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Ja, es war bitterkalt in den Nächten, und wie tückisch das glatte Pflaster auf einer Brücke sein konnte, hatte Ulrich gerade erst auf dem Weg hierher erfahren. Aber da war zunächst etwas anderes, worauf er sich keinen Reim machen konnte, und so warf er neuerlich eine Frage ein.
„Wenn von Brempts Tod durch einen unglücklichen Sturz verursacht wurde, wie doch alle annehmen, warum ist Euch gleichwohl daran gelegen, nach dem Befund dieses Doktor Winckel noch eine weitere Untersuchung durchführen zu lassen?“
„Ich habe sogar noch mehr veranlasst, als nur Euch mit hinzuzuziehen. Auf meine Bitte hin hat sich ebenso der hiesige Regimentsarzt bemüht, und ich habe außerdem noch einen Doktor Sriver um sein Erscheinen gebeten, einen wohl beleumdeten Amtsträger des Collegium Medicum. Ich hätte ihn allerdings bereits vor einer halben Stunde erwartet, doch wie es scheint, wurde er aufgehalten.“
„So muss ich also anders fragen: Warum habt Ihr geruht, in dieser Sache noch zwei weitere Ärzte und obendrein auch noch mich, einen Studenten der Medizin herbeizurufen?“
Lengsdorp antwortete nicht sofort. Er tat einige Schritte auf eine der roh gezimmerten Bänke im Raum zu, ließ sich seufzend auf ihr nieder und winkte Ulrich, es ihm gleich zu tun. Eine geraume Zeit lang starrte er wie abwesend in die Flammen der Feuerstelle.
„Es mag besser zu verstehen sein, wenn ich Euch kurz berichte, wie ich selbst die Unglücksnacht erlebte“, nahm er die Erklärung wieder auf, und sprach in vertraulichem Ton, doch leise und verhalten, so als ob mit den gesprochenen Worten die Erinnerung an Geschehnisse wachgerufen wurden, die er als seltsam unbegreiflich erfahren hatte: „Kurz vor der zehnten Stunde der vergangenen Nacht – glücklicherweise hatte ich mich noch nicht zu Bett begeben – klopfte eine Magd aus von Brempts Hause an meine Tür. Maria, Heinrichs Frau, hatte Gesinde ausgeschickt, Freunde und Bekannte um Hilfe zu bitten, weil ihr Mann von einer abendlichen Besprechung nicht nach Hause zurückgekehrt sei.“
„War er allein ausgegangen?“
„Ja, es ist ein überschaubares Stück Wegs von Heinrichs Haus zum Viertel der Sepharden, wo er einen befreundeten Geldverleiher für eine Unterredung aufsuchen wollte. Als ihr Heinrich weit über die Zeit, die er angegeben hatte, ausblieb, wurde Maria das einsame Warten unerträglich. Sie schickte einen Boten hinterdrein, und als dieser zurückkehrte, war sie sicher, es müsse Heinrich etwas zugestoßen sein, denn er berichtete, dass ihr Mann bereits vor geraumer Zeit von dort aufgebrochen war.
