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Dieses Flugzeug, ein amerikanisches Spionageflugzeug, soll ICBMEinrichtungen in Swerdlowsk und Plessezk fotografieren. ICBM ist die Abkürzung für »intercontinental ballistic missiles«, also Langstreckenraketen, die Vater mehr fürchtet denn je, jetzt, wo Eisenhower im Weißen Haus sitzt und Chruschtschow im Kreml regiert.
Ich mag Chruschtschow. Ich sehe fast jeden Tag Bilder von ihm in der Zeitung. Er erinnert mich an Onkel Birger. Nikita Sergejewitsch mit diesem munteren, fast schelmischen Gesicht, selbst wenn er über ernste Dinge redet. Vater respektiert ihn ebenfalls, seit Chruschtschow vor vier Jahren mit Stalin abgerechnet hat. »Das hat der Welt neue Hoffnung geschenkt«, sagt Vater. Er erzählt mir von dem jungen Eisenarbeiter aus Kalinova in Kursk, der mit vierzehn Jahren nach Donezk umzieht. Später machte er Karriere bei der Roten Armee. Allein schon der Name! Ich sehe vor mir berittene Soldaten, die rote kommunistische Flaggen schwenken. Und sie können singen. Ich habe es mit eigenen Ohren gehört, im Radio. Das ist etwas anderes als diese Schreihälse in Washington. Chruschtschow hat sicher einen phantastischen Bass. Ich weiß einiges über Chruschtschow. Ich rede gern mit Mads aus meiner Klasse über Politik. Mads ist klüger als ich. Er hat ein freundliches Gesicht und einen Kopf mit schönen kleinen Locken. Er war nie ein Kind. Er redet wie die Erwachsenen, benutzt Wörter, die ich noch nie gehört habe. Das wirkt bei ihm ganz natürlich. Er tut nicht so, er ist. Er sieht jetzt schon aus wie ein Rechtsanwalt. Ich weiß damals noch nicht, dass er wirklich Jura studieren wird. Ich weiß nur, dass ich Mads engagiert hätte, wenn ich Caryl Chessman gewesen wäre, ich hätte mich nicht selbst verteidigt. Mads spricht mit einer Selbstsicherheit, die niemand sonst in unserem Alter besitzt. Er protzt nicht mit seinem Wissen. Die Wörter kommen einfach immer in der richtigen Reihenfolge. Wenn man nicht zuhörte, könnte man glauben, er rede über Dampfmaschinen oder Märklin-Eisenbahnen. Aber er redet über etwas ganz anderes. Über Dinge, für die sich sonst kein Kind interessiert. Doch die Art, wie er redet, bringt mich zum Zuhören. Manches davon höre ich ja nicht zum ersten Mal. Er interessiert sich ungeheuer für alle gesellschaftlichen Entwicklungen, genau wie Vater. Wir Achtjährigen stehen jeden Tag nach der Schule an der Haltestelle Smestad und tauschen politische Erfahrungen aus.
Ich verpasse eine Straßenbahn nach der anderen, weil wir so viel zu besprechen haben. Erst einige Stunden später trennen sich unsere Wege. Ich muss zurück zu dem gelben Haus in Røa, Mads zu dem gelben Haus in Vinderen. Wir haben schon viel über Chruschtschow gesprochen. Ich weiß sogar, wie seine Frau heißt. Nina. Sie ist so alt wie Vater und sieht ebenfalls lieb aus. Schon jetzt habe ich einen Hang dazu, Leute zu mögen, die in der westlichen Welt nicht angesehen sind. Später kommen weitere dazu. Saddam Hussein. Radovan Karadzic. Wladimir Putin. Ich finde, sie alle sehen sympathisch und vertrauenserweckend aus. Saddam verbrachte die Wochen vor seiner Hinrichtung mit der Beobachtung von Singvögeln. Karadzic schrieb in seiner Zelle Gedichte. Und Putin wirkt immer auf so charmante Weise geniert.
Das amerikanische Spionageflugzeug soll illegale Bilder von Chruschtschows riesiger Sowjetunion machen, aus extremer Höhe, damit es nicht so leicht abgeschossen werden kann. Der Flug ist genau geplant, und die Amerikaner sind bereit, ein Risiko einzugehen. Es gehört zu ihren Berechnungen, dass das Flugzeug zweimal so dicht an einer Raketenabschussrampe vorbeifliegen wird, dass es schlimmstenfalls getroffen werden kann.
