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„Nein, das ist nicht gut möglich!“
Alle starrten ihn an und in ihren Blicken las er den drängenden Wunsch, dass sie erfuhren warum.
„Die Hutkrone trug an ihrer Innenseite eine Blutspur, die ohne Zweifel von der blutenden Kopfwunde herrührte. Wäre der Hut unmittelbar vor dem Sturz davon geweht, wie Ihr vorschlagt, hätte er aber völlig unbefleckt sein müssen. Er kann also erst hinterher in die Böschung geraten sein!“
Er blickte in die Gesichter der Elf, und ihre Mienen wirkten jetzt unsicher und schwankend, wenn nicht ratlos.
„Da ist noch etwas Merkwürdiges, junger Mann“, ergriff Nybur das Wort. „Wenn wir das Rätsel dieses Huts und der tödlichen Schädelwunde einmal außer Acht lassen, so schreibt Ihr in eurem Bericht, das Fehlen weiterer Wundmale am Körper spräche gegen einen tödlichen Sturz!“
„Richtig“, fiel Haich triumphierend ein, „und vorhin gerade sagtet Ihr, er sei von dort oben gefallen – wollt Ihr uns diesen Widerspruch vielleicht erklären?“
„Es ist dies nur dann ein Widerspruch, wenn wir annehmen, dass ein Lebender von dieser Brücke stürzte, ich aber denke, dass von Brempt bereits tot war, als er fiel und dass jemand anderer seinen Leichnam von der Brücke auf das Fleeteis warf!“
Es war ein unerhörter Satz, den er gesprochen hatte. War es bis hierhin noch weitgehend ruhig und gesittet zugegangen im Ausschuss, so riefen nun alle wild durcheinander. Die einen bestürmten ihn sogleich mit weiteren Fragen, ohne achtzugeben auf die Nachbarn am Tisch, die gleichfalls mehr wissen wollten. Andere aus der Versammlung mussten einfach nur ihrer Überraschung Ausdruck geben und riefen diese laut heraus. Schilling hatte Mühe, die Gemüter soweit zu beruhigen, dass Hesenius fortfahren konnte in seiner Antwort.
„Ich schrieb, es sei ausgeschlossen, dass ein solcher Sturz, gut zwei Klafter tief auf harten Grund, nicht auch an anderer Stelle, sei es an Armen, Beinen oder am Rumpf, weitere Male hinterlassen hätte. Ein jeder von Euch Herren kennt dies: Wer einen wahrhaft schweren Stoß erleidet, wird alsbald auch eine schmerzhafte Beule an der betroffenen Stelle fühlen! Das Blut ergießt sich aus geplatzten Äderchen und tritt in das umliegende Gewebe aus, welches erkennbar anschwillt. Die Körpersäfte im Gewebe eines Toten jedoch verhalten sich nicht länger so: Einige Zeit nach dem Ableben wird man feststellen, dass die Haut des Toten kaum noch sichtbare Wundmale annimmt, selbst wenn sie übel misshandelt wird. Da der Sturz zweifelsfrei erfolgt ist, die dazugehörigen Prellungen und Abschürfungen der Haut jedoch fehlen, glaube ich, die einzig mögliche Erklärung für alles liegt darin, dass von Brempt zum Zeitpunkt, da sein Körper auf die Eisdecke prallte, bereits tot war!“
Auch hierauf sprachen wieder alle durcheinander, aber es war mehr ein allgemeines Gemurmel oder gar ein Geflüster, bei dem die Herren die Köpfe zusammensteckten, sich untereinander austauschten und ihre Ansichten und Meinungen verglichen.
Moritz rinck, der Ulrichs Ausführungen bis hierhin wohlwollend zugehört, dabei aber mehr geschwiegen hatte als die meisten, reckte sein fülliges Haupt aus dem Kreis der anderen empor und richtete endlich auch das Wort an Ulrich.
