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Wo sind die Erwachsenen? Wo ist mein Bruder? Pflücken sie Beeren, sammeln sie Pilze? Ich kann mich nur an das Alleinsein erinnern. An den weichen Nieselregen. Die plötzliche scharfe Sonne. Den Zug, der im Norden der Brücke um die Kurve biegt. Die Stunden mit Klara oben auf der Weide.
Aber Mutter und Vater streiten sich nicht. Wenn wir abends zusammen sind, herrscht Friede in der kleinen Hütte. Wir spielen Karten. Mutter hört Radio. Auf Langwelle gibt es immer Musik. Mein Bruder liest jetzt die Bücher der Hardy Boys-Serie. Vater auch, damit sie darüber reden können. Ansonsten liest er Tolstoi und Dostojewski. Die beiden haben ihre eigene Gemeinschaft.
Der Sommer ohne Orientering, Dagbladet und Aftenposten. Die Welt lässt uns in Ruhe, solange Mutter die Kontrolle über das Radio hat. Nicht so viele Nachrichtensendungen. Umso mehr Musik. Mutter und Vater, die plötzlich auf der Wiese nach oben Hand in Hand gehen. Mein Bruder und ich hören Geschichten aus der Studienzeit der beiden in Trondheim. Vater, der Chemie studiert und einen Eimer mit sechzigprozentigem Alkohol ausschüttet, weil er den für Wasser hält. Oder die Geschichten aus Fredrikstad, als sie frisch verliebt waren. Vater, der plötzlich zu einem unerwarteten Besuch kommt. Mutter, die auf dem Fahrrad sitzt, als sie ihn entdeckt, und die Arme begeistert nach beiden Seiten ausstreckt, worauf das Rad in den Straßengraben kippt und Mutter mit dem Kopf auf einen Stein schlägt. Mutter, die bewusstlos und in Krämpfen daliegt, während Vater sich keinen Rat weiß. So viele Gründe, sich zu ängstigen. Aber es sollte eine glückliche Geschichte werden. Sie kam wieder zu sich. Vater hielt sie in seinen starken Armen.
Der Tag, an dem wir aufbrechen. Der kommt so plötzlich. Der Sommer der Langeweile hat etwas mit uns allen gemacht. Jetzt fahren wir wieder nach Hause in den Melumvei. Ich komme in die zweite Klasse und habe einen neuen Lehrer. Lindholm muss eine Klasse übernehmen, die total aus dem Ruder gelaufen ist. Zu uns kommt Ledsaak. Mit Vornamen heißt er Sam. Das ist ungewohnt. Aber wir mögen ihn alle. Unsere Klasse darf nicht in den Abgrund stürzen, denke ich. Wir dürfen uns nicht auf dem Schulhof prügeln. Wir müssen jetzt brav sein. Auf der Welt passieren ohnehin schon so viele traurige Dinge.
Abschied von Klara. Die letzten schweren Schritte den Hang hinauf, wo sie steht und auf mich wartet. Als ob sie weiß, was passieren wird. »Hallo Klara«, sage ich mit belegter Stimme. »Isst du gerade?«
Sie nickt mir zu. Käut wieder.
Ich lege ihr die Arme um den Hals. Fange an zu weinen. Ich weine wie ein Wasserfall, wirklich. Alles ist so schrecklich. Sie lässt Luft aus ihren Nasenlöchern entweichen. Das macht sie immer, wenn sie versteht.
»Ich will nicht weg«, sage ich. Wieder nickt sie.
»Aber ich komme zurück.« Sie steht still da und hört zu.
Aber ich weiß ja nicht, wem sie gehört. Was sie mit ihr vorhaben. Sie steht nur da mit der vielen Milch im Euter. Wer wird jetzt auf sie aufpassen? Der alte Mann, der sie jeden Abend melkt? Er ist nicht nett. Er verjagt mich mit einem Stock, wann immer er mich sieht. »Du darfst hier nicht langgehen!«, ruft er.
Ich laufe zu der kleinen Hütte hinunter, wo Mutter und Vater die Rucksäcke gepackt haben und mein Bruder mich mit ernster Miene mustert.
