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Es ist dunkel, als wir endlich zurück in den Melumvei kommen. Ich sehe Mutters Schatten hinter dem beschlagenen Küchenfenster. Schon in der Haustür riecht es nach Hammeleintopf.
Zwei Tage später findet der große Anti-Atommarsch statt. Ich frage Mads, ob er nicht mitkommen will. Er antwortet ausweichend. Vielleicht ist sein Vater für Atomwaffen, denke ich. Oder er findet, dass fast neun Jahre alte Jungs bei Demonstrationen und Protestmärschen nichts zu suchen haben.
Vater sieht das anders.
Er will, dass wir das hier erleben. »Protest gegen Atomwaffen« steht auf dem Haupttransparent. Unten in der Stadt liegt fast kein Schnee, aber noch immer ist Winter. Die Männer tragen lange Mäntel und breitkrempige Hüte. Die Frauen, von denen nicht so viele dabei sind, tragen Mäntel und Kopfbedeckungen in allen möglichen Farben. In Oslo setzen sich gleichzeitig vier verschiedene Züge von unterschiedlichen Orten aus in Bewegung. Alle treffen sich am Fridtjof Nansens plass, wo die Teilnehmer sich im Hof des Rathauses versammeln und Appellen und Reden lauschen werden. Ulf kommt die Bygdøy allé herunter. Vater ruft ihm aus dem Gewimmel zu und schon ist er bei uns. Der freundliche Mann, der nur lächeln und kichern kann, egal, worüber gerade diskutiert wird. Man sollte eigentlich nicht glauben, dass er gegen irgendetwas protestieren kann.
Er merkt, dass die Stimmung in seiner Umgebung ernst ist. Als ob sie gegen den Untergang der Welt protestierten. Und das tun sie ja auch, denkt er. Wenn die Atomwaffen zu einem Teil des Kalten Krieges werden. Bei der Demo sind kaum Kinder dabei. Nur einige Mädchen und Jungen auf Fahrrädern, die versuchen, Ärger zu machen. Er dreht ihnen eine lange Nase. Sie antworten mit Grimassen, während Ulf dem Vater strahlend erzählen kann, dass sie über 150 000 Unterschriften gegen Atomwaffen gesammelt haben und dass es in allen großen Städten zu Protestmärschen kommt.
Ein junger Mann springt auf die Rednertribüne. Arne Haugestad, 25. Er merkt, dass er diesen Mann mag. Die Intensität. Die Art, in der er die UdSSR und die USA angreift. Mads würde ihn auch leiden können. Haugestad hat überhaupt keine Angst vor Autoritäten. Heißt auch nicht alles gut, was aus Amerika kommt. Haugestad ist Vorsitzender des Studentenverbandes. Studiert Jura. Ja, er hat ein bisschen Ähnlichkeit mit Mads, denkt er. Was bringt ihn dazu, einen bestimmten Menschentyp vorzuziehen und anderen aus dem Weg zu gehen? Er weiß nicht, dass er Haugestad wieder begegnen wird. Viele Jahre später. Dass dieser Mann in seinem Leben besonders wichtig sein wird. Dass noch weitere solche Mads-Typen in sein Leben treten werden, aber nicht allzu viele, weil es so viele eben nicht gibt. Die nicht still in der Schafherde verharren und alles hinnehmen. Die nicht fliehen, wenn die anderen fliehen, und die nicht schlafen, wenn die anderen schlafen. Die Gedanken fliegen, während er dort steht und lauscht. Er prägt sich den Namen ein. Vergisst ihn nie. Aber dann kommt der Gesundheitsdirektor, Karl Evang, den er noch nie leiden konnte, weil der diese widerliche Yankee-Frisur hat, die er selbst jetzt auch haben muss, seit in der Schule Läuse entdeckt worden sind. Außerdem ist Evang schuld an Brustschwimmen, Skiwanderungen, Apfelsinen und allem, was als gesund gilt, aber nur abscheulich ist. Vielleicht hat auch Evang Läuse, und deshalb steht er da mit seinen kurzen Haaren und predigt? Er beobachtet, dass der Vater zuhört und applaudiert, als nun Johan B. Hygen spricht, der Theologieprofessor. Viel älter als Haugestad, schon fünfzig. Aber er wirkt trotzdem jung. »Wir sind weder Wölfe im Schafspelz noch Schafe im Wolfspelz«, sagt er. »Wir sind nur ganz normale Menschen, die versuchen, in einer vernunftlosen und unmenschlichen Zeit für die Sache der Vernunft und der Menschlichkeit zu sprechen.«
