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Das Gesicht von Brogoff war immer grauer geworden, während die Kapitänin sprach. Doch bei ihren letzten Worten horchte er auf. »Aber das habe ich doch! Ich habe mit Bobby gesprochen! Er hat mich gebeten, dass wir sie retten!«
Gail seufzte. »Leider ist die Sache ein wenig komplizierter. Wir haben keine Bitte um Hilfe durch einen offiziellen Vertreter dieses Volkes. Und da Sie den Kontakt zu Bobby verloren haben, lässt sich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob er wirklich von Zenori stammt. Es gibt einige Fakten, die dagegen sprechen. Es sind ungefähr ...« Sie warf einen Blick auf den kleinen Monitor vor sich, »... 200.000 Überlebende auf dieser Welt. Ohne Regierungsvertreter müssten wir daher von mindestens fünfzig von ihnen eine entsprechende Bitte erhalten, damit ich einen derart schwerwiegenden Eingriff in die Autonomie des Volkes rechtfertigen kann. Die Vorschriften sind da leider eindeutig. Wenn Paulmann keine Möglichkeit findet, mit den gefangenen Zenoriern zu kommunizieren ...« Sie warf dem Rothelianer einen fragenden Blick zu. Der Mediziner blähte die seitlichen Kehlsäcke auf, was von seinem Kommunikationsmodul mit einem Nein übersetzt wurde, »... sehe ich leider nur die Option, dass Sie es schaffen, wieder einen psionischen Kontakt aufzubauen. Wenn es Ihnen gelingt, mir die Bitte durch mindestens fünfzig Zenorier bestätigen zu lassen,
dann werde ich wirklich gerne alles Mögliche tun, um diese Rasse zu retten. Aber wir können nichts unternehmen, solange keine Gewissheit besteht, dass dies auch ihr Wunsch ist.«

Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:
Die Stimmung an Bord ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Viele Besatzungsmitglieder haben wenig Verständnis für die Vorschriften, die es uns verbieten, den Zenoriern ungefragt zu helfen. Dru Brogoff versucht rund um die Uhr, einen Kontakt aufzubauen, aber bisher ohne Erfolg. Ich habe alles für den Abflug vorbereiten lassen. Morgen werden die gefangenen Zenorier wieder auf den Planeten verbracht. Danach gibt es nichts mehr, was wir für diese Rasse und ihre Welt tun können. Es fällt schwer, sich damit abzufinden.
Nachtrag für das persönliche Logbuch: Ich persönlich glaube nicht, dass der psionische Kontakt, den Dru Brogoff herstellte, zu einem Bewohner von Zenori bestanden hat. Inzwischen bin ich mir sogar unsicher, ob es eine solche Kommunikation überhaupt je gegeben hat und ich kann nachvollziehen, warum in der Erkundungsflotte, wie fast überall, auf Psioniker verzichtet wird. Sie scheinen einfach nicht besonders zuverlässig zu sein. Trotzdem wünschte ich, dass Brogoff bei dieser Mission Erfolg gehabt hätte.

Cuta Sibillen legte noch nie besonders viel Wert auf Förmlichkeiten und als Brogoff seine Kabinentür nicht öffnete, obwohl sie mehrfach den Summer betätigte, benutzte sie einfach ihre Autorität als Schiffsoffizierin, um die Tür per Stimmbefehl zu öffnen.
Man musste kein Telepath zu sein, um den Dunst aus Trauer und Verzweiflung zu spüren, der in Brogoffs Kabine in der Luft
hing. Nach den Ereignissen der letzten Zeit wunderte es sie nicht, den Psioniker am Boden zerstört zu sehen.
Der Mann lag auf einigen Kissen auf dem Teppich und drehte sich schwerfällig um – scheinbar hatte er das Exoskelett abgelegt und die Bewegung fiel ihm nicht leicht. Die Pupillen waren stark geweitet und füllten seine Augen komplett mit Schwärze aus. Dabei handelte es sich um eine Nebenwirkung der Drogen, die seine telepathischen Fähigkeiten verstärken sollten. Es war ein offenes Geheimnis an Bord, dass Brogoff in den letzten Tagen weit mehr als die zulässige Dosis davon zu sich genommen hatte, aber niemand brachte es über das Herz, deswegen eine Meldung an Kapitänin Lisani zu machen.
