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Ich stellte mich vor und Mr. Jones sagte, er freue sich, mich zu sehen. Er führte mich ins Wohnzimmer, wo ich mich auf der Couch niederließ und er sich auf einen mit hässlichen Blumen bedruckten Sessel vor ein ausgeschaltetes elektrisches Kaminfeuer setzte. Er erzählte mir, dass ich schon der vierte Amerikaner sei, der komme, um über Brian zu schreiben. „Da kommen irgendwelche Leute und haben Empfehlungsschreiben von Verlagen dabei, dann gehen sie wieder und man hört nichts mehr von ihnen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich denke, die wollen mich nur auf den Arm nehmen“, sagte er und blickte mich wieder mit einem Auge an.
Ich wollte ihm antworten, kam aber gerade mal bis „Äh, ähm …“, als Brians Mutter hereinkam. Ich rappelte mich auf und begrüßte sie. Sie sah sanfter aus als Mr. Jones. Sie nannte ihn Lewis, er sie Louie, die Koseform für Louisa. Ihre Augen waren blau, hübsch blau. Ihre Haare waren ebenso flachsblond wie die von Brian – ein Farbton, der sich im Alter gut zu halten schien, wenn er die Chance zum Altern hatte.
Wir setzten uns wieder. Mrs. Jones nahm in einem Sessel an der einen Seite des Zimmers Platz, ich an der anderen, und Mr. Jones, der den kalten Kamin anstarrte, saß in der Mitte. Ich versuchte zu erklären, woran ich arbeitete, aber das Zimmer nahm meine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Es enthielt, außer uns und dem orangeroten Kater, typisch schwülstige englische Möbel, einen alten Heathkit-Plattenspieler, ein noch älteres Radio, einen Schwarzweißfernseher, einen blühenden Bonsai unter einer Glasglocke und die Statuette eines Indianers, die jedes Mitglied der Stones 1964 vom deutschen Teenie-Magazin „Bravo“ erhalten hatte. Auf dem Kaminsims stand eine kleine Gummipuppe mit knallroten Hosen und einer weißen Mähne aus Nylonhaar, die vulgärste aller Karikaturen, die es von Brian geben kann, die aber nichtsdestotrotz den Eindruck eines zu seinen Ehren aufgestellten Totems erweckte und das zentrale Objekt in diesem kleinen, grotesken Zimmer darstellte. Die orangefarbene Katze rollte sich im Schoß von Mrs. Jones zusammen. Ich fragte sie nach dem Namen des Tieres und sie sagte: „Jinx.“
„Es ist so schade“, sagte Brians Vater. „Brian hätte ein brillanter Journalist sein können, in der Schule hat er immer besser Schach gespielt als alle anderen, so viel vergeudetes Talent.“ Er presste die Backenzähne aufeinander und zog eine Grimasse, als fände gerade eine furchtbare Verwandlung statt.
Mrs. Jones fragte: „Hatten Sie heute Abend schon was zu essen, mein Lieber? Möchten Sie was?“
Ich dachte an mein heutiges Abendessen, an versäumte Abendessen und an andere Dinge – und auch an manche Dinge, die ich nicht verpasst hatte. Alles aufgrund dessen, was ich in den Augen ihres Sohnes gesehen hatte. „Gut, danke, gern“, sagte ich. Dann fing ich an, Fragen zu stellen.
Mr. und Mrs. Jones lernten einander in Südwales kennen, wo sie noch bei ihren Eltern gelebt hatten. Die Eltern von Mr. Jones waren Lehrer. Sein Vater sang in Gesellschaften von Opernfreunden und leitete den Kirchenchor. Der Vater von Mrs. Jones war über fünfzig Jahre lang Baumeister und Kirchenorganist in der Nähe von Cardiff. Ihre Mutter hatte, da stets kränkelnd, keinerlei Ausbildung genossen, war jetzt aber mit dreiundachtzig recht gut beisammen. Die Eltern von Mrs. Jones lebten noch, seine waren bereits tot.
Mr. Jones studierte Maschinenbau an der Universität von Leeds, heiratete dann und begann für Rolls-Royce zu arbeiten. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde er nach Cheltenham versetzt, wo er seither mit Mrs. Jones lebte. Er arbeitete als Flugzeugingenieur, sie gab Klavierstunden.
