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»Wag das ja nicht!«, ruft er. »Du kannst doch nicht schwimmen!«
»Der Gürtel rettet mich, Vater!«
Ich steige die Leitern zum Fünfer hoch. Auf den Zehner traue ich mich noch nicht. Ich stehe auf dem Brett und sehe hinab auf das Wasser an der tiefsten Stelle. Die dunkelblaue Farbe. Unheimlich, würde Mutter sagen. Aber es ist weniger unheimlich, als Brust zu schwimmen. Und auch weniger anstrengend.
Jemand hat mich gesehen. Mir wird Aufmerksamkeit zuteil. Ich will aber keine Aufmerksamkeit. Ich will in der Tiefe verschwinden. Nun springe ich. Es kitzelt in meinem Hinterkopf. Vielleicht habe ich etwas vergessen. Vielleicht sterbe ich. So what.
Es spritzt gewaltig.
Was bin ich schwer! Ich sinke viele Meter tief, obwohl ich den Gürtel habe. Dahin, wo es keine Erwartungen gibt. Auf dem Meeresboden liegen, ohne dass irgendwer mich sieht.
Sie klatschen, als ich wieder nach oben komme. Vater schüttelt langsam den Kopf.
Der Junge mit dem Schwimmgürtel. Feigheit. Verkleidet als Mut.
14
Die Schule geht wieder los. Jetzt die zweite Klasse. Nicht mehr die Kleinsten. In der großen Pause rücken wir ein wenig näher an die Großen heran. Ledsaak ist anders. Weniger streng, aber ziemlich temperamentvoll. Er will das Gewölbe über unserer Kindheit errichten, wie er sagt. Im Märchenerzählen ist er ein Meister.
Dieser Herbst beginnt hell. Sonne draußen und Sonne auf den großen Bögen, die wir mit Wasserfarben bemalen. Jetzt sind Buchstaben und Phantasie angesagt. B für Boot. D für Drache. A für Alles Mögliche Andere.
Es gibt viele B-Boote mit großen B-Segeln. Blaues Meer. Riesige Sonne am Himmel. Wir gehen in den Eurythmiesaal. Wir stehen kerzengerade da und sagen »Beee«. Wir strecken die Arme aus und sagen »Aaaa«. Wir gehen auf die Waldorfschule, und wir finden das wunderbar, denn es gibt so viel Jux und Spaß, und wenn sie ein seltenes Mal streng sind, ist uns klar, dass es nicht anders geht.
Aber wenn ich male, kommt immer eine Hand, eine freundliche, hilfsbereite Hand, die mir den Pinsel aus der Linken nimmt, langsam, fast liebevoll.
»Nimm die andere Hand. Das ist viel besser für dich.«
Ich gehorche der Stimme, aber sehe sie nicht an. Sie ist nicht Ledsaak. Sie kommt von irgendwo draußen. Sie ist alt. Sie sieht aus wie die Großmutter im Märchen. Oder die Hexe, die mit der Nase im Baumstumpf feststeckt. Sie trägt einen alten blauen Rock und eine grüne Strickjacke, in der Tante Svanhild sich niemals sehen lassen würde.
Dann male ich einige Sekunden mit der rechten Hand, ehe ich merke, dass das unmöglich ist.
Einige Sekunden vergehen. Ich male ein großes Boot in starkem Wind. B für Boot.
Aber dann ist die alte braune Frauenhand wieder da.
Ich sehe die Runzeln an. Die braunen Flecken, die alte Menschen oft bekommen. Warum muss sie so alt sein? Warum kommt sie ausgerechnet zu mir, wieder und wieder?
Das vertraute Gefühl: dass mit mir etwas nicht stimmt.
Aber sie ist nie so lange im Klassenzimmer. Sie ist fast wie eine Fee oder wie eine Hexe, die auf ihrem Besenstiel davonfliegt. Ich habe ihr Lächeln gesehen. Ich habe die Wärme ihrer Hände gespürt.
Ich habe keine Angst vor ihr. Trotzdem macht sie mir Angst.
Sie hat einen vornehmen Nachnamen. Irgendetwas aus dem Westend. Hæsjbærg oder so.
Die anderen nennen sie Fräulein Ätschbätsch.