„Junger Hesenius, Ihr habt uns manches vor Augen geführt, was nicht recht zusammenpassen will, und soeben einen ganz unerhörten Ablauf der Dinge angedeutet. Wenn Ihr in dieser Begebenheit, über die wir heute beraten, alles zusammennehmt und eure Schlussfolgerung zieht – was glaubt Ihr, könnte Heinrich von Brempt an jenem Abend tatsächlich zugestoßen sein?“
Bruwer, Mölln und andere fielen ein und bald verlangten alle, dass Hesenius offenbarte, wie die düstere Begebenheit vonstattengegangen wäre.
Ulrich sammelte seine Gedanken. Es war wichtig, dass er auch jetzt die richtigen Worte fand.
„Ehe ich versuche, den Ablauf zu schildern, so wie sich mir alles darstellt, möchte ich die Herren bitten, jenen Teil meines Berichts hervorzukehren, der die Verteilung der Totenflecke beschreibt. Ich bitte diese Blutmale nicht misszuverstehen: Es sind keine Wunden, sondern einfach Stauungen des Blutes unter der Haut, welche nach dem Tod einsetzen. Da das Herz nicht mehr schlägt, endet der ständige Kreislauf des Blutes, und es sinkt ab, so wie es Flüssigkeiten sonst überall zu eigen ist. An von Brempts Leichnam war die Haut jedoch vor allem an Kopf, Armen und Beinen blutunterlaufen, so als wären diese Teile nach dem Tod tiefer gelegen als der restliche Körper: Ich habe lange nach einer Erklärung hierfür gesucht und glaube sie heute geben zu können.“
„Wurde diese blutunterlaufene Haut auch von anderen bemerkt?“, unterbrach ihn Haich, der vor der Sitzung offenbar nicht alle Berichte gelesen hatte. Bruwer, Mölln und andere am Tisch versicherten ihm, wenigstens Doktor Winckel und der Regimentsarzt Scharf hätten die gleiche Beobachtung niedergeschrieben, jedoch ohne hieraus weitere Schlüsse zu ziehen.
„Nach meiner vorherigen Darlegung wird es wohl niemanden hier überraschen, wenn ich sage, dass Heinrich von Brempt nicht an der kleinen Fleetbrücke gestorben ist. Den Ort, wo er umkam, kennen wir nicht, aber ich werde gleich erläutern, dass er ein gutes Stück Weg entfernt war von dort, wo man den Leichnam später auffand.
Der Ratsherr ist an diesem Abend also allein unterwegs, vermutlich auf dem Weg nach Hause zu seiner Familie. Irgendwo unterwegs lauert ihm jemand auf. Von Brempt wird, dafür spricht die Lage der Schädelwunde, vermutlich hinterrücks erschlagen – mit einer stumpfen Waffe oder auch nur einem schweren Knüppel und fällt zu Boden.
Doch nun geschieht etwas Seltsames: Der Unbekannte, oder vielleicht sollten wir besser sagen, die Unbekannten, denn ich halte es für wahrscheinlich, dass die Tat wenigstens von zwei Schurken verübt wurde, berauben ihr Opfer nicht etwa und verschwinden wieder – nein, sie lassen den Geldbeutel und auch die anderen Dinge von Wert, die der Ratsherr bei sich trägt, unangetastet. Irgendwie scheinen sie erschrocken über ihre eigene Mordtat: In der ersten Regung versuchen sie den Körper auf plumpe Art zu verstecken. Sie zerren ihn in ein Gebüsch oder etwas Ähnliches.“
„Habt Ihr einen Beweis für diese Behauptung?“, warf Haich zweifelnd ein.
„Sofern Kleidung und Hut des Toten, wie von mir angeraten, sorgfältig aufbewahrt wurden, werdet ihr daran vielerlei Schlieren finden, weniger am Beinkleid, wohl aber am Mantel, dazu verkrusteten Schmutz, der sich tief unter dem Kragen verfangen hatte.“
„All das könnte ebenso erst später entstanden sein, durch das unachtsame Betragen der Männer, die ihn schließlich fanden.“
„Oh nein! Die drei Soldaten, die von Brempts Leiche fanden, führten eine einfache Tragbahre mit sich, auf dass sie im Notfall einen Verletzten bergen konnten. Einer von ihnen, der alte Krayenbrinck, versicherte mir, dass sie den toten Ratsherrn in der Nacht ohne Unschicklichkeit aufluden und forttrugen. Der Mann sprach aufrichtig. Ich bin sicher, dass diese einfachen Menschen auch über den Tod hinaus Ehrfurcht und Scheu vor dem hohen Amt und der Würde eines Ratsherrn bewahrt haben. Folglich waren es von Brempts Mörder, die ungewollt seine Kleider verunstalteten.“
Haich machte eine Handbewegung, dass Ulrich fortfahren möge.
