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Aber er sah, dass Tante Svanhild traurig war. Sie glaubte den Eltern nicht.
Alles wurde so traurig. Wie 1954, als der Vater die Sonnenfinsternis gesehen hatte. Er selbst hatte offenbar im Kinderwagen gelegen und zugeschaut. Die Vögel, die aufhörten zu singen. Der Vater, der es mit der Angst zu tun bekam. Die Natur, die starb. Etwas starb in ihm, als er sah, dass Tante Svanhild mit den Tränen kämpfte. War es wirklich so schlimm, was er gesagt hatte? Dann musste sie doch einsam sein. Schrecklich einsam.
Und noch hatten sie viele Stunden vor sich. Es war noch lange, bis die Uhr zwölf schlagen würde. Im Radio hörte er Erik Bye »Anna Lovinda« singen.
»Ihr müsstet euch einen Fernseher anschaffen«, sagte Tante Svanhild. »Bald kommt alles im Fernsehen.«
In einem verstohlenen Augenblick ging er in sein Zimmer und machte kein Licht. Die Luna 3 hatte Bilder von der Rückseite des Mondes gemacht. Dort war alles ganz tot. Kein Mensch war zu sehen, auch wenn viele das geglaubt, gehofft, gefürchtet hatten. »Der Mond schüttelte sich wie eine verwundete Schlange«, hatten irgendwelche Mönche gesagt, vor achthundert Jahren, vermutlich, nachdem sie gesehen hatten, wie ein Meteorit mit gewaltiger Kraft auf den Mond auftraf. Die Menschen hatten sich ihr Teil gedacht, Generationen lang. Und noch wusste man nicht, was da oben vor sich ging. Er hatte »Anna Lovinda« im Kopf, als er am Fenster stand und die Straßenlaternen im Melumvei und die Schneewehen anstarrte. Das Liebeslied. Ein Mensch kniet vor einer Frau, die unter einem Kreuz auf einem Friedhof am Meer in der Nähe von Westport an der Küste von Neu-England liegt und zu Staub geworden ist. »Anna … Anna Lovinda.« Im vergangenen Sommer war er mit Münzen in der Tasche bei Hvalstrand durch den Regen gegangen und hatte sich in das Café geschlichen, wo die Musikbox stand. Anna Lovindas Geschichte, wieder und wieder. Die verzaubernde Melodie. Der Text mit dem melancholischen Sog. »Es kommt ein Schiff mit gelöschten Laternen …« Jetzt stand er am Fenster in seinem Zimmer und dachte, er könnte Tante Svanhild heiraten, wenn er etwas älter wäre. Niemand verstand ihn so, wie sie ihn verstand. Er fand auch, dass er sie verstehen konnte. Deshalb war es so traurig, dass er sie verletzt hatte. Die Liebe war grausam. Anna Lovinda war erst 20, als sie am 12. April 1872 starb. Und schon da war sie Witwe gewesen! Ebenezer Hunt, der Kapitän, war im selben Jahr mit seinem Schiff untergegangen, er war fünfundzwanzig Jahre alt. »Ja, schlaf unter Lilien, Anna Lovinda, schlaf süß unter Lilien und Laub. Ein Wanderer hat heute Abend sein Haupt entblößt. Ein Gedanke kniet vor deinem Staub.«
Er hauchte die Fensterscheibe an. Sofort war sie beschlagen. Er schrieb die Buchstaben S und K. Dann zeichnete er um sie herum ein Herz.
In diesem Moment hörte er den Lärm des Feuerwerks.
Er wischte rasch weg, was er geschrieben hatte. Draußen auf der Straße ging ein junges Mädchen vorüber, ganz allein. Woher kam sie? Wohin wollte sie? Und nun hörte er Rufe aus dem Wohnzimmer. »Ketil, jetzt musst du kommen! Du musst kommen, hörst du?«
Die vielen Raketen, die am Himmel barsten, zischten. Es klingt wie Krieg, dachte er.
Die sechziger Jahre hatten begonnen.