Ich weiß noch nicht, dass ich einen Gehirnschaden habe. Das erfahre ich viele Jahre später, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ich mich hinsetze, um dieses Buch zu schreiben. Ein Gehirnschaden, der sich in frühem Alter einstellt, und der Zentren in der linken Gehirnhälfte trifft, sodass die rechte Gehirnhälfte einspringen muss. Oder es ist ererbt oder eine Verletzung durch ärztliche Untersuchungen. Aber weder mein Bruder noch mein Vater oder meine Mutter sind Linkshänder. Vielleicht lag es an den Untersuchungen? Während der Schwangerschaft? Haben sie die Wanderungen der Nervenzellen gestört? Bin ich zerstört? Ein Krüppel?
Als ich hier in den Deutschenbaracken in Smestad sitze und mich nach Mads sehne, der einige Tische weiter sitzt, spüre ich, dass die Sonne vor dem Fenster ein wenig erlischt. Ich male nicht mehr so unbeschwert. Jetzt merke ich auch, dass ich mir die Hand mit Farbe beschmiere, wenn ich von links nach rechts male.
Dann wird es ernst.
»Du gehst zu Frau H.«, sagt Ledsaak. »Jetzt sofort?«, frage ich.
Er nickt, ein wenig ausweichend.
»Fräulein Ätschbätsch«, rufen alle Mädchen wie aus einem Mund und lachen hysterisch.
Soll wirklich ich diese Ehre haben? Ganz allein?
Ich stehe auf, hummerrot im Gesicht. So eine Röte habe ich noch nie gespürt. Sie brennt.
Ich muss auf die andere Seite des Schulhofs. Zu dem anderen Hang. Zum Haus im Wald, wie einige voller Schadenfreude sagen. Dorthin, wo die seltsamen Kinder sind. Die, die Hilfe brauchen. Die Mongos. Die Spastis. Es gibt einen Witz, der wie ein Ball bei allen Kindern an dieser Schule herumfliegt. Wir schlagen die Hände vors Gesicht und rufen »Uääääh!« Wir äffen die Verrückten nach. Diese Schule ist so lieb, dass sie auch Verrückte aufnimmt. Wir sind lieb zu den Verrückten, aber sobald sie uns nicht sehen können, machen wir uns über sie lustig. Ihr Geschrei. Es ist so leicht, sie zu verspotten. Auch sie können hummerrot im Gesicht werden.
Vielleicht bin ich verrückt? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mongo? Spasti? Im Kino läuft ein Film namens Blick zurück im Zorn. Mads und ich haben in den Schaukästen beim Scala-Kino Bilder von Richard Burton und Claire Bloom gesehen. Ich spüre plötzlich den Zorn. Ledsaaks freundliches Gesicht, wenn er mich auffordert, das Klassenzimmer zu verlassen.
Aber ich will doch nicht zu Fräulein Ätschbätsch. Wir sind mitten in einer spannenden Geschichtsstunde. Wir erforschen die Märchen. Wir beschäftigen uns mit Formzeichnung. Wir malen Engel, Sonnen, Bäume und tausend Sterne. Unsere Kindheit blüht, wie die Erwachsenen sagen. Wenn ich in das Haus im Wald gehe, komme ich als Mongo oder Spast wieder heraus. Muss ich dann für den Rest meines Lebens durch den Melumvei gehen und »Uääääh!« rufen? Muss ich sabbern und trockene Haut bekommen, die schuppt? Muss ich dann Nägelkauen?
Aber das tu ich doch schon!
Das hier ist gefährlich. Mehr als gefährlich. Aber ich habe nichts zu sagen, als ich nun losgehe, mit krummem Rücken und für krank erklärt, über den Schulhof, auf dem sonst niemand herumläuft. Natürlich nicht. Alle Gesunden haben ja Unterricht. Muss ich die nächsten Minuten in einem Raum verbringen, wo Kinder schreien und sich gegenseitig mit Brei bewerfen?
Aber dort ist niemand. Nur sie. Die Hexe. Fräulein Ätschbätsch. Ach, was ist sie alt. Der Geruch von fauligen Pilzen, Kalk und Lavendel. Aber der Lavendel ist eine Fälschung, ein Hilfsmittel aus einer Flasche. Was verbirgt sich in diesem Haus? Folterkammern? Riemen und Nägel? Schallisolierte Zimmer?
Sie zieht mich in die Dunkelheit.
