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Mick, Keith und Sam Cutler begannen gleichzeitig zu sprechen, hörten gemeinsam auf und Sam sagte: „Dürfte ich nur das eine sagen: die Prickets …“ Und Keith küsste ihn auf die Wange. (Prickets: unübersetzbares Wortspiel mit „prick“ = Schwanz, Stich, „pricket“ = Schwänzchen).
Sie waren trotz allem eben immer noch die Rolling Stones. Mick hielt eine kleine Rede, die Fragen versiegten und Mick sagte: „Danke vielmals, Leute.“ Und dabei klang er wie Merriman Smith, der verstorbene Pressesprecher des Weißen Hauses, beim Beenden einer Pressekonferenz des Präsidenten.
Die Stones verließen den Saal. Am Ende hatte Mick noch betont: „Wir machen diese Tour nicht des Geldes wegen, sondern weil wir in Amerika spielen und eine Menge Spaß haben wollen. Mit diesen ganzen wirtschaftlichen Angelegenheiten haben wir echt nichts zu schaffen. Ich meine, man ist entweder ein Sänger und das alles oder man ist ein verdammter Ökonom. Es tut uns leid, wenn es sich einige Leute nicht leisten können, zu unseren Konzerten zu kommen. Aber wir wüssten nicht, dass diese Tour teurer als andere ist. Ihr werdet uns in dieser Hinsicht auf dem Laufenden halten müssen.“ Das wirkte wie ein ernsthafter Schritt, da die Stones es bisher immer vermieden hatten, sich von anderen Leuten sagen zu lassen, was sie zu tun hätten.
Steckler, Sandison, Jo und ich trafen die Stones in der Suite von Bill Wyman, wo es im Wohnzimmer um die nicht unwichtige Frage ging, ob die Stones vor dem Start der Tournee eine Single aus dem neuen Album veröffentlichen sollten. Steckler schlug vor, die auf dem Album enthaltene Countryversion von „Honky Tonk Women“, ihrer letzten Single, zu veröffentlichen, womit sie die erste Band würden, die den gleichen Song zweimal hintereinander auf den Markt brachte.
Jagger schlug vor, den Titelsong „Let It Bleed“ herauszubringen, „wenn ihn irgendwer im Radio spielen würde“.
„Nicht mit diesem Text“, sagte Jo.
„Na ja, der ist nicht einfach nur ordinär, ich mein’, der ist zweideutig“, sagte Mick.
„‚If you want someone to cream on, you can cream on me‘ ist ziemlich eindeutig“, sagte Jo.
„Wir müssen uns auch darauf einigen, mit welchen Presseleuten du sprechen wirst“, meinte Steckler und nannte etliche regelmäßig erscheinende Zeitschriften, die um Interviews ersucht hatten.
„‚Saturday Review‘, was ist das für ’n Blatt?“ fragte Mick.
„Das stumpfsinnigste Magazin in ganz Amerika“, sagte ich. „Stumpfsinniger als die ‚Saturday Evening Post‘. Stumpfsinniger als ‚Grit‘.“
„Das geht dann in Ordnung.“
Das Meeting war kurz; nichts wurde beschlossen – außer zu versuchen, ein paar weitere Tage am Leben zu bleiben. Keine Strategie, kein Plan.
Nach unserer Rückkehr ins Oriole-Haus und einem Lunch aus Schinkensandwiches und Bier besuchten Steckler, Sandison und ich das Haus im Laurel Canyon. Ein untersetzter junger Mann namens Bill Belmont, der zu Chip Monks Bühnencrew gehörte, fuhr mit uns in der Limousine mit und machte uns wie ein Reiseführer, der davon träumt, ein Pressesprecher zu sein, auf die Sehenswürdigkeiten aufmerksam: „Die Hütte dort, das ist Frank Zappas Haus, hat einmal Tom Mix gehört. Das Haus, zu dem wir hinfahren, wo jetzt die Stones sind, gehörte einmal Carmen Miranda und danach Wally Cox, und dann hat es Peter Tork von den Monkees gehört, und jetzt gehört es Steve Stills. Auch David Crosby hat dort eine Weile gelebt. Ich kann euch alles erzählen. Habt ihr den Artikel über die Doors im ‚Rolling Stone‘ gelesen? Der ist eigentlich von mir, denn ich hab’ dem Typen den ganzen Artikel erzählt. Er hat nur aufgeschrieben, was ich gesagt habe.“
An einer unbefestigten Straße am Abhang des Laurel Canyon befand sich zwar ein Tor, aber es war offen, und wir fuhren hinauf, umgeben von den dunkelgrünen Wänden des Tals. Das Haus war aus Stein, hatte einen Swimmingpool und eine große gepflasterte Auffahrt, in der zwei Limousinen und zwei Mietwagen parkten. Vom hinteren Ende des Hauses her konnte man über den Pool die gedämpften Klänge von elektrischen Gitarren und einer Mundharmonika hören.