Als ich bei Maria eintraf, waren außer ihr und einigen Dienern, Mägden und Zofen des Haushalts bereits mehrere Nachbarn zugegen, die gleichfalls gerufen wurden. Sie ist eine tapfere Frau und hielt sich aufrechter als viele von denen, die um sie herum versammelt waren und wenig mehr als Jammern und Gebete beizusteuern wussten. Doch kamen wir bald überein, dass es angesichts der vorgerückten Stunde geraten sei, sowohl bei der Wedde vorzusprechen, als auch Männer der Stadtwache um Hilfe zu bitten. So teilten wir uns auf, dergestalt dass je zwei Mann sich dorthin begaben, derweil wir Verbliebenen uns zu zwei kleinen Haufen zusammen scharten, in verschiedener Richtung die umgebenden Straßen und Plätze abzusuchen. Wir ließen Maria mit den übrigen Frauen zurück, und dann suchten wir wohl bald zwei Stunden lang im fahlen Licht unserer Laternen eine Spur von Heinrich zu finden. Als die Kerzen zur Neige gingen, mussten wir uns die Vergeblichkeit unserer Bemühungen eingestehen. Während einige nach Hause eilten, mit dem Versprechen, die Suche am Morgen wieder aufzunehmen, falls es nötig sein sollte, übernahm ich es, Maria von unserer glücklosen Suche zu berichten. Auch wollte ich ihr beistehen und den Gedanken wachhalten, dass bessere Nachrichten eintreffen möchten. Es mag beinahe halb drei Uhr gewesen sei, als all unsere Hoffnung erstarb, da ein Soldat eintraf und meldete, er habe zusammen mit seinen Kameraden Heinrichs Leichnam gefunden. Als der Mann in seiner Schilderung kundtat, der Ratsherr müsse wohl durch einen unglücklichen Sturz von der Fleet-brücke zu Tode gekommen sein, war es endlich um Marias Haltung geschehen. Sie verfiel in ein so lautes Wehklagen, dass eines ihrer Kinder aus dem Schlaf gerissen wurde, und sie schwor, ihr Heinrich könne niemals durch eine solche, dem Teufel entsprungene Laune ums Leben gekommen sein. Bald schalt sie den Überbringer der Todesnachricht einen dreisten Lügner und, wiewohl alle ihr gut zuredeten, war sie doch kaum zu beruhigen.“
An dieser Stelle konnte Ulrich, wenngleich er der Schilderung zuvor ergriffen gelauscht hatte, sich nicht enthalten, den Erzähler zu unterbrechen.
„Wartet einen Moment“, fiel er ein, „Habe ich es recht verstanden, dass ihr Klagen nicht etwa begann, als man ihr berichtete, ihr Mann sei tot, sondern erst in dem Moment, da der Soldat ihr bedeutete, er müsse durch einen dummen Fehltritt zu Tode gestürzt sein?“
Lengsdorp führte eine Hand zur Stirn, offensichtlich bemüht, die Geschehnisse der vergangenen Nacht im Geiste richtig zu ordnen, und für einige Augenblicke verharrte er in dieser Haltung, ehe er fortfuhr zu antworten:
„Ich hatte noch keine Muße, die Dinge so zu erfragen wie Ihr. Nun aber, da Ihr es erwähnt, kommt es mir so vor, als habe es sich wirklich in dieser Weise zugetragen. Ja, es muss wohl so gewesen sein. Maria schien mir noch ruhig und gefasst, da ihr die Todesnachricht überbracht wurde, doch als der Mann weitersprach, wurden wir gewahr, dass ihr Betragen sich ins Gegenteil verkehrte. Vielleicht dass ihr Herz Zeit brauchte, die Worte in ihrer ganzen Tragweite aufzunehmen?“, setzte er ohne rechte Überzeugung hinzu.
„Aber wie dem auch sei, da keines der tröstenden Worte, die um sie herum gesprochen wurden, und keine Umarmung ihrer Freundinnen und Vertrauten ihren übergroßen Schmerz betäuben konnten, trat ich endlich vor sie hin. Ich sagte mir, es sei vielleicht besser, die eigenartigen Worte voller Zorn, die über ihre Lippen gekommen waren, nicht länger ersticken zu wollen, sondern sie mit einem feierlichen Versprechen zu beruhigen. Und so nahm ich endlich ihre Hand und schwor ihr an diesem Abend, dass alles, aber auch alles in die Wege geleitet werde, auf dass sie am Ende erfahren möge, wie Heinrich in dieser Nacht gestorben sei. Mag aus dem Versprechen auch nichts anderes erwachsen, als dass man später sagen wird, wir hätten endlos Zeit und Mühen aufgewendet, weil eine vom Schmerz betäubte Frau närrische Dinge sagt. Mag sein, dass ich am Ende selbst einem Narren gleich dastehen werde. Was gilt es mir, da ich doch endlich erleben durfte, wie Maria sich aufrichtete an meinen Worten und wie sie zurückfand zu der stillen Kraft, die ihr zu eigen ist.“
„Und deshalb“, schloss Lengsdorp und erwiderte dabei so fest und eindringlich den Blick seines Zuhörers, als gelte es, die letzten Sätze durch ein zwischen ihnen geknüpftes Band zu beschwören – „deshalb wollte ich es nicht dabei belassen, dass allein wackere Soldaten, die Männer der Wedde und unser braver Doktor Winckel den toten Freund in Augenschein nehmen.