Ein einziger Blick in das verhärmte Gesicht genügte und Cuta verkniff sich die Frage, ob der Mann inzwischen Erfolg gehabt hatte. Sie setzte sich einfach neben ihn auf den mit Kissen bedeckten Boden und legte die Hand auf seinen Arm.
»Es tut mir leid, Dru«, sagte sie mit leiser Stimme. Brogoff nickte schwach. Sie fragte sich, warum er das Exoskelett abgelegt hatte. Auch wenn sich unter ihren Doktortiteln keiner der Medizin befand, so erkannte sie doch, dass die Belastung der letzten Tage für den Psioniker zu groß war. Vielleicht hätte man schon früher gegen die Überdosierung vorgehen sollen. Aber die Sigourney würde den Orbit bald verlassen und Brogoff dann hoffentlich von alleine mit seinen Bemühungen aufhören. Anderenfalls musste sie mit Gail darüber reden.
»Sie haben alles getan, was Sie konnten, Dru. Niemand bestreitet das. Aber es sollte einfach nicht sein. Ich fürchte, es ist tatsächlich sehr unwahrscheinlich, dass es telepathisch begabte Zenorier auf dem Planeten gibt. Zwar hat Paulmann ein Gehirnareal bei ihnen lokalisieren können, das große Ähnlichkeit mit den menschlichen Psion-Zellen aufweist, aber das Areal ist verkümmert. Das ist keine Auswirkung des Virus, wahrscheinlicher ist es, dass diese Spezies ihre psionischen Fähigkeiten im Laufe ihrer Evolution verloren hat. Entweder das oder ...«
Cutas Augen weiteten sich, als ihr plötzlich ein Gedanke kam. »Moment mal ... was wäre, wenn ...?«
Bevor der Mann etwas sagen konnte, war sie aufgesprungen und bereits an Brogoffs Kommunikator. »Gail! Gail! Du darfst noch nicht starten! Es gibt noch eine Möglichkeit!«

Logbuch des Allianz-Erkundungsschiffes Sigourney – Eintrag Kapitänin Gail Lisani:
Entgegen des üblichen Protokolls werde ich mich ebenfalls auf die Oberfläche des Planeten begeben, da meine Stimme ein höheres Gewicht hätte, wenn eine Bitte um Hilfe durch die Einheimischen bezeugt werden muss. Ich hoffe, dass Cuta Sibillen und Dru Brogoff mit ihrer Vermutung recht haben. Das wäre als Abschluss der Mission wirklich wünschenswert.
Die Aggressivität der Zenorier ist deutlich ausgeprägter als erwartet. Wie es scheint, hat der Virus zwar die höhere Intelligenz bei ihnen zerstört, aber die Urinstinkte, die sie den von uns gefundenen Ort verteidigen lassen, existieren nach wie vor. Ich musste ein zweites Sicherheitsteam zum Schutz der Bodenmission abstellen und habe die erforderlichen Maßnahmen autorisiert. (Querverweis Datei AESIIc-Sigourney-Lisani-Rechtfertigung für nichtletale Gewalt zum Schutz des Bodenerkundungsteams)

Gail Lisani trat durch das Singularitätsportal auf die Planetenoberfläche. Das Portal war von der Sigourney aus errichtet worden und ermöglichte einen direkten Übergang vom Schiff hierher. Katharina Mbode, die Leiterin der Sicherheitsteams, erwartete sie bereits und war nicht glücklich darüber, dass Gail als Kapitänin den
Planeten und damit quasi ein Kampfgebiet betrat. Am Ende hatte sie aber die Entscheidung akzeptiert.