Er steht da zusammen mit 20 000 Menschen und fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben als Teil einer tieferen Gemeinschaft. Nicht nur als Teil der vierköpfigen Familie zu Hause im Wohnzimmer in Røa. Nicht nur als Teil des Klassenzimmers am Smestaddam. Sondern der wirklich großen Gemeinschaft. Tausende von Menschen, die dasselbe wollen wie er. Er liebt diese Intensität. Den Vater, der mit erhobenem Blick dasteht. Ulf, der neben ihm steht. Tormod, in beruhigender Nähe. Hygens Stimme, die über den Platz hallt: »Im Namen der Menschlichkeit protestieren wir dagegen, weiter auf einem Weg zu gehen, der eines bösen Tages kein Weg mehr sein wird, sondern ein Abgrund.«
21
Er denkt an den Tod, schon lange. Es ist nicht die Angst vor dem Sterben. Sondern die Gewissheit, dass er es eines Tages tun wird. Vor zwei Jahren noch hat er sich jeden Abend von seinen Eltern verabschiedet, wenn er schlafen ging. Er hat nicht gute Nacht gesagt, sondern lebt wohl. Auf ewig. Er war sicher, dass er den Schlaf nicht überleben würde. Aber er ist nicht gestorben.
Er weiß, dass die Mutter an Gott glaubt, aber sie übertreibt es nicht. Sie gehen nicht jeden Sonntag in die Kirche. Aber als sie, später im März, im Radio hören, dass Ingrid Bjerkås zur ersten weiblichen Geistlichen in Norwegen ordiniert worden ist, sitzt die Mutter an ihrem Retuschiertisch und faucht: »Diese blöden alten Trottel!«
»Willst du nicht, dass sie Pastorin wird?«
Sie dreht sich zu mir um. Zu meiner Überraschung sehe ich, dass sie geweint hat. »Sei nicht so dumm, mein Junge! Das hätte schon längst passieren müssen.«
An diesem Tag bringt Vater aus der Stadt einen Kuchen mit. Er findet, die neue Pastorin muss gefeiert werden. Vater will kein Mann von gestern sein, der Frauen unterdrückt. Es ist ein Marzipankuchen mit Walnüssen und ganz oben Cocktailkirschen. Er isst das so idiotisch gern. Ich merke, dass Mutter gerührt ist. Die beiden haben so viele Gemeinsamkeiten. Und dabei sind sie so verschieden. Ist das so, wenn Erwachsene sich gern haben? Dass sie enthusiastisch über dasselbe Buch sprechen und sich trotzdem streiten? Mutter ist Musik, und Vater Wort. Man sollte meinen, daraus könnte ein Lied werden, aber es wird eine ganze Symphonie mit langen literarischen Partien und gewaltigen musikalischen Einschüben. Pauken und Tubas oder die hundert Violinen, während Vater bereits steht, um aus Tausendundeine Nacht vorzulesen.
Mads und ich haben andere Gesprächsthemen, als wir an der Haltestelle Smestad stehen und über den Prozess gegen Adolf Eichmann diskutieren, der an diesem Tag, am Dienstag, dem 11. April 1961, in Jerusalem beginnt.
Eichmann ist der Verbrechen gegen das jüdische Volk in den Jahren 1939 bis 1945 angeklagt, als Millionen von Juden ermordet wurden, erklärt Mads auf eine leicht irritierende Weise. Er scheint zu glauben, ich wüsste gar nichts darüber. Aber ich werde in vierzehn Tagen neun, und dieser Fall interessiert mich ganz besonders, da Abel hundertprozentig jüdisch ist und Leah »Fast-Jüdin«, mit jüdischem Vater, auch wenn offenbar nur die Mutter zählt. Das hat Abel erklärt, mit seinem galgenhumorigen Lachen. Aber hätten die Nazis darauf Rücksicht genommen? Ich erzähle, was ich über Abel weiß, und Mads findet es wichtig, dass ich jemanden kenne, der während des Krieges fast ermordet worden wäre. Dann wäre Abel Mitte zwanzig gewesen, ungefähr wie dieser Haugestad. Die Vorstellung von Abel in der Gaskammer macht mich wütend. Auch wenn Abel sicher Witze darüber gerissen hätte. Er hat Gaskammerwitze erzählt, die Mutter deutlich missbilligte, aber ich kann mich nicht daran erinnern.
