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Ina schaut auf die Röslein und dann auf dein Gesicht. Sie nimmt eins heraus und steckt es dir ins Haar. Sie nimmt das nächste. Eins nach dem andern, gelb weiß rosa, rosa weiß gelb, bis dein Gesicht aus den Blumen hervorschaut. Ein paar übrige verteilt sie aufs weiße Leintuch, das deinen Körper bedeckt. Ich höre in mir das Kinderlied wieder, das mir Mama zum Einschlafen oft gesungen hat:
„Guten Abend, gute Nacht,mit Rosen bedacht,mit Näglein besteckt,… wirst du wieder geweckt.“
Ich singe es dir leise zu. Danach lauschen wir beide, Ina und ich, in Andacht versunken, und schauen in dein geschmücktes Antlitz. Die Röslein duften und duften. Wir stehen lange da.
Bis die Tür sich öffnet und jemand winkt. Ina eilt hin. Geflüster. Dann kommt sie zurück. Sie wagt kaum die Stille zu durchbrechen. Fast schmerzhaft sind die ersten Worte, sie versucht sie so schonend wie möglich zu sagen: „Es wird Zeit. In einer Viertelstunde müssen die Zimmernachbarn wieder hereinkommen können.“ Was nun? Wir schweigen zusammen. Wie weiter in unserem Ritual? Wir denken beide nach. „Wohin sollen wir denn mit ihr gehen?“, durchbreche ich das Schweigen. „Es gibt einen Extraraum im Untergeschoss“, sagt Ina zögernd. „Ein gekachelter, fensterloser Kellerraum?“, frage ich. Ina nickt. Die Vorstellung, dich darin allein zurückzulassen, widerstrebt mir. „Gibt es keine andere Möglichkeit?“ Ina denkt laut nach: „Es ist schon spät, die Bestattungsfirma holt jetzt keinen mehr, erst morgen früh wieder.“ – „Gibt es keinen anderen Ort als den Keller, wo sie bis dahin bleiben kann?“, frage ich eindringlich. „Doch, da gibt es noch ein kleines Gartenhaus im Park“, meint Ina zögernd, sie ist selbst erstaunt über diesen Einfall. „Es stehen nur ein paar Geräte drin. Der Gärtner hat auch schon Feierabend. Niemand wird sie da stören.“ Dass dies den Klinikvorschriften zuwiderläuft, versteht sich von selbst. Aber kaum ausgesprochen, wissen wir schon: Es entspricht unserem eigenen Gebot. Da werden wir dich hinfahren, zu deiner letzten Nachtruhe, mitten in die Natur hinaus.
Um das praktische Vorgehen zu Ende zu denken, frage ich noch: „Und wie geht es morgen weiter? Was raten Sie mir da?“ – „Ich empfehle Ihnen ein bewährtes Bestattungsinstitut. Es wird von einem Ehepaar geleitet. Die Adresse werde ich Ihnen am Empfangsschalter hinterlegen, Sie können von dort aus anrufen. Sie werden Monika respektvoll waschen und einkleiden. Wie, können Sie bestimmen. Danach wird sie in die Friedhofskapelle gefahren und bis zur Kremation darin aufgebahrt. Vielleicht möchten ein paar Angehörige Monika noch sehen und können in der Kapelle von ihr Abschied nehmen.“ Da mir keine Alternative dazu einfällt, stimme ich diesem Vorschlag zu.
Kurz male ich mir den weiteren Verlauf aus. Bald werde ich für dich zusammen mit unseren Freunden und Verwandten eine Feier organisieren. Gemeinsam werden wir uns an dich erinnern und dein Leben würdigen. Ich spüre in diesem Moment jedoch, dass all dies für mich nicht mehr wichtig sein wird und mehr einem äußeren Rahmen angehört. Der wirkliche Abschied findet hier zwischen uns statt, in einem einzigartigen Zusammenklang, der meine Seele ein ganzes Leben lang bewegen wird. Wieder öffnet sich die Tür und jemand meint dringlich: „Es ist jetzt allerhöchste Zeit für die Patienten, ins Zimmer zurückzukommen.“ Er lässt die Türe offen. Ina zieht das Leintuch über dein Gesicht hoch. Ich werfe einen letzten Blick in den Raum. Da ist das leere Bett mit der zurückgeschlagenen Decke, da steht dein kleiner Tisch mit der leeren Vase, in der Tischschublade mit deinen Habseligkeiten steckt noch ein Schlüssel. „Ich werde Ihnen alles zusammenpacken“, sagt Ina nun in Eile und schaut zur Tür. Wie von unsichtbarer Hand geleitet ergreifen wir die Bahre, Ina von links, ich von rechts. Wir schieben dich aus dem Raum hinaus, durch den Gang der Abteilung, wo uns neugierige Augen folgen, durch die Korridore des Spitals, ins Freie.