»Ich will Klara nicht verlassen«, sage ich und weine, wie ich noch nie zuvor geweint habe. Dieses Weinen kommt von einem Ort, der tiefer liegt als mein Bauch. Ich erschrecke über mich selbst. Über diese wilde Trauer.
Mutter nimmt mich in die Arme. Weint ebenfalls. Sie ist so leicht gerührt. »Aber wir müssen jetzt los, Lieber. Der Zug geht in einer halben Stunde. Und am Montag fängt die Schule wieder an.«
Ich weiß, dass es nichts gibt, was ich tun könnte. Ich starre zu Klara hoch, die da steht, am anderen Ende der Weide, und uns aus ihren guten, traurigen Augen anschaut. Ich laufe ein letztes Mal zu ihr nach oben, obwohl die anderen hinter mir herrufen. »Ich komme wieder!«
Aber was, wenn ich einfach wegliefe? Verschwände? Was, wenn es von nun an nur noch mich und Klara gäbe?
Endlich halte ich sie in meinen Armen. »Wir dürfen einander nicht verlieren, Klara.«
Sie nickt. Der Atem kommt aus ihren Nasenlöchern. Auf ihrer Stirn sitzt eine Fliege. Auf dem weißen Fleck zwischen den Augen. Sie ist so schön, wie sie da steht.
Aber ich höre die Stimmen unten von der Hütte her. »In zehn Minuten kommt der Zug.«
»Jetzt muss ich gehen«, sage ich. »Du darfst keine Angst haben. Ich liebe dich, Klara. Verstehst du das? Ich liebe dich.« Sie steht still da und hört zu. Ich sehe sie ein letztes Mal an.
Eine große Träne läuft über ihre Wange. Jetzt weiß sie, dass es ernst ist. Dass ich sie verlassen werde.
»Klara«, flüstere ich. »Ich werde dich niemals vergessen.« Aber sie weint immer weiter.
11
Tante Svanhild hat alles für ein Fest vorbereitet in ihrer kleinen Wohnung. Mutter und Vater bekommen Sherry, Tormod und ich Solo. Solo ist in Ordnung, auch wenn es aus dem Schlimmsten hergestellt ist, das es überhaupt gibt, Apfelsinen nämlich. Der Albtraum aller Skiausflüge. Auslaufender Apfelsinensaft bei beißender Kälte. Klebrige Hände und verschmutzte Fäustlinge. Es muss ein Sadist gewesen, sein, der irgendwann die gesamte norwegische Bevölkerung gezwungen hat, bei jedem Gang zu den Skiloipen riesige graue Rucksäcke auf dem Rücken zu tragen und Apfelsinen zu essen. Zum Glück wusste man immer, dass es im Rucksack auch etwas viel Besseres gab, das man bekommen würde, wenn man es geschafft hätte, die ganze Apfelsine aufzuessen: Kvikk Lunsj. Die Schokolade, die sich als Keks verkleidet hatte. Deshalb wagten es die Erwachsenen, den Kindern besonders viel davon zu geben.
Aber Tante Svanhild hat für uns einen Kellerkuchen gemacht. Deshalb weiß ich endlich, dass wir wieder Freunde sind und dass der schlimme Silvesterabend vergessen ist. Mutter und Vater haben sie außerdem im Frühling und Sommer besonders oft eingeladen. Jetzt streiten sie sich nie vor einem Besuch von Tante Svanhild. Sie sind so munter, dass es schon fast verlogen wirkt. Ich versuche, auch munter zu sein, schließlich war ja alles meine Schuld.
Der große Tag. Das Fernsehen wird seinen offiziellen Einzug in der norwegischen Gesellschaft halten. Wir sehen König Olav an, der mit einem Blumenstrauß auf dem Tisch da sitzt und uns auf seine seltsame, abgehackte Weise einfach so ins Gesicht redet. Tante Svanhild liebt ihn. Ich selbst weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Ich weiß nur noch, wie ich zusammen mit Vater und Tormod Schlange stand, nachdem sein Vater gestorben war. König Haakon. Schon damals konnte ich nicht begreifen, warum wir anstanden, um uns im Kondolenzbuch einzutragen, zusammen mit halb Norwegen. Als hätte ich instinktiv begriffen, dass Vater zur anderen Hälfte gehörte, zu den Republikanern. Aber damals war ich so klein, dass ich nicht begriff, was ein Republikaner ist.
