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»Ich habe keine Angst«, sage ich.
Dann steht er da, ohne etwas zu sagen. Ich versuche, mit der rechten Hand zu malen. Das geht nicht gut. Alles verschwimmt. Luzifer ist ruiniert. Gott ebenfalls. Das ganze Bild ist zerstört. Der Lehrer geht zu Ledsaak zurück. Sie sprechen leise miteinander.
Zwei Stunden später gehe ich wieder über den Platz zum Haus im Wald. Fräulein Ätschbätsch wartet schon auf mich. Sie hat offenbar mit jemandem geredet. Sie packt meine linke Hand. »Das ist Luzifer«, sagt sie.
»Ach so«, sage ich.
Dann packte sie die andere Hand. »Und das ist der Erzengel Michael.«
Langsam begreife ich. Es gibt das Gute und das Böse, auch in meinem eigenen Körper. Jetzt muss ich gegen das Böse kämpfen, sonst wird es mir schlecht ergehen.
Fräulein Ätschbätsch beugt sich über mich. Packt meine rechte Hand, während ich schreibe. Macht mit großen Bewegungen Buchstaben, sodass die Fingerknöchel weiß werden: »Wieder und wieder. Wieder und wieder. Sprich mir nach, rhythmisch und kraftvoll. Luzifer und Michael. Luzifer und Michael. Wieder und wieder. Wieder und wieder.«
24
Exil-Kubaner und Batista-Anhänger versuchen eine Invasion auf Südkuba, nach vielen Monaten im Exil. Fidel Castro ist Chruschtschows Mann, und Kuba liegt gefährlich nahe an den USA. Es ist der 17. April 1961. Eine Gruppe von 1500 Exil-Kubanern beteiligt sich an der Aktion, und 1300 von ihnen gehen mit zwei CIA-Agenten an Land. Sie haben sich für ihren Invasionsversuch die Bahía de Cochinos ausgesucht, die Schweinbucht. Aber in Kuba warten 25 000 Soldaten, 200 000 Milizionäre und 9000 bewaffnete Polizisten. Schon nach drei Tagen sind die Invasionstruppen besiegt, und sie stecken fest in den Mangrovensümpfen an der Westküste, in den Savannen im Osten oder an den Stränden.
Als Castro später zur Bevölkerung spricht, erwähnt er Kennedy nicht ein einziges Mal namentlich. Er weiß, dass eigentlich das Regime von Eisenhower und Nixon hinter dieser Aktion steckt. Kennedy sitzt noch keine drei Monate im Weißen Haus. Castro will dem Verhältnis zum neuen Präsidenten des Nachbarlandes nicht schaden.
Fünf Tage danach machen vier französische Generäle unter Führung von Maurice Challe in Algerien einen Putschversuch gegen Frankreich. Sie wollen an der französischen Südküste an Land gehen und de Gaulle absetzen, den sie überaus kritisch sehen. Seit vielen Jahren gab es nun schon den Cafékrieg. Die Gegner bringen sich gegenseitig in Cafés um, schießen einander nieder, wenn sie dort bei Rotwein und Pfefferminztee sitzen. Allein dieser Teil des Krieges hat zu über 15 000 Toten geführt. Viel höher waren die Todeszahlen, als französische Soldaten an der Grenze zu Tunesien und Marokko 900 000 Landminen auslegten, um die Unabhängigkeitsbewegung FNL zu bekämpfen. Frankreich hatte soeben seine Kolonien in Südostasien verloren. Es wollte nicht auch noch Algerien einbüßen. Dennoch war de Gaulle ins Schwanken geraten. Er wollte den Krieg beenden. 25 000 französische Soldaten und 150 000 FNL-Angehörige sollten noch ums Leben kommen. Die Verlustzahlen auf algerischer Seite werden schließlich anderthalb Millionen betragen.
Aber de Gaulle und seine Soldaten sind vorbereitet. Der Putschversuch wird zurückgeschlagen und Challe stellt sich den französischen Behörden. Der Junge steht am Fenster, als der Vater mit Graubrot und Dagbladet unter dem Arm nach Hause kommt. Die Schlagzeilen sind schwärzer und fetter denn je. Der Vater runzelt auf seine unverkennbare Weise die Stirn. Diesmal geht es also um Algerien. Er ist empört darüber, dass Frankreich in diesem Land eine Atombombe gezündet hat, aber dass die verrückten Generäle in Algerien de Gaulle stürzen und auf französischem Boden an Land gehen wollten, ist Wahnsinn.
