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Wache, dunkelblaue Augen hatten Eilert schon von der Treppe aus gemustert, und da sie einander nun gegenüber standen und der Junge neuerlich die Grüße seines Herrn entbot und seine Ansage wiederholte, war da zunächst keine Regung, kein unverbindliches und freundlich hingeworfenes Lächeln in seinem Gesicht. Nur ein leichtes Nicken verriet, dass die Botschaft verstanden sei. Wenn Hesenius von der Ankündigung des Jungen überrascht war, so zeigte er es nicht. Er unterließ es, die Fragen, die er wohl hatte, in Worte zu fassen, und des Kaufmanns Stimme war sanft und höflich, als er antwortete.
„Wohl befindet sich Ulrich hier, doch hat er seine eigene Schreibstube und sie liegt nun allerdings weit oben unterm Dach. Ich werde ihn für Euch rufen lassen“, beschied er, begab sich zur hinteren Wand des Kontors und rief, nunmehr mit kräftigem Bass, in den Gang hinein, welcher in die Tiefen des Hauses führte.
Die monotonen Zähllaute, die in ruhigen Momenten von dort zu vernehmen waren, hörten auf, und es erklang eine unbestimmte Antwort, die im Kontor nicht mehr zu verstehen war, doch das Quietschen einer Türangel und anhaltende Schritte mochte man dahingehend deuten, dass der vom Kaufmann gegebene Auftrag ausgeführt wurde.
Während der alte Harm, da seine Dienste hier nicht weiter vonnöten waren, wieder seinen angestammten Platz in der Kontornische eingenommen hatte, begann Johann Hesenius eine oberflächliche Unterhaltung mit dem Jungen, denn die Höflichkeit gebot es, jedem Gast, mochte er auch nur ein Sendbote und so jung an Jahren sein wie Eilert Keye, ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu schenken. Als sich die üblichen Fragen zum Wohlbefinden seines Herrn und zum Stand der Geschäfte erschöpft hatten, vernahm man hoch oben eine zuschlagende Tür und gleich darauf Schritte, die sich den in der Diele Wartenden näherten.
Das geschah so geschwind, als würde ihr Urheber jede zweite Stufe auslassen, und das gleichmäßige Klacken der Schuhe auf Holz wurde dabei unvermeidlich begleitet vom vermehrten Knarren der Dielen und Balken, als missbilligten diese solch einen schwungvollen Abstieg.
Vor der letzten Treppenkehre verlangsamte Ulrich Hesenius seinen Lauf, blickte in die vor ihm liegende Halle und erfasste die vertraute Gestalt des Vaters ebenso wie den ihm unbekannten jungen Burschen. Er war erst Anfang zwanzig und groß gewachsen, dabei aber von so schlankem Wuchs, dass seine Gestalt fast schmächtig wirkte und wohlmeinende Verwandte sich unentwegt bemüßigt fühlten, seinen Appetit bei Tisch zu hinterfragen, wiewohl er hierfür eigentlich keinen Grund lieferte. Wenig erinnerte in dem schmalen, blassen Gesicht an die kraftvoll energischen Züge des Vaters. Vertraute der Familie aber entdeckten umso mehr Ähnlichkeiten mit der so früh verstorbenen Mutter: die Blässe seiner Haut, unter der stellenweise feine blaue Äderchen hervor schimmerten, die schmale, mit einigen Sommersprossen bedeckte Nase, die zudem etwas spitz zulief, und ganz gewiss die großen blauen Augen, überwölbt von deutlich hervortretenden Lidern, in denen die hellen Wimpern wie unsichtbar standen. All das verlieh seinem Blick diesen seltsamen, leicht verträumt und melancholisch wirkenden Ausdruck, so als hinge er gern Gedanken nach, die in weite Ferne reichten, und als seien diese zudem im Übermaß trüb und schwer.