Ich sehe nur Leahs nackten Körper. Und dann sehe ich die nackten Judenkörper, die Mads und ich in der Wochenschau gesehen haben. Die in der Todesschlange stehen, ohne so richtig zu wissen, worauf sie warten.
SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann setzte sich nach Argentinien ab, nachdem er die »Endlösung« in Bezug auf die Vernichtung der Juden herbeigeführt hatte: physische Vernichtung. Schon am 20. Januar 1942 war alles geplant. Die Juden mussten verschwinden. Fast wäre Eichmann alles gelungen.
Dann verschwand er. Abel erzählt mir diese Einzelheiten, als er einmal im zeitigen Frühling zu uns kommt, ganz unangemeldet, und dabei lacht er die ganze Zeit. Als könnte er selbst in der Tatsache noch Humor finden, dass dieser halbstudierte Gauner, der reisende Vertreter der Oberösterreichischen Elektrobau-AG und der Vacuum Oil Company, 1950 als der Techniker Ricardo Klement in Buenos Aires auftauchte. Vorher hatte er unter falscher Identität in Italien gelebt, als »demobilisierter Wehrmachtssoldat«. Abel findet es besonders kurios, dass die Lüge, die Eichmann einem mitfühlenden Franziskaner auftischt, ihm einen humanitären Pass vom Internationalen Roten Kreuz in Genf und ein Visum für Argentinien einträgt. »Humanitärer Pass«, keucht Abel und will sich ausschütten vor Lachen, während er eine Hälfte von einer Tafel Vollmilchschokolade abbricht. »Und ausgerechnet vom Roten Kreuz! Da weißt du alles über diesen Verein!« Auf jeden Fall gelang Eichmann die Flucht, und er fand nun allerlei Posten wie Fabrikvorarbeiter, stellvertretender Wasserwerksingenieur und … Hasenzüchter! Bei diesem Teil der Geschichte liegt Abel zu Hause im Melumvei auf dem Boden und krümmt sich vor Lachen. Sogar Vater lacht, auch wenn es aussieht, als ob er weint. Nur Mutter ist leichenblass und ernst.
Aber es kommt noch kurioser, jedenfalls von Abels Standpunkt aus. Schon drei Jahre später erhält nämlich der Nazijäger Simon Wiesenthal eine Karte von einem jüdischen Freund aus Argentinien. Er hat »dieses Dreckschwein Eichmann« gesehen, das jetzt »in einem Wasserwerk« arbeitet. Eichmann wohnt in der Nähe von Buenos Aires. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Der Freund bietet an, Eichmann aufzuspüren, hat aber kein Geld. Als Wiesenthal Nahum Goldmann vom Jüdischen Weltkongress um Unterstützung bittet, handelt er sich eine Absage ein. Und nun lacht Abel so laut, dass selbst Mutter sich um seine körperliche und geistige Gesundheit sorgt. »Goldmann weist ihn ab!«, keucht Abel. »Goldmann ist doch Jude! Und wofür sind wir Juden bekannt?«
Abel kreischt vor Lachen. Erst Minuten später kommt der Rest der Geschichte an den Tag. Wie ein überlebender Jude aus Dachau, wo Eichmann stellvertretender Lagerleiter war, zu einem wichtigen Zeugen wird. Das Haus in der Calle Garibaldi, wo der Mossad Eichmann überwacht, ehe sie ihn am 11. Mai entführen. Sie schleppen ihn zu einem Auto und zwingen ihn, eine Erklärung zu unterschreiben, in der steht, dass er freiwillig nach Israel reist. »Freiwillig nach Israel!« Abel schnappt nach Luft. Aber Israel und Argentinien haben ja kein Auslieferungsabkommen. Dennoch sitzt Eichmann in der El Al-Maschine, als eine israelische Delegation, die zu den Feiern zum argentinischen Unabhängigkeitstag eingereist war, zehn Tage später nach Tel Aviv zurückfliegt.