»Was ist denn bloß los?«, sagt er zur Mutter. »Er versucht doch trotz allem, Algerien Selbstständigkeit zu geben.«
Der Glaube des Vaters an die Demokratie. Humanismus. Der Glaube des Vaters an den Dialog. Die Möglichkeit der langen Gedanken. Der Glaube des Vaters an Camus, der als Pied-noir geboren war. Der Glaube des Vaters an eine europäische Föderation. An alles, was einen neuen Krieg in diesem bereits zerschlagenen Erdteil verhindern kann.
Aber das alles ist zu hoch für ihn. Und auch zu hoch für Mads. Sie haben mehr als genug zu tun mit UdSSR, USA und Weltraum. Soll denn noch mehr kommen? Ja, es kommt noch mehr. Die Orienterings-Jungs, zu denen Vater so großes Vertrauen hat, trennen sich von den Sozialdemokraten und gründen ihre eigene Partei. SF. Sozialistische Volkspartei, mit Knut Løfsnes als Vorsitzendem, Berge Furre als Sekretär und Finn Gustavsen als Leiter der Ortsgruppe Oslo.
Der Vater wirkt erleichtert, aber er ist trotzdem nicht sicher, dass dieses politische Projekt gelingen kann. Sie haben sich gewehrt, als es um Atomwaffen und NATO ging. Aber können sie mit den Wünschen der USA umgehen? Und mit Chruschtschow?
Der Vater sitzt bei Ulf auf dem Dachboden und diskutiert mit seinem Freund, der ohnehin niemals in irgendeine Partei eintreten wird. Ulf will lieber die Bevölkerung mit Demonstrationen, Pamphleten und Aufforderungen zum Protest aufrütteln. Volksaufstand gegen den Krieg. Der endgültige Bruch mit den Machtpolitikern, die die Verantwortung für den Kalten Krieg tragen. Sind die Orienterings-Jungs bereit dazu?
Er hört dem Vater und Ulf zu und merkt, dass er Bauchweh hat. Das hat er immer, wenn er zum Ballett muss. Er kneift alles zusammen, bis er einfach aufs Klo muss. Sitzt da wie ein Krüppel mit krummem Rücken und stöhnt. Es war die seltsame Idee der Mutter, dass er Klavier spielen soll. Aber es ist ihre noch seltsamere Idee, dass er, zusammen mit dem Bruder, Ballett tanzen soll. Unten in der Oper hat sich die Mutter mit der Star-Ballerina Jorun K. angefreundet, einer schönen jungen Frau, deren Bild er gern zu Hause in seinem Zimmer hätte. Aber er traut sich nicht, weil ihr Sohn in dieselbe Klasse geht wie sein Bruder. Er tanzt auch. Alle tanzen. Auch der Gatte ist Tänzer. Even. Er hat einen so geraden Rücken, dass es aussieht, als lehne er sich rückwärts gegen eine Wand, obwohl gar keine Wand vorhanden ist. Er steht am Eingang und raucht eine nach der anderen, während er auf sie wartet, auf einen nach dem anderen, in dem großen gelben Haus bei Sørbyhaugen. So viel gelb damals. Die sechziger Jahre sind einfach gelb. Das muss er denken, viele Jahre später, als er dieses Buch schreibt. Die siebziger Jahre sind blaugrau. Die achtziger Jahre sind braun. Die neunziger Jahre sind fast weiß. Und die nuller Jahre sind wieder blaugrau, genau wie die siebziger Jahre. Aber das hier sind die sechziger Jahre. Das gelbe Buch. Das gelbe Haus im Melumvei und das gelbe Haus bei Sørbyhaugen, das eigentlich blau ist. Tante Svanhild ist begeistert von der Vorstellung, dass ihre beiden Neffen, die Goldjungs, Ballett tanzen. Außerdem hat die Ballerina eine Woche später einen Termin mit dem Fernsehen. Dort sollen die Jungs in einer Direktübertragung auftreten.
»Kannst du uns nicht einen Fernseher kaufen, Vater«, quengelt er. »Das können wir uns nicht leisten.«
»Auch nicht, wenn Tormod und ich im Fernsehen kommen?«
»Auch dann nicht.«
»Vater, du bist grausam«, sagt er.