Ihr seid jung und habt doch, wie ich von anderen erfuhr, bereits mit so vielen hochgelehrten Köpfen verkehrt, und ich halte dafür, dass, wenn mit Heinrichs Tod ein Geheimnis verknüpft wäre, Ihr auf eure Art so gut befähigt seid, es zu entdecken, wie andere, mögen sie auch klangvolle Titel führen und Euch nach Alter und Erfahrung voraus sein.“
Ulrich erwiderte nichts. Schweigen breitete sich aus. Inmitten der Stille verstand er, wie alles gekommen war, und warum der Ratschluss des anderen ihn schließlich an diesen Ort geführt hatte.
Da er eben befand, es sei an der Zeit, sich dem zu widmen, worum man ihn gebeten hatte, war eine polternde Unruhe von außerhalb zu vernehmen. Eine tiefe Stimme, welche von den Gängen her zunehmend laut und herrisch herüber klang, schälte sich aus dem Getrappel schwerer Schritte heraus. Gleich darauf erschien ein Wachsoldat in der halb offenen Tür und meldete die Ankunft eines Herrn, den er als „Gottfried Sriver, Arzt und zweiter Physicus der Stadt“ vorstellte. Als der Genannte eintrat, geschah es unter fortwährendem Schnaufen. Sriver war klein und von stämmiger Statur, in erster Linie jedoch war er über die Maßen dick und beleibt. Unter dem weit vorstehenden, prallen Bauch wirkten seine kurzen Beine fast schon schmächtig, und es erschien seltsam unzureichend, wenn beim Gehen wechselweise nur eines von ihnen die Schwere des ganzen Körpers auszubalancieren hatte. Ulrich schätzte den Mann, den er um Haupteslänge überragte, auf etwa drei Zentner und fragte sich im Stillen, ob er zeitweilig bereits unter Schmerzen in den Knien und anderen Gelenken zu leiden hatte, wie es bei so vielen der Fall war, deren Gewicht durch ständige Völlerei überhandgenommen hatte.
Unter einer schlecht sitzenden Perücke glänzte die schweißnasse Stirn, das breite Gesicht war von den jüngsten Anstrengungen tief gerötet. Ulrich konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass Srivers Blut ganz sicher zu schwer floss: Es schien beinahe geboten, ihn sofort ausgiebig zur Ader zu lassen, um dem in der Brust heftig pochenden Herzen Erleichterung zu verschaffen.
Lengsdorp begrüßte den Doktor mit formvollendeter Höflichkeit. Hesenius erntete zwischendurch ein kurzes Schnaufen von Sriver, als er dem anderen vorgestellt wurde.
Der Kaufmann hatte sich für Srivers Eintreffen zwei Ehrenämter gemerkt, die der Arzt bekleidete, dazu noch eine Stellung, die er vormals innegehabt hatte, und er nahm sich die Zeit alles aufzuzählen, so dass der wonnigen Eitelkeit des Mannes mehr als Genüge getan wurde. Des Doktors Gemüt schien ob der freundlichen Ausführungen jedoch keineswegs aufgeheitert. Ein dumpfes Missvergnügen umwehte ihn und wollte nicht weichen, und man spürte dahinter, dass nicht Pflichtgefühl oder gar Neigung ihn hergeführt hatte. Gottfried Sriver war ganz gegen seinen eigentlichen Willen überredet worden zu kommen, und das Opfer, das er dem Kaufmann damit erbracht hatte, schien ihm keineswegs ausreichend gewürdigt.
„Eure freundlichen Worte in allen Ehren“, begann Sriver, „doch seid Ihr Euch im klaren darüber, dass wir eine höchst bedeutsame Sitzung im Ausschuss für den weiteren Ausbau des Spinnhauses verlassen haben, allein um eurem Wunsch zu willfahren? Und wir fragen uns weiterhin, weshalb Ihr ärztlichen Beistand erbittet, ganz so, als ginge es um eine Angelegenheit von großer Dringlichkeit, wenn unser Ratsherr, nach dem, was ich vernommen habe, sein Leben doch schon in der Nacht ausgehaucht hat?“
Es war eine taktlose Eröffnung. Ein Dunsthauch von Wein stieg auf, während Sriver sprach, und Ulrich war es gewiss, dass die Sitzung, von welcher der Doktor vorzeitig aufgebrochen war, eine üppig mit Speis und Trank beladene Tafelrunde einschloss.