So zugedeckt, siehst du wirklich tot aus, und ich kämpfe mit den Tränen. Ina steuert das Gefährt über die verschlungenen Wege des Parks, sie kennt den Bestimmungsort, sie hat es eilig. Wir sind atemlos. Ich habe keine Zeit, die Frühlingsblumen am Weg und die hohen Bäume zu begrüßen. Menschen kommen uns auf dem Weg entgegen. Ihre Blicke streifen erstaunt unser schmales, mit dem weißen Tuch bedecktes Gefährt, unter dem sich die Konturen eines Menschen abzeichnen. „So eine Frechheit“, meint einer von ihnen wütend. „Jetzt schiebt man die Toten noch bei Tageslicht durch den Park! Sind die denn völlig verrückt geworden?“ Wir schweigen und beschleunigen unsere Schritte. Es ist uns beiden klar, dass wir hier ein Tabu brechen: Tote gehören „weggepackt“ und werden so schnell wie möglich aus dem Gesichtsfeld der Lebenden entfernt. Und hier eilen wir mit einer Toten durch den Frühling. Ein Gefühl von Absurdität beschleicht mich, und wenn ich nicht die Befürchtung hätte, dass unsere Mission in diesem öffentlichen, von allen einsehbaren Raum misslingen könnte, würde sich sogar ein kleines Gelächter in mir breit machen.
In der Ferne erblicke ich einen hölzernen Schuppen. Ina navigiert unser Gefährt zielsicher darauf zu. Die alte Holztür klemmt, wir schauen uns schnell um, ob uns niemand gefolgt ist. Die Luft ist rein. Ich öffne die Tür mit einem Ruck, sie gibt quietschend nach, und sofort fahren wir unsere kostbare Ladung in diesen hölzernen Unterschlupf und ziehen die Tür hinter uns zu. Geschafft! Mission gelungen! Wir seufzen vor Erleichterung. Wir schauen uns um. Der Schuppen scheint nicht mehr in Gebrauch zu sein. Spinnweben hängen von den hölzernen Balken, ein paar alte Gartengeräte stehen angelehnt an der Wand, Rechen, Schaufeln, eine Sense, alle mit hölzernen Griffen.
Da, der Abendgesang einer Amsel erklingt im Raum. Rechts oben steht ein kleines Fenster zur Belüftung offen. Weit offen. Ein Seelenfensterchen für dich, geht mir durch den Sinn. Ich erinnere mich an unser altes Bauernhaus, das unter dem Giebel links und rechts zwei kleine quadratische Öffnungen aufweist. „Das sind die Seelenfensterchen“, hatte mir Alice, die Bäuerin, erzählt, „sie wurden früher in jedes Haus eingebaut. Durch sie soll die Seele der Toten, die hier noch zu Hause aufgebahrt wurden, ins Freie fliegen.“ Also genau der richtige Ort für deine letzte Nachtruhe. Während ich so nachdenke, ergreift Ina zärtlich das Ende des Lakens, das über deinem Gesicht liegt, und faltet es sorgfältig über deiner Brust. Dein Gesicht ist wieder frei, mit Röslein besteckt. Wie schön du bist! Du siehst verklärt aus. Wir stehen versunken da. Bis mich Ina leicht auf die Schulter tippt: „Entschuldigen Sie bitte, ich muss jetzt gehen, ich werde im Schlafsaal gebraucht. Wir hören voneinander. Melden Sie sich beim Empfang, wenn Sie gehen, er hat durchgehend geöffnet.“
Ich schaue ihr nach. Dankbarkeit und ein Staunen überkommen mich. Fremd waren Ina und ich uns bis zu diesem Ereignis. Doch was für einen Gleichklang haben wir darin erlebt! Nun bin ich wieder allein mit dir. Ich stehe an deinem Fußende. Was für eine Reise haben wir zusammen gemacht! Der Raum ist angefüllt mit Andacht. Innen und außen: der Innenraum umhüllt den Außenraum. Ein Raum in einer uns gemeinsam tragenden Atmosphäre. Hier sind wir behütet. Dies wird unser Treffpunkt sein, der Ort unserer zukünftigen Begegnungen. „Das ist eine weitere Verabredung“, sage ich lächelnd zu dir, „Ort bekannt, Zeitpunkt noch unbekannt.“ Und du lächelst mir zu, mit einem seligen Lächeln. Die Amsel beginnt wieder zu singen, sie stimmt uns zu, sie trägt uns auf ihrem Gesang empor. Ich schaue in dein Antlitz, die Röslein, die Röslein. Sie duften. Sie duften himmlisch.