»Er kann sich das nicht leisten«, sagt die Mutter. »Wir können es bei Tante Svanhild sehen.«
»Kommt ihr nicht mit ins Studio?«
»Das dürfen wir nicht«, sagt die Mutter und drückt ihn beschützend an sich.
Er ist so abhängig von ihr. Auch wenn sie den ganzen Tag lang weg ist, und oft auch abends, wenn sie in der kleinen Kiste in der Oper sitzen und den großen fetten Sängern (die ihren Text vergessen haben, weil sie zu viel trinken, da ist er sicher) ihre Repliken zurufen muss, spürt er, dass sie eine Verbindung haben, sie zwei, dass es zwischen ihnen eine Funkfrequenz gibt, so, wie es gewesen sein muss, als Gagarin im Weltall war und als die, die von der Erde aus seinen Flug lenkten, seine Stimme hören konnten, selbst dann, wenn er sich nicht unmittelbar über ihnen am Himmel befand. Die Mutter ist jedesmal, wenn sie mit der Røa-Bahn in die Stadt fährt, draußen im All, und was sie dort eigentlich macht, weiß er so wenig wie der Vater. Und über den Vater weiß er auch nicht viel, nur dass der Vater offenbar bald ein eigenes Büro im sechsten Stock des Ingenieurshauses bekommt, mit Blick auf den Fjord. Sie müssen oft allein zurechtkommen, er und der Bruder. Und am meisten fühlt er sich allein, wenn er wie ein Weihnachtsschwein in dem Saal von Jorun K. bei Sørbyhaugen steht, in blauem Trikot, das deutlich zeigt, wie viele Speckwülste er inzwischen hat. Es ist unmöglich, die Diät der Penner in Mærradalen zu essen, Knäckebrot mit Ziegenkäse und ganz dick Butter, ohne irgendwann zuzunehmen. Das Schlimmste ist das Fett auf der Innenseite der Oberschenkel. Man könnte aus ihm einen Sonntagsbraten machen. Aber wie würde das schmecken? Wenn er sich in dem riesigen Spiegel sieht, wo er, zusammen mit Tormod und dem Sohn des Balletthauses, der immer freundliche und lustige Jo, versucht, alle Bewegungen so zu koordinieren, dass ein Rhythmus daraus entsteht, wie die Primadonna sagt, fühlt er sich ganz besonders hilflos.
Die Stadt Kardemomme. Kasper und Jesper und Jonatan. Letzeren sollte er selbst gestalten, wie es in der Waldorfsprache heißt. Tormod sollte Kasper sein, und der Sohn der Primadonna Jesper. Auf seinem Bruder ruhte eine große Verantwortung, denn er hatte die erste Replik allein, nämlich: »Sowohl Kasper.« Die nächste Replik fiel Jesper zu und lautete: »Als auch Jesper.« Während er selbst die allerschönste Replik hatte, da sein Name der längste war: »Und Jonatan.« Am Ende sollten sie sich auf den Boden legen, laut seufzen, als ob sie müde wären, und sagen: »Ja, das tun wir dann.« Aber lange, ehe sie bei dieser Abschlussübung ankamen, die physisch und psychisch viel von ihnen allen verlangte, sollten sie in ihren Ballett-Trikots umhertrotten, jeder mit Stock und Bündel über der Schulter. Das erinnert ihn an die Stöcke, die früher im Kindergarten verteilt wurden, wenn sie dann auf einem Lastwagen zusammengepfercht wurden und wie Bettler durch die Straßen von Oslo gefahren wurden. Sie sollten Geld für irgendeinen unbekannten Zweck einsammeln, den die Erwachsenen als wichtig bezeichneten. Jetzt war ihnen die Rolle der Räuber zugewiesen worden. Die der verdreckten Dussel, die allein wohnten und so dumm waren, dass sie die schnarchende Tante Sofie aus ihrem Haus in der sowieso idiotisch kindischen Stadt stahlen, wo alle tun konnten, was sie wollten, wenn sie nur lieb und freundlich waren.
