- -
- 100%
- +
6
Eines Abends entdeckten wir im Empire, aufgekratzt und verwundert, die Ragtime-Musik, die uns drei junge Amerikaner, die beiden Hedges Brothers und Jacobson, gebracht hatten. Das war, als hätten wir noch immer im neunzehnten Jahrhundert gelebt und uns dann plötzlich mit dem uns anstarrenden und anschreienden zwanzigsten Jahrhundert konfrontiert gesehen. Wir wurden in unser eigenes, faszinierendes, mit Urwald-Flair behaftetes und monströses Zeitalter katapultiert. Wir waren daran gewöhnt, dass man in den Music-Halls aus Leibeskräften und voller Lebensfreude für uns gesungen hatte, aber die synkopierte Raserei dieser drei jungen Amerikaner war etwas gänzlich anderes. Vor Schweiß glänzend drängten sie sich dem Publikum förmlich auf, sie forderten uns heraus, dem Rhythmus zu widerstehen, während sie uns Schritt für Schritt in ihren Bann zogen und uns in ein anderes Leben skandierten und trommelten, in dem alles passieren konnte.
J. B. Priestley: „The Edwardians“
„wir reden also mit Brian“, sagte Keith, „und er zieht mit seinem Mädchen und seinem Baby nach London. Mit seinem zweiten Baby; sein erstes war von irgendeinem anderen Mädchen. Er hatte sie verlassen und in Cheltenham wirklich abgewirtschaftet. Er kann da einfach nicht länger bleiben, er sieht schon die Gewehre auf sich gerichtet – also übersiedelt er in die Stadt.“
Alexis Korner erzählt: „Er kam immer an den Wochenenden und ich sagte: ‚Halt durch, Mann, bis du ein wenig Geld beisammen hast und komm dann nach London.‘ Korner, ein Sänger und Gitarrist, war einer der ersten Europäer, der die Musik der amerikanischen Country-Blues-Künstler spielte. Brian begann sich für den Blues zu interessieren und Gitarre zu spielen, nachdem er von der Klarinette zum Altsaxophon gewechselt und in einer Band aus Cheltenham namens Ramrods gespielt hatte.
„Ich hatte Brian schon früher kennengelernt“, sagte Korner, „denn während ich mit der Chris Barber Band arbeitete und gelegentliche Konzerte spielte, waren wir auch einmal in Cheltenham, und Brian kam nach dem Konzert zu mir und fragte, ob er mich sprechen könnte. So haben wir einander getroffen. Er kam für gewöhnlich an Donnerstagen und Wochenenden in den Ealing Club und spielte gelegentlich ein wenig mit. Brian hielt Cheltenham nicht aus. Er hatte einfach einen Horror vor Cheltenham, hielt die restriktive Atmosphäre nicht aus. Er kam nicht mit den Einschränkungen klar, die seine Familie seinem Denken und Benehmen auferlegte. Darum kam er nach London, bäng, einfach so! Jedes Wochenende warnte ich: ‚Um Gottes Willen, Brian, halt noch ein wenig aus, tauch nicht plötzlich in London auf, es ist ein sehr hartes Pflaster.‘ Aber letztlich blieb meine Wochenendquasselei dann doch wirkungslos und Brian kam nach London. Eines Tages sagte er: ‚Ich verlasse Cheltenham, kann ich mich bei euch einquartieren?‘ Er stieg also bei uns ab. Ein paar Nächte schlief er auf dem Boden und dann fand er eine eigene Bleibe und ging bei Whiteley’s, einem Geschäft in Queensway, arbeiten.“
Korner fährt fort: „Mick schickte mir ein Band mit Material, das er mit Keith aufgenommen hatte, Versatzstücke von Bo-Diddley- und Chuck-Berry-Nummern. Entweder habe ich per Brief geantwortet oder wir haben uns telefonisch kurzgeschlossen – jedenfalls kam er bei mir vorbei. Mick war fast von Anfang an in den Club in Ealing involviert, hing herum und wartete darauf, seine drei Songs pro Abend zu singen. Wenn wir Gewinn machten, bekam Mick dreißig Shilling, um nach Dartford zurückzufahren, wenn nicht, dann nicht. Keith war ein sehr stiller Gitarrist, der gelegentlich mit