- -
- 100%
- +
In den Übungsstunden waren sie wenigstens zu zweit gewesen. Hier gab es keinen Mitstudenten, der sich der Aufgabe unterzog, seine laut gesprochenen Beobachtungen niederzuschreiben, aber er hatte Notizbuch und Griffel bereitgelegt und würde einfach abwechselnd den Leichnam untersuchen und die Resultate niederschreiben.
Er hatte nicht nach von Brempts Alter gefragt, aber der vor ihm ausgebreitete Körper konnte nicht älter als Mitte dreißig sein. Annähernd sechs Fuß groß, hatte die vormals zweifellos schlanke und athletische Gestalt an Fülle zugelegt, jedoch nicht im Übermaß. Wäre er von Brempt vor der Unglücksnacht begegnet, so dachte Ulrich, er hätte den Kaufmann zweifellos als eindrucksvolle Erscheinung wahrgenommen.
Die Augen des Toten waren friedlich geschlossen. Vorsichtig bewegte er ein Lid soweit, dass er einen Blick auf Iris und Augapfel werfen konnte. Anschließend vermochte er mit einiger Mühe Zunge und Mundhöhle einzusehen. Er fand keine Verfärbungen oder Schwellungen, wie sie von mancherlei Giften hervorgerufen werden, noch bemerkte er andere Eigentümlichkeiten.
Die Haut hatte im Ganzen jene unnatürlich helle, fast weiße Färbung angenommen, die sich üblicherweise mit dem Ableben einstellte und erst viele Stunden später, wenn die Totenstarre wieder ganz gewichen war, von einem wachsweichen fahlen Gelbton abgelöst wurde.
Jedoch herrschte dieser helle Hautton nicht überall vor. Nachdem das Herz zu schlagen aufgehört hatte, bildeten sich durch das Absinken des Blutes am Leichnam Totenflecke aus. Statt der üblichen blauvioletten Verfärbung erschien die Haut hier an den betroffenen Stellen in einem stumpfen Rotton, aber Ulrich glaubte sich zu erinnern, dass eine kalte Umgebung diese Änderung bewirken konnte.
So war es nicht die Farbe, wohl aber die Art, wie die Flecke am Körper verteilt waren, die ihm ganz und gar ungewöhnlich dünkte. Während der Rumpf im Ganzen fast fleckenlos weiß erschien, waren Arme und Beine übermäßig betroffen, wobei er fast keinen Unterschied zwischen Vorder-und Rückseite feststellen konnte. Am Kopf waren vor allem Nase, Stirn, die Augenhöhlen und, so weit unter dem Haaransatz erkennbar, die obere Kopfhaut verfärbt.
Am dunkelsten aber erschienen Hände und Füße, und er notierte in lateinischen Stichworten, dass die Livores mortis sich distal häuften.
Nachdem er den Leichnam mit einiger Mühe auf die Seite gewälzt hatte, vermochte er einen Blick auf dessen Unterseite zu werfen: Auch an Schulter und Gesäß erschien die Haut fleckenlos weiß.
Daraus ließ sich schließen, dass von Brempt vermutlich auf dem Rücken liegend gestorben war oder wenigstens, dass er nach dem Tod längere Zeit in solcher Haltung dagelegen hatte, denn wo der Leichnam mit vollem Gewicht auf dem Untergrund ruhte, wurden alle Körpersäfte weggedrückt, und entsprechend konnte auch das Blut dort nicht mehr in die Haut austreten.
Etwas an dieser glatten weißen Haut dünkte ihn jedoch eigenartig, ohne dass er sogleich benennen konnte, was seinen Argwohn geweckt hätte. Er grübelte eine Zeit lang, ohne recht zu einem Ergebnis zu kommen und gestand sich endlich ein, alles sei normal. Doch kaum dass er dies in Gedanken ausgesprochen hatte, wurde es ihm bewusst, dass eben hierin das Eigentümliche lag.
