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„Ja“, schrie sie zurück. Ich las von ihren Lippen: „Wer bist du?“
Das gab mir Gelegenheit, etwas anderes zu tun, als mich zu fürchten. „Der Okefenokee Kid“, sagte ich.
Sie blickte mich an, als wäre ich verrückt, und immerhin hatte ich gerade darüber nachgedacht, es zu werden. Dann fragte sie Sandison, wer ich sei, und er antwortete ihr wie aus der Pistole geschossen, sprach dabei meinen Namen so laut aus, dass ich ihn trotz der Musik verstand. Wenn ich ihn hörte, konnte Klein ihn dann auch hören? Wenn er ihn hörte, würde er ihn erkennen? Wenn ich mehr über Klein gewusst hätte, wären meine Sorgen noch größer gewesen. Aber er hatte nichts gehört; als ich mich umblickte, ging er gerade mit Mick hinaus. Sie begaben sich ins Studio und ließen die Tür offen; aus der Vorhalle fiel Licht in den Raum mit der hohen Decke und beleuchtete Mick auf der Klavierbank schwach, während Klein verkehrt herum auf einem Klappsessel saß. Mit einer Handbewegung tat Mick etwas ab, das Klein gesagt hatte. So mächtig Klein auch war – dieser dürre, geckenhafte Engländer konnte ihn sich vom Leibe halten, konnte ihm die Tour verweigern und damit auch noch durchkommen. Es genügte fast, um mir Angst vor Mick einzujagen, vor den Stones.
Als sie zu reden aufhörten, ging Klein weg und mit ihm Pete Bennett, und Jagger kam in den Kontrollraum zurück. Die Bänder standen im Moment gerade still und Sandison stellte Mick die Reporterin vom „Saturday Review“ vor. Sie sah schläfrig aus, von Micks Anwesenheit hypnotisiert wie ein Hühnchen von der Schlange. Dann fiel ihr etwas ein. „Oh!“ – sie hob ihren Beutel aus Teppichstoff auf und entnahm ihm ein Büschel von Marihuana-Spitzen. „Ich habe dir ein paar Blumen mitgebracht.“
„Oh, dankeschön“, sagte Mick, nahm die Sprosse und warf sie auf die Couch. „Das ist sehr nett.“
Sandison sprach mit Mick. Der lachte ohne erkennbaren Grund kurz und schallend auf und deutete im Zeitlupentempo einen Schlag gegen die linke Titte des Mädchens an. Schwerfällig gelang es ihr zu reagieren; als seine Hand knapp ihre Brust verfehlte, retournierte sie den Schlag auf die gleiche Art und Weise. Aber das Ziel blieb ungewiss, da sie ihm ja nicht gut in die Eier hauen konnte und es andererseits witzlos war, ihm auf die flache Brust zu schlagen. Außerdem ging ihr anscheinend mitten in dieser Aktion deren tatsächliche Bedeutung auf – sie revanchierte sich für einen spielerischen Schlag, den Mick Jagger gegen eine ihrer Titten geführt hatte. Damit war ihre Titte berühmter geworden, als sie es jemals erwartet hatte – und das war nicht etwa bescheuert von ihr, denn er war wirklich ein Star, die Kraft seiner Autorität war im Raum spürbar. Da hielt ihre Hand mitten in der Luft inne, öffnete sich und flatterte wie ein angeschossener Vogel an ihre Seite zurück.
Mick ließ sie in einem Sessel neben dem Mischpult Platz nehmen und forderte sie auf, ihm Fragen zu stellen. Sie begann niedliche „Saturday-Review“-Fragen an ihn zu richten und er gab freundliche, kurze Antworten. Al Steckler kam mit den Bildern für die Konzertprogrammhefte, zeigte sie Mick und fragte: „Was ist mit Text?“
„Ich weiß nicht“, sagte Mick, „Keith, wie wär’s mit einem Text?“
„Yeah“, sagte Keith, „etwas Kurzes – vielleicht kriegen wir Sam dazu, etwas zu machen.“
„Hey“, sagte Mick, während er mich anschaute. „Du bist doch ein Schriftsteller.“
„Was … was … in Ordnung, was wollt ihr?“
„Etwas für das Programm“, sagte Mick. „Nicht sehr lang. Etwas Unbeschwertes.“
„Wie lang, Al?“
„Hundertachtzig Wörter.“
„Was? Wie kommst du darauf?“
Al zuckte die Schultern. „Das ist lang genug.“
„Du weißt schon“, sagte Mick. „Etwas Unbeschwertes.“
„Ich brauche es sobald wie möglich“, sagte Al.