„Einer von ihnen packt das Opfer also an den Stiefeln, hebt die Beine hoch und zerrt es ein Stück weit hinter sich her. Von der scheußlichen Behandlung ist der Pelz nun ordentlich beschmutzt, und allenthalben werden Schnee, Erde, Blätter und kleine Äste unter den Kragen gekehrt. Von Brempts Hut hat sich unterdessen von seinem Kopf gelöst. Als der Getötete im Gebüsch liegt, probieren die Täter, den Hut wieder aufzusetzen. Der Haarfilz wird dabei mit dem Blute beschmiert, das aus der Schädelwunde austritt. Nach dieser ganzen überhasteten Anstrengung aber überlegen die Täter es sich anders. Sie beschließen, dass alles wie ein tragisches Unglück aussehen soll, ein einfacher, folgenschwerer Sturz, wie er sich mitunter bei winterlicher Glätte ereignet, und als Ort hierfür wählen sie die Anhöhe der kleinen Fleetbrücke, weil diese so einsam gelegen ist, dass sie dort ungestört alles herrichten können.
Doch auf dem Weg dorthin muss ihr Opfer – und es ist ein stattlicher Mann, den sie gefällt haben – getragen werden. Ihr werdet fragen, wie sie dies bewerkstelligten? Nun, es eignet sich besser zu zeigen als dass man versucht, es in Worte zu fassen. Mit Erlaubnis des Vorsitzenden Ratsherrn Schilling und aller anderen hier, würde ich gern für einige Augenblicke jemand von außen zu uns herein bitten, einzig für eine stumme Vorführung.“
Schilling blickte nicht weniger überrascht als alle anderen, aber da er in die Runde schaute und niemand Einwände erhob, nickte er schließlich und bedeutete Hesenius mit einer Handbewegung, er möge sein Glück versuchen, hinter der Türe jemanden zu finden für seine Zwecke.
Ulrich huschte also hinaus, und es dauerte keine Minute, da sah man ihn wieder eintreten mit eben jenem Handwerksburschen aus dem Treppenhaus, der nun von seiner hohen Leiter gestiegen war. Er stellte den jungen Jean vor, dessen Eltern aus La Rochelle den Weg nach Hamburg gefunden hatten, und alle sahen, dass Hesenius ihn vor allem anderen gewählt hatte, da er klein und leicht war und er sich folglich gut eignete, getragen zu werden. Auf Ulrichs Anweisung hin stand er ganz still und ließ alles folgende mit sich geschehen. Ulrich ergriff seinen rechten Arm oberhalb des Handgelenks und hob ihn ganz in die Höhe. Dann duckte er sich, ging ein Stück in die Hocke, und als er sich wieder aufrichtete, trug er den Jungen, dessen Körper nunmehr bäuchlings über Nacken und Schulter geworfen war. Sein linker Arm umfasste die herunterbaumelnden Beine, mit der Rechten hielt er weiterhin des Jungen Unterarm gepackt, so dass der Getragene nicht herunterrutschen konnte. Alle am Tisch staunten ob dieses Anblicks, und Ratsherr Brouwer sprang, von Erregung gepackt, so hastig auf, dass er seinen Stuhl umwarf.