„Viventes nostra ars curat, non mortuos!“ *, fuhr Sriver nunmehr in seinen Belehrungen fort, „Hat sich erst der Tod herabgelassen, so schlägt die Stunde der Pfaffen, die Seele der Verstorbenen mit ihren Gebeten zu begleiten. Zu welchem Nutzen soll es nun eigentlich führen, wenn ich in diesem Gewölbe doch nur den Tod konstatieren kann, zumal da jemand anderer, wie ich hörte, dies bereits vor uns tat?“
Lengsdorp hätte hierauf zweifellos eine geschickte Antwort zu geben gewusst, dergestalt, dass sie den Unwillen des Mannes besänftigen konnte und zugleich an sein Pflichtgefühl appellierte, doch wollte sich Ulrich nicht länger enthalten, das Wort zu ergreifen. obgleich sein ganzes Wesen von leiser und zurückhaltender Art war, empörte ihn doch, wie Ignoranz und auch Unwissenheit hinter der lauten Art dieses Mannes sichtbar wurden. Sriver mochte auf seine Weise ein gebildeter Mann sein, und er war in der Medizin zu Amt und Würden gelangt, aber bei alledem schienen ihm einige der Grundtugenden seines Berufes abhandengekommen zu sein.
„Mortuos nos docent comprehendere vitaliter“ *, ließ er sich vernehmen. „Verzeiht, aber mir scheint doch, wir wären zunächst einmal hier, um durch eigene Anschauung zu den rechten Schlüssen zu gelangen, auf dass wir hinterher ein Urteil darüber fällen, wie denn ein Mann zu Tode gekommen wäre. Wie aber sollten wir wohl dorthin gelangen, wenn wir uns darüber erhaben wähnten, den Leichnam gründlich zu studieren? So stumm die Zunge eines Dahingeschiedenen auch bleibt, so kennt die Medizin doch allerhand Schliche, auch den Toten noch Geheimnisse zu entlocken, und darum wurdet Ihr gebeten, eure Kunst auch hier zu erproben. Kann eine Seuche nicht sehr wohl noch erkannt werden, nachdem das opfer ihr erlegen ist? Vermag nicht ein kundiger Arzt noch aus einem toten Neugeborenen herauszulesen, ob das Kind je einen Atemzug getan hat?“
Srivers ohnehin rötlich gefärbtes Gesicht schien sich noch weiter zu verdunkeln, da er den jungen Mann, den er bislang kaum beachtet hatte, überrascht und verwundert ansah, so, als könne er nicht glauben, dass dieser Widerworte gegen ihn gerichtet hätte.
„Wie?“, entgegnete er, „Höre ich recht? Will er mich belehren, was zu tun oder zu lassen wäre? Ich kenne euresgleichen zur Genüge. Junge Bürschlein, die über einem jeden Leichnam sogleich ihr Seziermesser erproben möchten und die es, wie einst ihr Patron Vesal, selbst dann schwingen würden, wenn das Leben noch nicht entwichen ist!“
Ulrich schüttelte den Kopf ob dieser frechen Lüge.
„Eine böswillige Legende, gestrickt von seinen Widersachern: Vesalius hat eine solche Torheit nie begangen. Auch wisst Ihr so gut wie ich, dass wir nicht ohne Grund und des Weiteren nicht ohne besondere Erlaubnis befugt wären, auf solche Weise auch in den Eingeweiden des Toten zu lesen. Sollte eine äußere Untersuchung des Leibes bestätigen, was wir über den Eintritt des Todes vermuten, so sehe ich durchaus keine Notwendigkeit für eine Sektion!“
„Vortrefflich!“ Sriver bedachte sein Gegenüber mit einem verächtlichen Blick, um sicherstellen, dass Ulrich die Schmähung, die er in das Lobeswort gelegt hatte, nicht entging. „So wisst Ihr eurem Eifer doch Grenzen zu setzen. Alsdann merkt Euch ebenso: Ein einfacher Fall wie dieser eignet sich nicht zum Disput. Jeder Wundarzt, ja selbst ein Bader hätte hier den nötigen Dienst verrichten können!“
„Glaubt Ihr denn wirklich, ein einfacher Bader hätte je von den vielen Regeln vernommen, welche Paolo Zacchia den Ärzten für die äußere und innere Leichenschau genannt hat?“
So etwas wie Verblüffung mischte sich in Srivers erregte Gesichtszüge, und Ulrich kam der Gedanke, dass der Mann selbst wohl nie einen Band der „Quaestiones medico-legales“ gelesen hatte. Nein, verbesserte er sich, vermutlich kannte Sriver selbst den Namen des großen Gelehrten nicht. Es sollte Ärzte geben, die immer noch allein die Weisheiten eines Paracelsus gelten ließen und alle welschen Lehrbücher der Falschheit bezichtigten, ganz so als sei die Medizin in den Ländern des Südens bei Galens Lehre vom Gleichgewicht der Säfte stehen geblieben.