Ich dachte mir, es wäre wahrscheinlich am besten, gleich heimzugehen und mit dem Schreiben anzufangen. Da Sandison sowieso gerade gehen wollte, schloss ich mich ihm an. Beim Studio waren keine Autos, aber wir rechneten damit, auf dem Sunset ein Taxi zu kriegen. Sobald wir draußen und die Türen hinter uns verschlossen waren, gab es natürlich – das war Los Angeles – keine Taxis. Wir gingen zu Fuß los und dachten an jedem Häuserblock, jetzt müssten wir ein Taxi finden. Zwei Taxen fuhren vorbei, sie hatten gerade eine Fuhre. Dann kam gar keins mehr, aber das machte mir nichts aus, denn es war ein Vergnügen, auf dem Sunset dem Sonnenuntergang entgegenzuspazieren. Es gab da alle möglichen Hinweisschilder, eine Maschine, die fünfzig Cents nahm und dir einen Stadtplan mit den Häusern der Hollywood-Stars in die heiße Hand drückte und nur einen Schritt weiter eine weitere Maschine, die die „L. A. Times“ verkaufte, deren Schlagzeile lautete: „I WANT HELP, SAYS ZODIAC KILLER“. Wir gingen an Ralph’s Pioneer House vorbei, dem Vienna Hofbrau, an „Father Payton’s Kreuzzug für das Familiengebet“ und an einem Mann, der im Gehen die Zeitung las (I want help!). Auf seinem Rücken trug er eine batteriebetriebene Maschine mit einer Gesichtsmaske, die er sich über Mund und Nase gestülpt hatte und die es ihm erlaubte, gereinigte Luft zu atmen. Auf der anderen Straßenseite war das „Apocalypse“, ein auf pornographische Bücher und Utensilien spezialisiertes Geschäft. Sandison „war noch nie in einem amerikanischen Pornoladen“ gewesen, also ging ich mit ihm hinein. Kamasutra-Öl, vibrierende Plastik-Dildos, aufblasbare Vaginen, Poster von Männern, Jungen, Frauen, Mädchen und verschiedenen Tieren, einzeln und in diversen Kombinationen. Die Bücher waren genauso vielfältig: Hot Snatch, Pedophilia, The Story of O, alle Arten von Porno für alle Geschmäcker. Als wir das Geschäft verließen, waren die Bücher in meinem Bewusstsein zu einem einzigen, riesigen Band verschmolzen mit dem Titel Die Rückkehr des Sohnes des Fluches der Rache der Riesenvaginen.
Die Nacht brach herein, Lichter flammten auf, Autos umschwirrten uns und die Abgase füllten unsere Lungen. Wir fanden im tödlich romantischen Nebel ein Taxi und schafften es zurück nach Oriole.
Während ich im Haus umherwanderte und versuchte, high genug zu werden, um 180 Wörter zu schreiben, packte mich Steckler am Bizeps, strahlte mich mit seinen babyblauen Augen an und sagte: „Bitte.“ Ich erklärte ihm, er solle mich gefälligst in Ruhe lassen, wenn er seinen verdammten Text haben wolle. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und versuchte zu schreiben. Vor ein paar Minuten war ich mit Sandison und seiner Freundin Sharon von United Press International im Büro gewesen und sie hatte mir erzählt, dass Kerouacs Totenwache seit zwei Uhr nachmittags im Gange war. Er würde morgen begraben werden. Sandison hatte Passagen aus dem Porno vorgelesen, den er gekauft hatte, und als ich jetzt auf der Wizard-of-Oz-Bettdecke saß, fielen mir nur Phrasen ein wie „Keiths stolze Brustwarzen versteiften sich“. Ich hatte eine Idee im Hinterkopf, bestimmte Wörter blitzten immer wieder auf: Stones, Apocalypse, I want help, aber das war alles zu heavy, gar nicht unbeschwert. Schließlich sagte ich Steckler, dass es über die Stones mit 180 Wörtern nichts Neues zu sagen gäbe.
