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Er hieß Ulf.
Der das hier schreibt, liebte Ulf.
Ulfs kurzsichtige Freundlichkeit. Seine englische Freundin, die so ein seltsames Norwegisch sprach. Die altmodischen Kleider. Das Kneippbrot auf dem Tisch, zusammen mit Marmelade, Butter, der Milchflasche und den ungeheuren Stapeln aus Manuskripten, Büchern, Zeitungen und Kampfschriften. Und die Abziehmaschine! Selbst, als die Kinder- und Jugendredaktion des NRK anfing, für ihre Sendungen verrückte und zerstreute Professoren zu erfinden, konnten sie Ulfs Chaos nicht übertreffen. Weder früher noch später hat er je etwas Ähnliches gesehen.
Es gefiel der Mutter nicht, dass sie Ulf besuchten. Sie mochte Unordnung nicht, und sie mochte nichts, das gefährlich werden könnte. Deshalb kam sie niemals mit zu Ulf. Sie kam auch nie mit zu den obdachlosen Kriegsmatrosen in Mærradalen. Ulf und die Kriegsmatrosen konnten der Grund für einen Streit sein, aber zum Glück passierte das nur selten.
Er war jedenfalls froh darüber, dass er mitkommen durfte.
Erst zu den Kriegsmatrosen mit den vielen Katzenjungen und dem schwarzgebrannten Fusel, der so seltsam roch in dem überwucherten Tal zwischen Huseby und dem Radiumhospital. Der pure Urwald. Pflanzen und Bäume, die aussahen wie Spinnen und Schlangen. Der Geruch nach Harz und etwas Süßlichem, Undefinierbarem. Spinnweben zwischen den Baumstämmen. Dorthin gingen sie, ungefähr jeden zweiten Samstagnachmittag. Der Vater hatte Stullen aus Knäckebrot und Ziegenkäse geschmiert. Er klatschte extra viel Butter darauf, denn er meinte, die Männer brauchten mehr Fett auf den Rippen.
Der Sohn stand in der Küche, sah zu und lernte.
Er hatte bereits eine kleine Fettschicht um den Bauch. Eine dünne Fettlage auf den Hüften. Etwas dickere Oberschenkel als alle anderen. Eine etwas größere Brust.
Vielleicht wurde das seine liebste Kindheitserinnerung. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Bei etwas dabeizusein, das sonst niemand tat. Zuerst mussten sie vorbei am Husebylager, wo die Gardisten untergebracht waren und wo sich die Armee in unterirdischen Höhlen versteckte. Ganz weit hinten saß der Verteidigungsminister Nils Kristoffer Handal an einem riesigen Schreibtisch mit Löschpapier, Füllfederhaltern, einer grünen Lampe und einem Telefon mit direkter Verbindung zu Eisenhower in Washington und zu den Festspielen in Bergen, zu deren Gründern er fast zehn Jahre zuvor gehört hatte. Das wüssten alle, behauptete die Mutter. Er wusste auch, dass es im Lager ein Schwimmbecken gab, das Menschen ohne Gewehr während der Sommermonate benutzen durften. Sein Vater hatte in letzter Zeit mehrmals gesagt, im Juni werde er seinen Sohn mitnehmen, damit der endlich schwimmen lernen könnte.
Erst wenn das riesige Militärlager hinter ihnen lag, konnten sie nach Mærradalen hin abbiegen. Die engen Pfade hinunter zum Lager der Obdachlosen. Mit einer Katze auf dem Schoß vor der dünnen Bretterwand. Die freundlichen Penner, die dicke Klumpen in einen Zinkeimer spuckten. Die runzligen Gesichter mit den Bartstoppeln und den verfilzten Haaren. Funkelnde braune und blaue Augen. Das Lächeln, das trotzdem so rätselhaft war. Die plötzlichen Tränen. Gedanken, die formuliert, freigelassen und beantwortet werden wollten. Sardinenbüchsen. Rentierklopse. Vaters Knäckebrot. Die Erwachsenen redeten miteinander. Und er setzte sich in eine Ecke und phantasierte. Hörte zu, was die anderen sagten. Ihre Wörter waren ungefährlich. Freundlich. Es ging um Hosen, Hemden, Reisig und Heizöfen. Alte Geschichten aus den Tagen des Krieges. Einige waren torpediert worden. Das war offenbar nicht so lustig. Vor allem einer, der Freundlichste, der die schönsten Katzen hatte, brach in Tränen aus, sobald er darüber redete. Dann musste sich der Vater zu ihm beugen, ihn in den Arm nehmen und ihm die Haare streicheln wie einem kleinen Kind.