Brian erblickte am letzten Februartag des Jahres 1942 als erstes Kind das Licht der Welt. Das zweite Kind, eine Tochter, starb mit ungefähr zwei Jahren.
„Wie ist sie gestorben?“ fragte ich so rücksichtsvoll wie möglich.
„Sie ist gestorben und mehr sage ich dazu nicht“, antwortete Mr. Jones. Ich versuchte ein weiteres Mal zu erklären, warum ich solche Fragen stellte, aber Mr. Jones war zu oft von gedruckten Lügen und Wahrheiten verletzt worden und nicht einmal annähernd bereit, einem Schreiberling zu vertrauen. Er erklärte mir, dass das jüngste Kind, Barbara, 1946 geboren wurde und jetzt Turnlehrerin sei und dass sie überhaupt nichts mit Brian zu tun haben wolle, und er bat mich, sie in Frieden zu lassen. Wieder mahlte er mit seinen Zähnen. Aber er konnte sich trotzdem nicht davon abbringen, zu erzählen und Alben mit den Familienfotos hervorzuholen.
Ein Foto zeigte Brian im Alter von ungefähr fünf Jahren, wie er mit einer grau getigerten Katze spielte.
„Eines Tages, beide, Brian und die Katze, waren noch sehr jung, hat er erklärt, ihr Name sei Rolobur“, sagte Mrs. Jones. „‚Das ist Rolobur‘, hat er gesagt. Keine Ahnung, ob er etwas anderes sagen wollte und es nur als Rolobur herausgekommen ist. Einmal hat er sie blau bemalt.“
„Die Katze?“
„Ohne ihr wehtun zu wollen“, sagte Mrs. Jones. „Was er auch nicht getan hat. Er verwendete Lebensmittelfarben, die sich bald wieder auswuschen und die Katze lebte noch ungefähr sechzehn Jahre bei uns.“
„Brian war ein eigenartiges Kind“, sagte seine Mutter.
Sie gab ihm seine ersten Klavierstunden, als er sechs Jahre alt war, und er lernte das Instrument bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr. „Aber er war nicht gerade stark daran interessiert“, sagte sie. „Dann begann er, Klarinette zu spielen.“
„Was seinem Asthma auch nicht gerade gutgetan hat“, sagte Mr. Jones. „Brian hatte den Krupp mit vier und das chronische Asthma blieb davon zurück. Er hatte fürchterliche Asthmaanfälle. Es war immer besonders arg, wenn er in den Ferien an den Strand ging und er hatte unten in Cotchford Anfälle, schlimme Anfälle, kurz vor seinem Tod.“
Cotchford Farm war einmal das Zuhause von A. A. Milne; Pooh, der Bär, lebte in den Hefalump-Wäldern. Es schien irgendwie stimmig, dass Brian Eigentümer dieses Besitzes wurde, wo er so früh starb, weniger als ein Jahr nachdem er ihn erstanden hatte. Er war bis dahin schon durch vieles verletzt worden und Mr. Jones konnte nicht aufhören, diese Ereignisse zu rekapitulieren, um herauszufinden, wo die Dinge falsch gelaufen waren und wer oder was daran schuld hatte. „Ich war mit ihm dort unten in Cotchford, in so einer Art Rumpelkammer, kurz bevor er starb. Als ihm da ein Foto von Anita in die Hände fiel, stand er für einen Augenblick einfach nur da und starrte es an. Er sagte ‚Anita‘ – fast so, als würde er zu sich selbst sprechen, als hätte er vergessen, dass ich da war. Dann legte er das Foto beiseite und wir redeten weiter, was immer uns gerade beschäftigte. Der Verlust von Anita hat ihm schrecklich zugesetzt. Danach war für Brian nichts mehr so wie vorher. Dann die Drogenprozesse, all diese Schwierigkeiten. Ich wusste nicht, wie ich ihm helfen sollte. Wir waren einander sehr nah, als er jung war, aber später hatten wir … nun ja … Meinungsverschiedenheiten.“
So vielversprechend … ein Chorknabe … erster Klarinettist … und dann sagen die alten Freunde, na ja, ist wohl an der Zeit, dass du dich zur Ruhe setzt, oder? Er starrte ins kalte Feuer, biss die Zähne zusammen, redete dann weiter.