Ein undefinierbarer, süßsaurer Geruch. Eine Spur Kacke, eine Prise übelkeiterregender Zucker.
»Hast du Hunger? Möchtest du ein Karamellbonbon?«
Sie zeigt auf eine kleine Schale, in der einige unförmige, aneinander klebende Kugeln liegen. Bestimmt Spucke und Rotz der Hilfsbedürftigen. Ich weigere mich.
»Iss schon, greif einfach zu.«
»Aber ich will nicht!«
»Die sind lecker, das ist doch klar!« Sie presst mir den Spuckeklumpen in den Mund.
»Igitt! Ich will nicht!«, sage ich. Ich bin jetzt allein mit ihr. Ich halte Ausschau nach einer Waffe.
»Jetzt hebst du es auf! Es liegt dort auf dem Boden!«
Ja, da lag es in seiner ganzen Ekelhaftigkeit. »Das ist Rotz!«, rufe ich. »Den will ich nicht!«
»Du hebst es auf!«
Sie hebt den Arm. Großer Gott. Ich könnte sie jetzt umbringen. Ihr eine Faust in den schlaffen, bebenden Bauch rammen, sie umstürzen und auf ihr herumspringen, wie die Jungen aus der Klasse im vergangenen Winter auf dem Eis des Smestaddam herumgehüpft sind, bis das Eis barst und die Jungen einbrachen. Fast wären sie ertrunken.
Aber hier bei Fräulein Ätschbätsch gibt es kein Wasser. Nur Kiefernholzboden. Ich fange an, groß und fett zu werden. Ich bin nicht ganz ungefährlich.
»Setz dich«, sagt sie und seufzt. Der Spuckeklumpen ist plötzlich vergessen. Ich begreife nichts mehr.
Sie sitzt neben mir. Nimmt meine Arme, fängt an, sie zu bewegen, wie Tormod und ich das gern vor dem Radio machen, wenn Mutter eine ganz besonders schöne Symphonie gefunden hat.
»Das ist dein Werkzeug«, sagt sie.
»Ach«, sage ich.
»Jetzt wirst du lernen, es richtig zu benutzen.«
Ich spüre es tief in mir. Sie versucht, das, was links ist, nach rechts zu verlagern. Aber das geht nicht im Handumdrehen, so wie sie glaubt. Nun beginnt sie mit Kinderversen. Den allerkindlichsten. Sie findet einen Rhythmus. Ich soll diesen Rhythmus mit Klötzen auf den Tisch schlagen. Das hier ist ernst. Sie hält mich für verrückt. Für einen kleinen Dreck mit Spucke und Schuppen und Krämpfen.
»Ich finde links gut!«, rufe ich plötzlich. »Und Vater ist auch ein Linker! Er sagt nein zur NATO! Nein zu Atomwaffen!« Aber sie hört nicht zu. Sie ist total in ihrer eigenen Welt. Die Klötzchen. Die Rhythmen. Plötzlich höre ich einen Furz. Der kam einfach so aus ihrem Hintern. Ein langes, trauriges Heulen.
»Du furzt«, rufe ich triumphierend.
Sie sieht mich an, ist plötzlich anwesend, ein bisschen traurig. Aber das dauert nur einige Sekunden. Dann ist sie wieder im Rhythmus. »Uääääh!«, rufe ich.
Ihr ist das egal. Sie ist daran gewöhnt. Ich bin jetzt ein Verrückter. Ein kleiner sabbernder Drecksack, der im Heim wohnt. Den Melumvei werde ich niemals wiedersehen.
Ein Zustand entsteht. Das Geräusch der Klötzchen, die auf den Tisch auftreffen, klingt wie die Maschinengewehre aus einem Weltkrieg. »Hoppi doppi stoppi ploppi!«
Was glaubt sie denn, mit wem sie redet? Für wen hält sie sich?
Ich springe auf. Versuche, den Tisch umzustoßen. Aber das schaffe ich nicht.
Wir stehen in der Türöffnung, alle beide. Sie drinnen. Ich draußen. Wir sind die Überlebenden einer Schlacht.
