- -
- 100%
- +
»Du darfst nicht zu Nixon halten, Ketil«, sagt Mads. »Denn sonst begehst du einen historischen Irrtum. Es hilft nichts, dass er Vizepräsident war. Denn er war Vizepräsident für den Falschen. Außerdem ist er Republikaner.«
»Abraham Lincoln war auch Republikaner«, sage ich.
Mads läuft rot an. Woher ich das denn weiß? Er rechnet nicht damit, dass ich überhaupt etwas wissen könnte. Er hat nicht begriffen, dass ich bei jeder Gelegenheit Vater ausfrage. In der Schule will ich Märchen hören. Zu Hause und zusammen mit Mads ist Weltpolitik angesagt.
Nixon verliert mit dem kleinstmöglichen Rückstand. 49,7 Prozent zu 49,6. Ich hatte es im Gefühl. Die Ungerechtigkeit, von der meine Mutter spricht. Alle Frauen, die weniger verdienen als die Männer. Chessman, der sein Leben verliert, weil eine Sekretärin eine Ziffer von einer Telefonnummer vergessen hat.
Aber Vater scheint zufrieden zu sein. »Ich glaube an Kennedy«, sagt er. »Es wird spannend sein, ihn zu beobachten. Wir müssen ihm eine Chance geben.«
Diese widerlichen dicken Lippen? Das anbiedernde Lächeln? Nein danke. Nixon zeigt uns wenigstens, dass er ein Mensch ist.
Das norwegische Nobelkomitee vergibt in diesem Jahr keinen Friedenspreis. Sie finden einfach keine geeigneten Kandidaten. Der Literaturnobelpreis dagegen geht an den französischen Lyriker Saint-John Perse.
»Perse hat das sicher verdient«, sagt Mads. Er sieht plötzlich aus wie Francis Bull.
Am Sonntag, dem 27. November, sitzen Vater und Ulf im Klingenberg-Kino. Wir Kinder dürfen diesmal nicht mitgehen, begreifen aber nicht, warum. Es ist die erste öffentliche Kundgebung gegen Atomwaffen, die in Norwegen abgehalten wird. Dreizehn Personen stehen auf dem Podium und erzählen, dass sie einen moralischen Ostermarsch planen. Diese Menschen, zu denen Reidar Aulie, Otto Bastiansen, Kristian Schjelderup und Odd Hølaas gehören, werden von Morgenbladet als Sendboten der Kommunisten angeprangert. Aber Dagbladet schreibt, das sei böswillige Verleumdung, und bezeichnet die Gerüchtemacher als Brunnenpisser, die eine wichtige Debatte vergiften. Drei Wochen später, kurz vor Weihnachten, kollidieren in einem Schneesturm über New York zwei Passagierflugzeuge. 127 Fluggäste und die Mannschaft stürzen in Brooklyn ab, wodurch fünf weitere Personen das Leben verlieren. Der einzige Überlebende ist ein elf Jahre alter Junge, der in eine Schneewehe fällt. Am selben Tag streift ein amerikanisches Militärflugzeug einen Kirchturm in München und stürzt mitten in der Stadt in eine Menschenmenge. Das Flugzeug stößt mit einer Straßenbahn und mehreren Autos zusammen. Dreiundfünfzig Menschen kommen um, viele hundert müssen mit schwerwiegenden Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht werden.
Mutter betrachtet das als Omen. »Vor Feiertagen passiert immer etwas Schlimmes«, sagt sie. Sie weiß noch nicht, dass sie an einem Ostersonntag sterben wird.
Aber als es dann Weihnachten wird, herrscht Friede im Melumvei. Vater ist in diesem Jahr zum letzten Mal der Weihnachtsmann. Tormod und ich haben ihn schon vor vielen Jahren erkannt. Mutter und Vater sind nett zueinander. Wir singen Weihnachtslieder und hören Bachs Weihnachtsoratorium. Und zu Silvester steht wieder Tante Svanhild vor der Tür, mit Geschenken, dem Kellerkuchen und dem feinen Persianer.
Ich falle ihr um den Hals und fange an zu weinen.
