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Marjas erster Eindruck war ein simples »Whoaaa!«
Ich zeigte zur Decke und entlockte ihr ein noch inbrünstigeres »WHOAAAA!«
Der Saal war kugelrund, alle Gäste bewegten sich durch die künstliche Schwerkraft gehalten auf der Innenseite der Hohlkugel. Von hier konnte man sehen, dass die Kristalle nicht etwa zufällig, sondern nach einem ästhetischen Muster aufgestellt waren, welches nur von der jeweils anderen Seite erkennbar war. Dazwischen fügten sich die flanierenden, tanzenden und pausierenden Gäste ein und gaben dem Ganzen etwas harmonisch Fließendes.
Ich grüßte viele bekannte Gesichter und stellte Marja vor, während ich zielstrebig unseren Weg zum Regenbogenfarn suchte, einer Skulptur, die aus Pflanzen aus verschiedenen Systemen bestand und deren Blätter in allen denkbaren Farben leuchten. Dort hatte ich mich per iMplantat mit einer guten Freundin verabredet.
Sie war gekommen, und sie trug das schwarze Kleid, das ich so an ihr mochte. Eine Weile waren wir mehr als nur Freunde gewesen, und es gab eine Zeit, da wünschte ich, wir könnten unsere Schiffe zusammenlegen.
Schelmisch grinste sie uns an. »Mein alter Freund, schön, dich zu sehen! Du hast dich kaum verändert, stattlich wie eh und je!«
»Elisabeth … Elli … du siehst auch sehr … gut aus«, stammelte ich mir zurecht. Ich konnte das Vergnügen in ihren Augen erkennen. Mit voller Absicht hatte sie mich auflaufen lassen.
»Ach, du alter Charmeur! Alt bin ich geworden, das wolltest du sagen. Das rote Haar ist weiß und die Haut alt und schrumpelig. Ich bin schon lange nicht mehr das feurige Mädchen, mit dem du einst ausgingst.«
Ja, stimmt. Elli hatte seit dem letzten 1000-Jahre-Treffen mindestens 60 Jahre zugelegt.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin etwas überrascht. Was ist passiert? Ich meine, was hat dich aufgehalten?«
»Ach, das ist schon in Ordnung. Ich habe halt einen Gonzales gezogen.«
›Einen Gonzales ziehen‹ war Fernhändlerjargon dafür, auf einer Welt einen Partner zu finden und sein Leben dort zu verbringen. Ähnlich wie die Robinsonade lässt sich der Begriff auf einen einflussreichen Roman zurückführen. Die Höflichkeit hatte eine Standardreaktion auf diese Floskel parat, die ich direkt nutzte:
»Und, war er es wert?«
»Er war ein Arschloch, das habe ich recht schnell gemerkt. Aber sie war wundervoll!«
»Oh, eine Sie? Ich wusste gar nicht, dass du …«
Sie lachte ihr glockenhelles Lachen, das sich kein bisschen verändert hatte.
»Nein, du Dummkopf. Sie, damit meine ich meine Tochter. Aber wie ich sehe, warst du auch nicht untätig.«
Sie blickte in Richtung Marjas, die sichtlich genervt den unverständlichen Worten der Erwachsenen lauschte.
Schnell stellte ich die Damen einander vor und erklärte, wie Marja an Bord der Axon Zwölf gekommen war. Elisabeths Gesicht (ich konnte sie einfach nicht mehr Elli nennen) wurde ernst, und ihr Blick durchbohrte mich, als wüsste sie bereits, was ich vorhatte.
»Soso, ein blinder Passagier also. Weißt du, ich habe Robert und Bo bei den Frosch-Spirituosen gesehen, vielleicht sagst du mal Hallo und ihr plaudert über die alten Zeiten. Ich unterhalte mich derweilen mit Marja, von Frau zu Frau.«
Das lief besser als erwartet. Ich hatte zwar das Gefühl, die Initiative verloren zu haben, aber Frauenthemen waren mir eh unangenehm, Rob und Bo waren klasse Typen und Frosch-Spirituosen … nun ja, die sind kompliziert, ich erkläre das vielleicht später mal.