Von Brempt sollte die Fleetbrücke hinab auf das Eis gestürzt sein, doch wo waren die Hinterlassenschaften eines solchen Sturzes? Ob an Becken, Schultern, Arm oder Bein: Nirgendwo schien die Haut abgeschürft oder geschwollen und verfärbt, wie es doch beinahe unvermeidlich geschah, wenn jemand einen schweren Sturz erlitten hatte. Streckte ein im Fall befindlicher Mensch nicht unwillkürlich die Arme aus, in dem Bemühen sich irgendwie abzufangen? Und doch bemerkte er weder Spuren einer Verstauchung noch gar Anzeichen dafür, dass Glieder gebrochen waren.
Wenn er die üblichen Veränderungen, denen jeder Leichnam unterworfen war, außer Acht ließ, so wirkte der ganze Körper nahezu unversehrt. Ulrich notierte nur drei kleine, eng begrenzte Blutmale unter der Haut des linken Handgelenks, deren Ursache er sich nicht recht erklären konnte, die andererseits aber auch nicht von der Gewalt eines Sturzes zeugten. Auch Hals und Nacken zeigten keine blutunterlaufenen Schwellungen, das Genick konnte keinesfalls gebrochen sein.
Allein am Hinterhaupt, etwa zwischen der Schädelmitte und dem rechten Ohr, klaffte jene Verwundung, die den Tod herbeigeführt haben musste. Er rückte beide Kerzenleuchter und seine Handlaterne so weit an des Kaufmanns Kopf heran, wie es möglich war, ohne dass er selbst geblendet wurde. Ausgetretenes Blut war in das dichte Haupthaar gesickert und hatte die Strähnen stellenweise zu schwärzlichen Klumpen verklebt, so dass ihm der Blick auf die darunter liegende Kopfhaut verwehrt wurde. Er tränkte ein Tuch mit Wasser aus der Schüssel, beträufelte die Klumpen wieder und wieder, um das Haar anschließend mit Hilfe einer kleinen Bürste, die er seinem Ranzen entnommen hatte, soweit zu lösen, dass er es auseinander streichen konnte. Schließlich glaubte er, Ausdehnung und Art der Kopfwunde erfassen zu können, und notierte mit rascher Hand die vor seinem Auge sichtbaren Einzelheiten.
Der Schädelknochen war auf gut zwei Zoll Länge und etwa in gleicher Breite zertrümmert und eingedrückt, jedoch war kein tiefes Loch entstanden, wie es etwa nach einem mit spitzer Waffe geführten Hieb der Fall gewesen wäre. Mit einer Pinzette ertastete er größere und kleinere Knochensplitter, die in der Wunde obenauf verblieben waren. Es war offensichtlich, dass der Kopf einen ganz und gar stumpfen, jedoch mit tödlicher Wucht auftreffenden Schlag erlitten hatte.
Die Wunde selbst sprach nicht gegen einen Sturz, doch fand er ihre Lage am Schädel eigenartig. Er versuchte sich verschiedene Arten vorzustellen, von einer Fleetbrücke zu stürzen, aber es gelang ihm nicht gut, und in den Bildern, die er heraufbeschwor, ruderte der Fallende stets verzweifelt mit den Armen und Beinen.
Aufflackerndes Licht riss ihn aus seinen Überlegungen. Wie um das Ende der Untersuchung anzumahnen, erlosch gleich darauf eine der bereits tief herabgebrannten Kerzen im Raum. Es war Zeit, die Beschau zu beenden. Den Körper wieder auf den Rücken zu wälzen, erwies sich als einfach. Er begann gerade seine Utensilien einzusammeln, als ihm einfiel, es könne vielleicht hilfreich sein, auch das in der Ecke abgelegte Kleiderbündel in Augenschein zu nehmen.
Doktor Winckel oder seine Helfer musste es Mühe bereitet haben, den Körper inmitten der Totenstarre zu entkleiden, wie er einer völlig zerrissenen Ärmelnaht am Gehrock entnehmen konnte. Beinkleid und Mantel des Toten waren feucht und klamm und überaus schmutzig. Breite, schwarze Schlieren zeichneten sich an Wollstoff und Leinen ab, und Ulrich fragte sich, warum die Soldaten den Leichnam achtlos durch allerlei Unrat geschleift hatten, ehe sie ihn auf ihre Bahre luden. Am Mantel waren selbst die Haare des gewiss kostbaren Pelzkragens schlammgetränkt und dadurch büschelweise verklebt.