Jetzt kann ich gehen. Ich schaue noch einmal in den Raum, auf dich, in dein Gesicht. Mein letzter Blick, ein Abschiedsblick. Er ist trotz allem wehmütig, eine mit Sehnsucht angefüllte Wehmut – die Sehnsucht, dich wieder so sehen zu wollen, die Wehmut, dich nie mehr so sehen zu können.
Die Ablösung muss sein, sie fällt mir schwer. Ich kehre dir den Rücken zu, öffne die Tür, trete hindurch, drehe mich um und schließe sie.
Ich gehe den Weg entlang zurück. Weiter konnte ich nicht mit dir reisen. Ich bleibe hier. Mit dem Gefühl einer Zurückgebliebenen steuere ich auf das Klinikgebäude zu Richtung Empfang. Bin ich traurig, dass ich zurückgeblieben bin? Nein. Auf mich warten zu Hause meine Lieben, mein Kind, mein Mann und die Hündin Patty Gold. Und vielleicht ist auch meine Freundin Sara noch dageblieben. So navigiere ich auf mein weiteres Schicksal zu, auf meiner irdischen Bahn, mit dem Lichtpunkt dieser Erfahrung als Lotsen.
Nachklang
Nachtfahrt
Im Zug fahre ich durch die Nacht zurück. Die Räder drehen sich unerbittlich, und ich entferne mich immer mehr von dir. Du liegst von mir zurückgelassen im kleinen Gartenhaus. Nie mehr werde ich dich sehen. Der Abschied ist endgültig. Es ist wie ein Abbruch. Alles, was ich bis jetzt nicht für dich getan habe, werde ich nie mehr nachholen können! Dieses „Nie mehr“ kann ich nicht fassen.
Die Zeit vor deinem Sterben erscheint. Du warst dem Geflecht der Klinik überlassen, ich vom Getriebe des Alltags absorbiert. Wir befanden uns nicht hautnah beisammen. Dich besuchen bedeutete: Termine freischaufeln, den Zug besteigen, Distanz überwinden, die Beziehung wieder neu knüpfen. Dein Gesicht schaute mir jeweils aus den weißen Laken des Spitals entgegen, ich ergriff deine Hand und es dauerte, bis wir einander wieder fanden. Oft ist uns eine Begegnung gelungen. Aber gemessen an der Tatsache, dass es so nie mehr geschehen kann, war es viel zu wenig. Jetzt sind diese Gelegenheiten unwiederbringlich verloren. Daran habe ich vor deinem Sterben nicht gedacht. Das Leben schien endlos so weiterzugehen, wie wir es gewohnt waren. Schmerzlich wird mir bewusst: Wie viel mehr wäre möglich gewesen, was ich dir hätte geben können! Vorwürfe schleichen sich ein, Schuldgefühle, Tränen steigen hoch. Fassungslos stehe ich vor all dem Verpassten. Nicht der Tod ist zu fürchten, sondern sich nicht mit Hingabe auf das Leben eingelassen zu haben.
Ich schaue in die Dunkelheit hinein. Manchmal sehe ich auf meiner Seite zu Lichtern von erleuchteten Häusern hinüber, manchmal reflektieren von der anderen Seite her Lichter auf meiner Fensterscheibe. Ich erinnere mich plötzlich an den Gedichtband, den ich vor meiner Abreise in die Tasche gesteckt hatte, und krame ihn zwischen Fahrkarte, Haarbürste und Handy hervor. Darin steht ein Gedicht von Rumi, das mich schon seit Jahren begleitet. Wie wird es heute zu mir sprechen? Ich schlage es auf und übersetze für mich:
Jenseits aller Ideen von falschem und richtigem Tun gibt es ein Feld: Dort werde ich dir begegnen. Wenn die Seele sich ins Gras hinlegt, ist die Welt zu voll, um darüber zu sprechen.