„Brian lehnte jegliche Disziplin ab. Er wurde zweimal der Schule verwiesen. Einmal, in der sechsten Klasse, verwendeten er und ein paar andere Jungs ihre Akademikermützen als Boomerangs und ließen sie durch die Luft segeln. Die von Brian ging dabei kaputt und er weigerte sich, sie zu tragen. Sie haben ihn suspendiert. ‚Eine äußerst heilsame Erfahrung‘ für Brian, eine Woche Suspendierung, zumindest aus der Sicht dieses Trottels von Rektor. Brian verbrachte die ganze Woche unten am Strand von Cheltenham, ging schwimmen und kam für die anderen Jungen als Held zurück. Ich wusste kaum noch, wie ich ihn behandeln sollte. Der Rektor pflegte sich immer wieder über ihn zu beklagen, woraufhin ich jedesmal sehr ernst wurde und mir Brian für ein Gespräch vornahm. ‚Warum schreibt uns der Rektor immer Briefe mit Beschwerden? Warum bist du denen gegenüber so ungehorsam?‘ Und Brian sagte dann immer: ‚Schau, Dad, das sind nur Lehrer. Die haben nie was geleistet. Du willst, dass ich alles so mache wie du, aber ich kann nicht sein wie du. Ich muss mein eigenes Leben leben.‘ Er war diesbezüglich schrecklich konsequent. Ich bin kaum auf einen grünen Zweig gekommen, wenn ich mit ihm zu diskutieren versucht habe.“
Und er erzählt weiter: „Für Brian war die Schule ganz einfach ein Gräuel, die Prüfungen, die Disziplin, all das. Er schaffte aber seine guten Noten trotzdem. Mit achtzehn ging er von der Schule ab, einen Besuch der Universität zog er gar nicht erst in Erwägung. Ihm graute vor dem Gedanken, zur Universität zu gehen, und er konnte es sich nicht vorstellen, jahrelang zu studieren, bevor er auf eigenen Füßen stehen würde. Er hasste die Vorstellung, nicht vor fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Zeitlang fand er den Zahnarztberuf sehr interessant, aber nach der Schule beschloss er, in London für eine Augenoptikfirma zu arbeiten. Es gab da ein angeschlossenes College für Ophthalmologie, wo Brian eine Weile studierte, während er gleichzeitig arbeitete. Die Firma hatte eine Filiale in Newport, aber Brian wollte nach London. Er wollte das Nachtleben von London kennenlernen, die Jazzclubs, das alles. Er liebte Jazz, Stan Kenton, diese Art von Musik.“
Mr. Jones begleitete ihn zum Vorstellungsgespräch bei der Augenoptik-Firma in London. „Er zog eine ziemlich gute Show ab, und als wir gingen, fragte ich: ‚Welchen Zug sollen wir nehmen, den um fünf?‘ Aber er sagte: ‚Nein, Dad, ich möchte in ein paar Jazzclubs gehen, bevor wir heimfahren, möchtest du mitkommen?‘ Ich antwortete: ‚Nein, nein, ich mag nicht.‘ Also sagte Brian: ‚Ich komme mit einem späteren Zug nach Hause.‘ Er war schon öfter ohne mein Wissen nach London getrampt, um diese Clubs zu besuchen. Ich kehrte also heim und Brian blieb in London. Er kam um ungefähr sechs Uhr früh nach Hause. An diesem Abend in London kaufte er mir übrigens einen Hamburger. Ich weiß nicht, warum ich mich gerade an so etwas erinnere. Aber ich glaube, es war das erste Mal, dass er mir ein Essen gekauft hat. Brian war besessen von Musik. Er spielte immer diese Platten vom, wie heißen sie noch gleich, vom Modern Jazz Quartet …“
„Der Krach hat mich immer verrückt gemacht“, sagte Mrs. Jones.