Dem Detox war zu verdanken, dass ich bei halbwegs klarem Verstand war, als Elisabeth mich am Ohr vom Frosch-Tresen wegzog. Wahrscheinlich war ich nur deshalb überhaupt noch am Leben, obwohl ich mir nicht sicher war, ob das gerade von Vorteil war.
Mit erstaunlicher Kraft zog mich die alte Frau in ein Separee, welche für private Gespräche überall im Kugelsaal zugänglich waren. Dort erwartete mich schon Marja. Sie hatte offensichtlich wieder geweint.
»Du bist ein gewaltiger Vollidiot, das weißt du hoffentlich?«, fragte mich Elisabeth mit gefährlich ruhiger Stimme. Ich blickte sie an, blieb aber still, da ich ahnte, dass ich trotz der Frage noch keine Redeerlaubnis hatte.
»Dieses Kind hat seine ganze Familie, seine Welt verloren, und dir fällt nichts Besseres ein, als sie auf die größte Party im Universum zu schleppen? Du hast sie belogen, ihr Dinge verheimlicht und dann kein Sterbenswörtchen gesagt, um sie durch ihren Schmerz zu begleiten? Und jetzt versuchst du wohlmöglich, die unangenehme Sache loszuwerden, indem du sie mir als Lehrling aufschwatzen willst?«
Ups … Bingo.
»Ich kenne dich, mein Jüngelchen, das wäre genau dein Stil!«
Ich öffnete den Mund zur Widerrede, doch sie unterbrach mich.
»Und komm mir jetzt nicht mit Regularien und Fernhändler-Regeln!«
Ich schloss den Mund. Eine peinliche Pause entstand.
»Ach, Mensch, du hättest mein Gonzales sein können«, setzte sie mit weicherer Stimme fort, »aber deine Achtlosigkeit hat dir immer schon im Weg gestanden. Also – was machen wir jetzt? Bei mir kannst du sie nicht abgeben, dazu bin ich inzwischen zu alt. Und außerdem hast du noch eine Schuld abzutragen.«
Ich fühlte mich elend, vermied den Augenkontakt mit beiden Frauen und stammelte irgendwas Entschuldigendes vor mich hin. Verdammt, warum mussten mir ausgerechnet jetzt die Augen tränen und die Nase laufen?
»So wird das nichts«, lenkte meine alte Freundin ein, nachdem
sie mich eine Weile hatte zappeln lassen. »Du musst lernen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen in dein Leben zu lassen, auch für länger als einen Planetenbesuch. Und du«, wandte sie sich an Marja, »brauchst jemanden, der dir diese neue Welt erklären kann. Und dafür ist keiner besser geeignet als der Idiot da. Wenn ihr euch also beide einverstanden erklärt« – ihr Tonfall ließ uns wissen, dass wir hier keineswegs eine Wahl hatten – »dann bleibt Marja bis auf weiteres auf der Axon Zwölf, und ihr lernt, euch damit zu arrangieren.«
Das lief überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dass es ein paar harte Worte und schwierige Verhandlungen gäbe, davon war auszugehen, aber ich war doch fest überzeugt gewesen, dass Elli oder später Elisabeth sich des Mädchens annehmen würde. Aber die alte Frau hatte mich mit ihrer Lebenserfahrung ausmanövriert. Tatsächlich fühlte es sich aber gar nicht mal schlecht an. Klar, auf der einen Seite wollte ich niemanden, der meine Unabhängigkeit dauerhaft störte und für den ich letzten Endes auch noch verantwortlich wäre. Auf der anderen Seite aber spürte ich eine Art von Erleichterung und auch Freude, wenn ich mir vorstellte, Marja auch weiterhin an Bord zu haben. Und – hey – ich wurde ja quasi dazu gezwungen! Äußere Einflüsse! Ich selbst nix Schuld!
»Also, Marja, wenn das ok für dich ist und du etwas Geduld mit so einem Eigennbrötler wie mir hast, dann würde ich dich sehr gerne an Bord der Axon Zwölf haben«, bot ich schließlich an.