Die Befürchtungen erfüllen sich. Vierzehn SA-2 Guideline Missiles detonieren in solcher Nähe, dass das Flugzeug im Flug schwer beschädigt wird. In hohem Tempo stürzt es dem Boden entgegen in der Nähe von Swerdlowsk.
Was ist mit dem Flugzeug passiert? Was ist mit Powers passiert? In Bodø sitzt Marty Knutson zusammen mit den anderen Amerikanern und hat kein gutes Gefühl. Powers sollte doch nach Bodø fliegen, um dort in aller Heimlichkeit mit seiner U-2 zu landen und aufzutanken, ehe Marty Knutson dann plangemäß weiterfliegen sollte mit unbekanntem Ziel, vermutlich zu einem Militärstützpunkt in Asien, vielleicht in der Türkei.
Im Pentagon herrscht tiefe Bestürzung. Hat die Sowjetunion das Flugzeug abgeschossen? Lebt Powers noch, oder ist er tot? Konnte er den Selbstzerstörungsmechanismus auslösen?
Um Chruschtschow zuvorzukommen, sendet die NASA das Bild einer anderen U-2, angestrichen in den Farben der NASA, damit es aussieht wie ein Forschungsflugzeug, das keinerlei militärische Aufgaben erfüllen kann. Sie geben zudem eine Pressemeldung heraus, dass ein Flugzeug im Norden der Türkei vermisst wird und dass die Möglichkeit besteht, der Flieger habe, während er auf Autopilot flog, einen Schwächeanfall erlitten. Mit anderen Worten: Das Flugzeug habe sich durch einen unglücklichen Zufall in den sowjetischen Luftraum verirrt, was natürlich durchaus nicht der Sinn dieses Fluges war.
Als Antwort berichtet Chruschtschow vor dem Obersten Sowjet, ein amerikanisches Spionageflugzeug sei über sowjetischem Territorium abgeschossen worden.
Die USA setzen alles auf eine Karte, in der Hoffnung, dass das Flugzeug bis zur Unkenntlichkeit zerstört und Powers tot ist. Aus dem Weißen Haus wird mitgeteilt: »There was absolutely no deliberate attempt to violate Soviet airspace and never has been.« Gleichzeitig heißt es, sämliche Maschinen dieses Typs seien aus dem Verkehr gezogen worden und würden auf »Sauerstoffprobleme« untersucht.
Chruschtschow lässt drei Tage verstreichen, dann erzählt er der Welt, was er schon längst weiß: dass es sich um ein amerikanisches Spionageflugzeug handelt, dass Powers unverletzt ist und dass der Pilot sich in sowjetischer Gefangenschaft befindet.
An der Haltestelle Smestad grinst Mads triumphierend. Wie blöd sind die Amis denn eigentlich? Er hält mir einen Vortrag über den Unterschied zwischen der UdSSR und den USA. Und nun ist mir klar, dass auch er Chruschtschow mag. Chruschtschow hat die Amerikaner ganz bewusst an der Nase herumgeführt und als Erstes gesagt: »Ich muss ein Geheimnis lüften. Als ich zuerst über diesen Zwischenfall berichtet habe, habe ich nicht erwähnt, dass der Pilot am Leben und unversehrt ist. Und jetzt sehen wir ja, wie viele Dummheiten die Amerikaner uns aufgetischt haben!«
Wir fanden das wunderbar, Mads und ich. Diesen spöttischen Tonfall. Chruschtschow sprach eine Sprache, die Achtjährige verstehen konnten. Die Amerikaner taten das nicht. An der Haltestelle Smestad nahm Mads mich beiseite und erklärte uns beide zu Chruschtschow-Freunden. »Lang lebe Chruschtschow!«, riefen wir und hoben dabei nach russischer Art einen Arm.
Ich fuhr zurück nach Røa, und als Vater mit Dagbladet und seinem grünen Vollkornbrot von der Arbeit kam, erzählte ich ihm, was geschehen war.
Er lächelte und hörte zu. »Es ist schön, dass ihr euch politisch engagiert, du und Mads«, sagte er. »Aber es steht nicht fest, ob Chruschtschow so ungefährlich ist wie ihr meint. Es ist nicht immer so einfach.«
Es war nicht so einfach.