Er war glatt rasiert, aber auch ein Bart hätte wohl nicht vermocht, ihn älter wirken zu lassen als er nach Jahren zählte. Das in der Mitte gescheitelte, hellblonde Haar reichte ihm, wie es weithin üblich war, bis über die Schulter herab. Als einzige Besonderheit hatte Ulrich es sich zur Gewohnheit gemacht, von den Schläfen ausgehend zwei kleine Strähnen zu schmalen Zöpfen zu flechten, und diese unsichtbar am Hinterhaupt zusammenzubinden. Aber weder Eitelkeit noch eine der vielen Modetorheiten, die sich auch seiner Generation bemächtigt hatte, waren der Grund hierfür, sondern einzig das Gefühl, es sei allzu lästig, sich beim Schreiben fortwährend das ungebändigte Haar aus den Augen streichen zu müssen. Auch schwor er, es habe ihn ein ums andere Mal davor bewahrt, die noch feuchte Tinte auf halb geschriebenen Briefen zu verschmieren.
Seine dunkle Kleidung war von so gewöhnlicher Art, als wolle er damit noch unterstreichen, dass sein Platz im Haus eine recht abgelegene Schreibstube war, fern der Diele, wo sich alle begegneten. Einzig die feinen, fingerlosen Wollhandschuhe, die er zur Arbeit übergestreift hatte, hätte man auffällig nennen können: Tatsächlich schätzte er sie als überaus nützlich, da sie ihm beim Schreiben in der kalten Stube doch die Hände wärmten.
Eilert betrachtete den Empfänger seines Briefs mit leiser Verwunderung, da er nunmehr gewahr wurde, wie jung dieser war. Es machte ihn in seinen Augen zu etwas Besonderem, da er es gewohnt war, Nachrichten zu überbringen an Männer, die reif und welterfahren wirkten und die nach Jahren nicht selten seinem Großvater gleich kamen.
„Eilert hier hat dir einen wichtigen Brief zu übergeben“, stellte Johann Hesenius den Jungen vor.
Während dieser nunmehr zum dritten Mal die Grüße seines Auftraggebers, des ehrenwerten Kaufmanns Hermann Lengsdorp, entbot, nahm Ulrich recht zögerlich den Brief an sich, als sei er etwas, das in Wahrheit nicht nach dem Willen des Absenders, sondern durch eine zufällige Laune des Schicksals ausgerechnet in seine Hände gelangt sei. Er betrachtete ihn sorgfältig, doch war es unübersehbar sein Name, welcher auf der Deckseite des gefalteten Blatts prangte. So verdrängte er alle Fragen, die ihn bestürmten, erbrach das Siegel von dunkelrotem Wachs und entfaltete den Bogen.
Ambrosius, der auf leisen Pfoten herbeigeeilt war, kaum dass er Ulrichs Schritte auf der Treppe gehört hatte, strich um dessen Schuhe und Strümpfe herum, was ihm für gewöhnlich mit anhaltendem Fellkraulen gelohnt wurde, doch diesmal warb er vergeblich, und da ihn auch sonst niemand beachtete, leckte er nur planlos eine Vorderpfote und zog mit beleidigter Miene ab, während Ulrichs Blick auf dem Papier ruhte und er die darin geschriebene Botschaft las. Es waren nur wenige Zeilen, die da lauteten:
„Mein hochverehrter junger Herr!
Wir, Hermann Lengsdorp, Kaufmann zu Lissabon, Brügge und hierselbst zu Hamburg und nach dem Willen des Rats Delegierter für auswärtige Handelsfragen unserer Stadt, ersuchen Euch in dringlicher Angelegenheit um Beistand und erbitten eine nicht geringe Gefälligkeit, eingedenk eurer vorzüglichen Kenntnis der medizinischen Wissenschaft, von welcher wir wohl vernommen haben.
So lautet unser Wunsch, Ihr möget einwilligen, den Leichnam eines zur gestrigen Nacht unglücklich Verstorbenen eurer Anschauung zu unterziehen. Doch wird es notwendig sein, die Angelegenheit rasch anzugehen, so dass Ihr Euch zur dritten Nachmittagsstunde zum Eingang des Neuen Zeughauses am Ellerntor begeben müsst. Mögt Ihr dieser unbotmäßigen Eiligkeit zum Trotz meiner Bitte willfahren, so wollt Ihr mir dies bitte durch Eilert, unseren Überbringer, kund tun!“
Während er die stumm aufgenommene Botschaft im Geiste nachklingen ließ, reichte Ulrich den Brief mit nachdenklicher Miene weiter an seinen Vater. Nicht nur wäre es unschicklich gewesen, daraus zwischen ihnen ein Geheimnis erwachsen zu lassen, vielmehr betraf die Nachricht in gewisser Weise auch ihn, denn wollte Ulrich der Bitte nachkommen, so musste seine Arbeit im Kontor wenigstens für heute ein Ende finden.