Neben der Auffahrt wuchs ein Zitronenbaum und die Clowns, in deren Gesellschaft ich mich befand, vergnügten sich damit, Zitronen abzureißen und herumzuwerfen. Nur um mich nicht auszuschließen, warf ich auch eine oder zwei Zitronen, aber ich komme aus einem Ort, wo die Leute arm, aber stolz sind, und ich habe keine Freude daran, mit Essen zu werfen – es sei denn, ich will jemanden damit treffen.
Nach einer Weile gingen wir ins Haus, einem Räubernest aus Holz, Leder und Stein, mit Steinböden, einem großen steinernen Kamin und nichts, was dem Ganzen einen etwas weicheren Touch gegeben hätte. Die Küche verfügte über einen Kühlschrank, der so groß war wie jene in den Läden von Arbeitercamps bei Ölbohrstellen, nur dass in diesem hier anstelle von Schweinehälften und Riesenorangen Bier eingelagert war. Wir tranken ein paar Heinekens und warteten auf das Ende der Probensession. Belmont, Steckler und Sandison hingen auf Sesseln faul im Wohnzimmer herum. Ich hatte keine Ahnung, warum sie eigentlich hier waren. Ich war gekommen, um mit Keith und Mick über den Brief zu reden, den ich benötigte, um einen Verleger zu finden, weiterleben zu können, ein Buch zu schreiben. Ich legte mich auf eine Ledercouch, schaute zum Fenster hinaus und sah ein kleines braunes Rehkalb, das den Abhang herabkam.
Die Musik im hinteren Teil des Hauses hörte bald auf und die Stones kamen aus dem Proberaum. Ich folgte Keith in die Küche. Er öffnete eine 35-Millimeter-Filmdose, entnahm ihr mit einem kleinen Löffel ein Häufchen weißer Kristalle und bemerkte mich erst, als er den Löffel schon halb am Ziel hatte. Seine Hand hielt inne, ich sagte: „Erwischt“, und er zuckte die Achseln, hob den Löffel und schnupfte. Dann fragte ich: „Ähm, Keith, was ist mit dem, äh, Buch?“
„Ich muss mit Mick darüber reden.“
Die Zeit verging, nichts geschah. Im Wohnzimmer lungerten die Leute noch immer herum. Keith stand da, die eine Hand locker auf seinen nach vorne durchhängenden Hüften, die andere stopfte eine Bierflasche in seinen Mund und ließ ihn wie ein Baby mit Nuckelflasche aussehen. Ich fand Mick direkt vor der Tür des Proberaums am Klavier sitzend vor. „Was ist mit dem Buch?“ fragte ich.
„Ich muss mit Keith darüber reden.“
Dann ging ich zu Keith zurück und sagte: „Hast du schon mit Mick gesprochen? Wir müssen gehen.“
„Hey“, sagte Keith zu Mick, der gerade vorbeiging, „was ist mit diesem Buch?“
„Was soll damit sein?“
Sie schlenderten in die Küche, als das Tageslicht gerade verblasste. Endlich brachen wir dann wirklich auf und ich fragte Keith: „Na?“
„Du schreibst den Brief“, sagte er, „und wir werden ihn unterschreiben.“
So weit, so gut, dachte ich, während ich, zurück im Oriole-Haus, Bouillabaisse aß. Ich hatte noch nie zuvor Bouillabaisse gegessen und sie schmeckte mir. Ich überlegte mir noch immer, was ich als nächstes tun sollte. Den Brief schreiben und sie unterzeichnen lassen. Und was dann? Werden sie mich in Ruhe lassen, um einen Vertrag abzuschließen und ein Buch zu schreiben?
