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Furcht und Scheu waren die ersten Empfindungen, die er ihr damals entgegenbrachte, an jenem Tag, als Johann Hesenius mit der ihm fremden Frau nach Hause zurückkehrte, und da seine Kinderseele sogleich zu spüren meinte, wie sie hinter ihren anfangs freundlichen Worten doch ganz anders über ihn dachte, verschloss er sich ihrem falschen Werben. Er gewöhnte sich an, sie zu strafen, indem er so wenig wie möglich mit ihr sprach, und brachte es zur Meisterschaft darin, ihre Fragen an ihn einfach zu überhören. Wenn es nicht zu vermeiden war, antwortete er unwillig, schüttelte aber meist nur den Kopf oder sprach die Worte doch wenigstens in Richtung des Vaters statt in ihre, als bedeute es zuviel Anstrengung, auf ihr drängendes Fragespiel einzugehen und sie zugleich anzublicken.
So lautete bald ihre Klage an Johann Hesenius, dass der Junge in jeder Hinsicht verstockt sei und seiner neuen Mutter in tausend Kleinigkeiten Verdruss zu bereitete. Jede neue Klage, die sie erhob, nährte seine Gewissheit, dass sie ihn im Grunde ihres Herzens hasste, und es war daher für ihn keine Frage, dass er recht daran tat, ihre Gefühle in gleicher Weise zu erwidern.
Als sie die ersten eigenen Kinder gebar, wurde es leichter für ihn, sich abzusondern, und dass seine Halbbrüder bald jene aufrichtige Zuneigung und Aufmerksamkeit von ihr erfuhren, die er selbst entbehrte, nahm er als Auszeichnung.
Johann Hesenius ertrug diesen Zwist in stillem Kummer. Früh hatte er die Hoffnung auf eine Besserung zwischen ihnen beiden aufgegeben. Bisweilen wies er seine Frau zurecht, wenn sie sich in Zorn geredet hatte, häufiger jedoch sah Ulrich sich gezwungen, Abbitte zu leisten, wenn er es an Respekt hatte fehlen lassen.
In den Jahren, da er die Kindheit hinter sich ließ und anfing, mit großen, staunenden Augen die Welt zu erkunden, war er wenigstens an schlimmen Tagen überzeugt, dass es auf dem Erdball keinen Menschen geben könne, den er mehr hasste als die Frau, die sich selbst vor anderen seine Mutter nannte. Als er endlich soweit herangewachsen war, dass sie zurückscheute, die Hand gegen ihn zu erheben, war er bereits besonnener in seinen Ansichten. Das Gefühl, dass er ihr im Grunde einfaches Wesen und ihre ewig gleichen Ränke gegen ihn leicht durchschauen konnte, stimmte ihn insoweit milde. Seit damals beließ er es dabei, dass er einfach verdeckten Spott in seine Rede einfließen ließ, wenn sie ihm Vorhaltungen machte.
Er wusste, dass die Liebe des Vaters zu ihr nicht tief war, doch die Verbindung mit Tilda aus der Lübecker Kaufmannsfamilie Hoop war nützlich und gut, und vor allem hatte sie ihm die Söhne geschenkt, die das Geschäft eines Tages übernehmen und fortführen würden. Im Grunde hätten Dietrich und der junge Johann ihm dankbar sein müssen, dass er, Ulrich, sich so früh von solchen Aussichten losgesagt und seinen angestammten Platz geräumt hatte, doch auch jetzt, da die Brüder ihm nach dem Erlebnis der Familienreise wieder gegenüber standen, maßen sie ihn mit jenem finsteren, abschätzigen Blick, den sie der Mutter abgeschaut hatten.
Sie tauschten keine falschen Umarmungen, aber er begrüßte Tilda mit der gebotenen Höflichkeit. Sie war bis auf ihr langes hellblondes Haar, das sie stets tadellos gekämmt und geflochten trug, vielleicht nicht als Erstes schön zu nennen, aber sie wirkte noch jung, war kräftig und gesund anzuschauen. Auch jetzt stand sie wie selbstverständlich im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, verteilte kleine Geschenke, richtete ihrem Gatten den Hemdkragen neu und erteilte zwischendurch Anweisungen an Ursel, ihre Magd, und an einen Diener, der die Reisenden wohl von Lübeck her begleitet hatte und den er nicht kannte.