»Aber wieso weinst du denn?«, fragt sie verdutzt. »Was ist denn passiert?«
»Nichts«, antworte ich. »Ich freue mich nur so über deinen Besuch.«
1961
18
Die Schulleitung von Vegårshei sitzt allen Ernstes zusammen und diskutiert über die großen Lebensfragen. Es ist der dritte Tag des neuen Jahres. Die Schulleitung interessiert sich nicht für den Kalten Krieg. Und auch nicht für John F. Kennedy. Die Schulleitung besteht aus denkenden Menschen, die allerlei gelesen haben. Sie haben sich in diesem Raum versammelt, um sich von Darwins Entwicklungslehre zu distanzieren. Die stimmt nicht mit der Bibel überein. Es ist die Pflicht der Schulleitung, diese Irrlehre anzuprangern. Und das tun sie, nach einer langen und inhaltsreichen Sitzung. Der Vertreter der Lokalpresse macht eifrig Notizen.
Mads und ich stehen vor den Schaukästen beim Scala-Kino und sehen uns Bilder aus dem Film Line an. Wenn ich Margarete Robsahm sehe, kriege ich sofort weiche Knie. Was ist los mit mir? Warum interessiere ich mich so sehr für erwachsene Frauen? Diese Sehnsucht. In dem Film geht es offenbar um einen Jazzmusiker. Ich lese jetzt die Filmrezensionen in Aftenposten und Dagbladet. Ich begreife so viel von der Welt der Erwachsenen, wenn mir der Inhalt dieser Filme beschrieben wird. Line ist ein sogenannter gewagter Film. Das entnehme ich den Zeitungen. Robsahm zeigt etwas von ihrem Körper. Was kann das sein? Ihr Busen? Oder das Unaussprechliche? Mads interessiert sich inzwischen so sehr für diese Dinge wie ich, aber für das hier hat auch er keine Sprache.
»Mein Onkel war Jazzmusiker«, sage ich zaghaft. »Ach was«, sagt Mads. »Aber hatte er Frauen?«
»Er hat jetzt eine, aber er macht keinen Jazz mehr.«
»Ach. Wie schade.«
»Er hat auch kein Klavier.«
»Was ist schlimmer, kein Klavier zu haben oder keine Frau?«
»Keine Frau«, antworte ich voller Überzeugung.
»Würdest du das Klavier bei euch zu Hause gegen eine Frau eintauschen?«
»Wenn es Leah wäre, dann ja.«
Leah kommt mit ihrem Vater auf dem Motorrad angefahren, obwohl Winter ist und hoher Schnee liegt. Sie sitzt hinten und hat die Arme um ihn gelegt. Wenn Abel und Leah angesaust kommen, ist das ein Fest, jedenfalls für Abel selbst, meine Eltern, meinen Bruder und mich. Abel bringt nämlich Schokolade mit, die allergrößten Tafeln, die aussehen wie braun angestrichene Goldbarren. Er lässt sich auf das Sofa fallen und fängt an, die erste Tafel in Stücke zu brechen. Alle bekommen etwas ab, nur Leah nicht. Abel ist Vegetarier, und deshalb muss Leah auch vegetarisch leben. »Zucker ist ungesund« mahnt er, während er sich die Backen mit Haselnuss- und Milchschokolade vollstopft.
»Natürlich bekommt auch Leah Schokolade«, sagt Mutter wütend. »Folter gibt es bei uns im Haus nicht.«
Also bekommt auch Leah Schokolade, aber nicht so viel wie mein Bruder und ich.
Das wiederholt sich wirklich jedes Mal, wenn sie zu Besuch kommen.