»Ich finde, das ging gut«, sagt sie. »Du warst tüchtig.«
Ich war tüchtig? Ich sehe sie mit Tränen in den Augen an. So einer Wut bin ich bisher nie auch nur nahegekommen. Nicht einmal, als mich die Nachbarjungen gezwungen haben, mich unter ihren Pointer zu legen. Wie rot bin ich jetzt? Kochrot? Hummerrot? Wenn ich noch röter werde, kriege ich Wundbrand im Gesicht. Mutter sagt, Wundbrand sei gefährlich.
»Kann ich gehen?«, frage ich und stelle im selben Moment fest, dass Pause ist, dass meine ganze Klasse in beruhigender Entfernung steht, nur einige Meter weiter.
»Ja, du kannst gehen«, sagt sie mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln. Dann entdeckt sie die anderen. »Ist er nicht tüchtig?«, ruft sie ihnen zu. Die anderen nicken und kichern. »Bald schreibt er mit rechts!«
»Uääääh!«, rufen die anderen zurück.
»Fräulein Ätschbätsch«, rufen die Mädchen. Aber sie hört nichts.
»Geh jetzt«, sagt sie mit sanfter Stimme. Ich verspüre eine kolossale Erleichterung.
Aber dann fügt sie hinzu: »Das war vielversprechend für eine erste Stunde. Dann sehen wir uns nächste Woche um dieselbe Zeit. Und in der Woche darauf. Und in der Woche darauf. Sprich mir das nach und heb dabei die Hände in die Luft. Sei fest und rhythmisch. So, ja. Die Woche darauf. Die Woche darauf. Und die Woche darauf …«
15
Der Herbst kommt. Vater pflückt Äpfel. Mutter steht am Fenster und seufzt: »Wie sollen wir die denn alle aufessen?«
Ich stehe in unserem Garten, oder dem Garten, den wir gemietet haben, und schnuppere die scharfe Herbstluft. Alles kommt mir jetzt klarer vor, draußen und drinnen. Ich weiß, wo die Freunde sind, und wo sich die Feinde aufhalten. Aber die ganze Zeit passiert Unerwartetes. Tormod und ich dürfen Vater nicht mehr zu Ulf begleiten. Die beiden haben zu viel zu besprechen, sagt Vater.
Aber nach Mærradalen dürfen wir mitkommen.
Die Miezekatzen. Die sind einfach nur da. Sie lassen sich nicht zu rhythmischer Gesundheitsgymnastik zwingen, um vollwertige Menschen zu werden, die den Unterschied zwischen links und rechts kennen. Ich streichle den kleinen grauen Wicht, der schnurrt wie der Fiatmotor der Nachbarn, während ich dem langen Gespräch der Erwachsenen zuhöre. Vater spricht über den Krieg, der vielleicht wieder kommen wird, über die Sowjetunion und die USA.
Warum können sich die Politiker nie einigen, frage ich mich. Warum gibt keiner je nach? Chruschtschow sieht doch so lieb aus. Bei Eisenhower bin ich mir nicht so sicher, aber seine Tage sind ja ohnehin gezählt. Begreifen die nicht, welche Angst Vater hat? Verstehen sie nicht, wie schlimm alles kommen kann?
Auf dem Heimweg begegnet uns ein Mann. Er kommt uns mit einem irischen Setter auf dem Weg entgegen. Der Setter ist dünn und nervös, schielt die ganze Zeit zu seinem Herrn hoch, aus Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Und wer ist der Herr, denke ich. Ein echter Bürger von Makrellbekken, mit einem Ferienhaus in Haugastøl und einer Anwaltskanzlei beim Rathaus. Da fehlt nur noch das Schrotgewehr.
Vater grüßt. Die beiden kennen einander. Also habe ich mich geirrt. Das ist kein Jurist. Er ist Ingenieur, wie Vater. Einer von denen, die alles wissen. Die Atombomben bauen und dagegen demonstrieren.
Sie kommen ins Gespräch. Aber ich höre nicht zu. Ich sehe den Hund an. Der sieht mich an. Was hat er davon, dass er gehorsam ist? Sein kluger Kopf. Die sensiblen Schnurrhaare. Der sanfte, wachsame Blick. Er könnte uns alle drei umbringen. Er könnte sich in unseren Kehlen verbeißen, wenn er das wollte. Aber das will er nicht. Er will gehorsam und brav sein. Er hält das für den richtigen Weg. Aber was weiß er über das Leben? Hat er recht? Wird der Besitzer freundlicher, weil der Hund gehorsamer wird? Der Ingenieur aus Makrellbekken reißt an der Leine, wenn der Hund an Pflanzen schnuppert, die ein wenig zu weit wegstehen. Der Hund soll still sitzen und gehorchen.