Als er die umgeschlagene Innenseite des Kragens betastete, erfasste seine Hand modrige, dunkle Erdklumpen, vermischt mit kleinen Stein-chen, Blättern und Gras. Er wollte die Hand gerade wieder säubern, als ihm der Gedanke kam, wie doch selbst dieser Unrat von den Kleidern des Toten auf seine Weise eine Spur des nächtlichen Geschehens darstellte, welches den Ratsherrn ereilt hatte. Und da er mehr denn je den Wunsch verspürte, die Umstände dieses Todes zu verstehen, und diese Spur, wie er sich weiter sagte, eine solche war, die er endlich gar mitnehmen und in aller Ruhe zuhause betrachten konnte, so füllte er kurzerhand Proben des Schmutzes in zwei der vielen mit Stopfen verschließbaren Gläschen, wie sie in seinem Ranzen zu finden waren.
Gewiss, eine über Fragen der Medizin hinausgehende Untersuchung der Todesumstände gehörte nicht mehr zu seinen Aufgaben, doch er hatte das ungute Gefühl, dass sie am Ende niemandes Aufgabe sein würde, und der Gedanke verdross ihn.
Ulrich schätzte, dass er inzwischen eine knappe halbe Stunde mit der Untersuchung verbracht hatte: Es war nun Zeit aufzubrechen. Er löschte die bereits bedenklich flackernde Kerze auf dem zweiten Leuchter und trat einen Schritt zurück, seine Tasche aufzunehmen, doch ohne den Kerzenschein verschätzte er sich. Sein Fuß stieß mit einer unbedachten Bewegung die abgestellte Laterne um, und das letzte Licht in der Kammer erlosch. Er murmelte eine Verwünschung, kniete vorsichtig nieder und tastete mit der freien Hand über den Boden, bis er das warme Gehäuse aus Glas und Schmiedeeisen fühlte. Er dachte, wie doch das menschliche Auge allzu träge war für den plötzlichen Wechsel vom Licht zur Dunkelheit: Einige lange Augenblicke glaubte er noch den Widerschein des längst erloschenen Kerzenlichts zu sehen, ehe er das volle Ausmaß der Schwärze um sich herum wahrnahm. Er war eben im Begriff aufzustehen, als ihm zu Bewusstsein kam, dass etwas nicht stimmte. Die Finsternis hätte nun vollständig sein müssen, doch zu seinem Erstaunen war sie es nicht. Schemenhafte, fremdartig wirkende Konturen schälten sich aus dem Nichts. Unsicher blickte Ulrich zurück in Richtung der Tür. Ganz schwach zeichnete sich der Spalt zwischen ihrer Unterkante und dem Steinboden ab, doch der spärliche Widerschein des Gewölbes, der hindurch gelangte, reichte kaum einen Fuß weit in die Kammer und ringsum war nichts als lichtlose Schwärze. Der fahle Schimmer, den er wahrnahm, konnte nicht von dort herrühren, er verbreitete sich vielmehr direkt vor ihm, wie er nun feststellte. In einem kalten, grünlichen Schein erhoben sich schwache Formen aus der Dunkelheit und nahmen die Gestalt einer ausgestreckten Hand und schließlich eines ganzen Unterarms an.
Der Schrecken durchfuhr ihn so ruckartig, dass er sich nach hinten abstützen musste, wo seine Hand schmerzhaft in die noch immer heiße Laterne fasste. Längst verdrängte Schauergeschichten aus seiner Kindheit, in denen dämonische Gestalten aus einem nebelhaften Licht hervorlugten, stürmten auf ihn ein und verbreiteten eine Welle von Angst.
Er hätte rufen mögen, aber es war, als hielte die Erscheinung nicht nur seinen Blick sondern alle seine anderen Sinne gefangen. Er kauerte stumm und unbeweglich, wie in stiller Anbetung dieses Lichts, das so plötzlich und unerwartet aus der Finsternis gekrochen war.