Mehr als um alle anderen, die sich nun in der großen Halle drängten, war es Ulrich aber um eine kleine Gestalt zu tun, die sichtlich verloren dabei stand. Anders als ihre Brüder war Katharina, die Jüngste, bösen Einflüsterungen gegen ihn nicht zugänglich: Freudestrahlend ließ sie sich hochheben und küssen und freute sich, dass sie einen Zuhörer ganz für sich hatte, dem sie von ihrer wundersamen, zweitägigen Schlittenfahrt erzählen konnte. Es war am Ende die einzig schöne Erinnerung, die er von diesem Abend im Kontor mitnahm.
Die restlichen Tage der Woche dünkten ihn so eintönig, dass ihn unbewusst das Gefühl überkam, sein vorheriges Erlebnis müsse auf Einbildung beruhen. Es waren kleinere Dinge, die daran erinnerten, dass an diesem Tag im Gewölbe des Neuen Zeughauses wahrhaftig etwas Ungewöhnliches in sein Leben getreten war: Ein kurzes Dankschreiben von Hermann Lengsdorp traf ein für seine Berichte, und dann war da der Umstand, dass allenthalben in der Stadt über den ganz unerwartet verstorbenen Heinrich von Brempt gesprochen wurde. Die Neuigkeit war angereichert mit dem, was man über den großen Reichtum des Ratsherrn gehört hatte, oder man sprach von der jungen Witwe des Mannes, die, wie einige wussten, aus Venedig stammte. Als schließlich die Beerdigung anstand, sah man in St. Nikolai einen schier endlos langen Trauerzug. Alle hohen Herren und ihre Familien hatten sich eingefunden, um dem Gottesdienst beizuwohnen, und wer nicht zu den Bekannten und Freunden gehörte, wollte wenigstens dabei sein, um einen Blick auf den so schön geschmückten Sarg zu werfen.
Nach diesem Ereignis war es Sonntag geworden, und es gehörte zu den Freuden seiner Tante, dass er sie zur morgendlichen Messe begleitete. Er tat es ihr zu Gefallen, nicht etwa, weil er die Predigten übermäßig schätzte, die Caspar Mauritius von der Kanzel unter das Kirchenvolk ausschickte. Für die Zeit, da Elsbeth auf seinen Arm gestützt ging und er sie nach St. Jacobi zu ihrem Platz führte, war es für sie beinahe, als habe das Leben ihr verspätet doch noch zu einem Sohn verholfen. Der Pastor empfahl die Seele des verstorbenen Ratsherrn der göttlichen Gnade, und Ulrich dachte, wie bestenfalls eine Handvoll Leute nach seinem Bericht sich Gedanken anderer Art über diesen Tod machte. Er nahm innerlich Abschied von dem rätselhaften Aussehen des Leichnams und von dem noch rätselhafteren kalten Licht, bei dessen Anblick das versammelte Kirchenvolk wohl einen Teufelsspuk ausgemacht hätte.
Die jungen Leute hatten sich den Sonntagnachmittag zur Zerstreuung und allerlei fröhlichem Zeitvertreib eingerichtet, und es tat ihm gut, mit Agnes und Gerdt Freunde zu besuchen. Einige aus der geselligen Runde, die so zusammenkam, waren im gleichen Alter und er kannte sie zum Teil noch aus Kindertagen. Seine Tante setzte sogar gewisse Hoffnungen in diese Zusammenkünfte und wurde nicht müde, Ulrich zu schildern, wie vorzüglich fromm und tüchtig vor allen anderen jungen Frauen doch Gundel sei, eine der Töchter der befreundeten Familie Engelbrecht. Aber wenn Ulrich sich ihre Aufmerksamkeiten und ihr helles Lachen auch gerne gefallen ließ, so war es ihm doch nicht bedeutender als das anderer hübscher Mädchen, und keinesfalls kam ihm der Gedanke, er könne um ihretwillen für immer in Hamburg verweilen.