Mick zusammen aus Dartford kam. Er machte nicht bei jedem Auftritt mit, war aber meistens anwesend. Das lief alles sehr locker ab. Im herkömmlichen Sinn war Mick damals ebensowenig ein guter Sänger, wie er jetzt einer ist – im herkömmlichen Sinn, wie gesagt. Aber seine Persönlichkeit! Er schien einen Song stets mit voller Stimmkraft anzugehen. Er hatte diese enorme Ausstrahlung – und das ist es, worum es beim Blues geht, mehr als um die technischen Fertigkeiten; er hatte das schon immer. Ich habe noch ein frühes Foto von Mick in einer Weste mit Reißverschluß, mit Hemd und Krawatte und weiter Hose – Mick war sich schon immer absolut sicher, dass er das Richtige tat. Er war sehr kratzbürstig, weil er mit seiner Familie oft Streit hatte. Ich erinnere mich daran, dass mich seine Mutter eines Abends anrief und sagte: ‚Wir hatten immer das Gefühl, Mick sei das am wenigsten talentierte Mitglied der Familie. Glauben Sie wirklich, dass er mit der Musik Karriere machen kann?‘ Ich sagte ihr, dass ich sein Scheitern für geradezu unmöglich hielte. Sie glaubte mir nicht – sie sah nicht ein, wie ich eine solche Aussage machen konnte. Ich nehme an, dass sie das bis zum heutigen Tag nicht kapiert. Ich glaube nicht, dass sie jemals verstehen wird, warum er das ist, was er ist. Man weiß das über jemanden oder man weiß es nicht, und Blutsverwandtschaft hat damit rein gar nichts zu tun. Ich habe niemals irgend jemanden aus Micks Familie kennengelernt. Ich kam irgendwann mal mit Micks Vater ins Gespräch, aber es fällt mir sehr schwer, mit Turnlehrern zu reden. Er war Basketballer und ich sah ihn ein- oder zweimal bei Basketballspielen im Fernsehen als Schiedsrichter. Mick verließ Dartford immer mit einem Seufzer der Erleichterung, um sich in jene Umgebung zu begeben, wo er sagen konnte, was er wollte. Das war seinem Gefühl nach zu Hause nicht möglich.“
Am 19. Mai 1962 erschien in der Musikzeitschrift „Disc“ ein Artikel mit der Überschrift „Sänger steigt bei Korner ein“:
„Ein neunzehnjähriger Rhythm-&-Blues-Sänger aus Dartford namens Mick Jagger hat sich Alexis Korners Gruppe Blues Inc. angeschlossen und wird mit ihr regelmäßig bei den Auftritten am Samstagabend in Ealing und bei den Donnerstags-Sessions im ‚Marquee Jazz Club‘ in London singen. Jagger, der zur Zeit die London School of Economics besucht, spielt auch Mundharmonika.“
„Im Frühsommer“, sagte Keith, „beschloss Brian, eine Band auf die Beine zu stellen. Ich ging also zur Probe in einem Pub namens ‚White Bear‘, gleich beim Leicester Square neben der U-Bahn-Station – und da ist Stu. Das ist der Moment, in dem Stu auf der Bildfläche erscheint.“
Stu – Jan Stewart, ein Boogie-Woogie-Pianist – kommt aus einer schottischen Stadt gleich nördlich von England, aus Pittenweem, Fife. „Ich wollte immer diesen speziellen Pianostil spielen“, sagte Stu, „weil ich immer auf Albert Ammons stand. Die BBC hatte jeden Abend Jazzprogramme und eines Abends vor vielen Jahren öffnete mir das die Ohren. Bis dahin hatte ich angenommen, dass Boogie nur gut für Solopiano wäre, doch es gab da ein Programm, das ‚Chicago Blues‘ hieß. Ich erinnere mich nicht an bestimmte Platten, aber ich kann mich daran erinnern, dass sie diesen gewissen Pianostil mit Gitarren, Mundharmonika und einem Sänger spielten. Als dann eine Kleinanzeige in ,Jazz News‘ erschien, ein Kerl namens Brian Jones wollte eine R&B-Band formieren, traf ich mich mit ihm. Ich werde das niemals vergessen: Er hatte ein Album von Howlin’ Wolf laufen und so etwas hatte ich noch nie gehört. Ich dachte nur, jawoll, das isses. Er sagte: ‚Wir werden eine Probe machen.‘“