Ulrich ahnte, was nun folgen würde. Tatsächlich ließ Sriver ihn mit nunmehr vollends zornentbrannter Stimme wissen, dass er durchaus nicht gewillt war, sich von einem jungen Mann ohne Ämter und Titel belehren zu lassen: „Weiß er eigentlich, wem er hier gegenüber steht? Ich studierte an der Leucorea in Wittenberg und beim jüngeren Simon Pauli in Rostock, zu einer Zeit, da Ihr noch nicht einmal eurer Mutter Brust entwachsen wart. Und doch fühlt man sich bemüßigt, mit kecker Rede mein Urteil in Frage zu stellen? Ich habe den Tod bei Kindern und Alten gesehen, bei ausgezehrten Krüppeln im Siechenhaus ebenso wie bei jungen Frauen auf weißem Linnen. Ich erkenne seine knochige Hand in jedweder Gestalt, doch ebenso vertraut ist mir der verschwenderische Eigensinn, der mitunter die Angehörigen umtreibt, Ärzte sonder Zahl herbeizurufen ohne Fromm und Nutzen!“
„Mir scheint, Ihr führt allzu rasch das Wort Verschwendung im Mund. In der Stadt Zürich lässt man die Verstorbenen gar von fünf geschworenen Meistern untersuchen, wenn die Ursache ihres Hinscheidens unklar ist. Warum sollten wir uns also nicht bemühen, den Leichnam des armen von Brempt in Augenschein zu nehmen, ein jeglicher nach seiner Art? Es mag nicht alles nutzlose Wiederholung sein, da doch in Wahrheit ein Einzelner nicht davor gefeit ist, Dinge zu übersehen, um die vielleicht aber der Nachfolgende weiß.“
Es war an Lengsdorp zwischen die Streitenden zu treten, und er tat dies auf eine zugleich entschiedene wie auch heitere Art, die es weder Sriver noch Ulrich erlaubte, weitere Worte anzufügen.
„Verzeiht, meine Herren! Ich habe wenig von eurem gelehrten Disput verstanden, doch mir scheint, wir wären dabei, eben jene kostbare Zeit zu verschwenden, über die doch gerade Ihr, mein lieber Doktor, am heutigen Tag nicht im Übermaß verfügt.“ Und mit einer einer lächelnden Wendung zu Ulrich fuhr er fort: „Deshalb möchte ich, wenn unser junger Freund hier einverstanden ist, sich noch ein wenig zu gedulden, vorschlagen, Euch nunmehr zur Totenkammer zu führen, die beinahe nebenan liegt. Denn wie Ihr es auch betrachtet, mein lieber Sriver, eure große Erfahrung scheint uns zu wertvoll, als dass wir darauf verzichten könnten.“
Und mit diesen Worten geleitete er ihn hinaus, so selbstverständlich, als ob er ein zänkisches Kind zur besseren Einsicht führte. Nicht allein, dass der andere es willig geschehen ließ: Eben noch laut und zornbebend, schien unter den munteren Beteuerungen des Kaufmanns eine willige Stimmung bei ihm einzukehren, die man zuvor vergeblich gesucht hatte.
Lengsdorp kehrte bald darauf zurück, da er den Doktor endlich bei seiner Arbeit wusste. Die kurze Zeit, in der er allein im Raum weilte, hatte indes gereicht, Ulrich ob des Streits, den er unversehens heraufbeschworen hatte, in eine reumütige Stimmung zu versetzen. Er fand, das Vertrauen, das der Kaufmann in ihn gesetzt hatte, sei womöglich verspielt, noch ehe er überhaupt seine Arbeit begonnen hatte.