Er zwang sich, ruhiger zu atmen und das Unwirkliche zu hinterfragen. Es gab keine Dämonen. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Das fahle Licht blieb.
Er schloss sie erneut, diesmal für einige Sekunden, doch augenblicklich kehrte der Lichtschimmer zurück, als seine Lider sich hoben.
Er stand vorsichtig auf, löste seinen Blick von der Hand des Toten und bewegte sich mit großer Vorsicht zwei Schritte zum Kopfende hin. Der Lichtschimmer reichte nicht bis dorthin. Er ging zurück, tat zwei Schritte auf das Fußende zu und hatte das gleiche Erlebnis.
Allein sich zu bewegen und zu beobachten hatte gut getan. Der Schauder über das Unbekannte war verflogen, und er folgte jetzt einfach seinem Begehren, mehr zu erfahren, und zu verstehen, was hier in der Kammer vor sich ging.
Das Licht schien wahrhaftig seinen Ursprung von der Hand des Toten zu nehmen. Er führte seine Rechte nahe an die des Leichnams heran und vermochte in dem grünlichen Schein seine eigenen Finger so gut zu erkennen wie die des Toten. Die Haut fühlte sich, dort wo es schimmerte, ebenso kalt an wie anderswo, das Licht verbreitete anscheinend keine Wärme. Er begann, einzelne Finger der Totenhand mit einem Tuch abzudecken, und beobachtete, wie sich der Eindruck veränderte. Schließlich fand er, dass Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger als eigentliche Quelle der Erscheinung anzusehen seien, oder wenigstens hatten diese Glieder den Hauptanteil daran.
Die Dunkelheit ringsumher und das unwirkliche Licht vor seinen Augen verbreiteten eine seltsam entrückte Stimmung, in die er einzusinken begann, während sein Verstand das gerade Erlebte zu begreifen suchte.
Jäh fiel ihm ein, dass seine Entdeckung so befremdlich war, dass niemand von außerhalb sie ihm glauben würde. Er brauchte ein zweites Augenpaar, das sie bezeugen konnte, und er wusste nur einen Zeugen, von dem er sich wünschte, er wäre hier, um zu schauen, was er geschaut hatte.
Er stand auf, bezwang sich, langsam tastend zu gehen, um nicht aufs Neue zu stolpern, erreichte den Ausgang und öffnete die Tür. Die beiden Soldaten kauerten nach wie vor am gleichen Ort, und auch der Stiefelberg zwischen ihnen schien kaum verändert. Ulrich bat einen der beiden, sich rasch zu Hauptmann van Horns Stube zu begeben, und Hermann Lengsdorp noch einmal zu ihm zu bitten. Er hoffte inständig, der Kaufmann möge noch nicht gegangen sein, und verwünschte die Zeit, die er, in Gedanken brütend, allein in der Kammer verbracht hatte, ohne an das Naheliegende zu denken. Der Mann tat wie geheißen, und Ulrich nutzte die Wartezeit, um mit Hilfe des anderen Soldaten die erloschene Kerze in der Handlaterne neu zu entzünden. Dann erblickte er eine wohlgekleidete, vertraut aussehende Gestalt, die auf sie zu kam: Es war Lengsdorp, der sich sofort aufgemacht hatte und unterwegs gar Ulrichs Boten enteilt war. Hesenius bat seinen Auftraggeber, ihn in die Kammer zu begleiten, schloss die Tür und führte ihn vor den Toten.
„Was ich Euch zu zeigen habe, bedarf der Dunkelheit“ erklärte er und löschte sodann ohne weitere Vorrede das Licht. Die Finsternis umfing sie beide und entzog Ulrich allen fragenden Blicken des anderen.
„Wartet bitte einige Augenblicke und richtet eure Augen dabei einfach nur dorthin, wo Ihr im Laternenlicht die Hand eures toten Freundes erblicktet“, bat Ulrich.
Er hörte den anderen seufzend atmen, gleich darauf vernahm er ein Räuspern, dann aber folgte der Ausruf des Erstaunens, den er erwartet hatte.