Und der Hund sitzt. Der Hund gehorcht.
Die Erwachsenen achten nicht auf ihn, während sie reden. Nicht einmal Vater würdigt ihn eines Blickes. Aber er hatte ja immer schon Angst vor Hunden.
Und dann sehe ich ihn.
Den aufrichtigen, suchenden Blick. Wann habe ich zuletzt gesehen, dass mich ein Mensch so angestarrt hat? Dieses niemals Verurteilende. Das Erwartungsvolle. Wollen wir spielen? Spaß haben? Willst du mich streicheln? Vielleicht eine Runde durch den Wald mit mir gehen? Ist das nicht ein phantastischer Tag?
Er wedelt vorsichtig mit dem Schwanz. Er möchte mein Freund sein. Er ist hier auf der Welt, und er möchte das Beste daraus machen. Was wäre nötig, damit er wütend wird? Wann sagt er, jetzt reicht es? Wann schlägt er zurück?
»Du bist ein Freund«, flüstere ich und gehe in die Hocke, während er mein Gesicht leckt.
Chruschtschow spricht vor der UN-Vollversammlung. Er wedelt nicht mit dem Schwanz. Er ist guter Dinge. An der Haltestelle Smestad stehe ich mit Mads. Mads redet drauflos.
»Jetzt gibt es Krach«, sagt er. »Wieso denn?«
»Chruschtschow bei der UN.«
»Ach«, sage ich. Ich weiß nicht viel über die UN. Ich weiß nur, dass die Amerikaner sie UN nennen, während die Franzosen ONU schreiben, noch ein Beweis dafür, dass Französisch einfach Amerikanisch von hinten ist. Außerdem sind sie Snobs, die einen Extra-Vokal brauchen. In einigen Jahren wird mein Bruder sich zum Glück eine Freundin zulegen, die sich über diesen Snobismus lustig macht. Alle glauben, dass sie Französisch spricht, wenn sie sagt: »Bleu de Gans, oh là là!« Das klingt doch so vornehm!
Mads ist außer sich vor Begeisterung, als Chruschtschow im UN-Gebäude eingetroffen ist.
»Weißt du, wie norwegisch die UN eigentlich ist? Trygve Lie war der erste Generalsekretär. Und wo hat er gewohnt, was meinst du? Na, oben in dem Hochhaus, das wir jeden Tag von der Schule aus sehen können. Vielleicht ist er auch auf die Waldorfschule gegangen? Aber sollten wir darauf stolz sein?«
»Nein«, sage ich, weiß aber nicht, ob ja richtiger gewesen wäre.
»Genau, lieber Freund.« Mads setzt die selbstsichere, supererwachsene Maske auf, die ich liebe.
»Ist das UN-Gebäude eigentlich nicht viel zu norwegisch? Merkst du nicht den Stallgeruch? Sieh dir den Saal des Sicherheitsrates an. Mein Vater sagt, den hat dieser Arneberg entworfen, von dem auch die Villa unserer Nachbarn stammt. Und wer, glaubst du, hat das große hoffnungsvolle, kitschoptimistische Bild an der Fondwand gemalt?«
»Was ist kitschoptimistisch, und was ist eine Fondwand?«, frage ich. »So ist es eben, Ketil. Du musst aufhören, Erklärungen für Dinge zu verlangen, die ohnehin gut klingen. Frag lieber, wie der Maler heißt. Per Krohg. Genau. Der Sohn von Christian Krohg. Von dem hast du doch wohl schon mal gehört? Einer aus unserer Klasse hat zu Hause einen echten Krohg im Wohnzimmer hängen. Weißt du nicht mehr? Bei dem Reederssohn zu Hause? Wo das Geld aus der Wand quillt? Kannst du dich nicht an den Geburtstag erinnern? Diese komische Frau mit dem riesigen Hut? Das war ein Porträt seiner Tante. Bokken Lasson. Sie hat Laute gespielt und in Kabaretts gesungen. Außerdem war sie eine der Gründerinnen der Waldorfschulen in Norwegen. Und jedenfalls ist das ein norwegischer Maler. Also drei Norweger im Hauptgebäude der UN. Aber stimmt das rechnerisch? Dürfen wir so großtun, Ketil? Weißt du nicht mehr, wie Ledsaak uns vorige Woche genannt hat? Eine winzigkleine Nation mit vier Millionen Stallwichteln?«
»Ich weiß nicht so ganz«, sage ich.
