hinterlassen. Man muss nicht immer schreien. Aber da steht ja auch noch Bürgermeister Rolf Stranger zusammen mit Angehörigen der Schulleitung. Der Geschäftsführer von Hanssen & Bergh AS, Spezialisten für Arbeitskleidung, Hemden und Sportkleidung. Er ist ein gebildeter Mann mit Hut und Zigarre. Groß und elegant. Ein bisschen wie Onkel Sigurd. Vielleicht wusste er, dass der eigentliche Gründer dieser Schule die Zigarettenfabrik Waldorf Astoria in Stuttgart betrieben und, als Handreichung für die Arbeiter, die Waldorfschule Uhlandshöhe gestiftet hatte. So gesehen, war es die Weiterführung einer soliden Proletarier- und Arbeiterschule, die er jetzt zusammen mit den anderen am Waldrand in Hovseter eröffnete. Die Gegend gefiel mir. Die Flieger, die in den weißen Blocks wohnten. Flyvei. Landingsvei. Luftfartsvei. »Warum nicht Absturzweg und Bombenweg?«, fragte Mads. »Natoweg? Atomversuchsweg? General von Schweinehund-Weg?« Wir machten Witze über die großen Dinge, wir beide. Mads spielte nicht mit in der Kapelle. Er stand da und sah zu, während wir vorübermarschierten und spielten, dass es nur so widerhallte. Vor der Blindenschule standen die Blinden und winkten uns zu. Die Frau des Theaterdirektors, Karin, die die Uniformen entworfen hatte, lief zwischen uns hin und her und passte auf, dass Mützen und Schärpen nicht verrutschten.
Neue Schule. Neue Fenster. Neue Böden. Ein riesiger Eurythmiesaal mit einem alten Bechstein-Flügel, den Klavier-Smith mit seinem sanften Anschlag in Betrieb nahm. Ist man das Beschwerliche jetzt wohl los, überlege ich. Oder wird auf dem Schulhof weiterhin »Uääääh!« gebrüllt? Aber sicher doch. Da sind sie alle. Die mit den seltsamen Gesichtern. Die mit kurzen starren Haaren. Die, über die wir uns lustig machen, ohne dass sie das merken. Die, die uns in Verlegenheit stürzen, wenn sie die Arme um uns schlingen und uns reizende Dinge sagen. Aber das Haus im Wald ist nicht mehr da. Fräulein Ätschbätsch ist nicht mehr da.
Alles hier ist feierlicher. Als wäre die Schule von Helge Sivertsen und dem Kirchen- und Unterrichtsministerium entworfen. Ja, als wäre Einar Gerhardsen persönlich hier gewesen und hätte das Resultat für gut befunden. Der Ministerpräsident mag keine Privatschulen. Er findet sie zutiefst suspekt. Dennoch durften Ledsaak, Lindholm, Borgen & Co bauen. Ich gehe in das neue Klassenzimmer. An der Wand hängen keine Bilder. Nur Ledsaak steht da mit vielsagendem Lächeln und wartet auf uns.