»Ich habe Angst, dass es wieder Krieg gibt«, schluchzte der Mann und putzte sich die Nase mit einem schmutzigen gelben Taschentuch, das von altem Rotz ganz starr war.
»Wir werden alles tun, um das zu verhindern«, sagte der Vater ernst.
Danach fuhren sie mit der U-Bahn zu Ulf. Stiegen am Valkyrien plass aus. An dieser kleinen Haltestelle unter dem Bogstadvei, wo niemals viele Leute waren. Er fand es dort ein bisschen unheimlich und griff nach der Hand seines Vaters, wenn sie die Treppen hoch und hinaus ins Nachmittagslicht gingen. Die stillen vornehmen Straßen mit den vielen Fischgeschäften auf dem Weg zu Ulf. Ulf wohnte nicht weit von Tante Svanhild, aber Tante Svanhild wusste nichts von Ulf, und das war sicher auch besser so. Ulf saß nachmittags nicht mit übereinandergeschlagenen Beinen da, trank Sherry und rauchte Ascot. Ulf saß vor seinen Papieren, Büchern und Kampfschriften und schaute den Vater aus zusammengekniffenen Augen an, während er neue Angriffe auf das Weltkapital plante, auf das riesige kranke Tier, das im Verteidigungsministerium der USA hauste. NATO gegen Warschauer Pakt. Es war dann, als ob er mit dem Bruder spielte und sie auf dem Küchenboden mit ihren Brotformen zusammenstießen. Straßenbahn spielen war nicht ungefährlich. Es war ebenso riskant wie NATO und Warschauer Pakt. Eines Tages könnte es knallen. Und es machte ihm Sorgen, dass sein Vater sich vor fast allem so sehr fürchtete. Bei Ulf war das anders. Der schien das alles fast witzig zu finden. Die Vorstellung der vielen Demonstrationen und Protestmärsche, die sie organisieren würden. Die Artikel, die sie schreiben würden. An diesem Tag sprachen sie über den gemeinsamen Markt, die EFTA, das soeben unterzeichnete Freihandelsabkommen. Eine Hoffnung für das neue Europa, sagte der Vater, und Ulf nickte zustimmend. Die EWG war schon gegründet worden, zwei Jahre zuvor durch den Vertrag von Rom. Und jetzt würden sich Norwegen, Schweden, Dänemark, Großbritannien, die Schweiz, Österreich und Portugal zusammentun, um ihre Beziehungen untereinander zu stärken. Weder der Vater noch Ulf interessierte sich für die Handelspolitik an sich, sondern für die zugrundeliegende Vision: »Nie wieder Krieg auf europäischem Boden.«
Ihm fiel auf, wie die beiden Männer sich beim Reden gegenseitig anstachelten. Es konnte dort oben auf dem Dachboden eine aufgeheizte, fast revolutionäre Stimmung entstehen, ab und zu kamen Personen dazu, die lange, dicke und verschmutzte Mäntel trugen und sich am Gespräch beteiligten. Sie sahen aus wie Deserteure oder wie Angestellte der Norwegischen Eisenbahn. Und alle trugen eine Brille. Er hatte schon längst begriffen, dass man eine Brille brauchte, wenn man sich Revolutionär nennen wollte. Ulf hatte eine Brille, jedenfalls zum Lesen. Der Vater hatte zum Glück keine. Also war er kein Revolutionär. Das beruhigte ihn. Er hatte die Demonstrationen, bei denen erwachsene Menschen Schlagwörter riefen und einander mit den Fäusten drohten, nie gemocht.
Manchmal packte der Vater auch für Ulf Knäckebrot mit Butter und Ziegenkäse ein. Dann begriff er, dass Ulf nicht im Geld schwamm, aber das tat sein Vater ja auch nicht.
Langsam ging ihm auf, dass sein Vater ein überaus gütiger Mann war.