Ich versuchte, die Bouillabaisse und diese Fragen zu verdauen, während ich nach dem Dinner mit Jo, Sandison, Steckler und der Watts-Familie zusammensaß. Die Nacht war kühl und im Kamin machten vier Gasdüsen einem Haufen Holzscheite den Garaus. Ein paar Leute kamen vorbei, einer mit einer großen Phiole Koks, und so blieben, als dann alle anderen zu Bett gegangen waren, Sandison, Steckler und ich noch auf und redeten. Steckler enthielt sich des Kokains, war aber allein schon deshalb aufgedreht, weil er von daheim fort war. Er war in den späten Dreißigern, im Rahmen dieser Gruppe also ein älterer Mann, und er arbeitete für Allen Klein, der als Manager der beiden beliebtesten Acts der Welt, der Beatles und der Rolling Stones, wahrscheinlich der mächtigste Mann im Showbusiness war. Aber so nahe an all dieser Macht und dem ganzen Geld wirkte Steckler irgendwie naiv, er schien Dichtung und Wahrheit der Rockmusik für allzu bare Münze zu nehmen. Seine braunen Haare waren ordentlich geschnitten; er hatte ein babyrosa Gesicht und aufrichtige Augen, die sicher viele unliebsame Dinge tun, aber nie jemand belügen würden.
„Wer ist eigentlich Schneider?“ fragte ich ihn, als die Scheite zu weißem Pulver verbrannt waren und das Feuer nur noch aus vier Strahlen blauer Flammen bestand.
„Kleins Neffe.“
„Und außerdem?“
„Bis vor ein paar Wochen hat er für Klein gearbeitet. Sie hatten eine Meinungsverschiedenheit und Ronnie hat seine eigene Firma, die Rolling Stones Promotions, gegründet, um diese Tournee zu veranstalten.“
„Was macht er außer dieser Tour für die Rolling Stones?“
„Absolut nichts“, sagte Steckler.
Nachdem alle schlafen gegangen waren, trug ich eine Schreibmaschine vom Büro in die Küche, schloss alle Verbindungstüren und schrieb mir selbst einen Brief von den Rolling Stones, in dem sie mich ihrer Zusammenarbeit versicherten. Ich tippte ihre Namen unten hin und ließ Platz für ihre Unterschriften. Dann trug ich die Schreibmaschine zurück und ging auf Zehenspitzen zu Bett.
4
Eines Abends kommt dieser Kerl in die Bar spaziert, mit seiner seitlich aufgesetzten Kappe, verstehst du. Und das ist Elmore.
Warren George Harding Lee Jackson: „Living Blues“
valentino, eine grau gefleckte Tigerkatze, die einmal Brian gehört hatte, gähnte und streckte sich auf der Terrasse. Keith und ich saßen auf einem marokkanischen Teppich im Garten neben dem Haus; der neun Monate alte Marlon, der 1969 geboren wurde, krabbelte nackt im Gras herum und kleine gelbe Stückchen Babykot schossen aus seinem Hintern. Seine Mutter Anita, deren Augen Funken sprühten, hielt sich noch oben im mit Wandteppichen geschmückten Schlafzimmer auf, wo sie und Keith schliefen und auf der Kommode ein kleines Foto von Brian in einem Silberrahmen stand. Auf der Innenseite des Klodeckels der Toilette im Untergeschoß befand sich eine Collage aus Fotos der Rolling Stones. Diese Leute hielten mit nichts hinterm Berg. Als ich die erste Nacht in Keiths Haus verbrachte, warf Anita eine Decke neben mich auf das Kissen, wo ich lag. „Du brauchst kein Leinen, oder?“ fragte sie.
„Nein, es geht schon“, sagte ich.
„Mick besteht auf Leintücher“, sagte sie, „schreib’s in das Buch.“
Redlands, ein strohgedecktes, sieben Jahrhunderte altes Haus in der Nähe von Dover an der englischen Südküste, diente Keith Richards seit 1965 als Landsitz. 1967 war er hier zusammen mit Mick Jagger verhaftet worden. An diesem Morgen erschien der Ort im blassen Sonnenlicht des Frühlings wie ein Hospital für Veteranen und Keith und ich wirkten wie zwei alte Soldaten, die regelmäßig ihre Medizin nehmen und über die alten Zeiten reden.