Die Kommandantin spielte unwillkürlich an den akustischen Empfängern ihres Schutzanzuges der Klasse III, dann warf sie Mbode einen überraschten Blick zu. »Ich höre keine Neuroschocker. Sind die Kämpfe vorbei?«
Die Sicherheitsfrau in dem gepanzerten Anzug nickte. »Ja, Kapitänin. Es ist uns gelungen, ein Energiefeld zu errichten, das so kalibriert wurde, dass es die Zenorier an einem Durchkommen hindert und dabei keine Schäden bei ihnen verursacht.«
Gail konnte das Aber in den Augen der Frau bereits sehen, bevor diese fortfuhr. »Vorher haben wir sie mit den Neuroschockern problemlos betäuben können. Doch leider haben die Zenorier ihre Aggressionen gegen ihre ohnmächtigen Artgenossen gerichtet. Mindestens fünf von ihnen sind dabei zu Tode gekommen, drei weitere wurden verletzt. Paulmann kümmert sich um sie.«
Gail schloss kurz die Augen, als sie die schlechte Nachricht verarbeitete. Fünf Tote! Noch etwas, was sie vor der Ethik-Kommission verantworten musste. Sie atmete tief ein. Nicht nur vor der Kommission. Auch vor sich selbst.
»Danke.« Ihre trübe Stimmung erhellte sich ein wenig, als sie Cuta auf sich zukommen sah. Ihre Lebenspartnerin hatte immer noch diese Wirkung auf sie. Jedes Mal. Seit nun fast sechzig Jahren.
»Wie sieht es aus, Cuta?«, fragte sie die Wissenschaftlerin und erwiderte deren Lächeln.
»Es gibt gute und schlechte Neuigkeiten, Gail. Wie erwartet, handelt es sich bei diesen Örtlichkeiten wirklich um die Brutstätten der Zenorier und sie werden immer noch benutzt.«
»Ich vermute mal, das waren die guten Nachrichten.«
»Ja, genau.« Cuta lachte. »Die anderen sind zwar schlecht, aber nicht hoffnungslos. Hier kriechen eine Menge Larven herum. Das Virus hat bei ihnen bereits Wirkung gezeigt. Leider. Zum Glück beschränkt sich ihre Aggressivität uns gegenüber auf ein böses Fauchen und einen olfaktorischen Schutzmechanismus. Du solltest deine Riechsensoren also lieber ausgeschaltet lassen.« Cuta
zwinkerte ihr zu. »Unsere Hoffnung sind die Eier. Wir haben noch keinen Überblick, aber dort unten befinden sich vermutlich Dutzende davon.«
»Inwieweit können die uns helfen, Cuta?«
»Uns ist aufgefallen, dass die von uns untersuchten Zenorier verkümmerte psionische Zellen besaßen. Nun hoffen wir, dass diese Spezies während des Beginns ihrer Reifung über telepathische Eigenschaften verfügt. Möglicherweise wird über eine Art telepathischem Gruppenbewusstsein die Entwicklung von Intellekt und Persönlichkeit bereits vor dem Schlüpfen gefördert.«
»Du meinst, Bobby könnte die Botschaften aus seinem Ei gesendet haben?«
»Es ist eine Möglichkeit, ja. Bedauerlicherweise würde es auch den Abbruch des telepathischen Kontaktes erklären. Bobby ist vermutlich geschlüpft.«
»Beim Axiom! Das würde bedeuten ...«
»Ja, die Eierschale scheint das Kittarrow-Virus abhalten zu können, zumindest für eine Weile. Der Schlüpfvorgang ist dann das Ende für ihre gerade erst geformte Intelligenz.«
»Die Geburt bedeutet den Tod«, flüsterte Gail und ihr schauderte.
Sie hatten die unterirdische Brutstätte betreten. Im dämmerigen Licht war nicht auszumachen, ob es sich um eine natürliche Höhle handelte oder um ein Bauwerk. Auch die Ausdehnung war nicht absehbar.