In unserem Räuberlied behaupteten wir, auf Zehenspitzen auf Raub auszuschleichen, aber Jorun K. ließ uns wie Krebse oder wie ganz besonders behinderte Kinder aussehen. Selbst mein Fett zitterte vor Empörung. Reichte denn nicht Fräulein Ätschbätsch? Sollte ich jetzt jeden Tag an meine körperliche Unzulänglichkeit erinnert werden? Das einzige Selbstvertrauen, das ich in fast neun Jahren auf diesem herzlosen Planeten erlangt hatte, war, dass ich auf sechzig Metern nicht der Langsamste in der Klasse war und dass ich eine erstaunliche Begabung für Eisschnelllauf besaß. Das hatte Bryn entdeckt, der Reichste und Freundlichste aus der Klasse, als wir einmal in der Wintersaison zum Bislett-Stadion hinuntergegangen waren. Dort hatten Hjallis und Kupper’n ihre Lorbeerkränze entgegengenommen. Bryn erinnerte mich daran, dass diese alte Betonkonstruktion bei den Winterspielen 1952 sogar als Olympiastadion gedient hatte. Hier war Hjallis beim Zehntausendmeterlauf gestürzt, weil ein Schafskopf von Fotograf Blitzlicht benutzt und ihn mitten in der Nordkurve geblendet hatte. Oder war es die Südkurve gewesen? Jedenfalls hatte mein Fett auf dem glatten Eis Tempo gewonnen. Es sollte nicht mehr viele Jahre dauern, bis ich fünfzehnhundert Meter in 3.40.6 schaffte, fast so schnell wie der norwegische Leichtathletikstar Arne Kvalheim diese Strecke lief. Gerade solche Aufmunterungen brauchte ich, statt mich wie ein Krebs bewegen zu müssen, während ich über Pökelfleisch und Geld und Gold sang. Aber das musste ich nun mal. Bei den Proben stand die schöne Primadonna gebückt da und starrte mir mitten in den Schritt, um zu sehen, ob ich meine bleischweren Oberschenkel hoch genug heben könnte. »Gut, Ketil, gut!«, rief sie, als ob ich zu den Allerschwächsten gehörte, den Allerhilfsbedürftigsten. Es war eine anstrengende Szene, die nicht weniger als drei Minuten dauerte, und eine Woche, nachdem ich auf Ulfs Dachboden gesessen und mich vor einer der letzten Ballettproben gegruselt hatte, standen wir in dem großen Aufnahmestudio des Rundfunkgebäudes, das damals benutzt wurde, weil das NRK-Fernsehen noch kein eigenes Haus hatte. Wir waren ein Programmpunkt in der Sendung Im Blickpunkt, die von Lauritz Johnson, aber auch von dem jungen und vitalen Odd Grythe moderiert wurde, der mit der freundlichsten Stimme sprach, die ich je gehört hatte, und der aussah wie einer der neuen Minister in Präsident Kennedys Regierung. Das Schöne an den Räubern und der Geschichte von Tante Sofie war, dass die Räuber, als sie bereuten, dieses Ungeheuer von Frau geraubt zu haben, damit jemand ihnen das Haus putzte und für sie kochte, auf die Idee kamen, sie einfach »zurückzurauben«, also die schnarchende Tante wieder nach Hause zu schaffen. Aber nicht diese Szene sollten wir gestalten. Wir sollten uns nur wie Krebse oder »disabled«, wie Mads sagte, verhalten, und das Räuberlied singen, das nach allen Proben mit den extremen körperlichen Schwierigkeiten einfach nur noch lächerlich wirkte.