Powers war unversehrt, und wichtige Teile vom Cockpit des Flugzeugs waren intakt. Selbst die Kamera, die Powers unterwegs benutzt hatte, war so wenig beschädigt, dass die Fotos entwickelt werden konnten, was das sowjetische Verteidigungsministerium nur zu gern übernahm. Außerdem hatten sie Powers’ Überlebensausrüstung gefunden: 7500 Rubel und Schmuckstücke, die er im Notfall zur Bestechung benutzen sollte.
Aber der Präsident der USA weigerte sich, eine Bitte um Entschuldigung auszusprechen.
Norwegen streitet ebenfalls ab, etwas mit der U-2 zu tun zu haben. Aber eine Maschine, die in Pakistan gestartet ist und über die Sowjetunion nach Westen fliegt, wo sollte die denn landen, wenn nicht in Bodø, wo die Amerikaner sowieso bestimmen, was Sache ist?
Absolut nicht in Bodø, sagt Außenminister Halvard Lange.
Aber diese Lüge überlebt nicht einmal bis zum Ende der Woche. Am 13. Mai tritt Lange vor das norwegische Parlament und gibt alles zu. Das Flugzeug hätte in Bodø landen sollen. Zu allem Überfluss kommt heraus, dass sich Powers erst kürzlich für längere Zeit in Bodø aufgehalten hatte, um sich mit dem Flugplatz und den dortigen Verhältnissen vertraut zu machen.
»Aber Norwegen war darüber nicht informiert«, sagt Lange.
Er beteuert, dass die norwegische Regierung dem US-Botschafter in Oslo eine Protestnote überreicht hat.
»Pöh!«, sagt Mads.
Mads ließ sich nicht beeindrucken. »Spiegelfechterei«, sagte er.
Das meinte auch Chruschtschow. Norwegen als Lakai in der Großmachtstrategie der Amerikaner? Wollte das friedliche Nachbarland der Sowjetunion wirklich eine solche Rolle spielen? Er machte die norwegische Regierung für alles verantwortlich und ließ eine besonders scharf formulierte Note überreichen, in der klargestellt wurde, dass sich die Sowjetunion nicht zum ersten Mal gezwungen sah, gegen Verletzungen der territorialen Integrität zu protestieren, Verletzungen, an denen auch Norwegen in höchstem Grade beteiligt war. Beim nächsten Mal werde die Sowjetunion die Militärstützpunkte, die zu solchen Zwecken benutzt würden, unschädlich machen.
»Also ein großer Krieg«, sagte Mads. »Weltkrieg«, sagte Vater.
Wieder sehe ich die furchtbare Angst in Vaters Gesicht. Der Zeitpunkt dieser Ereignisse ist extrem unglücklich. Nur eine Woche darauf werden Eisenhower und Chruschtschow bei der Ost-West-Konferenz in Paris aufeinandertreffen. Aber jetzt wütet Chruschtschow gegen Norwegen und die USA. Er trifft am 14. Mai in Paris ein, zwei Tage vor dem geplanten Gipfeltreffen, und geht sofort mit der Aufforderung zu General de Gaulle, die USA und indirekt auch Norwegen energisch zu verurteilen. Aber der französische Präsident will davon nichts wissen. Am Eröffnungstag, dem 16. Mai, dem Tag der geplanten Begegnung zwischen Chruschtschow und Eisenhower, stellt die UdSSR den USA ein Ultimatum und fordert das Eingeständnis, dass es sich bei der U-2-Affäre um eine aggressive Handlung gehandelt habe.
Eisenhower lehnt das Ultimatum ab.
Chruschtschow erhebt sich und verlässt die Konferenz.
Vier Tage darauf holt Fellinis Film La dolce vita in Cannes die Goldene Palme. Mads zeigt mir ein Zeitungsbild der nassen und halbnackten Anita Ekberg, die in der Fontana di Trevi badet. Er hat dieses Bild aus Aftenposten ausgeschnitten, nachdem seine Eltern die Zeitung ausgelesen und in den Mülleimer geworfen hatten. Anita Ekberg hat gewaltig große Brüste. Größer als Mutter. Größer auch als Mads’ Mutter, sagt Mads und wird rot. Ich weiß nicht so recht, was ich meinen soll.