„Ist schon gut“, meinte er. „Ich war nie der Meinung, dass es irgendwelche Wörter braucht.“
8
Buddy Bolden entwickelt sich derzeit zu einer epochalen Persönlichkeit; seine Bedeutung für die Geschichte des Jazz scheint überwältigend zu sein und um seine Person ranken sich Legenden: Er war ein ganz schöner Halunke und ein ziemlicher Schweinehund, er bezahlte nie seine Musiker, hatte Spaß daran, sein Publikum mit obszönen Couplets zu erfreuen oder zu schockieren, und sein Talent als Instrumentalist hat ihm den Ehrennamen „King“ Bolden eingebracht. Er pflegte sich neben dem offenen Fenster zu postieren und wie ein Verrückter in sein Horn zu blasen; man konnte ihn meilenweit über den Fluss hinweg hören und alle in Reichweite wurden von diesem Trompetenruf wie von einem Magneten angezogen und scharten sich um den großartigen Kornettisten. Wir sind Zeugen der Geburt eines modernen Epikers.
Robert Goffin: „Jazz“
„weil das mädchen abgehauen und Brian sehr verärgert ist und weil er aus seiner Bude geschmissen wird, nimmt Mick es auf sich, für Brian eine nette Wohnung zu suchen, wo er leben kann“, sagte Keith. „Mick gelingt es, in Beckenham, auf halbem Weg zwischen London und Dartford, eine Bude für ihn zu organisieren. Eine merkwürdige kleine Wohnung in einer Vorstadtstraße mit lauter Häusern. Brian hatte ein großes Zimmer, das an eines dieser Häuschen angebaut war. Es war ganz gemütlich – bis er eines Tages ein paar Mädchen einlädt, die für ihn kochen sollen, wobei sie die halbe Bude niederbrennen. Er muss aber trotzdem dort wohnen bleiben, obwohl er jetzt ein Loch in der Decke hat, das er mit einem Stück Leinwand vor dem Vermieter zu verstecken versucht. Als ich von daheim abhaute, zog ich los, um mit Brian zusammen zu wohnen. Wir lungerten herum, hörten Musik, spielten den ganzen Tag und lasen ‚Billboard‘, nur um zu sehen, was los war und um mit irgendeiner Realität in Berührung zu bleiben. Wir lasen immer jede Seite, sogar die mit den Jukebox-Einnahmen, wir wussten alles darüber, was in den Charts vorging, absolut alles.“
Und Stu erzählt: „Wir probten noch immer. Wir hatten noch keinen Namen. Damals war es angesagt, einen eigenen Club zu eröffnen. Man fand einen Raum, der als guter Standort geeignet schien – und schon hatte man einen Club. Korner hatte oben in London einen sehr erfolgreichen Club eröffnet – den ‚Marquee Club‘, der immer am Donnerstagabend öffnete – und er füllte den Schuppen immer. An den Donnerstagabenden brachte die BBC Live-Sendungen mit Jazz. Sie fragten Alexis: ‚Willst du das machen?‘ Das bedeutete, dass er in die BBC-Studios gehen musste. Also fragte er uns: ‚Wollt ihr einen Abend für mich einspringen?‘ Wir sagten, klar doch – mussten uns aber erst einmal schnell einen Namen ausdenken, und so kamen wir aus reinster Verzweiflung auf Rolling Stones. Das Marquee war unser erster Job. Als wir anfingen, spielte sonst niemand in England diese Art von Musik. Absolut niemand. Mick und Keith und Brian waren so ziemlich die einzigen im Land, die diese Musik kannten und zu spielen versuchten. Alle anderen waren Jazzmusiker, die versuchten, den Blues zu spielen, den sie nicht wirklich kapiert hatten. Und nachdem sie die Stones erst einmal im ‚Marquee‘ gesehen hatten, waren alle wichtigen Leute der Szene damals hundertprozentig gegen uns und es war ein einziger verdammter Kampf, um überhaupt irgendwie weiterzukommen. Sie meinten, R&B habe was mit Jazz zu tun und dazu gehörten drei Saxophone. Sie sagten, wie bitte, zwei Gitarren und ein Bassist? Das ist Rock ’n’ Roll, davon wollen wir nichts wissen, das werden wir schon runtermachen können.“