Und während nunmehr Johann Hesenius den Brief las, wandte sich Ulrich an den jungen Eilert: „Es ist hierin von einem Toten die Rede. Weißt du von diesem oder von weiteren Umständen, die dein Herr dem Brief nicht anvertrauen wollte, wohl aber vielleicht … nun, sagen wir einem treuen Boten?“
„Nein Herr, ich kann Euch nichts weiter berichten, als dass er mir das Schreiben aushändigte, welches ihr gerade gelesen habt, und dass er mir auftrug, nicht zu säumen, da die Angelegenheit große Eile hat. Schließlich bin ich auch gehalten, eure Antwort so geschwind als möglich zu überbringen.“
Ulrich fand nichts Unaufrichtiges in Eilerts Worten, doch wusste er auch, wie sehr Verschwiegenheit unter Sendboten als besondere Tugend galt, und so beschloss er für sich, ob dem Jungen nicht doch ein wenig mehr zu entlocken sei als solch karge Auskunft. Als angehender Arzt hatte er die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ihm ihre Leiden anvertrauten, zugleich mit wichtigen Auskünften hierzu hinterm Berg hielten, meist aus Scham über ihre ungesunden Lebensgewohnheiten. Doch endete die Heimlichtuerei, wenn man ihnen unerwartet eine Einzelheit nannte, die sie als ihr sicher geglaubtes Geheimnis wähnten, nun aber plötzlich entblößt sahen. Es waren meist nur Kleinigkeiten, die er nach der Beschaffenheit der Haut oder dem Zustand der Augen des Menschen ihm gegenüber erriet oder die ihm auf andere Weise ungewollt mitgeteilt wurden, doch hielt man diese dem Erzählenden vor Augen, so führte Erschrecken unweigerlich dazu, dass der Betreffende sich entlarvt wähnte und fortan aufrichtiger antwortete.
So blickte Ulrich dem jungen Eilert geradewegs in die Augen und dann warf er, wie nebenbei, etwas ein, dass seine Gewissheiten erschüttern musste: „Nun, zumindest wissen wir, dass dein Herr dir diesen Brief nicht zuhause ausgehändigt hat.“
In das offene Gesicht des Jungen trat tiefes Erstaunen: „Wo… woher wisst Ihr davon?“
„Er schrieb diese Zeilen mit fremder Feder und Tinte, an einem ungewohnten Ort, vermutlich in einer recht unbequemen Ecke im Rathaus, und überdies war er wohl selbst sehr in Eile, als er den Brief aufsetzte“, fuhr Ulrich ungerührt fort, die eingeworfene Frage scheinbar überhörend.
Die Verblüffung des jungen Boten wuchs in der Tat mit jedem Wort, das er hörte, und mit ungläubiger Miene blickte er auf den jungen Mann an der Treppe, der die Dinge auf eine für ihn rätselhafte Weise durchschaute. Bei alledem wusste er Ulrichs forschende Art aber in keiner Weise unhöflich zu nennen. Es war vielmehr eine ruhige Gewissheit in dem, was er gesagt hatte und überdies schwang in seinen Worten wie selbstverständlich der Wunsch mit, er, Eilert, möge mit eigener Schilderung entweder bestätigen, was gesprochen war oder, ihm zum Widerspruch, die eigentliche Begebenheit so mit allen Einzelheiten zu schildern, wie er sie erfahren hatte.
Und tatsächlich, wiewohl Ulrich ihn mit keinem Wort bedrängt hatte zu reden, nannte Eilert nunmehr Einzelheiten, die ihm zuvor nicht eingefallen wären, weil man über die persönlichen Belange seines Herrn einfach Stillschweigen bewahrte.