Bald werden Mads und ich mit der Straßenbahn in die Stadt fahren, um im Palassteater die Wochenschau zu sehen. Die ist ab sieben Jahren freigegeben. Dort können wir sehen, wie Chruschtschow wütend wird. Dort können wir auch sehen, wie Anita Ekberg in der Fontana di Trevi badet.
9
Frühling im Melumvei. Er hatte nicht gewusst, wie sehr er sich über das Licht, den Duft und die grünen Bäume freuen würde. Darüber, dass er sein Fahrrad wieder benutzen konnte. Dass es bald möglich sein würde, im Fluss zu baden.
Die Mutter lag im dunklen Schlafzimmer und nieste. Oft stand er vor der Tür und horchte. Er hatte Angst. Das passierte immer, wenn die Birken ausschlugen. Schon mitten im Winter ging sie zum eleganten Dr. K. in der Holtegate und ließ sich Medikamente verschreiben.
Er hatte sie einige Male begleiten dürfen, vor allem, damit festgestellt würde, ob bei ihm alles in Ordnung war. Er wusste, dass etwas nicht stimmte, aber der Doktor konnte nichts finden. Dr. K. sah aus wie Clark Gable, hatte an den Kopf geklatschte Haare, trug einen Anzug, weißes Hemd und Fliege, er stank nach Rasierwasser. Er sah überhaupt nicht aus wie ein Doktor. Wo war der weiße Kittel? Das Stethoskop? Die langen Nasenhaare, die alle Ärzte und Zahnärzte hatten? War die Mutter vielleicht verliebt in ihn? Der Sohn wusste es nicht. Die Vorstellung aber machte ihm Angst. Dr. K. konnte auf Schlittschuhen zehntausend Meter offenbar genauso schnell schaffen wie Kupper’n. Angeblich konnte er auch an einem Tag eine ganze Flasche Whisky leeren.
Das klang unheimlich.
Der Mutter gefiel es auch nicht besonders. Ihr Vater, den sie nie erwähnte, war doch Alkoholiker gewesen. Und gemein noch dazu. Aber bei Dr. K. war das alles offenbar nicht so gefährlich.
Wenn er so dastand und das Niesen der Mutter hörte, überlegte er sich, dass der Doktor in der Holtegate ein schlechter Doktor sein müsse. Er verschrieb die falschen Tabletten. Die durften nicht rosa sein. Die mussten blau oder weiß sein. Keine andere Mutter lag bei geschlossenen Vorhängen Tag für Tag im Schlafzimmer und nieste, immer wenn es auf den 17. Mai zuging. Manchmal klang es, als ob sie platzte, als ob ihr das Gehirn aus den Nasenlöchern lief. Solchen Plagen war einfach kein Mensch gewachsen. Sie lag da und zappelte wie ein frischgefangener Fisch, während sie nieste und nieste. Wenn sie ab und zu aufstand, um sich in der Küche eine Tasse Tee zu holen, hörte er, dass ihre Lunge von Schleim verstopft war. Sie pfiff beim Reden.
»Mutter!«, rief er und schlang die Arme um sie.
»Das ist nicht gefährlich«, sagte sie. »Setz dich im Wohnzimmer ans Klavier. Denk nicht an mich. Spiel etwas, bitte.«
Er begann, ein ängstlicher Mensch zu werden. Er hatte Angst vor Atombomben und Todesstrafe. Hatte Angst davor, dass Chruschtschow und Eisenhower sich nicht einigen würden, dass der Körper der Mutter es nicht mehr ertragen würde, dass beide Eltern unten in der Stadt, wo sie beide arbeiteten, von einem Auto überfahren oder zwischen Bahnsteig und Straßenbahn eingeklemmt werden könnten, um dann von riesigen Rädern den Kopf abgeschnitten zu bekommen. Er hatte Angst, dass Tante Svanhild ihn nicht mehr liebte. Sie hatte ihn und den Bruder schon lange nicht mehr eingeladen zum Fernsehen in die kleine Wohnung in der Gabelsgate mit Blick auf den Hinterhof, auf den sie so stolz war. Man konnte zwischen den weißen Hausmauern sogar ein kleines Stück vom Frognervei sehen. Aber ganz besondere Angst hatte er, als er eines Morgens aufwachte und sah, dass er am ganzen Leib von roten Flecken übersät war, sogar im Gesicht. Wie sollte er das nur verbergen?