3
Albert Camus, über den der Vater schon so viel gesprochen hat, ist mit Francine und den vierzehn Jahre alten Zwillingen in Lourmarin, einer der schönsten Städte Frankreichs, siebzig Kilometer östlich von Avignon. Der letzte Abend mit den alten Francs. Vom ersten Tag des neuen Jahres an wird ein neuer Franc so viel wert sein wie hundert alte. Als Camus das Haus in der Grand’rue de l’Eglise in Lourmarin gesehen hatte, hatte er gesagt: »Das oder keins.« Da hatten er und Francine gemeinsam schon zwanzig Häuser und Bauernhöfe besichtigt. Er musste mehr als neun Millionen alte Francs bezahlen, und der Freund und Poet René Char hatte lakonisch bemerkt: »Bei solchen Gelegenheiten kann ein Nobelpreis nützlich sein.«
Francine war Pianistin und Mathematikerin. Sie lebten auf einem Grundstück, das früher eine Seidenfarm gewesen war. Ein Geruch nach Wachs. Der Garten breitete sich innerhalb einer niedrigen Ummauerung aus, es gab frischgepflanzte Olivenbäume, Rosen und Rosmarin. Nach all den Jahren der Seitensprünge und nachdem herausgekommen war, dass Camus noch immer eine ernsthafte Beziehung zu der in Spanien geborenen Schauspielerin Maria Casarès unterhielt, hatte Francine resigniert. Den letzten Tag der fünfziger Jahre feierten sie auf althergebrachte provençalische Weise mit dreizehn Desserts, inklusive einer Fougasse, Apfelsinen, Feigen, Mandarinen und Mandeln. Camus hatte zu Francine gesagt: »Du bist meine Schwester, du ähnelst mir, aber seine Schwester sollte man nicht heiraten.«
In letzter Zeit, nachdem er mit einer Art Resignation den Nobelpreis entgegengenommen hatte, hatte er sich in einer existenziellen Krise befunden. Nichts von dem, was er früher gedacht und geschrieben hatte, konnte ihm helfen. Seine jahrelange Behauptung, der Welt fehle es an Sinn und Zusammenhang, war nun eine Wahrheit, von der er hart getroffen wurde. Er konnte nicht wie die Hauptperson in La peste handeln, ohne an die persönlichen Konsequenzen zu denken. Das Gefühl der Entfremdung, über das er in irgendeiner Form fast immer schrieb, verstärkte sich in dieser Zeit, in der er noch immer ein konfliktreiches Privatleben mit mehreren unbeendeten Beziehungen hatte, während er vor allem auf dem neuen Grundstück in der Provence sein wollte. »Ich kann nicht lange mit Menschen zusammenleben. Ich brauche ein wenig Einsamkeit, ein Stück Ewigkeit.« Er arbeitete an dem Roman Le premier homme, der erst fünfundvierzig Jahre später veröffentlicht werden sollte. In seinem Tagebuch schreibt er: »Man kann ein Wesen erobern, weil man selbst erobert worden ist. Und es stimmt, dass ich gerade in diesem Augenblick ein Bedürfnis nach der Zusammengehörigkeit mit jemandem hatte, die du mir geschenkt hast. Und das ist der Grund, aus dem dein Verschwinden mich ebenso verletzt hat wie deine Lüge. Noch einmal eine kurze Zeit des Pessimismus, dann darf das Unglück leuchten: Dann werde ich wieder ich selbst sein.«
Der Neffe seines Verlegers, der linksorientierte Hedonist Michel Gallimard, ist mit seiner ganzen Familie mit von der Partie. Janine, Michel und Anne. Sie sind in einem Facel-Vega HK 500 aus Grasse gekommen. Camus hat Bahnfahrkarten gekauft, um zusammen mit Francine und den Zwillingen zurück nach Paris zu reisen, aber Gallimard überredet ihn, einige Tage später mit ihnen zu fahren. Camus hat eine ganz besondere Beziehung zu Gallimards Tochter, und nachdem Camus’ Familie mit der Bahn losgefahren ist, feiern Camus und die Familie Gallimard den achtzehnten Geburtstag der Tochter mit einem Mittagessen im altmodischen Speisesaal des Hotels Ollier. Das neue Jahrzehnt ist jetzt zwei Tage alt. Camus hat eine Schwäche für Gallimards Hang zu Luxus und Genuss. Zugleich hat er in sein Tagebuch geschrieben: »Jahrelang habe ich mir gewünscht, nach der Moral aller anderen zu leben. Ich habe mir Mühe gegeben, wie alle anderen zu leben, allen anderen zu ähneln. Ich habe gesagt, was gesagt werden musste, um zu vereinen, auch wenn ich mich ausgeschlossen fühlte. Und zum Abschluss von allem kam die Katastrophe. Jetzt irre ich zwischen den Trümmern umher. Ich stehe außerhalb des Gesetzes, bin zerrissen, einsam, und das akzeptiere ich, ich habe mich mit meiner Eigenheit und meinen Schwächen abgefunden. Und ich muss eine Wahrheit neu aufbauen – nachdem ich mein ganzes Leben in einer Art Lüge gelebt habe.«