6
Der seltsame General Charles de Gaulle lässt zur gewaltigen Verzweiflung und Verärgerung des Vaters in der Sahara eine Plutoniumbombe zünden, und Frankreich wird die vierte Atommacht auf der Welt. »Hurra für Frankreich«, schreibt der General in einem Telegramm an Atomminister Pierre Guillaumat.
»Was für eine Schande«, sagt Vater.
»Dass die wirklich einen eigenen Atomminister haben«, sage ich. Aber Vater hört nicht zu. Er zieht seinen Mantel an und sagt zu Mutter, er gehe jetzt zu Ulf.
»Heute schon wieder?«
»Ja«, sagt Vater. In solchen Situationen kann er energisch sein.
Ich finde es verwirrend, dass sich nach einem dermaßen schwerwiegenden Ereignis die ganze Welt auf ein Kaff in der Sierra Nevada in Kalifornien namens Squaw Valley konzentriert, wo zwei Wochen lang Ski- und Schlittschuhlaufen angesagt sind. Sogar Vater interessiert sich dafür, klebt am Radio und notiert Rundenzeiten. Tormod und ich sind selbsternannte Sekundanten. Die gesamten Olympischen Winterspiele sind wie ein Schlussverkauf von Sieg und Niederlage. In der Zeitung sehe ich ein Bild des Eislaufstadions, in dem Roald Aas und Knut Johannesen, der Kupper’n genannt wird, ihre Triumphe feiern werden. Der Boden dort ist nicht flach. Es gibt mitten auf der Bahn eine Art Berg, oder vielleicht eine Schneewehe. Doch dann kommt Håkon Brusveen aus Vingrom bei Lillehammer. Er sollte eigentlich gar nicht dabei sein, denn er war nicht gut genug. Aber dann rief der Journalist Sverre Fodstad von Aftenposten im Schloss an und König Olav sagte: »Ich sehe es gern, dass Brusveen mit nach Squaw Valley fährt.« Brusveen gewinnt die fünfzehn Kilometer vor Jernberg und Hakulinen. Als einige Tage darauf der Staffellauf beginnt, ist es in Norwegen Abend, und alle sitzen nägelkauend vor dem Radio. Brusveen soll die letzten Etappen übernehmen. Grønningen, Brenden und Østby haben für einen soliden norwegischen Vorsprung gesorgt, als der Junge aus Vingrom die Loipe betritt. Zu diesem Zeitpunkt will die gesamte norwegische Bevölkerung, inklusive uns dreien, die wir zu Hause in Røa vor dem Radio sitzen, dass die Nation eine weitere Goldmedaille einheimst. »Hurra für Norwegen!« Aber Brusveen ist nicht gut genug. Er wird von Hakulinen mit weniger als einer Sekunde geschlagen, und hätte man das Stöhnen hören können, das an diesem Abend in allen Mietskasernen, Einfamilienhäusern, Bauernhöfen und Waldhütten erklang, dann hätte das einen gewaltigen Krach ergeben, wie niemand ihn je zuvor vernommen hatte. Diese Vorstellung faszinierte mich. Alle verließen ihre Radios und waren sauer.
Wozu sollte Sport gut sein? Hatte es irgendeine Bedeutung, dass wir bei den Damen keine einzige Medaille holten? Wurde das Leben leichter, weil Carol Heiss aus den USA die Goldmedaille im Eiskunstlauf bekam?
Kupper’n stellte auf zehntausend Metern den Weltrekord auf. 15.46.6. Der schwedische Kommentator Sven Låftman rief begeistert: »Kupper’ns fabelhafter Rekord wird vermutlich in alle Ewigkeit gelten. Jedenfalls wird er in den kommenden fünfzig Jahren wohl kaum bedroht werden.«
»Vielleicht stimmt das«, sagte ein Junge aus der Klasse.
Aber schon drei Jahre später übertraf Jonny Nilsson Kupper’ns Rekord in Karuizawa um über dreizehn Sekunden. Damals dachte ich zum ersten Mal, dass Sport niemals Macht über mich haben sollte und dass ich niemals in den Zeitungen die Sportkommentare lesen würde.