»Wir erweisen ihm trotzdem unseren Respekt«, sagte Vater. »Für alles, was er während des Krieges getan hat.«
»Weil er abgehauen ist?«, fragte Tormod sofort. Er war so viel intelligenter als ich. Aber er war ja auch drei Jahre älter. »Darüber reden wir später«, sagte Vater mit diesem müden Zug um die Mundwinkel. Ja, seine Mundwinkel waren damals müde, müder als jetzt. Warum war Mutter nicht dabei? Weil sie arbeitete. Ab und zu half sie in einer Buchhandlung aus und verkaufte Bücher. Dann bekam sie Leseexemplare. Deshalb stapelten sich bei uns zu Hause die Bücher. Jetzt war die Stimmung zwischen ihnen besser. Es hatte ihnen gutgetan, in Tolga zu sein. Weiß Gott, was sie gemacht hatten, wenn sie allein in der Hütte waren und ich oben auf der Weide Klara umarmte und Tormod unten im Bach angelte. Vielleicht hatten sie einfach miteinander geredet. Vater sagte immer, Gespräche seien wichtig. Verständigung zwischen den Menschen. Oder vielleicht hatten sie abgewaschen? Die Gerstensuppe klebte an allen Tellern.
Aber jetzt sitzen wir bei Tante Svanhild, und Mutter ist ausgelassener als sonst, denn nach den Reden wird eine Show aus der norwegischen Oper übertragen werden, wenn auch nur für Abonnenten in Oslo und Bergen. 20 000 Menschen haben sich verpflichtet, pro Jahr eine bestimmte Summe zu bezahlen, um die Sendungen des NRK sehen zu können. Aber im Melumvei können wir uns das nicht leisten. Wir haben auch keinen Kühlschrank. Ich begreife nicht, wie Tante Svanhild, die als Sekretärin in einem Patentbüro arbeitet und in einer winzigkleinen Wohnung haust, sich beides leisten kann, aber ich traue mich nicht zu fragen.
Mutter ist Souffleuse in der norwegischen Oper. Das ist einer ihrer vielen unbegreiflichen Berufe. Deshalb ist sie so aufgekratzt. Aber diesmal soll sie nicht den schusseligen Sängern helfen, sich an die Texte zu erinnern. Sie darf einfach ganz entspannt zusehen, wie Menschen etwas auf der Bühne aufführen, wo sie mehrere Abende pro Woche in einem Kasten eingesperrt ist. Tagelang haben die großen Wagen des NRK in der Folketeaterpassage gestanden, die dann später in Operapassage umbenannt werden wird, und dicke schwarze Kabel haben sich wie Schlangen durch die Türen gewunden, die Treppen hoch bis auf die Bühne. Kameras von der Größe der allergrößten Walharpunen sind in strategischen Ecken aufgebaut worden, um Kari Borg Mansåker, Erik Diesen und alle anderen einzufangen, die für die Auserwählten ein Fest veranstalten sollen. Und Tante Svanhild ist auserwählt. Sie hat die Lizenz bezahlt. Sie kann sich dreimal pro Woche die Fernsehnachrichten ansehen. Bald wird sie erleben, dass Willy Rasmussen aus Kongsberg bei den Olympischen Spielen in Rom den fünften Platz im Speerwerfen belegt mit einem Wurf von 78,36 m. Und dass Dänemark im Fußball die Silbermedaille holt. Ich kann es ihr ansehen, denn sie ist heute besonders elegant mit ihrem schottisch-karierten Rock, dem Twinset und dem Sherryglas, das sie nicht aus der Hand gibt. Gleich wird sie sich eine Ascot-Zigarette genehmigen. Was für ein Luxus! Kann sie sich das alles vielleicht leisten, weil sie allein lebt, überlege ich plötzlich. Vielleicht sind Beziehungen und eine Familie etwas Entsetzliches. Vielleicht wären wir alle reicher und glücklicher, wenn wir allein lebten? Denn mit wem soll Tante Svanhild sich streiten? Mit niemandem, absolut mit niemandem. Sie hat wohl keine Lust, sich mit ihren vielen Geschwistern zu streiten, und Mutter und Vater haben sicher nie ein böses Wort zu ihr gesagt. Das habe nur ich. Jetzt sitzt sie da mit roten Wangen, muss ihr Geld nicht mit einem anspruchsvollen Ehemann teilen und lässt sich sogar von Rundfunkdirektor Kaare Fostervoll begeistern, der mit dem aufdringlichen Akzent von Nordmøre redet. Der frühere Rektor des Firda-Gymnasiums von Sandane in der Gemeinde Gloppen. Schade für alle in Sandane, dass sie diese Eröffnungszeremonie nicht sehen können.