Am folgenden Tag, dem 3. Januar, schaut der 46 Jahre alte Albert Camus, wie Stephen Bayley berichtet, in der Renault-Werkstatt in Lourmarin vorbei, um für den Besitzer ein Exemplar von »L’étranger« zu signieren. Als Widmung schreibt er: »Für M. Baumas, der dazu beigetragen hat, dass ich so oft in das schöne Lourmarin zurückkehren kann.« Dann geht er zurück zu seinem eigenen Haus, wo der Facel-Vega auf ihn und die Familie Gallimard wartet, die ihren Skye Terrier Floc bei sich hat. Er gibt die Hausschlüssel der Haushälterin Suzanne Ginoux, die erkältet ist, und ermahnt sie: »Passen Sie gut auf sich auf. Ich bleibe eine Woche aus, und wir haben noch immer viel zu erledigen.« Camus half ihr immer, wenn sie die Betten machte. »Das ist viel einfacher, wenn man zu zweit ist«, sagte er, und dann erzählte er ihr über seine Mutter und seine Kindheitserinnerungen aus Algerien: »Sie hat hart gearbeitet.«
Der Wagen, in den Camus nun einsteigt, ist schwarz mit beigen Ledersitzen; ein schönes und außergewöhnlich luxuriöses Auto, das den Konkurrenten Citroën DS weit hinter sich gelassen hat. Hier gab es keinen Kunststoff und keinen leichtfertigen Modernismus, sondern Holz und Leder. Und einen aus den USA importierten Chrysler-V-8-Motor, der dieses Modell zum schnellsten Viersitzer auf der Welt machte. Der Wagen war entworfen worden von Jean Daninos, einem Geschäftsmann, der mit dem Verkauf von Kühlschränken und Autowracks ein Vermögen gemacht hatte. Die englische Autorin Jackie Collins sollte viele Jahre später sagen: »Einen Facel-Vegal zu fahren ist, wie phantastischen Sex zu haben. Man wünscht, dass dieser Augenblick nie ein Ende nimmt.« Aber der Konstrukteur des Wagens war sich auch darüber im Klaren, welche Gefahren damit verbunden sind, ein so schnelles Auto zu fahren: »Seien Sie vorsichtig bei hohem Tempo. Halten Sie das Lenkrad mit beiden Händen, wenn Sie nicht gerade schalten müssen. Halten Sie sich so weit wie möglich zur Mitte der Straße. Fahren Sie unten an einem Abhang nicht zu schnell, und drosseln Sie die Geschwindigkeit, wenn Sie oben ankommen, für den Fall, dass dort ein Auto stehengeblieben ist. Suchen Sie keinen anderen Radiosender. Rauchen Sie nicht.«
Niemand weiß, was Michel Gallimard gemacht hat. Wir wissen nur, dass er schnell gefahren ist. Von Lourmarin nach Paris auf der RN7 und der RN5 sind es etwas weniger als achthundert Kilometer. Eine wunderschöne Autofahrt durch Orange, Avignon, Lyon, Macon, Chalon, Beaune, Saulieu, Avallon, Auxerre, Sens und Fontainebleau, bis man dann endlich Paris erreicht hat. Die Reisegesellschaft aß in Orange zu Mittag. Als es auf den Abend zuging, hielten sie bei Paul Blancs Chapeau Fin bei Thoissey, einem Lokal, das einen Umweg verdiente und im Guide Michelin zwei Sterne hatte. Sie beschlossen zudem, dort zu übernachten, nachdem sie Foie Gras, Hühnerfrikassee mit Pilzen und Crêpes Parmentier verzehrt hatten. Camus trug sich nicht ins Gästebuch des Hotels ein, schrieb seinen Namen jedoch auf die obligatorische Registrierkarte. Später sollte Paul Blanc sich erinnern, dass er während der Nacht zwei Facels auf dem Parkplatz gesehen hatte und dass ihm die beunruhigend abgenutzten Reifen des Wagens von Gallimard aufgefallen waren.