Die Minuten vor der Sendung. Das Einzige, woran er denkt, ist, dass Tante Svanhild gleich mit übereinandergeschlagenen Beinen in ihrer Wohnung in der Gabelsgate sitzen und ihm zusehen wird. Dass seine Eltern auch dort sitzen werden, ist ein Bonus, wie man fünfzig Jahre später sagt. Es sind doch Menschen, die er gut kennt, besser als die meisten anderen, wie er zugeben muss, wenn er sich die Sache überlegt. In der Regel sind sie auf seiner Seite. Gerade deshalb hat er solche Angst davor, sie zu enttäuschen. Was, wenn er aussieht wie ein Strauß, statt wie ein Krebs? Was, wenn er nicht sagt »und Jonatan«, sondern »und Ketil«. Das wäre doch peinlich! »Kasper und Jesper und Ketil.« Er wird schon bei der bloßen Vorstellung rot, er weiß noch nicht, dass das ein Muster in seinem Leben werden wird, seine Fähigkeit, an alles zu denken, was schiefgehen kann, sich unnötig vor Dingen zu grausen, die wahrscheinlich niemals passieren werden. Er ist ganz einfach unbeschreiblich nervös, als das rote Lämpchen über der großen Studiotür aufleuchtet, und selbst die krass geschminkten Moderatoren, die doch an solche Situationen gewöhnt sein müssten, sehen ziemlich steif und elend aus. Er schaut zu Tormod und Jo hinüber. Keiner von beiden zeigt irgendwelche Anzeichen von Aufregung. Sie müssen aber auch keinen dreisilbigen Namen vorführen, ganz allein, während die ganze Welt zusieht. Ihm geht plötzlich auf, dass auch Amerikaner und Sowjets sich die Sendung anschauen. Der Vater hat ihm ja erzählt, wie überall spioniert wird und dass die Satelliten oben im Weltraum weite Bereiche überwachen. Vielleicht sitzt gerade Präsident Kennedy in seinem ovalen Büro, zusammen mit seinem Bruder Robert, dem Justizminister, und dann taucht Odd Grythe auf dem Bildschirm auf. Mads hatte diese Hypothese schon viele Wochen zuvor aufgestellt, und Mads war einer, der oft recht hatte. Öfter als er selbst jedenfalls.
Jetzt sind sie dran. Es ist eine Direktübertragung. Gleich wird er vor die Kameras treten und aller Welt sein Fett zeigen. Vielleicht sehen die Nähkränzchenmädchen aus seiner Klasse zu? Ein Mann mit Bart und Kopfhörern kommt auf sie zu und fuchtelt mit den Armen, ehe er sie in die Mitte des Raumes scheucht. »Jetzt!«, sagt er. »Jetzt!«
Jetzt muss das Schicksal seinen Lauf nehmen.
25
Die Amerikaner schießen Alan Shepard mit der Freedom 7 hoch. Auf seiner Fahrt wird sein Körpergewicht zwischen null und achthundert Kilo wechseln, ehe es sich dann wieder auf fünfundsiebzig stabilisiert. Aber er soll nur eine ballistische Bahn fliegen, die fünfzehn Minuten dauert, und er wird auch nicht höher fliegen als 187 Kilometer.
»Nicht gerade Gagarin«, sagt Mads.
Vizepräsident Lyndon Baines Johnson schreibt für Präsident Kennedy eine Notiz: »In den Augen der Welt bedeutet Erster im Weltraum Erster überall. Nummer zwei im Raum ist Nummer zwei in allem.«
In dieser Zeit fange ich an, auch mit einem anderen Jungen aus der Klasse zusammenzusein. Er heißt Sverre und wohnt in der Gegenrichtung von Mads, draußen in Eiksmarka, in den großen weißen Blocks, in denen offenbar auch Erik Bye gewohnt hat, als er Anna Lovinda schrieb. Wir können nicht an der Haltestelle Smestad stehen und die großen Krisen der Welt lösen. Stattdessen legen wir uns weiße Mäuse zu. Auch Sverre interessiert sich für den Wettlauf im Weltraum. Er hat genau verfolgt, wie die sowjetischen Wissenschaftler mit Korabl-Sputnik 2 einen ganzen Tierpark hochgeschossen haben. Nicht nur die beiden Hündinnen Belka und Strelka waren an Bord, sondern auch vierzig Mäuse, ein graues Kaninchen, zwei Ratten, Fliegen und allerlei Pflanzen sowie Pilze. Hündinnen sind besser für den Raum geeignet, da sie beim Pissen nicht das Bein heben müssen. Das war nicht nur an Laika getestet worden, sondern auch an den Hunden Desik, Tsygan, Lisa, Ryzhik, Bolik, ZIB, Otvazhnaya, Snezhinka, Albina, Tsyganka, Damka, Krasavka, Bars und Lisichka, die im Laufe der Jahre nicht so viel leiden mussten wie Laika, aber gemeinsam ein Großteil der wissenschaftlichen Grundlage dafür erarbeitet hatten, diesen wahnwitzigen Tierpark ins All zu schicken, wo die Tiere einen ganzen Tag verbrachten, ehe sie glücklicherweise allesamt lebendig zurück auf die Erde gelangten. In gewaltigem Tempo, aber mit Fallschirm.