Er hatte keine Angst um sich, sondern davor, seinen Eltern noch mehr Sorgen zu machen. Die waren für Sorgen nicht geschaffen. Sie waren doch beide so stark. Gesunde, schöne Menschen, wie Onkel Aage immer sagte, wenn er zu Besuch kam. Es kamen so viele zu Besuch. Deshalb durften die Eltern sich nicht in ihren Ängsten verlieren. Sie mussten lächeln und froh sein.
Aber ein einziger Blick der Mutter machte ihm klar, dass hier etwas nicht stimmte.
»Lass mal sehen«, sagte sie.
»Das ist doch nicht wichtig«, sagte er. »Red keinen Unsinn«, sagte sie.
Nun hatte er nichts mehr zu sagen. So war das immer. Aber er fand es schrecklich. Das Wissen, das sie besaßen. Das sie dazu zwang, Dinge zu tun. Auf irgendeine Weise hatten sie entdeckt, dass aus seinem Po weiße Würmer krochen. Nun beugte der Vater ihn über seine Knie, wobei er auf der Badewannenkante saß und die weißen Würmer mit einer Pinzette hervorfischte. Konnte irgendwer begreifen, wie demütigend das war? Aber er ließ es sich brav gefallen. Das war sein Lebensziel, umgänglich zu sein, aber zugleich schwer, so schwer wie überhaupt nur möglich, um keine Beeren pflücken zu müssen, zum Beispiel.
Aber das hier war ein Ausschlag. Und Ausschlag wurde nicht mit der Pinzette weggezupft. Ausschlag entfernte man offenbar mit Pulver und Schwefel.
Die Mutter ging mit ihm zu Dr. K. in der Holtegate. Das war unheimlich, denn jetzt gab es zum ersten Mal einen Grund, warum er sich in den Untersuchungssessel setzen sollte.
»Lass dich mal ansehen«, sagte Dr. K.
Er hoffte, dass er seinen Po nicht vorzeigen müsste. Es juckte jetzt überall. Am Hintern, unter den Armen, an den Oberschenkeln und am Kopf. Vielleicht hatte er Läuse. Oder die Würmer waren aus ihrem Darmgefängnis entflohen, obwohl er immer wieder versuchte, gegen den Druck aus seinem Inneren die Tür zu verschließen.
Dr. K. sah sich seinen Bauch an. »Du hast Nesselfieber«, sagte er. Der Arzt musste nicht einmal zum Stethoskop greifen. Nesselfieber. Das klang gefährlich. Und das war es auch. Er musste ins Krankenhaus. Jedenfalls für eine Nacht. Vielleicht für zwei.
Ohne seine Eltern?
Ja. Auf die Kinderstation. Ullevål.
Er hatte gehofft, im Krankenwagen hingebracht zu werden, aber sie nahmen die Straßenbahn. Die Mutter hatte Brote geschmiert. Knäckebrot mit Ziegenkäse und dick Butter. Sie wusste, dass ihm das schmeckte.
Oft dachte er, er wäre lieber ein Obdachloser mit vielen kleinen Katzen gewesen.
Aber er brauchte keinen Schwarzgebrannten. Ihm reichte Leberwurst.
Sie begleitete ihn in das Sechsbettzimmer. Dort lagen fünf andere Jungen. Sie waren größer als er. Vielleicht waren sie schon neun oder zehn. Er hatte nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlte, abgesehen von diesen Flecken auf seiner Haut. Vielleicht steckte es in seinem Inneren. »Ganz bestimmt pyschisch«, wie Tante Svanhild immer sagte.