Am nächsten Morgen ging die Fahrt nach Paris weiter. Janine Gallimard sollte später erzählen, dass die Reisegesellschaft sich in ein makabres Gespräch über Einbalsamierung verwickelt hatte. Camus meinte, es könne von Vorteil sein, nach dem Tod einbalsamiert zu werden. »Denn dann könnte ich Janine noch immer in ihrem Wohnzimmer Gesellschaft leisten.«
»Quelle horreur«, hatte Madame Gallimard geantwortet, dann begann ihr Mann, noch schneller zu fahren. Worauf Camus von der Rückbank her rief: »He, mein Freund. Hat es hier jemand eilig?«
Sie hielten zum Mittagessen beim Hotel de Paris et de la Poste in Sens, einem weiteren Restaurant mit zwei Michelin-Sternen, das nur noch anderthalb Stunden von der Hauptstadt entfernt lag. Sie aßen extra blutige Blutwurst, Boudins noirs auf Pommes reinette, und tranken eine Flasche Burgunder. Dann ging es weiter über die langen und fast beängstigend geraden Alleen in Richtung Hauptstadt.
Es nieselte jetzt.
Später sollte sich Janine erinnern, dass sie im Augenblick vor dem Unfall kein Geräusch von dem explodierenden Reifen gehört hatte, wohl aber Michels Ausruf »Merde!« Der Wagen geriet sofort ins Schlingern. Ihre Erinnerung setzte wieder ein, als sie zu sich kam, sie saß auf der Straße im Schlamm und rief vergeblich nach Floc, der für immer verschwunden war.
Der Wagen hatte einen Baum getroffen, dann noch einen, dann hatte er sich überschlagen. Später konnten Pressefotografen bezeugen, dass das Auto eine fünfzig Meter lange Schramme in den Asphalt gezogen hatte. In einem Radius von 150 Metern wurden Wrackteile gefunden. Der Chryslermotor lag auf der anderen Straßenseite, vom Rumpf getrennt. Die Uhr im Armaturenbrett war bei 1.55 stehengeblieben. Ein Lastwagenfahrer, der sich als Zeuge meldete, sagte, er sei unmittelbar vor dem Unfall von Gallimard überholt worden. »Die hatten bestimmt über 150 Stundenkilometer drauf.«
Die beiden Frauen, die auf der Rückbank gesessen hatten, waren unverletzt. Camus dagegen war vom Beifahrersitz gegen das Armaturenbrett und danach mit gebrochenem Genick durch das Plexiglasfenster hinten im Wagen geschleudert worden. Er war sofort tot, die Rettungsmannschaft brauchte zwei Stunden, um die Leiche aus dem Wrack zu bergen, nachdem diese mit dem Kopf unter dem Kofferraum gefunden worden war. Michel Gallimard war bei Bewusstsein und fragte: »Bin ich gefahren?« Er starb fünf Tage später an einer Gehirnblutung.
Der Arzt, der den Totenschein unterzeichnete, hieß Marcel Camus. In Camus’ Koffer befanden sich die dicht beschriebenen 144 Seiten des Manuskriptes von Le premier homme, eine Schulübersetzung von Shakespeares Othello und eine französische Übersetzung von Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft. Dazu die unbenutzte Zugfahrkarte nach Paris.
Bei früheren Gelegenheiten hatte Camus oft gesagt: »Die dümmste Art zu sterben ist durch einen Verkehrsunfall.«
Michel Gallimards alter Lehrer, René Etiemble, untersuchte den Unfall sorgfältig und gründlich auf französische Weise und konnte aus den Wartungsprotokollen für den Wagen entnehmen, dass einer der Hinterreifen schon zweimal eine Panne gehabt hatte. Jean Daninos sagte später, er habe Gallimard davor gewarnt, mit diesen offenkundig abgenutzten Reifen zu fahren. Und Etiemble kam zu dem Schluss, sie seien »in einem Sarg gefahren«.