Und Stu fährt fort: „Wir versuchten es dann jeweils am Dienstagabend in Ealing, und zwei Wochen lang kam keine Menschenseele vorbei, kein einziger kam nach Ealing, um die Rolling Stones zu sehen. Wir versuchten es am Dienstagabend im ‚Flamingo‘ und das lief um nichts besser. Das hielt sich nur zwei oder drei Wochen Ich werde das erste Mal im ‚Flamingo‘ nie vergessen. Wir spielten an einem Sonntagnachmittag vor, und das ‚Flamingo‘ war ein ziemlich smarter Schuppen. Es war der angesagte Club in der Stadt für modernen Jazz und alle gingen in ihren tollen Anzügen und mit weißen Hemden hin. Ich werde nie vergessen, wie ich zu Keith sagte: ‚Du gehst doch nicht etwa so, wie du aussiehst, ins Flamingo, oder?‘ Er antwortete: ‚Na was denn, Stu, ich hab’ eben nur ein Paar verdammter Jeans.‘“
„Der Winter 1962 war hart“, erinnerte sich Keith. „Es ging so weit, dass man seine Hosen mit Klebeband reparierte, einfach Scotch-Tape über die Risse. Wir machten die seltsamste Periode durch, waren völlig abgebrannt – und da schneit dieser Kerl herein, dieser eigenartige kleine Typ, der in Brians Nachbarstadt lebte und mit ihm zur Schule gegangen war. Er war ungefähr eins sechzig klein und sehr fett, und er trug dicke Augengläser. Er war Mitglied der Territorial Army, einer Art Bürgerwehr. Die leben alle eine Weile in Zelten, werden dabei patschnass und verkühlen sich und lernen, mit einem Gewehr umzugehen – und zum Schluss kriegen sie acht Pfund bar auf die Hand. Dieser Typ tanzt also in London an, frisch von den Hügeln, aus seinem Zelt. Er will mit Brian eine tolle Zeit erleben, und Brian nimmt ihn total aus. Es gab nichts, was der Mann für Brian nicht getan hätte. Brian sagte zum Beispiel: ‚Gib mir deinen Mantel.‘ Es ist eiskalt, der ärgste Winter, aber er gibt Brian seinen Militär-Überzieher. ‚Gib Keith den Pullover.‘ Also ziehe ich seinen Pullover an. ,Jetzt gehst du zwanzig Meter hinter uns.‘ Und weg sind wir, auf dem Weg zum nächsten Hamburger-Lokal. ‚Ah, bleib besser draußen. Nein, du kannst nicht reinkommen. Gib uns zwei Pfund.‘ Der Kerl bleibt tatsächlich in der Eiseskälte vor der Hamburger-Bude stehen und gibt Brian das Geld für unsere Hamburger. Brian brachte ihn dann dazu, eine neue Gitarre zu kaufen, eine fabrikneue elektrische Harmony. Er zahlte für alles und nach zwei Wochen hatten wir sein ganzes Geld ausgegeben und sagten ‚Tschüß, Mann!‘ Wir setzen ihn in den Zug und schicken ihn nach Hause. Er war unglaublich gekränkt, aber trotz allem hatten wir ihn in alle Clubs mitgenommen. Und obwohl es ihm sicher sehr leid tat, dass wir ihn ausplünderten, kam er später trotzdem wieder nach London, sogar mit noch mehr Geld, und wir nahmen ihn wieder aus. Wir haben ihm schrecklich sadistische Dinge angetan, Brian und ich haben dem Kerl wirklich böse mitgespielt. Es endete damit, dass wir ihn auszogen und versuchten, ihn unter Strom zu setzen. Das war der Abend, an dem er verschwand. Draußen schneite es. Wir kamen zurück in die Bude und er lag in Brians Bett. Brian regte sich aus irgendeinem Grund fürchterlich darüber auf, dass er in seinem Bett schlief. Wir hatten viele Kabel herumliegen und Brian griff sich eins: ‚Das ist angeschlossen, Baby, und jetzt bist du dran.‘ Brian rannte ihm mit dem langen Kabel nach, das an einen Verstärker angeschlossen war, Funken flogen, eine wilde Jagd durchs Zimmer, und er rannte schreiend und nackt die Stiegen hinunter, hinaus auf die Straße, und brüllte: ‚Seht euch vor! Die da oben sind verrückt, die wollen mich mit Strom ums Eck bringen!