Die neue Woche begann für ihn nicht weniger trübe und eintönig, als die alte geendet hatte, doch am Morgen des folgenden Tages fand er alles seltsam verändert. Kaum hatte er das Kontor betreten, wurde er auch schon von Tilda aufgehalten, was für gewöhnlich der Auftakt für eine ihrer langen Belehrungen darstellte, die, wie sie wohl wusste, ihm zuwider waren. Diesmal jedoch teilte sie ihm in einem langen Wortschwall mit, dass am Abend vorher noch ein amtliches Schreiben für ihn eingetroffen und hinterlegt sei. Nachdem sie zu Ende geredet hatte, ließ sie sich diesen Brief, um die Angelegenheit noch bedeutsamer zu gestalten, umständlich vom alten Harm reichen, bevor sie ihn endlich aushändigte.
Das Siegel der Hansestadt war Ulrich bereits vertraut. Er entfaltete den Bogen und überflog rasch, was darauf geschrieben stand. Die Zeilen verhießen eine Wendung der Dinge, mit der er nicht gerechnet hatte, und plötzlich ahnte er, dass mehr darin sein mochte als nur, dass sich das Geschehen des heutigen Tages für ihn änderte. Ein Seefahrer, der auf ein unbekanntes Eiland zu steuerte ohne rechte Kenntnis von den Untiefen und Strömungen vor Ort, mochte sich ähnlich fühlen wie er in diesem Augenblick.
Soviel stand fest, dass man seinen Bericht über den Leichnam von Brempts gelesen hatte, und hohe Würdenträger im Rathaus baten ihn nun umgehend zu einer vertraulichen Sitzung, damit er ihnen auf ihre Fragen antworte.
Seiner Stiefmutter stand die Neugier ins Gesicht geschrieben. Zu anderen Zeiten hätte ihn dies nur gereizt, alles vor ihr zu verbergen, aber er war milde gestimmt und verriet zwar nicht eben viel, gab aber wahrheitsgemäß an, dass er einigen Herren im Rathaus seinen Totenbericht der vergangenen Woche erläutern solle.
Eigenartigerweise schien Johann Hesenius weder sonderlich überrascht, noch äußerte er Unmut, darüber, dass sein Sohn aufs Neue der Arbeit fern bleiben würde. Ulrich war hierüber froh, konnte sich seine Stimmung aber nicht recht erklären. Irgendwie war es, als sei das Band der festen Gewohnheiten, das zwischen ihnen bestand, eingerissen und etwas anderes, noch Unbestimmtes wäre an seine Stelle getreten.
Da er aufgefordert war, sogleich vorzusprechen, blieb keine Zeit, sich auf die angekündigte Befragung vorzubereiten, aber was er zum Tode von Brempts niedergeschrieben hatte, war fest in seinem Kopf verankert, dazu manches mehr, das ihn die Untersuchung gelehrt hatte.
Draußen hatte es inzwischen zu schneien begonnen, aber die Flocken fielen nicht sonderlich dicht und der bitterkalte Wind der vergangenen Tage war eingeschlafen. Bald stiefelte er vorbei am Dom, dessen Inneres in der alten Zeit vor der Reformation, wie man sich erzählte, so prachtvoll geschmückt war wie kein zweites Gotteshaus im Norden. Aber das lag weit zurück und bedeutete längst nichts mehr. Eine Kirche ohne Gemeindevolk hatte etwas Bedrückendes, wie Ulrich fand. Kleine Behausungen rankten am Kirchenschiff empor. Sie füllten allmählich jede Nische zwischen den Mauervorsprüngen, hässliche Anbauten, die wucherten wie schorfiger Pilz an der Rinde eines alten, kranken Baumes. Der Turm wenigstens erhob sich unverändert, hoch und trutzig ragte er auf wie ein steinerner Zwilling, den man St. Petri mit seiner spitzen Haube zur Seite gestellt hatte.