»Ja, ich denke auch, das wäre ganz ok«, schniefte sie.
»Kleiner Tipp: Ihr dürft euch auch durchaus mal umarmen«, bemerkte Elisabeth, und sofort flog mir Marja um den Hals.
Ich glaube, das tat uns beiden sehr gut.
ENDE

Ingo Muhs
Ingo Muhs wurde geboren und ist aufgewachsen. Seit frühester Jugend ist er ein passionierter Reisender in vielen Welten, die er durch Bücher, Filme und den Computer erreicht. Nachdem er sein Hobby zum Beruf gemacht hat und bei einem renomierten Spiele- hersteller im Raum Frankfurt arbeitet, wagt er nun seine ersten bescheidenen Schritte im Schreiben eigener Kurzgeschichten.
Back to Basic
Carmen Capiti
Ich sehe, dass Ihre Sorge gewissermaßen berechtigt ist«, sagte der Sozialarbeiter, welcher mit ihrer Mutter in der Küche saß. »Kerr ist ... ein spezielles Kind.«
»Immer wieder höre ich das Wort speziell«, antwortete ihre Mutter. »Kann mir mal jemand erklären, was genau das bedeutet?«
Kerr hatte die Beine an den Oberkörper gezogen und saß im Wohnzimmer auf dem Boden. Sie wusste, dass ihre Mutter sie sehen konnte, wenn sie den Hals streckte, darum tat sie so, als wäre sie hochkonzentriert. Sie hatte sich sogar den ausgeschalteten VR-Helm übergestreift, damit die beiden nicht merkten, dass sie lauschte.
»Andere Kinder im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren sind in ihrer Entwicklung weiter«, führte der Sozialarbeiter aus, als würde es sich dabei um Neuigkeiten handeln. »Die meisten haben bereits die ersten fünfzehn Level mit den NanoBloxx hinter sich und können die Roboter für produktive Dinge programmieren. Kerr hingegen ...«
»Kerr steckt auf den ersten paar Leveln fest, ich weiß.« Ihre Mutter klang niedergeschlagen. »Sie sträubt sich einfach dagegen, es zu lernen.«
Kerr zuckte zusammen, als etwas ihren Arm streifte. Sie streckte die Hand aus und spürte den weichen Plüsch des kleinen Roboterlöwen. Er schmiegte sich an sie und sie streichelte ihn, was ihre Beklommenheit etwas vertrieb.
Sie sträubte sich doch gar nicht gegen das Lernen. Sie hasste nur, dass es in dem VR-Helm so dunkel war. Natürlich war es an ihr, die Düsternis mit Code-Blöcken zu füllen, aber wie sollte sie die Konzentration dafür hinkriegen, wenn da einfach immer nur diese blöde Beklommenheit war?
»Wir haben andere Kinder wie sie gesehen. Noch ist nicht alles verloren«, sagte der Sozialarbeiter.
»Aber was kann ich tun, um ihr zu helfen? Es muss doch etwas geben!«
Stoff raschelte.
»Ermutigen Sie sie weiterhin zum Üben. Benutzen Sie extrinsische Motivationsfaktoren und fördern Sie intrinsische. Loben Sie sie, wann immer sie Fortschritte erzielt.«
Alles Dinge, die ihre Mutter bereits tat.
»Vielen Dank für Ihre Einschätzung.«
Das sanfte Zischen der Haustür erklang und wenig später berührte Kerr etwas an der Schulter. Sie streifte den Helm ab und wandte sich um. Eine feine Wolke reflektierender Punkte verschwand gerade in der Küche.
Kerr seufzte und nahm den Löwen in die Arme, wo er seinen Kopf gegen ihre Brust rieb und brummte. Ihn fest an sich gepresst folgte sie den Punkten.