Das widerliche Gefühl der Leere, wenn es vorüber war. Die traurige Stimmung gegen Ende einer Eislaufmeisterschaft, wenn der Sieger längst gesiegt hatte und alle Verlierer um die zweitschlechteste Zeit über zehntausend Meter kämpften. Das tat mir in der Seele weh.
Um uns zu trösten, ging Vater mit uns hinaus in die Sternennacht. Sein Vertrauen zum Universum war unendlich. Er zeigte auf die Sterne. Der Triumph der Natur über die Torheit der Menschen.
Deshalb hatte er solche Angst vor der Atombombe. Konnte sie die Natur herausfordern mit ihren ungeahnten Kräften? Konnte sie die Zivilisation auslöschen? China hatte bereits einen Wasserstoffbombentest angekündigt. Nicht nur Vater hatte jetzt Angst. In allen Zeitungen gab es Interviews mit Menschen, die sich zu Protestaktionen versammelt hatten. Helge Seip sagte in der Sendung En verden (Eine Welt): »Die Atomversuche in der Sahara waren ein unheilvolles Vorzeichen. Immer mehr Nationen können jetzt Atombomben herstellen. Deshalb müssen wir gegen diese Entwicklung protestieren. Es ist lebensgefährlich, das nicht zu tun.«
Tormod und ich standen mäuschenstill da und starrten gemeinsam mit Vater zu den Sternen hoch.
Mutter saß im Wohnzimmer und retuschierte Familienporträts für Fotograf Wickman.
Irgendwer musste ja schließlich Geld verdienen.
7
Der fast neununddreißig Jahre alte Caryl Chessman erwacht in seiner Todeszelle, Zelle Nr. 2455 im San Quentin State Prison, diesem gewaltigen Gefängnis auf dem Nordufer der San Francisco Bay in Kalilfornien, das sich über ein fast zwei Quadratkilometer großes Gelände erstreckt.
Es ist der 2. Mai 1960.
Chessman ist nicht allein. Mehr als dreitausend Häftlinge sind mit ihm eingesperrt, und an die zweitausend Menschen haben ihre Arbeit innerhalb der Gefängnismauern.
Zu Hause engagiert sich Vater schon seit vielen Jahren für Chessman. Wenige Dinge empören ihn mehr als die Todesstrafe. Er kann es nicht fassen, dass eine zivilisierte Nation wie die USA diese makabre Handlung noch immer nicht eingestellt hat. Er sprach über Chessman, als wir einige Monate zuvor bei Grini auf unserer letzten Skitour waren. Ich erinnere mich an den flammenden Sonnenuntergang, daran, wie die Welt dunkler wurde, während Vater von dem Gefangenen erzählte, der auf der anderen Seite des Erdballs in der Todeszelle saß.
Chessman weiß, dass seine Hinrichtung an diesem Morgen auf 10.00 Uhr anberaumt ist. Wenn er überhaupt geschlafen hat, dann nur wenige Stunden. Das Schlafbedürfnis ist nicht ganz so stark, wenn man weiß, dass man am nächsten Morgen vielleicht sterben wird.
Aber Chessman hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Er ist jetzt zum neunten Mal der »Dead man walking«. Er wurde schon acht Mal von seiner Zelle in den Raum gleich neben der Gaskammer verlegt. Oft kam die Begnadigung erst wenige Stunden, bevor die Hinrichtung stattfinden sollte, eine Hinrichtung durch Zyanid in der berüchtigten Gaskammer. Jetzt weiß er, dass sich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf San Quentin richtet. Autoren wie Aldous Huxley, Norman Mailer und Ray Bradbury engagieren sich für ihn und haben an den kalifornischen Gouverneur Pat Brown appelliert. Sogar Eleanor Roosevelt hat inständig um Begnadigung gebeten. Chessman hat niemanden getötet. Er hat niemals gestanden, wofür er verurteilt worden ist: dass er vor zwölf Jahren Mary Alice Meza und Regina Johnson zur Fellatio gezwungen hat. Die zweiundzwanzig Jahre alte Johnson wurde von ihrem Wagen 22 Fuß zum Ort des Verbrechers geschleift. Die siebzehn Jahre alte Meza wurde noch weiter gezerrt, und laut Paragraph 209 im kalifornischen Strafgesetzbuch, das sich an das Little Lindbergh Law anlehnt, galt dies als Entführung, und darauf stand die Todesstrafe. Chessman wurde nicht wegen der eigentlichen sexuellen Handlung verurteilt, denn die war nicht mit Todesstrafe belegt, sondern weil er die beiden Frauen weiter als 20 Fuß von ihren Autos weggezwungen hatte.