„Was ist es?“ Die Frage kam flüsternd.
„Ich weiß es nicht“, bekannte Ulrich. Er vermochte jetzt im Widerschein des Lichts die Gesichtszüge Lengsdorps zu erkennen, der gebannt auf die Knie gesunken war, das Wunder aus der Nähe zu betrachten, und der nun zaghaft begann, die schimmernde Haut zu betasten. Doch sprang er im nächsten Augenblick so plötzlich auf, als hätte er unerwarteten Schmerz erlitten. Hastig keuchend wich er mehrere Schritte zurück, und als er zu sprechen begann, war die sonst so sichere Stimme mit Furcht beladen.
„Meint Ihr nicht, dass es, dass es … Verbreitung finden könnte?“
Ulrich verstand. Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Habt keine Angst! Was immer es sein mag, dieses Leuchten stellt keine Krankheit dar, die den Tod eures Freundes bewirkt hätte. Er starb, weil etwas seinen Schädel zertrümmerte. Eure Ärzte werden dies ebenso festgestellt haben wie ich selbst.“
Ulrich trat selbst nah an den Arm des Toten heran.
„Seht her“, sagte er und stellte befriedigt fest, dass Lengsdorp seinem Urteil offenbar vertraute, denn dieser hatte sich ebenso rasch wieder gefangen, wie er zuvor von Unruhe gepackt worden war, und beugte sich neuerlich ohne Scheu über die ausgestreckte Hand.
„Ihr werdet bei genauer Betrachtung feststellen, dass der Lichtschimmer seinen Ausgang vom Daumen und von diesen beiden Fingern nimmt, ja mehr noch von den Kuppen dieser Glieder, und mir scheint, dass dies keinen Zufall darstellt!“
„Was meint Ihr?“
„Ich meine, dass von Brempt vor seinem Tod etwas sehr kleines, leuchtendes … nun, was auch immer – ich will sagen, er könnte etwas zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten haben, etwa so“, sagte Ulrich und dabei führte er die Bewegung mit der Rechten aus, wobei ein Zoll Luft zwischen seinen Fingern verblieb, was gleichsam ein Bröckchen von jenem Unbekannten darstellte, das er zu beschreiben suchte: „Stellt Euch irgendetwas vor, das auf unerhörte Art leuchtet. Und ferner wollen wir annehmen, dieses Leuchten hätte sich, allein, indem es auf die beschriebene Weise angefasst wurde, an den besagten Stellen der Haut abgedrückt, nicht viel anders, als wenn jemand von uns unbedacht ein undichtes Tintenfass zur Hand nähme, so dass sich umgehend die Finger schwarz färben.“
Er sah Erstaunen aber auch Zustimmung in den Augen des anderen.
„Habt Ihr von einer solchen Begebenheit schon einmal gehört?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, … oder vielleicht, … ich hörte von einem Gerücht, wonach Boyle in Oxford einen edlen Stein besitzen soll, welcher bisweilen auf eine seltsame Art zu leuchten vermag. Aber ich habe nie vernommen, dass derlei Kraft sich auf die Haut eines Menschen übertragen hätte. Alles in allem muss ich Euch gestehen, dass ich in dieser Begebenheit nicht mehr als bloße Vermutungen zum Besten gebe. Doch sollte ich recht haben, so würde es uns vielleicht möglich sein, den Lichtschimmer wieder von der Haut abzuwaschen. ohnehin scheint mir, das Geheimnis, welches wir beide gerade gesehen haben, sollte tunlichst keine Verbreitung erfahren. Die Leute fürchten sich vor den Dingen, die sie nicht verstehen, und sehen alsbald Teufelskünste am Werk. Es möchte euren Freund am Ende übel beleumden, sollten sich Gerüchte verbreiten von einem höllischen Licht, welches seinem Körper anhaftete.“
Falls Lengsdorp noch Unschlüssigkeit und Zweifel in sich getragen hatte, so bewirkte allein die letzte von Ulrichs Überlegungen, dass diese verflogen.
„Was kann ich tun?“, fragte er, wie jemand, der Unterweisung von seinem Lehrer erhofft.