„Diese Probe war eine Niederlage“, sagte Keith. „Wir spielten mit Stu, Brian, einem Gitarristen namens Geoff und mit einem Sänger und Harmonikaspieler, den wir ‚Walk On‘ nannten, weil das der einzige Song war, den er konnte. Er hatte fettige rötliche Haare. Diese zwei Typen mochten mich nicht, weil sie der Meinung waren, dass ich Rock ’n’ Roll spielte, was ich auch tat. Aber sie mochten es halt einfach nicht. Stu mochte es, weil es swingt, und Brian gefiel es. Er wusste nicht, was er tun sollte – ob er mich rauswerfen und es mit diesen Typen versuchen sollte oder ob er die beiden rausschmeißen und dann wieder nur eine halbe Band haben sollte. Noch dachte keiner auch nur im Entferntesten daran, tatsächlich vor Publikum zu spielen. Alle waren noch immer sehr darauf aus, miteinander zu spielen, nur um zu versuchen, etwas auf die Beine zu stellen. Brian arbeitete. Er hatte ’nen Job in einem Plattengeschäft; aus einem anderen war er geflogen, weil er das eine oder andere hatte mitgehen lassen. Er beschloss, die beiden Kerle loszuwerden, was mir nur recht war, während ich inzwischen Mick dazu überredete, zur Probe zu kommen. Die bestritten nun Stu, ich, Mick, Brian und Dick Taylor am Bass, es gab keinen Schlagzeuger – Piano, zwei Gitarren, Harmonika und Bass. Mick begann, Harmonika zu lernen. Unsere Proben hatten wir in einem anderen Pub, im ‚Bricklayer’s Arms‘ in der Berwick Street. Das machte echt Spaß. Wahrscheinlich war es schrecklich, aber es swingte und wir hatten eine tolle Zeit. Die meisten Pubs im Westend haben oben oder hinten einen Raum, den sie an jedermann für fünf Shilling die Stunde oder fünfzehn Shilling pro Abend vermieten. Nur ein Raum, vielleicht mit einem Klavier drin, aber sonst nichts – nackte Bodenbretter und ein Klavier. Schachteln voller leerer Flaschen. Das war im Grunde genommen für den Rest des Sommers unser Zuhause. Wir probten zweimal die Woche, hatten keine Auftritte. Wenn ich mich nicht irre, traten zu dieser Zeit die ersten Fans auf den Plan. Ich verließ in dieser Periode die Kunstschule. Einmal versuchte ich, mit meiner schmalen Mappe einen Job zu bekommen und wurde von dem gleichen Typen, der später das Cover für ‚Let It Bleed‘ entwarf, prompt abgewiesen. Mick sang währenddessen, um ein wenig Geld zu verdienen und weil es ihm Spaß machte, noch immer mit Korner. Brian lebte mit Pat und seinem Kind in einem sehr verfallenen Keller, wo Schimmel und Schwämme aus den Wänden wuchsen. Und irgendwann in diesem Sommer passierte dann etwas wirklich Seltsames. Eines Abends wollte Mick, der einen Auftritt mit Korner gehabt hatte, Brian besuchen, wenn ich mich recht erinnere. Aber es war nur Brians Lady da. Mick war sehr betrunken und trieb es mit ihr … Das löste einen Schock aus; Brian war zuerst fürchterlich gekränkt und das Mädchen suchte das Weite. Aber letztlich kamen Mick und Brian dadurch einander sehr nahe, weil sie diesen emotionalen Aufruhr durchmachen mussten und sich dabei wirklich aufeinander einließen … Das hat also gewissermaßen das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. Mick engagierte sich noch immer sehr stark in der Schule und die Musik war für ihn nur ein fesselndes Hobby. Niemand nahm die Musik ernst – außer Brian, der es todernst meinte.“
Nach Brians Tod ging Alexis Korners Frau zu Whiteley’s, Brians erstem Arbeitgeber in London, und schlug vor, eine Gedenktafel anzubringen. „Die Leute reagierten völlig schockiert“, erzählt Korner. „Sie meinte, an Häusern, in denen berühmte Männer gelebt haben, werden Gedenktafeln angebracht mit Inschriften wie ‚Charles Dickens 1806‘. Sie sah nicht ein, warum man nicht auch in der Elektroabteilung eine Tafel anbringen sollte, die besagte, dass Brian Jones 1962 hier gearbeitet hat. Sie konnte sich keinen Grund vorstellen, warum man das nicht tun sollte.“