Im Schein der aufgebauten Lampen vermochte sie die Umrisse mehrerer Dutzend Eier zu erkennen, alle etwa einen Meter hoch. Mehrere Dutzend, dachte Gail. Hoffentlich waren es genug. Und hoffentlich würden sie mit ihnen kommunizieren können.
Jetzt war sie froh, dass Brogoff ebenfalls auf dieser Mission war. Wie es aussah, stellte ein psionischer Kontakt die letzte Möglichkeit dar, um die Bevölkerung von Zenori evakuieren zu dürfen.
Der ältere Mann kniete ein paar Meter entfernt und umarmte eines der Eier. Durch das Visier des Schutzanzuges konnte die
Kapitänin sein hoch konzentriertes Gesicht mit den völlig schwarzen Augen sehen.
An den Kontaktsensoren ihres Handschuhs spürte Gail, wie Cutas Finger sich um die ihren legten.
»Seit wann kniet er da?«, flüsterte die Kapitänin, nachdem sie einen persönlichen Kanal zu ihrer Lebenspartnerin geöffnet hatte.
»Seit fast einer Stunde«, antwortete Cuta. »Völlig bewegungslos. Wenn Bobby wirklich von dieser Welt stammte, dann muss er ein Ausnahmetalent gewesen sein. Der Kontakt zu seinen Brüdern und Schwestern gestaltet sich sehr viel schwieriger.«
Niemand sagte ein Wort, während sie warteten. Wäre von den Sicherheitsteams nicht das Energiefeld errichtet worden, Gail hätte überlegt, die Bodenmission abzubrechen. Nichts schien zu passieren. Ein Fehlschlag. Was besonders bitter war, nachdem gerade erst die Flamme der Hoffnung neu entzündet worden war.
Dann spürte sie den Druck von Cutas Hand. Etwas geschah! Das Ei, das Brogoff umarmte, begann in einem warmen, roten Licht zu glühen. In seinem Inneren konnte man die Bewegung des Embryos erahnen.
»Sagt es etwas? Hast du Kontakt, Dru?«, flüsterte Cuta aufgeregt.
Die schwarzen Augen des Psionikers waren noch immer starr ins Leere gerichtet, als sein Mund begann, leise zu murmeln: »Ja, ich habe eine Verbindung. Es will nicht sterben. Es bittet um Hilfe. Die Gewalt und das Töten sollen aufhören.«
Cuta wirbelte zu Gail herum, die Begeisterung war ihr anzusehen. »Na, das ist doch was, oder? Was meinst du?« Gail lächelte. Es war immer schwierig, sich nicht von der Wissenschaftlerin mitreißen zu lassen. »Das ist ein Anfang, auf jeden Fall. Denke aber daran, dass wir mindestens fünfzig solcher Bitten haben müssen, wenn wir die ganze Rasse evakuieren wollen. Ich weiß noch nicht einmal, ob genügend Eier hier sind ...«
Sie verstummte, ihre Augen weiteten sich. Um Brogoff herum begannen nun weitere Eier in diesem warmen Licht zu glühen. Das Leuchten verbreitete sich, als immer mehr Embryonen den psionischen Ruf aufnahmen, verstärkten und weiterleiteten, bis
auch die Menschen, die nicht telepathisch begabt waren, in die Lage versetzt wurden, den Inhalt zu verstehen.
Helft uns! Wir wollen leben. Die Gewalt und das Töten sollen enden!
Immer mehr Eier glühten auf. Durch die Schalen konnte man die Embryonen erkennen, die aussahen, als würden sie tanzen.
»Beim Axiom, das müssen Hunderte sein«, murmelte Cuta.
»Nein.« Gail schüttelte den Kopf. »Es sind Tausende.« Sie hatte die Ausdehnung der Höhle völlig falsch eingeschätzt. Abertausende von Eiern bedeckten den Boden und die sanft aufsteigenden Wände. Das rote Leuchten, das den psionischen Wunsch nach Frieden und Zukunft darstellte, breitete sich wie ein Lauffeuer der Hoffnung aus. Die empfangenen Gefühle waren überwältigend. Gail weinte. Sie konnte nicht sagen, ob es aus Freude oder Trauer geschah.