Abel hält den Prozess für eine Farce, denn so viele Gesetze wurden gebrochen, als Eichmann entführt und nach Israel gebracht wurde. »Man kann niemanden der Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagen, wenn man sich selbst verbrecherisch verhält.« Außerdem wurde Eichmann gehängt, und Abel ist, wie Vater, gegen die Todesstrafe.
»Von mir aus, verlier den Verstand«, sagt Mutter.
»Sicher doch«, sagt Abel und verschwindet auf seinem Motorrad, diesmal ohne Leah, auf dem Weg an einen Ort, wo niemand ihn fangen kann.
22
Mads und ich fahren zum Palassteater und sehen uns die neue Wochenschau an. In aller Heimlichkeit hat die sowjetische Raumfahrtsbehörde den siebenundzwanzig Jahre alten Juri Gagarin zum ersten Menschen im Weltraum auserkoren, wenn man von den Piloten des amerikanischen Raketenflugzeugs X-15 absieht, die sich bereits 1959 am Rand der Atmosphäre bewegt hatten.
Der nur 1,57 m große Gagarin trainiert seit über anderthalb Jahren. Er hat Raumnavigation und Astronomie studiert. Er wurde physisch und psychisch getestet. Er hat 13 g in einer Zentrifuge erlebt, und nicht zuletzt hat er vierundzwanzig Stunden in einem lautlosen und vollständig dunklen Zimmer gesessen.
Mads und ich sind jetzt von der Raumfahrt besessen. Und Vater ist der Eifrigste von uns allen. Als im November 1957 die streunende Hündin Laika mit Sputnik 2 ins All geschossen wurde, ging Vater mit Tormod und mir hinaus in die Dunkelheit, obwohl längst Schlafenszeit war, um den Satelliten am Himmel zu sehen. Chruschtschow hatte mit Sputnik 1 großen Erfolg gehabt. Er wusste, dass es die Amerikaner ärgern würde, wenn er ihnen mit einem lebenden Menschen im Weltraum zuvorkäme, und bei den Vorbereitungen dafür war es nur natürlich, zu testen, was ein Hund da oben im Zustand der Schwerelosigkeit ertragen könnte. Die Wahl fiel auf Kudryavka (die Kleine mit den Locken), eine Streunerin, die in den Straßen von Moskau aufgegriffen worden war. Die Ingenieure hatten eine Vorliebe für Hunde aus Moskau. Die waren an Hunger und extreme Kälte gewöhnt. Die UdSSR hatte seit 1951 bereits zwölf Hunde in eine ballistische Bahn geschossen. Jetzt sollte also ein Hund in eine Umlaufbahn um die Erde gebracht werden, und das war etwas ganz anderes. Sie wurde in Laika umgetauft (die, die heult oder bellt). Aber die Behörden hatten es eilig. Die Ingenieure hatten nur vier Wochen Zeit, um Sputnik 2 zu bauen. Futter in Gelatineform wurde entwickelt, das durch Schläuche in den Magen eingeführt werden sollte. Das Futter würde für sieben Tage reichen. Danach würde Laika mit einer Dosis vergifteten Futters getötet werden. Ein Ventilator wurde installiert, der sich in Bewegung setzen sollte, wenn es zu warm würde. Zudem wurde eine Art Zaumzeug entworfen, das Laikas Möglichkeiten, zu stehen, zu sitzen oder zu liegen, an den Tagen vor ihrem Tod begrenzen sollte, weil in der Kabine nicht genug Platz war, um sich umzudrehen. Zudem wurde zwischen Laikas Hinterbeinen ein Beutel angebracht, um ihre Exkremente aufzufangen. Um die Hündin auf ihre Reise vorzubereiten, wurde sie bis zu zwanzig Tage hintereinander in immer engere Käfige gesperrt, als der Starttermin für Sputnik 2 noch längst nicht feststand. Nun hörte das Tier auf, zu urinieren oder Exkremente abzusondern. Die Wissenschaftler maßen zudem erhöhten Stress und eine allgemeine Verschlechterung der Lebensumstände. Aufgrund dieser Entdeckungen wurde nun auf hartes Training gesetzt. Laika wurde in eine große Zentrifuge gesteckt, die die Schwerkraftverhältnisse simulieren konnte. Es stellte sich heraus, dass sich ihre Pulsschläge verdoppelten und dass der Blutdruck stieg, aber das war nichts im Vergleich dazu, was dann beim Start passierte. Inzwischen steckte Laika schon seit drei Tagen in der kleinen Raumkapsel. Wegen der Kälte in der Umgebung um den Monatswechsel November/Dezember war ein an einen Heizkörper angeschlossener Schlauch notwendig, wenn Laika nicht erfrieren sollte. Einige Tage vorher hatte einer der Wissenschaftler Laika mit nach Hause genommen. Er hatte bedauert, dass die Hündin nur noch so kurze Zeit zu leben hatte. Deshalb ließ er sie einige Stunden mit seinen Kindern spielen.