»Aber Chruschtschow ist in New York«, sagt Mads mit verträumtem Blick, als sei er auch da.
»Eines Tages wirst du Ministerpräsident«, sage ich.
»Nein, Justizminister«, korrigiert er, während er sich mit seinem schmutzigen Zeigefinger einen dicken Popel aus der Nase holt.
16
Oktober 1960. In der Zeitung ist ein Bild von Castro und Chruschtschow, die einander umarmen. Sie sehen so freundlich aus, alle beide. Ich merke, dass Vater sie lange anstarrt und sich seine Gedanken macht. Es ist eine nervöse Zeit auf der Welt. Vater gefällt es nicht, dass Eisenhower nicht zugibt, dass die USA während des U-2-Skandals gelogen haben. Vater will die Karten auf dem Tisch haben. Will, dass die Dinge bei ihrem rechten Namen genannt werden. Chruschtschow hat eine Art von Volkstümlichkeit, die Eisenhower fehlt. In meinen Augen ist er der liebe Onkel. An die dreißig Jahre später werde ich an ihn denken, als ich mit einem Cellisten und einer Sängerin durch Lettland fahre. Der Kapitalismus hat sie eingeholt. Der, von dem sie ihre ganze Jugend hindurch geträumt haben. Aber jetzt sind sie arm. Ärmer denn je. Sie sehnen sich nach der Sowjet-Zeit. »Vielleicht hatten wir damals nur Kartoffeln oder Möhren. Aber wir hatten immerhin Kartoffeln oder Möhren.«
Chruschtschow ist mächtig. Und umstritten. Sechs Jahre zuvor hat er der Ukraine die Halbinsel Krim gegeben. Jetzt sitzt er mit der russischen Delegation unten im Saal. Es ist die alljährliche Hauptversammlung der UN. Eine große Möglichkeit, quer über die starren Grenzen hinweg miteinander zu reden. Vater bekommt immer einen verträumten Blick, wenn er über die UN spricht. Diese Organisation ist die Hoffnung der Welt. Er meint, es müsse möglich sein, die UN zu einem Nein zu Atomwaffen zu bringen, Nein zur Todesstrafe, Nein zum Krieg.
Chruschtschow ist seit drei Wochen in New York. Es ist der 12. Oktober. Am Tag darauf will er in den Kreml zurückkehren. Die Sitzung war ein Albtraum voller Konflikte und Anschuldigungen. Die Delegierten sind vom Kalten Krieg geprägt. Von Misstrauen. Von Lügen. Die Amerikaner behaupten noch immer, das Spionageflugzeug sei ein Forschungsflugzeug gewesen, obwohl die UdSSR Beweise vorlegen kann. Alle schreien. Der Hammer des Vorsitzenden zerbricht nach zahllosen Versuchen, den Saal zur Ruhe zu bringen. Chruschtschow schlägt schließlich auf den Tisch, immer wieder, wie ein trotziger Fünfjähriger vor dem Breiteller. Seine Uhr löst sich von der Kette und fällt zu Boden. Der Delegierte von den Philippinen wirft Chruschtschows Regime vor, Osteuropa geschluckt und den Ländern dort ihre politischen und bürgerlichen Rechte genommen zu haben. Chruschtschow bückt sich, um seine Uhr aufzuheben. Dabei fällt sein Blick auf die Schuhe, die er abgestreift hat, weil sie zu eng sind. Er nimmt einen in die rechte Hand und richtet sich auf. Mehrere Male schlägt er mit dem Schuh auf den Tisch und ruft dabei etwas auf Russisch. Am selben Tag verbreiten die Nachrichtenagenturen das Bild von Chruschtschow, der einen Schuh hochhebt. Aber das Bild ist manipuliert. Es sieht aus, als stehe Chruschtschow auf dem Rednerpodium. Es ist im Interesse der USA, Chruschtschow als gestört darzustellen. Ein Bild zu fälschen ist für die Fototechniker der CIA das Einfachste auf der Welt. Oder für FBI, U. S. Secret Service oder U. S. Military Intelligence. Chruschtschow wird für immer in schlechtes Licht gerückt.