„Die Familie meines Urgroßvaters ist im neunzehnten Jahrhundert von Wales nach London gekommen“, sagte Keith, „und daher war mein Großvater, der Vater meines Vaters, ein Londoner. Seine Frau, meine Großmutter, war während des Krieges Bürgermeisterin von Walthamstow, einer Stadtgemeinde von London. Das war der absolute Höhepunkt des Ruhms der Familie. Sie waren sehr puritanische, sehr gradlinige Leute und sind jetzt beide schon tot. Aber dann war da noch Gus, mein Großvater mütterlicherseits, Theodore Augustus Dupree. Er war ein kompletter Freak. In den Dreißigern hatte er eine Tanzband, spielte Saxophon, Geige und Gitarre. Der abgedrehteste und verrückteste Alte, den man je treffen kann. Diese Seite der Familie kam von den Kanalinseln nach England. Sie waren Hugenotten, französische Protestanten, die man im 17. Jahrhundert aus Frankreich vertrieben hatte. Und Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Vater von Gus nach Wales, nach Monmouth.“
Und er erzählt weiter: „Gus war so lustig. Er hatte sieben Töchter, die immer ihre Freunde mit nach Hause brachten und dann steif und förmlich herumsaßen, während er im oberen Stockwerk Kondome aus dem Fenster baumeln ließ. Es gibt so viele Geschichten über ihn, dass ich mich nicht einmal an eine einzige hieb- und stichfeste Story erinnern kann. In den späten Fünfzigern spielte er Fiedel in einer Country-&-Western-Band und tingelte durch die amerikanischen Luftwaffenstützpunkte in England. Er ist ein Freund von Yehudi Menuhin. Gus bewunderte ihn und musste ihn einfach kennenlernen. Er ist einer dieser Jungs, die sich immer alles, was sie wollen, irgendwie ergaunern können. Ich könnte mir vorstellen, dass er ein wenig wie Furry Lewis ist. Und vom Zusammenleben mit all seinen Frauen hat er einen echten Sinn für Humor. Denn mit acht Frauen im Haus wird man entweder verrückt oder man lacht darüber. Es war übrigens seine Gitarre, auf die ich als Kind abgefahren bin. Meine Großmutter spielte mit meinem Großvater immer Klavier, bis sie ihn, glaube ich, eines Tages beim Herummachen mit einer anderen Frau erwischte, was sie ihm nie verziehen hat. Sie weigerte sich von diesem Zeitpunkt an, das Klavier wieder anzurühren und sie hat es bis zum heutigen Tag nicht mehr gespielt, seit den dreißiger oder vierziger Jahren. Ich glaube, sie hat sich seither sogar geweigert, mit ihm zu bumsen. Sehr eigenartig.“
Keiths Eltern waren schon lange zusammen, bevor sie heirateten. „Ich glaube, sie lernten einander 1934 kennen, vielleicht sogar 1933, und 1936 haben sie geheiratet. 1963 trennten sie sich. Das ist, was mich anbelangt, der sonderbare Teil der Geschichte. Sie haben sich gleich getrennt, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, faktisch innerhalb von Monaten. Ich denke, das liegt hauptsächlich daran, dass mein alter Herr im Zusammenleben mit einer Frau unvorstellbar langweilig sein kann. Er arbeitet nach wie vor in einer Firma der Elektronikbranche, als Vorarbeiter oder so. Er hat sich dort hochgearbeitet, seit seinem einundzwanzigsten Lebensjahr. Immer sehr sittenstreng, prüde – niemals betrunken, sehr kontrolliert, sehr unlocker. Ich muss schon sagen, dass