»Ist das nicht schön, Leute? Sollen wir dann mal loslegen?«
Wenn es zu viel wird, klettert er auf den Sprungschanzen nach ganz oben. Es gibt so viele davon. Sie stehen nach der Wintersaison nur da, bleich und schwerfällig am Waldrand. Er liebt den Frühling über alles. Aber der Frühling ist auch so traurig. Das Licht ist scharf. Vielleicht mag er ja doch den Herbst lieber, wenn der Sommer in Dunkelheit versinkt. Er mag den ersten Schneegeruch. Nicht den letzten. Er mag auch den Geruch von nassem Asphalt, der in der Sonne trocknet. Den schmutzigen Geruch von winterlichem Kies, ehe die Kehrwagen kommen. Was er nicht mag, ist zu sehen, wie das Laub im Garten an dem nassen Gras klebt. Bald wird der Vater sagen: »Raus zum Harken, Jungs!« Dann liebt er seine Mutter, die Gärten hasst, Apfelbäume und alles, was verpflichtet. Er fährt mit dem Rad nach Fossumbakkene hinaus, klettert das schwankende Gestell hoch, bis er oben ist. Warum ist er der Einzige auf der Welt, der das hier entdeckt hat? Sprungschanzen müssen im Frühling benutzt werden, im Herbst und im Sommer, wenn es keinen Schnee gibt, wenn keine Skispringer da sind, wenn in der gesamten Anlage keine Menschenseele zu sehen ist. Ganz oben starrt er über die Bahn und weiter zum Sägewerk. Er schaut hoch zum Holmenkollbakken, dem großen, berühmten, der noch einschüchternder wirkt, wenn man ihn schräg von hinten sieht. Dann legt er sich auf die kalten Bretter. Verliert sich in Träumen. Denkt an 101 Dalmatiner, den er zusammen mit Tante Svanhild im Saga-Kino gesehen hat, an ihrem Geburtstag, dem dritten Weihnachtstag. Die 101 Dalmatiner, die von Cruella de Ville bedroht werden, der Frau mit den langen Nägeln. Die sich einen Pelz wünscht. Was an diesem Film hat ihn so stark berührt? Er hat ihn schon mehr als fünfmal gesehen, traut sich aber nicht, das Mads zu erzählen. Er hat eine kindliche Ader. Zeichentrickfilme sind Traumwelten. Er will darin sein. Er hat das Gefühl, Musik zu hören, wenn er oben auf einer Sprungschanze liegt und zum Himmel hochschaut. Dort oben denken alle anderen, dass sie nach unten müssen, in wahnsinnigem Tempo die Schanze hinuntersausen und treffen, sich nach vorn beugen und so elegant wie möglich nach unten kommen, noch dazu an der richtigen Stelle. Sie wissen nicht, wozu Sprungschanzen gut sind. Das hier ist doch eine Festung, denkt er. Und wenn er sich aufrichtet, kann er fast bis nach Hause in den Melumvei schauen. Das Haus, aus dem sie vielleicht bald ausziehen werden, denn das hat der Vater gesagt. Er hasst Veränderung! Gerade jetzt hat er das Gefühl, dass er anwesend ist in seinem Leben. Bei den anderen sieht es nicht so gut aus, beim Vater, der in der großen Frage des Gemeinsamen Marktes schwankt, bei der Mutter, die sich an die französischen Romane von Françoise Sagan verloren hat. Sie hat über Bonjour tristesse gesprochen. Jetzt spricht sie über Lieben Sie Brahms? Er versucht schon lange, herauszufinden, worum es in diesen Filmen geht, und es macht ihm Sorgen, dass sie so melancholisch sind. Einmal fand er im Bücherregal ein Buch, es war die Vorlage zu Bonjour tristesse, hatte auf Norwegisch aber einen anderen Titel. Er war gerade allein im Haus. Allein zu Hause zu sein ist fast wie oben auf einer Sprungschanze zu liegen und in den Himmel zu schauen. Allein das Geräusch des Airedale Terriers Pet, der in regelmäßigen Abständen über den Fußboden im ersten Stock tapst, wo Familie Bruun wohnt. Das Geräusch von Hundepfoten und Krallen, wenn sie auf das Parkett treffen. Er stand vor dem Bücherregal im Wohnzimmer und fing an zu lesen. Nach zwei Seiten konnte er das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Autorin war erst achtzehn, als sie die Geschichte der siebzehn Jahre alten Cécile schrieb, die den Sommer mit ihrem Vater und dessen Freundin an der französischen Riviera verbringt. Der Vater, Raymond, hat offenbar »das Leben ausgekostet«, wie Tante Svanhild sagen würde, und Cécile ist daran gewöhnt, dass er immer neue Frauen anschleppt. Ihre Mutter ist nicht da, ist vielleicht tot. Er versteht diesen Teil der Geschichte nicht ganz. Aber als plötzlich eine andere Frau auftaucht, Anna Larsen, beginnt das Drama. Cécile versucht, Männer im Alter ihres Vaters zu verführen, um zu überspielen, wie jung und unsicher sie sich fühlt. Dann lernt sie Cyril kennen, der nur ein paar Jahre älter ist als sie. Die Beziehung zwischen den beiden wird zur Katastrophe. Das Drama dreht sich allerdings eher um die beiden Frauen, die um Raymonds Gunst wetteifern. Für welche er sich entscheidet, wird auch für Cécile Folgen haben. Schon mitten im Buch ist ihm klar, dass die Geschichte mit dem Tod enden wird. Aber wer wird sich am Ende das Leben nehmen?