‘ Irgend jemand brachte ihn eine Stunde später herein, und er war schon blau angelaufen. Am nächsten Tag war der Mann verschwunden. Brian hatte dank seiner Großzügigkeit eine neue Gitarre und ein ganzes Set neuer Mundharmonikas und sein Verstärker war repariert. Das passierte übrigens alles in der Edith Grove, als der Typ zum zweiten Mal aufkreuzte, das war in einer Bude, die Mick gefunden hatte. Ich war zunächst nicht dabei, weil ich kein Geld hatte und mir die Miete nicht leisten konnte. Brian konnte es sich leisten, weil er arbeitete; Mick konnte es sich leisten, weil er ein Stipendium der Universität hatte. Es waren also Brian, Mick und zwei Typen von der LSE (London School Of Economics) dort, der eine Norweger, der andere kam aus den Midlands. Sie waren die bürgerlichsten Leute, die man je im Leben gesehen hat. Darunter wohnten drei alte Nutten und ganz oben angehende Lehrer. Es war ein dreistöckiges Haus, im zweiten Stock Mick und Brian und diese beiden Typen, und sofort komme ich mit der unsterblichen Phrase daher: ‚Kann ich in eurer Bude absteigen?‘ Nur um nicht heimgehen zu müssen. Im Grunde verlasse ich also mein Zuhause. Weil ich jetzt aber die ganze Zeit über in der Wohnung bin, fangen die Typen dauernd Streit an, wollen die Miete nicht zahlen und Brian rausschmeißen, weil er mich dort mitwohnen lässt. Das bringt uns immer ziemlich runter, wenn sie heimkommen und sich in die Ecke setzen und sehr daneben aussehen, weil in der anderen Ecke drei oder vier Musiker versuchen, ihr Ding zum Laufen zu kriegen, während sie studieren wollen.“
Keith weiter: „Wir waren damals völlig blank, Brian hatte viele Jobs, die er immer wieder sehr schnell los war. Er wurde beim Stehlen erwischt, aber sie ließen ihn zum Glück laufen. Brian war immer sehr gut darin, sich rauszuwinden, wenn er in der Patsche saß. Er beschwatzte den Geschäftsführer, bis der sagte: ‚Yeah, wir verstehen, deine Frau hat dich verlassen.‘ Das hat er immer behauptet, oder dass seine Großmutter gestorben sei und was ihm sonst noch einfiel. Brian hielt uns damals alle zusammen. Mick ging noch immer zur Schule. Ich suchte halbherzig einen Job. Eines morgens ging ich deshalb weg, und als ich am Abend zurückkam, spielte Brian Mundharmonika. Er stand oben auf der Treppe und sagte: ‚Hör dir das an: Wuuuhwuuuh!‘ Er spielte diese bluesigen Töne. ‚Ich hab’ gelernt, wie man es macht. Ich hab’s herausgefunden.‘ In nur einem Tag. Wir probten zwei oder dreimal die Woche, hatten keine Auftritte, weil wir uns nicht trauten. Dick Taylor spielte noch immer mit uns, jetzt am Bass. Wir suchten nach einem Schlagzeuger. Charlie trat mit Alexis Korner auf. Wir konnten ihn uns nicht leisten. Wir nahmen einen Schlagzeuger namens Tony Chapman auf. Ein schrecklicher Drummer, immer im Gegentakt. Dann beschloss Dick Taylor, an eine andere Kunstschule in London überzuwechseln. Stu ließ sich aus was für einem Grund auch immer mit uns mittreiben. Brian verdiente gerade mal genug, um uns vor dem Hinauswurf aus der Wohnung zu bewahren, und es war Winter, der schlimmste Winter seit Menschengedenken. Brian und ich saßen am Gasofen und fragten uns, wo wir den nächsten Shilling herbekommen sollten, um das Feuer in Gang zu halten. Wir sammelten Bierflaschen und holten uns das Pfand in den Pubs, drei Shilling pro Flasche. Wenn wir wussten, dass irgendwo eine Party stieg, gingen wir in die Wohnung und sagten: ‚Hallo, wie nett, wir werden aufräumen helfen.