er sehr unlocker war. Das Seltsame ist, dass ich, weil ich ihn noch immer mag, gewisse Dinge an ihm ziemlich liebenswert finde. Aber der Bastard will nichts mehr mit mir zu tun haben, seit er sich von meiner Mutter getrennt hat – ich glaube, weil ich zu meiner Mutter nach der Trennung noch immer ein gutes Verhältnis hatte. Da hat er sofort zugemacht. Ich hab’ ihm ein paarmal geschrieben. Zum Beispiel, als ich eingebuchtet wurde, weil ich ihm die Angelegenheit erklären wollte; ich wollte nicht, dass er das alles aus den Zeitungen erfährt. Aber ich habe keine Antwort bekommen, was mich ziemlich frustriert hat. Hab’ seit 1963 nichts von ihm gehört. Sieben Jahre.“
„Standest du ihm als Kind sehr nahe?“
„Nein, es war nicht möglich, ihm besonders nahe zu kommen; er konnte sich nicht öffnen. Aber er war immer gut zu mir.“
„War er streng, als du älter wurdest, beispielsweise wenn du ausgehen wolltest?“
„Er versuchte es. Aber ich glaube, er gab es dann auf – wegen meiner Mutter, die den Hang hatte, mir nachzugeben, besonders als ich älter wurde. Und … ich glaube, er hat mich einfach aufgegeben. Ich habe ihn unglaublich enttäuscht.“
„Du hast dich als Dupree entpuppt statt als Richards …“
„Genau. Ich bin wirklich nicht einmal annähernd so geworden, wie er es gewollt hätte.“
„Wo lebt er?“
„Soviel ich weiß, immer noch dort, wo wir alle gelebt haben, in diesem furchtbaren, gottverdammten Gemeindewohnhaus in Dartford. Das ist achtzehn Meilen Richtung Osten am Stadtrand von London, gleich außerhalb der Vororte, wo die ländliche Gegend beginnt. Er hat es wirklich nicht verstanden, auch nur irgendwas zu riskieren. Dieser gottverdammte, seelenzerfressende Gemeindebau. Eine Mischung aus schrecklichen Wohnblocks und fürchterlichen neuen Straßen voller Doppelhäuser, alle in einer Reihe, alle neu, ein echter Betondschungel, ein wirklich geschmackloser Ort. Und weil er so rein gar nichts riskieren wollte, unternahm er nicht einmal den Versuch, uns dort rauszukriegen, was meiner Mutter, soweit es ihn anging, schließlich den Rest gegeben hat. Ich werde ihn eines Tages besuchen gehen müssen, und sei es nur, weil ich nicht so verbohrt sein werde wie er. Eines Tages werde ich ihn mir einfach schnappen und versuchen, zu ihm durchzudringen, ob es ihm passt oder nicht.“
„Er hat nicht wieder geheiratet?“
„Nicht dass ich wüsste. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass er sich genug zusammenreißt, um eine andere Frau zu finden. Er wird eher verbittert bleiben und sich selbst bemitleiden. Es ist eine Schande. Was mich anbelangt, hätte ich ihn gerne hier. Er ist ein Gärtner, er könnte sich um das Anwesen kümmern und er würde es gerne tun, wenn er wirklich ehrlich zu sich selbst wäre. Und ich würd’ wirklich drauf steh’n, wenn er einfach hier leben und sich um alles kümmern würde.“ (Zehn Jahre später gliederte Keith seinen Vater tatsächlich wieder der Familie ein, allerdings ohne vorgetäuschtes Gefühl von beiden Seiten. Als Bert Richards 1983 in Keiths Haus auf Jamaika ein Telefonat entgegennahm, sagte der anrufende Freund: „Sie müssen sehr stolz auf ihn sein.“ – „Na ja …“, meinte sein Vater, der sich nicht festlegen wollte.)