»Ich finde ihn gar nicht unattraktiv«, sagt Tante Svanhild und kichert. Sie hat eine Schwäche für Promis.
»Ja, er sieht aus wie ein amerikanischer Senator«, sagt Vater freundlich.
»Oder wie ein General der Roten Armee«, sage ich.
»Nein, pfui!«, sagt Tante Svanhild. »Rede jetzt nicht von Kommunisten!«
»Ich mag die Russen«, necke ich sie. Zum Glück kann sie mit solchen Frechheiten leben.
»Ja, das tut Gerhardsen auch«, erwidert sie, während gleichzeitig Einar Henry Gerhardsen, der Sohn des städtischen Beamten Gerhard Olsen und der Hausfrau Emma Hansen, uns anstarrt und mit seiner trockenen, ein wenig quengelnden Stimme anfängt zu reden. Vater ist immer besonders gerührt, wenn Gerhardsen zu sehen ist, auch wenn er dessen Bündnispolitik skeptisch betrachtet.
»Dass er wirklich in Sachsenhausen gesessen hat!«, sagt Vater.
»Dass er wirklich Straßenarbeiter war!«, sagt Mutter.
»Dass er im Mai noch in Grini saß und im Oktober schon Ministerpräsident war!«, sagt Tormod.
»Woher weißt du das?«, frage ich verblüfft und ein bisschen neidisch. Denn solche Dinge wissen eben nur große Brüder. »Man hat doch seine Quellen«, sagt Tormod mit schlauem Lächeln. Er wird jetzt offenbar erwachsen.
»Ich finde, er sieht aus wie ein gequälter Hühnerhund«, sagt Mutter. Sie hat einen aufmerksamen Blick für das Leid in uns allen.
12
Mads und ich stehen vor den Schaukästen von Oslo Kinematografer neben dem Eingang zum Scala-Kino. Dort laufen die meisten französischen Filme, wenn sie nicht im Gimle oben in der Bygdøy allé gezeigt werden. Beide Kinos sind amerikafreie Zonen. Hier wird man niemals John Wayne zu Pferd erblicken.
Wir sehen uns die Plakate und Fotos an. Es ist Donnerstag, der 25. August 1960. Jean-Luc Godards Film A bout de souffle läuft in den norwegischen Kinos an. Bei uns in Norwegen heißt der Film Bis zum letzten Atemzug und ist freigegeben ab 16.
»Das Mädchen ist hübsch«, sagt Mads.
»Der Junge sieht aus wie Onkel Kjell«, sage ich.
Das Mädchen und der Junge sind Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo. Seberg wird sich neunzehn Jahre später in Paris mit einer Überdosis das Leben nehmen, nachdem sie vom FBI verfolgt worden ist, weil sie die Black Panther Party unterstützt, eine sozialistisch-revolutionäre Bürgerrechtsgruppe aus Afro-Amerikanern, die für bessere Wohnverhältnisse, mehr Ausbildungsmöglichkeiten und freie Berufswahl für Schwarze kämpft. Neun Jahre vor dem Selbstmord hatte das FBI die Lüge in die Welt gesetzt, das Kind, das Seberg bald zur Welt bringen würde, habe nicht ihren Ehemann, den Autor Romain Gary, zum Vater, sondern den Black-Panther-Aktivisten Raymond Hewitt. Sebergs Tochter kam viele Wochen zu früh zur Welt, nachdem sie eine Beziehung zu einem anderen Aktivisten zugegeben hatte, Carlos Ornelas Navarro. Die Tochter wog bei der Geburt 1,8 Kilo und starb zwei Tage später. Bei der Beerdigung entschieden sich Seberg und Gary für einen offenen Sarg, damit alle die weiße Haut der Kleinen sehen konnten. Später erstattete das Ehepaar Anzeige gegen Newsweek aufgrund eines beleidigenden Artikels, den Seberg für den Auslöser ihrer frühen Niederkunft hielt. Ein französisches Gericht gab ihr recht und verurteilte Newsweek zu Schadenersatz, zusammen mit acht weiteren Zeitungen. Die Schikanen aber gingen weiter, zusammen mit Telefonüberwachung, Stalker-artigen Episoden und häufigen Wohnungseinbrüchen. Als später FBI-Berichte zugänglich gemacht wurden, stellte es sich heraus, dass auch CIA, U. S. Secret Service und U. S. Military Intelligence sich das sogenannte FBI-Legat zunutze gemacht hatten, um Seberg konstant durch Attachés an den Botschaften in Paris und Rom überwachen zu lassen, weil sie US-Bürgerin war und Kontakt zu schwarzen Sozialisten hatte.