„Vorerst versucht bitte einfach nur eine Schüssel mit guter Seifenlauge und eine Bürste zu besorgen. Derweil werde ich während eurer Abwesenheit versuchen, ob sich nicht wenigstens eine kleine Probe des Schimmers von den Fingerkuppen abnehmen und aufbewahren lässt.“
Lengsdorp drückte nur kurz seinen Arm, sein Einverständnis zu signalisieren. Vor der Türe angelangt stellte Ulrich mit Erleichterung fest, dass die wortkarge Ergebenheit der beiden Soldaten im Gewölbe durch nichts zu erschüttern war.
Weder schienen sie sich darüber zu wundern, dass die Herren ein weiteres Mal das Licht ihrer Laterne verlöschen ließen, noch zeichnete sich eine Spur fragender Neugier in den Gesichtern ab, derweil einer von ihnen mit Lengsdorp auszog, die Lauge heranzuschaffen.
Im Licht der neu entzündeten Laterne mühte Ulrich sich wenig später mit einem kleinen Schaber, dessen Metallblatt einer stumpfen Schneide gleichkam, eine winzige Spur des nunmehr freilich wieder gänzlich unsichtbaren Lichtschimmers von den Fingern abzulösen und in einem weiteren seiner Gläschen aufzufangen. Er tat dies mit größter Vorsicht, da die Haut spürbar bereits alle elastische Spannkraft, wie man sie vom lebenden Gewebe gewohnt ist, verloren hatte.
Der Ertrag war am Ende kaum auszumachen. Hätte er nicht mit einem scharfen Skalpell noch etwas von den Fingernägeln abschneiden können, so mochte man ebenso glauben, das frisch verschlossene Glas in seiner Hand sei leer, doch war Ulrich sicher, dass er einige Hautschuppen hatte gewinnen können.
Es klopfte an der Tür, und gleich darauf trat Lengsdorp wieder in die Kammer, einen grob gearbeiteten Holzeimer vor sich her schleppend. Etwas von der hellgrau gefärbten, leicht dampfenden Lauge darin spritzte über den Steinboden, als er ihn absetzte und so weit zurecht schob, dass Ulrich mit der Waschung beginnen konnte. Die obenauf schwimmende Bürste war allerdings derart groß und klobig, dass sie nicht zu gebrauchen war. Bald hatte er seine kleine Taschenbürste wieder hervorgekramt, die für ihr Ansinnen weit besser geeignet schien. Es war die wohl seltsamste Waschung, die man sich vorstellen konnte, da sie bei Lichte besehen als überflüssiges Possenspiel erscheinen mochte. Weder war die Hand schmutzig, noch wollte sich durch das Waschen überhaupt eine sichtbare Veränderung einstellen.
Nach einigen Minuten in denen er die Finger wieder und wieder eingeseift und gestriegelt hatte, entbot sich Lengsdorp, ihn ablösen, doch Ulrich fand, dass die Haut unter der Behandlung, die er ihr angedeihen ließ, bereits gelitten hatte, und er fürchtete, sie möchte stellenweise endlich vom Fleisch reißen, und so erklärte er, dass sie es stattdessen wagen wollten, ein weiteres Mal das Laternenlicht auszublasen, denn ob seine Bemühungen den erhofften Erfolg erzielt hatten oder nicht, konnte allein die Dunkelheit ihnen verraten.
Als die Nachtschwärze sie ein weiteres Mal umfing, verspürte er den pochenden Herzschlag in seiner Brust. Er hörte die Atemzüge des anderen, der jetzt ebenso angestrengt in die Schwärze starrte wie er selbst, und hielt unwillkürlich seinen eigenen Atem an, als vermöchte dies seine Sinne zu schärfen.
Nichts.
Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und wartete, wie er es in den beiden Malen zuvor getan hatte. Die Finsternis blieb unverändert. Sein Herz schlug jetzt langsamer, eine Welle der Zuversicht breitete sich in seinem Körper aus.
„Es ist verschwunden“, flüsterte Lengsdorp schließlich.