Als Laika dann wieder in der Kapsel steckte, wurde die Sache ernst. Zwei Männer sollten Laika in den Stunden vor dem Start überwachen.
Sie desinfizierten ihr Fell mit einer alkoholhaltigen Flüssigkeit und bürsteten es sorgfältig. Dann rieben sie bestimmte Stellen an ihrem Körper mit Jodtinktur ein, damit die Sensoren für die wissenschaftlichen Messapparate angebracht werden konnten.
Danach nahmen sie Abschied von ihr, versiegelten die Tür von Sputnik 2 und verließen den Startbereich.
Sowie die Rakete ihre Geschwindigkeit steigerte, vervierfachte sich Laikas Atemfrequenz. Ihr Herzrhythmus stieg von 103 auf 240 Schläge in der Minute. Als Block A der Rakete sich nicht planmäßig ablöste, funktionierte die Temperaturregelung nicht mehr. Die Temperatur stieg auf 40 Grad, nach drei Stunden der Schwerelosigkeit sank der Puls der kleinen Hündin auf 102. Unten auf der Erde konnten die Wissenschaftler messen, dass sie unruhig war, aber sie verzehrte den Teil des Futters, der nicht intravenös gegeben wurde. Zwei Stunden später waren keine Lebenszeichen mehr wahrnehmbar. Fünf Monate lang sollte sie tot die Welt umkreisen, 2570 Umkreisungen insgesamt. Später kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass sie an Überhitzung und Stress gestorben war, nur wenige Stunden nach dem Start. Oro Jaska Beana. Armer Hund. Es war nicht einmal ein Trost, dass die Amerikaner für solche Experimente Schimpansen und Rhesusaffen vorzogen.
Der Winter mit Laika. Vater ging mit uns nach draußen, um sie zu sehen, als sie wie ein Stern über den Himmel jagte. Wir standen im Garten im Melumvei und sahen Sputnik 2 kommen. Das kleine starke Licht, das über den Sternenhimmel glitt. Einfach nur eine Raumkapsel. An Bord lag Laika, mit einem Schlauch im Magen und einem Beutel zwischen den Hinterbeinen. Was hatte sie im Sterben wohl gedacht?
Manchmal weinte ich. Manchmal weinte mein Bruder. Andere Male standen wir einfach nur da und schauten nach oben. Der Kosmos war so groß. Die Milchstraße. Der Große Bär. Der Gürtel des Orion. Laika, die über den Himmel sauste.
Vater schüttelte den Kopf. Er liebte die Wissenschaft. Aber dieses Experiment fand er unerträglich.
Hoffentlich denkt Gagarin nicht vor allem an Laika, wenn er an diesem Tag im April um neun Uhr morgens Moskauer Zeit mit der Wostok 1 hochgeschossen wird. Die gewaltigen Erschütterungen, wenn eine Rakete auf dem Weg in den Weltraum ist. Er liegt angeschnallt da, und es gibt nichts, was er tun könnte. Er hat keine Möglichkeit, das Raumfahrzeug zu lenken. Der alte Jagdflieger aus der MiG-15, der auf dem Luftwaffenstützpunkt Luostari im Oblast Murmansk ausgebildet worden war, hat keinerlei Herrschaft über sein eigenes Fahrzeug. Man weiß nicht, wie ein Mensch reagiert, wenn er ins Weltall geschossen wird. Deshalb wird alles vom Boden her gesteuert.