»Liebling«, sagte ihre Mutter, die den Tisch deckte. »Wie lief es heute mit deinem Wölkchen?«
Dabei nickte sie in Richtung von Kerrs rechter Schulter, wo sich die NanoBloxx tummelten. Ihre Mutter mochte die Anfänger-Nanocloud verniedlichen, in Wahrheit waren Kerrs Roboterchen aber bedeutend größer als diejenigen in der schimmernden Wolke ihrer Mutter. Und auch bei Weitem weniger zahlreich. Während eine richtige Nanocloud gut eine Million Roboter zählte, umfassten die NanoBloxx nur um die hunderttausend.
»Gut«, sagte Kerr nur und setzte sich. Dabei stieß sie mit dem Ellenbogen gegen ein Glas Wasser und verschüttete den Inhalt über dem Tisch.
»Oh!« Sie wollte aufspringen, um einen Lappen zu holen, als sich die Nanocloud ihrer Mutter bereits wie eine Decke über das Wasser legte.
»Lass nur, Süße. Ist nicht so schlimm«, sagte ihre Mutter und küsste sie auf den Kopf. Meinte sie das Training oder die Sauerei auf dem Tisch?
Nur Sekunden später hatten die Nanoroboter die Pfütze getrocknet, das Glas hingestellt und es erneut mit Wasser aus dem Krug gefüllt.
»Ich habe heute Siene und ihren Vater getroffen«, erklärte ihre Mutter. »Sie waren auf dem Weg, Sienes Nanoboard auszuwählen.« Mit den Worten tippte sie sich selbst gegen die Schläfe, wo ein silberner Haarreif ein farbiges Plättchen mit eingelassenen Sensoren an Ort und Stelle hielt.
»Ah«, sagte Kerr und ein Knoten bildete sich in ihrer Kehle.
Sie wusste, dass ihre Mutter sie nur anspornen wollte. Zu wissen, dass bereits die ersten ihrer Altersgruppe ein Nanoboard angepasst bekamen, demotivierte Kerr jedoch mehr als alles andere. Leicht eifersüchtig schielte sie zu dem Haarreif. Wie viel angenehmer das Programmieren damit doch sein musste im Gegensatz zum klobigen und dunklen VR-Helm. Aber nur die älteren Jugendlichen, die das NanoBloxx-Training bereits absolviert hatten, kriegten ein richtiges Nanoboard. Vorher war die direkte Gehirnwellenschnittstelle schlichtweg zu teuer.
Ihre Mutter schien zu bemerken, dass sie Kerr für den Moment nicht helfen konnte, also aßen sie schweigend.

Am Abend stand Kerr vor dem Spiegel und betrachtete die grauen Klötzchen über ihrer Schulter, die sich unablässig bewegten, zu geometrischen Formen fügten und sich wieder voneinander lösten.
Wie sie die NanoBloxx hasste. Im Gegenzug zu den reflektierenden Nanorobotern der Erwachsenen waren sie hässlich und rau. Vor allem aber erinnerten sie Kerr tagein und tagaus daran,
wie viel Kummer sie ihrer Mutter bereitete. Auch jetzt hörte sie sie im Nebenzimmer schluchzen. Wenn sie es doch nur schaffen würde, sich zu konzentrieren, dann könnte sie bestimmt auch bald ihr Nanoboard aussuchen und alles wäre in Ordnung. Siene konnte ihre NanoBloxx bereits dazu bringen, ihr Gegenstände hinterherzutragen oder aufzufangen, was sie fallen ließ. Kerr hingegen kriegte ihre Bloxx nicht mal dazu, eine gleichmäßige Kugel zu formen.
Der kleine Roboterlöwe saß auf ihrem Kopfkissen und maunzte. Eine von ihrer Mutter programmierte Funktion, die sie dazu bringen sollte, zeitig zu Bett zu gehen. Bis vor einigen Jahren hatte das noch funktioniert, aber heute mochte sie sich nicht vom Kuscheltier verleiten lassen. Sie wollte endlich ihrer Mutter den Kummer nehmen und sie stolz machen.
Sie atmete tief durch und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Dann biss sie die Zähne zusammen und streifte den VR-Helm über. Als die Dunkelheit sie umfing, machte sich sofort die altbekannte Beklommenheit in ihr breit. Wie damals vor fünf Jahren, als ...