Aber vorläufig ging es um sie und Belmondo, den ehemaligen Boxer, der dreimal durch Knock-out in der ersten Runde gesiegt hatte, ehe er ein Interesse am Theater entwickelte und die Schauspielschule besuchte. Belmondo und Seberg erregten beide das Interesse des französisch-schweizerischen Regisseurs Jean-Luc Godard. Die neue Welle, la Nouvelle Vague. Eine ganz neue Art, Film zu denken und zu machen. Sie wissen nicht, dass die Geschichte, die Godard hier entwickelt, später wie ein Vorspiel zum chaotischen Leben der schönen, kurzgeschorenen Jean Seberg wirken wird. Noch sind sie jung und stehen am Anfang ihrer Karriere. Es gibt ein Drehbuch, inspiriert von einem Zeitungsartikel, den Godards Kollege François Truffaut gelesen hat, über einen gewissen Michel Portail, der mit seiner amerikanischen Freundin, der Journalistin Beverley Lynette, ein Auto stiehlt, um seine kranke Mutter in Le Havre zu besuchen, und unterwegs ein Liebespaar auf einem Motorrad tötet. Im Film wird der junge Michel zu einem anderen Michel. Der stiehlt in Marseille ein Auto und erschießt einen Polizisten, der ihn auf der Landstraße verfolgt. Ohne Geld und auf der Flucht vor der Polizei begegnet Michel Patricia, einer angehenden Journalistin, die in Paris die New York Herald Tribune auf der Straße verkauft. Unter Zweifeln versteckt sie Michel in ihrem Hotelzimmer, wo er versucht, sie zu verführen und Geld aufzutreiben, mit dem sie beide nach Italien fliehen können. Patricia sagt, sie sei schwanger und Michel sei der Vater, aber als ihr aufgeht, dass nach Michel gefahndet wird, verrät sie ihn, und der Film endet damit, dass Michel auf offener Straße erschossen wird und einen langsamen Tod stirbt, womit der Titel des Films seine Erklärung findet. Ein endloses Tauziehen um das Drehbuch zwischen Truffaut, Claude Chabrol und Godard endete damit, dass Godard den Film machen durfte, und nun stehen plötzlich Seberg, Belmondo und Godard in Paris auf der Straße, vor dem Café Notre Dame in der Nähe des Hôtel de Suède, wo die lange Schlafzimmerszene aufgenommen werden soll. Godard hat selbst in diesem Hotel gewohnt, nachdem er zu Beginn der fünfziger Jahre aus Südamerika zurückgekehrt war. Die Kamera bei den Aufnahmen führt Raoul Coutard, der eine Handkamera vom Typ Eclair Cameflex einsetzt und fast ganz auf zusätzliche Beleuchtung verzichtet. Gerade dieser Mangel an künstlichem Licht sorgt dafür, dass sie einen Filmtyp benutzen müssen, der für Spielfilme eigentlich nicht geeignet ist. Coutard entscheidet sich für 18 Meter lange Ilford HPSFilme, die für 35 Millimeter-Kameras verkauft werden, und schließt sie zu Rollen von 120 Metern zusammen, die er bei der Entwicklung von 400 auf 800 ASA presst. Zu Beginn der Aufnahmen arbeiten alle zwei Stunden lang, dann gehen Godard die Ideen aus. Coutard sieht, dass der Film in beiden Richtungen improvisiert wird. Godard schreibt die Repliken in ein Notizbuch, das niemand außer ihm lesen darf. Dann gibt er Seberg und Belmondo ihren Text und lässt ihnen nur ein Minimum an Probezeit, ehe sie gefilmt werden. Die Polizei wurde nicht um Genehmigung für die Dreharbeiten in den Straßen von Paris ersucht. Godard setzt auf Spontaneität, und an einem Tag kann er die Aufnahmen