„Es ist alles wahr, was Ihr sagt. Aber zuerst müsst Ihr wissen, dass mein Herr, der doch zu den großen Kaufleuten der Stadt zählt, wahrhaft viele Verpflichtungen hat und in allerlei Ausschüssen und Versammlungen zugegen sein muss. Selbst im Rat sucht man vor den Sitzungen oft seine Meinung einzuholen. An diesem Tag müssen es noch mehr solcher Beratungen als üblich gewesen sein. Den ganzen Morgen über war es eine seltsame Unruhe im Haus. Mein Herr hatte das Kontor schon früh verlassen, aber ich sollte mich zur Mittagsstunde bereithalten und ihn im Rathaus aufsuchen, da er dann womöglich neue Nachrichten zu beschicken habe.
Und so ist es dann geschehen. Ich bin zeitig zum Rathaus aufgebrochen, denn es dauert mitunter arg lang, ehe unsereins vorgelassen wird, und nachdem ich einige Zeit in den Vorräumen gewartet habe, erscheint endlich auch mein Herr. Eben erst hatte er aus einer langen Besprechung gefunden. Er winkt mich zu sich, wir begeben uns in eine Ecke, wo ihm jemand Papier, Tinte und Feder aushändigt, und ohne sich überhaupt zu setzen, schrieb er jene Zeilen, die Ihr soeben gelesen habt. Aber es ist doch ganz verdreht, dass Ihr all dies benennen konntet, noch ehe ich davon berichtet habe. Es ist ja, als wäret Ihr dabeigesessen und hättet es mit eigenen Augen gesehen.“
Der Junge hatte bildhaft und ehrlich gesprochen, doch allein von den recht turbulenten Umständen, unter denen ihm sein Botengang aufgetragen wurde. Hingegen hatte er dem Inhalt des Schreibens rein gar nichts hinzugefügt und Ulrich wurde es gewiss, dass man ihm nichts weiter anvertraut hatte, als das, was er bereits aufgesagt hatte.
„Du hast natürlich ein Recht zu erfahren, wie ich die Begebenheiten, von denen du gerade gesprochen hast, erahnen konnte“, fuhr er wohlwollend fort: „Es ist dabei durchaus keine Zauberei im Spiel, denn das meiste davon stand auf eine gewisse Art in diesem Brief zu lesen, so dass ich nur wenig dazutun musste, es zu erraten. Ich nehme doch an, dass ein wohlangesehener Kaufmann wie dein Herr sein persönliches Siegel besitzt? Nun, er hatte es offensichtlich nicht zur Hand, denn stattdessen finden wir im Wachs aufgedrückt das Wappen der Stadt: Es muss also in amtlicher Stube versiegelt worden sein, und da uns die ersten Zeilen zudem mitteilen, dass er dem Rat nahesteht, dürfen wir aus beiden Dingen schließen, dass unsere Botschaft nicht anders als im Rathaus selbst zur Niederschrift gelangte.“
Eilert schien allenfalls halb überzeugt, vermochte aber nichts zu entgegnen, da Ulrich ungerührt mit seiner Erklärung fortfuhr.
„Auch mit den übrigen Dingen, die ich gesagt habe, verhält es sich nicht anders. Dass dein Herr beim Schreiben nicht die ihm gewohnte Feder führte, zeigt sich leicht darin, dass der Tintenstrich anfangs bei den ersten Lettern viel breiter verläuft als bei allen nachfolgenden. Wir wollen deshalb annehmen, dass der Kaufmann das nächstbeste Utensil ergriff. Ob nun der Federkiel auf andere Art gespitzt war oder einfach zu dünn und weich – jedenfalls musste seine Hand erst das rechte Gefühl dafür finden, wie sie über das Blatt zu führen sei. Und da wir schon vom Blatte reden: Es ist geknickt nicht allein durch das Zusammenfalten. Vielmehr hat sich noch eine weitere Falz, welche allerdings unschön im spitzen Winkel quer über das Papier läuft, abgedrückt. Mir scheint, als habe der Schreiber den Bogen hastig auf einer Unterlage ausgebreitet und nicht darauf geachtet, dass eine Ecke weit überhing, woraufhin der Brief entlang dieser Kante gedrückt und weithin abgeknickt wurde.