Er liest mit großen Augen und bekommt Bauchschmerzen. Genau davor hat er doch Angst, dass im Leben der Eltern eine neue Person auftaucht. Eine gefährliche Person, eine, die sie zum Streiten bringen kann. Sie sind doch so oft unterwegs, und er weiß nicht, was sie dann machen, auch wenn sie sagen, dass sie zur Arbeit müssen. Aber was ist Arbeit? Etwas war seltsam an der Mutter, damals in der Oper. Ihr fröhliches Lachen. Wie oft hatte er das zu Hause im Melumvei gehört? Und der Vater, als ihnen beim Weihnachtsfest im Ingenieursverein seine finnische Freundin begegnet ist. Wurde er da nicht sehr seltsam? Sah nicht auch die Mutter ziemlich verbissen aus? Ein Mensch kann kommen und alles zerstören. Genau davon handelte Bonjour tristesse. Und die Mutter las so eine Geschichte, und dann ging sie ins Kino und sah sich die Geschichte an, mehrere Male sogar. Ihr seltsames Nähkränzchen, mit der Freundin Rigmor, seiner Patentante, die als Sekretärin beim Orchester der Philharmonischen Gesellschaft arbeitete. Und dann die eleganten Namen mit den vornehmen Nachnamen. Biong und Føyn. So einen Nachnamen hätte Tante Svanhild haben müssen, nicht das ziemlich gewöhnliche Svensen. Sie sahen so geheimnisvoll aus, diese Frauen, die zwar kein Weißbrot in den Haaren hatten, aber die immer erst vor kurzer Zeit beim Friseur waren. Sie treffen sich in Villen überall in der Stadt. Er darf nicht einmal an der Tür horchen, wenn sie im Melumvei tagen. Was ist so gefährlich? Haben sie allesamt Liebhaber? Wenn sie laut lachen, lachen sie dann über ihre Männer? Und der Vater bleibt respektvoll auf Distanz, wenn diese Treffen in seinem Haus stattfinden. Dann liegt er meistens im Keller auf dem Rücken und repariert ein undichtes Rohr oder flickt den Kokskoben. Die schwarzen Klumpen, die man nicht anfassen kann, ohne selbst schwarz zu werden. Der Vater kommt nach oben, wenn die Damen gerade gehen wollen. Das ganze Gesicht schwarz vor Koks. Das kreischende Lachen in der Diele. Der Vater sagt, er werde sofort duschen. Dann lachen die Damen noch mehr. Aber ist es nicht ein freundliches Lachen? Auch wenn der Vater lahm und taub ist und ohne Hörapparat nicht zurechtkommt, hat er Glück bei den Frauen. Das ist dem Sohn schon oft aufgefallen. Der Vater und die Schauspielerin Liv Dommersnes auf dem Hof der Huseby Schule. Sie teilten die Wahllisten der Freien Wählergruppen aus. Zwischen den beiden knisterte die Luft. Die berühmte Schauspielerin beugt sich zu den beiden Jungs herunter und sagte: »Wisst ihr überhaupt, was ihr für einen phantastischen Papa habt?« Er hatte das abends der Mutter erzählt, als sie nach Hause kamen. Sie hatte sich offenbar nicht darüber gefreut. Dennoch ist die Mutter ein Mensch, der sich gern freut. Oder nicht? Er liegt oben auf Fossumbakkene und beschwört sie in seinen Gedanken herbei. Die Art, wie sie summend durch die Zimmer geht. Sie summt sogar, wenn sie sich über den Fototisch beugt und retuschiert. Vielleicht hat sie auch gesummt, als sie die nackten Frauen mit Kohle gezeichnet hat? Aber das waren ja nicht nur Frauen. In der anderen Rolle, die sie nur ungern vorzeigt, und die er sich heimlich angesehen hat, als er einmal allein zu Hause war, gab es auch nackte Männer. Sogar einen Neger hatte sie gezeichnet. Einen nackten Neger mit einem Geschlecht von Atombombengröße. Warum hatte sie den zeichnen müssen? Und was hatten sie zueinander gesagt, als er da stand und sich für sie entblößte, und sie da saß, hoffentlich »die Beine überkreuz«, wie es aus irgendeinem seltsamen Grund hieß. Die Mutter und der Neger. Er läuft rot an, wenn er nur daran denkt. Jetzt hat er endlich begriffen, was Leah damit gemeint hatte, dass er einen »stehen« hatte. Was, wenn dem Neger damals plötzlich auch einer gestanden hätte? Was, wenn seine riesige Atombombe direkt auf sie gezeigt hätte, bereit zum Abschuss? Was, wenn sie keine Wahl gehabt hätte? Kann der Vater deshalb manchmal so traurig aussehen, und die Mutter so weit weg wirken, wenn sie vor dem Radio sitzt und sich in der Musik ertränkt, sich weit weg träumt? Es ist sein großer Albtraum, dass die Eltern sich trennen könnten. Das darf nicht passieren. Er ist in diese Familie hineingeboren. In dieses Drama darf jetzt keine Finnin kommen, keine Schauspielerin vom Nationaltheater und kein Neger aus Afrika. Hier sind alle Rollen längst zugeteilt worden.