schon nach fünfzehn Minuten abschließen, während er am nächsten alle zu Zwölf-Stunden-Schichten zwingt, je nachdem, welche Ideen ihm gerade gekommen sind. Der Produzent Georges Beauregard ist dermaßen frustriert von diesem Chaos, dass er und Godard in einem Café mit Fäusten aufeinander losgehen. Vor der Premiere hört die Cutterin Cécile Decugis, dass der Film als »schlechtester des Jahres« bezeichnet wird. Später sagt Kameramann Coutard, der schnelle Schnitt habe dem langsamen Filmen widersprochen. Die abrupten Szenenwechsel, die später zu Godards Kennzeichen werden, waren nicht geplant. Dennoch sehen in Frankreich mehr als zwei Millionen Menschen den Film und Godard wird in Berlin mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet. Er bezeichnet den Erfolg des Films als Missverständnis, er bereue jedoch nicht, ihn gemacht zu haben, da man bisher nur auf eine einzige Weise Filme machen konnte. In der letzten Szene, wenn Michel im Sterben liegt, nachdem er in der Rue Campagne-Première am Montparnasse angeschossen worden ist, sagt er zu Patricia: »Das ist zum Kotzen.« Sie antwortet: »Was denn?« Der Polizeiinspektor: »Er sagt, du bist zum Kotzen« Aber sie ist Amerikanerin und versteht das Wort dégeulasse nicht. »Was bedeutet das, zum Kotzen«, fragt sie.
Mads und ich stehen vor den Schaukästen mit den Erwachsenenfilmen beim Scala-Kino. Wir sehnen uns beide danach, erwachsen zu sein. Wir sind erst acht, haben aber das Gefühl, alles zu wissen. Mads jedenfalls. Außerdem können wir allein mit der Straßenbahn fahren, und wir können in dem dunklen Saal im Palassteater sitzen und sehen, wie die Nachrichten aus aller Welt über die Leinwand flimmern. Ich sehe das schöne Gesicht von Jean Seberg an. Sie ist so jung. Es dauert noch so lange, bis wir alt genug sind, um diesen Film zu sehen. Wovon um alles in der Welt handelt der eigentlich? Von wahrer Liebe? Mord? Sie ist so hübsch. So ungeheuer, ungeheuer hübsch.
Sie müsste meine Schwester sein, denke ich.
Oder etwas ganz anderes.
13
In der letzten Ferienwoche will Vater mir Schwimmunterricht geben. Tormod schwimmt schon wie ein Fisch. Ich weigere mich. Der Schwimmgürtel ist mein Freund. Warum tragen wir nicht allesamt Schwimmgürtel? Dann würde nie jemand ertrinken.
»Wir gehen ins Gardebad«, entscheidet Vater.
Ich begreife nicht, wie er, der alte Pazifist, sich auf ein hochmilitärisches Gelände verirren kann. Aber er schnaubt nur. »Komm mir ja nicht so, Junge.«
Obwohl überall Soldaten herumstehen, lässt er sich nichts anmerken. »Ich habe zwei Mann im Sarpefoss untergehen sehen«, fügt er hinzu. Vielsagend.
Ach, nicht schon wieder diese alten Geschichte. Die Tuberkulose in seiner Kindheit. Die Mutter, die gestorben ist. Die armen Kinder, die in dem Kälteloch auf Hafslundsøy zurückblieben. Der Großvater, der Gesundheitskostfanatiker, der Vater mit einem glühendheißen Handtuch aufwärmte und ihn in den Schnee warf, um seinen Blutkreislauf zu stärken. Kein Wunder, dass Vater lahm und taub wurde, denke ich, auch wenn die Lahmheit davon kommt, dass er mit sieben Jahren eine Treppe hinuntergefallen ist, und die Taubheit von einer kräftigen Ohrenentzündung herrührt. Aber jetzt etwas zu sagen, wäre, wie in der Kirche zu fluchen.