Leah hat dicke dunkle Locken und sieht aus wie die indische Prinzessin aus dem Mädchen, das die Lehrer in der Schule bei der Weihnachtsfeier im Puppentheater spielen. Mutter und Vater erzählen uns, dass Leah Jüdin ist, jedenfalls Halbjüdin. Und Abel ist ein echter Jude. Er ist im Krieg nach Schweden geflohen. Jetzt wohnt er an verschiedenen Orten in Norwegen, meine Eltern werden nie so recht schlau daraus. Außerdem sollen wir nicht so viel darüber reden, dass er Jude ist, so lange Abel nicht selbst davon anfängt. Abel ist Abel. Man kann ihn ohnehin nicht fangen. Er kommt wie ein Wind und ist ebenso schnell wieder verschwunden, mit Leah auf dem Rücksitz. Was machen sie, wenn sie nicht bei uns sind? Das ist unmöglich zu beantworten, und es hat auch keinen Sinn, zu fragen. Wenn Abel nach Oslo kommt, geht er ins Kino. In Erwachsenenfilme, die weder Leah noch andere Kinder sehen dürfen, obwohl Leah schon fast zwölf ist. Abel lacht gern, und wir lachen gern mit ihm. Er mag Filme, in denen alles richtig schiefgeht, in denen Leute die Treppe hinunterfallen und sich Arme und Beine brechen. Er liebt tote Menschen, die bei der Beerdigung aus dem Sarg plumpsen. Er liebt alles, was makaber und surrealistisch ist, und so, wie er erzählt, bringt er Vater immer zum Lachen, so sehr, dass er schluchzt und ihm die Tränen aus den Augen strömen, so sehr, dass ich mich manchmal frage, ob er in Wirklichkeit nicht weint. Sie waren zusammen Vegetarier, aber das war, als meine Eltern in Trondheim wohnten. Vater kann einfach nie ganz normal gewesen sein, denke ich. Erst, als Mutter anfing, unwiderstehliche Fleischsuppen zu kochen, musste Vater aufgeben. Seine Kapitulation war übrigens dramatisch. Abel war zu ihnen nach Tyholt gekommen und wollte dort übernachten. Das war vor Leahs Geburt, und Abel hatte sich damals nicht einmal Schokolade gegönnt. Mutter hatte es nach einigen Jahren total satt, immer nur Gemüse zu essen, und sie verfluchte Vaters viele fixe Ideen. Man wurde krank, wenn man keinen Fisch und kein Fleisch aß. Da war sie sich sicher. Eine Welt ohne Wiener Würstchen war nicht lebenswert. Abel sprach ebenfalls auffällig viel über Würste, auch wenn er sie nicht aß. Er machte immer Witze über Nonnen und Würste und den Heiligen Geist. Ich verstand nicht alle, aber mein Bruder sagte, sie seien grob.
Damals, oben in Trondheim, hatte Mutter auf alles gepfiffen und eine Suppe aus Gemüse und dicken Knochen und Fleischresten einer geschlachteten Kuh gekocht. Sie konnten sich damals nichts Besseres leisten. Sie ernährten sich vor allem von Rüben, Roter Bete, Weißkohl, Kohlrabi und Kartoffeln. Außerdem von Graubrotscheiben mit roher Zwiebel und Ziegenkäse. Vater war ein bettelarmer Student. Mutter versuchte, sich als Reklamezeichnerin zu ernähren, verdiente damit aber nicht gerade Millionen. Abel kam und nahm sich Suppe, verdrehte die Augen und sagte, das sei die leckerste Suppe, die er je gegessen habe.
»Weil ich sie von Rinderknochen gekocht habe«, sagte Mutter.
»Von Rinderknochen?« Abel verschluckte sich an der Suppe, als er das hörte. »Du weißt doch, dass ich kein Fleisch esse, Alfhild. Das war gemein von dir.«
»Ich esse Fleisch«, sagte Mutter auf die souveräne Art, die sie manchmal haben konnte, wenn sie die Umwelt aufgab und alle anderen Idioten waren.
Aber Abel hatte jetzt ein Problem. Er hatte erst einige Löffel von der Suppe gegessen, als die Wahrheit ans Licht kam. Sollte er aufstehen und gehen, oder sollte er sich an der verdammten Suppe satt essen, ehe er ging?
»Du vergiftest meinen Leib!«, schrie er Mutter an.
»Du brauchst ja nichts zu essen«, sagte Mutter kalt.
Aber Abel schlürfte die Suppe, er konnte es nicht lassen. Ein hungriges Raubtier ohne jegliche Kontrolle, dann stand er auf, satt und zufrieden, und ging. Er wolle mit meinen Eltern nichts mehr zu tun haben, sagte er. Er sagte, er werde in der Stadt in einem Hospiz übernachten.
»Wenn er sich wie ein Idiot aufführen will, ist mir das doch egal«, sagte Mutter. Sie kannte ihn zu gut. Abel kam nach einigen Stunden zurück. Er hatte schließlich auch kein Geld.
Ich starrte Leah an, die dort neben ihrem Vater auf dem Sofa saß und die wenigen Schokoladenstücke genoss, die ihr zugeteilt worden waren, während wir anderen uns hemmungslos vollstopften.
»Können wir bei euch übernachten?«, fragte Abel.