37
Der Frühling explodiert. Die Bäume blühen. Knallgrünes Gras. Er kann sich nicht daran gewöhnen. In Algerien kommen 200 Menschen ums Leben, als die OAS zu neuen Angriffen übergeht. 15 000 Soldaten der lokalen muslimischen Ordnungstruppen werden nach Algier geschickt, während Oran durch fünfzehn Bataillone von algerischen Artilleristen verstärkt wird. Sie gehören der französischen Armee an, aber sie stehen unter dem Kommando von algerischen Offizieren. Die französische Regierung hat eine Luft- und Bootsbrücke zwischen Algerien und Frankreich eingerichtet. Alle französischen Staatsbürger können jetzt auf Staatskosten nach Frankreich zurückkehren. Sein Vater spricht über alle, die als Flüchtlinge leben müssen, die ihr Zuhause verlassen, auch wenn sie das nicht wollen. Und nun schaltet sich Abel wieder ein. Der Flüchtling aus Schweden, aus Palästina, von Gott weiß woher. Aber wo ist das Motorrad, und wo ist Leah? Stattdessen hält er eine junge blonde Frau an der Hand, die Ähnlichkeit mit Liv Ullmann hat. Er weiß viel über Liv Ullmann. Er hat sie im Theater von Bjørns Vater im Kaukasischen Kreidekreis gesehen.
Aber wo ist Leah?
Abels Blick weicht aus. »Die ist bei ihrer Mutter.«
»Und wo ist das?«
Aber Abel will nicht über Leah sprechen. Jedenfalls nicht heute. Stattdessen will er über die junge Frau sprechen, um die er den Arm gelegt hat. Kristina. Sie lächelt verlegen. Reicht ihnen die Hand, erst dem Vater, dann der Mutter. Lächelt die Jungs an. Leah ist anderswo. Das versetzt ihm einen Stich.
»Und wo ist das Motorrad?«
Abel wirkt noch immer ausweichend. Will ihm nicht ins Gesicht sehen.