Eine von Camus’ letzten Tagebucheintragungen lautete: »Ich weiß, dass ich alles getan habe, um dich von mir loszulösen. Ich habe mein Leben lang, sobald ein Mensch mir Zuneigung entgegenbrachte, alles getan, damit er sich zurückzog … Aber seitdem bin ich meinerseits allen entglitten, und irgendwie wollte ich, dass mir alle entglitten.«
Der früher so enge Freund und Widersacher Jean-Paul Sartre schrieb im France-Observateur: »Wir hatten es nicht so leicht, wir beide, aber das hat nichts zu bedeuten. Selbst, einander niemals wieder zu begegnen ist nur eine andere Weise des Zusammenlebens.«
4
Er liegt schon lange still da und wartet, hofft, nicht gesehen zu werden. Er liebt seine Eltern. Betet sie beide auf unterschiedliche Weise an. Dennoch weiß er, dass sie einmal begreifen werden, dass dieses Kind, das er mit seinem launischen Körper darstellt, ein Irrtum war, etwas, das sie vergessen konnten, und das sie vielleicht vergaßen, wenn er still genug war, wenn er zu Hause vorsichtig genug die Türen öffnete und schloss, und wenn er nicht mit ihnen darüber sprach, was in der Schule vor sich ging.
Noch hatten sie nicht begriffen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Aber er hat es an den Blicken gemerkt. Die ersten Tage und Monate in der Schule waren ebenso licht gewesen wie die rosa Farbe an den Wänden des Klassenzimmers. Er fuhr jeden Morgen gemeinsam mit seinem Bruder mit der Straßenbahn von Røa nach Smestad. Das waren fünf Haltestellen. Und wenn sie bei dem roten Klinkerbau ausstiegen, traf der Bruder Klassenkameraden, während er zumeist allein den Weg hinunter zu den alten Deutschenbaracken ging, in denen die Schule am Smestaddam untergebracht war. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich irgendjemandem aufzudrängen. Die Unsichtbarkeit, die er zu Hause anstrebte, versuchte er auch im Klassenzimmer zu erobern. Der sein, der sich niemals zeigte. Der niemals gesehen wurde. Das Sicherste war es, allein zu sein. Dann konnte niemand ihm etwas nachweisen.
Der Lehrer schien aus einer anderen Welt geholt worden zu sein. Mild und energisch. Streng, aber nicht gefährlich. Sowie er die Arme hob, wurde es still. Warum war das so, dass der eine den Zauberstab des Gehorsams in Händen hielt, während andere vergeblich gegen eine Wand aus Lärm die Klasse anschrien?
Eines Tages sprach der Lehrer über das Böse. Das hatten wir in uns.
Ja, dachte er, als er da in seiner Schulbank saß. Es war das Böse, das ihn dazu gebracht hatte, die Menschen zu verletzen, die er liebte. Als Tante Svanhild an jenem Abend zur letzten Straßenbahn nach Hause gegangen war, stand er leer und verzweifelt in der Türöffnung und blickte ihr hinterher. Er wollte nicht, dass sie ging. Er wollte ihr hinterherlaufen, die Arme um sie schlingen und rufen, dass er dumm gewesen sei, dass er nicht wisse, was in ihn gefahren war, dass es auf der ganzen Welt keinen Menschen gebe, den er lieber zu Besuch haben wollte als sie.
»Gesteht!«, sagte der Lehrer.
Ja, dachte er. Aber er sagte nichts. Zu gestehen würde auch bedeuten, sich sichtbar zu machen.
»Denn auch wenn ihr Kinder seid, habt ihr gesündigt«, sagte der Lehrer.
Niemand wollte das erste Geständnis ablegen. Draußen war Winter. Der Schnee türmte sich zu Wehen auf, nur nicht auf der Ullernchaussee, wo Salz gestreut worden war und die Autos vorsichtig in braunem Matsch hin und her fuhren.
Er sehnte sich nach Stille.
Aber in dieser Stille hier konnte er es nicht aushalten. Diese Stille war wie das Geräusch von Metallplatten, die sich ineinander bohrten. Sie war der Schrei, den er immer im Traum hörte, ehe er aufwachte.
Er hob die Hand.
»Ja«, sagte der Lehrer, streng und beifällig zugleich.