Ulrich tat, bepackt mit seiner menschlichen Last, einige Schritte, machte kehrt und ging wieder zurück und bat die anwesenden Herren nur darum, sich die Einzelheiten der ganzen Haltung einzuprägen. Als er den jungen Jean wieder absetzte, sah man, wie diesem leicht schwindelte, da er zuvor kopfüber gehangen hatte und nun, da er wieder aufrecht stand, das vermehrt in den Kopf gestiegene Blut wieder von dort abfloss. Ulrich bedankte sich bei seinem Gehilfen für sein Mitwirken und führte ihn anschließend wieder zur Tür hinaus, ohne dass der Junge sich auf das gerade Erlebte einen Reim machen konnte. Wenn er erst wieder oben auf seiner Leiter stand, würde er sich recht ausgiebig wundern über die Grillen der hohen Herren hinter der Saaltür.
Als Ulrich wieder vor die Ausschussmitglieder trat, verstummte das Flüstern, mit dem sie ihre Eindrücke untereinander austauschten. Niemand stellte zweifelnde Fragen, und er konnte ungestört fortfahren in seinem Bericht: „Was wir eben gesehen haben, erklärt alles, was an von Brempts totem Körper sonst noch auffällig war: die ungewöhnliche Verteilung der Totenflecke an Armen, Beinen und Gesicht, die unterbrochene Rotfärbung der Haut oberhalb des Handgelenks, wo jemand den Arm fest gepackt hielt, und sogar die drei kleinen Wundmale dort, die ich bei der Aufzählung der Verletzungen in meinem Bericht erwähnte und deren Ursache mir lange Zeit unklar blieb.“
Nybur, der offenbar über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügte, warf für die Anwesenden kurz ein, dass der Regimentsarzt dieselben Male auch in seinem Bericht aufgeführt hatte.
„Es waren ganz einfach die Fingernägel desjenigen, der den Getöteten trug. Sie gruben sich, während der Unterarm gepackt wurde, post mortem in Haut und Fleisch. Ich kann nicht sagen, wie lange dieser schaurige Transport dauerte, aber er verrät uns einiges über von Brempts Mörder. Der Ratsherr war, wie schon erwähnt, um vieles schwerer als der kleine Jean, den ich eben, gleichsam passend zu meiner eigenen Körperkraft, wählte. Wer immer den Toten auf diese Weise hochheben und forttragen konnte, muss von wahrhaft großer und sehr kräftiger Gestalt sein. Ebenso ist die Hand dieses Riesen überaus groß, da sie auf halber Länge des Unterarmes das Austreten des Blutes unter der Haut durch das Zupacken verhinderte. Dieser Hüne, nun er muss, wie gesagt, wenigstens einen, vielleicht auch mehrere Helfer zur Seite haben, er geht also hinter dem anderen her, der vorausspäht, in der Dunkelheit, achtgibt auf den Weg und hier und da mit der Laterne leuchtet und die Richtung weist. Nachdem sie so heimlich marschiert sind, gelangen sie endlich zu dem kleinen Fleet, begeben sich zur Mitte der Brücke und lassen den Leichnam von dort oben hinunter fallen auf die schneebedeckte Eisfläche. Des Ratsherrn Hut aber stecken sie unten an der Böschung gut sichtbar zwischen die Zweige eines Busches, damit er nicht auf Nimmerwiedersehen davon weht, sondern gleichfalls gefunden wird.“ Alles schwieg und ein jeder schien in Gedanken dumpf vor sich hin zu brüten, als er geendet hatte.
„Bei Gott Hesenius“, flüsterte Rinck für sich und war dabei doch laut genug, dass alle es hörten, „ich glaube fast, Ihr habt in allem recht. Unser guter Heinrich, wenn wir doch nur wüssten, …“ Er beendete den Satz nicht, doch allen war es gewiss, dass er nach denen fragte, die ein solches Verbrechen begangen hätten.