Am Ende des langen Straßenzugs, auf dem er unterwegs war, wurde er unerwartet aufgehalten. In einer aufgeregten Menschenmenge standen die Leute dicht an dicht und versperrten ihm den Weg. Inmitten des Rings, in dem Männer, Frauen und Kinder alles umstanden, sah man zwei Wagengespanne, die hoffnungslos ineinander verkeilt waren, wobei sich eines von beiden widernatürlich weit zur Seite neigte, als sei die Zeit für das Gefährt angehalten und kurz vor jenem Moment, da es zu Boden krachen müsse, alle Bewegung eingefroren. Der schlimme Unfall konnte nur einige Minuten zurück liegen. Aus der Menschentraube stiegen streitende Stimmen auf, Frauen trösteten ihre schluchzenden Kleinen und in das allgemeine Gemurmel mischte sich das ängstliche Schnauben und Röcheln eines verletzten Pferdes. Er mühte sich, eine Lücke zwischen den vielen Gaffern zu finden, fand mehr schlecht als recht eine Gasse, wurde zur Seite geschubst und landete kurz auf dem schneebedeckten Boden, der sich an einigen Stellen bereits schmutzig rot gefärbt hatte.
Zwischen den Beinen der Umstehenden erspähte er das gescheckte Fell eines der Zugpferde. Das Tier war gestürzt und lag hilflos auf einer Seite. Von Zeit zu Zeit zuckten seine Hinterläufe und in verzweifelter, sinnloser Anstrengung strampelten dann die Hufe. Nur Hals und Kopf, die noch im Geschirr steckten, vermochte es zu erheben, weiter reichten seine Kraft über die eigenen Gliedmaßen nicht. Blut trat aus den schwarzen Nüstern, und in den weit aufgerissenen Augen standen so viel Schmerz, Leid und Todesangst, wie eine Kreatur nur empfinden konnte. Eine Welle tiefen Mitleids stieg in ihm auf: Das Tier war dem Tod geweiht, und er hoffte nur, dass sich bald ein Soldat einfand, ihm mit der Muskete den Gnadenschuss zu geben.
Ulrich wandte sich ab und schaffte es endlich, sich aus dem Reigen der Menschen zu befreien. Er folgte ein Stück der kreuzenden Straße, hielt sich rechts und hatte bald den Platz bei dem Rathause erreicht. Zur Linken, an der Trostbrücke, lag die Börse, geradeaus vor ihm erstreckte sich hinter einem vergitterten Zaun die Front des Alten und Neuen Rathauses. Da er sich mit der Ordnung der Räume dahinter nicht auskannte, steuerte er auf gut Glück das Hauptportal an. Die Namen der 21 Kaiser, deren Standbilder die Fassade schmückten, hatte er sich einst als kleines Kind so spielend leicht gemerkt, dass Johann Hesenius nicht umhin konnte, väterlichen Stolz zu empfinden. Jetzt, da er über diese Schwelle treten sollte, empfand er leise Beklemmung, und er hoffte inständig, dass seine Zungenfertigkeit in den nächsten Stunden seinem Gedächtnis nicht nachstehen würde. Der Wachmann ließ ihn mit Blick auf das Amtssiegel seines Briefes anstandslos durch, doch in der Vordiele hieß man ihn dafür so lange zu warten, dass er am Ende fast schon nicht mehr glaubte, überhaupt vorgelassen zu werden. Endlich, als er längst müde geworden war, die Schnitzereien und Wandgemälde an den Wänden zu mustern, führte ihn einer der Bediensteten eine Treppe hinauf ins nächste Stockwerk. Auf halbem Weg begegneten sie einem jungen Burschen, fast noch ein Knabe, der oben auf einer Leiter stehend, in einer engen Nische den Wandputz säuberte oder für eine neue Bemalung vorbereitete. Hinter der Tür, auf die sie zugingen, schien eine lebhafte Debatte im Gange zu sein, denn er hörte widerstreitende Stimmen.
Dann durfte er eintreten, und Ulrich atmete ein wenig auf. Dies war nicht der große Ratssaal, in dem eine Hundertschaft von Bürgern und Kaufleuten Platz fand, sondern eine viel kleinere Stube, in der sich genau elf Herren aufhielten. Wenn es hier zuvor eine Sitzordnung gegeben hatte, so war sie jetzt, in der Pause, die gerade herrschte, aufgelöst worden. Vor den Fenstern standen die Beteiligten in kleinen Gruppen, und man unterhielt sich gerade über die verschiedensten Dinge.