Er schaute sich um. Diese vielen Gesichter. Dreißig Kinder in seinem Alter. Aber er dachte nie daran, dass sie Kinder waren. Kluge Gesichter. Freundliche. Gemeine. Geruch und Ausdünstungen der vielen Körper. Ungewaschene Kleider und Pullover, die vage nach Parfüm rochen. Die Schlimmsten unter den Jungs, die nach ranzigem Fett und schalem Zigarettenrauch rochen. Die schönsten Mädchen, die nach Pfirsich und Flieder dufteten.
»Ja?«, wiederholte der Lehrer.
Er starrte das unscheinbarste Mädchen an, die mit den glatten blonden Haaren. Die in Huseby wohnte. Die Hübscheste. Die, die nie ein Wort sagte.
Er hatte sie nie angerührt. »Ich hab sie umgestoßen.«
Sie wurde rot, denn er starrte sie noch immer an. »Du warst gemein zu ihr?«
»Ja, ich habe sie umgestoßen. Auf dem Schulhof. Ich tu das nie wieder.«
»Bitte um Entschuldigung«, sagte der Lehrer. »Entschuldigung«, sagte er.
Sie deutete ein Nicken an und schlug die Augen nieder.
»Gut«, sagte der Lehrer. Er war zufrieden. Er setzte den Unterricht fort. Er hörte nicht, dass die Stille weiterging. Sie wuchs und wuchs. Wurde gewaltig. Dann fing sie an zu zittern.
Die Stille zwischen ihm und ihr.
Er glaubte, alle könnten das hören, noch viele Jahre danach. Aber er bekam sie nie.
5
Er hat lesen gelernt, aber er kann nicht schreiben. Er liest Aftenposten, wenn er aus der Schule nach Hause kommt. Dann liest er Dagbladet, wenn der Vater nachmittags mit der Straßenbahn kommt. Er steht am Fenster und sieht zu, wie sein schöner Vater hinkend den Hang von der Haltestelle hochkommt und in den Melumvei einbiegt. Der Vater hat seine braune Tasche bei sich. Darin hat er Graubrot in einer Papiertüte. Und er hat Dagbladet unter dem Arm. Die wogende Bewegung, elegant und unbeholfen zugleich, als sehe man im Kino ein Kamel. Aber wann sieht man im Kino Kamele? In 80 Tagen um die Welt hatte am Zweiten Weihnachtstag im Colosseum-Kino Premiere. Tante Svanhild hat versprochen, dass er und sein Bruder den Film am kommenden Sonntag sehen werden. Er hat den Verdacht, dass sie in David Niven verliebt ist, der die Hauptrolle spielt. Er hat Bilder von David Niven in der Zeitung gesehen. Ja, David Niven passt zu Tante Svanhild. Sie haben sogar eine gewisse Ähnlichkeit. Die verfeinerten Gesichter, auch wenn Tante Svanhild eine ziemlich große Nase hat.
Wann hat er entdeckt, dass die Zeitungen das große Fenster zur Welt sind? Die vielen Bilder. Die Texte, die er liest, obwohl er oft etwas Falsches liest. Darüber wird gelacht, aber niemand ist boshaft. Er weiß, dass er in eine liebe Familie hineingeboren worden ist. Und dennoch hat er diese Angst, wenn die Stimmen seiner Eltern lauter werden. Das ist das schlimmste Geräusch von allen.
Jetzt weiß er, dass Einar Gerhardsen Ministerpräsident ist und Halvard Lange Außenminister. Er weiß die Namen sämtlicher Minister.
Aber er weiß sie nicht mehr, als er sich hinsetzt, um diese Geschichte zu schreiben. Vierundfünfzig Jahre später. Um im Leben allein sein zu können, wird er Kenntnisse brauchen. Er ist gern ein Betrachter. Er hat gesehen, wie gern die Eltern Bücher lesen, wie sie über Literatur sprechen, als sei das Gelesene wirklich. Wenn er Zeitung liest, ist alles wichtig.