„Diese Platten liefen am Morgen, zu Mittag und am Abend“, sagte Mr. Jones. „Ich sah das als etwas definitiv Schlechtes in seinem Leben, das eine ziemlich gute Karriere unterminiert hat. Vielleicht war die Musik letztlich sein Untergang, aber schon damals habe ich sie als etwas Schädliches betrachtet, weil er so davon besessen war. Musik hatte ihm alle Gedanken an eine konventionelle Karriere ausgetrieben. Seine Beschäftigung mit der Musik und dem Leben in London, mit dem Leben in den Nachtclubs all das hat seine Karriere bei dieser Augenoptikfirma ruiniert. Er hat die Schule und seinen Job hingeschmissen und ist nach Hause zurückgekommen. Er hatte verrückte Jobs, spielte mit einer Band und verkaufte in einer Musikalienhandlung in Cheltenham Noten und Platten. Er wurde von einem musikalischen Umfeld bis zur völligen Hingabe förmlich aufgesogen. Ich wusste, dass Brian musikalische Fähigkeiten hatte, aber ich habe es sehr bezweifelt, dass er damit auch Erfolg haben könnte. Für mich war das Wichtigste seine Sicherheit. Ich war nicht glücklich damit, ihn nur so dahindriften zu sehen, und ich habe es als nicht sehr wahrscheinlich betrachtet, dass der Jazz Sicherheit und Erfolg bringen würde. Aber für ihn war es … eine Religion, er war ein Fanatiker. Mit zwanzig ging er endgültig nach London.“
Ungefähr zur selben Zeit kamen zwei andere junge Männer nach London, wo sie Brian treffen sollten. Und keiner von ihnen würde jemals wieder so sein, wie er gewesen war.
„Brians Untergang war weder meine Schuld noch auf Drogen zurückzuführen“, sagte Anita. „Mick und Keith waren es.“
3
Warum gibt es die Jass-Musik und demzufolge die Jass-Band? Jass war eine Manifestation der Niederungen des menschlichen Geschmacks, die sich noch nicht durch die Zivilisation ausgewaschen hat. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen, dass Jass-Musik die synkopierte und kontrapunktierte unanständige Story schlechthin ist. Wie auch der unschicklichen Anekdote in ihren Anfängen wurde ihr errötend hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen gelauscht, aber wie alle Untugenden wurde sie unverfrorener, bis sie sich in anständige Umgebungen vorwagte und dort wegen dieser seltsamen Gegebenheit toleriert wurde: Auf gewisse Gemüter hat ein lauter und bedeutungsloser Sound eine aufregende, fast vergiftende Wirkung, wie aufdringliche Farben und starke Parfums, der Anblick nackten Fleisches oder die sadistische Freude an Blut. Für solche Gemüter ist die Jass-Musik ein Genuss …
„New Orleans Times Picayune“, 1918
ich erwachte unter einem magentaroten und türkisfarbenen Bettüberwurf, der mit Motiven aus „Wizard of Oz“ bedruckt war, mit Darstellungen von Dorothy und der Vogelscheuche und all den anderen in einem Ballon. Es gab zwei Einzelbetten in dem Raum, wo früher reiche kleine Chemiemagnatenerben der Familie Du Pont geschlafen hatten. David Sandison hatte die Nacht im anderen Bett verbracht, war aber schon aufgestanden. Ich duschte und zog mich an, während ich auf das unsichtbar unter einer dichten, elefantenfarbenen Wolke daliegende Los Angeles hinausschaute. Dann durchwanderte ich die ganze Länge des Hauses in Richtung Küche und inspizierte den Kühlschrank. Es war seltsam, an einem sonnigen Morgen in einem großen, gesichtslosen Haus aufzuwachen, den Rest der Welt rundherum vor lauter schädlichem Dunst nicht sehen zu können, den Kühlschrank zu öffnen und Flaschen mit gesunder, naturbelassener Vollmilch sowie Vollkornbrot vorzufinden. Kalifornien. Es war zehn Uhr und ich saß an der runden Frühstücksbar, aß eine Orange und Vollweizenbrot mit eingemachten Brombeeren und nahm Eintragungen in mein winziges, hochoffizielles Notizbuch vor.