Nach einigen Minuten befindet er sich in der Umlaufbahn um die Erde. Und er ruft: »Ich sehe die Erde! Sie ist so schön!« Er hat einen Umschlag mit einem Schlüssel, den er benutzen soll, wenn alles schiefgeht, aber auf diesem Flug entscheidet nicht er. Deshalb sagt er: »Ich weiß nicht, ob ich der erste Mensch im All bin oder der letzte Hund.«
Er fliegt an die 29 000 Kilometer in der Stunde. Er kann die Erdoberfläche aus einer Entfernung von 320 Kilometern sehen. Dann wird er wieder in die Atmosphäre zurückgeholt, nach etwas mehr als einer halben Stunde. Die kleine Kapsel glüht beim Kontakt. Gagarin verliert die Verbindung zur Bodenmannschaft. Siebentausend Meter über dem Erdboden schießt er sich hinaus in den offenen Raum. Dann sinkt er abwärts im längsten Fallschirmsprung aller Zeiten. Das Raumfahrzeug hat ebenfalls einen Fallschirm, aber es geht so schnell, dass ein Mensch nicht überleben könnte. Gagarin landet auf einem Feld in der Nähe der Großstadt Saratow an der Wolga.
Eine alte Babuschka und ihre Enkelkinder kommen angelaufen, als der Mann vom Himmel fällt. Woher kommt er? Ist er Freund oder Feind?
Der Mann sagt, er sei Juri Gagarin, er komme aus dem Weltall und sei der erste Mensch, der jemals den Erdball umrundet habe.
23
In der Nacht träume ich von Laika. Aber ehe ich träume, denke ich an Chruschtschow, der in einer Rede gesagt hat: »Gagarin ist durch das All geflogen, aber er hat dort keinen Gott gesehen.« Das erschreckt mich eigentlich nicht. Es passt zu dem, was Vater denkt, auch wenn er an eine »höhere Intelligenz« glaubt, wie er sagt. Dennoch ist es so einsam, sich den Sternenhimmel als leeren Raum vorzustellen. Nur Kälte und Frost oder gewaltige Hitze. Laikas Leiche, die in dem kleinen Raumfahrzeug ihre Runden dreht. Was hat sie gedacht, als sie dort in der Kapsel lag, ganz allein, und das gewaltige Gebrüll der Trägerrakete hörte, die Beschleunigung, die Erschütterungen, und danach die große Stille draußen in dem dunklen Raum? Ich lebe mich in diese Situation hinein, genauso, wie ich mich in die Gaskammer in San Quentin hineingelebt habe, wieder und wieder. Ich sitze angeschnallt auf dem Stuhl und höre das leise Tropfen der tödlichen Zyanidkapseln, die in den Säurebehälter unten am Stuhl tropfen. Das Blausäuregas steigt auf und hüllt mich in einen unsichtbaren Nebel. Aber ich sterbe nicht! Ich sitze nur da! So, wie Laika dagelegen haben muss, stundenlang, während sie versuchte, aufzustehen. Was ihr nicht gelang, wegen der Riemen. Wo waren die Kinder, mit denen sie einige Tage zuvor gespielt hatte? Wo waren die Menschen, die, früher oder später, die Kapsel öffnen und sie herausholen würden, wie sie das bisher immer getan hatten? Während ich in der Gaskammer sitze, bin ich schon tief in meinem Traum, und zugleich unendlich weit draußen im Weltraum. Nun sehe ich, wie Gagarin vorüberkommt, langsam, in seiner eigenen Kapsel. Sein Gesicht im Raumanzug. Der riesige Helm. Die Mikrofone auf jeder Seite des Mundes. Er versucht zu lächeln. Aber gleich hinter ihm kommen meine Eltern. Erst Mutter in ihrer eigenen Kapsel. Und sie lächelt nicht. Sie starrt vor sich hin. Ich rufe: »Mutter! Mutter! Ich bin auch hier! Siehst du mich nicht? Sieh mich an! Schau nach links, Mutter!« Und dann kommt Vater, ebenfalls in einer eigenen Kapsel. Und er sieht mich. Er sieht durch mich hindurch. Er ist tot! So tot wie Laika! Schon nach wenigen Sekunden ist er in der unendlichen Dunkelheit verschwunden. Aber dann kommt Tormod. Er sitzt ebenfalls in einer kleinen Kapsel. Er hat einen Raumanzug und Mikrofone, und er lebt! Er sagt etwas zu mir. Er versucht zu erklären. Klopft an das Fenster. Erzählt er mir, wie ich hinauskommen kann? Aber ist es nicht lebensgefährlich, die Luke zu öffnen? Ist das nicht der sichere Tod? Er schüttelt den Kopf. Da sehe ich seine Hände. Auch er will die Luke öffnen. Wir müssen das gemeinsam machen, signalisiert er. Na gut, dann tun wir das! Gemeinsam! So, wie wir in diesem Leben vieles gemeinsam machen! Natürlich. Tormod und ich werden überleben. Ich öffne die Luke. Ich krieche aus der kleinen Kapsel. Werde ich jetzt schweben? Mit Tormod zusammen schweben? Werden wir zurechtkommen, obwohl Vater tot ist und Mutter wie versteinert um den Erdball kreist, wieder und wieder? Vielleicht können wir auch ihre Kapsel öffnen. Sie hinaus in die Freiheit holen, in den großen Raum, wo uns niemand erreichen kann.