Entführung.
Chessman stritt von Anfang an ab, mit diesen Dingen etwas zu tun zu haben. Er lehnte das Angebot eines Verteidigers ab. Das war eine schicksalhafte Entscheidung. Aber er war so sicher, dass die Jury seine Unschuld erkennen würde, dass er das Opfer einer Verwechslung war, dass er gefoltert worden war, dass die Anklagebehörden ihn mit Verbrechen im Rotlichtbezirk in Verbindung bringen wollten. Keine der Frauen konnte ihn als den Täter identifizieren. Sie erzählten von einem Mann, der sie zuerst vaginal hatte vergewaltigen wollen, der sie nach einigen Verhandlungen dann aber zu Fellatio zwang, die ohne körperliche Verletzungen, aber um einen hohen psychischen Preis ausgeführt wurde. Chessman behauptete während der Vernehmungen, den wahren Täter zu kennen, dessen Identität jedoch nicht verraten zu wollen. Der Prozess entwickelte sich zu einer juristischen Farce, als der Stenograph starb, bevor auch nur ein Drittel der Gerichtsprotokolle ausgeschrieben worden waren. Diese Arbeit wurde dann von einem stark alkoholisierten Verwandten des Staatsanwaltes übernommen, ohne dass Chessman zugestimmt hätte. Jury und Gericht gegenüber konnte dieser Verwandte für seine Arbeit kaum Rede und Antwort stehen. Chessman wurde von mehreren Seiten juristische Hilfe angeboten, er jedoch sagte »meine Seele ist nicht zu verkaufen«. Er bezichtigte den Bundesstaat Kalifornien eines konspirativen Angriffs mit dem Ziel, irgendeinen Kriminellen aus San Franciscos Rotlichtbezirk als Schuldigen dastehen zu lassen, weil die Polizei diesen Bezirk nicht in den Griff bekam. Er gab zu, ein Verbrecher zu sein, der mehrere Überfälle ausgeführt hatte, er sei jedoch nicht der »Red Light-Bandit«, der Frauen zu sexuellen Handlungen zwang.
Dass er allerdings Polizei und Staatsanwaltschaft angriff und anklagte, wie es niemand zuvor getan hatte, brachte ihm die strengstmögliche Strafe ein: Die Gaskammer im San Quentin State Prison. Strafgrund: Kidnapping.
Das Urteil war im Juli 1948 gefallen. Chessman saß seit elf Jahren und zehn Monaten in der Todeszelle. So viel Zeit hatte noch kein zum Tode Verurteilter in der Death Row zugebracht.
Chessman nutzte diese Zeit, um mehrere Bücher zu schreiben. Er war ein ungewöhnlich guter Autor. Die gelbe Taschenbuchausgabe von Todeszelle 2455 stand schon seit vielen Jahren im Bücherregal meiner Eltern, zusammen mit Mein Kampf ums Leben. Ich hatte beide heimlich gelesen, obwohl Vater mir das verboten hatte. Aber sowie ich gelernt hatte, mehrere Sätze auf einmal zu begreifen, konnte ich mit großen Augen lesen: »Es ist hart, dem Tod ins Auge zu blicken. Der Tod ist ein seltsames Gefühl, etwas, das deinen Unterleib zusammenpresst, das in dich hineinkriecht und dich lähmt. Der Tod ist zu groß, um begriffen zu werden.« Chessman schrieb über Big Red, der in Zelle 2439 gesessen hatte, unter der Anklage, einen anderen Häftling totgeschlagen zu haben, nachdem er verhaftet worden war, weil er seine Frau bedroht hatte. Er war überzeugt, dass sie fremdging, dass sie daran schuld sei, dass ihre einzige Tochter in ein Kinderheim gesteckt worden war. Um 10.02 Uhr am 30. Oktober 1952 saß er auf dem Stuhl in der Gaskammer. Ein Wächter klopfte ihm auf den Rücken und sagte: »Viel Glück.