Als ich am Büro vorbeikam, wo Jo Bergman und Sandison Promotionsmaterial für die Pressekonferenz an diesem Vormittag zusammenstellten, teilte sie mir mit, dass Ronnie Schneider für ein paar Tage zurück nach New York gereist war. Das machte es natürlich leichter, ihm aus dem Weg zu gehen.
Jo, David und ich machten uns schon früh auf den Weg zum Beverly Wilshire Hotel, wo die Pressekonferenz stattfinden würde – in einer der Limousinen, die rund um die Uhr an allen drei Dependancen der Stones in L. A. zur Verfügung standen. Außer unserem Domizil mit der Watts-Familie am Oriole Drive gab es noch das Haus im Laurel Canyon, wo sich Keith und die beiden Micks aufhielten, und das Beverly Wilshire, wo Bill Wyman und Astrid wohnen wollten, bis es Jo gelungen war, ihnen ein Haus zu organisieren.
Die Pressekonferenz sollte im „San-Souci-Saal“ des Wilshire stattfinden, in den wir durch ein Labyrinth aus Bars und Speisesälen gelangten. Die Los-Angelisierung von Los Angeles hatte das Beverly Wilshire, wo der „San-Souci-Saal“ im sanften Licht seiner Kristallleuchter wie im Weichzeichner erstrahlte, noch nicht erreicht. Die grelle Sonne Südkaliforniens wurde von Vorhängen aus Damast und Brokat am Eindringen gehindert, schien aber stets präsent zu sein: Vor dem Fenster machte ein Presslufthammer einen derartigen Krach, dass es in Körperverletzung auszuarten drohte – so als würde er jeden Moment die Wand durchstoßen. „Was ist das für ein entsetzlicher Lärm?“ fragte Jo den mit einem blauen Nadelstreifanzug bekleideten Hotelangestellten, dem wir in den Saal folgten.
„Äh, wann ist Ihr Treffen?“
„Elf Uhr dreißig.“
„Die hören um elf auf.“
Fünfzig oder sechzig Klappsessel standen in Halbkreisen vor einem langen Konferenztisch; rechts davon gab es eine Bar und einen weiteren Tisch mit Tee, Kaffee, Fruchtsalat und kleinen Kuchen; die Tische waren mit großen Blumensträußen dekoriert. Ich spazierte im Saal herum und machte mir Notizen. Der Presslufthammer verstummte, Steckler kreuzte auf und die Presse begann einzutreffen. Sie schienen alle in ihren frühen Zwanzigern zu sein, die meisten trugen Notizbücher, Kameras und Tonbandgeräte mit sich, und alle waren durchwegs in jenem aktuellen Stil gekleidet, den man erreicht, indem man riesige Summen dafür ausgibt, arm und ramponiert wie ein neues Geschlecht von Mittelklassezigeunern auszusehen.
Kurz vor elf Uhr dreißig tauchten drei Kamerateams vom Fernsehen auf. Ihre Kleidung ging mehr in Richtung Anzug und Krawatte. Mit einem dieser Teams kam Rona Barrett, der fleischgewordene Fernsehtratsch Hollywoods, eine kleine Frau, deren riesige blondierte Frisur unter einer dicken Lackschicht aus Haarspray erstarrt war. Sie ließ sich auf einem Klappsessel nieder, eine kultivierte Perle unter all dem Wildleder und Jeansstoff.
Am Mittag stolperten die Stones einer nach dem anderen wie betrunkene Indianer in den Raum und platzierten sich am Konferenztisch. Blitzlichter ploppten, Fernsehkameras surrten. Die Stones saßen da und kratzten sich an den Köpfen.
Bei den Stones, neben Keith, saß ein weiterer junger Engländer, der eine burgunderfarbene Lederjacke und dunkle Gläser trug und dunkle fettige Locken wie ein Pirat hatte. Das war Sam Cutler, ein Neuzugang zur Entourage der Stones, dessen Funktion völlig unklar war – solange man nicht wusste, dass er alles bei sich tragen musste, womit Keith nicht erwischt werden wollte.