Ja, das rätselhafte, schimmernde Licht war von dem Toten gewichen. Wenn sie später von Brempts Leichnam herrichteten und ihn ins Totenhemd kleideten, so würde niemand mehr eine Spur dessen entdecken, was sie beide gesehen hatten, und er wusste, das war gut so.
Als Lengsdorp sich einige Minuten darauf von ihm verabschiedete, hatte sein Gesicht das einnehmende Lächeln wiedergefunden, mit dem er Ulrich gut zwei Stunden zuvor begrüßt hatte, und dies obwohl ihn der ungewollt lange Aufenthalt im Zeughaus, wie er erklärte, um eine recht bedeutsame Unterredung an anderer Stelle gebracht hatte. Sie verabschiedeten einander mit einem herzlichen Händedruck und Ulrich versprach, seinen Bericht zügig niederzuschreiben und dafür Sorge zu tragen, dass er dem Kaufmann so schnell wie möglich übereignet werde. Als Lengsdorp das Eingangsportal durchschritt, schien ihm noch etwas eingefallen zu sein, da er inmitten der Bewegung innehielt und sich ein letztes Mal umwandte.
„Hesenius?“
Ulrich blickte fragend in des anderen Gesicht. Nun, da auch für ihn eine Sache ausgestanden war, trat die Müdigkeit darin umso deutlicher hervor.
„Ihr habt Euch klug und besonnen verhalten. Ich bin sehr froh, dass ich Euch begegnet bin“, sagte Lengsdorp. Dann drehte er sich um und schritt hinaus durch das Tor.
__________
* Die Lebenden heilt unsere Kunst, nicht die Toten!
* Die Toten lehren uns, lebendig zu begreifen.

3. Kapitel
Worin die Ungereimtheiten kein Ende nehmen wollenund schließlich alles zu Papier gebracht wird,worin Ulrich ferner bedeutenden Herren die Augen öffnetund diese darüber einen bedeutsamen Beschluss fassen.
Wenngleich seine Aufgabe hier nun eigentlich beendet war und die Aussicht, einen ausführlichen Bericht über seine Untersuchung schreiben zu müssen, Grund genug gewesen wäre, sich auf den Heimweg zu begeben, beschloss Ulrich für sich, noch einmal Hauptmann van Horn aufzusuchen, von dem er sich eine besondere Auskunft erhoffte. Diesmal war es ein Leichtes, zur Offiziersstube zu gelangen, wo er einen jungen Burschen bat, ihn anzumelden. Fast unverzüglich durfte er eintreten. Van Horn empfing ihn mit wohlwollendem Lächeln. Er schien die Anwesenheit des jungen Gelehrten, wie er Ulrich zu nennen pflegte, weiterhin als willkommene Bereicherung dieses Tages zu sehen. Er saß entspannt hinter einem mit Karten und großformatigen Büchern bedeckten Tisch. Das Wams zur größeren Bequemlichkeit halb aufgeknöpft, wirkte er gleichwohl auch jetzt schneidig und elegant. Ulrich hatte den Eindruck, dass ein beträchtlicher Teil des Solds der Offiziere in den Taschen von Barbieren, Schneidern, Schuhmachern und Sattlern der Stadt landen müsse.
„Ah, unser junger Gelehrter hat noch etwas auf dem Herzen. Sprecht nur rundheraus“, sagte er lächelnd.
„Hauptmann, sollte es wohl möglich sein, einen der Männer zu befragen, die vergangene Nacht des Ratsherrn Leichnam hierher gebracht haben?“
Van Horn schlug zur Antwort einen schweren Lederband auf, blätterte zu einer bestimmten Seite und fuhr mit dem Finger über die dort eingetragenen Zeilen.
„Lasst sehen: Mönning, Kruse und … ah, ja, der alte Krayenbrink: An den wollen wir uns halten. Die beiden anderen sind, fürchte ich, so mundfaul, dass wir statt ihrer ebenso gut einen Ochsen befragen könnten.“ Er lachte über seinen eigenen Witz, läutete eine Schelle auf seinem Tisch und trug dem eintretenden Burschen auf, den von ihm ausgesuchten Mann herbeizubringen.