Konzentriere dich!, herrschte sie sich an.
Sie aktivierte den Helm und das gleichmäßige sanfte Rauschen des Antischall-Moduls erklang in ihren Ohren. Jetzt war sie allein, abgeschottet von der Umwelt.
Ein einzelner grauer Punkt blinkte in ihrer Peripherie und Kerr lenkte all ihren Fokus auf ihn. Sie hatte die anleitende Stimme auf stumm geschaltet, da sie die Erläuterungen zu den Lektionen bereits in- und auswendig kannte. Der Punkt vergrößerte sich etwas und Kerr erkannte die unzähligen kleinen Greifärmchen und die Module des Nanoroboters.
»Okay«, flüsterte sie. »Jetzt der Code.«
In ihrer Erinnerung durchstöberte sie die Codefragmente, die sie auf den einzelnen Roboter anwenden konnte. Doch kaum schwenkte ihre Konzentration vom leuchtenden Punkt vor ihren Augen ab, fühlte es sich an, als fiele sie in ein schwarzes Loch. Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen und ein dicker Knoten
bildete sich in ihrem Hals. Mit einem Schlag kehrte die Panik zurück, die sie damals verspürt hatte, als ihre Durchblutungsstörung sie kurzzeitig hatte erblinden lassen. Sie wollte schreien, sich irgendwo festhalten, doch ihre Hände fassten ins Leere.
Schließlich riss sie sich den Helm vom Kopf und schmetterte ihn quer durch den Raum. Tränen quollen aus ihrem Augen und sie konnte ein Schluchzen nicht zurückhalten.
Der Roboterlöwe war vom Bett gesprungen und jagte dem davonrollenden Helm hinterher, bevor sich seine viel zu weichen Zähne in dessen Polster verbissen.
»Ja«, schniefte Kerr. »So sehe ich das auch.«
Sie versuchte erfolglos, ihre Atmung zu beruhigen. Stattdessen überflutete sie das schlechte Gewissen. Sie brauchte sich doch nur stärker bemühen! Siene und die anderen kriegten es auch alle auf die Reihe und früher hatte immer Kerr als das aufgeweckte, kluge Kind gegolten.
Sie schluckte einen verzweifelten Schrei hinunter und sprang auf die Beine. Es war vorbei. Sie konnte so nicht weitermachen. Ihre Mutter hatte genug um die Ohren, als dass sie noch so eine Versagerin wie sie als Tochter verdient hätte.
Mit zittrigen Händen zerrte sie ihren Rucksack hervor und entleerte ihn auf dem Bett. Dann begann sie einzupacken, was sie für wichtig hielt. Eine Jacke, frische Unterwäsche, einen Schal.
Der Plüschlöwe hatte ihre Aufbruchbereitschaft aufgeschnappt und rannte freudig im Zimmer hin und her, um ihr Dinge zu bringen, die sie benötigen könnte. Irgendwann schlich er aus dem Raum und trug allerlei aus dem gesamten Haushalt zusammen. Kerrs Sicht war durch die erneuten Tränen verschwommen und sie stopfte einfach alles in ihren Rucksack. Irgendwie würde sie all das schon brauchen. Zum Schluss wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schulterte die Tasche. An der Haustür schlich der Löwe ihr derart um die Beine, dass sie es nicht über sich brachte, ihn zurück zu lassen. Immerhin war er ihr Begleiter seit sie ein Kind war. Um ehrlich zu sein, hatte ihre Mutter ihn ihr gekauft, als sie damals wegen ihrem Augenleiden in Behandlung gewesen war.
»Na schön«, sagte sie zu ihm und packte ihn sich unter den Arm.
Auf der Straße drehte sie sich noch einmal um. Hätte sie eine Nachricht hinterlassen sollen? Nein. Ihre Mutter wäre sicher glücklich, wenn sie fort war und eine Erklärung brauchte es nicht wirklich. Sie würde es schon wissen.