« Chessman beschreibt sein Gesicht als eine ausdruckslose Maske. Der Gefängnisdirektor gibt dem Henker das Zeichen. Der Henker zieht an den Hebeln. Big Red kann das leise Plop-plop der tödlichen Zyanidkapseln hören, die in den Säurebehälter am Fußende des Stuhls fallen. Die chemische Reaktion setzt sofort ein: Das Blausäure-Gas steigt hoch und hüllt ihn in einen unsichtbaren Nebel. Big Red schnuppert in der Luft herum. Seine Nasenflügel zittern beim Kontakt mit dem widerlich süßen Pfirsichgeruch. Er schluckt eine Handvoll dieser tödlichen Dämpfe. In seinem Kopf dreht sich alles. Alles ist nur noch Nebel. Sein Bewusstsein ist schon weit in die ewige Finsternis gewandert. Er reißt verzweifelt an den Riemen. Seine Augen erstarren. Sie können nichts mehr erkennen. Der Kopf kippt grotesk vornüber. Sein Absturz in den schwarzen bodenlosen Abgrund hat begonnen. Er braucht zehn Minuten, um zu sterben. Sein Körper windet sich in Krämpfen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Sein Herz rast, pocht wie ein Dampfhammer. Dann schlägt es langsamer, langsamer und langsamer – bis es ganz aufhört. Chessman schreibt über die Zeugen, die danach in den strahlend sonnigen Spätsommernachmittag hinauswandeln. Er schreibt über die Apparate, die noch immer dröhnen, die riesigen Pumpvorrichtungen, die das Giftgas durch ein langes Rohr aus der Kammer ziehen und es hoch über dem Gefängnisgebäude in die Luft entlassen. Die kleine schelmische Meeresbrise trägt einige Moleküle des Gases in den Todesgang zu den anderen zum Tode Verurteilten. Noch länger als eine Stunde, nachdem er für tot erklärt worden ist, sitzt Big Red leblos auf dem Stuhl. Dann werden Riemen und Fesseln gelöst und der Hingerichtete wird in die Leichenhalle des Gefängnisses gebracht.
Später sollten Zeugen berichten, Chessman sei an jenem Maimorgen guten Mutes gewesen. Er war sicher, dass auch diesmal in letzter Sekunde eine Begnadigung kommen würde. Er hatte die »letzte Nacht« schon mehrmals erlebt. Die Nacht, in der die Wärter so weit wie möglich die Wünsche des Häftlings erfüllen müssen. Er kann sich Sendungen in einem vor der Zelle aufgestellten Radioapparat oder auch seine Lieblingsschallplatten anhören. Er bekommt so viel Tabak, wie er sich wünscht, und darf die ganze Zeit glühend heißen, frisch aufgebrühten Kaffee trinken. Ihm wird die traditionelle Henkersmahlzeit angeboten. Er darf lesen, was er will, und schreiben, an wen er will. Er kann sogar Besuch von einem Geistlichen bekommen und mit diesem für sein Seelenheil beten.
Aber dann kommt der Morgen.
Einige Minuten vor zehn wird Chessman aus dem Wartezimmer geholt und in die kleine isolierte Gaskammer mit der ovalen grünen Tür, die vage an ein U-Boot erinnert, geführt. Chessman weiß genau, was jetzt passieren wird. Er weiß, dass das Zyanidgas die Fähigkeit des Körpers zur Verarbeitung von Hämoglobin im Blut zerstören wird. Er weiß, dass diese Methode von den Deutschen zur Ermordung von Juden angewandt wurde. Er weiß, dass man heftige Krämpfe bekommt, wenn man versucht, den Atem anzuhalten.