„Verzeiht bitte, wenn ich den Doktor mit meiner Rede verstimmt habe“, begann er, „wenn ich auch seine Ansichten keinesfalls teile, so war es doch töricht, solche Widerworte zu geben, da Ihr doch auf seine Dienste hofft.“
Lengsdorp schien seine Besorgnis jedoch nicht zu teilen, seine Miene war so gelassen wie zuvor. Er legte eine Hand auf Ulrichs Schulter und sprach mit flüsternd vertraulichem Ton: „Es war nicht eure Schuld. Verwünscht seien Waldmüller und von Büren, die mir heute in der Versammlung in den Ohren lagen, es sei das Gescheiteste, in der Schar der hiesigen Ärzte weit oben anzuklopfen und wenigstens den Physicus secundus herbei zu bitten. Andere hätten wohl besser gewusst, dass der Mann ein eitler Tropf ist. Aber sei’s drum. Er hat sich bequemt, nun doch zu Werke zu gehen, und wenn ich noch einige Schmeicheleien aufzutischen weiß, so werde ich am Ende gar einen von ihm niedergeschriebenen Bericht bekommen. Nur daran soll mir gelegen sein.“
Ulrich fühlte sich erleichtert. Er spürte, wie Dankbarkeit und Achtung für diesen Mann, den er doch kaum kannte, in ihm aufstiegen und schwor sich zugleich, bei künftigen Anlässen seinen Verstand auch dafür zu gebrauchen, die eigene Zunge besser zu hüten.
„Eines beschäftigt mich nun doch“, bekundete der Kaufmann seine Neugier. „Vorhin glaubte ich von Euch herauszuhören, dass selbst aus dem winzigen Leichnam eines Neugeborenen noch die Todesursache zu lesen wäre. Sollte das wahrhaft möglich sein?“
„Oh gewiss!“, antwortete Hesenius und freute sich über das Interesse, das er beim anderen geweckt hatte, „üblicherweise ergeht eine Untersuchung hierüber, wenn die Mutter unter dem Verdacht steht, sie habe ihr Kind gleich nach der Geburt getötet. Ein kundiger Arzt wird dann einzig die Lunge aus dem kleinen Körper entfernen und sie einer Schwimmprobe unterziehen. Es verhält sich nämlich so: Mit den ersten Atemzügen eines Kindes bei seiner Geburt bläst es all die vielen Verästelungen und Kammern des eigenen Lungengewebes auf. In einem solchen Fall wird sich in der Untersuchung zeigen, dass das kleine Organ leichter ist als das umgebende Wasser und an der Oberfläche schwimmt. Sinkt die Lunge hingegen nach unten, einfach weil das Gewebe schwerer ist als Wasser, so kann das nur bedeuten, dass die Lunge noch keine solche ist, der Säugling also nie geatmet hat. Das Kind wäre folglich bereits tot zur Welt gekommen und die Mutter von aller Schuld freizusprechen!“
Solcherart unterhielten sie sich eine Zeitlang, und da Hesenius Gelegenheit fand, dass er weitere nutzbringende Erkenntnisse aus der Welt der Anatomie schilderte, so staunte Lengsdorp allmählich, wie tief einige in der Medizin doch zu den Geheimnissen des Lebens vorgedrungen waren.
Schließlich wurde vom Gang her wieder das vertraute Schnaufen hörbar, das Sriver zu eigen war, und ihr Gespräch ward unterbrochen. Der unwillige Physicus hatte – in erstaunlich kurzer Zeit, wie Ulrich fand – seine Schau beendet.