Als letztes schließlich bemerkte ich, dass auf dem Blatte die zuletzt geschriebenen Worte allerlei ungewollte Abdrücke hinterlassen haben. Dieses konnte nur dadurch geschehen, weil dein Herr den aufgestreuten Löschsand vorzeitig davon blies und alsdann das Schreiben rasch zusammenfaltete, noch ehe die feuchte Tinte gänzlich angetrocknet war. Du siehst also, dank der vielen vor mir liegenden Hinweise konnte ich mir leicht zusammenreimen, unter welchen Umständen der Kaufmann dir diesen Botengang aufgetragen hat.“
Eilert vernahm wohl die Erklärung, aber in seinem Gesicht stand geschrieben, dass sie sich gar zu unwahrscheinlich anhörte und dass zu einem Scharfsinn dieser Art gewiss auch irgendwelche geheimen Kräfte gehören mussten. Er konnte nicht umhin, Ulrich fortan zu bewundern. „Verdrehe dem Jungen nicht den Kopf mit solchen Gauklertricks“, ließ sich den beiden gegenüber Johann Hesenius vernehmen, während er den nunmehr von ihm gelesenen Brief zurückreichte.
„Das Ganze ist aber doch zu eigenartig“, sagte Ulrich, und überhörte dabei die vom Vater ausgesprochene Missbilligung, da er mehr zu sich selbst sprach. Es kam häufiger vor, dass er die Menschen um sich herum vergaß, wenn ihn Fragen beschäftigten und diese sich seiner weiteren Betrachtung entzogen, „eigenartig zunächst einmal aus dem Grunde, dass ich Eilerts Herrn nicht kenne.“
„Nun, offensichtlich kennt er dich.“ Johann Hesenius verspürte durchaus keine Neigung, in die Gedankengänge seines Sohnes einzusteigen, seine Überlegungen waren wie immer geradlinig und durch und durch praktischer Natur.
„Lengsdorp schreibt, er habe vernommen, dass du Medizin studiert hast. Gott weiß, dass ich damals wie heute keine Veranlassung habe, davon ein großes Aufheben zu machen, doch für eine jede Zunge, die hierüber stumm bleibt, findet sich woanders eine, die mit umso größerem Eifer darüber reden wird. Überdies muss er zu den Geschichten über meinen studierten Sohn vernommen haben, dass du übers Jahr zu uns nach Hamburg zurückgekehrt bist und eine Nachricht dich am ehesten hier im Kontor erreichen werde.“
Der Unwillen in des Vaters Worten mündete sonst leicht in einen Streit mit seinem Sohn, doch dessen Gedanken waren längst weiter geeilt und er schüttelte nur den Kopf darüber, dass Johann Hesenius ausgesprochen hatte, was doch ohnehin offensichtlich war.
„Ihr versteht die Sätze nur, wie sie geschrieben stehen, Vater, aber das, was nicht geschrieben steht, ist es, das mich so eigenartig dünkt. Lengsdorp mag von anderen Geschichten über mich gehört haben und mich daraufhin für einen Gelehrten der Medizin halten – doch warum sollte er überhaupt auf die Idee verfallen, jemanden zu Rate ziehen, den er selbst nie gesehen hat und der sich zudem noch nicht einmal einen Arzt nennen darf? Für die Beschau eines Toten sollte er sich aus der Ärzteschaft der Stadt doch leicht die Dienste eines gut beleumdeten Mannes sichern können?“
Da eine Antwort ausblieb, fuhr Ulrich in seiner Betrachtung fort.
„Wenn der Unbekannte, um den es geht, einer Krankheit erlag, so wird es doch gewiss einen Arzt gegeben haben, der ihn behandelt hätte? Dann könnten wir annehmen, dass dieser ratlos oder wenigstens unsicher ist, was die Todesursache angeht. Wenn Lengsdorps Bitte aber zu bedeuten hätte, dass der Mann durch ein unglückliches Geschick aus dem Leben gerissen wurde, so kann es dafür keine Zeugen geben, denn anderenfalls bedürfte es ja überhaupt keiner weiteren Untersuchung.“
„Wohin soll all die Fragerei, zu der du hier anhebst, schon führen? Du wirst ohnehin sehen, was für eine Bewandtnis die Sache hat, wenn du dich erst hinbegeben hast, diesen Toten in Augenschein zu nehmen!“ Die Beiläufigkeit, mit der Johann Hesenius diese Worte ausgesprochen hatte, führte dazu, dass Ulrich länger brauchte als gewohnt, bis er ihre volle Tragweite erfasst hatte.
„Dann erlaubt Ihr, dass ich gehe?“ fragte er vorsichtig.