»Musste es verkaufen, jetzt, wo wir bald heiraten.«
Die Geschichte wird erzählt, als wir im Wohnzimmer sitzen. Ich sehe Abel an, wie er da auf dem Sofa sitzt und seine neue blonde Freundin begrabscht. Sie ist jedenfalls keine Jüdin. Sie hat in allerlei schwedischen Institutionen Gemüsesuppe gekocht. Abel hat sie in einer dieser furchtbaren Diätanstalten kennengelernt, mit denen Vater dauernd droht, wir sollen dort Urlaub machen, um »unsere Verdauung auf Trab zu bringen«. »Steck dir die Verdauung doch sonstwohin«, murmelt Mutter. Auch sie hat Vaters rohe Zwiebeln gegessen und weiß Bescheid. Da sitzt also Abel und erzählt begeistert von ihren Kochkünsten. Er ist ja total verschossen! Ich rutsche verlegen hin und her. Wird er jetzt auch noch über ihren Körper erzählen? Soll Mutter eine Kohlezeichnung von ihr machen, splitternackt? Nach meinen Albtraumvorstellungen oben auf Fossumbakken ist dieser Besuch vielleicht eine grauenhafte Vorahnung von etwas anderem, das passieren wird, das mich mehr treffen wird als die Tatsache, dass Abel sein Motorrad verkauft hat. Mutters Bruder wurde ja auch von einer fremden Frau getroffen. Sie kam von Nirgendwo und zog in sein Haus ein, eine elegante und temperamentvolle Frau, sie sah aus, als ob sie die Hauptrolle in italienischen Filmen spielte, aber das tat sie doch gar nicht. Stattdessen machte sie Onkel Kjell zu einem glücklichen Vater. Jedenfalls war nichts mehr so wie früher. Und auch jetzt ist alles verändert, da Kristina neben Onkel Abel sitzt und die Schwedische Sünde verkörpert. Die habe ich nämlich gesehen, quicklebendig und in Vierfarbdruck, im Wäldchen unterhalb der neuen Schule, wo ich zusammen mit den schlimmsten Jungs aus der Klasse herumgestanden habe. Die ganze Zeit werde ich zwischen den Braven und den Schlimmen hin und her gerissen. Aber es ist viel witziger, mit den Schlimmen zusammenzusein. In den Pausen rennen sie schreiend mit dem Hockeyschläger durch die Gegend. Sie klettern auf die hohen Bäume, dann fallen sie herunter und brechen sich den Arm oder schlagen sich ein Loch in den Kopf. Sie machen sich an den Autos zu schaffen, die vor den weißen Wohnblocks stehen, und sie brüllen »Uääääh!«, wann immer sie einen Mongoloiden sehen. Einige von ihnen wohnen weit außerhalb der Stadt, in Lambertseter oder so. Aber auch unter ihnen gibt es Millionäre. Einer wird jeden Morgen in einem grünen Jaguar zur Schule gefahren. Ein anderer, ein vielversprechender Eishockeyspieler, wohnt irgendwo bei Galgeberg. Ein Dritter holt zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten seinen Schniedel hervor und zeigt, wie steif der ist. Er steht mit der Schwedischen Sünde im Gebüsch und starrt sie an, zusammen mit uns anderen. Wir wissen nicht, was wir mit dem Bild anfangen sollen. Eine nackte Frau ist dermaßen überwältigend, dass uns ein Gefühl der Ohnmacht überkommt. Ja, was zum Teufel sollen wir denn machen? Einfach hier stehen und gucken? Wir haben offenbar keine andere Wahl. »Scharfe Titten.«
»Ach, seht euch doch bloß den Stachelbeerbusch zwischen den Oberschenkeln an!«
»Das ist die Kusine von meinem Vater!«
»Red kein Blech!«
»Doch. Total sicher. Tatsache. Dieselben glänzenden Lippen. Und Weißbrot in den Haaren.«
Aber es ist Kristina, die am vorletzten Tag im Mai 1962 mit uns im Garten sitzt. Ach, was ist sie schön. Obwohl ich erst ein Jahr alt war, als Ingmar Bergmans Die Zeit mit Monika in die Kinos kam, weiß ich gut, dass Harriet Andersson ihren Badeanzug abstreifte und sich von ihrem Filmliebhaber die Schultern streicheln ließ. Vater hatte eine alte Ausgabe des Time Magazine, in dem über »Sin & Sweden« berichtet wurde. Lange, ehe ich geschlechtsreif werde, weiß ich, dass Schweden das Land der Sexualität ist. Dort wird die Sünde in der Schule durchgenommen. Vielleicht werden auch Pornozeitschriften an die Schüler verteilt. Abel hat viele Jahre in Schweden gelebt. In vielen Zusammenhängen, vielleicht zu vielen, hat er »das Leben dankend