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Den Kopf voller Gedanken, schritt er auf der Straße so eilig aus, dass die krumme Gesche, die wie üblich hinter ihrem Stubenfenster darüber wachte, was draußen geschah, missbilligend den Kopf schüttelte. Über diesen neuerlichen Beweis für die unschickliche Hast der jungen Leute würde sie mit Marthe noch zu reden haben.

2. Kapitel
In welchem Ulrich eine höchst folgenreiche Bekanntschaftmacht und ärztlichen Zorn heraufbeschwört,ein Toter allerhand Rätsel aufgibt und schließlichgar ein leuchtendes Geheimnis offenbart.
Im Haus am Dovenfleet, das sein wahres Zuhause bildete, seit er im Herbst des Vorjahres von Leyden nach Hamburg zurückgekehrt war, galt es zunächst die Gemüter zu beruhigen. Elsbeth Hesenius hatte jenes Alter erreicht, in dem die Menschen unvorhergesehene Ereignisse zugleich als unheilvoll begreifen, da sie von ihnen aus ihren vertrauten Gewohnheiten geworfen werden. Seit dem Tod ihres Gatten war die fürsorgliche Natur seiner Tante, wie Ulrich bemerkte, mehr und mehr einer großen Ängstlichkeit unterworfen, und angesichts der Wendungen, die das Leben ihr und ihren Anverwandten bereitet hatte, fürchtete sie stets das plötzliche Hereinbrechen neuen Unheils. So glaubte sie auch jetzt, da er auf einmal weit vor dem Abend erschien, nicht anders, als dass sich ein schlimmes Zerwürfnis mit Ulrichs Vater begeben hätte, und es kostete ihn einige Mühe, sie von dieser Annahme abzubringen und ihr klarzumachen, dass er, obschon zu ungewöhnlich früher Stunde, so doch ganz einvernehmlich das Kontor verlassen habe und dass es einzig deshalb geschehen war, weil jemand anderes seine Hilfe erbeten hatte.
Da er aber nicht umhin konnte, ihr weiter zu berichten, dass es sich hierbei um die Beschau eines in der Nacht Verstorbenen handelte, währte ihre Erleichterung allerdings nur kurz. Ulrich gab zu verstehen, die vor ihm liegende Aufgabe sei vermutlich einfacher und alltäglicher als alle Übungen, die er je im Saaltheater der Anatomie in Leyden hatte auf sich nehmen müssen, aber es gelang ihm nicht, ihre dunkle Ahnung mit seiner zur Schau getragenen Unbeschwertheit zu zerstreuen. Zu oft hatte der Tod Elsbeths Familie gestreift, und sein Einwirken flößte ihr auch in diesem Falle Furcht ein.
Indes hatten die Jüngeren in der Familie Ulrichs verfrühtes Auftauchen so leicht genommen, wie es die Tante beunruhigt hatte. Agnes, seine Base, die von den beiden Kindern umringt, dem, was er zu berichten hatte, kaum tiefere Aufmerksamkeit schenkte, wünschte ihm gleichwohl viel Glück für die vor ihm liegende Aufgabe, und Gerdt, ihr Gatte, gab in seiner unbeschwerten Art einen derben Scherz zum Besten, über Quacksalbereien, von denen Ärzte angeblich noch bei Verstorbenen nicht lassen wollten, was ihm sogleich einen Tadel von Seiten Elsbeths eintrug. So gern sie die muntere Heiterkeit der kleinen Enkelkinder um sich herum verspürte, so zuverlässig erschienen ihr die Schwänke des Schwiegersohns anstößig und sündhaft und am meisten hatte sie dieses Empfinden, wenn sie sich auf eine Geschichte, die er auftischte, keinen rechten Reim zu machen wusste.
Nach den vielen Erklärungen, die er zu geben hatte, war die Zeit, die ihm verblieb, alle Vorbereitungen zu treffen und zum Neuen Zeughaus zu gelangen, knapp geworden. Hastig wechselte er den Rock, und nachdem er einige Utensilien, die ihn unentbehrlich dünkten oder von denen er zumindest annahm, sie könnten ihm möglicherweise von Nutzen sein, zusammengesucht und eingepackt hatte, machte er sich auf den Weg. Zum Neuen Ellerntor war es ein gutes Stück Wegs, zudem waren die Straßen rutschig, und er mochte unterwegs sehr wohl das eine oder andere Mal aufgehalten werden. Bald holte ihn der kalte dunstige Atem dieses Tages ein, und er begann zu frösteln, obwohl er kräftig ausschritt.