Die NanoBloxx surrten beständig neben ihrem Ohr und wann immer sie sie verscheuchen wollte, wichen sie ihren Händen aus und kehrten danach an Ort und Stelle zurück.
Kerr hatte gehört, dass es Menschen gab, die keine Nanocloud auf sich geprägt hatten. Sie lebten außerhalb der Stadt und keiner bekam sie je zu Gesicht, weil sie von der Gesellschaft ausgestoßen waren. Diese Leute mussten eine Möglichkeit kennen, wie Kerr ihre dummen Bloxx los wurde. Wenn sie sie nicht befehligen konnte, dann brauchte sie sie auch nicht um sich herum. Da draußen würde sie glücklich werden. Da draußen hatte niemand Erwartungen an sie.
Kaum war sie einige Schritte gegangen, hielt ein Taxipod neben ihr. Sie zögerte kurz, dann fiel ihr auf, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie an die Stadtgrenze kommen sollte. Also stieg sie in die Kapsel und wählte einen Zielpunkt ganz außen am Stadtrand.
»Herzlich willkommen an Bord, Kerr«, sprach eine automatisierte Stimme.
Die Kapsel stieg in die Höhe und reihte sich über den Dächern der Wolkenkratzer zwischen unzähligen weiteren Pods ein.
Müde beobachtete Kerr die Lichter unter sich. Genauso stellte sie sich vor, dass es unter dem VR-Helm aussehen könnte, wenn sie es hinkriegen würde. Lauter bunte Lichter in der Dunkelheit, die sich bewegten, wie sie wollte. Vielleicht wäre es aber auch vollkommen anders. Die anderen Jugendlichen sprachen immer sehr unterschiedlich von ihrem eigenen Kreationsraum im VR.
Irgendwann löste sich der Pod aus der Reihe und setzte zu einem Sinkflug an. Kerr guckte nach unten und ein kalter Schauer überkam sie. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war.
»Natürlich nicht«, sprach sie sich selber zu. »Das wusstest du auch, Dummchen.«
Sie drückte den Löwen an sich und er begann, mit seiner trockenen Stoffzunge über ihre Hände zu lecken.
Zweifel erwachten in ihr. Was, wenn diese ausgestoßenen Leute sie nicht mochten? Wenn sie sie angreifen würden, nur weil sie die NanoBloxx bei sich hatte? Vielleicht hätte sie gar keine Zeit, zu erklären, was sie von ihnen wollte, bevor sie sie verjagten.
Als sie gelandet waren, nahm Kerr allen Mut zusammen und schlüpfte aus dem Pod.
»Vielen Dank, Kerr. Der Betrag wurde abgebucht.«
Die Straße war leer. Der Schein der gelbweißen Straßenbeleuchtung erhellte sie zwar und die Stadt schickte eine trübe Helligkeit herüber, aber in praktisch keinem der Fenster war das Licht an. Wie unheimlich. In der Stadt brannte immer und überall Licht.
Gleichzeitig war alles so still.
Der Löwe strampelte in ihren Armen und sie setzte ihn auf den Boden. Mit zwei Sätzen war der Kleine um die nächste Ecke verschwunden.
»Warte!«, rief Kerr und rannte ihm hinterher.
Kaum war sie in die Straße eingebogen, prallte sie mit etwas zusammen, was sie auf ihren Hintern bugsierte.
»He!«, sprach eine raue Stimme über ihr.
Kerr schrie vor Schreck, sprang auf die Beine und hetzte in die andere Richtung davon. Sie wusste nicht, wovor sie wegrannte, aber sie spürte, dass man sie verfolgte. Auf einmal kam es ihr vor, als wäre der Boden aus Gummi. Sie strauchelte und fiel der Länge nach hin.
Sofort lagen Hände auf ihren Schultern und fassten sie grob an. Nur einen Moment später stand sie wieder auf den Füßen. Ein Mann hatte sie aufgestellt und redete auf sie ein, doch sie hörte nicht hin. Sie schüttelte vehement den Kopf und versuchte sich zu befreien.