angenommen«. Deshalb bekam er das wunderbare Juwel Leah. Und deshalb sitzt er jetzt hier neben der Schwedischen Sünde. Aber zum Glück merke ich, dass Mutter sich ein bisschen distanziert. Sie ist schon einige Male mit Abel aneinandergeraten. Auch, wenn sie nackte Neger zeichnen kann, passt es ihr nicht, dass Abel immer wieder mit seiner Tochter FKK-Treffen besucht. »Es gibt Grenzen«, hat sie zu Vater gesagt. Aber Vater bringt kein böses Wort über Abel über die Lippen. Nur, dass Abel eben Abel ist. Das meine ich ja auch, als ich hier sitze und höre, wie er sich über seine Zukunftspläne verbreitet, er will nach Hallingdal ziehen und sich dort häuslich niederlassen, Lehrer werden, sich von Rohkost ernähren und Kristina Kinder machen. Ein Kind war schon da, in ihrem Bauch. »Zeig mal deinen Bauch, Kristina!«, befiehlt er. Gehorsam entblößt sie ihren Bauch, indem sie die Bluse hochstreift. Der kleine niedliche Nabel. Fast wie Leahs. Die weiße Haut, bei der ich Schlangen im Kreuz und ein Bleigewicht zwischen den Beinen verspüre. Ist sie nicht viel zu jung für ihn? Da sitzt er nun und redet, über die Zukunft, über die Arbeit, über Ernährung. Er stopft sich mit der mitgebrachten Schokolade voll, von der er uns allen auch etwas anbietet. Er füllt allein den kleinen Garten aus. So, wie er das Wohnzimmer füllt, wenn er auf dem Sofa sitzt. Er redet die ganze Zeit. Mutter und Vater sind niemals richtige Gesprächspartner. Es gibt solche Menschen, das werde ich noch lernen. Sie sind der Mittelpunkt des Universums. Sie sind Sonnen und Planeten auf einmal. Wir sind wie Satelliten oder bleiche Monde um seinen Tisch verteilt. Seine schwarzen Locken. Die Brille, die die Augen so groß macht. Die muntere Stimme, die bis nach oben in Randklev zu hören ist. In seiner Welt sind wir alle eine Kulisse. Aber eine wichtige Kulisse. Und weil wir alle ihn lieben, aus verschiedenen und ab und zu unbegreiflichen Gründen, wollen wir, dass er sitzenbleibt, auch mit dieser Liv-Ullmann-Gestalt, die so still und gehorsam neben ihm sitzt. Wir wollen, dass er Abel ist, dass er noch immer auf dem Motorrad in unser Leben kommt, mit Leah auf dem Gepäckträger. Und wenn es doch nicht passiert oder in der Zukunft nicht mehr passieren kann, müssen wir mit dieser Kristina leben, versuchen, sie zu verstehen und sie zu mögen. Sie sagt kein böses Wort. Sie ist ein Engel. Ein schöner schwedischer Engel. Aber sie hat einen Stachelbeerbusch zwischen den Beinen, und nur für den interessiert sich Abel. Was soll ich denken oder meinen.
Wo ich es doch nicht einmal wage, daran zu denken, wie Mutter oder Tante Svanhild da unten aussehen. Es gibt einzelne Gedanken. Aber damit steht noch nicht fest, dass man sie unbedingt denken muss. Sie können in den Bibliotheksregalen stehen. Dort sein, bis zur passenden Gelegenheit. Und das findet Vater wichtig, weil er doch die Bibliothekshochschule besucht hat. Er wirft keine Bücher weg, zu Mutters großer Verzweiflung. Deshalb habe ich Sagan im Bücherregal gefunden. Da gehören Bücher hin, findet Vater. Reisegefährten auf dem Weg durch das Leben. Abel zog ein Buch heraus, und da stand Stachelbeerbusch und Die schwedische Sünde. Aber jetzt, an diesem Tag im Mai, erzählt er von einem weiteren Film, den er gesehen hat, Antonionis La notte. Er erzählt von Mastroianni und Moreau, darüber, wie dieses unglückliche Ehepaar einen sterbenden Freund im Krankenhaus besucht. Der fehlende Kontakt zwischen den beiden, als sie wieder draußen im Leben sind, vor dem Krankenzimmer. Aber der Sterbende scheint auch die sterbende Beziehung zu symbolisieren. Sie, die in den Teil der Stadt zurück will, in dem sie als Jungverheiratete gewohnt haben. Er, der nicht begreift, was sie empfindet oder worüber sie mit ihm zu sprechen versucht. Wie immer fängt Abel an zu lachen, als es wirklich traurig wird. »Eine total zerstörte Ehe!«, sagt er. »Sie haben ihre Beziehung verfaulen lassen! Sie sind zu ihrem eigenen Kompost geworden!«