Schließlich hörte das Blitzlichtgewitter auf und für die Dauer eines langen Moments gab es keinerlei Fragen, wusste keiner, was er fragen sollte. Die pure Konfrontation war genug: Vor drei Jahren, als die Stones zum letzten Mal eine Tour durch die Staaten unternommen hatten, waren die meisten der jetzt hier versammelten Leute Teenager gewesen, die in verdunkelten Arenen ihre Bewunderung für die Stones herausschrieen. Und diese Stones waren in der Zwischenzeit eingebuchtet worden, hatten Frauen getauscht und sich gerüchteweise aufgelöst, waren gestorben – und saßen jetzt dennoch hier am Tisch, die Ellbogen brav aufgestützt.
Die jüngeren Reporter, von denen die meisten im Falle einer Razzia wahrscheinlich wegen des Besitzes von Dope hochgegangen wären, sahen nicht so aus wie alle anderen, die den Stones bei ihren bisherigen Pressekonferenzen in den Staaten begegnet waren. Aber auch diese Generation bestand zum Großteil aus ganz normalen Langweilern, die andere Leute – Berühmtheiten – brauchten, die ihr Leben ersatzweise für sie lebten. Und glücklicherweise gibt es immer ein paar solcher Berühmtheiten. Sie sind die Stars, und damals gab es keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die derart beliebt und verhasst war wie Mick Jagger. Schon der Name: ein Name, scharf wie ein Dosenöffner. Jagger, der Dosenöffner. Jagger saß lächelnd da. Er trug limonenfarbene Hosen und ein Seidenhemd mit grünen und weißen Tupfern und offenem Kragen. Ein großer Tierzahn hing an einer Kette unter seinem starken, aber wie ein Silberhalsband wohlgeformten Schlüsselbein.
Falls man hier die gleichen Fragen stellen wollte wie die meisten, die man mich über die Stones gefragt hatte, dann würden sie kurz und direkt ausfallen: Bist du schwul? Welche Drogen nimmst du? Hast du Brian umgebracht? Aber die ersten Fragen, die Jagger beantwortete, brachten nur ans Tageslicht, dass das neue Stones-Album, „Let It Bleed“, in ungefähr drei Wochen veröffentlicht werden sollte und dass die Stones keine konkreten Pläne für ein eigenes Plattenlabel hatten. „Das ist sinnlos, solange man nicht eine Armada von Lieferwagen anheuert und die Platten zum halben Preis verkauft“, sagte Mick.
Es sah so aus, als würde das Treffen freundschaftlich und langweilig verlaufen, ohne den üblichen Konflikt, der einst für alle Begegnungen der Stones mit der Presse charakteristisch gewesen war. Das große Zusammengehörigkeitsgefühl, das diese Journalisten drei Jahre früher mit den Stones verbunden hätte, wenn sie im Fernsehen eine Pressekonferenz verfolgt hätten, fehlte daher. Das veranlasste einen Reporter, nach einer Entgegnung auf das Statement in Ralph Gleasons Kolumne vom Vortag zu fragen, wonach „die Eintrittspreise zu den Konzerten überhöht wären, und es sich eine Menge Leute, die sie gerne sehen würden, nicht leisten könnten“.
Ohne sich anscheinend auch nur im geringsten vom Geschwätz eines Jazzjournalisten mittleren Alters beeindrucken zu lassen, sagte Mick großzügig: „Vielleicht können wir für diese Leute etwas arrangieren.“
„Ein Gratiskonzert?“ fragte jemand, aber Mick antwortete, das wisse er nicht und überging die Angelegenheit mit aristokratischer Leichtigkeit: „Wir können den Preis der Tickets nicht bestimmen. Ich weiß nicht, wie viele Leute sich das leisten können. Ich habe keine Ahnung.“
Ein anderer fragte, ob das US State Department den Stones Schwierigkeiten mache und beispielsweise verlange, dass sie Anti-Drogen-Statements unterschrieben, bevor sie das Land betreten dürften. Mick sagte: „Natürlich nicht, wir haben nie irgendwas Unrechtes getan.“ In das folgende Gelächter und den Applaus hinein fragte Rona Barrett: „Betrachten Sie sich als eine Anti-Establishment-Gruppe oder nehmen Sie uns nur auf den Arm?“
„Wir nehmen Sie nur auf den Arm“, antwortete Mick.