„Wie war deine Einstellung zur Schule?“
„Ich wollte verdammt noch mal nichts wie raus. Je älter ich wurde, desto mehr wollte ich weg. Ich wusste einfach, dass ich es nicht schaffen würde. In der Primary School hatte man nicht allzuviel zu tun, aber als ich später diese verdammte Technical School in Dartford besuchte, war die Gehirnwäsche ganz offensichtlich. Vom fünften bis zum siebten Lebensjahr ging ich in die Primary School, die erste Stufe der Grundschule, die zumindest damals in England ‚Kinderschule‘ genannt wurde. Als ich gleich nach dem Krieg eingeschult wurde, lehrten sie die grundlegenden Dinge, aber hauptsächlich war es eine Indoktrination, wer zu wem ja zu sagen hatte und wie man sich in die Klasse einfügen sollte. Darauf hat man sich also für die nächsten zehn Jahre eingelassen. Mit sieben geht man dann in die Junior School. Dort, in der Wentworthschule, habe ich Mick kennengelernt. Er wohnte zufällig in der Nähe und wir haben einander oft in der Nachbarschaft gesehen … auf unseren Dreirädern. In der Junior School werden die Kids jedes Jahr in drei Gruppen eingestuft – schnelle, durchschnittliche und langsame. Mit elf machst du eine Prüfung, die ‚Elf-Plus‘ heißt und ein großes Trauma darstellt, weil sie tatsächlich den Rest deines Lebens bestimmt, soweit es das System betrifft. Heutzutage ist wahrscheinlich mehr Psychologie im Spiel, aber damals wollten sie nur sehen, wieviel man gelernt hatte und ob man es niederschreiben konnte. Das entschied dann darüber, ob man in die Grammar School ging, wo man eine Art semiklassischer Ausbildung für die breite Masse bekommt – oder in eine sogenannte Technical School, in die es mich verschlug und die eigentlich für Kids ist, die normalerweise ziemlich intelligent sind, sich aber mit dem Akzeptieren von Disziplin etwas schwertun. Die Schule für jene Kinder, die kaum Chancen haben, etwas anderes zu tun, als sich als Arbeiter oder Hilfsarbeiter ihr Brot zu verdienen, nennt man Secondary Modern. Für diejenigen, die das Geld dafür hatten, gab es noch jede Menge privater Internate, aber das war das staatliche Ausbildungssystem. Nach meinem elften Lebensjahr verlor ich den Kontakt zu Mick, da er in eine Grammar School ging und ich die Technical School besuchte. Ich verlor ihn aus den Augen – für ungefähr sechs Jahre, was mir lange vorkam.“ Keith Richards, der jüngste der originalen Rolling Stones, wurde am 18. Dezember 1943 geboren. Michael Philip Jagger erblickte im selben Jahr und in derselben Stadt, Dartford, am 26. Juli das Licht der Welt. Mit vier Jahren war Micks Mutter von Australien, wo sechs Generationen ihrer Familie gelebt hatten, nach Dartford gekommen. „Die Frauen in meiner Familie sind nach Australien gegangen, um von den Männern wegzukommen“, sagte sie. Sie heiratete Joseph Jagger, einen Turnlehrer, der aus einer streng antialkoholisch eingestellten nordenglischen Baptistenfamilie nach Dartford gekommen war. Von frühester Jugend an war ihr Sohn Michael an Leichtathletik und am Geldverdienen interessiert.
„Als ich zwölf Jahre alt war“, sagte Mick, „habe ich auf einem amerikanischen Armeestützpunkt in der Nähe von Dartford gearbeitet und anderen Kindern Turnunterricht gegeben – weil ich gut darin war. Ich musste ihre Spiele lernen, also habe ich Football und Baseball gelernt, all die amerikanischen Spiele. Es gab da einen schwarzen Typen namens José, einen Koch, der mir R&B-Platten vorspielte. Das war das erste Mal, dass ich schwarze Musik hörte. Es war in der Tat mein erstes Zusammentreffen mit amerikanischem Gedankengut. Sie begruben eine Flagge, ein Stück Stoff, mit allen militärischen Ehren. Ich fand das lächerlich und sagte es auch. Sie fragten: ‚Wie würdest du es empfinden, wenn wir etwas über die Queen sagen würden?‘ Ich antwortete: ‚Es wäre mir egal, ihr würdet ja nicht über mich reden. Der Queen würde es vielleicht etwas ausmachen, mir nicht.“
Wir unterhielten uns an vielen verschiedenen Orten – bei Filmdrehs, in Motelzimmern, in Flugzeugen, in Micks Haus am Cheyne Walk, während Marsha Hunt, die afroamerikanische Schauspielerin, mit Micks erstem Kind schwanger war und ihren Busen unter einem indischen Hippiekleid mit Klebeband befestigt hatte und auch im nur ein paar Schritte entfernten Haus wohnte, das Keith in London gehörte.