Der flache Hut aus schwarzem Wollfilz wärmte die Ohren nicht übermäßig, und so ging er, den Kopf leicht gesenkt und bis zum Kinn eingetaucht in den breiten Wollschal über seinem Umhang. Dazu presste sich sein linker Arm fest gegen die recht dicke, lederne Tasche, welche er sich mit einem langen Riemen über die Schulter gehängt hatte.
Als Ulrich St. Katharinen passierte, ließ das Glockenwerk der Turmuhr einen einzelnen Schlag ertönen. Einem fernen Echo gleich, wehte von einem der anderen Kirchtürme nochmals ein einsilbiger Ton hinterher. Unwillkürlich ging sein Blick nach oben, wo die Zeiger des Zifferblatts halb drei Uhr anzeigen mussten, doch schon auf halber Höhe begann die Fassade des Turms für das Auge zu verblassen, und mit jedem weiteren Fuß, den sein Blick aufwärts wanderte, wurde der Kirchturm zu einem körperlosen Schemen, um schließlich vollends in grauer, nebliger Eintönigkeit unterzugehen. Im Dunkel der vergangenen Nacht hatten Schwaden feuchter Luft über den Eisflächen Einkehr gehalten, hatten sich ausgebreitet und jeden Winkel der Stadt durchzogen. Selbst jetzt, da die Helligkeit des Tages noch gut zwei Stunden anhalten würde, hielt der graue Schleier alle Umgebung so gründlich verhängt, dass sie schon auf kurze Entfernung ihrer Farben und Konturen entkleidet war. Aus dem Häusermeer quollen unentwegt dunkle Rauchfahnen aus hunderten von Schornsteinen, stiegen auf, wie um die Trübnis des Tages noch zu vermehren, ehe sie, einige Klafter über dem Dächern, zögerlich von einem schwachen Wind erfasst und nach und nach zerzaust wurden.
Er hatte eine südliche Route durch die Stadt eingeschlagen, um dem Gedränge der Menschen und dem Verkehr der Kutschen und Fuhrwerke auf der recht breiten Steinstraße zu entgehen. Der Weg führte direkt am Elbhafen vorbei, wo die Schiffe, die nicht zur Ausbesserung oder Umrüstung auf Helge lagen, nunmehr seit Monaten so unbewegt ruhten, als habe sich die winterliche Erstarrung von der trostlosen weißen Eisfläche, die sie umgab, auf sie selbst übertragen und jeden Winkel ihrer Holzrümpfe erfasst. Über den dicht gedrängt nebeneinander liegenden Fleuten und Pinassen, den vielen Ewern und anderen kleineren Booten ragte ein kahler Wald von Masten empor. Nicht ein Fetzen Segeltuch ließ sich darin ausmachen, auch die Rahen hatte man bei Wintereinbruch abgetragen und verstaut. Längst war jede Handbreit Holz und jedes verbliebene Tau von Schnee und Eis mit einer frostigen Haut versehen. Nichts erinnerte mehr an das unentwegte, geschäftige Treiben, das hier vor Monaten geherrscht hatte. Die betäubende Vielfalt der Gerüche, die zu anderer Zeit von diesem Ort aufstiegen, war entschwunden, es fehlten das Stimmengewirr und die beständigen Rufe der Seeleute und Hafenarbeiter. Das Quietschen, Knarren und Schaukeln der Schiffe und ihr Auf und Ab im Tidenhub waren gewichen, und ebenso hatte die Eisdecke das vormalige sanfte Rauschen und Glucksen des Flusses und die ans Ufer klatschenden Wellen erstickt.