7
Meine Träume hatten während der ganzen Reise hartnäckig an ihrer Taktik festgehalten, Afrika zu negieren, indem sie sich ausschließlich mit heimatlichen Szenen illustrierten und damit den Eindruck erweckten, dass sie die Afrikareise nicht eigentlich als etwas Wirkliches, sondern vielmehr als eine symptomatische bzw. symbolische Handlung betrachteten, wenn es gestattet ist, die unbewussten Vorgänge so weit zu personifizieren. Diese Annahme wurde mir allerdings nahegelegt durch die anscheinend absichtsvolle Beiseiteschiebung auch der eindrucksvollsten äußeren Begebnisse. Nur ein einziges Mal während der ganzen Reise hatte ich von einem Neger geträumt. Sein Gesicht kam mir merkwürdig bekannt vor, aber ich musste lange nachdenken, bis ich herausfinden konnte, wo ich ihm schon einmal begegnet war. Schließlich fiel es mir ein: Es war mein Coiffeur von Chattanooga in Tennessee! Ein amerikanischer Neger! Im Traum hielt er eine riesige glühende Brennschere gegen meinen Kopf und wollte meine Haare „kinky“ machen, das heißt, er wollte mir Negerhaare andrehen. Ich fühlte schon die schmerzhafte Hitze und erwachte mit einem Angstgefühl.
C. G. Jung: „Erinnerungen, Träume, Gedanken“
anstatt mich wie sonst immer an der Bürotür vorbeizuschleichen, ging ich an diesem Morgen hinein, um Jo Bergman zu sagen, dass ich eine der zahlreichen Limousinen oder einen der Mietwagen brauchte. Sie fragte, wo ich hinwollte, und ich machte auf wichtig und sagte: „Muss ein paar Erledigungen machen.“ Jo sagte, sie müsse sich am Beverley Boulevard ein Haus für Bill Wyman ansehen und ich könne währenddessen einen Wagen benützen, wenn ich sie nur hinfahren und wieder abholen würde. (Jo konnte nicht fahren.) Ich kreuzte also in einem Oldsmobile die Santa Monica hinunter und den Beverley Boulevard hinauf, setzte Jo ab, fuhr zurück zu einem Kopier-Shop auf der Santa Monica und wartete, wobei ich mit den Autoschlüsseln klimperte, was wahrscheinlich nur dazu beitrug, dass die träge wie ein Rind wirkende Matrone in dem Shop noch langsamer agierte. Sie arbeitete genauso bedächtig wie die riesige Maschine, die summte und blitzte und schließlich grau gesprenkelte Kopien des Briefes der Stones ausspuckte. Ich zahlte einen Dollar fünfzig dafür, fuhr zum Postamt, schickte das Original per Spezial-Luftpost an die Literaturagentur und eine Kopie heim nach Memphis. Ich ging am Zigarettenstand des blinden Mannes vorbei hinaus zum Oldsmobile, fuhr den Sunset Strip hinunter und hielt nach einer Telefonzelle Ausschau. Da ich auf der Straße keine sah, hielt ich gegenüber vom „Playboy Club“, lief wie ein Mann in einer Spionagestory hinein und fragte die Bunny-Lady, die mich begrüßte, ob ich das Telefon benützen dürfte. Es war erst ungefähr elf am Vormittag und keine anderen Kunden waren anwesend, aber sie war in voller Montur – mit den sadomasochistisch hohen Absätzen, ganz in blauem Satin, den Busen hochgeschoben, als wären ihre Brüste zwei giftige Früchte, delikat aber unberührbar und auf einem Tablett dargeboten, und mit ihren Bunny-Ohren. Ich erzählte ihr, ich arbeite an einer Story für den „Playboy“ und müsse meine Agentur anrufen. Das klang überzeugend, und als ich das letzte Mal in Hollywood gewesen war, hatte ich tatsächlich für den „Playboy“ gearbeitet. Sie gab mir den Hörer und ging diskret ein paar Schritte auf Abstand, wobei ihr flauschiger weißer Hasenschwanz hüpfte.