Tausende und Abertausende von Lebewesen riefen telepathisch ihren Wunsch in eine grausame Welt, nicht bei ihrer Geburt sterben zu müssen. Es war ein zutiefst bewegender Moment.
Gail aktivierte einen Kommunikationskanal. »Kapitänin Lisani an die Sigourney. Bitte Kontakt zum Kommando der Erkundungsflotte. Wir brauchen hier mehr Schiffe. So schnell wie möglich. Wir müssen die Zukunft einer Spezies bewahren.«
ENDE

Olaf Stieglitz
Olaf Stieglitz wird von zwei Katzendamen in einer gemeinsamen Wohnung in Wuppertal geduldet.
Nach längerer Schreib-Abstinenz hat er 2016 wieder begonnen, an seiner Karriere als weltberühmter Schriftsteller zu arbeiten. Zur Zeit versucht er sich dabei überwiegend an Kurzgeschichten, mit denen er sich bei verschiedenen Ausschreibungen bewirbt und auch schon erste Erfolge verbuchen konnte.
www.facebook.com/Olaf-Stieglitz-906197966187903/
Der FernhÄndler
Ingo Muhs
Leider hatte ich den erhöhten Sauerstoffverbrauch erst bemerkt, als es für eine Umkehr bereits zu spät war. Also tat ich das Zweitbeste, was man in dieser Situation tun konnte und räumte auf. Das tat ich gewöhnlich nur zu den 1000-Jahres-Treffen.
Der Wohn- und Arbeitsbereich war für drei Menschen ausgelegt, aber ich flog das Handelsschiff schon seit einigen Pejott solo. Da schleifen sich bei uns Junggesellen durchaus ein paar Nachlässigkeiten ein, die ich nun beseitigte.
Ein blinder Passagier war nichts Ungewöhnliches oder Gefährliches für uns Raumfahrer, tatsächlich rekrutierten wir so neue Piloten. Auf vielen Planeten glaubte man, dass irgendwo eine mythische Raumakademie existiere, in der wir Fernhändler ausgebildet werden. Aber das war natürlich Unsinn. Ein klassisches Cockpit hatten die interstellaren Schiffe schon lange nicht mehr, die komplette Steuerung lief über die gleiche Konsole wie die Unterhaltungseinheit. Ich hatte auch direkten Zugriff auf alle Schiffssysteme durch meinen iMplantat (kleines i, großes M, wird gesprochen: »Eimplantat«). Jeder Idiot konnte so ein Schiff fliegen, Reparaturen waren selten notwendig und wurden von den Nanoschwärmen ausgeführt.
Was einen Fernhändler also auszeichnete, waren nicht seine Fähigkeiten, sondern vielmehr die Geisteshaltung. Ob abenteuerlustig oder eigenbrötlerisch, wir mussten in der Lage sein, uns auf fremde Kulturen einzustellen, und wir mussten Dinge hinter uns lassen können. In der alten Weisheit, dass ein Fernhändler jede Welt nur einmal besuchte, steckte viel Wahres.
Ein blinder Passagier, der also gerade seine Heimatwelt für immer hinter sich gelassen hatte und genügend Grips bewies, sich mit den Vorräten an Bord zu schmuggeln, brachte schonmal gute Voraussetzungen für einen Fernhändler mit. Und ich musste gestehen, dass ich mir schon länger einen Assistenten und Lehrling gewünscht hatte – idealerweise jemanden, der meine Leidenschaft teilte. Es konnte natürlich auch sein, dass ich ihn beim nächsten Aufenthalt hinauswerfen musste oder er nach ein paar Stopps das Schiff verließ, um mit einer exotischen Schönheit auf einer freizügigen Welt ein bis drei Familien zu gründen. So etwas konnte man vorher nicht wissen, und umso gespannter war ich, wer wohl mein Gast sein würde.