Wieder einmal leuchten mir Rumis Zeilen entgegen. Ich atme auf. An diesem Ort sind wir uns begegnet, in deinem Sterben und auch oft davor. Diese Momente zählen. Es sind innere Trittsteine zwischen uns, und solange ich mich an sie erinnere, sind sie unvergänglich.
Ich sehe wieder eine späte Begegnung mit dir vor mir. Ich sitze an deinem Bett. Deine Hand sinkt in meine, mager, sehnig, gelblich. Ich spüre, wie sie ihr Gewicht abgibt und sich mir anvertraut, als würde sie sagen: Gut, dass du da bist. Deine Augen erreichen meine. Dein Blick liegt hellbraun, mit leichtem Goldglanz auf mir. Unsere Augen berühren sich zärtlich, berühren tief drinnen unser innerstes Wesen. Worte? Keine. Unsere Augen finden sich wortlos in einer Frage, einer Fragebewegung ins Offene, die zu meinem Erstaunen eine Frische in sich birgt.
Nun werde ich wieder erfüllt von deinem Sterben, Monika. Mein Bedürfnis, es zu verstehen, ist tief. Fragen kommen, Antworten gehen, ich lausche in mich hinein. Wie ist es möglich gewesen, all dies mit dir zu erleben? Ich hörte zu dir hinüber, du grüßtest zu mir herüber. Wir lauschten gemeinsam in einen Raum dazwischen, und darin entstand die Freiheit, den Übergang von einer Welt in eine andere zu erfahren.
Warum diese innige Nähe zwischen uns? Ich wollte dich dorthin begleiten, wohin du gingst, du wolltest mich dahin grüßen, wo ich verblieb. Dies öffnete weit alle Sinneskanäle: Ich vernahm den Ton, sah das Licht, roch die Süße des Duftes und schmeckte Vergessen und Erinnern. Ich berührte dich von hier aus und du mich von dort aus. Unsere Liebe umspannte beide Welten. Ist das nicht erstaunlich, Monika? Du warst doch früher für mich immer wieder die „böse Stiefmutter“ und ich für dich das „schwierige Stiefkind“. Und jetzt hat diese gemeinsame Erfahrung so viel Schweres verwandelt.
Vieles klingt nach. Was erkenne ich zuerst?
Die Bewegung: Ich hatte deutlich das Gefühl, als würdest du dich von der Erde zurückziehen, weg vom Raum unterhalb deiner Füße, hinaufziehen in deinen Herzinnenraum. Ich erinnere mich wieder, wie ich mit dir hier verweilte, mein Ohr an deinem Herzen, bis ich oberhalb deines Kopfes ein Licht spürte. Bist du da hinaufgestiegen und hast dich durch das Licht wie durch ein unsichtbares Tor hindurchgezogen, hinüber? Ich erinnere mich noch genau: Zu dem Zeitpunkt, als ich das Licht wahrnahm, atmetest du aus und nicht wieder ein.
Oder doch? Ich hatte das Gefühl, es „atme“ noch, so als würdest du woanders weiteratmen. Hast du da wieder eingeatmet? Hast du mit dem letzten Ausatmen hier losgelassen, um dort anzukommen? Und wer begrüßte dich dort bei deinem ersten „Einatmen“? Hast du dabei geseufzt wie damals mein neugeborenes Kind bei seinem ersten Atemzug? Ich höre noch sein „Ah!“ Höre ich deines?
Ein Resonanzraum von Sterben und Geborenwerden klingt in mir an. Träume ich schon halb? Müde bette ich meinen Kopf in den flauschigen Mantel. Zu Hause werde ich alles meiner Familie erzählen.