»He«, drang es zu ihr durch. »Ganz ruhig.«
Der Griff um ihre Schultern lockerte sich, aber der Mann ließ sie nicht gehen. Als sie die Ausweglosigkeit erkannte, verharrte sie und wagte es, ihn direkt anzuschauen.
Er sah nicht aus wie ein Ausgestoßener. Sein Gesicht war jung und ernst, aber er hatte freundliche Augen und gar keine Narben oder so. Die Ausgestoßenen hatten nämlich keine Medizin, hatte sie gehört. War er möglicherweise gar keiner? Kerr konnte weit und breit keine Nanocloud sehen, also musste er doch einer von ihnen sein?
»Hast du dir weh getan?«, fragte er.
Kerr schüttelte nur den Kopf, ihren pochenden Hintern ignorierend.
»Hier.« Der Mann ließ sie los und hob etwas vom Boden auf. Dann streckte er ihr lächelnd ihren Roboterlöwen hin. Kerr nahm das Haustier entgegen und hielt es fest in den Armen.
»Keine Angst. Dir passiert schon nichts. Warum bist du so ...« Er blinzelte mehrmals verwirrt, als sein Blick auf ihre NanoBloxx fiel. Kerr begann unweigerlich zu zittern.
»Oh«, sagte er langgezogen. »Wie bist du denn hierher gekommen, Kleine?«
Erneut brachen Tränen aus Kerrs Augen und sofort ließ sich der Mann vor ihr auf die Knie nieder.
»Hast du dich verirrt?«
Kerr schüttelte den Kopf, versuchte, tief durchzuatmen, und strich sich dann die Tränen von den Wangen.
»Nein«, sagte sie mit so fester Stimme wie möglich. »Ich bin mit dem Taxipod gekommen.«
Der Mann lachte auf. »Mit dem Taxi? Aus der Stadt? Das hört sich nach einem echten Abenteuer an. Weißt du was, lass uns drinnen weiter reden.«
Er streckte ihr die Hand entgegen und mangels Alternativen ergriff sie Kerr. Er schien ihr nichts Übles zu wollen, nur weil sie die NanoBloxx dabei hatte.
Er führte sie zwei Straßen weiter und öffneten eine Tür für sie, ganz altmodisch mit einem externen Signal von seinem Handcomputer.
Fasziniert betrat Kerr einen Aufzug, der ohne Sprachsteuerung auskam, bis sie schließlich im Wohnzimmer in einer kleinen Wohnung standen.
»Ich bin Janier«, sagte der Mann und wies auf das Sofa.
Kerr setzte sich schüchtern, den Löwen immer noch an sich gepresst, obschon dieser sich los zu strampeln versuchte.
»Ich heiße Kerr.«
»Ich mach dir was zu trinken, Kerr. Möchtest du heißen Kakao?«
Sie nickte und Janier verschwand in einem angrenzenden Raum. Sie hörte die Geräusche, die sie aus veralteten Filmen kannte, wenn jemand mit manuellen Küchengeräten hantierte, das Knirschen, Knacken und Surren alter Motoren. Die ganze Wohnung sah irgendwie aus wie aus einem Film.
Kurz darauf setzte Janier eine dampfende Tasse vor ihr ab und platzierte sich mit einer eigenen ihr gegenüber auf einen Sessel.
»Also Kerr. Erzähl doch mal, warum du alleine in den Straßen von Basic unterwegs bist.«
»Basic?«, fragte sie und pustete in den Kakao.
Janier lächelte. »Irgendwer hat irgendwann damit begonnen, unser Quartier so zu nennen. Du weißt doch, wo du hier bist, oder?«
»Ja«, sagte sie langgezogen. »Bei den Ausgestoßenen.« Kaum hatte das Wort ihren Mund verlassen, verschüttete sie vor Schreck etwas Kakao.
Sie blickte Janier aus großen Augen an und hoffte, dass er ihr den Ausdruck nicht übel nahm.
Aber Janier lachte nur. »Ausgestoßene. Erzählt man sich diese Ammenmärchen immer noch in den Unterrichtsstunden? Faszinierend, wie beharrlich sich gewisse Dinge halten.«