Chessman sitzt angeschnallt auf dem Stuhl in der Gaskammer, als die Tür geschlossen wird. Die letzten Worte. Was sagt er eigentlich? Die hilflosen Wärter kennen ihn seit mehr als zehn Jahren. Sie haben ihn liebgewonnen und respektieren ihn. Was sagt man zu einem Menschen, der sterben wird? Gute Reise? Viel Glück? Durch kleine Fenster können ausgewählte Personen die Hinrichtung beobachten. Vertreter der beiden Frauen sind anwesend. Chessman weiß nicht, welches Drama sich abspielt, als die Kapsel um 10.03 Uhr platzt und das giftige Gas den Stuhl hochsteigt. Die Verteidiger, von denen Chessman dann doch begriffen hatte, dass er sie brauchte, die die ganze Zeit für eine Wiederaufnahme des Falles gekämpft haben, erlangen von Richter Louis E. Goodman diese Zustimmung, während Chessman schon in der Gaskammer sitzt. Als der Richter auf die Uhr schaut, ist ihm klar, dass es hier um Sekunden geht, und er bittet seine Sekretärin, sofort in San Quentin anzurufen und mitzuteilen, dass die Hinrichtung auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. Die Sekretärin ist so nervös, dass sie nicht alle fünf Ziffern der Nummer wählt. Sie wählt nur vier und entdeckt ihren Irrtum erst eine Minute später, als sie keinen Kontakt zum Gefängnis bekommt. Als sie endlich die richtige Nummer gewählt hat, ruft sie aufgeregt, die Hinrichtung sei aufgeschoben. Aber der Gefängnisbeamte, der, während er telefoniert, in die Kammer blicken kann, in der Chessman sitzt, sagt, es sei zu spät. »Die Hinrichtung läuft bereits. Wir können die Tür nicht öffnen und Chessman herausholen, ohne das Leben der anderen aufs Spiel zu setzen.«
Als das Gift endlich durch die Ventilationsanlage der Gaskammer abgezogen ist und die ovale Tür geöffnet werden kann, sitzt der angeschnallte Chessman mit vornübergekipptem Kopf leblos auf dem Stuhl.
Vater stand fast unter Schock. Mutter ebenfalls. Vielleicht bedeutete es für Vater etwas ganz Besonderes, dass er und Chessman gleichalt waren. Er sagte, dass er sich mit ihm identifizierte, nachdem er die Bücher des Todeskandidaten gelesen hatte. Der Mut, den Chessman angesichts der Übermacht zeigte, seine Gewissheit, dass Gerechtigkeit und Vernunft siegen würden, hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
Vater behandelte uns nicht mehr wie Kinder. Das machte nichts. Von nun an sprach er zu uns so, wie er zu Mutter sprach. Wir hörten zu.
Oft hing sein Blick am Horizont in der Ferne, auch wenn er durch das Fenster nur den Rasen und die Johannisbeersträucher auf der anderen Seite des Melumvei sehen konnte.
Etwas machte ihm zu schaffen.
Vater war nicht mehr wie früher.
8
Der US-amerikanische Oberst und Flieger Marty Knutson trifft in geheimer Mission in Bodø ein. Der große Flugplatz liegt am offenen Meer und ist für die Amerikaner strategisch wichtig. Hektische militärische Aktivitäten gehen hier vor sich. Nordnorwegen ist nach den Verwüstungen des Krieges wieder auf die Beine gekommen. Allein in Finnmark ist mehr als eine Million Quadratmeter neue Wohnfläche gebaut worden. Weiter die Küste hinab bis tief nach Troms hinein muss die Lokalbevölkerung feststellen, wie die Armee dem Landesteil ihren Stempel aufdrückt. Auf Andøya wird eine Raketenabschussanlage gebaut, und Gerüchte wollen wissen, dass innerhalb von zwei Jahren eine Forschungsrakete namens Ferdinand gezündet werden soll. Aber kann man wirklich sicher sein, dass diese Rakete einfach nur die polare Ionosphäre studieren wird? Und warum halten sich in Bardufoss plötzlich so viele Amerikaner auf?
Marty Knutson ist nicht allein gekommen. Flugzeuge, die nichts mit der norwegischen Luftwaffe zu tun haben können, starten und landen. Alle, die in Bodø wohnen, können sie sehen. Man braucht nur zum Zaun vor dem Rollfeld zu schlendern und zu warten.
Zur gleichen Zeit startet von einem NATO-Stützpunkt in Peshawar ein Aufklärungsflugzeug. Der Mann am Steuerknüppel heißt Francis Gary Powers und das Flugzeug ist eine U-2 und heißt also genau wie eine später weltberühmte irische Rockgruppe.