Sverre und ich waren begeistert von diesem Flug. Zu dieser Zeit wollten wir beide Wissenschaftler werden. Deshalb war die Freude groß, als unsere Elternpaare uns beiden glaubten, dass wir seriöse Raumforscher waren. Jetzt mussten wir die Überlebensmöglichkeiten von weißen Stadtmäusen in Vororten wie Røa und Eiksmarka testen. Hatten sie überhaupt eine Chance? Sie waren doch an das Leben in sicheren Käfigen in Oslo gewöhnt, im Laden Aquarium in der Akersgate, gleich beim Parlamentsgebäude. Obwohl Vater sich keinen Fernseher leisten konnte, half er mir beim Finanziellen, wenn es um Käfig, Sägespäne, rosa und hellblaues Plastikspielzeug und andere Einrichtungsgegenstände ging, die die Mäuse in ihrem neuen Dasein als Vorstadtbürger brauchen könnten. Die Mäuse kosteten auch nicht die Welt, und bald hatte sich in den Raumfahrtzentren Røa und Eiksmarka eine ganze Kolonie von eifrigen und intelligenten Tieren versammelt.
Sverre war ein Anführertyp, obwohl er damals nur siebenundzwanzig Kilo wog. Wir waren in der Klasse alle gewogen worden, und es war peinlich, der Schwerste zu sein mit fast schon vierzig Kilo. Die Mädchen hatten gekichert, aber aus irgendeinem Grund zogen sie mich nie auf, außer beim Völkerball, wenn sie versuchten, mich umzuwerfen. Dann hatte ich manchmal das gleiche seltsame Gefühl wie damals, als Leah zu Besuch gekommen war und wir im Bett eine Kissenschlacht veranstaltet hatten.
Aber wenn ich mit Sverre zusammen war, interessierten mich ganz andere Dinge. Es machte Eindruck auf uns, dass nicht weniger als vierzig Mäuse beim Flug von Sputnik 2 dabeigewesen waren. Wir hatten uns jeder nur zwei leisten können. Nun sollten sie sich ganz schnell vermehren. Es musste doch möglich sein, innerhalb von vier Monaten auch auf vierzig zu kommen? Sverre war besser als ich darin, sich Ziele zu setzen.
In seiner Erinnerung erscheint diese Zeit als eine andere Art von Zeit. Als die große Mäusezeit. Alles drehte sich um Mäuse. Um den Weltraum. Um Vermehrung. Er konnte zusammen mit seinem neuen Freund in den Käfig blicken und begeistert rufen: »Jetzt paaren sie sich!« Er konnte sehen, dass die eine Maus dicker wurde, bis sie zu bersten drohte, ehe die Mäusejungen geradezu aus ihr herausquollen, als ob man Kaviarpaste aus einer Tube quetschte. Er war so stolz auf die Mäuseeltern. Er kostete das Glücksgefühl aus. Auch Sverre war sichtlich gerührt und begeistert. Seine Stimme klang belegt, wenn er darüber redete. Jetzt hatten sie plötzlich insgesamt neunzehn Mäuse. Er hatte neun und Sverre hatte zehn. Es spielte keine Rolle, dass der Freund ihm um eine Maus voraus war. Sie machten das hier ja zusammen. Aber als der nächste Geburtstermin näherrückte, hatten Sverres Eltern genug. Kleinlaut kam Sverre eines Tages in die Schule und wagte fast nicht zu erzählen, was zu Hause in Eiksmarka passiert war. Nicht noch mehr Mäuse. Und die bereits vorhandenen mussten wir verkaufen. Zehn wunderschöne weiße Mäuse verkaufen, deren Anzahl sich bald verdoppeln würde oder vielleicht sogar verdreifachen? Das kam nicht in Frage. Als er Sverres flehenden Blick sah, war ihm klar, dass er eingreifen musste. Dass alle Mäuse im Melumvei untergebracht werden müssten, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Er überlegte. Was würden seine Eltern sagen? Die waren zum Glück jetzt oft weit weg, dachte er. Nahmen morgens die Straßenbahn und kamen abends nach Hause. Der Vater war jetzt Redaktionsleiter des Technischen Wochenblattes, und die Mutter arbeitete noch immer bei Fotograf Wickmann, wenn sie nicht abends in der Oper war oder in einem Buchladen Bücher verkaufte. Tormod hatte seine Freunde. Deshalb war er sehr viel allein im Haus. Doch, es müsste gehen. Er konnte natürlich nicht an die vierzig Mäuse in einen einzigen Käfig stecken. Sie mussten verteilt werden. Im Haus gab es viele Schlupfwinkel. Bald würde der Sommer kommen. Dann könnte er im Garten einen Käfig aus Maschendraht bauen, hinter den Johannisbeersträuchern. Aber noch war es nachts zu kalt. Die Erwachsenen trugen Hut und Mantel. Plötzlich fielen ihm die Küchenschubladen ein. Genau! Die Mutter hatte fast nie mehr Zeit zum Backen. Die Brotformen, die jahrelang auf dem Küchenboden Straßenbahnen dargestellt hatten, wurden in der untersten Schublade des gelben Küchenschranks aufbewahrt. Die Mutter öffnete diese Schublade nie. Dort könnten die Mäuse untergebracht werden!