Heimkehr
Ich komme nach Hause und stoße die Tür auf. Niemand ist da, niemand erwartet mich, niemand heißt mich willkommen. Du hast dich ja auch nicht angekündigt, beruhige ich mich. Ich stelle den Koffer im Eingang hin, gehe die paar Treppenstufen zum Wohnzimmer hinauf und öffne die Tür. Was für ein Anblick: Da thront die junge Collie-Hündin Patty Gold wie eine Königin auf meinem Sofaplatz. Sie weiß genau, dass sie da nicht hingehört. Weil sie nicht mehr unentdeckt hinunterspringen kann, dreht sie elegant den Kopf von mir weg und schaut zum Fenster hinaus in die Nacht, als würde ich so nicht mehr für sie existieren, als könnte sie sich durch die Drehung ihres Halses unsichtbar für mich machen. Wie ein kleines Menschenkind, denke ich erheitert. Und wer sitzt vor ihr im Ledersessel vor dem Fernseher, zu einer Zeit, wo er schon längst schlafen sollte, und lässt vergnügt die Beine baumeln, versunken in ein Videospiel? Mein Sohn Tim. Ich erhasche mit einem Blick eine Sequenz auf dem Bildschirm. Er spielt wahrhaftig „Perfect Dark“, ein Spiel, das ich verboten und versteckt habe, nachdem es einst heimlich in unserem Haus Einzug hielt. Es geht in diesem Spiel darum, Menschen so gezielt wie möglich mit Pistolenschüssen in die perfekte Dunkelheit zu befördern.
„Was geht denn hier vor?“, durchbreche ich lauthals und streng die konzentrierte Stille. Tim schaut auf, überrascht: „Du bist schon zurück? Ist Monika schon gestorben?“ Geistesgegenwärtig knipst er das verbotene Spiel vom Bildschirm weg. Doch die Hülle der Kassette liegt verräterisch neben ihm auf dem Boden. Soll ich schimpfen oder ihm auf die Frage antworten? Da ich selber noch so sehr von Monika erfüllt bin, blende ich für dieses Mal mein mütterliches Erziehungsethos aus und antworte einfach: „Ja.“ – „Du bist doch erst heute Morgen abgereist“, meint Tim. In seiner Stimme ist die Enttäuschung nicht zu überhören, dass ich schon wieder da bin und es mit der neu gewonnenen Freiheit bereits vorbei ist. Aber zugleich tritt auch eine große Neugier in sein Gesicht: „Geht Sterben denn so schnell?“
„Bei Monika schon“, gebe ich zur Antwort und drehe den beiden kurz den Rücken zu, um nach Dennis und Sara zu rufen. Da höre ich, wie Patty mit einem Satz vom Sofa hinunterspringt und sich am Boden auf ihr Schaffell setzt und Tim rasch die Hülle der Videokassette unter seinen Sessel schiebt. Ich drehe mich sofort wieder um. Patty schaut mich mit einer Unschuldsmiene an, als wäre nichts gewesen, was Tim, von sich ablenkend, lachend kommentiert: „Sie weiß doch genau, dass dein Platz auf dem Sofa für sie verboten ist!“ – „Aha, und du? Gehörst du nicht schon längst ins Bett? Und was spielst du da?“ Nun dreht Tim, wie vorher Patty, nur nicht mit derselben Anmut, den Kopf entschieden von mir weg, lässt mich so gezielt aus seinem Blickfeld verschwinden und ruft zur Türe hin: „Dennis, Sara, Mirjam ist zurück!“ Ich höre die beiden herbeieilen.
Allegro
Wir sitzen alle um den runden Glastisch bei einer Kanne Tee und tauschen uns über das Reich des Sterbens aus: Dennis, Sara, Tim und ich. Auf dem Boden liegt Patty Gold. Obwohl Patty noch nicht einmal ein Jahr alt ist, stellt sie aufmerksam ihre Ohren auf, wenn Wichtiges besprochen wird, während der achtjährige Tim in unserer Familie die Dialoge schon entscheidend mitgestaltet.