„Nun, sicher doch! Lengsdorp hat einigen Einfluss in der Kaufmannschaft. Es sind nicht wenige, die meinen, er werde bald dem Rat angehören. Es wäre gar zu unschicklich, auch gegen seinen alten Vater, den ich wohl kannte, diesen Dienst, den er erbittet, zu verweigern!“
Die Türglocke schellte erneut, und zwei Frauen, von denen die jüngere zwei sehr kleine und dick eingemummte Kinder an der Hand führte, betraten das Kontor. Johann Hesenius schickte einen freundlichen Gruß zu ihnen herüber. Die neue Kundschaft weckte den langsam arbeitenden aber stets dienstbaren Geist des alten Harm, der sich ihren Wünschen widmete.
Obwohl Ulrich bei der Aussicht, für den Rest des Tages seine enge Schreibstube zu verlassen und gar für Stunden zur Medizin zurückzukehren, innerlich frohlockte, fühlte er doch die Notwendigkeit, seinen Vater darauf hinzuweisen, dass hierüber all seine Schreibarbeit wenigstens bis zum morgigen Tag liegen blieb.
„Ich habe gerade erst angefangen, die neuen Warenlisten zu übersetzen, und es sind bislang auch nur zwei der vier Briefe geschrieben, die du für die Gilden in Helsingborg gewünscht hast!“, gab er zu bedenken.
„Es hat weiter keine Eile, denn der Winter ist so streng wie alle Jahre. Und selbst wenn es in den nächsten Wochen einmal auf Tauwetter zuginge, so werden wir doch nicht vor Ende März das erste Schiff auf Fahrt schicken und auch die Briefe befördern können. Gib acht, dass du mir die Listen Ende nächster Woche vorlegen kannst, dann ist es gut! Hast du in allen Zeilen darauf geachtet, den Platz zu lassen für das, was ich nachzutragen habe? Ich werde bis dahin die neuen Kurse beim Wechsler erfragt haben, so dass ich die Summen errechnen und jeweils passend notieren kann!“
Ulrich bejahte dies, und nun endlich drückte Johann Hesenius’ Miene auch so etwas wie Wohlwollen und Anerkennung aus. Nein, wenn es dem Jungen auch an Kaufmannsgeist fehlte, so war er doch tüchtig auf seine Art, und was man ihm auftrug, das wusste er zuverlässig anzugehen. Das Lateinische beherrschte er ohnehin wie einer der Besten, und selbst im Französischen vermochte er sich trefflich auszudrücken. Gerade diese Kenntnis war es, die dem Geschäft neuerdings zu einigem Nutzen gereichte, denn bis weit nach Osten war die Sprache von König Louis mittlerweile eingekehrt – zuerst wohl an den Adelshöfen, doch neuerdings sogar schon bei den Händlern in Riga, Malmö oder gar Nowgorod. Wie gut war es da, dass sie – anders als manches Handelshaus, das sich nicht darauf verstand – mit den fernen Geschäftsfreunden in der Zunge redeten, die den Leuten dort so angenehm war.
Dann kehrte die Strenge in des Kaufmanns Gesicht zurück. Mit einem Kopfnicken wies er auf den jungen Boten, der geduldig das Ende der Unterredung zwischen ihnen beiden abgewartet hatte.
„Eilert hier verdient nunmehr eine Antwort“, beschied er seinen Sohn, der für einen Moment wieder in die Betrachtung des geheimnisvollen Schriftstücks versunken schien.
„Das ist wahr“, nahm Ulrich den neuerlichen leichten Tadel an, und an den jungen Boten gewandt, fuhr er fort: „So richte deinem Herrn bitte aus, dass ich mich zur rechten Zeit an dem von ihm genannten Ort einfinden werde!“
Eilert Keye, froh eine so vorteilhafte Antwort überbringen zu können, bedankte sich bei beiden Herren mit jenem Überschwang, wie ihn allein die Jugend an den Tag legen kann. Dann stürmte er zur Tür und hinaus zur Straße, während Johann Hesenius ihm schmunzelnd hinterher schaute.
„Was wisst Ihr über Hermann Lengsdorp, Vater?“ fragte Ulrich, nachdem der Junge gegangen war.