Ein versprengter Haufen von Arbeitern trotzte der erzwungenen winterlichen Ruhe, indem die Männer Hammer und Pickel schwangen gegen einen aufgetürmten Berg von in- und übereinander geschobenen Eisschollen. Oh ja, das Eis konnte gefährlich werden und einen ihm preisgegebenen Schiffsrumpf mit dumpfer, seelenloser Naturgewalt zerdrücken, wenn man es zu sehr gewähren ließ.
Hesenius passierte den gewaltigen Neuen Kran an der Kajenmauer, von dem es hieß, er könne ein Dutzend großer Fässer auf einmal heben, und der nun so unbeweglich stand wie ein dickleibiger, eingefrorener Riese.
Auf der gebogenen Hohen Brücke rutschte er plötzlich aus, wusste sich aber durch rasches Zupacken am Geländer auf den Beinen zu halten. Hinter dem Schaartor begann die Neue Stadt, und als Ulrich von der Brücke überm Herrengrabenfleet voranschritt, belebte sich das Straßenbild zusehends. Das Gedränge des Schaarmarkts umfing ihn, und unvermittelt sah er sich einer Menschentraube gegenüber, in der wie auf Zuruf plötzlich alle johlten und applaudierten. Einen Moment lang glaubte Ulrich, er sei womöglich in die Vorstellung einer fahrenden Theatertruppe geraten, doch das Schauspiel, das die Umstehenden so prächtig zu unterhalten wusste, lieferten nur ein redegewandter Zahnbrecher und sein schmerzgeplagter Komparse. Während ersterer mit triumphierender Gebärde seine Zange in die Luft reckte, um allen Anwesenden den bezwungenen Schmerzenszahn zu zeigen, wobei er überaus wortreich die Tapferkeit seines Patienten lobte, kauerte dieser stumm und blass auf einem Schemel und bemühte sich doch zugleich um eine Haltung, die der gaffenden Menschenmenge um ihn herum angemessen war, so dass er endlich mit geschlossenem Mund ein gequältes Lächeln zuwege brachte.
In der Mitte des Marktplatzes gab es eine offene Feuerstelle, wo Besucher und Verkäufer zwischendurch ihre in der Kälte mitunter taub gewordenen Glieder aufwärmen konnten, aber Ulrich war es daran gelegen, Engstellen und große Menschenknäuel zu meiden, und so durchquerte er rechter Hand den Platz, ohne in die dichtstehenden Reihen der Marktstände einzutauchen. Der anschließende Straßenzug führte geradewegs an der Großen Michaeliskirche vorbei, deren Bau er als Kind so häufig staunend verfolgt hatte.
Dem Kirchengemäuer gegenüber erklang nun allerdings sehr weltliches Gelächter, gemischt mit Rufen, die leicht aus dem Stimmengewirr der Straße hervorstachen, da sie ohne Zweifel von englisch sprechenden Zungen herrührten. Die Urheber, sechs durchaus würdevoll gekleidete Herren im besten Mannesalter, hatten sich auf dem abschüssigen Boden vor einer dichtstehenden Reihe von Brettern versammelt, die man in die Erde getrieben hatte. In ihrem solchermaßen begrenzten Feld, waren sie in ein Ballspiel vertieft, bei dem sie im Wettstreit eine Anzahl hölzerner Kugeln auf ein Ziel zu werfen trachteten, welches Ulrich nicht mehr ausmachen konnte. Etwas von der unbeschwerten Fröhlichkeit, das dem Spiel dieser Männer zu eigen war, fand für einige Augenblicke Eingang in sein Gemüt und zerstreute die Fragen, die er in Gedanken aufwarf.
Was mochte es mit jenem Toten auf sich haben, den es zu beschauen galt? War er einem seltsamen Übel erlegen oder eines gewaltsamen Todes gestorben? Und warum, um alles in der Welt, war ausgerechnet an ihn die Bitte ergangen, diesen Leichnam zu untersuchen? Hatte er bis dahin in der Gewissheit gelebt, seine Person sei über den kleinen Umkreis von Familie, Freunden und Bekannten hinaus gänzlich unbekannt, so wusste er nunmehr unter den bedeutenden Kaufleuten der Stadt jemanden, der auf ihn, den geradezu Namenlosen, besondere Hoffnungen setzte. Ihn selbst hingegen überfielen Zweifel, ob seine in der Medizin erlangte Fertigkeit wirklichen Nutzen zeitigen werde.