Ein Monster von einer Frau in Weiß kam herein und sagte, jetzt müsse die Mutter gehen. Plötzlich war er allein mit den Jungen. Die Stimmung war nicht gut. Er hatte schon immer auf Stimmungen reagiert. Hier sollte er also eine Nacht mit wildfremdem Pöbel verbringen. Sie redeten über Boxen. Er fand das beunruhigend. Floyd Patterson. Ingemar Johansson. Ihm taten die Kiefer weh, wenn er nur daran dachte. Bald würden sie wieder kämpfen. Beim letzten Mal hatte Johansson gewonnen, aber schon in einigen Tagen würde der neue Kampf stattfinden. Sogar sein Bruder hatte davon gesprochen. Der eine Junge im Schlafzimmer, ein unangenehmer langer Lulatsch, fing an zu sabbern, während er immer erregter über Floyd sprach, dass Floyd dem Schweden den Schädel einschlagen sollte. »Scheißschwede«, rief er, als ob Johanssen bei ihnen im Zimmer stünde. Da erwachte der kleine Albino in der rechten Ecke und setzte sich auf: »Hältst du etwa zu dem Neger? Hä?« Der Lulatsch nickte eifrig, aber der Albino hatte rote Augen, und das wirkte bedrohlich. »Neger fressen ihre eigene Kacke«, sagte der Albino. »Deshalb sind sie so braun in der Fresse.«
Er fühlte sich nicht wohl in dieser Gesellschaft. Es ist so seltsam, wenn mehrere Menschen zusammenkommen, dachte er. Man wusste sofort, wenn etwas nicht stimmte. In der Schule, zum Beispiel. In zwei Klassen dort war die Stimmung um einiges schlechter als in seiner. Es gab sogar Klassen, in denen alle einfach gemein wirkten und auf dem Schulhof aufeinander einprügelten, während in anderen Klassen alles harmonisch und freundschaftlich vor sich ging und Jungen und Mädchen sich gegenseitig umarmten. Wie konnte es so weit kommen? Waren die Lehrer schuld? Er hatte schon jetzt Sehnsucht nach dem Melumvei, nach den ruhigen Nachmittagen und Abenden. Nach dem Bruder, der so schön auf dem neuen braunen Klavier spielte, das Onkel Aage ihnen geliehen hatte. Nach Mutter, die immer mit Nähen und Retuschieren beschäftigt war. Nach Vater, der Orientering las mit besorgt gerunzelter Stirn.
Er schloss die Augen, hoffte, die Tatsache, dass er selbst nichts sehen konnte, werde ihn auch für andere unsichtbar machen. Er lag stocksteif da und hoffte auf das Beste. Und lange sah es aus, als hätten die anderen ihn vergessen.
Aber als es Nachmittag wurde, lange nachdem die Krankenschwestern ihn vor aller Augen ausgezogen und mit Salbe eingeschmiert hatten, wurde er von den roten Sonnenstrahlen geweckt, die ihn mitten im Gesicht trafen. Er begriff nicht, dass es ihm wirklich gelungen war, mitten am Tag einzuschlafen. Und er wusste nicht, wie dieses Gefühl hieß, das er jetzt verspürte. Erst später sollte er begreifen, dass manche es Melancholie nannten. Tristesse. Angst. Depression. Er fühlte sich wie betäubt. Leer. Es war nicht nur die Sonne, die bald über dem Dach im Westen untergehen würde. Es war, als werde gerade die ganze Welt dunkel. Als solle der Vater recht behalten. Als drohe ein gewaltiges Ereignis.
Als lese der Albino seine Gedanken, fragte er: »Bist du jetzt wach?«
»Ja.« Er hielt sich die Hand über die Augen. Das Sonnenlicht war so grell.
»Dann steh auf, ich will dir was zeigen«, sagte der Albino.
Er wagte keinen Widerspruch, sondern stieg aus dem Bett in dem hellblauen Krankenhaushemd, das keine Hose hatte und deshalb offenbar für Mädchen gedacht war.
»Sieh mal, die Sonne«, sagte der Albino.
»Die sehe ich«, antwortete er.