Ich saß auf dem kleinen Bunny-Hocker, rief die Agentur an und erklärte dem ersten Assistenten, der berühmte Brief sei unterwegs, dass man Schneider wie ein Rudel Haie meiden müsse und dass man den Vertrag fürs Buch in einem neutralen Umschlag an das Oriole-Haus schicken solle. Dann machte ich mich auf den Weg zurück zu dem Haus am Beverly Boulevard, dessen rote Ziegel, Sträucher und orientalische Teppiche Jo für gut genug für Bill und Astrid hielt. Irgend etwas an diesem Haus wirkte ein wenig düster auf mich, aber das konnte auch nur eine negative Reaktion auf Jo sein, die auf dem Rückweg nach Oriole über ihren nervösen Ausschlag und ihren Kräuterdoktor redete, während sie eine Zigarette nach der anderen rauchte.
Im Oriole aß ich Sandwiches mit Cheddar-Käse und trank Bier zum Frühstück. Charlie wollte gerade zum Sunset Sound Studio aufbrechen und Sandison ging mit, weil er dort anscheinend einen Reporter vom „Saturday Review“ treffen sollte. Ich schloss mich ihnen an. Eine Limousine brachte uns hin und wir gingen die kleine Allee hinunter und durch die vielen Tore und Türen, die wir alle hinter uns versperrten, in den Kontrollraum, ein mit Teppichen ausstaffiertes Cockpit, das eine riesige Konsole mit Hunderten von Lichtern, Knöpfen, Schaltern und Schiebereglern beherbergte. Vor uns war ein großes dunkles Fenster und darüber befanden sich gigantische, schräg in Richtung unserer Köpfe montierte Lautsprecher, aus denen der Sound donnerte.
Keith, der an der Konsole saß, trug eine Lederjacke mit Fransen, wie sie damals gerade in Mode waren. Es war die am schlimmsten aussehende Lederjacke, die mir jemals untergekommen war, das Leder ein ausgebleichtes Gelb, brüchig und trocken, das Futter ausgerissen. Sein Zahnanhänger pendelte am Ohr, in der Linken hielt er einen großen gelben Joint und seine Rechte ruhte auf dem roten Knopf, der die klangliche Intensität seiner Gitarre bei der Aufnahme verstärkte. Es gab acht Tonspuren auf dem breiten Band, das durch die Maschine lief, und ein Tontechniker behielt sieben davon im Auge, während Keith sich um seine eigene Spur kümmerte. Jagger stand in engen blauen Hosen und einem weit ausgeschnittenen, blauen Pullover hinter ihnen, die linke Hand auf der Hüfte, den rechten Ellbogen eng angelegt, die rechte Handfläche nach oben zeigend. In der Hand hielt er einen Joint von der durchschnittlichen Größe des Pimmels eines schwarzen Basketballers, den er nicht wie Joan Crawford oder gar Bette Davis rauchte, sondern wie Thea Bara – mit geschlossenen Augen, gespitzten Lippen, dann mit leicht offenem Mund, während der Rauch sich zwischen seinen dicken, offenen Lippen kräuselte und er sanft saugend inhalierte.