Ich fuhr zusammen. Ich wusste, was kommen würde. Das letzte Mal war so lange her.
Aber ich war keine sechs mehr.
Leah war anders. Leah war ein Traum. Leah hatte keine Vorbehalte, wie die Mädchen in der Klasse. Sie stand nicht in einer Ecke und machte sich interessant. Sie zierte sich nicht. Neckte nicht, spottete nicht. Hatte kein Nähkränzchen für sich und die Auserwählten. Sie interessierte sich immer für meinen Bruder und mich. Spielte gern, rannte, sprang. Ein klingendes munteres Lachen, als wäre die ganze Zeit Frühling.
Als es Abend wurde, war ich schrecklich aufgeregt. Wir sollten im selben Bett schlafen, während Abel auf dem Wohnzimmersofa übernachtete. Würde sie auch diesmal nackt sein?
Wir kicherten und lachten. Putzten uns nacheinander die Zähne. Sie sah sich die großen Filmplakate an, die ich an der Wand hängen hatte, von Filmstars, deren Filme ich noch gar nicht sehen durfte. Natalie Wood. Audrey Hepburn. Margarete Robsahm wagte ich nicht hinzuhängen, obwohl Tante Svanhild den Film am Tag der Premiere gesehen hatte. Sie ging jeden Donnerstag um fünf ins Kino. Immer allein, ins Frogner Kino. Oder ins Gimle. Zur Not ins Saga, Scala, Klingenberg oder eins der anderen Kinos unten in der Stadt.
»Der war überaus gewagt«, sagte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Gewagt, überlegte er. Wieso denn? Was zeigte diese schöne blonde norwegische Schauspielerin denn, was so gefährlich war? Das gleiche, was Leah vielleicht in einigen Minuten zeigen würde? Einen nackten Mädchenkörper? Vielleicht hätte er doch ein Bild von Margarete Robsahm aufhängen sollen. Oft stahl er sich einige Münzen aus der gemeinsamen Kasse der Eltern, um sich Filmzeitschriften zu kaufen. Die hatten so glänzendes Papier. Die Mädchen waren schön. Strahlten. Große Augen. Knallrote Lippen. Fast, als ob sie wirklich wären.
Allein im Zimmer mit Leah. Sie wagten wohl nicht, Leah mit seinem Bruder alleinzulassen, denn der war drei Jahre älter, so alt wie sie. In dem Alter war offenbar alles möglich.
Er ist so aufgeregt, glücklich und froh. Seine Wangen werden rot. Und Leah lacht ihr klingendes Lachen. Lächelt ihn an, als ob sie ihn die ganze Zeit neckte. Aber das ist nicht gemein. Er wird gern geneckt, wenn Leah das macht.
Sie haben seinem Bruder und den Erwachsenen gute Nacht gesagt.
Sie sind allein in seinem Zimmer, hinter einer geschlossenen Tür. Sie machen eine Kissenschlacht. Sie hüpfen auf dem Bett auf und ab und bewerfen sich gegenseitig mit Kissen.
Leah wird es warm, und sie zieht ihr Nachthemd aus.
Splitternackt steht sie vor ihm und lacht. »Du hast einen stehen!«, kichert sie.
»Wieso denn stehen?«, fragt er.