„Ich habe einst Vitus, seinen Vater, kennengelernt, er ist nun wohl ein alter, kranker Mann. Von den drei Söhnen starben zwei sehr früh, und ich weiß dir wenig über Hermann zu erzählen. Er muss noch sehr jung sein, doch hat er sich auch in Ratskreisen einen guten Ruf erworben. Man erzählt sich, er habe beträchtliches Vermögen im Porzellanhandel verdient, weil er offenbar in Einvernehmen mit einigen Handelshäusern in Lissabon steht, von denen er ohne Umwege gute Chinaware bezieht. So muss er nicht wie andere in Amsterdam oder Antwerpen anstehen und in einer langen Reihe von Bietern um einen erträglichen Preis feilschen.“
Ulrich nickte unwillkürlich. Im Überseehandel, davon hatte jeder gehört, ließen sich in kurzer Zeit Reichtümer erzielen, die weit über das hinausgingen, was die Ostseefahrer heute noch erwarten konnten. Lengsdorp gehörte zu denen, die es mit Glück und Geschick und wohl auch dank guter Beziehungen geschafft hatten, aber sein Vater wusste, wenn das Gespräch auf diese Dinge kam, wenigstens ein Dutzend Namen von Kaufleuten aufzuzählen, die bei dem Versuch, die neuen Handelsrouten einzuschlagen, mehr verloren hatten als nur Schiff und Ladung. Es war ein heikles Thema, und Ulrich wollte lieber zu näher liegenden Dingen zurückkehren.
„Lengsdorp wird vielleicht einen Bericht über meine Untersuchung lesen wollen, und es mag dahin führen, dass ich morgen erst des Nachmittags wieder zurück sein kann.“
„Nun, du wirst wissen, was zu tun ist und es soll mir recht sein so“, war alles, was Johann Hesenius entgegnete. Die Dinge waren für ihn geregelt, und er wandte sich ab, um Harm zur Seite zu stehen, der sich mühte, den beiden Frauen die Vorzüge verschiedener Schiefergriffel nahezubringen. Er hatte dabei jedoch nur ihre halbe Aufmerksamkeit, da eines der Kinder seine Erklärungen mit allerlei quengelnden Fragen zu übertönen suchte. Es war Kleinkram, den Leuten das Passende zu verkaufen, aber zwischen den Auslieferungen an andere Händler war jede Nachfrage recht.
Ulrichs Gefühle aber waren zwiegespalten. Auf der einen Seite hatte er nunmehr jede Erlaubnis zu gehen. Er würde wenigstens für den Rest des Tages zur Medizin zurückkehren, die ihm so viel bedeutete, und dabei handelte er sogar gemäß dem Wunsch des Vaters. Es war wie ein Ausflug in eine andere Welt, doch eben deshalb kam ihm mit schmerzhafter Deutlichkeit in den Sinn, wie freudlos er im Grunde seit einem halben Jahr seine Alltagsarbeit hier im Kontor verrichtete. Irgendwann am morgigen Tag würde er zurückkehren müssen in seine kleine Schreibstube, und das ganze kleine Einvernehmen mit seinem Vater konnte nicht überdecken, dass Johann Hesenius den Lebensweg, den er gewählt hatte, in seinem Herzen ablehnte.
Er überschlug im Kopf die Zeit, die ihm noch zur Vorbereitung blieb. Zum Neuen Ellerntor würde er beinahe quer durch die ganze Stadt laufen müssen. Er stieg schnellen Schrittes die Treppe hinauf und verschwand noch einmal kurz in jener Kammer, die er vor Monaten als sein Arbeitsreich gewählt hatte. Das war zum einen geschehen, weil sie so abgelegen war, dass er für sich bleiben konnte, und zum anderen, weil dort oben durch das Fenster der Dachgaube ein größeres Stück Himmel zu sehen war als weiter unten, nahe der Straße. Wenige Minuten später glaubte Ulrich sein angefangenes Tagwerk sicher verstaut zu haben. Er packte sodann seine Habe und stürmte ein letztes Mal die unentwegt knarrende Treppe hinunter in die Diele, die sich in der Zwischenzeit bis auf Amb-rosius und den alten Harm wieder geleert hatte. Er verabschiedete sich von dem Alten und begab sich endlich, eingehüllt in seinen Mantel, auf den Weg.