„Diese Technical School war das komplett falsche Ding für mich“, sagte Keith. „Mit den Händen arbeiten, mit Metall arbeiten. Ich kann nicht einmal ordentlich ein Inch abmessen und die zwangen mich, eine Reihe von Löchern zu bohren, auf ein Tausendstel Inch genau. Ich habe getan, was ich konnte, damit sie mich rauswarfen. Ich habe vier Jahre gebraucht, aber ich habe es geschafft.“
„Du wolltest hinausgeworfen werden? Indem du geschwänzt hast?“
„Das nicht so sehr, denn dafür tun sie dir zuviel an. Es erschwert das Leben. Ich wollte es mir leichter machen. Damals brach gerade der Rock ’n’ Roll über die Szene herein, und das spielte auch eine gravierende Rolle in meiner Entscheidung. Die erste Rock ’n’ Roll-Platte, auf die ich echt abgefahren bin, war ‚Heartbreak Hotel‘.“
„Hast du den Film ‚Blackboard Jungle‘ gesehen?“
„Yeah, das war die erste Teddy-Boy-Szene mit Sesselzertrümmern. Ich war damals sehr jung. Ich absolvierte also das erste Schuljahr, das zweite, das dritte, und am Ende des dritten Jahres hatte ich so viel Mist gebaut, dass ich es wiederholen musste; sie wollten mir eins auswischen. Ich hab’ also das dritte Jahr wiederholt, dann das vierte absolviert, und am Ende des vierten Jahres – alle anderen waren schon mit dem fünften fertig – trieb ich es so auf die Spitze, dass sie mich endlich rauswarfen – wobei der Höhepunkt eine ganze Serie von Schwänzereien war, die sie sich von mir nicht bieten ließen. Es ging darum, dass ich immer viel zu früh von der Schule abhaute und generell immer das genaue Gegenteil darstellte von dem, was ihren Anforderungen entsprochen hätte. Ich trug zum Beispiel immer zwei Paar Hosen zur Schule – eine, die sehr eng war und eine weit geschnittene, die ich überzog, sobald ich mich der Schule näherte, weil sie dich mit engen Hosen wieder heimschickten. An den englischen Schulen musste man die Schul-Uniform tragen. Die Kappe, ein sehr eigenartiges Ding, wie eine Schädeldecke mit Zipfel dran und dem Schulabzeichen vorne drauf. Und einen dunklen Blazer mit einem Aufnäher auf der Brusttasche, dazu eine Krawatte und graue Flanellhosen. Ich weigerte mich, den Schulweg in diesen verdammten Klamotten zurückzulegen. Aber bei meinem Hinauswurf besorgten sie mir als eine letzte wohltätige Geste einen Platz an der Kunstschule.“
Das war das Beste, was die Schulverwaltung überhaupt für Keith tun konnte, „weil die Kunstschulen“, so fährt er fort, „in England sehr abgetreten sind. Die Hälfte der Lehrer arbeitet sowieso in Werbeagenturen und um der Kunst und des Extraverdienstes willen unterrichten sie vielleicht einen Tag in der Woche. Freaks, Säufer, Kiffer. Außerdem gibt’s viele Kids. Ich war fünfzehn, viele Kids waren mit neunzehn im letzten Jahr. In den Kunstschulen ist in puncto Musik ziemlich viel los. Dort verfiel ich auch der Gitarre, weil es viele Gitarristen gab, die alles von Big Bill Broonzy bis Woody Guthrie gespielt haben. Ich fuhr auch auf Chuck Berry ab, obwohl ich das typische Kunstschulenzeugs gespielt habe, den Guthrie-Sound und den Blues. Nicht wirklich Blues, meist Balladen und Material von Jesse Fuller. In der Kunstschule lernte ich Dick Taylor, einen Gitarristen, kennen. Er war der erste Typ, mit dem ich spielte, etwas Blues und Chuck-Berry-Nummern auf Akustikgitarren, und damals hatte ich dann auch einen ersten kleinen, mistigen Verstärker. Es gab da noch einen anderen Typen namens Michael Ross in der Kunstschule, der eine Country-&-Western-Band gründete – echte Liebhaber, die Nummern von Sanford Clark und ein paar Songs von Johnny Cash spielten, ,Blue Moon Of Kentucky’. Das erste Mal, dass ich eine Bühne betrat und spielte, das war mit dieser C&W-Band. Ich erinnere mich an einen Auftritt bei einem Sport-Tanzfest in Eltham, nahe Sidcup, wo die Kunstschule war.“