In dem größeren Pulk rechts sah er Lengsdorp, der seine Zuhörer mit einem launigen Schwank erheiterte. Irgendein leichtgläubiger Trottel hatte sich nach seiner Erzählung übervorteilen lassen und Delfter Steingut zum Preis von echtem Chinaporzellan angekauft, und die Runde amüsierte sich allenthalben über so viel Unbedarftheit.
Als er Hesenius bemerkte, kam der Kaufmann mit jenem gewinnenden Lächeln auf ihn zu, dass Ulrich schon kennengelernt hatte. Lengsdorp bedankte sich, dass Ulrich so rasch erschienen war. Er lobte voll Überschwang die Gründlichkeit seines Totenberichts, wie auch die Umsicht, mit der er den Bericht über das seltsame Licht davon gelöst und ganz für sich beschrieben hatte.
Erstaunt vernahm Hesenius, wie die Ergebnisse seiner Beschau die hohen Herren in nicht geringe Aufregung und Verlegenheit gestürzt hatten und wie sie sich anschließend beraten und mehrheitlich zu dem Beschluss gekommen waren, die Angelegenheit sei hinreichend bedeutsam, sie in einem kleineren Ausschuss weiterzuverfolgen.
Außer ihnen beiden, so flüsterte Lengsdorp ihm zu, kannten in diesem Raum nur Joachim Borsfeld, dem die Wedde unterstand, und Hieronymus Schilling, der als Ältester den Ausschuss führte, auch den Sonderbericht über das seltsame Leuchten, den er, Ulrich, aufgeschrieben habe, dazu noch Nicolaus Jarre, der Bürgermeister, der jedoch seiner vielen anderen Aufgaben wegen im Ausschuss nicht zugegen war.
Da Lengsdorp seinem gelehrten jungen Freund, wie er Ulrich bisweilen zu nennen pflegte, nunmehr die wichtigsten Dinge mitgeteilt hatte, übernahm er es, ihn mit den übrigen Anwesenden bekannt zu machen. So wurde Ulrich nacheinander den Ratsherren Harderust, Bruwer, Ker-kring und Mölln vorgestellt, die alle ihren schwarzen Ornat mit dem großen Mühlsteinkragen trugen. Der Talar von Schilling war zudem mit grauem Pelz besetzt, was dem weißhaarigen Mann, der aber unverkennbar noch mitten im Leben stand, unter den in der Ratsstube Versammelten heraushob und seine natürliche Autorität und Würde unterstrich.
Moritz Rinck, ein Kaufmann, der ebenso wie Lengsdorp nicht dem Rat angehörte, jedoch wie dieser ein enger Freund des verstorbenen Heinrich von Brempt gewesen war, lächelte ihm bei der Begrüßung aufmunternd zu. Dem älteren, beleibten Borsfeld, dessen rundes Gesicht fortlaufend von Lachfältchen gerunzelt wurde, stand ein bedeutend jüngerer, desto ernster dreinblickender Adlatus zur Seite. Cunradus Haich, wie er vorgestellt wurde, versprühte für Ulrich erkennbar Ehrgeiz und den Willen, fest zuzupacken, wenn es gegeben schien. Einfache Gemüter hätten seine Erscheinung einfach als finster beschrieben. Ulrich fand sogleich, dass der andere für die Kunst des Verhörs geeignet schien wie kein Zweiter unter den Anwesenden. In dem Gesicht, das von eindrucksvoll langem Haupthaar umrahmt war, standen dichte Augenbrauen, die zudem leicht zusammengewachsen waren und überwölbten ein waches Augenpaar. Das Dunkle dieser Augen erschwerte es anderen, in ihnen zu lesen, was seinen Blick bohrend machte und ihn selbst unnahbar wirken ließ.
Lorentz Nybur, ein Rechtsgelehrter mit unbewegtem Gesicht, und Cornelis van’t Hok, eine überaus hagere, fast dürre Gestalt mit Adlernase und kräftigem Schnurrbart, vervollständigten die Runde, der er gegenüber stand. Van’t Hok, der ein Paar Augengläser trug, war als erster Schreiber in der Wedde Borsfeld und Haich unterstellt. Seine Aufgabe hier bestand denn auch darin, das Protokoll zu führen. Er notierte beinahe unentwegt, was vorgetragen wurde, versagte sich aber angesichts dieser Beschäftigung eigene Fragen zu stellen.