Keith grinste und zeigte dabei seine kaputten Zähne, während sich tiefe Falten um seine Augen legten als sein Gitarren-Lick kam und er den Knopf drehte und es aufschreien ließ. Dabei verstärkte er jedesmal den Schmerz ein bisschen, so wie Betrunkene in den Bars der Jahrhundertwende, die für fünf Cents pro Stromschlag am Knopf einer Elektroschockmaschine drehten. Keith tat das allerdings nur, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen; er erzeugte ein bisschen Hochspannung, um das Bewusstsein auf das zu lenken, was gesagt wurde: „Did you hear about the Midnight Rambler?“ Jaggers Harmonika und Keiths Gitarre – wimmernd und sich windend, einander im Sturzflug umkreisend, völlig auf der Kippe: „Says everybody’s got to go.“
Wir hatten all die Türen und Tore zum Studio abgeschlossen, waren aber nicht wegen dem Dope im Studio eingesperrt, sondern weil die Stones keine Arbeitsgenehmigung hatten und amerikanische Studios eigentlich nicht benützen durften. Sie machten es illegal und hatten großen Spaß daran. Nach der Hälfte des Songs – „the one you never seen before“ – kamen zwei Männer in den Kontrollraum. Der eine trug einen Seidenanzug, der blau und grün schillerte wie Autolack, hatte eine Zigarre im trägen Maul und glänzendes schwarzes Haar; das war Pete Bennett, der sagte: „Ich bin der beste Typ, den du auf der Welt haben kannst, um deine Platte für dich zu pushen.“ Der zweite Mann war, in Hush Puppies und einem gelben T-Shirt, der legendäre Allan Klein. Obwohl erst in seinen Dreißigern, sah er alt und grau und ein wenig wie Jack Ruby mit Krebs aus, und mir wurde klar, dass er meine Pläne für ein Buch nur deshalb nicht wie einen Käfer unter seinen Hush Puppies zerquetscht hatte, weil er bis jetzt noch nicht dazu gekommen war. Ich hatte Angst, dass er mich bemerken und auf mich treten würde und glitt schnell um die Konsole herum, um mich auf der Couch niederzulassen und mein Gesicht in einem Magazin zu vergraben. Ich las ein Interview mit Phil Spector, der mit einundzwanzig als erster Teenager-Millionär des Rock ’n’ Roll berühmt wurde. In diesem Interview machte Spector fast jeden im Musikbusiness einschließlich der Mafia lächerlich, sagte über Allen Klein aber nur: „Ich glaube nicht, dass er ein sehr guter Kerl ist.“ Ich kauerte mich tiefer in das Kunstleder. Der Song steigerte sich zu einem irren Höhepunkt, einer auf Wellen von Harmonika und Gitarre reitenden Botschaft der Angst – schneller und schneller, atemlos, rasend. Und ich fragte mich, was zum Teufel ich mit diesen verrückten englischen Käuzen hier tat und was sie eigentlich taten, dass sie dafür Allen Klein brauchten, der immerhin selbst Phil Spector Respekt einflößte. Sogar Spector – ein Mann mit so vielen Leibwächtern und Zäunen und so viel kugelsicherem Glas, dass er sich über die Stones lustig machte, weil sie verhaftet wurden – schien vor diesem untersetzten, missmutig dreinschauenden Buchhalter in seinem ausgebuchteten gelben T-Shirt Angst zu haben. Was mir aber den größten Schrecken einjagte, war das Wissen, dass ich, was auch immer sie vorhatten, davon erfahren musste. Ob Klein mir mein Buch oder mein Geld nehmen oder ob er mich umbringen lassen würde – ich musste versuchen, in der Nähe zu bleiben, um die Geschehnisse zu verfolgen. Ich musste das für Christopher tun, aber auch, weil ich Brian gemocht hatte und ihn gerne besser gekannt hätte. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass irgend etwas passieren würde, das ich nicht versäumen durfte. Der Song klang in einem Dialog aus peinigenden kleinen Vogelschreien zwischen Harmonika und Gitarre aus; Mick und Keith loteten die Poesie der letzten atemlosen Momente des Ritts der Messerklinge aus und Mick krächzte mit einer Stimme wie jemand, der versichern will, er sei nicht der Würger von Boston.