„Ist Monika friedlich gestorben?“, fragt Dennis sogleich. „Ja, es war unglaublich!“ Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll, alles will gleichzeitig aus mir heraussprudeln. „Erinnert ihr euch an Tims Geburt?“, suche ich einen Anfang. Ich erzähle, wie mir Monikas Sterben in vielem ähnlich erschien: „Wir waren beide in einem Geburtskanal, nur ging die Reise in die umgekehrte Richtung. Bei Tims Geburt musste ich damals zwei Tore aufstoßen, eins zum Himmel und eins zur Erde hin, damit er durch das untere Tor auf die Welt kommen konnte. Bei Monika war es, als würde ihre Energie wie Wasser durch ein Tor unterhalb ihrer Füße hinauffließen, danach lange in ihrem Herzen verweilen, bis sie sich dann durch ein Tor oberhalb ihres Kopfes zog, hinauf.“
„Das erinnert mich an deinen Traum, den du mir nach Tims Geburt berichtet hast“, meint Dennis sofort, „da schwebtest du in einer Gondel ins Unsichtbare, in den Himmel hinauf. Schon damals meintest du, dass dieser Traum dir die Bewegung des Sterbens zeigen wollte.“
„Meinst du, Gott habe Monika in einer Gondel in den Himmel hinaufgezogen?“ fragt Tim belustigt. „Sie wäre doch viel zu schwer für ihn gewesen!“ – „Nein, das meine ich nicht wörtlich so, die Gondel ist ein Bild aus einem Traum.“ Für Tim ist diese Antwort nicht zufriedenstellend, aber er ist zu müde, um weiterzufragen.
Ich denke nach: Ja, es lohnt sich, wenn wir uns noch genauer an die Geburt erinnern. Vielleicht verstehen wir von ihr her Monikas Sterben besser. So wende ich mich an Sara: „Woran erinnerst du dich zuerst bei Tims Geburt? Es ist ja schon acht Jahre her.“ Ohne nachdenken zu müssen sagt sie: „ An die Heiterkeit und Leichtigkeit. Für mich hat die Geburt schon einen Tag vorher begonnen, wie wir zusammen auf der Treppe zum Obergeschoss saßen. Ich fotografierte deinen nackten, prallen Bauch. Wir waren beide in freudiger Erwartung.“
„Genau so erging es mir auch mit Monikas Sterben. Ich hörte schon Tage zuvor Beethovens Frühlingssonate. Sie stimmte mich heiter. Ich spürte, dass sie mir etwas verkünden will, wusste aber nicht genau was.“ – „Lasst sie uns hören“, sagt Dennis feierlich, „lasst uns zusammen Monikas Sterben würdigen.“ Die CD liegt noch wie vor meiner Abreise heute Morgen im Gerät, ich brauche nur auf die Fernbedienung zu drücken. Die Melodie erklingt, beschwingt uns mit ihrem Allegro. Patty Gold spitzt ihre Ohren, sie atmet im Rhythmus der Musik ein und aus und trägt uns alle auf den Wellen ihres tiefen Schnaufens mit. Auch Tim lauscht aufmerksam, kämpft aber zugleich mit dem Schlaf. Er möchte unter uns bleiben, eingebettet ins Reich des gemeinsamen Zuhörens und Erzählens, keinesfalls will er ins Bett geschickt werden, das merke ich deutlich. So lege ich ein Schafsfell neben Patty Gold und nicke ihm zu. Wortlos versteht er und kuschelt sich darauf. Er nimmt Patty in seine Arme, ergeben lehnt sie ihren Kopf an seine Brust. Behutsam lege ich eine Decke über Hundekind und Menschenkind. Tim und Patty schließen bald ihre Augen. Gespräche, Worte, Töne werden sie in den Schlaf hinübertragen.