Er hatte betretenes Schweigen erlebt, wenn er anderen gegenüber zu schildern suchte, wie das Studium im Anatomiesaal beschaffen war, Männer, die ihr Unverständnis über seine Leidenschaft mit zotigen Anekdoten bekundeten, und Frauen, die sich im Anschluss an seine Erzählung versteckt bekreuzigten, als gelte es, sich ob der vernommenen Frevel himmlischen Beistands zu versichern. Nicht dass er deswegen an dem Gelernten gezweifelt hätte, aber soweit er die Menschen in Hamburg kannte, galt ihnen das gelehrte Streben nach Erkenntnis, eher als kauzige Beschäftigung, die keinen rechten Ertrag versprach, und wenn Ulrich von anderen gelehrt geheißen wurde, so war damit zugleich ausgedrückt, dass er ein wenig weltfremd sei und seine Zukunft fraglich und ungewiss.
Solcherart waren seine Gedanken, da nunmehr zur Linken die Straße allmählich auf die Stadtbefestigungen zuführte, in der das Neue Ellerntor die Pforte in westlicher Richtung bildete.
Das Neue Zeughaus war auf einem dem Ellerntor vorgelagerten, freien Platz erbaut worden. Männer in Uniformen gingen hier ein und aus und seinem ganzen Wesen nach gehörte das Haus zu den großen Wallanlagen, jenem vielzackigen Festungsgürtel, dem man das glückhafte Überdauern im großen Krieg zuschrieb und der auch jetzt, da doch längst Friede herrschte, rundum mit Kanonen bestückt und Tag und Nacht mit Wachsoldaten besetzt war.
Ulrich konnte sich erinnern, wie er als Kind bisweilen die Aufmärsche der Soldaten in Reih und Glied verfolgt hatte, doch war er nie zuvor, so wie jetzt, an die Torwache herangetreten.
Leicht beklommen sprach er einen der beiden Soldaten an, reichte ihm sein Schreiben und bat um Einlass. Statt den Weg einfach freizugeben, wurde Ulrich abschätzend gemustert und sodann verschwand der Mann mitsamt seinem Brief. Hesenius dämmerte zu spät, dass der andere womöglich nicht lesen konnte, aber es war zu spät, die Sache anders anzugehen, und ihm blieb nur, auf seine Rückkehr zu warten.
Ulrich fragte sich im Stillen, ob es im Winter zu den ungeschriebenen Gepflogenheiten des Wachdienstes gehörte, dass man im Gebäude verschwand und nachfragte, was zu geschehen habe, so oft und selbstverständlich auch so lange wie möglich, denn es bot sich darin allemal die Gelegenheit, sich aufzuwärmen.
Gerade als er zu spüren meinte, dass nach den längst klamm gewordenen Fingern sich auch von den Zehen her ein taubes Gefühl auszubreiten begann, zeigte sich endlich der Entschwundene und bedeutete ihm einzutreten. Ulrich erhielt seinen Brief zurück und folgte einem neuen, ihm zugeteilten Begleiter. Bald gelangten sie an eine breite Treppe, die der Mann ohne weitere Erklärung hinab schritt. Das spärliche, von oben einfließende Fensterlicht entschwand, und als Ulrich unten angelangt war, umfing ihn ein dunkles Gewölbe, das von einem warmen, unruhigen Flackern durchzogen wurde. Einzelne, dicht vor den rauen Steinwänden aufgesteckte Öllampen spendeten gerade genug Licht, dass er das Mauerwerk um sich herum erkennen konnte. Während seine Augen sich allmählich an die dämmerige Umgebung gewöhnten, fingen die ohren tropfendes Wasser und gedämpftes Gemurmel ein. Von irgendwoher erklang ein dröhnendes Gelächter, in das andere Kehlen mehrstimmig einfielen. In der Richtung, die sein Begleiter einschlug, erstarb dieser Lärm jedoch rasch, und schließlich verblieb nur das Hallen ihrer eigenen Schritte auf dem Steinboden. Hinter einem weiteren Gewölbepfeiler fiel Licht aus einer offen stehenden Tür und Ulrich spürte einen wärmenden Luftzug von der dahinter liegenden Kammer. Ein stattlich anzuschauender offizier mit flammend rotem Haar und einem ebensolchen, markanten Schnurrbart und ein junger, elegant gekleideter Herr, den Ulrich auf den ersten Blick als einen weiteren Besucher in diesem Gewölbe erkannte, standen sich dort gegenüber. Sie führten eine leise Unterhaltung, die sofort unterbrochen wurde, als sie der Person Ulrichs gewahr wurden, und beide bedeuteten ihm einzutreten. Dabei trat der vornehm gewandete Gast mit einem freudigen Strahlen auf ihn zu, umfasste mit beiden Händen seine Rechte, schüttelte sie, und da er hierbei die Kälte in seinen Gliedern erfühlte, führte er Ulrich sogleich mit sanftem Zug an den einfachen Kamin, in dem ein kleines Feuer willkommene Wärme spendete.