19
Er denkt oft an Abel und Leah. Jeder ihrer Besuche ist wie ein Traum. Immer darf er hinten auf Abels Motorrad aufsitzen, auch wenn seine Mutter wütend wird und es verbieten will. Es ist zu gefährlich. Aber Abel verspricht, langsam zu fahren. Er wird nur ganz wenig Gas geben, sagt er, dann dreht er voll auf, und das Motorrad jagt wie ein Pfeil durch den Melumvei. Bis zum Grinidam braucht es weniger als dreißig Sekunden. Er hält sich fest, während sie nach Lijordet hochfahren. Das hier ist das Jet-Zeitalter. Ist es so ein Gefühl, wenn man fliegt? Die SAS hat von der Swissair zwei Convair-600-Coronado-Maschinen ausgeliehen. Die schaffen angeblich fast tausend Stundenkilometer. Das ist etwas anderes als das viermotorige Propellerflugzeug, mit dem sein Vater einige Monate zuvor aus Spanien gekommen ist. Sie waren mit dem Bus nach Fornebu gefahren, um ihn abzuholen. Schließlich flog der Vater nicht jeden Tag. Und was in aller Welt hatte er in Spanien gewollt? Er erinnert sich, wie das Flugzeug gelandet ist und wie der Vater herauskam, zusammen mit den anderen Fluggästen, leichenblass im Gesicht. Er hatte sich offenbar eine Lebensmittelvergiftung zugezogen. Er saß drei ganze Tage lang auf dem Klo. Aber er hatte Geschenke im Gepäck. Eine Señorita-Puppe mit rotem Flamencorock, die an Leah erinnerte. Einen 8-Millimeter-Schmalfilm, dessen Inhalt der Vater nicht kannte und bei dem es dann um einen Stierkämpfer ging, der in einer riesigen Arena einen großen schwarzen Stier tötete. »Widerlich«, sagte die Mutter. Er selbst sah sich den Film oft heimlich an. Er liebte das Verbotene, genau wie Abel. Abel hätte über diesen Film sicher gelacht. Abel hätte sicher auch gelacht, wenn er mit einem riesigen Auto zusammengestoßen und zu Hackfleisch geworden wäre. Natürlich nur, wenn er dann noch lachen könnte. Er musste einmal etwas Schreckliches erlebt haben. Abel fürchtete sich vor gar nichts mehr. War es so, wenn man Jude war? Er sitzt hinten auf dem Motorrad. Er ist fast neun Jahre alt und hat die Arme fest um den Erwachsenen geschlungen, der nur Rohkost und Schokolade isst. Er denkt, dass er eines Tages auf Reisen gehen wird. Der Vater hatte eine SAS-Broschüre mitgebracht, in der alle Flugstrecken in eine Weltkarte eingezeichnet waren. Zusammen mit Mads hatte er sich diese Karte genau angesehen. Die SAS flog nach New York und Moskau, nach Wien und Warschau. Sie flogen nach Istanbul, Ankara, Teheran, Beirut, Damaskus, Kairo, Abadan, Bagdad, Manila und Jakarta, und natürlich in alle europäischen Städte. Und nach Montreal, Anchorage, Søndre Strømfjord, Santiago, Rio, Montevideo und Buenos Aires. Er wusste nicht, dass er mehr als fünfzig Jahre später dieses Streckennetz nicht wiedererkennen würde. Dass sich die Welt verändern könnte. So, wie er sich auch veränderte, Tag um Tag, mit einer Ausnahme.
Fräulein Ätschbätsch hatte total versagt bei ihrem Versuch, ihn zum Rechtshänder zu machen. Jetzt hatte er sogar schreiben gelernt, und er wusste, dass er niemals, unter keinen Umständen, die richtige Hand benutzen würde. Nur beim Klavierspielen konnte er die rechte Hand benutzen, zusammen mit der linken. Aber das hatte er ihr noch nicht gesagt.
Dreimal pro Woche wird er weiterhin aus der Klasse geholt und muss über den leeren Schulhof zu dem Haus im Wald gehen. Da erwartet sie ihn.
Sie tut ihm immer mehr leid. Der krumme Rücken. Die verstockte Freundlichkeit. Sie begreift nicht, dass er ein Spiel spielt. Dass er sich bereits entschieden hat. Dass ihre Bemühungen sinnlos sind. Dass er sich nur verstellt.
Sie stopft ihm keine Süßigkeiten mehr in den Mund. Ab und zu, wenn er nach einer Stunde in einem Hauptfach müde oder wenn sein Magen aufgequollen ist, weil er zum Frühstück zu viele rohe Zwiebeln gegessen hat, kann er abweisend wirken. Dann sieht er in ihren Augen etwas Trauriges, das ihn rührt. Er sieht, dass die Erwachsenen nicht immer so stark sind, wie sie vorgeben. Er sieht, dass sie bald sterben wird.
Sie packt seine Hände, als wäre er eine Puppe. Es ist ein starker Griff, aber kein unfreundlicher. Er lässt sie gewähren. Er lernt etwas Wichtiges, das ihm später im Leben oft helfen wird: Ausweichen. Den Kampf nicht aufnehmen. Nicht auf seinem Standpunkt beharren. Es ist so leicht, das zu tun, denn es gibt keinen Widerstand. Keine Konflikte. Und dann glauben sie, sie könnten ihn fangen. Aber sowie er allein ist oder sich ungesehen wähnt, ist er frei. Dann schreibt er wieder mit der linken Hand. Das ist sein kostbares Geheimnis: Niemand kann über ihn bestimmen. In seinem Reich ist er Chruschtschow. Er ist Kennedy. Er ist Diktator für einen einzigen Menschen: sich selbst.