Aufgeregt kam er am nächsten Tag in die Schule und sprach mit Sverre über diese neue Möglichkeit. Er sah die Freude im Gesicht seines Freundes und dachte zum ersten Mal bewusst, wieviel es ihm zurückgab, wenn er es über sich brachte, nett zu irgendwem zu sein. Der Zwischenfall mit Tante Svanhild im vergangenen Jahr hatte ihm gezeigt, dass man unglücklich wird, wenn man gemein zu anderen ist. Aber jetzt hatten er und Sverre einen Plan. Sverre sollte zu Hause erzählen, dass er ein Zuhause für alle Mäuse gefunden hatte, und wenn sie fragten, wo, sollte er nicht den Namen des Freundes im Melumvei nennen, sondern den eines Jungen aus einer anderen Klasse, den seine Eltern nicht kannten. Dann war es weniger wahrscheinlich, dass die Eltern dort anriefen und nachfragten. Und warum sollten sie auch? Sverre hatte die Mäuse ja weit weg gebracht. Am selben Nachmittag, lange bevor die Eltern aus der Stadt zurückkommen würden, fuhr Sverre mit der Straßenbahn von Eiksmarka nach Røa und hatte eine gewisse Anzahl Mäuse in einem Schuhkarton. Der Freund hatte Löcher in den Karton gebohrt, die gerade so groß waren, dass keine der Mäuse, weder die Neugeborenen noch die Eltern, die Onkel oder Tanten, entkommen könnten. Zu allem Glück war auch Tormod nicht zu Hause. Dieses Geheimnis musste er für sich behalten. Es war das erste große Geheimnis in seinem Leben. Bei allen anderen war er zu schwach gewesen, sie zu bewahren.
Und plötzlich war das große Geheimnis im Melumvei untergebracht.
Viele Jahre später fragte er sich: Habe ich damals wirklich geglaubt, dass das gutgehen könnte? Dass Tag für Tag geheimzuhalten war, dass es ein Gewimmel aus weißen Mäusen in der Küchenschublade gab? Ja, er besaß diesen Übermut, den er auch nicht abschütteln konnte und der ihn noch oft in unhaltbare Situationen bringen würde. Schon damals war er von seinen eigenen Analysen so überzeugt gewesen, hatte sie für so überlegen gehalten, dass sie eigentlich nicht auf Widerspruch stoßen könnten. Das Einzige, was ihm Sorge machte, war, dass es unten in der Schublade kein Tageslicht gab. Tageslicht war ein Menschen- und ein Mäuserecht. Aber es war ein Trost, dass sich wilde Mäuse oft in die Erde vergruben, wo sie in Höhlen hausten und sich nur nachts, wenn es dunkel war, wieder hervorwagten.
Also brauchten diese Tiere nicht in erster Linie Licht, sondern Geborgenheit und Fürsorge, und beides wollte er ihnen doch geben. Behutsam brachte er zusammen mit Sverre die exilierten Mäuse in ihrem neuen Heim in der Küchenschublade in Røa unter. Zur Feier des Tages war die Schublade gefüllt mit Sägespänen, Mäusefutter, Laufrädern, Mäusespiegeln und Mäuseknabbereien. Sogar zwei Salatblätter hatte er sich im Lebensmittelladen in Randklev erschmeicheln können. Alle Mäuse wirkten gesund und munter und überaus neugierig auf ihre neue Umgebung. Das war ein gutes Zeichen. Er schloss die Schublade vorsichtig wieder. Dann gingen er und Sverre hinaus auf die Straße, um Fuchsen zu üben.