„Ihr müsst Ulrich Hesenius sein. Es ist ein ungewöhnlicher Ort, an dem ich eure Bekanntschaft mache, und es geschieht unter wahrhaft traurigen Umständen, aber ich freue mich aufrichtig, dass Ihr meiner Bitte nachkommen konntet“, sagte er und fügte, eben bevor er den Händedruck löste, mit einem beinahe heiteren Kopfnicken hinzu: „Ich bin Hermann Lengsdorp.“
Ulrich atmete auf. Dass Lengsdorp selbst an diesem Ort erschienen war, machte alles einfacher. Seine Begrüßung war angenehm und freundlich ausgefallen, aber es schickte sich für einen weltoffenen Kaufmann, dass er es verstand, auf andere Menschen zuzugehen und dabei die rechten Worte gebrauchte. Doch Ulrich glaubte auch herauszuhören, dass sie so gemeint waren, wie sie gesprochen wurden. Des anderen Freude oder war es eher Erleichterung? – schien ihm jedenfalls aufrichtig. So gewandt und sicher Lengsdorp in seinem Auftreten auch wirkte, schätzte Ulrich sein Alter auf nicht mehr als 26 oder 27 Jahre. Er war von durchschnittlicher Größe und Statur, hielt sich aber so tadellos gerade, dass man ihn gleichwohl auf Anhieb für groß und bedeutend wahrnahm. Sorgsam gekämmtes, eher braunes als dunkelblondes Haar reichte ihm bis zur Schulter hinab, sein Oberlippen- wie auch der Kinnbart waren mit der gleichen Strenge gestutzt. Wenn etwas Eitelkeit in seiner äußeren Erscheinung durchschimmerte, so war es doch eher so, dass er ein starkes Gefühl für Ordnung und das rechte Maß vermittelte. Dunkle Augen musterten Hesenius, doch geschah dies ohne den Eindruck von Strenge, da von ihnen zugleich ein freundliches Zwinkern auszugehen schien und zugleich formte dabei die unentwegte Andeutung eines Lächelns die Wangen des Kaufmanns.
Das zurückhaltende Schwarz seiner Kleidung wurde am Kragen und an den Ärmeln durchbrochen von weißen, fein geklöppelten Brüsseler Spitzen, zudem prangte noch eine breite, golddurchwirkte Schärpe von der linken Schulter hinab zur Hüfte. Ulrich vermochte nicht zu erkennen, welche Gilde die aufgestickten Ornamente versinnbildlichten, aber die prachtvoll bunte Schärpe war das einzige Kleidungsstück, das in dieser Umgebung vertraut wirkte, denn schmückende Bänder und Gürtel erfreuten sich anscheinend gerade bei den Wachoffizieren großer Beliebtheit. Der von Lengsdorp als Hauptmann van Horn vorgestellte Soldat hatte seinen Rock auf solche Weise gleich zweifach behängt, so dass sich über der Brust reich durchbrochenes und mit Schnallen besetztes Leder mit grün, rot und goldschimmerndem Brokat kreuzte. Eine der beiden Schärpen zählte zum Waffengeschirr, da an ihrer Unterseite das Rapier in der Scheide baumelte. Nachdem er gleichfalls Ulrichs Hand geschüttelt hatte, verabschiedete sich van Horn mit einem Schwenken seines federgeschmückten Hutes, um der sich anbahnenden Unterhaltung zwischen den beiden Bürgerlichen nicht die Vertraulichkeit zu nehmen.