Da saß ich nun im verrückten Los Angeles der Endsechziger auf dieser Naugahyde-Couch und aus den Lautsprechern dröhnten derart arge Sounds, derart niederträchtige menschliche Seufzer und Schreie, wie sie noch nie auf einer Platte so bedrohlich geklungen hatten. Sie waren nicht neu, sondern fast so alt wie die Zeit. Ich hatte dergleichen Klänge schon als kleiner Junge auf dem Land in Süd-Georgia gehört: Wenn ich im Bett lag, lauschte ich den Tieren, die weit entfernt im Wald schrien. Ich hörte die Klänge, die die schwarzen Waldarbeiter produzierten, wenn sie das abhielten, was sie einen Gottesdienst nannten, weit entfernt in den Wäldern, die ganze Nacht Trommeln wie der Herzschlag der dunklen sumpfigen Wälder, boom-dada boom-dada. Und ich hatte jene Geräusche gehört, die ich nicht identifizieren konnte – die wirklich angsteinflößenden. Ich war nicht mehr so verängstigt gewesen, seit ich als Junge dünn und weiß und zerbrechlich im dunklen Bett gelegen hatte, ein Geräusch in der Nacht ausmachte, es verlor, wieder darauf wartete, ein sanft seufzendes Geräusch, das weit entfernt brüllendes Vieh hätte sein oder vom Wind hätte herrühren können, der durch die Spitzen der langmadeligen Kiefern strich. Aber im Grunde klang das immer wie ein menschliches Atmen direkt hinter dem rostigen Fliegengitter meines Schlafzimmerfensters, wie das leise Ausatmen eines Mannes, der ganz ruhig dastand, nur beobachtete, wartete. Ich liebte die Wälder, aber jahrelang lag ich nächtens wach und fürchtete mich vor diesem Geräusch. Als ich alt genug für ein Gewehr war, hörte ich manchmal dieses Geräusch, den Wind, den entfernten Tierschrei, das vorsichtige Atmen im Dunkeln, und ich lag so lange still, wie ich es aushielt, nahm dann mein Gewehr und schlich aus dem finsteren Haus, weckte niemanden auf und schaute draußen nach, tief geduckt, durch den offenen Mund atmend, um das schreckliche, verräterische Geräusch nicht selbst zu erzeugen. Es war genau dieses gleiche Gefühl, das ich jetzt hatte, als diese Sounds, diese furchtbaren Klagelaute der Gitarre und der Mundharmonika sich hochschraubten und vermischten. Das Gefühl rührte zum Teil von der Musik her und zum Teil von der Anwesenheit des Mannes hinter meinem Rücken – nämlich Klein, den sie in den Sümpfen einen Vollblut-Juden nennen würden, ein Mann von großer und für mich fast unberechenbarer Macht, ein Mann, der mich nicht kannte und dem ich völlig egal war. Ich wusste bis jetzt nicht, wie gut oder wie böse die Stones waren, aber vor Klein hatte ich schlicht und einfach Angst. Denn sogar obwohl ich einen Brief der Stones hatte, ein magisches Stück Papier, war da noch immer die Tour, dieser Spießrutenlauf, den ich absolvieren musste, und ich ahnte, dass ein Mann wie Klein mich stoppen konnte, wann immer er sich die Mühe machen wollte. Aber als ich zwölf war und fast zu Tode erschreckt in der Dunkelheit draußen vor dem Haus meines Großvaters stand, war ich noch immer ruhig und bereit, um zu tun, was zu tun war. Wäre da plötzlich einer der Männer vor mir aufgetaucht, mit denen mein Großvater arbeitete und die ich so sehr liebte, deren Stimmen und Aussehen, deren gelbe Augäpfel und sanft gewölbte, schwarze Muskeln, wäre er von giftigem Whiskey in ein wahnsinniges, todbringendes Tier verwandelt – ich hätte in all meiner schrecklichen Angst ruhig und gefasst genug bleiben können, um ihn zu erschießen. Ich blieb also auch im Studio in all meiner schrecklichen Angst ruhig und gefasst, fühlte die Verrücktheit der Stones, des wahnsinnigen Keith, und wusste, dass das, was die Stones machten, für einen von ihnen bereits tödlich ausgegangen war.
Sandison kam mit einem Mädchen herein – ich hatte nicht bemerkt, dass er weggegangen war. Sie setzten sich neben mich auf die Couch. Sie trug Bluejeans und hatte ein Notizbuch bei sich. Die Musik war so laut, dass es ausgeschlossen war, sich vorzustellen. Ich sprach ihr ins Ohr: „Du musst vom ‚Saturday Review‘ sein.“