»Sie sind in dem Wasserfall untergegangen, weil sie nicht schwimmen konnten.«
»Das weiß ich, Vater.«
»Es sind schon Kinder im Lysakerelv ertrunken, Junge.«
»Das weiß ich auch.«
Es ist ein Ritual. Dieselben Sätze, wieder und wieder. Weil ich damals, als ich von der Strömung erfasst wurde, bei Taterberget fast ertrunken bin. So what, wie es fünfzig Jahre später heißen wird. Ein Leben mehr oder weniger in dieser Welt. Vielleicht wäre ohne mich alles leichter. Die Einzigen, die mich vermissen würden, sind Mutter und Tante Svanhild. Und möglicherweise Tormod. Loyalere Menschen als sie gab es nicht. Obwohl auch sie sich mit anderen Dingen beschäftigten, ängstigten sie sich nicht um alle Welt, so wie Vater. Bei seiner Angst vor dem Weltuntergang könnte doch der Verlust eines einzigen Sohnes kein Grund zu solcher Verzweiflung sein?
Aber nun gehe ich hier neben ihm und sehe all die anderen Kinder, die auf dem Lagergelände zum Becken rennen. Was hat sich das Verteidigungsministerium dabei eigentlich gedacht? Dass Kinder schwimmen und Spaß haben sollen, bis die Atombombe kommt und sie holt, still und unbemerkt? Kein Schlag. Kein Schrei. Nur ruhiges Nasenbluten und Sekret aus den Augen, welches das Wasser rot färbt, während wir das Bewusstsein verlieren und langsam auf den Meeresgrund hinabsinken. Dort liegen wir dann voll mit Radium und wissen nichts von dem Untergang, der über uns seinen Lauf nimmt.
Aber wir haben den Gürtel dabei. Den gelben Gürtel mit den Rechtecken aus Isopor. Den ganzen vergangenen Sommer habe ich diesen Gürtel getragen, zu Vaters Verzweiflung. Er hat die unangenehme Gewohnheit, sich Ziele zu setzen. Ich hätte schon voriges Jahr schwimmen lernen sollen. Ich muss es jedenfalls in diesem Jahr lernen. Aber dann darf man nicht nach Tolga fahren, denke ich.
Hier kommt die Strafe. Ich schaue zum Becken hinüber, in dem es von Kindern in jedem Alter nur so wimmelt. Das Grausame daran, Kind zu sein, ist, dass es so viele von uns gibt, und nur die Wenigsten sind sympathisch. Viele sind böse. Seht, da springen sie vom Zehner, jetzt schon. Dünne, bleiche Körper. Platsch, macht es. Aber das ist ihnen egal. Sie sind total in ihrer eigenen Welt.
Vater zieht mich zu einer Ecke des Beckens auf die entgegengesetzte Seite des Sprungturms.
»Jetzt üben wir Brustschwimmen, Ketil.«
Ich hasse das. Ohne Gürtel. Er steht im Becken an der seichtesten Stelle und hält mich unter der Brust fest, damit ich das Wasser mit zusammengelegten Händen teile, geradeaus nach vorn und zur Seite, während sich die Beine gleichzeitig aus einer Art verkrüppelter Krümmung lösen. Es ist krankhaft und gemein. Eine alberne Art zu schwimmen, die allzu viel Kraft verschlingt. Es ist leichter, sich auf den Rücken zu legen und an Armen und Beinen zu zittern. Vater schwimmt auch lieber auf dem Rücken. Was soll das Ganze also? Steckt Gesundheitsdirektor Evang dahinter, der uns quälen will?
Ich frage und frage, aber Vater kann nicht antworten. »Ich will den Gürtel«, sage ich.
»Kommt nicht in Frage«, sagt er.
Aber ich gebe nicht auf. Ich sinke wie ein Stein aus purem Trotz. Sinken kann ich gut.
»Verflixt, Ketil«, sagt er resigniert.
Er lässt mir meinen Willen. Man muss nur stark genug sein, dann kann man seinen Willen durchsetzen. Sonst stirbt man. Ich will nicht sterben. Ich laufe mit dem Schwimmgürtel zum Sprungturm.