Ulrich, der vor allem wünschte, den tieferen Grund seines Hierseins zu erfahren, wusste wohl, dass ihn zunächst einige wohlmeinende Fragen zu seiner Person und zu den Familienverhältnissen erwarteten. Derlei war als höfliche Einleitung gleichsam unumgänglich und auch Lengsdorp hielt sich daran.
Hesenius berichtete, dass sein Vater bei guter Gesundheit sei, und da er seine Stiefmutter seit zwei Wochen nicht gesehen hatte, fiel es ihm leicht, statt von ihr lieber von Elsbeth und all jenen zu berichten, die ihm näher standen. Endlich kam die Erkundigung auch zu seiner eigenen Person.
„So habt Ihr also einstweilen das wackere Studium der Medizin verlassen, um hier in Hamburg das Kaufmännische zu betreiben?“ fragte Lengsdorp.
„Es war der Wunsch meines Vaters, dass ich für eine Zeit ins Kontor zurückkehre“, sagte er ebenso knapp aber wahrheitsgemäß.
„Doch wenn es nach eurem Herzen gegangen wäre, so wäret Ihr gewiss bei eurer Wissenschaft verblieben?“, fragte der Kaufmann.
Die Vermutung traf ins Schwarze, doch es schickte sich nicht, dies allzu deutlich zum Ausdruck zu bringen. „Gewiss“, entgegnete er, „doch ich bitte, meinen Vater zu verstehen. Nicht allein, dass die Geschäfte heute für ihn schwerer sind als in vormaligen Zeiten. Er musste auch unerwartet den Schreiber ersetzen, der ihm lieb und vertraut war. Und bei alledem: Es ist ohnehin nur bis zum kommenden Herbst, dass ich nach Leyden zurückkehren werde.“
So lautete das Abkommen, das Vater und Sohn geschlossen hatten, und er trachtete danach, es einzuhalten, wie er auch wusste, dass Johann Hesenius ihn anschließend freigeben und dass seine Entlohnung ihm wenigstens das Folgejahr an der Universität ermöglichen würde.
„Ich hörte wahrhaft Bemerkenswertes über euer Studium in Leyden, junger Freund. Hat nicht gar Wilhelm von Oranien Euch höchstselbst für besondere Leistungen eine goldene Medaille verliehen?“
Ulrich lächelte nachsichtig. Es war offenkundig, dass die Geschichte seiner Auszeichnung über eine lange Kette von Erzählern weitergereicht worden war, ehe sie Lengsdorps Ohren erreicht hatte. Allerdings, wenn man sie auch ihrer dabei erlangten Ausschmückungen beraubte, so beruhte sie schließlich doch auf einer wahren Begebenheit.
„Nun“, erklärte er, „es wurde durchaus keine Medaille vergeben und der Fürst war bei der Zeremonie auch nicht zugegen, allerdings ist er ein großer Förderer der Wissenschaften. So stiftete er in der Tat einen Preis, welcher durch den Kanzler der Universität verliehen wurde, und – es ist wahr – im vergangenen Jahr hatte ich das Glück, für meine eingereichte Arbeit ausgezeichnet zu werden.“
„Wollt Ihr dies eine als Ratschlag von mir annehmen: Stellt euer Licht nicht so tief unter den Scheffel, wie Ihr es eben tatet, und lernt stattdessen, die Dinge geradeheraus beim Namen zu nennen, wenn sie Euch zum Lob gereichen, denn ich halte dafür, dass Tüchtigkeit weit eher als Glück Euch zum Preis verholfen hat. Welcher Art war eure Abhandlung?“
Ulrich wusste nach seiner Erfahrung darum, wie rasch es seine Zuhörer ermüdete, wenn er sich in Einzelheiten der Medizin verlor, und so ließ er die ganze Anordnung seiner damaligen Versuche weg und antwortete nur soviel, dass er bei verschiedenen Menschen die Beschaffenheit der Adern untersucht habe, welche gekennzeichnet seien entweder durch schwer oder durch leicht fließendes Blut und dass er hieraus am Ende wertvolle Hinweise gewonnen habe, ob und wie häufig es geraten sei, Patienten zur Ader zu lassen.