‘ Wir stahlen die leeren Flaschen und was wir an Essbarem in der Küche fanden und machten uns aus dem Staub. Das wurde alles immer mehr daneben: Wir waren so fertig, dass wir sogar vor Taschendiebstahl nicht zurückschreckten, und das war dann eigentlich auch der Grund dafür, dass die beiden LSE-Typen ausgezogen sind. Sie machten sich davon und wir kriegten einen anderen Typ als deren Nachmieter, der eine kurze Erwähnung wert ist, weil er genauso fürchterlich abstoßend war wie Brian und ich damals und auch, weil er sich Phelge nannte. Das war nur ein Spitzname, aber er bestand darauf, Phelge genannt zu werden.“
Der Name Nanker Phelge tauchte auf den ersten Platten der Stones als Autor der Eigenkompositionen auf – er war eine Kreation von Brian, wie sich Keith erinnert. „Dieser Typ, der sich Phelge nannte, durchlebte damals gerade eine unglaubliche Phase, durch die aber jeder von uns irgendwie durchging. Mick beispielsweise hatte seine erste vulgäre Periode: Er lief in einem Hausmantel aus blauem Leinen herum und fuchtelte mit den Händen herum. Ungefähr sechs Monate lang spielte er richtiggehend eine Tunte von der King’s Road und Brian und ich haben ihn total verarscht. Mick fuhr auf diesen Spleen ab, während sich Phelge darin gefiel, die abstoßendste Person überhaupt darzustellen, die jemals existiert hat. Im wahrsten Sinn des Wortes. Du kamst in die Bude – und da stand er oben auf dem Treppenabsatz, völlig nackt bis auf seine total verdreckte Unterhose, die er allerdings auf dem Kopf trug, und er bespuckte dich. Das war nichts, worüber man sich hätte ärgern müssen, man brach einfach vor Lachen zusammen. Voller Spucke brach man lachend zusammen. Und die Behausung verkam total. Ungefähr sechs Monate lang benützten wir die Küche, um darin zu proben, weil es kalt war, und so wurde sie langsam völlig verdreckt und begann zu stinken. Deshalb verbarrikadierten wir die Türen, schlossen sie ab, die Küche war fortan tabu. Ich nahm damals gern Bänder auf, hatte ein Tonbandgerät und jede Menge Spulen im Schlafzimmer. Das war interessant, denn ich hatte ein Mikrophon im Spülkasten des Klos installiert und ans Tonbandgerät angeschlossen. Deshalb hatte ich jede Menge Bänder von Leuten, die aufs Klo gingen. Wenn man das Spülgeräusch eines WCs mit einer billigen Tonbandmaschine aufnimmt, dann klingt das wie Applaus. Brian und ich dachten uns deshalb eine verrückte Show aus: Jedesmal wenn jemand aufs Klo ging, schaltete ich das Gerät ein, ging dann zur Klotür und klopfte. Und dann sagte der Insasse: ‚Besetzt, wart’ eine Minute.‘ Und ich verwickelte ihn durch die Tür hindurch in eine Konversation, auf die am Ende der Applaus folgte. Mit solchen Sachen haben wir uns damals beschäftigt. Richtig häuslich.“
Man versuchte ohne echte Hoffnung, mit der Band durchzustarten. Die Beatles brachten gerade ihre erste Platte heraus; die Beatlemania flammte auf. „Und wir waren echt niedergeschlagen“, erzählt Keith. „Wir durften zusehen, wie immer mehr Bands einen Plattenvertrag bekamen. Auch Alexis Korner bekam einen, worauf er den ‚Marquee Club‘ abgab – und wer springt für ihn ein? Genau, die Rolling Stones. Für immerhin gerade genug Geld, um zu überleben. Wir brauchen jetzt aber wirklich einen Bassisten. Ich weiß nicht mehr genau, was mit Dick Taylor passiert ist. Ich glaube, wir haben ihn rausgeworfen, denn wir waren damals sehr rücksichtslos. Keiner konnte ihn hören, weil er eine mistige Anlage und anscheinend auch keine Chance hatte, irgendwas Besseres zu bekommen. Alle anderen hatten sich irgendwie brauchbare große Verstärker organisiert. Es ging darum, wieviel man verdiente und warum man mit einem Typ teilen sollte, den man ohnehin nicht hören konnte. Wir gaben also eine Annonce auf, um einen Bassisten zu suchen. Der Schlagzeuger, den wir hatten, sagte: ‚Ich kenne einen Bassisten, der einen eigenen Verstärker hat, dazu riesige Lautsprecher und einen Vox 130 in Reserve.