»Aber nicht so, wie du glaubst«, sagte er Albino. »Diese Sonne leuchtet nicht mehr.«
»Ach?«
»Nein, die ist eben erloschen. Sie ist gestorben. Alles wird schwarz werden. Aber wir werden das erst viele Minuten später merken. Weißt du nicht, dass das Sonnenlicht sieben Minuten braucht, um durch den Weltraum zu reisen und die Erde zu treffen?«
»Nein, das habe ich nicht gewusst.«
»Jetzt weißt du es. Mit uns ist es aus. Die Vögel werden aufhören zu singen. Die Sowjets schicken eine Rakete. Amerika schickt eine zurück. Es wird so kalt wie am Nordpol. Denn die Sonne hat aufgehört zu scheinen. Du kannst auch gleich versuchen, das zu begreifen. So einfach ist das. In wenigen Minuten schon ist Schluss.«
10
Im Kongo ist Bürgerkrieg und in Oslo regnet es. Es regnet wirklich die ganze Zeit. Ein kalter und widerlicher Sommer, in dem Vater die fixe Idee hat, dass wir einige Wochen Ferien in Tolga machen sollen. Das haben wir verdient, wir alle. Da oben im Tal bei Røros ist besseres Wetter, aber es gibt auch mehr Mücken. Wir werden uns in einer kleinen Hütte einrichten, von der Vater über einen Arbeitskollegen gehört hat. Es ist jedenfalls nicht die Sorte von Hütte, die über die Anzeigen in Aftenposten vermietet wird. Ein einziges Zimmer, das zudem als Schlafzimmer für vier Personen dient. Mutter freut sich nicht. Aber alle finden sich damit ab. Wir fahren mit dem Zug durch Østerdalen. In Koppang wohnt eine alte Freundin von Mutter. Sie ist Hautärztin, und Mutter wirkt ausgelassen, als sie den Kopf aus dem Zugfenster steckt und zur Glomma hinüberschaut. »Sonja? Wo bist du denn nur, Sonja?«
Aber die Freundin ist nicht da. Keine fröhlichen und verbotenen Ausflüge nach Kråkerøy, sondern Vater, Mutter, mein Bruder und ich auf dem Weg nach Tolga. Das hier wird der Sommer mit den Kühen und der Gerstensuppe zum Frühstück. Mit saurer Milch, die in einem Zimmer steht, wo es nie kalt genug wird. Süße Milch, die sich zersetzt, ganz dünnes Knäckebrot und Zucker. Plumpsklo mit Bremsen und riesigen Fliegen. Die Kacke ragt gleich unter dem Loch auf wie eine ägyptische Pyramide. Die Kacke unten im Klo reicht garantiert bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Deshalb muss man ungeheuer vorsichtig sein, wenn man sich den Hintern abwischt. Aber Vater ist Ingenieur, er hat studiert. Er ist daran gewöhnt, Aufgaben zu lösen. Am Tag nach unserer Ankunft steht er hinter dem Klo und schaufelt Kacke heraus, während ihm der Schweiß über die Stirn läuft und die Mücken in seinem Nacken sitzen, der dick und rot wird.
Einige Stunden verstreichen.
Danach sind wir alle zufrieden und kommen uns fast vor wie in einem Luxushotel. Wir trinken mit Wasser verdünnten Saft und lächeln einander an. Gott ist gut, und wir haben allerlei Grund, uns zu bedanken.
Ich freunde mich mit einer Kuh an. Sie heißt Klara und ist nicht so intelligent wie Mads. Dennoch kann ich mit ihr über Politik sprechen, wenn ich auf der Weide stehe und in ihre schönen, klugen und schwarzen Augen schaue, während ich versuche, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Klara findet es wunderbar, wenn ich die Arme um ihren Hals lege. Das hat mir noch nie eine fremde Frau erlaubt, und es ist nicht dasselbe wie bei Mutter, Oma oder Tante Svanhild. Klara kann ich alles erzählen. Sie ist braun, hat große weiße Flecken an der Seite und einen weißen Fleck zwischen den Augen. Sie schnuppert an meinem Nacken herum, und ich schnuppere zurück. Ich erzähle über alles, was mir Angst macht, und sie versteht. Es sind lange Stunden und Tage, in denen nichts passiert. Absolut nichts. Vater erzählt mir Neues über John F. Kennedy, der endlich zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten nominiert worden ist, obwohl der Wahlkampf schon seit Monaten läuft. Aber durch Mads weiß ich schon viel mehr über Richard Milhouse Nixon, den Kandidaten der Republikaner. Noch ist er Vizepräsident von Eisenhower, dem es gelungen ist, Chruschtschow zutiefst zu verärgern. Aber wir werden sehen, wie Mads immer sagt. Vielleicht hat Nixon auch seine guten Seiten. Wenn nicht, hätte er nicht solche Ähnlichkeit mit Vater.