Ihr ganzes Leben hat sie dafür gearbeitet, dass Kinder es besser haben. Deshalb schreibt er mit der rechten Hand, so lange er bei ihr ist. Buchstaben, die unleserlich sind. Sie sagt, er sei tüchtig, während Darmgase aus ihr heraussickern. Körperdünste, die sich mit dem Geruch von verfaulenden Pilzen, Kalk und Lavendel mischen.
Er lässt sich nichts anmerken. Lügt wie gedruckt. Er merkt, dass sie sich freut. Hat sie es wirklich geschafft? Schreibt er jetzt mit der rechten Hand? Kommt ihm das ganz natürlich vor?
Fräulein Ätschbätsch sieht ihn triumphierend an. Sie ist stolz auf sich, weil ihr etwas gelungen ist. Ein gehorsamer Schüler, der tut, was sie sagt. Davon hat sie nicht allzu viele.
Wenn er wieder in der Klasse ist, lässt er sich nichts anmerken. Er schreibt mit links. Verschmiert Tinte auf dem Papier, wenn seine Handfläche die noch nicht getrocknete Schrift verwischt. Er spürt die Blicke der anderen. Sie sehen ihn an. Einige Mädchen kichern. Er wird rot. Denkt daran, was sie denken. Dass er es auch diesmal nicht geschafft hat.
Ledsaak steht an der Tafel und beobachtet das alles. Er sagt nichts.
Viele Jahre später wird er denken: Die größten Helden sind nicht immer die, die handeln, die eingreifen, die etwas sagen. Sondern manchmal auch die, die im richtigen Augenblick den Mund halten.
20
Sonntag, 26. Februar 1961. Er geht mit Vater und Bruder über die Wiesen bei Grini. Der Vater hinkt nicht so stark, wenn er auf Skiern geht. Er hat riesige Holzskier, die so viel wiegen wie ein Mensch. Auf denen gleitet er vorwärts, in langsamen, entschiedenen Zügen, während ihm der Schweiß über die Stirn läuft. Selbstgestrickte Ohrwärmer. Der Sonnenuntergang ist flammendgelb und blaurot. Vor Einbruch der Dunkelheit schaffen sie es nicht zurück in den Melumvei. Vielleicht dürfen sie von Eiksmarka nach Røa die Straßenbahn nehmen? Das haben sie schon mal gemacht, zweimal sogar, auch wenn der Vater sagt, dass sie es sich nicht leisten können.
Sie wissen nicht, dass Sputnik 7, Tyazhely Sputnik, der sieben Tonnen wiegt, jetzt gerade über Sibirien abstürzt. Nur drei Wochen vorher wurde er ins All geschossen, nachdem die Amerikaner ihre erste Minuteman-Rakete gestartet hatten, die in weniger als fünfzehn Minuten viertausend Meilen fliegen konnte. Sputnik sollte die Venus erforschen und zwei Jahre später in den Pazifik stürzen. Aber etwas ging schief und das Raumschiff kehrte zurück in die Atmosphäre.
In die Natur hinausgehen. Das hasst er, aber der Vater findet es wichtig. Was ist wichtig? Die schweißnasse Wollkleidung, die kratzt, die Strümpfe, die ins Fleisch schneiden, die Stiefel, die scheuern, die Skier, die wegrutschen, der Saft der Apfelsine, der in die Fäustlinge läuft, der Rotz, der in den Nasenlöchern gefriert. Das einzig Tröstliche ist die Kvikk Lunsj-Schokolade.
Er sieht, dass der Vater nachdenkt. Er denkt derzeit sehr viel nach. Es sind gewaltig große Gedanken. Und dann werden die beiden Brüder neugierig. Hinten im Sonnenuntergang hängt eine Wolke, die aussieht wie ein Pilz. Wie ein Atompilz? Aus der Wochenschau kennt er die alte Aufnahme: eine explodierende Atombombe und der Rauchpilz, der danach entstand. Das macht weder ihm noch Mads Angst. Sie fühlen sich sicher in ihrer Kindheit. »Wir müssen Vertrauen zu den Erwachsenen haben«, hat Mads einmal gesagt. »Sonst haben wir keine Chance.«
Aber da geht der Vater und hat durchaus kein Vertrauen zu den Erwachsenen.