‘ Der Vox 130 war damals der größte Verstärker auf dem Markt und der beste. Und der Mann hatte so ein Ding in Reserve – fantastisch.“ Also betrat William Perks, der Sohn eines Maurers aus Penge im Südosten von London, die Szene. „Und er war unglaublich. Ein richtiger Londoner ‚Ernie‘ mit Pomade im Haar, einer Hose mit Elf-Inch-Stulpen und riesigen blauen Wildlederschuhen mit Gummisohlen.“
Bill Perks, der sich später Wyman nannte, lernte die Stones im „Weatherby Arms“, einem Pub in der King’s Road in Chelsea, kennen. „Bill kam dorthin“, erzählte Stu, „und sie waren in einer ihrer komischen Stimmungen und gaben sich nicht einmal Mühe, mit ihm zu reden, so dass Bill nicht wusste, was los war. Sie lebten ja zusammen in Edith Grave und, was mich betrifft, ähm, ich hatte wegen der verrückten Sachen, die dort passierten, Schiss hinzugehen. Manchmal hielt ich sie für völlig verrückt. Wenn Leute die ganze Zeit zusammenleben, entwickeln sie ihre eigene Sprache und man kann sich niemals sicher sein, ob man zu ihnen durchdringt oder ob sie wirklich meinen, was sie sagen oder ob sie einen nur die ganze verfluchte Zeit über auslachen. Bill war also kein bisschen beeindruckt.“
Bill, geboren am 24. Oktober 1935 und damit ein paar Jahre älter als die anderen Stones, hatte gemeinsam mit seinen Brüdern und Schwestern (jeweils zwei) eine solide musikalische Ausbildung genossen. Mit vierzehn konnte er Klarinette, Klavier und Orgel spielen. „Er war sehr gut“, sagte sein Vater. „Er stand sogar auf der Liste für den Job als Organist in unserer Kirchengemeinde.“ Mr. Perks sen., der „nur zum Spaß“ in den Pubs der Nachbarschaft Akkordeon spielte, erklärte seinen Kindern, dass sie, „wenn sie ein Instrument erlernten, nie in Geldnöten sein würden“. Aber obwohl Bills Eltern beide arbeiteten, musste er mit sechzehn die Beckenham Grammar School verlassen und einen Job annehmen. Bill wurde einberufen und begann Gitarre zu spielen, während er als Angehöriger der Royal Air Force in Deutschland stationiert war, wo er in der Registratur arbeitete.
Nach seinem Militärdienst fand Bill einen Job in einer Firma für Maschinenbau in Lewisham. Als er die Stones traf, war er schon eineinhalb Jahre verheiratet und hatte einen einjährigen Sohn, Stephen. Bill arbeitete in der Maschinenbaufirma und spielte mit einer Rock ’n’ Roll-Band namens The Cliftons. „Wir hatten einen Schlagzeuger und drei Gitarristen“, erinnerte sich Bill. „Einer spielte Rhythmus, einer Solo, und ich stimmte die obersten beiden Saiten meiner Gitarre um sieben Halbtöne tiefer und spielte Bass im Stil von Chuck Berry. Wir kamen damit so halbwegs durch, aber als wir dann Gruppen mit echten Bässen hörten, wussten wir, dass da was faul war. Wir kauften also einem Kumpel eine Bassgitarre ab, stutzten sie uns zurecht, machten das ganze Metallzeug weg, wodurch sie sehr leicht und einfach zu spielen wurde. Ich verwende sie manchmal noch immer.“ Die Cliftons spielten auf Hochzeiten und bei Tanzveranstaltungen in Jugendclubs und machten „dafür, dass wir nicht so besonders gut waren, gar kein schlechtes Geld“.