„Ein Letztes noch, ihr Herren“, nahm Ulrich seine Rede noch einmal auf, „es mag einigen hier schwerfallen, das Geschehen so zu betrachten, wie ich es tue, denn es hieße, wir hätten einen abscheulichen Mord aufzuklären anstatt dass wir einfach nur ein Unglück betrauern, wie anfangs ein jeder – ich selbst eingeschlossen – dachte. Der Ablauf der Dinge, so wie ich ihn eben zu schildern und zu zeigen versuchte, erklärt aber nicht nur vieles, was sonst unverständlich bliebe, es erübrigt auch ganz und gar eine Frage, die sonst unvermeidlich zu stellen wäre: Welchen Grund hätte Heinrich von Brempt gehabt, nächtlich diese abgelegene Brücke aufzusuchen? Dahinter sind bestenfalls verschneite Felder oder weiter östlich das große Alsterfleet zu finden.“
Nicht jeder schien sich bislang diese Frage gestellt zu haben, aber nun, da Ulrich sie offen ausgesprochen hatte, grübelten sie vergeblich, und die Lösung, so wie Ulrich sie vorgegeben hatte, stand ihnen nur umso deutlicher vor Augen.
„Nun gut“, verkündete Schilling und blickte sich bedächtig um, „wenn von den Anwesenden niemand eine weitere Frage hat …?“
Er blickte nacheinander alle an, doch niemandem wollte neuerlich etwas einfallen. Selbst Haich, der sonst nicht um Einwände gegen Ulrichs Rede verlegen war, biss sich schweigend auf die Lippen.
Schilling brach das allgemeine Schweigen: „Die Versammlung bittet den jungen Hesenius jetzt, uns einige Minuten allein zu lassen, damit wir weiter in vertraulicher Runde beraten können. Ihr werdet anschließend unseren Beschluss in dieser Sache vernehmen.“
Lengsdorp, der während der langen Befragung das eine oder andere Mal versteckt geschmunzelt hatte, wenn Ulrich die Fragen anderer parierte, schien überaus zufrieden mit dem Verlauf der ganzen Unterredung. Er führte Hesenius zur Tür, bat ihn um etwas Geduld und setzte verschwörerisch flüsternd hinzu, er möge, falls er von den Herren um einen weiteren Dienst gebeten werde, einfach nur mit einem vernehmlichen „Ja“ antworten.
Und so wartete Ulrich vor der Amtsstube, zog sich dabei aber soweit zurück, dass seine Ohren nicht weiter hören konnten, was drinnen gesprochen wurde. Wohl vernahm er noch, wenn jemand laut genug die Stimme erhob, und so war ihm einmal, als würden Haich und Lengs-dorp Worte wechseln, oder die dunklen Bassstimmen von Schilling oder Bruwer fielen ein und schallten herüber zu ihm.
Er wünschte sich bald eine der guten Taschenuhren, wie sie vermutlich ein jeder dieser Herren bei sich trug, um seine Ungeduld in Minuten abzumessen, aber nachdem solcherart die Zeit für ihn zäh dahin geflossen war, wurde er schließlich doch, wie angekündigt, hereingebeten, und nun gingen die Dinge auf einmal so rasch vonstatten, dass er das Gefühl bekam, er müsse nur gleichsam auf einen Wagen aufspringen, der längst begonnen hatte zu rollen.
Nybur war aufgestanden und trug ihm den Beschluss der Runde vor. Der Ausschuss sehe sich verpflichtet, sprach er, wegen der ungeklärten Umstände, welche den Tod Heinrich von Brempts überschatteten, weitere umfassende Aufklärung anzugehen, nach Schuldigen eines möglichen Verbrechens zu suchen und diese, wenn möglich, einer gerechten Bestrafung zuzuführen.
„So ergeht unsere Bitte an den hier anwesenden Ulrich Hesenius“, schloss er seine kurze Rede, „welcher durch seine Vorarbeit wesentlich zu unseren Erkenntnissen beigetragen hat, sich weiterer Ermittlungen anzunehmen. Und daher frage ich Euch: Wäret Ihr gewillt, diese Aufgabe als die eure anzunehmen und dem Rat der Stadt Hamburg hierin mit eurem Wissen und euren Fähigkeiten zu dienen?“
Wenn Ulrich anfangs während der Befragung Aufregung verspürt hatte, so war sie doch rasch gewichen, da er in jedem Moment zu antworten vermochte, wie es ihm Klugheit und Wissen eingaben. Doch nun, da man im Begriff stand, eine Verantwortung auf seine Schultern zu laden, wie er sie zuvor nie getragen hatte, wollten die Worte nicht recht über seine Lippen kommen. Er blickte unschlüssig zu Lengsdorp hinüber, der unmerklich nickte, und hörte sich endlich sagen: „Ihr Herren, wenn es dem Wunsch des Rates entspricht, so bin ich bereit!“
Ein zustimmendes Gemurmel erhob sich daraufhin in der Runde. Abgesehen von Haich, der seine Stimmung nicht nach außen kehrte, schien ein jeder über diesen Ausgang der Sitzung erleichtert. Borsfeld machte ein überaus zufriedenes Gesicht, und Moritz Rinck wollte ihm sogleich die Hand schütteln.