»Siehst du den Atompilz, Vater?«
»Mach keine Witze darüber, Ketil.«
»Warum nicht? Abel macht über alles Witze.«
»Abel ist Abel«, sagt der Vater fast wie zur Entschuldigung. Lange gehen sie schweigend weiter.
»Am Dienstag geht es los.«
»Was geht am Dienstag los, Vater?«
»Der große Atommarsch. Endlich. Das hätte schon längst passieren müssen.«
»Gehst du zusammen mit Ulf?«
»Hoffentlich kommen noch viel mehr außer mir und Ulf.«
»Ich will mitkommen!«, sagt Tormod.
»Ich auch!«, sage ich.
»Natürlich kommt ihr mit.«
»Mutter auch?«
»Die mag keine Demonstrationen.«
»Die mag Ulf nicht.«
»Doch, aber sie findet, dass ich zu oft mit ihm zusammen bin. Und vergesst nicht, Mutter hat so viel anderes zu tun. Ohne Mutter würde dieses gesamte Bauwerk einstürzen.«
»Welches Bauwerk?«
»Das Bauwerk, das Familie Bjørnstad heißt, natürlich.« Er lächelt. Aber es ist ein trauriges Lächeln.
Sie haben es nicht leicht, Mutter und Vater. Wenn ich einen Blick in dieses Bauwerk werfe, sehe ich vier Personen, die in ihrer eigenen Welt leben und die einander zugleich wahnsinnig gern haben. Ich habe das glänzende Bild von Mitzi Gaynor in mein Kinderzimmer gehängt. Sie spielt die Hauptrolle in South Pacific, das gerade in 70-Millimeter-Format im Colosseum läuft. Mutter hat gesagt, dass wir den Film zusammen sehen werden, aber so weit kommt es nie. Am Ende muss sich dann doch Tante Svanhild erbarmen. Mitzi hat Brüste, die geradeaus ragen. Das ist vielleicht doch zu viel. Leah hat gar keine Brüste, und das gefällt mir viel besser.
Dann ist da das Zimmer meines Bruders. Es liegt für mich in einem ewigen Halbdunkel. Ich habe keine Ahnung, was er dort drinnen treibt. Er ist in allem tüchtiger als ich. Das ist das Teuflische, wenn man einen großen Bruder hat. Man hat keine Ahnung, was der treibt, weil er so viel mehr lernt. Die Rechenaufgaben in seinem Buch sind für mich total unlösbar. Außerdem ist er gut in Deutsch. »Wir sind alle fleißig und gehorsam.« Und nachts liegt er unter seiner Decke und hört Luxemburg in seinem kleinen Radio. Wenn Mutter das wüsste, sie hasst Popmusik doch. Er hat alle Bücher über die Hardy Boys und drei aus der Norman Conquest-Serie gelesen. Bücher, auf die ich mich noch nicht konzentrieren kann. Da sind die politischen Artikel in Aftenposten, Orientering und Dagbladet schon leichter, denn sie sind viel kürzer und außerdem kann ich mit Mads darüber reden. Mads liest keine Jugendbücher. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich über die norwegischen Gesetzessammlungen hermacht.
Aber das Bauwerk. Der große warme Raum, das Wohnzimmer, wo Mutter Kerzen anzündet und sich über die Bilder beugt, die sie retuschieren soll, während Vater ein dickes Buch liest. Mein Bruder spielt Klavier, und ich liege auf dem Sofa und starre Löcher in die Luft. Das Glück wohnt in diesem Raum. Deshalb sind wir so gern dort. Dort sind wir alle zusammen. Sonst ist Mutter unten in der Waschküche und schrubbt Kleidung mit Waschbrett und Bütte. Oder sie ist in der Küche und kocht Leber in Sahnesoße oder putzt den kleinen gelben Kühlschrank, den wir gerade bekommen haben und auf dem mein Bruder und ich Marmeladeflecken hinterlassen haben. Oder sie putzt den Boden. Oder sie bügelt. Oder sie hängt Wäsche zum Trocknen auf. Oder sie bezieht die Betten neu.