Als ich mit dem Zustand des Wohn- und Arbeitsbereiches zufrieden war, schaltete ich eine Verbindung zum Vorratslager.
»Herzlich willkommen auf der Axon Zwölf«, ließ ich über das Intercom verlauten. »Ihre Anwesenheit wurde bemerkt und wird mit Skepsis betrachtet. Bitte verlassen Sie Ihr Versteck und zeigen Sie sich der Kamera.« Den Spruch hatte ich geübt und manchmal nach der Abreise von einer hochtechnisierten Welt auch einfach so in den Laderaum übertragen. Man weiß ja nie.
Als sich auch nach einer Weile nichts rührte, fügte ich hinzu: »Sie können natürlich auch in Ihrem Versteck verweilen, das ist mir einerlei. In diesem Fall werde ich Sie auf dem nächsten Planeten wieder entladen. Das wird allerdings ein paar Tage dauern.«
Schließlich rührte sich etwas, und der blinde Passagier wühlte sich durch die Verpackungen ins Freie. Verflucht, blinde Passagiere waren in der Regel zwar jung, aber selten so jung. Das Mädchen war bestenfalls 12 Standardjahre. Mit verheulten Augen blickte sie in die Kamera und schluchzte, so dass man kaum ein Wort verstehen konnte: »Ich habe Mist gebaut. Ich will wieder nach Hause.«

Marja – so hieß unser Ausreißer – saß am Tisch mit einem heißen Tee zwischen ihren Händen (Earl Grey – alte Raumfahrertradition). Ich hatte sie in warme Decken gepackt, denn im Lagerraum war es naturgemäß recht kühl. Bislang hatte ich außer Schluchzen, ihrem Namen und dass sie nach Hause wollte, nicht viel aus ihr herausbekommen. Intensiv starrte sie in die Tasse, als wären dort die Lösungen aller Probleme, und ließ gelegentlich ein leises Schniefen hören.
»Kann es sein, dass ich dich auf dem großen Empfang gesehen habe? Du warst dort mit deinen Eltern, einem Diplomatenpaar vom südlichen Kontinent. Wie hieß er doch gleich? Ich kann mir diese Namen nie merken.«
»Neuropa«, kam eine schüchterne Antwort. Das ist genau der Grund, warum ich mir keine Mühe machte, diese Namen zu lernen. Jeder zweite Kontinent hieß Neuropa, Neu-Afrika oder Neurasien. Viele Städte hießen Perth, Mexiko, Luanda etc. (mit oder ohne »Neu« davor) und Planetennamen waren entweder Terra Novas (in verschiedenen Versionen toter Sprachen), Abarten des Wortes Paradies oder – in einigen Einzelfällen – von Hölle. Planetennamen merkte ich mir. Zum einen gab es davon weniger als Städte und Kontinente, zum anderen gebot das auch die Höflichkeit.
»Ja, genau, Neuropa! Gemäßigte Zone, landwirtschaftlich geprägt«, las ich vom iMplantat ab. »Oh, und der Sitz der Unterhaltungsindustrie.« Sie sah mich fragend an. »Bücher, Filme, Spiele, Cortexdramen?«, spezifizierte ich. »Naja, Cortexdramen eher nicht, dazu ist das technische Niveau nicht ausreichend.«
»Ich hab von Cortexdramen gehört, die sind gefährlich und machen dumm«, beteiligte sie sich endlich am Gespräch. Das Eis brach.
»Das hat man von den anderen Dingen auch irgendwann behauptet«, gab ich lakonisch zurück.
»Aber bei Cortis stimmt es«, schniefte sie in den Tee. Ich zuckte mit den Schultern. Im Moment stand mir wenig der Sinn danach, das Für und Wider verschiedener Medien zu diskutieren.
Mit »Also, was …«, und »Können wir bitte …«, versuchten wir beide gleichzeitig, das peinliche Schweigen zu durchbrechen. Ich bedeutete ihr, auszusprechen.
»Könn … Können wir bitte wieder umkehren? Bitte?« Mit großen Augen sah sie mich an. Ich schluckte.