„Wenn die Herren erlauben“, meldete sich van’t Hok, der zuvor so stille Protokollführer, zu Wort, „und bevor wir die Versammlung auflösen, gebe ich Folgendes zu bedenken: Sofern der junge Hesenius tatsächlich recht haben sollte mit seinen Vermutungen, hätten wir es mit einem abscheulichen Verbrechen zu tun und die Suche nach den Schuldigen könnte am Ende für ihn zu einer allzu gefährlichen Unternehmung geraten. Daher sollte er, ehe wir uns allzu rasch seiner Dienste versichern, noch einmal Gelegenheit haben, sich zu bedenken!“
Ulrich war, nachdem er einmal soweit gekommen war, entschlossen, den neuen Einwand abzuwehren, aber Lengsdorp, der nachdenklich dreinschaute, wusste die Sache anders anzugehen.
„Mir scheint, unser Schreiber hat vollkommen recht. Wenn wir auch nach unserem Willen einen Ermittler bekommen haben, so mag es bei dieser Aufgabe am Ende gar bedrohlich zugehen, was wir nicht ausreichend bedacht haben. So wie ich den jungen Hesenius einschätze, wird er freilich von der einmal übertragenen Aufgabe nicht zurücktreten wollen, und doch stehen wir alle hier auch in der Verantwortung für seine Sicherheit. Ich schlage daher vor, ihm jemanden zur Seite zu stellen, der unerschrocken und erfahren ist und auf dessen Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit wir bauen können. Borsfeld, Ihr habt doch gewiss einen Wächter in euren Reihen, der geduldig zu folgen versteht, aber im Notfalle ebenso hart zuschlagen kann, wie?“
„Meine Leute stehen alle im Dienst. Ich habe kaum genug, die vielen Märkte und des nachts alle Rundgänge zu beschicken“, antwortete der Weddeherr, „aber unter den ausgemusterten Veteranen wiederum würde sich mancher über solch ein kleines Zubrot freuen. Ihr bekommt also euren Mann, wenn alle hier dies wünschen.“
Niemand erhob Einwände. Auch Hesenius, der noch ein wenig betäubt schien von der Plötzlichkeit, mit der sich die Aufgaben in seinem Leben verändert hatten, nahm den Beschluss hin, ohne recht zu wissen, ob ihm dieser nun gefiel oder nicht.
Nachdem Schilling die Versammlung für beendet erklärt hatte, verabschiedeten sich nach und nach alle und verließen die Ratsstube. Rinck, Mölln und Kerkring, die unter den Letzten waren, die gingen, beglückwünschten Ulrich allesamt mit warmen Worten zu seiner neuen Aufgabe und wünschten ihm ein gutes Gelingen.
Als er mit Lengsdorp allein war, sah Ulrich den Moment für eine Aussprache zwischen ihnen beiden gekommen.
„Ihr hattet alles geplant, nicht wahr?“, begann er, „meine Vorladung für den heutigen Tag, der Beschluss, den die Versammlung fasste, das war alles euer Werk!“
„Soweit es in meiner Macht lag, ja“, antwortete Lengsdorp ehrlich, „aber ohne Euch und euer Geschick wäre es vergeblich gewesen. Ich bin ein guter Menschenkenner, Hesenius. Ich wusste spätestens, als Ihr bei unserer ersten Begegnung diesen unwirklichen, fahlen Lichtschimmer entdeckt hattet, dass ich mich nicht in Euch getäuscht hatte. In unseren Kreisen gibt es viele kluge Köpfe, aber wir haben unsere Augen und Ohren geschärft für den Handel. Wir sind klug darin, dass wir den Nutzen eines Geschäfts abmessen können, und wir haben es stets verstanden, unsere Rechte zu verbriefen gegenüber anderen, die Gleiches wollen.