Die Herren nahmen nach der vorherigen Unterbrechung ihre Plätze an der großen Tafel im Raum wieder ein und während Ulrich ihnen gegenüber stand, sollte die Sitzung fortgeführt werden. Lengsdorp sprach eine kurze Einleitung, in der er hervorhob, wie in Ulrichs Bericht einige beunruhigende Dinge geschildert seien, welche sonst bei keinem der drei weiteren Ärzte Erwähnung fanden. Aus diesem Grund sei man nunmehr hier zusammengekommen, um die Angelegenheit gemeinsam weiter zu erörtern. Er bedankte sich noch einmal im Namen aller Anwesenden, dass Ulrich sich so rasch für ihre Fragen zur Verfügung gestellt hatte.
Cunradus Haich, der Hesenius seit dessen Eintritt in den Saal nicht aus den Augen gelassen hatte, richtete sich gleich zu seiner ersten Frage auf. „Zunächst würde ich gerne hören, wie Ihr eigentlich dazu kamt, über die Beschau des Toten, die Euch als einziges aufgetragen war, hinaus weitere Untersuchungen vorzunehmen, Untersuchungen, die niemand verlangt hatte und die, wie ich leider feststellen muss, zuvörderst in den Amtsbereich der Wedde fallen“, erklang sein Vorwurf.
„Ihr werdet meine Unwissenheit über die genauen Zuständigkeiten in diesen Dingen wohl nicht als Entschuldigung gelten lassen“, gab Ulrich zurück, „aber ich möchte doch darauf hinweisen, dass am Tag, an dem die Beschau vorgenommen wurde, niemand von der Wedde zugegen war, den ich hierfür hätte um Erlaubnis fragen können. Vielmehr war es so, dass der Tote in den Räumen der Stadtwache aufgebahrt lag, und da es überdies Soldaten des Regiments gewesen waren, die von Brempt gefunden hatten, schien es mir rechtens, die Erlaubnis des Hauptmanns vor Ort einzuholen, um mit einem seiner Männer noch eine weitere Erkundung vorzunehmen. Die Untersuchung der Kleider des Toten war schon allein deshalb notwendig, weil die Wundverteilung am Körper selbst schwer zu erklären war.“
Schilling schien die Richtung, in die Haich mit seiner Frage zielte, zu missbilligen und er unterbrach mit einer kurzen Handbewegung, noch ehe dieser eine weitere Anmerkung hinterherschicken konnte.
„Wir wollen hier nicht über den Eifer eines jungen Mannes richten“, tadelte er, „denn dass wir hier überhaupt in diesem Ausschuss versammelt sind, hat seine Ursache darin, dass wir für bedenkenswert halten, was aus diesem Eifer erwachsen ist. Wäre es nicht so, müsste man uns einen Haufen einfältiger Narren schimpfen, da wir darüber beraten, meint Ihr nicht?“
Haich wollte wohl etwas erwidern, aber Borsfeld flüsterte ihm einige Dinge ins Ohr, die ihren Eindruck auch nicht verfehlten, denn er blieb für diesmal stumm.
„Bei alledem“, fuhr Ulrich fort, „war es einfach mein Bestreben, über gewisse Dinge, die mir bei der Untersuchung aufgefallen waren, Klarheit zu erlangen. Wenn ich auch das meiste nicht enträtseln konnte, so fand ich umgekehrt doch Hinweise darauf, dass die Art der Verletzung und der weitere Zustand des Leichnams nicht recht mit dem angenommenen Unfallhergang übereinstimmen wollten, und ich hielt es für meine Pflicht, dies in Ausführung meiner Aufgabe mitzuteilen.“
„Nun, für mein Teil schien mir die Vermutung, von Brempt sei einfach nur von dieser Brücke gestürzt, durchaus einleuchtend. Bedenkt doch nur die Eisglätte und den kräftigen Wind in jener Nacht“, ließ sich Ratsherr Bruwer vernehmen, „Wollt Ihr, für uns alle verständlich, noch einmal erklären, warum Ihr diese allgemein verbreitete Sicht der Dinge nicht teilen wollt?“
„Da wäre zum einen die Schädelverletzung, welche den Tod herbeiführte und die ich mir nicht durch einen Sturz erklären kann“, begann Ulrich. „Wohl wurde der Schädelknochen durch einen schweren Schlag zertrümmert, die Wunde lag jedoch recht weit unten am Hinterhaupt. Wollten wir annehmen, sie sei bei einem Sturz kopfüber entstanden, wobei der Schädel als Erstes auf der Eisdecke aufprallte, so hätte dies meiner Ansicht nach einen Genickbruch zur Folge haben müssen. Der Hals war aber ganz unversehrt!“
„Könnte der Hinterkopf nicht unglücklich auf der Kante einer Eisscholle oder auf einem anderen Hindernis aufgeschlagen sein?“, wandte Schilling ein.