»Ich fürchte, das ist nicht möglich. Einmal initiert kann der Sprung in ein anderes Sonnensystem nicht mehr abgebrochen werden.«
»Aber dann können wir doch zurückspringen? Ja?«
»Das ist natürlich denkbar, aber ...«
»Und wie lange dauert so ein Sprung?«
»Puh, also, du warst jetzt zwei Tage im Lager, also noch fünf Tage bis zur Ankunft in Neu-Mekka. Jeder Sprung dauert sieben Tage Rel...« Wieder unterbrach sie mich.
»Also etwa zwei Wochen. Das ist ganz schön lang. Mama macht sich bestimmt Sorgen.« Nach kurzen Überlegen fügte sie hinzu: »Und Papa.«
»Ich habe bereits eine Nachricht abgesetzt, dass du als blinder Passagier an Bord bist und es dir gut geht. Standardprozedur, sobald der Name bekannt ist. Ich vermute, es sind an dem Tag nicht viele Marjas verschwunden, also dürfte klar sein, dass du gemeint bist.«
Panisch blickte sie auf, dann schien ihr klar zu werden, dass sie ohnehin in dicken Schwierigkeiten steckte und ihren Ausflug unmöglich noch verheimlichen konnte. Oh Mädchen, du hast ja keine Ahnung, in was für einem Schlamassel du steckst!
Sichtlich erarbeitete sie sich den Mut für die nächste Frage.
»Darf ich vielleicht solange an Bord bleiben? Wenn es keine Umstände macht? … Bitte?«
»Na, ich kann dich ja wohl schlecht aus der Schleuse werfen, oder? Für die kommenden Tage werden wir uns wohl arrangieren müssen.«
»Danke sehr.«
»Sag mal, nach zwei Tagen im Lager – und der Computer zeigt keine Verunreinigungen an – musst du da nicht dringend aufs
Klo?« Sie nickte heftig. Ich wies ihr die Richtung und sie verschwand in der Hygienezelle.
Irgendwie musste ich ihr die schlechten Nachrichten klarmachen. Wenn sie zurückkam? Oder später, ich hatte ja noch fünf Tage Zeit, sie langsam an das Thema heranzuführen. Ich alter Schisser kann mit sowas nicht umgehen.

Historischer Exkurs, Teil I
Die Menschheit hatte sich auf der Heimatwelt – Erde, Earth, Tierra, Земля́, 地球 oder wie man sie in dem Sprachwirrwarr noch nannte – beinahe selbst ausgelöscht. Kaum hatte man die Gefahr der atomaren Verstrahlung technologisch in den Griff bekommen, bombte sich die Nordhalbkugel zurück in die Steinzeit. Zum Schluss musste irgendein Idiot dann doch die schmutzigen Bomben zünden, und wenn erstmal einer anfängt …
Zentren der neuen Zivilisation wurden Südamerika, Afrika und Australien – in dieser Reihenfolge. Es war die selbe krude Mischung, wie man sie heute auch auf weiteren Welten nach planetaren Katastrophen findet. Auf der einen Seite lebte ein Großteil der Bevölkerung auf niedrigstem technischen Niveau. Ich rede hier von Holzhütten und Ochsenkarren – ihr habt doch Ochsen auf eurer Welt? Auf der anderen Seite gab es Zentren der Hochtechnologie. Es gab noch Satelliten, so dass man sich global austauschen konnte. Rohstoffe und Spezialanfertigungen wie etwa Computerchips wurden Mangelware, denn die Förder- und Produktionsstätten lagen – soweit überhaupt noch vorhanden – zu weit auseinander, und die Versorgung mit Treibstoff war vollständig zusammengebrochen.
Es gibt viel Spannendes aus dieser Zeit zu erzählen, von Militärdiktaturen, dem Hungerschwarm und so weiter, aber letztendlich konnte sich die Kooperation durchsetzen. Mit dem, was an Technologie noch vorhanden war und mit dem Wissen, was technisch