Am wichtigsten ist, was in der gefährlichen Zeitung steht. Die heißt Orientering. Sie ist nicht wie die anderen. Es gibt sie nicht jeden Tag. Sie bringt die Nachbarn dazu, den Vater vielsagend anzusehen. Dann begreift er, dass auch der Vater nicht wie alle anderen ist. Das hat er schon im vergangenen Herbst bei den Gemeindewahlen begriffen, als er mit einem Pappschild auf der Brust dastehen durfte. Darauf standen etliche Namen, und keiner hatte etwas mit einer der großen Parteien zu tun. Es war nämlich eine freie Wählerliste, auf der die Schauspielerin Liv Dommersnes ganz weit oben stand. Er versuchte, alles aufzuschnappen, was die Erwachsenen untereinander redeten. Er merkte sich Wörter wie Protest und Alternative. Orientering war eine Alternative. In dieser Zeitschrift wurden die Aktivitäten der Regierung kritisch betrachtet. »Der dritte Standpunkt«, über den sein Vater so oft sprach. Weder rechte Sozialdemokraten noch Kommunisten, weder Moskau noch Washington, sondern eine unabhängige sozialistische Position.
Der Vater war Sozialist.
Aber das sagte er niemandem. Das wäre dumm gewesen. Sozialisten, das klang wie etwas, das man beim Metzger kaufte. »Vier Frikadellen und drei Sozialisten, bitte.«
Stattdessen nutzte er die Zeit zum Zuhören. Für den Versuch, zu verstehen. Und er begriff, dass der große Krieg noch nicht lange zurücklag. Den hatten seine Eltern beide erlebt. Die Deutschen hatten sogar auf die Mutter und die Großmutter geschossen, als die beiden über ein Feld bei Fredrikstad gelaufen waren. Und der Vater hätte durchaus umkommen können, wenn die geplante Sprengung der Brücke über den Sarpefoss nach Plan verlaufen wäre. Viele Jahre später erfuhr er, dass sein Onkel, der liebe Onkel Odd, der am Borgenhaugen Herrenkleidung verkaufte, einer der geheimen Widerstandsgruppen angehört hatte. Erst lange nach seinem Tod ging den anderen auf, was er während des Krieges geleistet hatte. Er hatte kein Wort gesagt. Er hatte versucht, sich unsichtbar zu machen. Ja, wichtig war doch gerade die Unsichtbarkeit!
Das Stichwort war nun NATO. Oder OTAN, wie es komischerweise auf Französisch hieß.
Er fand das witzig und dachte, Französisch müsse eine Sprache sein, bei der Amerikanisch rückwärts gesprochen werde. Sogar sein Vater, der in diesen Jahren so ernst war, musste lachen.
Der Vater war gegen die NATO. Die North Atlantic Treaty Organization. Ein Verteidigungsbündnis gegen den Kommunismus. Eine entsetzliche Vorstellung für die Kapitalisten: Gleichheit und Sicherheit für alle. Solche Gedanken dachte der Vater. Deshalb hatte er Orientering abonniert. Deshalb nahm er seine Söhne mit zur Kommunalwahl. Deshalb vergaß er, dass sie noch Kinder waren. In der Schule hörten sie Märchen über Prinzen und Prinzessinnen. Aber zu Hause war vor allem von Präsidenten und Staatsoberhäuptern die Rede. Sie wussten schon allerlei über die Präsidentschaftswahlen in den USA, wo Nixon und Kennedy wohl von Republikanern und Demokraten als Kandidaten aufgestellt werden würden. Sie wussten, dass es etwas gab, das Hiroshima und Nagasaki hieß, dass Atomwaffen das Schrecklichste waren, das überhaupt existierte. Sie wussten, dass der große Krieg vorüber war. Dennoch befanden sie sich in einem Kalten Krieg. Er konnte diesen Krieg nicht sehen, aber gerade jetzt, mitten im Winter, konnte er ihn spüren. Er fragte sich, ob es auch einen heißen Krieg gab. Könnte das der Krieg zwischen den Eltern sein? Auf diese Frage hatte ihm der Vater keine Antwort gegeben. Der kümmerte sich um den Kalten Krieg. Deshalb beteiligte sich der Vater in regelmäßigen Abständen an Protestmärschen durch die Osloer Innenstadt. Der Vater hatte zudem einen heimlichen Freund in Oslo, ja, sogar mitten in einem Wohnblock. Von außen konnte man nichts sehen. Aber wenn man durch den Torweg kam, sah man einen Hinterhof, und darin stand ein altes Haus. Ein rotes Holzhaus, dem sämtliche Aussicht verbaut worden war. Dort, auf dem Dachboden, wohnte ein Mann.