Lengsdorp nickte Ulrich kurz zu, eilte auf den Gang hinaus, und während er mit Sriver einige belanglose Fragen austauschte, wusste er den korpulenten Mann zugleich wie zufällig so zu beschirmen, dass diesem ein neuerlicher Blick auf seinen jungen Kontrahenten verwehrt blieb. Der Doktor schien jetzt im Ganzen aufgeräumter Stimmung zu sein und des Kaufmanns vordringliche Sorge bestand darin, ihm nur ja keinen Anlass für weitere Händel zu liefern. Nach dem, was Ulrich vernahm, fand Sriver seine zuvor geäußerten Ansichten ganz und gar bestätigt, und so war er nicht allein zufrieden mit seiner Untersuchung, sondern wohl auch mit der Schnelligkeit, in der er sie vollbracht hatte. Einige Gesprächsfetzen drangen noch an sein Ohr, danach wurden die Stimmen der beiden beinahe unhörbar leise. Ulrich stellte sich bereits auf eine neuerliche quälende Wartezeit ein, doch Lengsdorp erschien gleich darauf noch einmal. Er war sichtlich in Eile, da er Sriver nicht lange allein lassen wollte. Der Doktor bedurfte schließlich einer Verabschiedung, welche seiner Eitelkeit Rechnung trug. Lengsdorp ermunterte Ulrich, nunmehr mit seiner eigenen Untersuchung zu beginnen.
„Hinter der vorletzten Tür, die Männer hier unten“ – er wies auf zwei Soldaten am Gangende, die gerade damit beschäftigt waren, eine lange Reihe von Stiefeln zu säubern – „sind angewiesen, Euch, wenn nötig, zur Hand zu gehen. Solltet Ihr noch weitere Fragen haben, so begebt Euch zu Hauptmann van Horn, den Ihr bereits kennengelernt habt. Ich selbst werde ebenfalls dort sein.“
Das war alles. Lengsdorp verschwand ebenso rasch wieder, wie er zurückgekommen war, und Ulrich dachte bei sich, dass nicht eben viele wohlhabende Kaufleute sich zu solchen Botendiensten herabgelassen hätten.
Er warf den beiden Burschen, die nahe der Totenkammer ihrer stumpfsinnigen Arbeit nachgingen, einen freundlichen Blick zu. Sie starrten regungslos schweigend zurück und gaben ihm dabei erst recht das Gefühl, er sei ein Besucher aus einer anderen Welt.
Die Kammer, die er nun betrat, war ebenso fensterlos wie viele andere Räume im Gewölbe, doch hatte man zwei große Leuchter herbeigeschafft und das Kerzenlicht beleuchtete den mit einem lockeren weißen Tuch verhüllten Körper, der ausgestreckt auf einer einfachen Bettstatt lag.
Er befand das Licht für ungenügend, ging kurzerhand vor die Tür, bat einen der beiden Männer, er möchte ihm noch einen kleinen Handleuchter besorgen, und schickte sodann den zweiten, eine Schale mit Wasser zu bringen.
Während er einige Utensilien aus seiner Tasche kramte, bemerkte er ein Bündel schmutzbefleckter und teilweise zerrissener Kleider, ein Paar Stiefel und Handschuhe in einer der dunklen Ecken der Kammer. Doktor Winckel, der am Vormittag die erste Untersuchung durchgeführt hatte, oder jemand anderes, musste sie dort abgelegt haben. Daneben lehnte eine einfache Tragbahre an der Wand, vermutlich jene, auf der man von Brempt in der vergangenen Nacht hierher gebracht hatte.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Betrachtungen. Einer der beiden Soldaten reichte ihm eine zur Hälfte mit Wasser gefüllte Schüssel. Der zweite hatte nur eine unhandliche Laterne auftreiben können, aber Ulrich nahm sie ergeben und bedankte sich. Er hätte hier unten den hellen Lichtkegel einer Schusterkugel gebrauchen können, aber es galt mit dem vorliebzunehmen, was die Männer herbeischaffen konnten.
Ulrich schloss die Tür, nahm das Tuch vom Leichnam und ließ das Bild des toten Heinrich von Brempt auf sich wirken. Er hatte viele unbekleidete Leichen gesehen, doch war er diesmal allein auf sich gestellt, auf eine Weise, die er zuvor noch nicht erfahren hatte. Beinahe fehlte ihm der eigentümliche, schwer zu beschreibende Leichengeruch, der während der Anatomiestunden im großen Schautheater der Universität hing. Er schrieb es der besonderen Kühle in den Kellergewölben zu, dass der Tote in dieser Hinsicht unscheinbar blieb. Die Stille des Augenblicks rief weitere Erinnerungen in ihm wach: an die allerersten Stunden, in denen er sich eigenhändig in der Sezierkunst üben durfte, und an den leichten Schauder, den er verspürt hatte.