17
Mads und ich fahren mit der Straßenbahn zur Haltestelle Nationaltheater. Wochenschau im Palassteater. Dort sehen wir den Bericht aus New York über Chruschtschow und das UN-Chaos. Außerdem rücken die Präsidentschaftswahlen näher. Nixon gegen Kennedy. Das große politische Drama will kein Ende nehmen. Vater geht ebenfalls ins Palassteater. Er versucht, so oft wie möglich die Wochenschau zu sehen. Aber er geht nie zusammen mit uns. Er hat so viel zu tun. Er arbeitet bei der Studiengesellschaft für die Norwegische Industrie. Er arbeitet im Haus der Ingenieure. Er arbeitet auf Ulfs Dachboden. Er kommt abends spät nach Hause, und dann ist Mutter verärgert, wenn sie nicht selbst in der Oper sitzt und aufpasst, dass alle in der Zauberflöte den richtigen Text haben.
In der Schule wollen Ledsaak und die anderen Lehrer, dass wir so lange wie möglich Kinder sind. Wir ziehen pastellfarbene Kostüme an und gehen im Kreis, während wir Musik von Schubert hören. Der liebenswürdige Musik-Smith sitzt am Klavier. Er ist der netteste Mann auf der Welt, groß und sanft. Ein Bergenser mit leiser Stimme. Er ertränkt die Vokale gern in seinem schnarrenden r. Am Ende hört es sich nur noch an wie Gurgeln.
Vielen von uns Jungen fehlt es an Körpergefühl, aber wir beobachten verstohlen die Mädchen. Schon drei Jahre zuvor wurde mir schwindlig. Als ein Mädchen aus dem Kindergarten sich auf einer Waldwanderung vollständig auszog. Sie wälzte sich im Dreck und war ungezogen. Aber als sie wieder aufstand, konnten wir den kleinen Spalt zwischen ihren Beinen sehen, und ich wusste nicht, wohin mit meinem Körper. Vielleicht stimmte auch in dieser Hinsicht etwas mit mir nicht. Solche Gefühle waren ja mit den Jahren nicht weniger geworden, wie man doch hätte hoffen können, ich ging ja schon auf die neun zu. Immer, wenn ich zusah, wie das blonde Mädchen, von dem ich behauptet hatte, sie umgestoßen zu haben, mit ihrem schlanken, hochaufgerichteten Leib den Buchstaben D darstellte, wurde mir schwindlig. Sie war keine von den Beliebten. Sie wurde nicht zum Nähkränzchen der Königinnen eingeladen. Niemand wusste, dass sie die Schönste war, nur ich.
Ich versuchte, mit Mads über diese Dinge zu sprechen, wenn wir an der Haltestelle Smestad standen und die vielen Autos über den Sørkedalsvei sausen sahen. Aber er begriff das nicht. Mädchen waren kein Thema für einen angehenden Justizminister. Er wollte lieber über Nixon und Kennedy reden.
Natürlich hielt ich zu Nixon. Der hatte doch Locken, genau wie Vater. Er hatte sogar Ähnlichkeit mit Vater. Aber Vater war hübscher. Nixon war der menschlichere der beiden Präsidentschaftskandidaten. In der Wochenschau hatten Mads und ich gesehen, dass Nixon bei den wichtigen Fernsehdebatten der Schweiß ausbrach. Die Schminke war ihm über die Stirn gelaufen. Sogar das Schwarze um die Augen, dessen Namen ich nicht wusste, hatte angefangen, sich aufzulösen. Er sah aus wie ein Clown. Aber ich mochte Clowns. Als ob ich schon wüsste, dass er ein Verlierer war. Ich mochte Verlierer. Kennedy sah auf die falsche Weise gut aus. Und seine Frau war viel zu hübsch. Jacqueline. Mads ist total verschossen in sie. Ich hatte gar nicht gewusst, dass er Mädchen überhaupt ansah. In meinem Zimmer zu Hause im Melumvei hatte ich Bilder vieler Filmstars, aber wenn Mads zu Besuch war, würdigte er sie keines Blickes. Nicht einmal Audrey Hepburn. Er wollte Jackie.