Lengsdorp beglückwünschte ihn zu seinem Erfolg, ließ endlich aber seine schönen Worte ausklingen. Ulrich, der diesen Moment der Stille nutzte, ihn aufs Neue eindringlich zu betrachten, sah die Heiterkeit aus seinen Zügen entschwinden, und als er schließlich zu sprechen fortfuhr, tat er es bedächtiger und zögerlicher als zuvor, als bereite es ihm nunmehr Mühe, die rechten Worte für seine Erzählung zu finden.
„Ihr fragt Euch, wer der Tote wohl sein mag, und aus welchem Grund ich Euch an diesen Ort gebeten habe, ihn in Augenschein zu nehmen. Nun wohl, in der vergangenen Nacht, gegen halb zwei Uhr in der Frühe wurde der leblose Körper meines Freundes, des hoch geschätzten Kaufmanns und Ratsherrn Heinrich von Brempt, auf der Eisdecke eines schmalen Fleets in einem entlegenen Teil der Neuen Stadt gefunden.“
Ulrich hatte angenommen, dass der Tote zu den vermögenden Männern der Stadt zählen müsse, denn niemand hätte sich bemüßigt gefühlt, beim Hinscheiden eines armen, unbedeutenden Tropfs eine Untersuchung in die Wege zu leiten, aber da ein Ratsherr, einer der führenden Köpfe der Stadt, ums Leben gekommen war, wurde die Angelegenheit um einiges verständlicher. Laut fragte er: „Es waren Männer der Stadtwache, die den Toten fanden?“
Lengsdorp nickte anerkennend und fuhr an diesem Punkt fort zu berichten.
„Richtig. In der Nacht waren sowohl Nachtwächter von der Wedde als auch die hiesigen Wachsoldaten verständigt worden, dass Heinrich abends nicht zu seiner Familie zurückgekehrt sei. Man bildete eilends Suchmannschaften, denen je eine Tragbahre beigegeben wurde, um den Mann, falls er verletzt und ohnmächtig aufgefunden werde, rasch transportieren zu können. Als eine der ausgeschickten Streifen ihn schließlich fand, war er allerdings tot, aber die Männer entschieden dennoch, ihn sogleich aufzuladen, und sie brachten ihn hinter diese Mauern.“
„Wie, glaubt man, ist er gestorben?“
„Es waren drei Männer, die den Leichnam fanden, und ein jeder von ihnen berichtete übereinstimmend, dass von Brempt geradewegs am Fuß der Brücke, welche über das Fleet führt, gelegen habe. All dies legt nahe, er habe beim Überqueren den Halt verloren und einen tödlichen Sturz hinunter auf das Eis getan. Etwa zwanzig Schritte entfernt vom Toten fand sich an der Uferböschung sein Hut: möglich, dass ihn ein plötzlicher Windstoß von Heinrichs Kopf geweht hatte. Ein seltsamer Gedanke: Ja, Heinrich war ein Mann, der weit eher geeignet schien, einen Baum mit seinen bloßen Händen auszureißen, als dass man glauben möchte, er könne selbst fallen. Und doch, das Pflaster war rutschig, eine einzige törichte Bewegung, vielleicht dass er sich zu weit vorbeugte, seinen davonfliegenden Hut zu erhaschen, jedenfalls scheint es die einleuchtendste Erklärung für das Unglück. Dies umso mehr, da er in tiefdunkler Nacht mit einer Laterne in der Hand unterwegs war. Man fand sie erloschen neben Heinrichs Körper auf den Eisschollen.
Doktor Winckel, ein Bekannter der Familie, den wir bereits am frühen Morgen verständigten, hat bestätigt, dass eine Wunde, welche an Heinrichs Kopf zu sehen ist, vermutlich von dem schweren Stoße des Schädels auf dem Eise herrührt. Er war entweder sofort tot oder wenigstens ohne Bewusstsein, und musste bald darauf unweigerlich erfrieren.“