„Wir hau’n Sie übers Ohr“, murmelte Keith, während seine Reptilienlider herabsanken.
Rona ließ nicht locker: „Wie hat es Ihnen gefallen, gestern Abend im Yamato zu essen?“
„Sie war unter dem Tisch“, erläuterte Keith, wodurch sie sich aber nicht abblocken ließ.
Mick erzählte einem Fragesteller, dass die Stones hofften, Ike und Tina Turner, Terry Reid, B. B. King und Chuck Berry als Vorprogramm für die Tour engagieren zu können und wieder tauchte die Frage nach einem Gratiskonzert auf. Diese jungen Reporter schienen sogar noch vehementer als Ralph Gleason in seiner Kolumne darauf zu dringen, dass die Stones eine Verpflichtung der Öffentlichkeit gegenüber hätten, die schließlich neuerdings weitgehend nach dem Image der Stones geformt war. Aber damit hatten die Stones in all ihrer Unabhängigkeit anscheinend noch nie geliebäugelt und wieder umging Mick das Thema: „Wenn wir das Gefühl haben, wir müssten etwas in dieser Richtung tun, dann werden wir es auch tun. Ich lasse diesbezüglich alle Möglichkeiten offen und bitte das zur Kenntnis zu nehmen. Aber ich lege mich nicht fest.“
„Und wie geht es Marianne Faithfull?“ fragte Rona Barrett Mick. Hätte man es nicht besser gewusst, man hätte annehmen können, sie sei die einzige Reporterin, die sich für das Privatleben der Stones interessierte.
Drei Tage nach dem Tod von Brian Jones hatte Marianne Faithfull, Jaggers „ständige Begleiterin“ während der vergangenen zwei Jahre, die sich gerade mit Mick in Australien aufhielt, um in einem Film mitzuwirken, in den Spiegel geblickt und nicht ihr eigenes Gesicht gesehen, sondern das von Brian. Dann nahm sie eine Überdosis Schlaftabletten. Nur Glück und sofortige medizinische Behandlung retteten ihr Leben. Nachdem sie sich in Australien und der Schweiz erholt hatte, war sie in Micks Haus in London zurückgekehrt, wo sie sich nun vernachlässigt fühlte.
„Es geht ihr gut“, sagte Mick zu Rona. „Und wie geht’s Ihnen?“
Rona ließ sich nicht entmutigen und wollte wissen, ob Mick irgendwelche Pläne habe, für ein öffentliches Amt zu kandidieren: „Ich fühle mich nicht sehr messianisch“, sagte er lachend.
Weitere Fragen über Festivals und Gratiskonzerte wurden gestellt. Das Thema ließ sich einfach nicht beiseite schieben. Die Popfestivals, diese gewaltigen Zurschaustellungen von Drogen, Sex und Musik, hatten die öffentliche Meinung in diesem Jahr entweder in empörte Aufregung oder in Begeisterung versetzt, in jedem Fall aber stark beschäftigt. Das große Spektakel des vergangenen Jahres war die Polizeibrutalität in Chicago während des Konvents der Demokraten gewesen; im Jahr davor hatten die Massenmedien den unter jungen Menschen weitverbreiteten Gebrauch von psychedelischen Drogen entdeckt. Heuer hatte es an Orten wie Woodstock, Hyde Park, Atlanta, Denver, Isle of Wight oder Dallas riesige Musikfestivals gegeben, wo die Leute nichts zahlten, auch wenn Karten eigentlich verkauft wurden, wo sie nackt herumliefen, öffentlich Drogen konsumierten und Sex hatten – und das alles fast ohne Verhaftungen, weil es außer einem Krieg keine Möglichkeit gegeben hätte, Hunderttausende von Menschen festzunehmen. Es sah so aus, als wären die Kinder des Zweiten Weltkriegs zu einer Macht herangewachsen, der die traditionelle Gesellschaft möglicherweise keinen Einhalt mehr gebieten konnte. Es sollte, so sagte Keith über die Festivals, „zehnmal mehr davon geben“. „Aber“, wollte jemand noch immer wissen, „was ist jetzt mit den Preisen der Tickets für die Rolling-Stones-Konzerte?“