Wir gleiten aus der Kapsel, Tormod und ich. Ich strecke die Arme aus, mache mich bereit zum Fliegen. Tormod tut es mir nach. Es ist wie bei der Eurythmie in unserer Schule. Die großen, unförmigen Körper. Jetzt sind wir noch größer, das verdanken wir den Raumanzügen. Aber wir sind doch nicht schwerelos! Wir sind betrogen worden. Wir fallen und fallen. Hilflos sind wir. Ach und weh! Wir fallen zur Erde. Auf das große blaue Meer zu. Es kitzelt in meinem Bauch. Ich versuche es mit Brustschwimmen, aber keine Bewegung hilft.
In der Schule steht Ledsaak bereit, um uns von Luzifer zu erzählen, der dort oben im Himmel saß, zusammen mit Gott und dem Erzengel Michael. Luzifer war nicht schlecht, sagt Ledsaak. Er war in vieler Hinsicht sympathisch, aber er war von sich eingenommen und stolz. Er wollte sich an Gottes Stelle setzen. Er konnte nicht begreifen, warum seine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht so sehr geschätzt wurden, dass alle in ihm den wahren Anführer erkannten. Er wollte der Beste sein und diese Verantwortung übernehmen. Deshalb forderte er Gott heraus, und es kam zum Krieg im Himmel.
Der Erzengel Michael bekämpfte Luzifer. Danach setzte er sich an Luzifers Platz.
Luzifer selbst stürzt in die Finsternis und wird von nun an seine vielen Talente und seine reizende Persönlichkeit einsetzen, um die Hölle zu organisieren mit hilfreicher Unterstützung von Mammon und Beelzebub.
Wir hören Ledsaak zu, wie er dort steht und mit großer Anteilnahme von den Engeln erzählt. Etwas an der Art, wie er redet, bringt mich dazu, Luzifer zu mögen. Jedenfalls bekomme ich eine Gänsehaut, als ich dort mit einem blanken weißen Blatt sitze und mit Wasserfarben Luzifers Sturz in die Hölle malen soll.
Soll Gott dann Kennedy sein? Oder Chruschtschow?
Aber an dieser Schule sollen wir nicht so konkret sein. Deshalb male ich einen Engel mit schwarzen Flügeln. Er ähnelt niemandem besonders. Er stürzt in brodelnde Lava.
Beim Malen betritt ein weiterer Lehrer das Zimmer.
Er ist strenger als Ledsaak. Zusammen mit Ledsaak hat sich die Klasse gefunden. Es gibt viel Spaß und Vergnügen. Aber jetzt wird es still. Der Lehrer soll Ledsaak etwas ausrichten, aber während die beiden miteinander tuscheln, schaut der andere Lehrer zu meinem Tisch herüber.
Er sieht, dass ich mit der linken Hand male.
Ich versuche zu wechseln. Blitzschnell. Aber es ist zu spät. Er kommt auf mich zu. »Hab keine Angst«, sagt er.