Euer Scharfsinn aber kommt aus einer anderen Welt. Ihr betrachtet die Rätsel vor Euch mit den Augen der Wissenschaft, weshalb Ihr Dinge aufspürt, die anderen verborgen bleiben – und das ist es, was uns vielleicht helfen wird, den Tod meines Freundes aufzuklären.“
„Haich denkt nicht so, und wer weiß, am Ende könnte er sogar recht behalten. Was wird sein, wenn ich keinen Hinweis auf die Mörder unseres Ratsherrn finden kann? Wie, wenn ich gar die bisherigen Spuren falsch gedeutet hätte, und es doch ein Unglück gewesen ist?“
„Ich glaube so wenig wie Ihr selbst, dass Ihr in einem großen Irrtum befangen seid. Aber mein Wort darauf: Selbst wenn Ihr nichts weiter finden solltet, werde ich am Ende dennoch zufrieden sein. Ich könnte guten Gewissens vor Maria von Brempt treten, weil ich weiß, dass wir alles versucht haben, die Geschehnisse dieser verfluchten Nacht zu enträtseln.“
Ulrich wechselte das Thema: „War es schwierig, die Versammlung für meine Person zu gewinnen?“
„Durchaus nicht. Alle zeigten sich nach der Fragestunde von Euch beeindruckt. Am Ende galten die Einwände allenfalls noch eurer Jugend, und dann sprachen wir natürlich noch über die Frage des Entgelts.“
„Aber Haich …“
„Haich ist nicht dumm, und er ist eine gute Stütze für den guten alten Borsfeld, der nicht mehr allen seinen Aufgaben nachkommen kann, wie er es früher vermochte. Aber sein Ehrgeiz steht ihm häufiger im Weg, als er ahnt. Auch heute hätte er mehr Besonnenheit an den Tag legen sollen.“
„Wie habt Ihr meinen Vater dazu gebracht, eurem ganzen Vorhaben zuzustimmen?“, schoss Ulrich seine nächste Frage ab.
Diesmal war Lengsdorp so verblüfft, dass seine Miene für einen Moment wie gefroren schien und er sein übliches Lächeln gänzlich einbüßte. „Hat er es Euch gesagt? Nein, woher wisst Ihr …?“, fragte er zurück. Wohl zum ersten Mal an diesem Tag schien ihm ein Faden entglitten, den er doch fest in seinen Händen wähnte.
„Ich wusste es lange Zeit nicht“, erklärte Ulrich, „Wohl bemerkte ich heute morgen, dass mein Vater anders gestimmt war als sonst, aber eure Rolle hierbei erriet ich erst, nachdem Ihr diese Versammlung erfolgreich auf meine Dienste eingestimmt hattet. Da wurde mir plötzlich klar: Ihr würdet kaum alles so kunstfertig eingefädelt haben, wenn nicht zuvor bereits eine Abmachung getroffen wäre, dass Johann Hesenius zugunsten des Rats auf die Dienste seines Sohnes verzichtet. Ihr selbst habt ihm gestern Abend meine Vorladung zu dieser Versammlung überbracht, und anschließend – der Himmel mag wissen wie – habt Ihr meinen Vater überredet, mich nach eurem Wunsch hin für diese Aufgabe frei zu geben.“
„Und wie gut das war!“, antwortete der Kaufmann, und sein verschmitztes Lächeln war dabei wiedergekehrt. „Übrigens hält die Weinstube im Alten Rathaus nebenan einige gute Tropfen bereit und auch die Küche dort weiß manches aufzutischen, das uns munden könnte. Wenn Ihr einverstanden seid, würde ich gern alles Weitere, was zu bereden wäre, mit Euch bei einem Krug Wein und einem Stück Braten angehen.“
Ulrich war es nur recht. Er verspürte großen Appetit.
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