„Eben dieser Gedanke verfolgte mich auch, weshalb ich in Begleitung des Soldaten Krayenbrink – einem der Männer, die in der Nacht zuvor den Leichnam fanden – den Schauplatz unter der Fleetbrücke untersuchte. Er konnte sich gut erinnern, wie der Körper gerade vor der Brückenmitte auf dem Rücken gelegen hatte, und da wir an dieser Stelle das Eis vom Schnee befreiten, entdeckten wir, wie es eben dort tatsächlich von einem Riss durchzogen war. Dieser Sprung im Eis muss entstanden sein, als der fallende Körper aufprallte! Wir wissen also um die genaue Lage des Toten. Das Fleeteis dort war bis auf ein einziges Hindernis, welches herausragte, völlig glatt. Auf diesem Grat jedoch kann der Hinterkopf wiederum nicht aufgeschlagen sein, da er von Schnee bedeckt und unberührt da lag!“
Alle schwiegen hierauf und er spürte, wie sie in Gedanken den Widerspruch erwogen, den er vorgebracht hatte.
„Ihr räumt aber nach eurer Schilderung ein, dass der Ratsherr von der Mitte der Fleetbrücke stürzte?“, fragte Haich schließlich.
„Sein Körper fiel von dort oben, doch denke ich nicht, dass er unglücklich gestürzt ist!“
„Wie?“
„Als ich an jenem Abend mit dem alten Soldaten die Brücke aufsuchte, war es in der Tat mühsam, sie zu betreten, denn die Bohlen waren rutschig und …“
„Nun, Ihr sagt es doch selbst!“, fuhr Haich dazwischen, aber Ulrich ließ sich nicht beirren und fuhr fort, „ … und ich drohte beim Begehen der Brücke ebenso auszugleiten, wie es mir Stunden vorher auf der Hohen Brücke vom Hafenkai zum Schaarmarkt passiert war. Sie ist nun freilich viel länger und breiter, aber doch auf gleiche Weise bogenförmig ausgeführt, so dass ein jeder, der sie überquert, hier wie dort, erst ein Stück Weg aufwärts zu gehen hat, wohingegen man zum anderen Ufer hin auf die gleiche Weise wieder abwärts schreiten wird.“
„Ich denke, ein jeder hier im Raum weiß eine Brücke zu überqueren“, spottete Haich.
„Oh, ganz zweifellos. Ich merkte mir aber an jenem Tag besonders folgende Begebenheit: Nur so lange ich aufwärts oder mehr noch auf der anderen Seite wieder hinunter schritt, lief ich tatsächlich Gefahr zu stürzen. Nahe dem Scheitelpunkt des Brückenbogens, also auf meines Weges Mitte, konnte ich ohne Steigung oder Gefälle sicher und geschwind ausschreiten. Deshalb“, erklärte Ulrich und richtete dabei seinen Blick auf den hartnäckigsten Fragesteller im Raum, „deshalb will es mir nicht einleuchten, dass der Ratsherr ausgerechnet auf der Brückenmitte das Gleichgewicht verloren haben soll!“
„Aber der Hut“, warf Ratsherr Harderust ein, „sein Hut wurde an der gegenüberliegenden Böschung gefunden. Er wurde ihm vielleicht durch einen heftigen Windstoß vom Kopf gerissen, und als er sich vorbeugte, ihn wieder zu ergreifen …“