Duft
Die Musik verklingt. Es bleibt ein Duft von Leichtigkeit im Raum. Dennis sagt erstaunt: „Ich bin gleichzeitig bei Monikas Sterben und bei Tims Geburt gelandet.“ – „Auch mir ist es so ergangen“, meint Sara. „Ich habe mich wieder daran erinnert, wie ich nach der Geburt als Erste in Tims Augen schaute. Dieser Blick! Ich sah damals etwas durch seine Augen wandern, von uralt zu neugeboren. Es fand eine große Verwandlung statt, als müsste er, von weither kommend, zuerst in seinem Neugeborenen-Gesicht ankommen. Und jetzt höre ich wieder Tims ersten Ton, diesen weichen, kleinen Seufzer, dieses Ah! Ich meine, dass Tim mit dem Seufzer nicht nur diese Welt begrüßt hat, er hat auch zugleich von einer anderen losgelassen. Als müsste er alles Frühere in den Hintergrund seines Bewusstseins treiben lassen, damit im Vordergrund Platz für dieses neue Leben entsteht. Und was für eine Süße lag in diesem Ton!“
„Süße“, erinnere ich mich, „erfuhr ich auch bei Monikas Sterben. Sie hat nach ihrem letzten Atemzug einen unendlich süßen Duft verströmt. Ich hatte das Gefühl, sie würde mich von einem anderen Ort mit diesem Duft grüßen. Und so war es auch nach Tims Geburt. Er lag auf meinem Schoß und duftete – unsäglich süß. Könnte es sein, dass die Welt, aus der er kam, mich damit einhüllte? Ich konnte mich nicht satt riechen an dem Geruch. Er strömte vom Scheitel seines Kopfes aus und ließ mich hineinsinken in einen unendlich weiten Mutterschoß. In ihm lag ich dann mit meinem Neugeborenen zusammen und fühlte mich geborgen.“
Vergessen und Erinnern
Wir sind alle eine Zeitlang in Gedanken versunken. Bis ich den Dialog wieder aufnehme und Sara einen Vorschlag unterbreite: „Machen wir doch ein Experiment. Gehen wir einmal davon aus, Monika komme soeben in einer anderen Welt an. Stell dir vor, du stehst mit ihr auf der anderen Seite. Du schaust als Erste in ihr Gesicht, wie du das beim neugeborenen Tim getan hast. Was siehst du in ihrem Blick?“
Sara schließt ihre Augen und beschreibt uns ihre Vision: „Ich sehe Monika vor mir. Etwas wandert von weit her kommend wieder in ihr Gesicht, als würden frühere Zeiten wieder in ihr Bewusstsein treten und ihr Sehen anfüllen. Sie erscheint mir als sehr weise. Ihr Gesicht sieht hell aus, hellsichtig.“
Skeptisch runzelt Dennis die Stirn: „Du meinst also, mit ihrer Ankunft an einem anderen Ort fände ein Wiedererinnern statt? Das verstehe ich nicht.“
Sara lässt sich nicht beirren: „Genau so habe ich es vor mir gesehen. Es hat Monika in Sekundenschnelle durchflutet. Umgekehrt habe ich es nach Tims Geburt in seinen Augen wahrgenommen: etwas ist daraus entschwunden. Als hätte er zuerst vergessen müssen, um hier anzukommen.“
Dennis kontert weiter: „Du behauptest also, dass mit dem Ankommen in dieser Welt ein großes Vergessen verbunden ist? Und damit ein Verlust an Hellsichtigkeit? Das ist eine gewagte Behauptung!“
„Ja, genau so verstehe ich es. Ich glaube, dass wir bei der Geburt Begrenzungen erfahren, die beim Sterben von uns wegfallen“, sucht Sara uns begreiflich zu machen. Sie gehe davon aus, dass wir hier im Diesseits nur noch Erkenntnisblitze davon erhaschen können, wer wir eigentlich wirklich sind, im Zusammenklingen von all den angesammelten Orten und Zeiten in uns, über Leben hinweg. Sie erklärt dies mit dem Déjà-vu-Erlebnis: „Jeder von uns kennt doch diese Erfahrung. Plötzlich überkommt uns das Gefühl, etwas schon einmal gesehen zu haben, obwohl wir nicht wissen, wann und wo. Es geschieht in Träumen, aber auch im Alltag.“ Sie denkt weiter nach: „Vielleicht ist deshalb der Reisedrang in uns so groß. Wir spüren, dass wir nicht nur äußerlich auf Reisen gehen, sondern auch eine Reise nach innen antreten. Wir richten uns unbewusst darauf aus, dass die äußeren Räume mit inneren Räumen zusammenklingen, die von weit her in uns aufsteigen.“
Dies geht nun Dennis entschieden zu weit: „So glaubst du also daran, dass wir so etwas wie frühere Leben durchlebt haben? Solche Erfahrungen wie das Déjà-vu können doch auch einfach Träume sein, die übereinander geschichtet in unserem Bewusstsein lagern. Sie fühlen sich wie verschiedene Wirklichkeiten an. Wir tragen sie in uns und versuchen, sie durch die Vorstellung von früheren Leben zu erklären.“
„Du magst Recht haben“, lenke ich ein. „Wir können hier nichts beweisen! Ich glaube, da muss sich jeder auf sein eigenes Gefühl verlassen. Jeder soll selber entscheiden, was für ihn stimmt!“




